The Death of Politsatire

Auf der Liste der übelsten Diktatoren aller Zeiten dürfte sich nach der herrschenden Geschichtsschreibung Josef Stalin auf einem soliden zweiten Platz befinden – nach dem Herrscher über das Tausendjährige Großdeutsche Reich Adolf Hitler. Nun gibt es inzwischen quasi ein eigenes Genre von Hitler-Satiren (die konservative Welt hat hier eine ganz brauchbare Zusammenstellung gebracht. Mein persönlicher Lieblingshitler ist Helge Schneider in Mein Führer.)

Bei Stalin-Satiren scheint das etwas anders zu sein, vor allem da im potenziellen Heimatland der Stalin-Satire Russland noch immer nicht über Stalin gelacht werden darf. Jedenfalls wurde die Aufführung von The Death of Stalin in russischen Kinos verboten, weil der Film historische Symbole Russlands beleidige und absichtlich Streit in der Russischen Gesellschaft anfache.  Vermutlich hat die Humorlosigkeit der Duma das Interesse für diesen Film beim russischen Publikum jetzt erst recht geweckt. Dank Internet gibt es ja auch andere Möglichkeiten, an Inhalte zu kommen, die von Regierungen als nicht so wünschenswert angesehen werden.

The Death of Stalin Filmplakat

The Death of Stalin Filmplakat

Um Missverständnissen vorzubeugen: Ich bin absolut nicht der Ansicht, dass man die Sowjetunion und Hitler-Deutschland vergleichen kann. In der Sowjetunion wurde nach der Oktoberrevolution etwas noch nie da gewesenes und leider bis heute noch immer nicht so richtig gut Umgesetztes ausprobiert: Ein Staat, der wirklich für die Belange des gemeinen Volkes veranstaltet wird. Die arbeitenden Menschen sollten im Mittelpunkt stehen, ihre Bedürfnisse sollten ernst genommen und bedient werden. Die Früchte ihrer Arbeit sollten nicht mehr die Besitzer der dafür benutzen Produktionsmittel (also die Kapitalisten) reich machen, sondern die Arbeiter selbst.

Das ist eine sehr sympathische Idee, auch wenn sie heute gerade mit dem Hinweis auf den stalinischen Terror als fataler Irrweg denunziert wird. Das erklärt auch, warum ich kein Stalin-Fan bin. Trotzdem hat die UdSSR es geschafft, Millionen von Menschen, die im rückständigen Zarenreich keine Chance auf ein gutes und eigenständiges Leben gehabt hätten, auszubilden und damit zu Fachkräften zu machen, die nach der Oktoberrevolution eine atemberaubende industrielle Entwicklung auf die Beine gestellt haben. Mit kapitalistischen Mitteln hätte es niemals funktioniert, ein riesiges Land binnen weniger Generationen vom rückständigen Agrarstaat zu einer führenden Industriemacht auszubauen.

Und ob man das jetzt sinnvoll findet oder nicht, die Versorgung der ISS kann seit längerem nur dank der inzwischen zwar veralteten, aber noch immer zuverlässigen russischen Raketentechnik aufrecht erhalten werden. Okay, mit der Kollektivierung der Landwirtschaft ist es weniger gut gelaufen, da hätten die kommunistischen Kommissare daran denken sollen, dass, wenn man das Saatgut konfisziert, auch die nächste Ernte ausfällt. Es gab, wie überall, wenn man etwas Neues ausprobiert, schmerzliche Rückschläge und furchtbare Fehlentwicklungen. Und eine der gräßlichsten und schmerzlichsten Fehlentwicklungen des neuen Staatswesens dürften die Stalinistischen Säuberungen gewesen sein, denen zwischen 1936 und 1940 Millionen Menschen zum Opfer fielen, die, aus welchen Gründen auch immer, unter Verdacht gerieten, gegen das angeblich kommunistische Regime zu konspirieren. In der Zeit kamen auch zahlreiche überzeugte Kommunisten zu Tode.

Daraus folgt für mich, dass Stalin kein Kommunist gewesen sein kann. Ein Kommunist hätte niemals Menschen umgebracht, die anderer Ansicht waren als er selbst. Ein Kommunist hätte mit ihnen diskutiert. Auch die Vorstellung einer „Diktatur der Arbeiterklasse“ ist letztlich nicht kommunistisch, denn Kommunisten lehnen Diktatur ab. Der Witz am Kommunismus ist ja, dass die Leute, die all die Arbeit machen müssen, um ein System am Laufen zu halten, darüber bestimmen können, auf welche Art und Weise sie das tun. Rein objektiv ist schließlich völlig klar, dass jede und jeder etwas dafür tun muss, Essen auf dem Tisch und ein Dach über dem Kopf zu haben. Und was man sonst noch für ein anständiges Leben braucht.

Aber da geht es auch schon los: Ein durchschnittlicher Multimillionär meint vielleicht, dass ein Privatflugzeug einfach dazu gehört, um seine auf der ganzen Welt verteilten Besitztümer in Schuss zu halten. Andere Zeitgenossen sind vielleicht mit fließend Wasser, einem funktionierenden Internetanschluss oder ein paar Quadratmetern Gemüsebeet zufrieden. Insofern ist es schon ein Problem, alle Interessen unter einen Hut zu bringen. Ich sehe allerdings nicht ein, warum die Welt ausgerechnet am Interesse der Leute ausgerichtet sein sollte, die ein Privatflugzeug als Lebensmittel benötigen. Ich halte es mit denen, die einfach nur genug zu essen und ein Dach über dem Kopf für alle wichtiger finden. Und die UdSSR hat das zumindest ein paar Jahrzehnte lang versucht. Trotz Stalin.

