The People v. O. J. Simpson

Eins der größten Fernsehereignisse aller Zeiten dürfte der Mordprozess gegen den ehemaligen Football-Star O. J. Simpson im Jahr 1995 gewesen sein. Insofern verwundert es nicht, dass dieser Prozess, der mit einem, nun ja, angesichts der real existierenden Faktenlage durchaus fragwürdigen Freispruch für den Angeklagten endete,  für eine True-Crime-Serie neu aufbereitet wurde. Diese hat FX Anfang dieses Jahres als American Crime Story: The People v. O.J. Simpson ins Rennen geschickt. Tatsächlich räumte die zehnteilige Mini-Serie in der aktuellen Emmy-Saison insgesamt neun der begehrten Fernseh-Preise ab.

Und das durchaus verdient, schon die Besetzung ist fantastisch – von Cuba Gooding Jr. als The Juice, wie O. J. von Freunden und Fans genannt wird, über Sarah Paulson als Staatsanwältin Marcia Clark (die für diese Rolle einen Emmy als beste Schauspielerin in einer Miniserie gewann) bis hin zu Courtney B. Vance als Johnny Cochran, David Schwimmer als Robert Kardashian und John Travolta, der den schmierigen Promi-Anwalt Robert Shapiro eher karikiert als darstellt – aber man weiß ja nie. Donald Trump war ja auch die Karikatur eines republikanischen Präsidentschaftskandidaten – und konnte trotzdem gewählt werden.

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Aber wenn man sich diese 10 etwa einstündigen Folgen angesehen hat, in denen der Fall vom Zeitpunkt des Verbrechens bis zur Siegesparty akribisch nachgestellt wird, wundert man sich darüber schon viel weniger. Denn hier wird selbst einem an juristischen Spitzfindigkeiten nicht besonders interessierten Fernsehpublikum vorgeführt, wie unwichtig harte, nachprüfbare Fakten für die Produktion von gefühlten Wahrheiten sind, die plötzlich Realität werden, wenn nur genug Menschen davon überzeugt sind.

Wobei The People v. O. J. Simpson nun wirklich kein Beitrag über postfaktische Politik ist, sondern – wie auch die ebenfalls sehr gute Serie The Night Of – eine kritische Analyse des Justizsystems in den USA und zusätzlich noch ein interessantes Lehrstück über den Einfluss der öffentlichen Meinung auf eben diesen Prozess, was beispielsweise zu der absurden Situation führte, dass die Geschworenen einschließlich der zahlreichen Ersatzleute für die Dauer des Verfahrens in einem Hotel interniert wurden, wo sie einem totalen Medienverbot unterlagen – weil sie ja ausschließlich die Fakten, die im Gerichtssaal verhandelt wurden, als Grundlage für ihre Entscheidung heranziehen sollten und nicht die hiermit offiziell als tendenziös eingestufte Berichterstattung in den US-Medien.

In den USA müssen Anklage und Verteidigung mit allen Mitteln um die Gunst der Geschworenen werben, so dass allein schon die Auswahl und Zusammensetzung der zwölf Laienrichter, die am Ende ein einstimmiges Urteil fällen müssen, über den Ausgang des Verfahrens entscheiden kann. Dieser Umstand wurde in Fall O. J. Simpson von den beteiligten Juristen dermaßen ausgiebig strapaziert, dass der vorsitzende Richter Lance Ito (Kenneth Choi) nach zahlreichen Anträgen beider Seiten, bestimmte Geschworene als befangen zu entlassen, um sie durch andere zu ersetzen, schließlich die Reißleine zog und keine weiteren Wechsel mehr zuließ. Was für die Geschworenen wiederum hieß, dass sie nun bis zum Ende des Verfahrens quasi Gefangene waren.

