Bridge of Spies

Das Beste an Steven-Spielberg-Filmen ist in der Regel der Anfang – und das gilt auch für Bridge of Spies, zu deutsch Der Unterhändler. Der sowjetische Meisterspion Rudolf Abel (Mark Rylance), der demnächst verhaftet werden muss, damit die Handlung ihren durch die Geschichtsschreibung vorgezeichneten Verlauf nehmen kann, wird als etwas pedantischer Maler eingeführt, der um den Zustand seiner Palette besorgter zu sein scheint als um seine eigene Zukunft. Womit auch ein Running Gag des Films etabliert ist: Der Versicherungsanwalt James Donovan (Tom Hanks) wird Abel künftig immer wieder fragen, ob er nicht besorgt sei. Und der stoische Abel wird jedes Mal zurückfragen, ob das denn helfen würde. Was selbstverständlich nicht der Fall ist.

Und, das kann schon mal verraten werden, weil der Fall im Film nicht anders ausgehen kann, als er vor Jahrzehnten tatsächlich ausgegangen ist: James Donovan schafft es als inoffizieller Unterhändler in Ostberlin tatsächlich, einen Gefangenenaustausch einzufädeln, bei dem Abel gegen den US-Piloten und CIA-Agenten Francis Gary Powers ausgetauscht wird. Der geschickte Donovan erreicht gleichzeitig auch, dass der von der Stasi als angeblicher Republikflüchtling verhaftete Wirtschaftsstudent Frederic Pryor ebenfalls freigelassen wird. Doch bis dahin gibt es ein nervenzermürbendes Tauziehen zwischen den beiden Supermächten, in das sich die um internationale Anerkennung ringende DDR auch immer wieder einmischen will.

Bridge of Spies - Bild: fox.de

Bridge of Spies – Bild: fox.de

Es ist nicht ganz einfach, den Film einem Genre zuzuordnen, er ist Gerichtsdrama (auch ein Verräter verdient einen fairen Prozess), Spionagethriller (Agentenaustausch in Ostberlin), Historienschinken (Kalter Krieg) und Charakterstudie (der standhafte Mr. Donovan) zugleich. Was in meinen Augen nicht unbedingt ein Vorteil ist – wobei natürlich auch extrem schwierig wäre, aus einer Geschichte, deren Ende bekannt ist, einen spannenden Thriller zu machen. Insofern ist halt ein typischer Spielberg dabei herausgekommen: Eine Hommage an den standhaften Mann, der auch unter widrigsten Umständen seinen edlen Prinzipien treu bleibt und damit am Ende einen Sieg erringen kann – auch wenn nicht ganz klar ist, ob das wirklich für alle gut ausgeht.

Das ist natürlich eine weitere Paraderolle für Tom Hanks, der zweifelsohne wahnsinnig gut darin ist, diese bodenständigen Allerweltshelden zu spielen. Nichts wird dem Anwalt Donovan leicht gemacht, für die öffentliche Meinung ist er gestorben, schon weil er sich überhaupt bereit erklärt, den Vaterlandsverräter Abel zu verteidigen. Aber Donovan macht immer alles so gut wie er eben kann – und weil er ein guter Anwalt ist, schafft er es, seinen Mandanten vor der fast sicheren Todesstrafe zu bewahren. Er kann den Richter überzeugen, dass ein lebender Spitzenspion der Feindseite unter Umständen hilfreich sein kann, falls ein US-Spion einmal in eine ähnliche Situation geraten sollte. Schon bald stellt sich heraus, dass Donovan damit recht behalten wird.

Bridge of Spies - Rudolf Abel (Mark Rylance, Mitte) und James Donovan (Tom Hanks) Bild: fox.de

Bridge of Spies – Rudolf Abel (Mark Rylance, Mitte) und James Donovan (Tom Hanks) Bild: fox.de

Nachdem der Pilot Gary Powers mit seinem Super-Spionage-Flugzeug über der Sowjetunion abgeschossen wurde, wird Donovan von CIA-Chef Allan Dulles mit einem Geheimauftrag nach Ostberlin geschickt, um den Austausch Abel gegen Powers zu verhandeln. Natürlich nicht als offizieller Vertreter der Vereinigen Staaten, sondern total inoffiziell. Denn offiziell würden beide Supermächte niemals über solche Dinge reden. Und schon gar nicht miteinander.

Donovans Reise ins Herz der Finsternis, durch das gerade eine Mauer gebaut wird, gleitet daraufhin stark in Richtung Farce ab: Im vom Krieg noch immer schwer gezeichneten Berlin erlebt Donovan allerlei haarsträubende Absurditäten. Das beginnt damit, dass er von der CIA in einem ungeheizten, heruntergekommenen, aber total geheimen Loch in Westberlin einquartiert wird, das man eher in Ostberlin erwarten würde, um dann mit einem Stadtplan in den Osten geschickt zu werden: „Sie sind auf sich gestellt. Von uns geht keiner mehr in den Osten. Viel zu gefährlich!“ erklären die wackeren CIA-Leute.

Bridge of Spies - James Donovan (Tom Hanks) Bild: fox.de

Bridge of Spies – James Donovan (Tom Hanks) Bild: fox.de

Aber Donovan tut natürlich, was er tun muss. Er macht sich im Schneegestöber auf dem Weg in den Osten, zur sowjetischen Botschaft, bei der er schließlich auch ankommt, nachdem ihn ein paar Berliner Jungs abgezogen haben, wie man das heute nennen würde: Sie waren scharf auf seinen schönen warmen Mantel. In der Botschaft wartet schon Abels deutsche Familie auf den Anwalt aus Amerika – irritierend genug: War Abel nicht mit einer Musikerin aus Moskau verheiratet?

