Der junge Karl Marx

Derzeit läuft Raoul Pecks Film Der junge Karl Marx in den deutschen Kinos. Damit hat sich der Haitianische Regisseur einen in vielerlei Hinsicht sehr schwierigen Stoff vorgenommen. Zum einen, weil das Verhältnis der Deutschen zu ihrem größten Denker ein extrem gestörtes ist – Marx wird heutzutage ja für viele schreckliche Dinge verantwortlich gemacht, die er weder gedacht, noch gutgeheißen hätte. So habe der Film-Förderfonds des Europarates Eurimages eine Förderung abgelehnt „weil man dann auch gleich einen Film über Stalin fördern könnte.“

Zum anderen ist es wirklich nicht einfach, ein Film über das Denken zu machen, über Gedanken, Ideen und deren Entwicklung – denn das ist es ja, was Marx hauptsächlich getan hat: Gedacht, analysiert, seine Gedanken aufgeschrieben und hinterfragt, präzisiert, neu formuliert. Eine anstrengende, aufreibende und materiell wenig einträgliche Schwerstarbeit, die bis heute nicht angemessen anerkannt und gewürdigt wird.

Die Welt kritisiert prompt: „Sie trinken viel, sie lachen viel: Raoul Peck verfilmt die Zeit, als Karl Marx Kommunist wurde. Eine Mutation aus französischem Laberkino und deutschem Kostümfilm.“ Und findet den Film unfreiwillig komisch. Dafür vermisst sie an August Diehls Darstellung des Karl Marx „alles Dämonische, Gefährliche, ja eigentümlich Deutsche, das alle Zeitgenossen an ihm bemerkten.“

Und natürlich auch den Hinweis auf die Abermillionen Toten, die Marx auf dem Gewissen habe, weil er ja den Kommunismus erfand. Stattdessen würden im Abspann Szenen kapitalistischer, neokolonialer Ausbeutung gezeigt und in der letzten Einstellung gar brennende Dollarscheine. „Ein intellektuelles und ästhetisches Desaster.“

Was allerdings auch diese Filmkritik ganz gut zusammenfasst. Denn Marx war ja schon lange tot, als es zur Oktoberrevolution kam. Und er wäre ganz bestimmt kein Freund von Stalin und diversen anderen angeblich kommunistischen oder sozialistischen Führerfiguren gewesen. Marx hat orthodoxes Denken immer strikt abgelehnt und sein Freund Engels, der als „Mitbegründer“ des Marxismus gilt, schrieb gar: „Alles, was ich weiß, ist, dass ich kein Marxist bin!“

Man erinnere sich: Marx war ein Freigeist, manche würden ihn auch einen Querdenker nennen (auch wenn ich diesen Begriff doof finde, schon weil sich jeder FDPler heute für einen Querdenker hält, obwohl er nur INSM-Denke wiederkäut), der seine Tätigkeit als Chefredakteur der liberalen Rheinischen Zeitung aufgeben musste, weil er regelmäßig in Konflikt mit den Zensurbehörden kam. Marx kritisierte die herrschende Ordnung, die Religion, die Philosophie, und, natürlich, den Kapitalismus, den er in seinen späteren Jahren ausführlich analysiert und völlig zu recht für das Elend der arbeitenden Klasse verantwortlich gemacht hat. Dabei verstand Marx sein Werk als ständig zu überprüfende Analyse der jeweiligen Verhältnisse und eben nicht als eine wie auch immer geartete Handlungsanweisung für eine utopische Gesellschaft. An den real existierenden realsozialistischen Staaten hätte Marx garantiert eine Menge zu kritisieren. An allen anderen natürlich auch.

Doch leider ist ausgerechnet das nicht der Gegenstand des Films, der sich darauf beschränkt, die Zeit von 1843 bis 1848 zu zeigen, die Jahre also zwischen dem Rauswurf bei der Rheinischen Zeitung und dem Erscheinen des Kommunistischen Manifests. Und auch das gelingt leider nicht besonders gut – wer nicht vorher schon weiß, was in diesen Jahren passiert, bekommt hier keine Geschichtsstunde, mit der man das nachholen könnte.

Es ist eben schwer, Denkprozesse filmisch umzusetzen – insofern ist das Welt-Bonmot mit dem französischem Laberkino und deutschem Kostümfilm leider doch ziemlich treffend, wie ich ungern einräumen muss. Denn im Grunde liefert der Film nur bebilderte Anekdoten: Am Anfang werden verhuschte Gestalten im schönen deutschen Wald gezeigt, deren Verbrechen es ist, verbotenerweise Feuerholz zu sammeln – seit die Eisenbahnen durchs Land gebaut werden, ist Holz ein teurer Wirtschaftsfaktor, der einen entsprechenden Preis haben muss. Den arme Tagelöhner aber nicht zahlen können. Das ist nicht fair, denkt Marx. Und auch, dass deshalb verständlich ist, dass sie nicht nachvollziehen können, dass es ein Verbrechen sein soll, zu tun, was man tun muss, um zu überleben.

Ähnlich denkt auch Friedrich Engels (Stefan Konarske), der Industriellensohn, der im Betrieb seines Vaters als Prokurist arbeitet und die Ausbeutung der dort beschäftigen Arbeiterinnen somit direkt vor Augen hat. Kein Wunder, dass sich die beiden gut verstehen, als sie aufeinander treffen – wobei der Anfang dieser wunderbaren Freundschaft im wahren Leben wohl etwas holpriger war. Aber das Ergebnis zählt.

Und dann haben die beiden jeweils noch engagierte Frauen an ihrer Seite – Friedrich liebt die rebellische Arbeiterin Mary Burns (Hannah Steele), über die er einen Zugang zum Proletariat erhält, dem der seine Studie „Die Lage der arbeitenden Klasse in England“ widmet. Karl Marx hat Jenny (Vicky Krieps) an seiner Seite, die als Tochter des Landrates von Salzwedel ein ganz anderes Leben hätte führen können, als an der Seite des chronisch unter Geldmangel leidenden Karl. Aber Jenny von Westphalen entschied sich für den jungen Intellektuellen – und somit gegen ihre Klasse und für den Sozialismus. Sie tritt auch im Film immer wieder als kluge Stichwortgeberin auf, die ihrem geliebten Ehegatten bei der Formulierung schwieriger Gedanken hilft. Womit vermutlich die historische Rolle der Jenny Marx auch angemessen beschrieben wird. (Nebenbei gebar sie sieben Kinder, die irgendwie versorgt werden mussten, was in jenen Zeiten keineswegs einfach war – nur drei Töchter erreichten das Erwachsenenalter.)