Dazu kommt, dass ein begüterter Promi sich natürlich die besten Anwälte leisten kann, die wiederum jede Menge Experten anheuern können, die in der Lage sind, scheinbar todsichere Beweise infrage zu stellen, vermeintlich zuverlässige Zeugen zu diskreditieren oder alternative Theorien aufstellen, die beim genauen Hinsehen völlig irrelevant sind, aber erstmal sehr beeindruckend klingen – ein guter Strafverteidiger muss schließlich nicht die Unschuld seines Mandanten beweisen, was in vielen Fällen schon allein deshalb schwierig sein dürfte, weil sehr oft Menschen angeklagt werden, die tatsächlich etwa verbrochen haben, sondern er muss Zweifel an der Schuld seines Mandanten wecken. Das hat auch in diesem Fall gereicht.

Dabei war die Ausgangslage auf den ersten Blick recht eindeutig: Im Juni 1994 wurden die Ex-Frau von Simpson, Nicole Brown und Ronald Goldman vor Browns Haus im schicken Brentwood brutal ermordet. Ronald Goldman war vermutlich ein Zufallsopfer, er hatte an dem Abend eine Brille abgeben wollen, die Nicole Browns Mutter in jenem Restaurant vergessen hatte, in dem Goldman arbeitete. Nachdem Passanten den blutbeschmierten Hund von Brown bemerkt und daraufhin die Leichen entdeckt und die Polizei alarmiert hatten, begannen die Ermittler den Tatort zu sichern und erste Beweise sicherzustellen. Wie sich später herausstellen sollte, gingen sie dabei nicht besonders akribisch vor.

Einige Zeit später fuhren die Beamten zu Simpsons Haus, das nicht sehr weit entfernt im gleichen Stadtteil gelegen war. Den zu diesem Zeitpunkt noch nicht verdächtigen Simpson trafen sie allerdings nicht an, weil der gerade in einem Flugzeug nach Chicago saß – er hatte sein Haus gegen 23:15 Uhr verlassen, um den Flug noch zu erwischen. Dafür entdeckten sie weitere Beweismittel, unter anderem Blutspuren in Simpsons Ford Bronco.

Weil es außerdem eine Vorgeschichte häuslicher Gewalt gab – während mehrjährigen Ehe hatte Nicole Brown immer wieder den Notruf der Polizei angerufen, weil ihr Mann sie misshandelte und bedrohte, auf einigen Mitschnitten war Simpson auch zu hören, weil er im Hintergrund brüllte. Es gab also eine Akte, in der zumindest ein Teil der Misshandlungen erfasst waren. Auch deshalb rückte Simpson schnell in den Fokus der Ermittlungen. Und die ergaben, dass Simpsons Alibi keineswegs wasserdicht war, sondern er durchaus die Gelegenheit gehabt hätte, die Morde zu begehen und sich dann schnell auf den Weg nach Chicago zu machen – einige Indizien legten das nahe, und ein Motiv gab es auch, den Klassiker Eifersucht und Rache.

Bei einem Nicht-Promi hätte das vermutlich gereicht, um einen Schuldspruch zu garantieren. Nun war O. J. Simpson aber ein populärer Sportler, ein ehemaliger Footballstar mit einer großen und treuen Fan-Gemeinde, die sich einfach nicht vorstellen konnte, dass ihr Held zu einer solchen Tat fähig sein könnte und ihn vehement verteidigte. Die Verteidigung nutzte das geschickt aus, um die „Rassismus-Karte“ zu spielen, was am Ende zu jener positiven Diskriminierung führte, dank der Simpson in diesem Fall davon kam: „Wir haben hier vermutlich den ersten Fall, in dem ein Angeklagter nicht verurteilt wurde, weil er schwarz war!“ fasste einer der beteiligten Juristen die Situation zusammen.

Nun sollte natürlich weder der soziale Status, noch Geschlecht oder Rasse vor Gericht eine Rolle spielen – tatsächlich ist das anders, und The People v. O.J. Simpson führt das eindrücklich vor. Und auch, dass man aus einem Justizskandal eine spannende Serie machen kann, die zwar nicht unterhaltsam im eigentlichen Sinne, aber absolut sehenswert ist.