Jetzt habe ich nach der langen Vorrede den Faden verloren, denn eigentlich sollte es ja um den Film The Death of Stalin gehen. Den habe ich neulich gesehen und ich musste tatsächlich ein paar Mal lachen, was keine Überraschung sein sollte, schließlich wurde The Death of Stalin mit dem Europäischen Filmpreis 2018 in der Kategorie Komödie ausgezeichnet.

Aber so richtig lustig fand ich den Film letztlich nicht. Vieles von dem, was dort gezeigt wird, hat tatsächlich statt gefunden, und das ist überaus traurig. Aber andererseits ist genau das auch wieder ein Grund dafür, eine tief schwarze Komödie daraus zu machen. Aber für mich funktionierte das in diesem Fall nicht, kann sein, dass man erst ein paar hundert Gramm Wodka kippen muss, damit die entsprechende Stimmung aufkommt.

Denn die Zutaten sind ansonsten vielversprechend, es sind eine ganze Reihe toller Schauspieler an Bord und für Regie und Drehbuch (mit Ian Martin und David Schneider) ist Armando Iannucci zuständig, der durch The Thick Of It bekannt ist. Oder als Inspirator hinter der US-Comedy Veep, von der ich zugeben muss, dass sich mir der Humor dieser Serie auch nicht wirklich erschlossen hat. Ich habe mehrfach versucht, mir Veep anzusehen, aber irgendwie hat es nicht gezündet. Vielleicht verstehe ich dann doch zu wenig von US-Politik. Trump kapiere ich ja auch nicht, warum ist der eigentlich US-Präsident und nicht Hauptfigur einer Polit-Satire? Oder bin ich einfach in der falschen Realität?

The Death of Stalin: Filmplakat Rupert Friend, Michael Palin, Jeffrey Tambor, Steve Buscemi, Jason Isaacs

The Death of Stalin: Filmplakat Rupert Friend, Michael Palin, Jeffrey Tambor, Steve Buscemi, Jason Isaacs

Damit endlich zum Film: Wir sind in Moskau, im März 1953. Radio Moskau überträgt ein Mozart-Konzert mit der Klaviervirtuosin Maria Yudina. Genosse Stalin ist sehr angetan und hätte gern eine Aufzeichnung. Nur leider existiert keine, das Konzert wurde live gesendet. Jetzt muss schnell eine Kopie her, und dafür muss das Konzert noch einmal aufgeführt werden, koste es, was es wolle. Die für die richtige Akustik nötigen Zuschauer im Sendesaal lassen sich leicht ersetzen, mit Leuten, die man einfach von der Straße holt. Aber der Dirigent ist vor Angst in Ohnmacht gefallen, hier wird der Ersatz schon schwieriger. Und die Pianistin kann Stalin eh nicht leiden, sie findet, dass er ein Tyrann ist und lässt sich nur mit der diskreten Zahlung einer ziemlich großen Summe dazu bewegen, das Konzert noch einmal zu spielen. Puh.

Noch hat niemand von Belang sein Leben verloren. Aber das wird sich schnell ändern. Nachdem die Aufnahme unter großen Opfern stattgefunden hat, wird sie Stalin übermittelt. Maria Yudina hat eine handgeschriebene Nachricht in die Hülle geschmuggelt: Sie beschuldigt Stalin der Tyrannei und wünscht ihm den Tod. Stalin findet das so lustig, dass er einen Schlaganfall erleidet. Weil niemand es wagt, sein Zimmer unbefugt zu betreten, bleibt Stalin hilflos in seinem eigenen Urin am Boden liegen, wo er später von Mitgliedern des Zentralkomitees der KPdSU gefunden wird.

Und wie das mit Komitees und Protokollen so ist, erst einmal muss die Beschlussfähigkeit abgewartet werden und dann muss einstimmig beschlossen werden – der Genosse Stalin besteht nun einmal darauf, dass die Partei stets mit einer Stimme spricht. Als endlich beschlossen wird, dass nun ein Arzt zu rufen ist, stellt sich das Problem, dass alle fähigen Mediziner den Säuberungen zum Opfer gefallen sind. Also werden Ruheständler und Jungärzte ans Kranken- bzw. Sterbebett beordert, die allesamt nur feststellen können, dass jetzt nur noch ein Wunder helfen könnte, welches sich bekanntlich nicht eingestellt hat.

Doch längst bevor Genosse Stalin seinen letzten Atemzug aushaucht, geht der Kampf um die Nachfolge los: Formal wird der stellvertretende Generalsekretär des ZK Georgi Malenkow (Jeffrey Tambor) zum neuen Staatsoberhaupt. Allerdings sind alle anderen ZK-Mitglieder der Ansicht, dass Malenkow nicht der ideale Nachfolger ist. Insbesondere der intrigante Geheimdienstchef Lawrenti Beria (Simon Russell Beale) hat bereits Vorbereitungen für seine Machtübernahme getroffen. Den ehemaligen Außenminister Wjatscheslaw Molotov (Michael Palin), den Stalin auf eine seiner berüchtigten Todeslisten hat setzen lassen, begnadigt Beria spontan, weil er hofft, dass er ihm nützlich sein werde. Allerdings durchkreuzt ausgerechnet der bis dahin eher unauffällige Nikita Chruschtschow (Steve Buscemi) Berias Pläne, in dem er einen Konflikt zwischen Beria und dem Chef der Roten Armee, Georgi Schukow (Jason Isaacs), anheizt. Und dann gibt es noch Stalins Kinder Swetlana (Andrea Riseborough) und Wassili (Rupert Friend), die jeweils auf ihre Art ziemlich durchgeknallt sind, mit denen sich die jeweiligen Verschwörer aber gut stellen müssen. Sämtliche ZK-Mitglieder agieren extrem opportunistisch und eigennützig, insbesondere Beria schreckt vor keiner Grausamkeit zurück, um seine Interessen durchzusetzen. Es wird also weiterhin munter verhaftet, verhört, gefoltert und gemordet, auch wenn selbst Beria irgendwann auf die Idee kommt, dass die Aussetzung der Hinrichtungen und eine allgemeine Amnestie beim Sowjetvolk gewiss gut ankämen.