Dennoch ist dieses ganze Stichwort-Dropping insgesamt eine Schwäche des Films: Es werden immer wieder bekannte Zitate bemüht, um bestimmte Konflikte oder Auseinandersetzungen anzudeuten, die Karl und Friedrich mit anderen Denkern ihrer Zeit hatten, die aber nicht weiter erklärt oder ausgeführt werden – wer hier nicht ohnehin schon weiß, worum es eigentlich geht, ist am Ende aber kein bisschen schlauer. (Ich habe den Film mit meiner Tochter angesehen, die sich gerade auf ihren Fachoberschulabschluss vorbereitet und sehr interessiert an Gesellschaft und Geschichte ist – an ihren Fragen habe ich gemerkt, dass der Film tatsächlich viel Vorwissen voraussetzt. )

Ähnlich ist es auch mit den Erkenntnissen, zu denen die beiden, oder eher die vier, mit der Zeit gelangen – es ist natürlich bezeichnend, dass Marx und Engels im „Bund der Gerechten“ die Parole „Alle Menschen werden Brüder“ durch „Proletarier aller Länder, vereinigt euch!“ ersetzen:  Die klare Ansage ist Klassenkampf statt einer verschwurbelten „Wir-haben-uns-doch-alle-lieb“-Romantik. Allein dafür möchte ich Raoul Peck auf die Schulter klopfen.

Aber wer in dem breiten Publikum, auf das der Film offensichtlich abzielt, kapiert das tatsächlich? Wir kriegen doch seit Jahrzehnten erzählt, dass wir längst in einer angeblich klassenlosen Gesellschaft leben – was zwar eine verdammte Lüge ist, aber dennoch von erstaunlich vielen Menschen geglaubt wird: Jeder, der sich anstrengt, kann es nach ganz oben schaffen. Man muss nur wollen und gaaanz viel arbeiten. Und wer keine Arbeit hat, strengt sich halt nicht genug an. Oder hat was falsch gemacht. (Oder schon genug geerbt…)

Zurück zum Film: Was mir gefällt, ist, dass er in verschiedenen Sprachen gedreht wurde: Natürlich spricht man in Paris französisch und in England englisch – aber die Schwierigkeiten, mit denen die arbeitenden Menschen zu kämpfen haben, sind überall gleich. Natürlich müssen sich die Proletarier aller Länder vereinen, wenn sie eine Chance im Kampf gegen die herrschenden Verhältnisse haben wollen.

Was wir derzeit aber erleben ist, dass der Kapitalismus längst global ist, während die Arbeiter verschiedener Länder gegeneinander ausgespielt werden – und das weiterhin mitmachen, ja sogar verstärkt wieder auf nationalistische Rattenfänger hereinfallen, die ihnen erzählen, dass früher doch alles viel besser gewesen sei. Oder gar in windigen Superkapitalisten wie Donald Trump einen Heilsbringer vermuten, was so ziemlich in jeder Hinsicht absurd ist, weil so einer nun wirklich der letzte ist, von dem man vermuten sollte, dass er ein Interesse daran haben könnte, an der Situation derer, die sein Vermögen tatsächlich erarbeitet haben, etwas zu verbessern.

„Wenn Sie weniger Kinder für sich schuften lassen würden, müsste Sie am Ende wohl selbst arbeiten!“ sagt Friedrich Engels im Film zu einem Fabrikbesitzer, der erklärt, dass er halt zusehen muss, wie sein Betrieb profitabel bleiben kann. Und damit komme ich zu einem letzten Zitat, diesmal von Hauptdarsteller August Diehl, der das Anliegen des Films damit angemessen zusammenfasst: „Wir leben in Zeiten, wo sich im Vergleich zu damals nicht so wahnsinnig viel geändert hat. Damals entstand die neue Sklavenklasse, das Proletariat. Der einzige Unterschied zu heute ist, dass wir die Kinder, die für uns arbeiten, ans andere Ende der Welt und damit weit weg von uns ausgelagert haben.“

Allein deshalb lohnt es sich, den Film anzusehen, auch wenn das Elend der Arbeiterklasse in für meinen Geschmack viel zu schönen Bildern gezeigt wird.

Aber dafür gibt es auch einen passenden Film: Workingsman’s Death.

The Big Short: So geht Kapitalismus

Kurzfassung: The Big Short ist ein sehr unterhaltsamer Lehrfilm über die Finanzkrise.

Langfassung: In den Nullerjahren des neuen Jahrtausends werden an der Wall Street immer verrücktere Börsengeschäfte getätigt – die Wirtschaft boomt und alle gehen davon aus, dass es immer so weiter gehen wird – und zwar nicht nur die Börsenmakler, die sich über immer fettere Boni freuen.

Alle machen mit: Selbst Arbeitslose bekommen Hypotheken auf viel zu große Häuser, die im Wert immer weiter steigen sollen – so dass sich die Hypothek quasi von selbst bezahlt, wenn sie später das Haus verkaufen. Natürlich ist das Unsinn, wenn man ernsthaft darüber nachdenkt, aber so genau darüber nachdenken will halt niemand – dann wäre der Spaß ja vorbei. Und Geld verdienen ist der größte Spaß überhaupt. Deshalb drehen intellektuell eher mittelmäßig begabte, dafür aber gewissenlose Anlageberater ihren Kunden Verträge an, die angeblich Superrenditen bei minimalem Risiko bieten und ihnen selbst üppige Provisionen. Und erstmal zahlen alle, „denn wer ist schon so verrückt, seine Hypothek nicht zu bezahlen?“ fragt ein Banker rhetorisch. Aber unterschwellig ist die Krise schon da, im Jahr 2005, auch wenn niemand sie sehen will. Immer mehr Menschen verlieren ihre Jobs und können eben nicht mehr zahlen. Aber solange die Ausfallrate nicht über vier Prozent steigt – und das wird sie nicht, NIEMALS, da sind alle Finanzexperten ganz sicher – kann nichts passieren. Es gibt kein besseres Investment als den US-Immobilienmarkt. Todsicher.

Dr. Michael Burry (Christian Bale) hat etwas entdeckt. Bild: thebigshortmovie.comDr. Michael Burry (Christian Bale) hat etwas entdeckt. Bild: thebigshortmovie.com

Dr. Michael Burry (Christian Bale) hat etwas entdeckt. Bild: thebigshortmovie.com

Es gibt allerdings dennoch einige Spaßbremsen, denen dieser Boom unheimlich ist, etwa den Hegefondsmanager Dr. Michael Burry (Christina Bale). Er ist zwar eigentlich Mediziner, hat aber irgendwann beschlossen, richtig Geld verdienen zu wollen und er ist wahnsinnig gut mit Zahlen. Burry beauftragt einen neuen Mitarbeiter damit, einmal nachzuschauen, was wirklich in den Finanzprodukten drin ist, die als grundsolide verkauft werden und trotzdem Wahnsinnsrenditen versprechen. Und siehe da: In den Paketen, die die Banken aus zig Immobilienkrediten zusammenschnüren und mit Topratings verkaufen, entdeckt Burry jede Menge faule Kredite: Die Tripple-A-Ratings decken die ganzen B-Ratings zu.