Aber Donovan behält die Nerven, auch wenn er sich eine solide Erkältung geholt hat. Mit den Sowjets ist er vergleichsweise schnell einig. Aber da ist ja noch das Problem mit diesem Studenten – für das er mit einem  Vertreter der DDR verhandeln muss. Und diesem Anwalt Vogel (Sebastian Koch) ist mehr an der Anerkennung für seine Deutsche Demokratische Republik gelegen als an irgendwelchen humanitären Lösungen für dumme Jungs, die zur falschen Zeit am falschen Ort waren. Außerdem hat Donovan ein Problem mit der korrekten, aber viel zu langen Bezeichnung für die UdSSR. Ständig „Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken“ wiederholen zu müssen ist ihm zu kompliziert: „Können wir nicht einfach die Russen sagen?“ Ab und an schillert tatsächlich die Beteiligung der Coen-Brüder durch – für meinen Geschmack aber viel zu selten.

Bridge of Spies - James Donovan (Tom Hanks) Bild: fox.de

Bridge of Spies – James Donovan und die neu gebaute Mauer (Tom Hanks) Bild: fox.de

Dafür wurden keine Mühen gescheut, das Berlin der frühen 60er Jahre so trostlos aussehen zu lassen, wie es gewiss auch ausgesehen hat – zwar sieht die echte Sowjetbotschaft ganz anders aus, aber geschenkt, es gibt genügend echte S-Bahnbögen, alte S-Bahnwaggons und so weiter, auch der hässliche Mauerstreifen ist leider kein bisschen übertrieben und die herzzerreißenden Szenen, wie die Menschen aus den Fenstern in den Westen springen, bevor diese vermauert werden, gab es damals tatsächlich.

Von der S-Bahn aus sieht Donovan auch, wie Menschen bei dem Versuch, den Todesstreifen zu überwinden, erschossen werden – natürlich ist er angemessen entsetzt. Später wird diese Szene spielberg-typisch noch einmal wiederholt – aber die Jugendlichen, die im sonnigen Brooklyn über die Zäune klettern, werden natürlich nicht erschossen, denn man befindet sich ja im goldenen Westen, in dem Freiheit, Freiheit und Doppelfreiheit über alles geht.

Bridge of Spies: Berlin Tempelhof Bild: fox.de

Bridge of Spies: Berlin Tempelhof Bild: fox.de

Das ist einer dieser Missgriffe, die mich mittlerweile wirklich ärgern – mag sein, dass weiße Jugendliche in den 60er Jahren so etwas unbehelligt tun durften. Aber mittlerweile sollte auch ein Spielberg wissen, dass man in seinem Land durchaus erschossen werden kann, wenn man sich als Teenager in Nachbars Garage am Bier vergreift. Denn bedeutet Freiheit nämlich eigentlich: Dass jeder mit seinem Hab und Gut machen kann, was er will und dass die Menschenwürde eines jeden dabei scheißegal ist.

Aber darum geht es in dem Film gar nicht, hier geht es um Prinzipientreue und Aufrichtigkeit, was, das muss der Fairness halber gesagt werden, auch für den Antihelden Rudolf Abel gilt. Abel bleibt ebenfalls seinen Prinzipien treu und lässt sich trotz harter Verhöre und verlockender Angebote nicht dazu verleiten, sein Land zu verraten, nämlich die Sowjetunion. Insofern wird es Donovan trotz aller nachvollziehbaren Professionalität auch zu einem persönlichen Anliegen, diesen aufrechten Kerl Rudolf Abel zu retten. Ihm imponiert die Unerschütterlichkeit, mit der Abel sein Schicksal trägt – letztlich sind die beiden sich ziemlich ähnlich. Aber auch das ist typisch Spielberg: Das Lob des bescheidenen Helden, dessen Größe sich gerade darin zeigt, dass seine heroische Grundhaltung von jeweiligen Umfeld nicht gewürdigt (oder ihm gar zum Verhängnis) wird.

Bridge of Spies: Abel (Mark Rylance) und Donovan (Tom Hanks) Bild: fox.de

Bridge of Spies: Abel (Mark Rylance) und Donovan (Tom Hanks) Bild: fox.de

Und das gleich auf verschiedenen Ebenen – als Donovan am Ende zu Frau und Kind zurückkehrt, hat er sogar die versprochene Marmelade dabei: Er hat seiner Frau nämlich gesagt, er sei zu einem Angelausflug in England, damit sie sich keine Sorgen macht. Aber so spielverderberisch wie Ehefrauen nun mal sind, sieht sie am Preisschild, dass die Marmelade aus dem Laden an der Ecke und nicht aus London kommt. Aber dank der Nachrichten, die bald darauf im Fernsehen zu sehen sind, erahnt sie, was ihr Mann tatsächlich getan hat, der oben vollständig angezogen aufs Bett gesunken ist. Natürlich verzeiht sie nun und ist, wie der Rest der Nation, die Donovan zuvor zu gern als Ketzer auf dem Scheiterhaufen verbrannt hätte, nun mächtig stolz auf ihren Helden.

Wenn man auf so etwas steht, ist Bridge of Spies ein sehr gelungener Film.