Es fiel mir wie gesagt ziemlich schwer, das alles so lustig zu finden, wie es offensichtlich gemeint war, vielleicht, weil der Film immer wieder zwischen alberner Klamotte und brutaler Trashsatire schwankt. Aber für das eine ist er zu blutig und für das andere nicht blutig genug. Insofern frage ich mich, was dieser Film eigentlich sein will: Eine Geschichtsstunde der anderen Art oder tatsächlich eine Politsatire? Auch wenn die Handlung von The Death of Stalin historisch nicht akkurat ist, so orientiert sie sich doch an Ereignissen, die in ähnlicher Form tatsächlich statt gefunden haben. Das tut schon weh. Insbesondere wenn man sich das heutige Politpersonal in der Weltspitze mal ansieht. Wer von denen würde denn nicht für den eigenen Vorteil über Leichen gehen? Wer von denen kriegt denn tatsächlich mit, wie die jeweiligen Untertanen so leben (müssen)!?

Das ist ja generell das Problem mit Politsatire: An drastischen Beispielen wird vorgeführt, wie „die da oben“ so drauf sind, da kann man dann drüber lachen und am Ende ändert sich – nichts. Wissen wir nicht längst, dass die Mächtigen böse sind, und sich aus ihrem Bedürfnis heraus, mächtig zu werden, zu sein und zu bleiben, bei jeder Gelegenheit zum Affen machen? Dass sie ohne mit der Wimper zum zucken, das Gegenteil von dem behaupten, was sie eben noch gesagt haben, nur weil sich der Wind gedreht hat?! Das hat George Orwell bereits im Jahr 1948 in seinem Roman 1984 besser auf den Punkt gebracht: „Frieden ist Krieg!“ „Sklaverei ist Freiheit!“ „Unwissenheit ist Stärke!“

Insofern: Man kann sich den Film schon ansehen, wenn man auf schwarze Komödien steht. Aber in dem Bereich habe ich schon Besseres gesehen.

Männer und Hühner: Gnadenlose Dänen

Die Dänen sind Spezialisten für tiefschwarzen und sehr schrägen Humor – ich sage nur Adams Äpfel oder Alien Teatcher. Das sind Wahnsinnsfilme, die dumme Eigenschaften, Lebenslügen und alles, was damit zusammen hängt, so gnadenlos auf den Punkt bringen, das man einfach lachen muss. Gleichzeitig bleibt einem das Lachen aber im Hals stecken, weil alles so schrecklich ist. Und die Dummheit wird auf intelligente Weise so konsequent durchexerziert, dass man am Ende Seitenstechen vor Lachen hat – oder, wenn man zarter besaitet ist, den Film abbricht. Und sie können auch richtig schlimme Verbrecher-Filme – so wie die gnadenlose Pusher-Trilogie – für die im Grunde dasselbe gilt.

Men & Chicken ist sozusagen die Pusher-Variante der schwarzen Komödie – ein herrlich heftiger Film, der tatsächlich nur Menschen zu empfehlen ist, die genau auf diese Art des abgründigen Humors stehen. Aber wenn man darauf steht, kann man eine Menge Spaß haben: Men & Chicken ist ein echter Rüpelfilm, der gleichzeitig aber auch eine erstaunlich subtile Philosophie- und Wissenschaftskritik transportiert, wenn man ihn denn so zu lesen vermag. Immerhin spielt die erste Riege der dänischen Charakter-Darsteller mit: Mads Mikkelsen, Nikolaj Lie Kaas, David Dencik, Nicolas Bro und Søren Malling. Auch wenn man den einen oder anderen vielleicht nicht auf den ersten Blick erkennt.

Die fünf Brüder Gregor (Nikolay Lie Haas), Elias (Mads Mikkelsen, mit Huhn), Franz (Seren Mallind), Gabriel (David Dencik) und Josef (Nicolas Bro)

Die fünf Brüder Gregor (Nikolay Lie Kaas), Elias (Mads Mikkelsen, mit Huhn), Franz (Sören Malling), Gabriel (David Dencik) und Josef (Nicolas Bro)

Und darum geht es: Der gebildete und freundliche Evolutionspsychologe Gabriel (David Dencik) und sein zwangsgestörter Bruder Elias (Mads Mikkelsen) erfahren durch ein Video ihres gerade verstorbenen Vaters, dass ihre vermeintlichen Eltern gar nicht ihre biologischen Eltern waren: Die beiden Brüder wurden adoptiert. Leider bricht das Video ab, bevor der alte Vater die Namen der biologischen Eltern preis geben kann. Doch Gabriel gelingt es, den echten Erzeuger zu finden, der inzwischen im fortgeschrittenen Alter auf der fast entvölkerten dänischen Insel Ork lebt.