Längst hat sich eine riesige Blase im Immobilienmarkt gebildet, die in absehbarerer Zeit platzen wird. Burry beschließt, das ihm anvertraute Geld zu retten, in dem er gegen den Markt wettet – er setzt also darauf, dass die Immobilienpapiere ihren Wert verlieren. Er shortet sie, in dem er Goldman Sachs und die Deutsche Bank dazu bringt, ihm ein neues Finanzprodukt zu basteln, das genau eine solche Wette ermöglicht: Credit Default Swaps (CDS), also Kreditausfall-Versicherungen. Wer diese Papiere kauft, bezahlt eine Gebühr und wenn der zugrundeliegende Kredit platzt, macht der CDS-Besitzer einen hohen Gewinn. Die Banker lachen sich kaputt über Dr. Burrys komische Idee und kaufen massenhaft CDS – denn der Immobilienmarkt ist todsicher. Aber wenn der Irre da Geld verschenken will – dann tun sie ihm den Gefallen.

Allerdings lässt die erwartete Krise länger auf sich warten als Burry vermutet hatte – ihm drohen seine Kunden wegzulaufen, die seine Idee ebenfalls nicht kapiert haben und nun um ihr Geld fürchten. Doch Burry bleibt standhaft, auch wenn er nicht fassen kann, dass tatsächlich alle unter einer Decke stecken – denn obwohl die Immobilienpreise wie erwartet tatsächlich zu sinken beginnen, schlägt das entgegen Burrys Erwartungen längere Zeit nicht auf den Finanzmarkt durch. Was nur durch Absprachen sämtlicher Institute inklusive der Ratingagenturen und der Finanzaufsichtsbehörden möglich sein kann.

Mark Baum (Steve Carrell) und Jared Vennett (Ryan Gosling) Bild: thebigshortmovie.com

Mark Baum (Steve Carrell) und Jared Vennett (Ryan Gosling) Bild: thebigshortmovie.com

Die gleiche Entdeckung macht auch der cholerisch veranlagte Mark Baum (Steve Carell), der ebenfalls einen Hedgefonds managt. Baum ist ein Rüpel, der niemanden zu Wort kommen lässt, jeden anbrüllt und auch sonst ein Arschloch – und dennoch über einen ausgesprochenen Gerechtigkeitssinn verfügt. Ihn empört einfach, wie der Markt funktioniert. Was ihn aber nicht daran hindert, genau diese Funktionsweise für sich und seine Kunden auszunutzen. Er weiß, was er tut und er hasst es, aber er tut es trotzdem: Er füttert das Monster, bis es explodiert.

Auf die Spur gebracht wurde Baum von Jared Vennett (Ryan Gosling), einem Trader, der für die Deutsche Bank in New York arbeitet. Vennett handelt mit CDOs, genau den Papieren, in denen die ausfallgefährdeten Immobilienkredite versteckt werden: „Wir nehmen Hundescheiße und packen sie in Katzenscheiße.“ Vennett ist an der Entwicklung eben jener CDS beteiligt, mit denen der Markt, von dem sein Arbeitgeber lebt, geshortet wird – und weil Vennett gegen sein eigenes Haus wettet, sicherte er der Deutschen Bank das Überleben.

Und dann gibt es noch die beiden jungen Investoren Charlie Geller (John Magaro) und Jamie Shipley (Finn Wittrock), die gerne bei den großen Jungs mitspielen möchten, aber keinen Platz an deren Tisch bekommen. Als sie versuchen, an einen ISDA zu kommen, den sie brauchen, um die Trades abschließen zu können, mit denen endlich das ganz große Geld winkt, werden sie ausgelacht: Eine Milliarde müssten sie dafür schon mitbringen, nicht ihre lächerlichen 30 Millionen. Dafür fällt ihnen im Warteraum eine Kopie von Vennetts Präsentation in die Hände: Genau das ist die Chance, auf die sie gewartet haben.

Sie nehmen Kontakt mit ihrem Nachbarn aus ihrem Kaff in Colorado auf, dem ehemaligen Investmentbanker Ben Rickert (Brad Pitt), der inzwischen zu einem paranoiden Ökofreak mutiert ist. Sie schaffen es aber, Ben dazu zu bringen, ein paar alte Bekannte anzurufen und die Jungs in die richtigen Kreise zu bringen – auch wenn er eigentlich scheiße findet, was die beiden vorhaben, kokettiert mit er der Vorstellung eines Weltuntergangs: „Die nächste Währung werden Samen sein. Und zwar nicht dieser aufgepumpte Hybridscheiß von Monsanto. Sondern richtige Samen.“ Auf seiner Farm hat er genug davon, Ben ist für alle Fälle vorbereitet.

Ben Sickert (Brad Pitt) Bild: thebigshortmovie.com

Ben Sickert (Brad Pitt) Bild: thebigshortmovie.com

Aber so gut die Verdrängungsmechanismen auch funktionieren – im Jahr 2007 steigen die Zinsen für Interbankfinanzkredite sprunghaft an, was zu Verlusten und Insolvenzen innerhalb der Branche führt und eine Art Kettenreaktion auslöst: Der Kollaps nicht mehr aufzuhalten. Im September 2008 bricht die Großbank Lehman Brothers zusammen, große Finanzunternehmen wie Fannie Mae, Freddie Mac, UBS oder die Commerzbank werden durch gigantische staatliche Zuschüsse gerettet. Ganze Staaten gehen Pleite, siehe Griechenland, die Staatsverschuldung wächst überall in astronomische Höhen, Millionen Menschen verlieren ihre Jobs und ihre Häuser – und die Sache ist bis heute ja keineswegs vorbei.

„Wisst ihr, dass jedes Prozent höhere Arbeitslosigkeit in den USA 40.000 Tote mehr bedeutet?“ fragt Ben Charlie und Jamie, als sie Freudentänze aufführen, weil nun ein Geldregen über sie niedergeht. Natürlich bleibt ihnen das Lachen erstmal im Hals stecken: „Aber warum hast du uns dann geholfen?“ „Ihr wolltet doch reich werden!“ antwortet Ben und wendet sich ab.

Nein, so richtig lustig ist The Big Short am Ende dann doch nicht, auch wenn es eine Menge witziger Szenen gibt und nebenbei noch eine Menge Fachbegriffe aus der Finanzwelt anschaulich erklärt werden. Die Idee, aus diesem eigentlich hoch spannenden, aber formal überaus öden Stoff eine Komödie zu machen, hat Adam McKay brillant umgesetzt – ich hoffe, dass dieser Film alle Preis bekommt, für die er nominiert wurde. Verdient hat er sie auf jeden Fall. Auch wenn die Witze zum Ende hin immer gemeiner werden und man zwar weiterhin lachen muss, aber es eigentlich längst nicht mehr will: Natürlich werden diejenigen, die diese forcierte Runde der Massenverarmung ausgelöst haben, nicht zu Verantwortung gezogen, natürlich werden wieder die Reichen gerettet und nicht die Armen und am Ende schiebt man denen, die am wenigsten dafür können, die Verantwortung dafür zu, dass es fast allen schlechter geht: Gebt die Schuld den Flüchtlingen, den Immigranten und den Armen.

Sorry, das war kein Witz. Trotzdem: Meiner Ansicht nach sollte The Big Short ein Pflichtfilm für den Wirtschaftskundeunterricht werden. Ach was, dieser Film sollte die ganze Wirtschaftskunde komplett ersetzen. Genau so geht Kapitalismus. Alles andere ist die Wirklichkeit unerträglich verharmlosende Propaganda.