Fun Fact: In diesem Film darf die Glienicker Brücke tatsächlich sich selbst spielen und wird nicht etwa von der Swinemünder Brücke dargestellt, wie das sonst oft der Fall ist. Aber für Steven Spielberg kann man das schon mal machen – kommt ja auch besser mit dem echten Wasser unter der echten Brücke statt der Bahngleise, die unter der Swinemünder verlaufen.

Advertisements

Deutschland 83: DDR-Held erobert die USA

Deutsche Serien – das ist ein schwieriges, in der Regel frustrierendes Thema, wenn man sich an richtig gute internationale Serienkost gewöhnt hat. Und aktuelle deutsche Serien über deutsche Geschichte – deutsch-deutsche noch dazu – ist quasi hoffnungslos: Mehrteiler wie Weissensee oder Tannbach mögen vielleicht als noch Spitzenprodukte des schlechten Geschmacks in die deutsch-deutsche Serien-Geschichte eingehen, werden ansonsten aber hoffentlich schnell vergessen.

Entsprechend erstaunt war ich also, als ich hörte, das die ersten beiden Teile der deutsch-deutschen Serie Deutschland 83 mit erstaunlich positiver internationaler Resonanz auf der Berlinale gelaufen sind und derzeit in den USA im Original mit englischen Untertiteln gezeigt werden – zwar nur auf dem Spartensender Sundance, der zu AMC gehört – aber eben AMC, genau, das sind die, die Mad Men gemacht haben, Breaking Bad und Better Call Saul. Also Experten für richtig gute, innovative Serien.

Also wurde ich neugierig und habe jetzt doch in Deutschland 83 reingesehen. Ja, und obwohl die Serie in Deutschland demnächst auf RTL gezeigt werden soll, ist sie eben keine dieser typischen RTL-Serien. Sondern erstaunlich gut. Aber warum sollte RTL seinem Publikum nicht auch ab und zu zwischen Castingsshows und Kakerlaken etwas richtig Gutes bieten, verdient haben die Zuschauer das allemal. Abzuwarten bleibt, wie sie Deutschland 83 dann tatsächlich finden.

Screenshot Deutschland 83 - Martin (Jonas Nay): Telefonieren in der Vor-Handy-Ära  via sundance.tv

Screenshot Deutschland 83 – Martin (Jonas Nay) Spionage ist ein gefährliches Geschäft via sundance.tv

Man kann natürlich auch auf Sat1 The Americans anschauen, dass ist auch eine 80er-Jahre-Retro-Spionage-Serie, die gar nicht schlecht, aber meiner Ansicht nach leider auch nicht so richtig gut ist: Das Politische an sich spielt in The Americans eine erstaunlich geringe Rolle, dabei könnte man auch am Kapitalismus und am Gesellschaftssystem in den USA nun wirklich einiges kritisieren. Das tun die russischen Top-Spione aber erstaunlicherweise so gut wie gar nicht – sie ziehen zwar mit vollem Einsatz ihren Mission durch, als Motivation werden aber nur irgendwelche Klischees angedeutet, was mir die Serie schon verleidet, obwohl sie gut gemacht ist.

Aber nach dem, was ich gesehen habe, ist Deutschland 83 in diesem Punkt besser – für mich persönlich, die 1983 als Teenie in der Mittelstufe erlebt und durchlitten hat, ist Deutschland 83 emotional natürlich auch viel näher: Der Stern publizierte im Jahr 83 die Hitler-Tagebücher, die sich später als dreiste Fälschung entpuppten, die rätselhafte Seuche AIDS tauchte in Titelgeschichten auf und Friedensbewegung konnte Millionen Menschen mobilisieren, die gegen die Nachrüstung im Zuge des Nato-Doppelbeschlusses von 1979 demonstrierten.

Screenshot Deutschland 83 - Martin (Jonas Nay) und Annett (Sonja Gerhardt) via sundance.tv

Screenshot Deutschland 83 – Martin (Jonas Nay) und Annett (Sonja Gerhardt)
via sundance.tv

Ich erkenne so ziemlich jede Einblendung echter Nachrichten-Sendungen in der Serie wieder – damals gab es ja ohnehin nicht mehr als drei Fernsehprogramme, heute und Tagesschau waren Pflicht, darüber redete man am nächsten Tag in der Frühstückspause.

Aber es ist nicht nur meine persönliche Erinnerung an jene Zeit, die mit dieser Serie wieder herauf beschworen wird – das war ja auch keine schöne Zeit: Es war die Hochzeit des kalten Kriegs und wir hatten damals völlig zu recht Angst, dass es jederzeit mit uns vorbei sein konnte: Die Supermächte USA und UdSSR richteten die Sprengköpfe ihrer Mittelstreckenraketen ja eben auf deutsche Ziele aus – wäre der kalte Krieg heiß geworden, wäre Deutschland das atomare Schlachtfeld gewesen. Hier wäre kein Stein auf dem anderen geblieben und vermutlich nicht nur Europa auf lange Zeit unbewohnbar. Einer der Hits von 1983 war Two Minute Warning von Depeche Mode – zwei Minuten Vorwarnzeit, bevor das atomare Inferno unser aller Leben auslöscht. Das traf das Lebensgefühl vieler. Wir kritzelten No Future auf unsere Jeansjacken – und wir wussten warum.