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The Call of the Wild

Mittlerweile wurde auch die letzte Folge von The Night Of ausgestrahlt – die es allein noch einmal auf die Spielfilmlänge von gut eineinhalb Stunden bringt. Aber wie ich meine, hat sich das gelohnt: The Call of the Wild war noch einmal Justizdrama vom Feinsten – es gibt keine eindeutigen Antworten, aber es wird noch einmal durchexerziert, worum es bei Strafprozessen eigentlich geht: Was lässt sich objektiv beweisen und was nicht? Denn der Rechtsgrundsatz „Im Zweifel für den Angeklagten“ gilt in Geschworenenprozessen nicht unbedingt, hier wird an das Rechtsempfinden und vor allem das Bauchgefühl von ganz normalen Menschen appelliert – und das muss nicht unbedingt gut und richtig sein.

Die Staatsanwältin Helen Weiss (Jeannie Berlin) hat ziemlich viel, was dafür spricht, dass Naz (Riz Ahmed) der Mörder von Andrea ist. Und sie schafft es am Ende sogar, Naz dazu zu bringen, öffentlich an sich selbst zu zweifeln: War er anfangs noch ziemlich sicher, dass er nicht Andreas Mörder ist, so ist er jetzt nicht mehr so sicher – wir wissen ja, dass er inzwischen ein anderes, härteres Selbst in sich entdeckt hat, ohne das er den Knast nicht überleben würde. Diesen Punkt fand ich schon im britischen Original so interessant wie beklemmend: Ausgerechnet im Knast geraten Jungs, die zuvor vielleicht noch eine Chance auf ein wie auch immer zu definierendes normales Leben gehabt hätten, auf die schiefe Bahn: Jetzt sind sie von lauter Profi-Kriminellen umgeben, die sie für sich ausnutzen, als angenehme Anregung für ihre durchaus vorhandene intellektuelle Seite, was mit herkömmlichen Straßenkriminellen nicht zu machen ist, und als Teil ihres kriminellen Geschäftsmodells, also dem Einschmuggeln und Konsumieren illegaler Rauschmittel. Naz ist inzwischen ein Junkie – und er hat gelernt, wie man in der Wildnis überlebt. Er ist mittlerweile Lichtjahre von seinem alten Leben entfernt, auch wenn seine Familie noch immer allerhand auf sich nimmt, damit er einen fairen Prozess bekommt. Aber seine Eltern wissen nicht mehr, an was sie glauben sollen.

The Night Of: Jack Stone (John Turturro) und Naz (Riz Ahmed) Bild: hbo.com

The Night Of: Jack Stone (John Turturro) und Naz (Riz Ahmed) Bild: hbo.com

Das geht soweit, dass Chandra – die für ihren Mandanten in mehr als einer Hinsicht ihre Karriere riskiert, Naz Mutter daran erinnern muss, dass es einfach nicht gut für ihren Sohn aussieht, wenn sie im Gerichtssaal bei seiner Verhandlung nicht anwesend ist: Wenn die eigene Mutter nicht von seiner Unschuld überzeugt ist, warum sollen die Geschworenen ihn für unschuldig halten? Chandra wird zur tragischen Figur in diesem Prozess – sie hat so viel dafür getan, die Zweifel an Naz Täterschaft zu widerlegen. Aber gerade weil sie ihn so sympathisch findet, dass sie sogar Pillen für ihn ins Gefängnis schmuggelt und es dann irgendwann auch ein verhängnisvolles Video gibt, das zeigt, wie Naz und Chandra sich küssen, bringt sie den Prozess in Gefahr. Und so kann am Ende wieder Jack Stone übernehmen, der abgezockte Könner, der inzwischen wieder von seiner Hautkrankheit gezeichnet ist – die Mittelchen des chinesischen Quacksalbers hatten offenbar nur eine kurzzeitige Wirkung.