Savages – Kapitalismus ist etwas für Wilde

Es ist ja nicht so, dass ich mir nur noch Spiele-Verfilmungen ansehe, auch wenn vielleicht dieser Eindruck entstanden ist, nur weil ich jetzt, nachdem die beste Serie dieses Sommers nun einmal gelaufen ist, noch keinen halbwegs befriedigenden Ersatz gefunden habe. Ich habe damit angefangen, mir wieder Filme anzusehen – unter anderem Savages von Oliver Stone.

Ich kann nicht sagen, dass ich ein ausgesprochener Oliver-Stone-Fan bin, wobei es Oliver-Stone-Filme gibt, die ich richtig gut finde, vor allem das vergleichsweise unbekannte Roadmovie U-Turn, das ich mir unbedingt auch noch einmal ansehen muss… ja, und ich finde wirklich cool, dass er Comandante gemacht hat. Ein US-Regisseur, der einen Dokumentar-Film über Fidel Castro macht, in dem er den Comandante als ernsthaften und nachdenklichen Mann zeigt, dem in erster Linie etwas an den Menschen in seinem Land liegt – das hat Größe.

Screenshot Savages: O. (Blake Lively) und Chon (Taylor Kitsch)

Screenshot Savages: O. (Blake Lively) und Chon (Taylor Kitsch)

Und wenn man sich mal ansieht, wie die Verhältnisse in Kuba – das von den USA jahrzehntelang in Grund und Boden boykottiert wurde – im Vergleich zu anderen Karibik-Staaten aussehen, dann kann man schon auf die Idee kommen, dass die Idee des Sozialismus nicht dermaßen schlecht für die Menschen sein muss, wie die Kapitalisten immer behaupten. Die Leute auf Haiti beispielsweise wären sicherlich froh, wenn sie kubanische Verhältnisse hätten. Und wo wir schon dabei sind: Libyen wurde von der NATO innerhalb kürzester Zeit vom reichsten Land Afrikas mit vorbildlichem Gesundheits- und Bildungssystem zu einem Failed State gebombt. Weder die Freiheit, noch der Markt kriegen das jetzt irgendwie wieder hin – genau wie in diversen anderen Staaten, die in den letzten Jahren (und Jahrzehnten) mit Freiheit und Demokratie beglückt wurden und jetzt Trümmerwüsten sind.

Oliver, übernehmen Sie?

Zurück zu Savages. Das Drogengeschäft ist ein leuchtendes Beispiel dafür, wie Kapitalismus funktioniert: Wo ein Bedarf ist, da ist auch ein Markt, egal, was die Moral und die gesetzliche Lage jeweils dazu sagen. Und weil in einer kapitalistischen Welt Menschen nun einmal gezwungen werden, Geld zu verdienen, um ihren Lebensunterhalt bestreiten zu können, müssen sie halt buchstäblich um jeden Preis Geld verdienen. Wenn ihnen das gelingt, dann kann die Welt sehr schön sein. Wenn nicht, dann wird es ziemlich hässlich – dazu gibt es auch Filme, etwa den Dokumentarfilm Workingman’s Death von Michael Glawogger, der zeigt, was Menschen alles tun, um irgendwie zu überleben. Es gibt sehr viele sehr dreckige Jobs.

Screenshot Savages: O. (Blake Lively) und Ben (Aaron Taylor-Johnson)

Screenshot Savages: O. (Blake Lively) und Ben (Aaron Taylor-Johnson)

Und dann gibt es die Jobs, die erstmal nicht so dreckig wirken – so ein stylisches Hightech-Gewächshaus mit hübschen grünen Pflanzen darin ist sehr viel angenehmer als etwa ein Schlachthof oder ein Schrottplatz in Afrika, ein illegale Kohlenmine in Osteuropa (um bei den Beispielen aus Workingsman’s Death zu bleiben), ein Näherinnen-Job in Bangladesh oder auch ein Job am Band von Foxconn.

Savages setzt mit dem amerikanischen Traum ein. Das ist konsequent, weil sich daraus der amerikanische Alptraum entwickelt: Wir sind an der goldenen Küste Kaliforniens, in einem wunderschönen Haus in einer traumhaften Gegend, in der drei glückliche Menschen ihr perfektes Leben leben – oder leben würden, wenn man sie denn ließe.

Aber da ist dieses Video, das in einem Lagerhaus in Mexiko aufgenommen wurde. Mehrere Entführte werden mit einer Kettensäge bedroht. Und wie man sich denken kann, bleibt es nicht bei dieser Drohung. Es ist also eine Warnung aus der Hölle, die in das schöne Leben von Ophelia, Ben und Chon einbricht. Die drei sind jung, sehen gut aus und haben es einfach drauf: Sie genießen das Leben und versuchen – jeder auf sein Weise – etwas Sinnvolles zu tun. Und Geld zu verdienen.

Screenshot Savages: Chon, O. und Ben

Screenshot Savages: Chon, O. und Ben

Das Gehirn dieser Gruppe ist Ben (Aaron Taylor-Johnson). Ben hat einen Universitäts-Abschluss in Betriebswirtschaft und einen in Botanik. Somit liegt es nahe, dass er ins Marihuana-Business eingestiegen ist: Auf diese Weise macht er seine Kunden und sich selbst glücklich. Und weil man mit dem besten Gras nun einmal das beste Geschäft machen kann, hat seine bester Freund Chon (Taylor Kitsch) dafür gesorgt, dass sie das allerbeste haben: Als Soldat, der in Irak und Afghanistan eingesetzt wurde, kam er an das edelste Saatgut der Welt heran. Damit haben sich die beiden Jungs ein extrem einträgliches Geschäft aufgebaut – Millionen zufriedener Kunden können sich nicht irren.

O. (Blake Lively) liebt sie alle beide – den irgendwie naiven, aber genialen Weltverbesserer Ben und die attraktive Killermaschine Chon, die beide zusammen den perfekten Mann für sie abgeben. Die drei scheinen sehr glücklich mit ihrem Arrangement zu sein: Ben, der ständig in der ganzen Welt herumreist, um seine altruistischen Projekte voranzubringen – Geld genug hat er ja dafür – Chon, der mit den Traumata beschäftigt ist, die er aus seinen Kriegseinsätzen mitgebracht hat und O., die darin aufgeht, die Freundin und Muse dieser beiden doch sehr unterschiedlichen Männer zu sein.

Screenshot Savages: Chon (Taylor Kitsch) und Ben (Aaron Taylor-Johnson)

Screenshot Savages: Chon (Taylor Kitsch) und Ben (Aaron Taylor-Johnson)

Genau das sorgt im Verlauf der Geschichte aber für Irritationen – die konservativen Mexikaner vom Kartell, die einerseits keine Skrupel haben, Menschen mit Kettensägen zu zerlegen oder ihnen brennende Autoreifen um den Hals zu hängen, finden diese Dreiecksgeschichte höchst irritierend. Mit ihrem Begriff von Ehre ist so etwas jedenfalls nicht vereinbar.