Screenshot Deutschland 83 - Martin (Jonas Nay) und Annett (Sonja Gerhardt) via sundance.tv

Screenshot Deutschland 83 – Martin (Jonas Nay) und Lenora (Maria Schrader)
via sundance.tv

Aber Deutschland 83 beschwört eben nicht nur diese Weltuntergangsstimmung, sondern ist streckenweise sogar ziemlich witzig. Martin Rauch (Jonas Nay) ist eben nicht der top ausgebildete Superspion, sondern eher eine Verlegenheitslösung: Weil sich gerade eine günstige Gelegenheit ergibt, wird er als MfS-Spion in den Westen einschleust – worauf er eigentlich gar keine Lust hat. Er will nicht in den Westen. Er will zuhause bleiben, bei seiner kranken Mutter und seiner schönen blonden Freundin Annett (Sonja Gerhardt).

Martin ist NVA-Soldat und guter Sozialist, der westdeutschen Studenten an der Grenze die billig im Osten eingekauften Bücher abnimmt, weil sie ihr Geld nicht zum vorschriftsmäßigen Kurs umgetauscht haben: Wer gegen die Gesetze der DDR verstößt, schadet dem Sozialismus. Aber als die Studenten auf die Frage, wer am Ende gewinnen wird – die Kapitalisten, die nur an sich selbst denken, oder die Sozialisten, die an einem Strang ziehen, damit es allen Menschen besser geht, die richtige Antwort geben, lässt Martin die Wessis laufen. „Aber der Shakespeare bleibt hier! Den Marx könnt ihr mitnehmen, da lernt ihr vielleicht noch was!“

Screenshot Deutschland 83 Alex Edel (Ludwig Trepte) und Martin/Moritz (Jonas Nay)  via sundance.tv

Screenshot Deutschland 83 Alex Edel (Ludwig Trepte) und Martin/Moritz (Jonas Nay) via sundance.tv

Natürlich wird auch bei Deutschland 83 tief in die Klischee-Kiste gegriffen. Aber es trifft in diesem Fall eben nicht nur die DDR, sondern auch die Wests und ihre Verbündeten. Natürlich sind die Zonis skrupellos und gemein, insbesondere die Stasi-Kader Lenora Rauch (grandios: Maria Schrader) und Walter Schweppenstette (Sylvester Groth), die den jungen Martin brutal ins kalte Wasser werfen – nicht ohne ihm vorher die Finger zu brechen, weil das ist einzige Detail, das nicht mit dem Profil des jungen Wessie-Offiziers Moritz Stamm übereinstimmt, als der Martin in die Bundeswehr eingeschleust wird: Er kann nicht Klavier spielen.

Screenshot Deutschland 83 – Martin (Jonas Nay): Telefonieren in der Vor-Handy-Ära via sundance.tv

Er kann auch sonst einiges nicht, aber er bemüht sich – und es gibt immer ein paar echte Stasi-Topagenten in seiner Nähe, die aufpassen, dass er nicht allzu viel falsch macht. Und wenn doch etwas schiefläuft, Schadensbegrenzung betreiben. Natürlich tauchen reichlich Probleme auf – so befinden sich die geheimen NATO-Unterlagen, die Martin aus dem Safe von General Jackson klaut, nicht in einem herkömlichen Ordner, dessen Inhalt Martin wie inzwischen geübt heimlich abfotografieren könnte, sondern auf so einem viereckigen Plaste-Dings, einem, wie heißt das doch gleich? Floppy-Disk. Es für muss also erstmal ein IBM-Rechner beschafft werden, damit die Kollegen in der Analyse das Teil überhaupt lesen und auswerten können. Auch für die Stasi keine triviale Aufgabe.

Screenshot Deutschland 83 - das Floppy-Problem Schweppenstette (Sylvester Groth, Mitte) und Lenora (Maria Schrader) via sundance.tv

Screenshot Deutschland 83 – das Floppy-Problem Schweppenstette (Sylvester Groth, Mitte) und Lenora (Maria Schrader)
via sundance.tv

Und dann hat General Wolfgang Edel (Ulrich Noethen) eine Sohn, der zwar die für ihn vorgesehene Pflichtkarriere als Offizier durchzieht, sich aber eigentlich zur Friedensbewegung gezogen fühlt. Alex Edel nervt es, dass dieser Moritz Stamm sich genauso anhört wie sein Vater. Moritz ist eindeutig der bessere Soldat – aber wenn Alex wüsste, warum! Denn wenn es darum geht, die Welt, oder doch zumindest die DDR zu retten, wächst Martin immer wieder über sich hinaus und schafft Dinge, die er sich selbst zuvor kaum zugetraut hätte.

Bisher sind drei der insgesamt acht Teile gelaufen, die große Lust darauf machen, weiter zu sehen, auch wenn ich von Deutschland 83 nicht so hin und weg gerissen bin wie von Mr. Robot. Aber mal sehen, was die kommenden Teile jeweils bringen – UFA Fiction hat hier jedenfalls eine erstaunlich moderne und clever konstruierte Serie abgeliefert – genau das, was ich sonst im deutschen Fernsehen so vermisse.

Screenshot Deutschland 83 Auch die Generäle Jackson (Errol T. Harewood ) und Edel (Ulrich Noethen) haben in Brüssel eine eigene Agenda...  via sundance.tv

Screenshot Deutschland 83 Auch die Generäle Jackson (Errol T. Harewood ) und Edel (Ulrich Noethen) haben in Brüssel eine eigene Agenda… via sundance.tv

Kind 44: Was darf Film?