The Night Of: Chandra (Amara Karan) Bild: hbo.com

The Night Of: Chandra (Amara Karan) Bild: hbo.com

Doch auch Detective Dennis Box, mittlerweile eigentlich im Ruhestand, hat dieser Fall keine Ruhe gelassen. Als guter Bulle hört auch er auf sein Bauchgefühl und das sagt ihm, dass Naz nicht der Mörder sein kann, auch wenn alles danach aussieht. In akribischer Feinarbeit wertet er Überwachungsvideo aus und siehe da – er findet etwas: Bevor Andrea zu Naz ins Taxi gestiegen ist, hatte sie einen Streit mit einem Unbekannten. Mittels illegal beschaffter Telekommunikations- und Kreditkartendaten finde Box auch raus, wer dieser Unbekannte ist: Ein Finanzberater, der ziemlich viel von Andreas geerbten Geld in den Sand gesetzt hat. Keine Frage, der Typ hätte durchaus ein Motiv.

Box geht damit zu Helen Weiss, aber die winkt ab: Die Beweise gegen Naz sind einfach viel besser als die gegen einen so aus dem Hut gezauberten neuen Verdächtigen. Und davon gibt es ja noch mehr, etwa Andreas Stiefvater, der gern Beziehungen mit älteren Frauen eingeht, um sie zu beerben. Nur Andrea war im Weg – und die ist jetzt tot. Es gibt also durchaus andere Verdächtige und andere Motive – aber gegen niemand gibt es so viele Indizien wie gegen Naz. Und mit ihrer unaufgeregten und unglaublich professionellen letzten Befragung von Naz dekonstruiert Helen Weiss Naz‘ mühsam aufrecht erhaltenes Selbstbild eines netten, harmlosen jungen Mannes, dem einfach nur übel mitgespielt wird: So harmlos ist Naz gar nicht, er ist zuvor schon gewalttätig geworden, er hat schon gelogen, Drogen genommen, und das alles weiß er auch ganz genau: Deshalb gibt er ja zu, dass er kein Unschuldslamm ist. Aber genau das kann ihm jetzt das Genick brechen.

Die Geschworenen sind sich zu seinem Glück nicht einig – nach endloser Beratung bleibt das Ergebnis sechs zu sechs: Die Hälfte ist von seiner Schuld überzeugt, die andere von seiner Unschuld. Beides ist plausibel und deshalb kommt die Jury auch zu keinem anderen Ergebnis. Naz wird von der Mordanklage freigesprochen, weil die Jury sich nicht auf einen eindeutigen Spruch einigen kann. Und auch die Staatsanwältin Weiss, die hier ein letztes Wort sprechen könnte, verzichtet auf einen weiteren Termin, weil ihr inzwischen offenbar selbst Zweifel gekommen sind: Sie will nun lieber, dass sie und Box den vermutlich wahren Täter finden.

The Night Of: Dennis Box (Bill Camp) Bild: hbo.com

The Night Of: Dennis Box (Bill Camp) Bild: hbo.com

Das war alles verdammt knapp – und ob es letztlich gut für Naz ausgegangen ist, wissen wir nicht, denn seine Welt ist nun eine andere. Zwar steht sein Vater weiterhin zu ihm, er ist es auch, der ihm aus dem Gefängnis abholt – aber ob das Verhältnis so bleibt, steht in den Sternen. Denn wir wissen, dass Naz nun ein anderer ist – er hat im Gefängnis Dinge getan, von denen seine Eltern keine Ahnung haben. Und er hat weiterhin ein Drogenproblem – er feiert seinen ersten Abend in Freiheit, in dem er sich an dem Ort, an dem er mit Andrea Ecstasy eingeworfen hat, eine gepflegten Dröhnung mit was auch immer gönnt- da kenne ich mich nicht so aus.