Die Kartell-Leute wollen aber von dem prosperierenden Geschäftsmodell von Ben und Chon profitieren – die Jungs mit ihrem guten Stoff machen ihnen nämlich den Markt kaputt. Und aus ihrer Sicht machen sie den beiden ein Angebot, das man nicht ausschlagen kann: Sie wollen von ihnen lernen, wie man das gute Zeug kultiviert und nur 20 Prozent des Umsatzes für die nächsten drei Jahre.

Screenshot Savages: Alex (Demián Bichir)

Screenshot Savages: Alex (Demián Bichir)

Aber Ben und Chon wollen natürlich keine Geschäfte mit diesen brutalen Kartell-Killern machen – sie bitten um Bedenkzeit und bereiten ihre Flucht vor. Wie sich unschwer vorstellen lässt, geht das gründlich schief. Während ihnen ihr Kontaktmann bei der DEA, der korrupte Agent Dennis (überzeugend wie immer als schmieriger Schleimer: John Travolta) dazu rät, den Deal anzunehmen, entführen die Mexikaner im Auftrag der Kartell-Chefin Elena (Salma Hayek) die ahnungslose O. Offenbar hatte Elena derartige Schwierigkeiten vorausgesehen.

Wie man aus Breaking Bad ja schon gelernt hat, ist es einfach nicht möglich, im Drogengeschäft sauber zu bleiben. (In anderen Geschäften aber auch nicht, wie uns der aktuelle VW-Skandal lehrt) Genauso, wie es nicht möglich ist, eine solches Geschäft gewaltfrei zu betreiben – in ihrem eigenen Laden mag das zwar irgendwie hinhauen, aber die internationale Konkurrenz wirft halt nicht mit Wattebäuschchen. Diese Sache mit O. zeigt Ben und Chon, dass hier andere Gesetze gelten – auf die sie sich dann aber erstaunlich schnell einlassen: Sie beschließen, O. gewaltsam zu befreien.

Screenshot Savages: Kartell-Chefin Elena (Salma Hayek)

Screenshot Savages: Kartell-Chefin Elena (Salma Hayek)

Die beiden brechen damit einen Krieg vom Zaun, der eine Menge Opfer fordert: Als erstes überfallen sie mit der Hilfe von einigen ehemaligen Navi Seals, die Chon von früher kennt, einen Geldtransport des Kartells und bringen dabei sieben Männer um. Die Tat schieben sie der rechten Hand von Elena unter, dem Anwalt Alex (Demián Bichir). Der wiederum wird von Elenas Mann fürs Grobe Lado (Benicio Del Toro) so lange gefoltert, bis er alles gesteht, was die anderen von ihm hören wollen, um damit wenigstens seine Familie zu retten. Ausgerechnet der friedliebende Ben wird dann gezwungen, Alex auf grausamste Weise zu töten. Aber wenn nicht nur das eigene Leben, sondern auch das der besten Freunde auf dem Spiel steht, gibt es eben keine andere Wahl.

Immerhin haben die beiden inzwischen erfahren, dass Elena eine Tochter hat, Magda, die in Kalifornien lebt. Sie beschließen, den Spieß umzudrehen und Magda zu entführen. Letztlich geht der Plan auf – es kommt am Ende zu einem Gefangenenaustausch, von dem es zwei Versionen zu sehen gibt, die eine, in der alle drei zusammen sterben und die andere, in der sie letztlich davon kommen.

Alles in allem trägt Stone ziemlich dick auf, der Film ist streckenweise durchaus trashig („von Tarrantino inspiriert“ könnte man auch sagen) – das ist es aber eben auch, was mir großen Spaß macht: Die Figuren sind allesamt Karikaturen ihrer selbst. Wobei die Brutalität der Kartell-Leute und die Härten ihrer Welt leider keineswegs übertrieben dargestellt werden – das ist eben nicht das holzschnittartige Weltbild eines alternden Oliver Stone, wie zahlreiche Kritiker enttäuscht diagnostiziert haben, sondern die hässliche Kehrseite einer Gesellschaft, die den Konkurrenzkampf als ultimatives Mittel für Erfolg und Fortschritt ansieht. Und die hat Stone ziemlich gut getroffen. Und ich finde auch die Diskussion müßig, wer jetzt denn die Wilden (Savages) sind – wenn es ums Überleben geht, sind die Wilden im Vorteil.

Screenshot Savages

Screenshot Savages

Und mich kotzen Kritiken an, in denen man jenen, die Rassismus und Sexismus aufgreifen und darstellen, eben Rassismus und Sexismus unterstellt – klar kann man sich darüber aufregen, dass die Mexikaner in dem Film allesamt brutale Kartell-Killer sind. Aber Stone wollte ja nicht „die Mexikaner“ in seinem Film porträtieren, sondern brutale Kartell-Killer, die eben aus Mexiko sind. Warum hat sich bei Breaking Bad niemand darüber aufgeregt? Da sind die Mexikaner doch auch die brutalen Kartell-Killer. Und die gibt es nun mal. Genau wie es in jeder Gesellschaft Arschlöcher gibt.

Und ist O. tatsächlich nur das naive blonde Dummchen? Eine Superheldin ist sie nicht. Aber auch nicht total blöd. Genau wie auch die eigentlich knallharte Kartell-Chefin Elena irgendwann Schwächen zeigt – natürlich ist es kein Vergnügen, einen solchen Job zu haben. Und sie ist eben auch Mutter. Hätte ein Mann sein Kind geopfert? Möglich, es gibt entsprechende Geschichten in der Bibel. Die übrigens tatsächlich Anlass zu Sexismus-Diskussionen liefert. Aber so gesehen ist ganz Hollywood ein einziges Rassismus-, Sexismus- und Klassenkampf-Problem. Darüber kann und muss man tatsächlich diskutieren. Aber hier führt das zu weit.

Tatsächlich ist die Welt für viele Menschen noch deutlich brutaler – da muss man sich ja nur mal die aktuellen Nachrichten ansehen. Ob sich am Ende dann nicht vielleicht doch die smarten Jungs, die es eigentlich gern besser gemacht hätten, aus der Affäre ziehen können, ist eben nicht ausgemacht. Wahrscheinlicher ist, dass sie alle dabei drauf gehen. Aber so pessimistisch, ähem realistisch, wollte Stone dann offenbar doch nicht sein. Natürlich will man sein Dope lieber von einem netten Typ wie Ben beziehen als vom Kartell. Aber wie Chon am Anfang schon festgestellt hat: „Werd erwachsen, Ben. Du veränderst die Welt nicht. Sie verändert dich!“

Tannbach: Deutsch-deutscher Mainstreamschrott

Man kann sich wirklich drauf verlassen, dass keiner der deutschen Fernsehsender fähig und willens ist, einen sehenswerten Mehrteiler über deutsche Geschichte zustande zu bringen. Ich hatte natürlich nicht ernsthaft erwartet, dass ausgerechnet ein neuer ZDF-Mehrteiler wie Tannbach an großartige Produktionen wie den Heimat-Zyklus von Edgar Reitz heranreichen würde – es ist ja nicht so, dass es noch nie gute deutsche Filme oder Serien über deutsche Geschichte gegeben hätte. Aber die Zeiten sind vorbei.