Die beiden unterschiedlichen Brüder machen sich gemeinsam auf den Weg. Auf der Insel begegnen sie ihren Halbbrüdern, die auf einem einstmals hochherrschaftlichen, aber nun ganz schön heruntergekommenen Anwesen leben – gemeinsam mit zahlreichen Tieren. Die Jungs sind eine ziemlich gewaltbereite Bande, die nicht nur die Neuankömmlinge, sondern auch sich gegenseitig gern mit allen möglichen Gegenstände verprügeln – Bretter, Zinkwannen, ausgestopften Tiere, Käselaibe, was immer ihnen gerade in die Finger kommt. Andererseits sind sie durchaus in der Lage, miteinander höchst ernsthaft über anspruchsvolle Fachliteratur zu disputieren.

Der dänische Drehbuchautor Anders Thomas Jensen, der unter anderem für Susanne Bier das Drehbuch an Oscarerfolgen wie In einer besseren Welt geschrieben hat, lässt hier als Regisseur seiner Vorliebe für grenzwertige Komödien freien Lauf: In Men & Chicken wird alles auf die Spitze getrieben – Genetik und Evolution, Mutationen und die menschliche Hybris.

Die Brüder sind alle gezeichnet davon – durch sichtbare Gendefekte und die Unfruchtbarkeit von Hybriden. Denn, wie sich später herausstellen wird, sind sie alle Kreuzungen aus Mensch und Tier. Die ihr unfruchtbarer, aber leider genialer Vater geschaffen hat, um seine eigene Zeugungsunfähigkeit zu überwinden: In jedem einzelnen der Brüder steckt ein Tier – eine Maus, ein Huhn, ein Hund, ein Stier und eine Eule. Was dann natürlich auch ihre jeweiligen Absonderlichkeiten erklärt – Josef (Nicolas Bro) hat eine Vorliebe für Käse, Franz  (Søren Malling) schlägt gern mit ausgestopften Vögeln um sich, Gregor (Nikolaj Lie Kaas) beißt immer wieder andere Menschen, Elias ist stur und masturbiert wie besessen und Gabriel – nun ja, er hat die Weisheit, die den Eulen zugeschrieben wird.

Jensen exekutiert seine himmelschreiende Satire ohne mit der Wimper zu zucken – mit den Bildern einer untergegangenen Zeit. Das ehemalige Sanatorium mit der abblätternden Wandfarbe, die an Pockennarben erinnert und den zugenagelten Fenstern und Türen könnte sich in der ehemaligen DDR, in Detroit oder in Tschernobyl befinden – aber genauso gut kann es eine aus der Zeit gefallene dänische Insel in der Ostsee sein.

Interessant, dass es in Dänemark ebenfalls solche Orte geben soll. Ich dachte, dass sei ein Privileg gescheiterter Gesellschaftsmodelle wie dem sozialistischen der DDR oder der Sowjetunion oder dem angeblichen „guten Kapitalismus“, in dem die Arbeiter einst etwas zu melden gehabt haben sollen, weil ihre Arbeitskraft tatsächlich benötigt wurde (die Ford-Stadt Detroit, bekanntlich bereits seit den 60er Jahren im unaufhaltsamen Niedergang). Aber Dänemark als eins der reichsten und glückliches Länder der Welt hat offenbar ebenfalls Verlierer aufzuweisen, die nur schwer bis gar nicht zu integrieren sind.

Und so sehen die Jungs in echt aus. Foto via http://lady-wilwarin.tumblr.com

Und so sehen die Jungs in echt aus. Foto via http://lady-wilwarin.tumblr.com

Wie eben jene degenerierte Bande von Halbbrüdern, die sich gegenseitig aus nichtigsten Anlässen die Köpfe einschlagen, sich aber abends gegenseitig als Gute-Nacht-Geschichte Fachliteratur vorlesen und gleich ausgefeilte Interpretationen dazu liefern. Aber letztlich geht es ihnen wie allen anderen Jungs: Sie wollen eigentlich nur Sex und ein passendes Mädchen dafür – aber weil es die Natur, oder eigentlich ihr Vater, nicht dermaßen gut mit ihnen gemeint hat, ist das eine echte Herausforderung: „Hast du schon mal in den Spiegel gesehen?!“ fragt Elias Gregor entnervt, als der ihn wieder fragt, wie das denn nun mit den Mädchen anzustellen sei.

Aber dank der alternden Gesellschaft auch in Dänemark findet sich auch für dieses Problem sogar auf dieser Insel eine Lösung – zwar weigert sich der Integrationskindergarten mit den letzten beiden verbliebenen Kindern völlig zu recht, dem mit ausgestopften Tieren um sich schlagenden Franz eine zweite Chance zu geben – aber die alten Damen im Altersheim der Insel sind gar nicht so unglücklich über den Besuch der vergleichsweisen frischen Jungs. Endlich kehrt mal wieder ein bisschen Leben ein – nur der Stier Elias kann kein Treffer landen, was für die Tierwelt im heimischen Anwesen nicht so richtig gut ausgeht. Aber am Ende gibt es eine Menge halbwegs glücklicher Menschen – auch wenn man sich die Fortsetzung nicht wirklich vorstellen will.

Aber wenn sie denn kommt, sehe ich mir sie natürlich an.