Sicher ist, dass Naz seine Sucht in den Griff kriegen muss, wenn er nicht wieder mit dem Gesetz in Konflikt geraten will. Und einen genialen Zug fand ich auch, dass der neue Verdächtige offenbar bei Jack Stone anruft, damit der ihn verteidigt. Vielleicht war der Fall ja doch ein Karrieresprung für Jack, der bei seinem Schlussplädoyer zu Hochform aufgelaufen ist. Auch wenn man dem echten Mörderarsch einen so guten Anwalt eigentlich nicht gönnt. Also ich jedenfalls nicht. Aber so läuft es halt. Und das ist nicht immer schön, und es halt auch nichts mit unserer naiven Vorstellung von Gerechtigkeit zu tun. Das zu zeigen, ist das Verdienst dieser Serie.

 

The Night Of: Scheiß auf die Wahrheit

Vor einigen Jahren sah ich Criminal Justice, eine ebenso brillante wie verstörende BBC-Miniserie über das britische Justizsystem – wobei die Serie insgesamt eher die Frage stellt, was Gerechtigkeit überhaupt ist bzw. was eine aufgeklärte, demokratische Gesellschaft daraus macht. Unbequeme Erkenntnis: Die Wahrheit, also das, was wirklich passiert ist, spielt eigentlich keine Rolle. Wichtig ist, was die Leute glauben (wollen).

Eine junge Frau, die zur falschen Zeit am falschen Ort war, wird Opfer eines grausamen Verbrechens, und ein junger Mann, der ihr zufällig kurz zuvor begegnet ist, wird durch die Mühlen der Justiz gedreht, denn es weist so ziemlich alles darauf hin, dass er der Täter sein muss. Aber er ist sich ziemlich sicher, dass er nicht der Mörder ist. Blöd nur, dass er gemeinsam mit seinem angeblichem Opfer gefeiert hat, bis er einen Filmriss bekam und sich deshalb nicht erinnern kann, was in dieser verhängnisvollen Nacht tatsächlich passiert ist.

The Night Of: Nazir Khan "Naz" (Riz Ahmed) und Andrea (Sofia Black D'Elia) Bild: hbo.com

The Night Of: Nazir Khan „Naz“ (Riz Ahmed) und Andrea (Sofia Black D’Elia) Bild: hbo.com

Und wie das bei wirklich guten Stoffen so oft der Fall ist, haben die Amis jetzt ihre eigene Version davon gedreht – und wie so oft, ist die US-Version ziemlich gut geworden. Genau wie es mit The Killing eine neue Version von Kommissarin Lund und mit The Bridge America eine von Die Brücke gibt, ist The Night Of eine wirklich gute Version von Criminal Justice. Einerseits finde ich etwas schade, dass europäische Serien in den USA nur eine Chance haben, wenn sie auf US-Verhältnisse angepasst werden – kein Wunder, dass die Leute da glauben, die USA sei das Maß aller Dinge und der Nabel der Welt. Trotzdem ist es für mich natürlich auch ganz interessant zu sehen, wie die Dinge in den USA gehandhabt werden.

The Night Of: Jack Stone (John Torturro) Bild: hbo.com

The Night Of: Jack Stone (John Torturro) Bild: hbo.com

Immerhin: Die Hauptrolle (im Original verkörperte Ben Whishaw den naiven Ben Coulter, der aus einer spontanen Laune heraus mit dem Taxi seines Vaters ins Verhängnis fährt) spielt der pakistanisch-stämmige Brite Riz Ahmed. Den kenne ich unter anderen aus Four Lions. Er verkörpert Nazir Khan, den bisher unauffälligen, gehorsamen und vielversprechenden Sohn pakistanischer Einwanderer, wodurch in der US-Version, die in New York spielt, noch eine rassistische Komponente hinzu kommt. In diesen Zeiten, da Moslems unter Generalverdacht stehen, gibt das der Sache einen interessanten zusätzlichen Kick. Sind es im Original die anständigen Eltern der eingeborenen weißen Londoner Working Class, die ihren Sohn nach Kräften unterstützen und einfach an dieses System glauben wollen, in dessen Mühlen ihr Sohn gerade zerrieben wird, so sind es nun die anständigen, hart arbeitenden Einwanderer, die gar keine andere Wahl haben, als an das freiheitlich- demokratische US-System zu glauben, auch wenn sie genau von diesem System ständig schlecht behandelt werden.