Und dass es dermaßen schlimm kommen könnte, hatte ich auch nicht gedacht, obwohl ich ja durch das Quersehen von Unsere Mütter, unsere Väter vor einiger Zeit durchaus vorgewarnt war.

Tannbach - Schicksal eines Dorfes Bild: zdf.de

Tannbach – Schicksal eines Dorfes Bild: zdf.de

Noch ist Tannbach – Schicksal eines Dorfes in der ZDF-Mediathek verfügbar, und weil auch der beste Serienvorrat irgendwann einmal zu Neige geht, habe ich in diesen Dreiteiler sozusagen aus wissenschaftlichem Interesse einmal reingesehen. Aber was ich gesehen habe, hat leider wieder bestätigt, dass auch ein großzügiges Produktionsbudget und ein beeindruckendes Aufgebot an tollen Schauspielern (Martina Gedeck, Nadja Uhl, Ronald Zehrfeld, Martin Held, Ludwig Trepte, Heiner Lauterbach und viele mehr) es halt nicht rausreißen, wenn das Drehbuch schrott ist.

Dabei ist die Grundidee ja gar nicht schlecht, die Geschichte eines geteilten Dorfes an der Grenze zwischen den beiden deutschen Staaten, in dem die Systemgegensätze aufeinanderprallen. Die Menschen müssen sich damit arrangieren – in Ost und West. Eine solche Geschichte bietet eine Menge Potenzial für die Entwicklung von ambivalenten und komplexen Charakteren, und eine schonungslose Analyse, was in beiden Systemen alles schief gelaufen ist. Zumal es das geteilte Dorf Mödlareuth, das die Vorlage für das fiktive Tannbach ist, tatsächlich gab.

Aber die Macher von Tannbach haben das komplett verschenkt und suhlen sich stattdessen in peinlichen Klischees, die sämtliche Stereotypen wiederholen, die man aus anderen deutschen Filmen dieser Art schon zur Genüge kennt – vor allem, dass die menschenverachtende Nazi-Herrschaft im Osten von einer kaum weniger brutalen kommunistischen Diktatur abgelöst wurde, während der Westen dank der Demokratisierung durch die Besatzer zu Wohlstand in Freiheit gekommen ist.

Dieses verlogene Muster wiederholt sich in den Figuren – da haben wir die ebenso zupackende wie aufopferungsvolle Gutsherrin, die gleich am Anfang schon ihren Auftritt als Märtyrerin bekommt, weil sie ihren Mann, den Grafen Georg von Striesow nicht verraten will, der sich als desillusionierter Deserteur in der Nähe versteckt, den ewigen Nazi, der sich wieder nach oben windet, weil er den neuen Herrschern nützlich ist, die heldenhafte Flüchtlingsmutter, die neben dem eigenen Sohn noch einen jüdischen Jungen rettet, fanatische Pimpfe, die noch an den Endsieg glauben wollen, die schöne Tochter des Grafen, die sich in den Arbeitersohn aus Berlin verliebt und so weiter und so fort.

Natürlich sind die amerikanischen Besatzer, die zuerst in Tannbach einmarschieren, erstmal auch nicht nett zu den deutschen, die für sie in erster Linie Nazis sind, aber sie sind natürlich nicht so schlimm wie die Russen, die vergewaltigen und plündern und allesamt gewalttätige Unmenschen sind – was ja wohl eher auf die Nazis zuträfe, die zuvor ihr Land erst geplündert und dann platt gemacht und dabei jede Menge Menschen ermordet haben, aber okay, das war hier ja nicht das Thema.

Und natürlich findet der Graf die Enteignung, die in der sowjetischen Besatzungszone statt findet, total ungerecht – er hatte halt das Pech, dass sein Gut auf der östlichen Seite von Tannbach liegt. Dabei könnte man ja auch mal fragen, auf welche Weise die Landjunker eigentlich an ihr Land gekommen sind – legal erworben hat ja wohl keine Adelsfamilie ihren Besitz, sondern der wurde irgendwann irgendwem mit Gewalt weg genommen. Ein Paradies war die Grundherrschaft für die Untergeben keineswegs – deshalb wollten die Kommunisten es auch ja mal anders machen. Aber über solche Dinge zu reflektieren ist natürlich zu viel verlangt, lieber hält man sich an die bewährte Mainstream-Ideologie.

Das Land wird an so genannte Neubauern verteilt, darunter auch Friedrich und Anna, die Gutstochter, die den Arbeitersohn inzwischen geheiratet hat. Aber klar, das Leben der Jungbauern ist hart und entbehrungsreich – gut dass Lothar, der jüdische Stiefbruder von Friedrich, als Schmuggler zum Lebensunterhalt beiträgt. Klar, der Jude ist halt besser im Schwarzmarktbusiness, während der Arier eben Bauerngene hat. Warum merken die Autoren eigentlich nicht selbst, wie peinlich sie sind?

Die Mutter der beiden ungleichen Brüder ist in die USA ausgewandert und kommt später zu Besuch, als ein Grenzzaun durch das Dorf geht und die Menschen im Osten strengen Sicherheitsbestimmungen unterworfen sind. Natürlich schwärmt sie von den USA als Hort von Frieden und Freiheit – und bleibt später im Westen. Zwar gibt es auch gute Kommunisten in Tannbach, aber die haben letztlich nicht viel zu melden. Ihr Glaube an einer bessere und gerechtere Gesellschaft wird als naiv und unhaltbar vorgeführt – schließlich hat die Geschichte ja bewiesen, dass der Kapitalismus nun einmal das überlegene System ist. Da hilft auch nicht, dass Anna ihrem niedergeschlagenen Friedrich am Schluss sagen darf, dass sie stolz auf ihn sei und das, was sie inzwischen aufgebaut haben. Irgendein gutes Haar muss man schließlich auch an den Ossis lassen, die ja eben auch fleißige Menschen waren, nur eben in der falschen Hälfte Deutschlands.

Wer irgendetwas über die Zeit der deutsch-deutschen Teilung wissen will, kann Tannbach getrost auslassen, denn hier gibt es nichts Neues zu erfahren, sondern nur ZDF-typischen Mainstreamschrott der Sonderklasse. Stattdessen lohnt es sich eher, sich die vom DDR-Fernsehen Polizeiruf-110-Folgen anzusehen. Da erfährt man wesentlich mehr über das Leben in der DDR.

Robocop reloaded – die Zukunft hat längst begonnen

So, jetzt hab ich ihn endlich gesehen, den neuen Robocop und bin erleichtert: Es ist ein durchaus gelungener Film, in dem die Geschichte des Polizisten Alex Murphy und seiner Verwandlung in eine Maschine neu erzählt wird. Das Gemecker in einschlägigen Foren, wie man denn überhaupt wagen könne, Robocop neu zu verfilmen, und dann noch mit so einem dahergelaufenen Schweden, wo doch Peter Weller der einzig wahre Robocop sei, kann man getrost vergessen. Wobei Peter Weller natürlich ein fantastischer Robocop war. Aber Joel Kinnaman ist halt auch ein großartiger Robocop.