Soul Kitchen – Halbwelt-Hamburger vom Feinsten

Es wieder Zeit für meine Rubrik Lieblingsfilme – und da muss ich heute gar nicht so weit zurück gehen, denn es gibt Soul Kitchen, eine herrlich moralfreie Komödie aus dem Jahr 2009 von Fatih Akin, der ja eher für Dramen wie Gegen die Wand oder Auf der anderen Seite bekannt ist – auch sehr gute Filme, aber eben nicht so lustig.

Soul Kitchen ist eine sowohl Liebeserklärung an Hamburg – und zwar an das Hamburg der arbeitenden Klasse, an das schrammelige, schäbige, heruntergekommene Wilhelmsburg, in dem Zinos Kazantsakis ein Restaurant betreibt, das eher eine Werkskantine ist: Hier essen die verbliebenen ArbeiterInnen im Bezirk Frikadellen und Pommes oder paniertes Fischfilet (alles in derselben Fritteuse zubereitet) mit Kartoffelsalat aus der günstigen Großpackung. Denn Zinos ist zwar arbeitsam und guten Willens, aber kein begnadeter Koch. Aber das ist auch egal, die Leute essen, was sie gewöhnt sind, und sie kennen halt nichts anderes schlechte deutsche Küche. Hauptsache, es ist billig und sie werden satt.

Screenshot Soul Kitchen - Zinos (Adam Bousdoukos) in Aktion

Screenshot Soul Kitchen – Zinos (Adam Bousdoukos) in Aktion

Gleichzeitig ist dieser Film auch ein, eine, ja wie soll ich sagen? Eine Bestandsaufnahme der Situation in Deutschland aufgewachsener und jetzt erwachsener Kinder jener Einwanderergeneration von Süd-Osteuropäern, die zur Hochzeit des deutschen Wirtschaftswunders angeworben wurden, um in deutschen Fabriken das deutsche Bruttosozialprodukt zu steigern. Zinos ist einer dieser nativen Deutschen mit Migrationshintergrund. Zinos ist zwar griechischer Herkunft, aber durch und durch Hamburger und er hat ziemlich genau die Probleme, die jeder Deutsche in seiner Situation eben auch hat – nur dass Zinos vielleicht etwas entspannter damit umgeht.

Bestimmt ist es kein Zufall, das Zinos den Nachnamen eines großen griechischen Schriftstellers trägt – Nikos Kazantsakis hat unter anderem den großartigen Roman Alexis Sorbas geschrieben, aber das nur am Rande.

Screenshot Soul Kitchen - Nadine (Pheline Roggan) Zinos (Adam Bousdoukos) und Oma (Monica Bleibtreu)

Screenshot Soul Kitchen – Nadine (Pheline Roggan) Zinos (Adam Bousdoukos) und Oma (Monica Bleibtreu)

Andere Randbemerkung: Fatih Akin ist türkischer Abstammung – und wie die Deutschen ja mit den Franzosen in der Geschichte diverse Auseinandersetzungen hatten, gab es die auch zwischen Griechenland und der Türkei. Natürlich ist nicht dasselbe, andererseits ist Deutschland für Griechen und Türken quasi neutrales Terrain, auf dem sich die Einwandererkinder aus Balkan-Nahost oder wie immer man das definieren will, treffen können, weil die griechische und die türkische Kultur mehr gemeinsam haben als die griechische oder die türkische jeweils mit der deutschen. Okay, ich sollte mich lieber auf den Film konzentrieren.

Zinos (Adam Bousdoukos) ist zwar nicht blöd, aber auch kein großer Intellektueller. Er hat sich das Versprechen, dass jeder, der sich wirklich bemüht, eine Existenz in Deutschland aufbauen kann, zu eigen gemacht hat und sich mit seinem Restaurant eine solche aufgebaut. Dabei ist er ein netter Kerl geblieben – er ist redlich und cool und er steht zu seinen Freunden, die es in seine Spelunke verschlagen hat, wie Lucia (Anna Bedenke), die Kellnerin, Lutz (Lucas Gregorowicz), der Barmann, oder Sokrates (Demir Gökgöl), der zwar nie seine Untermiete zahlen kann, aber irgendwie zum Inventar von Soul Kitchen gehört.

Screenshot Soul Kitchen -  Lucia (Anna Bedenke) und Lutz (Lucas Gregorowicz)

Screenshot Soul Kitchen –
Lucia (Anna Bedenke) und Lutz (Lucas Gregorowicz)

Erstaunlich eigentlich, dass Zinos eine Freundin wie Nadine (Pheline Roggan) hat, die aus einer Hamburger Großbürgerfamilie stammt und Journalistin ist. Sie ist gerade dabei, einen mehrmonatigen Aufenthalt in Shanghai vorzubereiten – was Zinos nicht gefällt, aber Nadine ist daran gewöhnt, zu tun, was sie will. Und so wird dem armen Zinos nichts übrig bleiben, als Nadine per Skype zu bitten, sich vor der Webcam auszuziehen, während er vor seinem MacBook sitzt und sich einen runterholt. Aber immerhin das tut sie für ihn. Und sie vermittelt ihm auch die Dienste einer Freundin, die Physiotherapeutin ist. Denn Zinos als selbstständiger Unternehmer, der gerade so über die Runden kommt, ist natürlich nicht krankenversichert – was fatal ist, als er sich einen Bandscheibenvorfall zuzieht.