In den USA hat sich die Verfilmung des Bestsellers Child 44 von Tom Rob Smith bereits als Flop des Jahres qualifiziert – den Produktionskosten von schätzungsweise 50 Millionen Dollar stand ein erbärmliches Einspielergebnis von knapp 1,2 Millionen Dollar gegenüber. In Russland wurde der Film gleich ganz verboten und auch hierzulande waren die Kritiken zum Filmstart von Kind 44 durchweg mies. Also habe ich einen entsprechend schlechten Film erwartet, als ich vorhin ins Kino ging. Denn Kritiken hin oder her – ich mache mir doch lieber selbst ein Bild.

Weil ich das Buch gelesen hatte, wusste ich, was mich erwartet: Ein düsterer Thriller aus der Stalin-Ära, in dem kein gutes Haar am Stalinistischen Polizei- und Spitzelstaat gelassen wird und dessen Held, der MGB-Offizier Leo Demidow, erst seine Karriere und dann sein Leben und auch das seiner Frau aufs Spiel setzen muss, um einen perversen Kindermörder zu stoppen. Den es im mühsam etablierten neuen Gesellschaftssystem, das gerade von den Kommunismus-Gegnern gern als „kommunistisches“ System bezeichnet wird, obwohl auf dieser Welt noch nicht einen Tag irgendwo tatsächlich Kommunismus ausgebrochen wäre, eigentlich gar nicht geben dürfte.

Kind 44: Scrennshot  http://www.kind44-film.de

Kind 44: Screenshot
http://www.kind44-film.de

Kritik an diesem „kommunistischen“ System ist in der Geschichte, die ins Bild gesetzt wird, quasi bei Todesstrafe verboten – genau das beweist übrigens auch, dass es sich nicht um Kommunismus handeln kann, bei dem die nötige und sachgerechte Kritik an menschenfeindlichen Zuständen jeglicher Art ja im Zentrum von allem steht. Eine Mordermittlung in einem System, in dem per definitionem es keinen Mord geben kann, weil ja alle glücklich und zufrieden sind, ist also die heftigste Kritik, die sich denken lässt.

Das geht natürlich gar nicht: 1984 lässt grüßen. Nur ist der dystopische Roman von George Orwell eine echte und sehr viel subtilere Kritik am totalitären Überwachungsstaat und was er mit den Menschen macht, als die postmoderne Holzhammer-Version von Tom Rob Smith. Ich behaupte auch, dass es sich bei Kind 44 gar nicht um eine Kritik am Stalinismus handelt. Und somit auch nicht um eine fehlgeleitete oder ausgeartete Kritik daran. Hier hängen sich nicht nur linke, sondern auch bürgerliche Rezensoren auf: Kalter Krieg hoch zehn, das will heutzutage doch keiner mehr sehen (und das haben wir heute auch gar nicht mehr nötig, wir können Russland einfach aus der G8 schmeißen.) Und so ein primitives Schwarz-weiß-Denken, das wollen wir in unserem schönen Pluralismus doch gar nicht haben! Wir wissen doch, dass es keine wirkliche Wahrheit gibt – nichts ist, wie es scheint. Kritik am Kommunismus gern immer, aber bitte nicht so dreckig, so hart und so plump.

Aber darum geht es ja auch gar nicht – und da sind auch die russischen Funktionäre drauf reingefallen, die den Film in letzter Minute noch aus dem russischen Kino-Programm geworfen haben: Der Film sei untragbar, weil die Stalin-Ära darin zu schlecht wegkomme. Und es spielen keine Russen mit. Aber bei welcher Hollywood-Produktion wäre das anders? Hallo ihr Spielverderber: Es doch ein sowjetischer Kriegsheld, der den Mörder am Ende zur Strecke bringt. Und Leo Demidow wird am Ende des Films ja auch noch rehabilitiert und darf seine Abteilung zur Untersuchung von Morden endlich offiziell einrichten und dafür auch General Nesterow (Gary Oldman) anfordern, den einzigen Mann im System, der ihm bisher bei seinen Ermittlungen geholfen hat. Oder ist am Ende das genau der Punkt, der euch nicht gefallen wollte?!

Kind 44: Leo Demidov (Tom Hardy - via  http://www.kind44-film.de

Kind 44: Leo Demidov (Tom Hardy) und Alexei Andreyev (Fares Fares) – via
http://www.kind44-film.de

Also ganz ehrlich: Wenn ich nur noch Filme ansehen wollte, die mit meinen eigenen Standpunkten und Ansichten übereinstimmen würden, könnte ich mir ja fast gar nichts mehr ansehen. Aber ich sehe mir keine Filme an, um meine Weltsicht zu bestätigen – ich meine, Spielfilme sind doch Fiktion. Und als solche sehe ich mir sie an. Und sie können dann entweder gut oder schlecht sein. Und Kind 44 ist gar nicht so schlecht. Es wird keine schöne Geschichte erzählt. Aber das ziemlich gut.