Ich muss natürlich zugeben, dass Joel Kinnaman für mich sogar ein entscheidendes Extra an dem Film ist und hoffe sehr, ihn jetzt häufiger in guten Filmen zu sehen. Denn obwohl ich das meiste, was ich bisher von ihm gesehen habe, ziemlich bis sehr gut fand, ist auch ein Joel Kinnaman keine Allzweckwaffe gegen schlechte Filme. The Darkest Hour beispielsweise ist einer der schlechtesten Science-Fiction-Filme, die ich je zu sehen versucht habe – ich habe den nicht bis zum Ende durchgehalten, weil er einfach zu öde war. Der spielt in der Liga von Independece Daysatster, den ich auch einfach zu schlimm fand, um ihn durchzuhalten. Dabei schaue ich mir eigentlich gern auch trashiges Zeugs an, und ruhig auch total schrägen, gewalttätigen Gaga-Trash wie Machete Kills und so weiter. Aber es gibt halt in jedem Genre bessere und schlechtere Filme. Und so hatte ich schon etwas Bedenken, dass es mit der Neuverfilmung von Robocop schief gehen könnte. Ging es aber nicht.

Was stimmt, ist, dass der neue Robocop weitgehend humorfrei ist. Das Original von Paul Verhoeven ist ja quasi schon seine eigene Satire, was eine echte Meisterleistung war und ist – dieser beißende, schwarze und abgründige Humor ist DAS Markenzeichen von Verhoeven-Filmen. Hier haben wir aber einen José-Padilha-Film. Der Brasilianer ist von Haus aus ein Dokumentar-Filmer, und zwar ein kritischer, der sich für Themen wie Gewalt, Drogen, Korruption und so weiter interessiert, weshalb ich sehr gespannt war, wie er einen Stoff wie Robocop angehen würde.

Was auch stimmt, ist, dass dem Film der Superbösewicht Clarence Boddicker samt seiner brutale Gang abhanden gekommen ist – was ich keineswegs als Verlust empfinde. Mir gehen diese dämonischen Superbösewichte ohnehin auf die Nerven, weshalb ich auch kein großer Fan von Psychopathen-Filmen bin – das ist nicht die Art des Bösen, die mich interessiert. Viel spannender als jeden superperversen Totalspychopathen finde ich die „normalen“ Psychopathen, selbstbezogene Chefs, entgleiste Underdogs, die irgendwann einfach den Kanal voll haben und abdrehen, und dann natürlich die ganze Palette des trivialen Bösen wie halt korrupte Bullen oder gierige Aufsteiger, Menschen eben, die kriminelle Dinge tun, weil sie sich irgendeinen Vorteil davon versprechen und nicht weil sie so furchtbar böse sind. Die meisten Verbrechen geschehen ja nicht, weil jemand einfach böse sein will, sondern weil es auf legale Weise halt unheimlich mühsam ist, seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. All das wird in Robocop so natürlich nicht thematisiert, da geht es schließlich um die Verbrechensbekämpfung und wie man die möglichst effektiv gestalten kann. Und natürlich gibt es mit dem Waffenhändler Antoine Vallone auch noch einen Verbrecher, und zwar einen, der den engagierten Bullen Alex Murphy aus dem Weg haben will, weil er weiß, dass Murphy und sein Partner Jack Lewis (gespielt von Michael K. Williams, bekannt als Omar Little aus The Wire) ihm auf der Spur sind. Aber der ist halt ein normaler Gangster mit guten Verbindungen und kein durchgeknallter Psychopath.

Und es geht um Kapitalismus – der auch gar nicht infrage gestellt wird. Padilha, der Dokumentarfilmer, zeigt einfach, wie er funktioniert. Da ist der Hightech-Konzern Onmicorp, der weltweit seine Produktions- und Testzentren hat und einen Haufen Geld verdienen will. Onmicorp beliefert das US-Militär mit Drohnen und Robotern, die überall in der Welt für Ordnung und Sicherheit sorgen, ohne dass dabei das Leben von US-Soldaten gefährdet wird. Dass nicht allen Menschen in den besetzten, äh, befreiten, befriedeten Ländern das gefällt, wird gleich am Anfang klar, als ein Kommando von Selbstmordattentätern in Teheran einen Anschlag auf einige dieser Militär-Roboter verübt – nur, um damit ins Fernsehen zu kommen. Um zu zeigen, dass es Widerstand gibt. Und als einer der angegriffen Roboter ein mit einem Messer bewaffnetes Kind erschießt, wird die Liveschaltung in die USA unterbrochen. Denn eigentlich sollte das ja eine Werbesendung für die Omnicorp-Produkte sein. Und keine Kritik daran, zu der dieser Fernsehbeitrag nun zu mutieren droht.

Denn die ganzen schönen Omnicorp-Roboter dürfen in den USA nicht eingesetzt werden, weil man dort ethische Probleme damit hat, wenn Maschinen und nicht Menschen den Abzug betätigen. Auch wenn es die Menschen sind, die ständig Fehler machen. Omnicorp ist versessen darauf, den lukrativen Heimatmarkt endlich mit seinen Produkten ausstatten zu können. Die Vorstandsetage wird ganz wuschig, als sie ausgerechnen lässt, wieviele Millionen der Firma durch dieses unsinnige Gesetz, das bezeichnenderweise Dreyfuss Act heißt, jeden Tag, den es noch gilt, entgehen. Der Dreyfuss Act muss weg, soviel ist klar. Und Omnicorp braucht ein Produkt, das irgendwie menschlich ist, ohne dass der menschliche Faktor stört. Und der wird aus den menschlichen Überresten von Alex Murphy nach und nach heraus optimiert.

Es stellt sich nämlich schnell heraus, dass die vollautomatischen Roboter, die in den Tests gegen Robocop antreten, einfach effektiver sind. Sie denken nicht, sie handeln gemäß ihres Programms. Sie sind im Grunde das, was der klassische Robocop war: „Er hat keinen Namen, er hat ein Programm.“ Aber der neue Robocop wurde ja extra geschaffen, um nicht nur Programm zu sein, sondern eben ein überlegener Mensch dank maschineller Unterstützung. Über den neuen Robocop sagt Konzernchef Raymond Sellars (Michael Keaton): „Wir haben hier einen Roboter, der denkt, er sei Alex Murphy; und das ist, denke ich, legal.“ Denn als guter Geschäftsmann weiß Sellars, dass jedes ethische Problem eigentlich ein juristisches Problem ist.