Screenshot Soul Kitchen - Illias Kazantsakis (Moritz Bleibtreu)

Screenshot Soul Kitchen – Illias Kazantsakis (Moritz Bleibtreu)

Aber das ist nicht Zinos einziges Problem. Er hat auch noch einen kriminellen Bruder, Illias (Moritz Bleibtreu), der will, dass Zinos ihn einstellt, natürlich nur pro forma, damit er schneller aus dem Knast kommt. Denn mit richtig für Geld arbeiten hat Illias es nicht so, im Gegensatz zu Zinos, der tatsächlich ernsthaft versucht, seinen Lebensunterhalt auf legale Weise zu verdienen. Aber wie das unter Brüdern ist – Zinos macht Illias sogar zum Geschäftsführer – denn eigentlich will er gern zu Nadine nach Shanghai. Nur hat die plötzlich ganz andere Pläne.

Screenshot Soul Kitchen - Shayn Weiss (Birol Ünel)

Screenshot Soul Kitchen – Shayn Weiss (Birol Ünel)

Aber eins nach dem anderen: Ausgerechnet beim Abschiedsessen von Nadine mit ihrer Familie ist Zinos der exzentrische Koch Shayn Weiss (Birol Ünel) über den Weg gelaufen. Der wurde gerade gefeuert, weil er einem Gast des Nobelschuppens das Essen nicht wie verlangt verderben wollte. Shayn ist ein fantatischer Koch, und wenn er sagt, dass das Steak perfekt ist, dann ist es perfekt. Und wenn der Gast seine Gazpacho warm essen will, dann explodiert Shayn lieber, bevor er eine kalte Gemüsesuppe in warmen Brei verwandelt.

Zinos bietet Shayn einen Job im Soul Kitchen an – und der revanchiert sich, in dem er den Imbisschuppen auf Spitzenküche zu vertretbaren Preisen umstellt. Nur ist das Stammpublikum wenig begeistert – die wollen ihren Scheiß aus der Fritteuse. Dass sie nun was Besseres geboten bekommen, irritiert sie so sehr, dass sie nicht mehr kommen.

Screenshot Soul Kitchen - Frau Schuster vom Finanzamt (Catrin Striebeck)

Screenshot Soul Kitchen – Frau Schuster vom Finanzamt (Catrin Striebeck)

Das ist schlecht für den Umsatz. Aber weil jetzt eh schon alles egal ist, nutzt Lutz das Soul Kitchen als Probenraum für seine Band – das zieht eine ganz andere Szene an. Und plötzlich fangen die Leute an, Sachen von Shayns Karte zu bestellen! Dumm nur, dass inzwischen auch ein ehemaliger Schulkamerad von Zinos auf die Location aufmerksam wird – Thomas Neumann (Wotan Wilke Möhring) ist inzwischen nämlich ein fieser Immobilienhai, der aus dem Soul Kitchen gern ein gewinnträchtiges Gentrifizierungsprojekt machen würde. Der schwärzt Zinos beim Gesundheitsamt an – und der Kontrolleur (Jan Fedder) würde den Laden am liebsten gleich dicht machen. Und damit nicht genug, kommt auch noch Frau Schuster (Catrin Striebeck) vom Finanzamt vorbei – denn Zinos hat erhebliche Steuerschulden. Noch ein Grund mehr, sich nach China zu verdrücken! Aber es kommt natürlich ganz anders.

Screenshot Soul Kitchen - Jan Fedder vom Gesundheitsamt

Screenshot Soul Kitchen – Jan Fedder vom Gesundheitsamt

Neumann packt Illias da, wo er ihn kriegen kann – bei einer Pokerpartie verliert der neue Geschäftsführer haushoch, so dass er das Soul Kitchen an den Immobilienhai überschreiben muss. Doch Neumann hat seine Rechnung ohne Frau Schuster gemacht – Thomas hat auf der ausschweifenden Abschiedparty von Zinos im Soul Kitchen nämlich das Finanzamt gefickt, was er auch noch per Smartphone aufgezeichnet hat.

Doch das Finanzamt schlägt zurück: Thomas hat ziemlich viel Dreck am Stecken und fährt ein. Und im Knast begegnet er Illias – der ist inzwischen auch wieder drin, weil er und Zinos in Neumanns Firma und das Notariat eingebrochen sind, um die Verträge für die Überschreibung des Soul Kitchen zu vernichten. Was natürlich ist schief gegangen ist, Zinos ist nun mal kein Profiverbrecher. Und er hat Bandscheibe. Aber weil er ja zuvor noch nicht straffällig geworden ist, bleibt er auf freiem Fuß.

Screenshot Soul Kitchen - Zinos lernt endlich kochen

Screenshot Soul Kitchen – Zinos lernt endlich kochen

Aber sonst geht alles den Bach runter – Nadine hat inzwischen einen chinesischen Lover und das Soul Kitchen soll zwangsversteigert werden.

Immerhin einen Lichtblick gibt es: Zinos wurde von „Knochenbrecher-Ali“ von seinem Rückenleiden geheilt. Und er hat Nadine aufgesucht, mit der er zwar nicht mehr zusammen ist, die aber nach Hamburg zurückgekehrt ist, weil ihre Großmutter (Monica Bleibtreu) gestorben ist. Nadine muss den Nachlass regeln – sie hat eine ganze Menge geerbt. Als Zinos ihr erzählt, warum er das Soul Kitchen verloren hat, stellt Nadine ihm einen Scheck über 200.000 Euro aus, mit dem er seinen Laden bei der Versteigerung zurück kaufen will.

Mit sehr viel Glück gelingt das auch – und Zinos kann seine neue Liebe Anna, die Physiotherapeutin (Dorka Gryllus) zu einem Essen in seinem neuen alten Restaurant einladen.