Tom Rob Smith hat seine Geschichte eines lange unentdeckten Serien-Mörders, den in der Sowjetunion tatsächlich gegeben hat, aus dramaturgischen Gründen in die Stalin-Zeit verlegt. Eigentlich mordete der Schlächter von Rostow Ende der 1970er, Anfang der 1980er Jahre. Natürlich ist es einfacher, zu erklären, warum ein solcher Mörder unentdeckt morden kann, wenn einem potenziellen Ermittler selbst die Todesstrafe droht, wenn er die Ermittlungen aufnimmt. Das gibt den gewissen drive – und es ist ja leider tatsächlich so, dass Genosse Stalin eine ganze Reihe seiner besten Leute hat umbringen lassen, weil er sich nicht sicher war, ob sie auf der richtigen, also auf seiner, Seite stehen. Was mich einmal mehr zu dem Standpunkt bringt, dass jegliche Kritik immer zugelassen werden muss, selbst wenn sie doof und öde ist und einem wahnsinnig auf die Nerven geht: Wer immer Kritik übt, könnte recht haben.

Aber im Fall von Kind 44 muss ich konstatieren, dass an diesem Film eine sehr kleinkarierte und verlogene Kritik geübt wird: So freudlos, grau und dreckig wird es in der Sowjetunion tatsächlich wohl kaum gewesen sein. Aber für diese Geschichte kann die Kulisse gar nicht grau und dreckig genug sein, und hier sind wirklich beeindruckende Bilder qualmender Industrielandschaften zu sehen, in denen Massen ärmlich gekleideter Arbeiter mit seltsam ausdruckslosen Gesichtern vor sich hinwerkeln, es ist fast wie in Metropolis. Wobei die Handlung von Metropolis nun wirklich haarsträubend ist.

Kind 44 hat keine allzu komplexe, aber eine durchaus nachvollziehbare Handlung, und weil man davon ausgehen kann, dass die Zuschauer das Buch gelesen haben und somit wissen, wer der Mörder ist, geht es eher darum, wie Leo ihn findet und noch mehr, warum Leo das alles auf sich nimmt. Der Film stellt die „Wie-weit-würdest-du-gehen“-Frage gleich mehrfach auf sehr eindringliche Art und Weise: Leo hat als MGB-Offizier eine Menge Menschen verhaftet und verhört – und auch gefoltert und gebrochen. Er weiß, was ihn erwartet, als von ihm verlangt wird, seine eigene Frau Raissa (Noomi Rapace) ans Messer zu liefern, nachdem sie von einem vermeintlichen Verräter, den er aufgespürt hat, denunziert wurde.

Kind 44: Leo  (Tom Hardy) und Raissa (Noomi Rapace) - via  http://www.kind44-film.de

Kind 44: Leo (Tom Hardy) und Raissa (Noomi Rapace) – via
http://www.kind44-film.de

Aber Leo entscheidet sich für seine Frau – natürlich auch, weil sie ihm bei einem Essen mit seinen Eltern eröffnet hat, dass sie schwanger sei. Beide werden degradiert und in die Provinz abgeschoben – gemessen an ihrem bisherigen Leben in Moskau landen sie beide im Vorhof zur Hölle. Aber Leo hält auch als einfacher Milizionär an seinen Ermittlungen fest und Raissa, die den damals sehr einflussreichen Leo eigentlich nur geheiratet hat, weil sie Angst vor dem hatte, was sie erwarten könnte, wenn sie ihn abwiese, entdeckt ihren Mann ganz neu: Der ist ja gar nicht nur Geheimdienst-Arsch, der seinem Staat treu ergeben ist, wie sie bisher geglaubt hat, der engagiert sich ja wirklich für Dinge, die ihm als Mensch wichtig sind – auch gegen die Staatsmacht. Sie beschließt, bei ihm zu bleiben, selbst, als Leos Nachfolger Wassili (Joel Kinnaman), ihr anbietet, sie aus dem Elend der Verbannung zu erlösen, wenn sie nur zu ihm kommen würde.

Natürlich wird dadurch alles noch schlimmer – Wassili lässt nichts unversucht, um seinen ehemaligen Vorgesetzten und jetzigen Feind aus dem Weg zu räumen. Wassili ist einfach die Pest: Er übernimmt nur Verantwortung, wenn es darum geht, Leute, die ihn stören, aus dem Weg zu räumen. Da knallt er lieber einen mehr als weniger ab. Und wenn Raissa ihn verschmäht, dann soll sie halt sterben. Und Leo gleich mit.

Es ist gewiss kein Zufall, dass mich einiges an Inglouiros Basterds erinnert – genau wie viele Stalinisten in Kind 44 waren die Nazis in Inglouiros Basterds einfach nur abgrundtief böse, auch wenn Christoph Waltz als SS-Standartenführer Hans Landa multilingual und auch sonst als irgendwie sympathisches Superarschloch brillierte. Quentin Tarrantino darf das halt, aber er hat sich ja auch politisch total korrekte Oberbösewichte ausgesucht. Aber warum soll man nur Nazis in Grund und Boden karikieren dürfen?! Nein, ich finde deshalb noch lange nicht, dass man Kommunisten und Nazis gleichsetzen kann. Und es ist auch ein Unterschied, ob ich einen Film oder ein Gesellschaftssystem kritisiere. Ich bin übrigens auch keine Freundin der Totalitarismus-Theorie. Aber eine Verfechterin der Ansicht, dass man in Spielfilmen nicht unbedingt die Realität abbilden muss. Dass wäre echt öde und langweilig.