The Night Of: Nazir Khan (Riz Ahmed) Bild: hbo.com

The Night Of: Nazir Khan (Riz Ahmed) Bild: hbo.com

Wie auch bei The Killing oder The Bridge America ist die Geschichte sehr dicht am Original – Peter Moffat, der Schöpfer von Criminal Justice, ist auch einer der ausführenden Produzenten der HBO-Miniserie, die allerdings acht Teile hat – das BBC-Original hat fünf. Für die Rolle des Strafverteidigers war eigentlich der Sopranos-Hauptdarsteller James Gandolfini gesetzt – aber der ist bekanntlich viel zu früh von uns gegangen, deshalb müht sich John Torturro als abgerockter Strafverteidiger ab – Jack Stone ist so eine Art Jimmy McGill, der auf den großen Fall wartet, mit dem er endlich zu Saul Goodman werden kann: Ein gerissener und erfahrener Einzelkämpfer, der die hoffnungslosen Fälle vertritt. Er ist kein Star, er hat keine potente Kanzlei im Rücken, er hat ein Ekzem an den Füßen und das Problem, dass seine Klienten ihn eigentlich nie bezahlen können. Aber er ist so gut, wie man in diesem System, in es eben auch auf die Kohle ankommt, halt ohne Kohle sein kann.

The Night Of: Detective Dennis Box (Bill Camp) Bild: hbo.com

The Night Of: Detective Dennis Box (Bill Camp) Bild: hbo.com

Und er muss gegen den besten Mann im NYPD antreten und in diesem scheinbar ziemlich klaren Fall ermittelt Detective Dennis Box (Bill Camp), ein alter Fuchs, der schon alles gesehen hat. Er ist sich ziemlich sicher, dass Nazir der Täter ist, auch wenn er sich über dessen Motiv nicht klar ist und manipuliert sein gesamtes Umfeld entsprechend. Aber eben weil er ein dermaßen erfahrener Cop ist, spürt er, dass irgendwas an diesem Fall faul sein muss, auch wenn er das lange nicht einordnen kann.

Was bringt einen braven Sohn muslimischer Eltern dazu, eine solche Tat zu begehen? Auch die armen Eltern werden auf eine harte Probe gestellt: Schlimm genug, dass ihr Sohn einer solchen Tat verdächtigt wird. Aber weil er diesen ausgerechnet an diesem Abend das Taxi seines Vaters genommen hat, um zu dieser Party nach Downtown zu fahren, hat Nazir die Existenz seines Vaters ruiniert – und die seiner beiden Partner, die sich eben dieses Taxi teilen, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Das Taxi ist nun ein Beweismittel in einem Mordfall – und kann entsprechend nicht mehr seinen eigentlichen Zweck erfüllen. Dabei wollte Nazir doch nur eins – endlich ein Mädchen kennenlernen. Immerhin ist er schon 23 und wohnt noch bei seinen Eltern. Er ist ein guter Student, er ist Tutor und gibt Nachhilfe – er hilft auch im Geschäft seiner Verwandten aus – aber offenbar ist er nicht völlig vom Lebensmodell seiner pakistanischen Familie überzeugt.