Screenshot Soul Kitchen - die Belegschaft beim Abschiedfest

Screenshot Soul Kitchen – die Belegschaft beim Abschiedfest

Ich mag diesen Film, weil er er letztlich sehr lakonisch ist: Die Dinge, die passieren, passieren eben – nichts wird künstlich zugespitzt oder mit Moral aufgeladen, weil irgendwer daraus etwas lernen soll. Es ist halt, wie im wahren Leben – man setzt sich für jemanden ein, der einen dann ruiniert. Man vertraut jemanden, von dem man hätte wissen müssen, dass man das besser nicht tun sollte – aber man konnte halt nicht anders. Man tut das eine und lässt das andere – obwohl es umgekehrt besser gewesen wäre. Man macht aus Verzweiflung ziemlich blöde Sachen, aber dann macht man im entscheidenden Moment auch wieder etwas richtig. Und immer wieder gibt es jemanden, der einem weiter hilft, mal aus Berechnung, mal aus Freundschaft.

Natürlich ist der Plot gut durchdacht: Das, was passiert, hat gute Gründe – und nicht nur dramaturgische. Es sind Situationen, die jeder und jede kennt – man mauschelt sich halt so durch, weil bequem ist, dann mauschelt weiter, weil es schon immer so funktioniert hat und irgendwann muss man feststellen: So geht es nicht mehr. Plötzlich muss man die Strategie ändern – und dabei kommt man nicht immer auf die besten Ideen.

Aber in Soul Kitchen geht die Sache irgendwie gut aus. Trotzdem ist Soul Kitchen kein Heile-Welt-Film: Zinos Welt ist ganz schön kaputt – aber er gibt nicht auf, sondern macht weiter. Und weil er ein sympathischer Kerl ist, gönnt man ihm, dass er ab und zu auch mal Glück hat.

Screenshot Soul Kitchen - Abendessen mit Anna (Dorka Gryllus)

Screenshot Soul Kitchen – Abendessen mit Anna (Dorka Gryllus)

Der 9. November 1989: Bornholmer Straße

Okay, 25 Jahre Mauerfall, da muss man was machen. Ist ja auch total wichtig, politisch, historisch und überhaupt. Insofern hatte ich gewisse Bedenken, mir den deutschen Fernsehfilm Bornholmer Straße (Regie Christian Schwochow, Drehbuch Heide und Rainer Schwochow) überhaupt anzusehen. Auf so ein Wie-war-die-DDR-doch-schlecht-Herzschmerz-Ding wie Weissensee hatte ich nämlich überhaupt keine Lust. Aber zum Glück stellte sich der Film dann als Komödie heraus, als typisch deutsche zwar, die sich am Ende doch nicht traut, so richtig vom Leder zu ziehen, wie die Jungs von Monty Python das getan hätten, aber immerhin. Obwohl ich nach dem Anfang fast wieder ausgeschaltet hätte.

Ein echt mutiger Einstieg, so im Rückblick, aber auf den ersten Blick einfach unter aller Kanone: Der Chef vom Dienst Oberstleutnant Harald Schäfer (großartig: Charlie Hübner) hat schon zu Dienstbeginn Bauchschmerzen, und zwar im wahrten Sinne des Wortes. Aber er kann nicht mal in Ruhe aufs Klo gehen, denn ein niedlicher Struppi flitzt vom Westen aus über den Grenzübergang und versetzt die Grenzer in helle Aufregung.

Screenshot Bornholmer Straße: Die Grenzer in Aktion

Screenshot Bornholmer Straße: Die Grenzer in Aktion

Einerseits ist klar, dass von dem kleinen Hund keine Gefahr ausgeht. Andererseits: Wie sind denn nun die Vorschriften bei einer Grenzverletzung durch Tiere? Muss der Hund zum Amtsarzt, eingeschläfert oder einfach zu seinem Besitzer zurückgebracht werden? Doch wie sich im Verlaufe des Abends noch heraus stellen wird, sind das Angesichts dessen, was noch auf die Grenztruppe zu kommt, einfach zu lösende Probleme. Der Hund wird erstmal in die Arrestzelle gesperrt. Derweil braut sich aber sehr viel größeres Unheil zusammen – es findet eben jene historische Pressekonferenz statt, auf der Günter Schabowski die sofortige Reisefreiheit für DDR-Bürger verkündet. Und natürlich dauert es nicht lange, bis die ersten DDR-Bürger auftauchen, die einfach mal nach drüben kucken wollen.

Screenshot Bornholmer Straße: Oberstleutnant Harald Schäfer (Charly Hübner)

Screenshot Bornholmer Straße: Oberstleutnant Harald Schäfer (Charly Hübner)

Als guter Soldat versucht Schäfer, sich einen der neuen Lage entsprechenden Befehl zu holen – aber es gibt keinen: Sein Vorgesetzter Oberst Kummer (Ulrich Matthes) im Operativen Leitzentrum befiehlt dem zunehmend verzweifelten Schäfer, die Ruhe zu bewahren und das Richtige zu tun, während er sich kettenrauchend mit Cognac besäuft – ihm scheint klar zu sein, dass sein System verloren hat, bringt es aber nicht über sich, die fatale Äußerung des Genossen Schabowski in einen entsprechenden Befehl zu übersetzen.

Screenshot Bornholmer Straße:  Was tun?

Screenshot Bornholmer Straße: Was tun?