Stalin und Wassili (Joel Kinnaman)

Stalin und Wassili (Joel Kinnaman)

Regisseur Daniel Espinosa, den ausgerechnet die Süddeutsche, die ja sonst immer gern mit ihren Recherchequalitäten brüstet, zum Dänen gemacht hat, obwohl er Schwede ist (Mailand, Madrid, Hauptsache Italien!) darf das halt (noch?) nicht. Okay, es ist länger her, dass Schweden einen Oskar gewonnen hat als Dänemark. Espinosa ist durch Snabba Cash (ein super Film) bekannt geworden und hat danach Safe House gemacht (den ich gar nicht so gut fand) – ich finde, dass er mit Kind 44 solide Arbeit abgeliefert hat. War ja nun echt kein einfaches Thema.

Durchweg gut fand ich die Schauspieler – Tom Hardy als Leo Demidov ist so stiernackig und robust, wie man es von einem sowjetischen Kriegshelden nur erwarten kann. Und dabei hat er die ganzen zwischenmenschlichen Nuancen drauf, für den ich ihn auch in The Drop so gut fand. Beeindruckend vielschichtig ist die Raissa von Noomi Rapace, die einerseits alles tut, um zu überleben, gleichzeitig aber sehr gradlinig an dem festhält, was sie für richtig hält. Joel Kinnaman spielt den Unmenschen Wassili geradezu verstörend gut – den kann man für jeden ordentlichen Nazi besetzen: dieser verzweifelte Fanatismus in verstörten Kinderaugen. Der Mann hat einen Knall, dass ist eindeutig, und auch, dass dieser ganze Fanatismus irgendwie kein Ziel hat – gerade, als Wassili glaubt, endlich Macht über das Geschehen zu haben, muss er fressen, dass er machtlos ist, weil andere trotz ihrer ausweglosen Position noch stärker sind als er. Und so hat er nichts mehr davon, als Leo ihn nach einem erbittertem Kampf in einer Schlammkuhle posthum zum Helden machen muss, um auf diesen Weise sein eigenes Leben zu retten. Hallo liebe Filmkritik – das ist zwar dreckig, aber entbehrt nicht einer gewissen Ironie – oder habt ihr da schon gepennt?

Kind 44: Leo  (Tom Hardy) und General Nesterow (Gary Oldman) - via  http://www.kind44-film.de

Kind 44: Leo (Tom Hardy) und General Nesterow (Gary Oldman) – via
http://www.kind44-film.de

Alles in Allem komme ich zu dem Urteil, dass die Romanvorlage durchaus nachvollziehbar umgesetzt wurde und sowohl Regie als auch Cast and Crew gute Arbeit abgeliefert haben. Wenn man den Film als Gesellschaftskritik lesen will, kann man natürlich irre werden – aber das geschieht einem dann auch recht. Wer käme denn auch die Idee Machwerke wie White House Down oder Olympus has Fallen als Gesellschaftskritik zu lesen? Die sind von vorn bis hinten komplett gaga, aber man kann trotzdem Spaß haben, sich das anzusehen. Aber die Moralapostel der Welt wollen das ausgerechnet bei Kind 44 halt nicht zulassen.

Meine Empfehlung: Trotzdem ansehen.

The Americans: Im Auftrag der Sowjetunion

So richtig weiß ich noch immer nicht, was ich von The Americans halten will, obwohl ich die erste Staffel bereits komplett gesehen und inzwischen mit der zweiten angefangen habe. Eigentlich ist die Serie spannend und gut gemacht – aber irgendwie doch sehr amerikanisch. Wobei man von eine Serie, die schon The Americans heißt, auch gar nichts anderes erwarten kann. Obwohl ja auch Breaking Bad sehr amerikanisch ist, geradezu klassischer Western – und das macht ja die Qualität dieser Superserie aus. Diese verbohrte „Ich-kann-alles-schaffen“-Menthalität des Walter White, mit der er sich seine eigene Moral zusammenstrickt, nach der alles erlaubt ist, was für sein Business gerade notwendig wird, das ist USA pur.

Aber bei The Americans ist das komplizierter – denn die Protagonisten sind ja Russen, oder schlimmer: hochrangige KGB-Offiziere. Unheimlich gut ausgebildete Superspione der Sowjets. Bereit, eher zu sterben als ihr Land zu verraten. Und gleichzeitig total integrierte Vorzeige-US-Bürger, die besser englisch sprechen als die meisten Menschen in ihrer Umgebung und von so ziemlich allen Dingen auf der Welt mehr Ahnung haben als ihre amerikanischen Mitbürger in ihrem idyllischen Vorort von Washington D.C..

creenhot: The Americans

Screenhot: The Americans

Elizabeth (Keri Russel) und Philipp Jennings (Matthew Rhys) sind in den 60er Jahren in die USA gekommen. Sie scheinen eine harmonische Ehe zu führen, haben zwei Kinder bekommen und arbeiten in einem Reisebüro. Auf den ersten Blick eine amerikanische Vorzeige-Familie mit allem drum und dran. Aber eigentlich hocheffektive Geheimagenten, deren jeweilige Doppelleben auch immer wieder zu emotionalen Verstrickungen führen, obwohl die beiden im Grunde sehr rational und professionell sind. Aber eben auch nur Menschen und sie haben ständig mit Menschen zu tun, die keine Profis sind, sondern Angriffsfläche bieten – deshalb kann man sie ja auch entsprechend ausnutzen.

Screenhot: The Americans

Screenhot: The Americans – Eine ganz normale Familie, die ihre neuen Nachbarn begrüßt.