The Night Of: Die Eltern - Salin Khan (Leyman Moaadi, Mitte) und Safar Khan (Poorna Jannaghtan) Bild: hbo.com

The Night Of: Die Eltern – Salin Khan (Leyman Moaadi, Mitte) und Safar Khan (Poorna Jannaghtan) Bild: hbo.com

Deshalb lässt er sich auch darauf ein, diese geheimnisvolle schöne Fremde, die zu ihm ins Taxi steigt, an einen Strand zu fahren, so weit das in Manhattan möglich ist. Andrea nimmt den hübschen Jungen zu sich nach Hause – sie werfen Ecstasy ein, trinken Tequila und ziehen eine Nase Koks, Andrea scheint ein bisschen durchgeknallt zu sein, aber hey, Nazir wollte eigentlich auf eine Party und jetzt bekommt er, was er will – und Andrea will ihn offensichtlich auch. Aber irgendwann wacht Nazir vor dem offenen Kühlschrank auf und erinnert sich nicht, wie er dahin gekommen ist. Er geht nach oben, zieht sich an – es ist spät und er muss das Taxi zurück bringen. Als er Licht einschaltet, macht er es gleich wieder aus – zu schlimm ist das, was er da sieht.

Ab da nimmt das Verhängnis seinen Lauf – es ist keine schöne Serie im Sinne von guter Unterhaltung. Es geht hier nicht um Witz, Rasanz oder Coolness. Dafür gibt es andere Formate. Letztlich ist The Night Of sehr konventionell – aber das im guten Sinne, denn genau das ist hier Mittel zum Zweck: Es wird ermittelt, verhört und verhandelt. Aber das sehr intensiv und mit Liebe zum Detail. Auf das es in solchen Fällen bekanntlich ankommt. Und es wird der Alltag in Gefängnismauern gezeigt, der für normale Menschen ein absoluter Alptraum ist – denn hier sind die Kriminellen weitgehend unter sich. Gerade im Gefängnis zählen die Eigenschaften, die man für eine erfolgreiche Verbrecherkarriere braucht – hier bestimmt das Asphaltier und die Hackordnung ist strikt und erbarmungslos. Ein braver Junge wie Nazir kann hier nur Opfer sein, und als angeblicher Vergewaltiger und Mädchenmörder hat er weitere entscheidende Minuspunkte. Im Knast kann er nur überleben, wenn er mächtige Verbündete findet, und das ist noch mal ein Kapitel für sich. Draußen hingegen suchen seine Eltern nach Verbündeten. Was auch nicht einfach ist.

Insofern kann ich The Night Of absolut empfehlen. Diese Serie ist eine sehr gut gemachte Bestandsaufnahme von den Dingen, wie sie in unsere Welt nun mal sind. Das ist nicht schön, aber absolut sehenswert.

The Night Of Bild: hbo.com

The Night Of Bild: hbo.com

Criminal Justice: Die Briten sind einfach besser

Es gibt diese Tage, an denen man aus einer Laune heraus etwas tut, das man hinterher vielleicht den Rest seines Lebens bereut – selbst wenn man eigentlich gar nichts dermaßen Furchtbares getan hat, sondern nur zur falschen Zeit am falschen Ort war. Aus diesem Stoff lässt sich eine verzwickte Justiz-Serie stricken, wie Peter Moffat für die BBC getan hat. Die erste Staffel von Criminal Justice ist ein verstörender Alptraum – sowohl für den Protagonisten Ben Coulter als auch für mitfühlende Zuschauer.

Der jungen Ben nimmt eines Abends aus einer Laune heraus das Taxi seines Vaters und macht damit eine Spritztour durch London. Irgendwann steigt ein Mädchen ein, das auch nicht aussteigen will, als Ben ihr sagt, dass er gar kein Taxifahrer sei. Sie ist schön, sie wirkt geheimnisvoll und sie will ans Meer. Ben muss nicht lange überlegen – sie fahren ans Meer, essen ein Eis,  sie überredet ihn, aus dem schönen Abend einen wunderschönen Abend zu machen und mit ihr gemeinsam einen Trip einzuwerfen. Was er eigentlich nicht will, aber heute ist alles egal. Sie nimmt ihn mit nach Hause, was er dann doch will, sie trinken, spielen überdrehte Spielchen und haben Sex. Am Ende wacht Ben mit schwerem Schädel am Küchentisch auf. Ihm fehlen einige Meter Film. Er geht nach oben ins Schlafzimmer, um sich anzuziehen und zu verabschieden, dann der Schock: Das Mädchen liegt tot im Bett. Erstochen.