Wissenschaftler Dr. Dennet Norton (Gary Oldman) hat dann aber viel Mühe damit, die Gedanken und Gefühle von Alex Murphy so zu kontrollieren, dass er die effektive Maschine sein kann, die er sein soll. Als Alex realisiert, dass von ihm eigentlich kaum etwas übrig ist, will er einfach nur sterben – aber Dr. Norton schafft es, die richtigen Emotionen in ihm zu wecken, um überleben zu wollen – für seine Frau Clara und seinen Sohn. Die Alex aber kurze Zeit später schon nicht mehr wahr nimmt, als er bei seiner ersten öffentlichen Präsentation an den beiden, die schon lange sehnsüchtig auf ihn gewartet haben, einfach vorbei stampft. Nach einem unvorhergesehen emotionalen Zusammenbruch musste Dr. Norton den Dopamin-Spiegel seines Schützlings so weit senken, dass er nichts mehr fühlt, damit er wieder handlungsfähig ist.

Der menschliche Faktor wurde also weitgehend elemeniert, Alex wird tatsächlich zu der effektiven Maschine, die er sein soll. Mit der Nebenwirkung, dass er auch völlig emotionslos ehemalige Kollegen abknallt, nachdem er sie eines Verbrechens überführt hat. Das ist eine Panne, die für Omnicorp fatal werden kann – insbesondere, nachdem Alex damit angefangen hat, in seinem eigenen Mordfall zu ermitteln. Er kann gar nicht anders, seine hocheffektiven Programme bringen ihn schnell auf die richtige Spur – er deckt Korruption in den eigenen Reihen auf, bis hinauf zur Polizeipräsidentin. Doch bevor er sie zu einem Geständnis bringen kann, schaltet Omnicorp ihn ab. Die Sache wird politisch zu heikel. Allerdings rebelliert Dr. Norton dagegen, dass Alex dauerhaft still gelegt wird. Norton ermöglicht ihm nicht nur die Flucht aus dem Omnicorp-Labor, in dem er zerstört werden soll, sondern entfernt auch den Transmitter, mit dem der Robocop ferngesteuert wurde. Damit ermöglicht er Alex, tatsächlich wieder autonom handeln zu können.

Die Frage, ob das jetzt gut oder schlecht ist, spielt eigentlich keine Rolle – klar ist, dass Alex so oder so nicht mehr in sein altes Leben zurück kann – er hat keinen Körper in eigentlichen Sinne mehr, ob und wie er und Clara jemals wieder Sex haben werden, wird nicht weiter thematisiert, ist aber eine der vielen interessanten Fragen, die der Film aufwirft. Was soll eine Kampfmaschine einem Gewissen? Wie sich zeigt, ist sie ja viel effizienter, wenn sie keins hat. Genau wie es viel praktischer ist, wenn der Robocop keine Emotionen zeigt – die stören nur und für die Aufklärung von Verbrechen braucht er keine, da reichen flotte Prozessoren und die riesigen Datenbanken, auf die er zugreifen kann. Letztlich entpuppt sich das letzte bisschen Mensch, das noch in ihm steckt, als lästiger Ballast. Und doch ist es eben dieses letzte Bisschen, das ihn dazu bringt, sich gegen sein Schicksal aufzulehnen. Rational ist es nicht zu erklären – es ist halt einfach menschlich.

Inside the NSA

Die US-Spitzelbehörde NSA fristete bisher ein Dasein im Schatten der Überwachungsgiganten CIA, FBI oder der nach 9/11 geschaffenen DHS. Bekannt geworden ist die NSA jetzt vor allem, weil ein 29jähriger Techniker, der als Computerfuzzi für einen Dienstleister der NSA arbeitete, seinen Job nicht mehr ausgehalten hat. Nun kann man sich natürlich fragen, warum einer seinen gut bezahlten Job und das damit verbundene angenehme Leben aufgibt, um den Rest seiner Tage als Staatsfeind von den US-Behörden gejagt zu werden. Julian Assange oder Bradley Mannings sind traurige Beispiele für das, was mit Menschen passiert, die der US-Regierung an Bein pinkeln, in dem sie veröffentlichen, was diese Regierung tut. Es ist ja nicht so, dass diese Leute sich böse Lügengeschichten ausgedacht hätten – das ist überhaupt nicht nötig, denn die Realität ist schlimm genug, wenn nicht schlimmer.

Deshalb hat mich die Dokumentation Inside the NSA so enttäuscht. Zuvor hatte ich The Gatekeepers gesehen – eine Doku, in der ehemalige Chefs des israelischen Geheimdienstes Shin Bet (das ist der für die innere Sicherheit in Israel zuständige Geheimdienst, während der Mossad im Ausland tätig ist) auspacken und erstaunlich offen über das reden, was sie in ihrer Geheimdienstzeit getan und gedacht haben. Ich war total von den Socken, was die israelischen Geheimdienstler vor laufender Kamera so alles erzählen. Insofern hatte ich hohe Erwartungen, was die NSA-Sendung betraf.

Die wurden aber auf ganzer Linie enttäuscht – Inside the NSA ist ein 45minütiger Werbefilm für eben diese Behörde, in dem die Macher immer wieder darauf hinweisen, dass sie jetzt erstmalig noch nie gezeigte Bilder zeigen, die einem dann erstaunlicherweise kein bisschen neu vor kommen, denn irgendwie kennt man sämtliche gezeigten Ereignisse schon aus den Nachrichten der vergangenen Jahre bis zum Erbrechen.

Vielleicht habe ich aber einfach nur zu viele Spionagethriller gesehen – die Bilder von Einsatzzentralen mit allerlei raffinierter Technik und vielen großen Bildschirmen kennt man ja aus zahlreichen Filmen und Fernsehserien. Natürlich kann man schon einige interessante Details erfahren, etwa, dass die Aufklärung über Bedrohungen durch Terroristen von 9/11 kaum eine Rolle gespielt hat, während der Terror jetzt als Bedrohung Nr. 1 gesehen wird.

Seit 2001 wurde die NSA massiv aufgerüstet, sowohl was das Budget, als auch was neue Technik und Personal angeht. Nebenbei wird dafür geworben, was man als mathematisch oder sonstwie begabter junger Mensch doch für tolle Karrierechancen bei der NSA hat. Es werden jede Menge Spezialisten gebraucht, Kryptologen, Analytiker, Computer- und Technik-Experten aller Art aber auch Fremdsprachenspezialisten und Kulturwissenschaftler sind gefragt. Denn letztlich nützt die modernste Technik nichts, wenn man nicht auch die schlausten Köpfe hat, die den ganzen Kram auswerten. Aber das hätte man auch ohne diese Doku gewusst.

Sehr viel mehr über die herrschenden Zustände in den USA erfährt man aus dem dokumentarischen Film Kapitalismus eine Liebesgeschichte von Michael Moore. Es ist kein kapitalismuskritischer Film im eigentlichen Sinne. Moore dokumentiert lediglich die Auswirkungen des Kapitalismus auf das Leben der Menschen, insbesondere, wenn die Krise kommt. Da gibt es beklemmende, haarsträubende, empörende Fakten ohne Ende – Michael Moore IST ein Empörter, der die Auswüchse des Systems anprangert, ohne Werbung für eventuelle Alternativen zu machen. Vermutlich, weil er nicht daran zu glauben wagt, dass es eine Alternative geben könnte. Aber das ist eine andere Frage, die ein anderes Mal diskutiert werden soll.