Inzwischen sind die 80er Jahre angebrochen und Präsident Ronald Reagan treibt den kalten Krieg durch seine Begeisterung für das SDI-Programm zu immer neuen Höhepunkten. Die Russen sind entsprechend nervös – sie wollen unbedingt mehr über den geplanten satelliten-gestützen Raketen-Abwehrschirm erfahren, durch den möglicherweise das bisherige Gleichgewicht der atomaren Abschreckung zu Gunsten der USA gekippt würde. Dass die beiden KGB-Agenten von einem beteiligten Wissenschaftler im Laufe der ersten Staffel erfahren, dass die Technik noch längst nicht so weit ist und sich die Amis die ganze Sache in erster Linie ausgedacht haben, um die Russen in den Wahnsinn und zu ruinösen Gegenmaßnahmen zu treiben, ist nur eine bittere Pointe von vielen anderen – jedenfalls erinnere ich mich wieder genau daran, warum wir Teenies in den 80er Jahren „No Future“ auf Wände und unsere Jeansjacken kritzelten. Wir hatten wirklich Angst, dass morgen einer auf den roten Knopf drücken und einen Atomkrieg auslösen würde – gerade in Deutschland, wo sich NATO und Warschauer Pakt an der Mauer direkt gegenüber standen. Denn eins war klar: Hier würde kein Stein auf dem anderen bleiben.

Screenhot: The Americans

Screenhot: The Americans – Elizabeth und Philipp

Insofern auch mal interessant, wie das in den 80er Jahren so in den USA gewesen ist – oder gewesen sein könnte. Bei The Americans handelt es sich ja nicht um eine Doku-Serie, sondern um Fiction. Aber ausstattungstechnisch haben sich die Macher große Mühe gegeben, es ist alles herrlich 80er – inklusive der Musik, auch wenn es sich nicht gerade um meine Lieblingssongs der 80er handelt. Und diese ganze analoge Technik! Das macht schon Spaß, auch wenn letztlich keine Rolle spielt, was die KGB-Leute denn eigentlich gegen den Kapitalismus haben. Das ist tatsächlich ein merkwürdig blinder Fleck in der Geschichte – natürlich werden allerlei Motivationen bemüht, es gibt Kriegsgeschichten, Stalingrad, das angedeutete Elend der Nachkriegszeit, aber irgendwie immer nur persönliches Schicksal und keine Politik. Denn im Grunde kann man den Kapitalismus gar nicht kritisieren, nicht einmal die angebliche kommunistischen Hauptfiguren in einer Serie über den kalten Krieg dürfen das tun. Zwar kritisiert Elizabeth immer wieder einmal die unreflektierte und oberflächliche Art der Amerikaner – sie ist eindeutig die Linientreue, während ihr Partner durchaus darüber nachdenkt, überzulaufen, weil ihm der American Way of Life schon irgendwie zusagt. Aber am Ende ist er kein Verräter – allerdings nicht, weil er den Kommunismus besser finden würde, sondern, tja, das wird leider nicht so richtig klar.

Screenshot: The Americans

Screenshot: The Americans – der neue Nachbar Stan Beeman arbeitet ausgerechnet fürs FBI

In erster Linie ist es wohl die Loyalität gegenüber der Familie – Philipp liebt Elizabeth, obwohl es sich um eine arrangierte Ehe handelt und die beiden lieben ihre Kinder. Deshalb wachsen sie trotz aller Konflikte über sich hinaus und kriegen auch die aussichtslosesten Missionen noch irgendwie hin – sie tun es letztlich für die Familie. Auf diese Weise drücken sich die Serienschreiber um die politische Ebene – das ist zwar verständlich, finde ich aber schwach. Natürlich werden wieder allerlei Klischees über Russen bedient – der Vorgesetzte von Elizabeth und Philipp zeigt durchaus menschliche Züge, er hat eine gefühlvolle russische Seele. Aber ansonsten gibt es natürlich jede Menge seelenlose Apparatschiks und paranoide Betonköpfe – fairerweise muss man sagen, dass das in dieser Serie auch bei den Amis so ist. Aber das hinterlässt halt genau den schalen Nachgeschmack, weshalb ich dieser Serie dann doch nicht so gut finde, wie ich sie gern finden würde.

Screenshot The Americans

Screenshot The Americans

Und das verleidet mir auch ein bisschen die Vorfreude auf Child 44 – die Verfilmung dieses Stalin-Ära-Krimis von Tom Rob Smith, in dem der authentische Fall eines Serienmörders beschrieben wird, der in der Sowjetunion Dutzende von Menschen ermorden konnte, weil die Ermittlungsbehörden auf solche Fälle gar nicht vorbereitet waren – im real existierenden Sozialismus sind Verbrechen dieser Art eigentlich undenkbar. Smith hat den Fall allerdings in die Stalin-Ära verlegt, eigentlich fand die Mordserie in den 80er Jahren statt. Aber dadurch wird die Geschichte natürlich deutlich nachvollziehbarer und gleichzeitig beklemmender: Der ermittelnde Kommissar riskiert nicht nur seine Karriere, sondern am Ende auch sein Leben und das seiner Familie, weil er eigentlich gar nicht denken darf, was er denken muss, um den Mörder zu finden. Das Buch hat zwar Schwächen, die Geschichte ist aber durchaus Thriller-tauglich. Außerdem: Regie – Daniel Espinosa! Darsteller: Tom Hardy! Gary Oldman! Noomi Rapace! Joel Kinnaman!

Könnte bei der Schwedenquote eigentlich auch richtig gut werden…