Ben macht in seiner Panik so ziemlich alles falsch, was man falsch machen kann: Haut ab, vergisst seine Jacke, fährt zurück, realisiert, dass alles ziemlich schlecht für ihn aussieht,versucht Spuren zu verwischen, steckt das Küchenmesser ein und fährt panisch wieder los. Natürlich kommt er nicht weit, er fährt das Taxi seines Vaters zu Schrott, wird deshalb eher zufällig von der Polizei gestellt – mit der Mordwaffe in der Jacke.

Damit geht es dann aber erst richtig los: Für die Polizei ist die Sache klar, diesen Fall könnte auch der letzte Anfänger lösen. Ärgerlich ist nur, dass der Junge nicht gestehen will. Ben lässt sonst aber alles über sich ergehen, bekommt einen Rechtsbeistand, der ihm rät, nichts zu sagen und so sagt er nichts. Warum auch – er kann doch kein Verbrechen zugeben, von dem er annimmt, es nicht begangen zu haben. Auch wenn alles gegen ihn spricht. Das Problem ist, dass er selbst nicht weiß, was in jener Nacht passiert ist.

Das macht den Fall natürlich nicht leichter, auch nicht für die wenigen Menschen, die zumindest einen leisen Zweifel daran haben, dass Ben Coulter ein Mörder ist. Selbst Ben ist nicht immer hundertprozentig sicher, dass er es nicht war. Weil die Lage so hoffnungslos ist, rät sein Anwalt, sich schuldig zu bekennen und auf Totschlag zu plädieren. Wenn auf diese Weise ein langwieriges Verfahren vermieden würde, käme er mit wenigen Jahren Gefängnis davon. Für einen Mord dagegen bekäme er lebenslänglich.

Darauf will Ben sich nicht einlassen: Er besteht darauf, nicht schuldig zu sein. Daraufhin wird er durch die Mühlen des britischen Justizwesens gemahlen, von dem seine Eltern sicher sind, dass es das beste und fairste der Welt sei. Allerdings wird diese Gewissheit noch ins Wanken geraten, während Ben lernen muss, wie man im Knast überlebt. Hier hat er es nämlich mit richtigen Verbrechern zu tun, die im Kampf aller gegen alle nichts zu verschenken haben. Ben gerät zwischen die Fronten von Machtkämpfen unter den Insassen und jeder versucht auf seine Weise, den unerfahrenen Jungen auszunutzen. Währenddessen müssen sich Bens Verteidiger sehr ins Zeug legen, um ihrem Mandanten zu helfen – was auch nach hinten losgehen kann.

Alles in allem ein überaus spannendes Justizdrama, fantastisch besetzt mit Ben Whishaw in der Hauptrolle und dem immer wieder grandiosen Pete Postlethwaite als Bens Zellengenosse Hooch. Ich frage mich, warum das deutsche Fernsehen so etwas einfach nicht hinkriegt. Zum Thema Justizserie im deutschen Fernsehen fallen mir nur so putzige Sachen wie Liebling Kreuzberg, Edel & Stark oder der Staatsanwalt ein, die streckenweise gar nicht mal so übel sind, aber doch irgendwie sehr seicht vor sich hin plätschern. Selbst die vergleichsweise ambitionierte  zdf-Serie Verbrechen nach Ferdinand von Schirach kann man nicht mit Criminal Justice, North Square, Silk oder Injustice vergleichen –  und das sind jetzt nur britische Konkurrenten. Und das, obwohl der von mir sehr geschätzte Josef Bierbichler den abgebrühten Strafverteidiger von Schirach spielt. Aber der allein kann das deutsche Justizdrama nicht retten.