Derweil versammeln sich immer mehr Menschen am Schlagbaum an der Bornholmer Straße und die Grenzer diskutieren ihrerseits, wie nun zu verfahren ist. Wobei eins klar ist: Solange es keinen neuen Befehl gibt, gilt der alte Befehl und der heißt: Ausreise nur mit gültigem Visum. Dafür haben die wartenden Bürger kein Verständnis, sie bestehen darauf, über die Grenze gelassen zu werden. Angesichts der wachsenden Menschenmenge brechen auch unter den Grenzern Ängste und Aggressionen aus – der Panzerschrank wird aufgeschlossen und Maschinenpistolen verteilt. Aber als Hauptmann Burkhard Schönhammer (Max Hopp) das Maschinengewehr (das er liebevoll seine scharfe Lilly nennt) in Stellung bringen und gezielt in die Menge schießen will, sind die anderen Offiziere entsetzt: „Du willst auf unsere Menschen schießen?!“

Screenshot Bornholmer Straße:  Immer mehr DDR-Bürger versammeln sich an der Grenze

Screenshot Bornholmer Straße: Immer mehr DDR-Bürger versammeln sich an der Grenze

Es kommt zu einem heftigen Wortwechsel, bei dem sich die Offizieren gegenseitig mit Argumenten und der Lilly bedrohen, aber Schäfer setzt sich durch: Keine Waffen, er will die Leute nicht provozieren. Während Schäfer wieder aufs Klo verschwindet, gibt es diplomatische Verwicklungen – der Botschafter von Moçambique will in die DDR einreisen – und inzwischen haben sich auch auf der Westseite Neugierige versammelt, die nachsehen wollen, wie das mit der Reisefreiheit der Ossis jetzt so ist. Der Druck steigt. Immer mehr Menschen versammeln sich an der Grenze, aber ein neuer Befehl kommt nicht. Schäfer hält den Telefonhörer aus seinem Postenhäuschen, damit seine Vorgesetzten mitkriegen, was hier inzwischen los ist: Tausende brüllen „Macht das Tor auf!“ Doch Oberst Kummer legt einfach auf. Oberstleutnant Schäfer ist perplex: „Die wollen die Realität nicht zur Kenntnis nehmen!“

Screenshot Bornholmer Straße:  Oberstleutnant Schäfer muss einen Entscheidung treffen.

Screenshot Bornholmer Straße: Oberstleutnant Schäfer muss einen Entscheidung treffen.

Gegen 22 Uhr kommt endlich ein Befehl. Doch die spontane Freude der Grenzer: „Wir haben einen Befehl!“ hält nicht lange, denn die befohlene „Ventillösung“ funktioniert nicht: Die Soldaten sollen besonders renitente Protestier identifizieren, sie ausreisen lassen und das Passbild stempeln: Die dürfen dann nicht mehr zurück. Mitläufer dürfen aus raus, die kriegen den Stempel hinten in den Ausweis, die dürfen wieder in die DDR einreisen. Aber wer ist jetzt Aufrührer und wer nur Mitläufer? Bald geht es wieder drunter und drüber – aber einen neuen Befehl gibt es nicht. Dafür wollen die ersten Ossis nach ihrem Ausflug nach Westberlin zurück – und sind völlig von der Rolle, als einige nicht mehr einreisen dürfen. Ehepaare werden auseinander gerissen, neue Diskussionen, jede Menge Emotion – die braven DDR-Bürger können es nicht fassen: Erst dürfen sie nicht raus, jetzt dürfen sie nicht mehr rein – dabei wollten sie doch gar nicht aus der DDR abhauen!

Screenshot Bornholmer Straße:  Neugierige Wessis auf der Brücke

Screenshot Bornholmer Straße: Neugierige Wessis auf der Brücke

Endlich trifft die von Schäfer angeforderte Alarmgruppe ein – allerdings sind nur zehn Mann durchgekommen. Die anderen stecken irgendwo in den Menschenmassen fest. Oberstleutnant Schäfer realisiert, dass er mit den paar Leuten die Massen nicht aufhalten können wird. Er muss eine Entscheidung treffen und er befiehlt schließlich, den Schlagbaum zu öffnen. Als seine Offiziere den Befehl nicht ausführen wollen, öffnet er den Schlagbaum eigenhändig. Die Massen jubeln, die anderen Grenzer schweigen mit versteinerten Mienen. Schäfer macht Meldung – er übt seine Ansprache vorher auf dem Klo. Oberst Kummer verspricht zurückrufen – was er auch tut: Kummer legt den Franz-Grothe-Song „Immer nur auf die Minute kommt es an!“ gesungen von Ernst Busch auf und sagt weiter ganz nichts. Schäfer kapiert mit einiger Verzögerung, dass ihm sein Vorgesetzter damit mitteilten wollte, dass Schäfers eigenmächtige Handlung nicht die befürchteten Konsequenzen haben wird. Erleichtert geht Schäfer nach der anstrengenden Schicht nach Hause.

Screenshot Bornholmer Straße:  Oberst Kummer (Ulrich Matthes)  will auch nichts entscheiden.

Screenshot Bornholmer Straße: Oberst Kummer (Ulrich Matthes) will auch nichts entscheiden.

Seine Frau hat ihm ein Frühstück gemacht und erinnert ihn an seine Darmuntersuchung. Die hat er ganz vergessen! Er sagt seiner Frau, dass er heute Nacht die Grenze aufgemacht hat. Sie schaut ihn irritiert, aber nachsichtig an: „Damit macht man keine Witze!“ und eilt zur Arbeit. Ein angemessen unspektakuläres Ende für einen alles in allem gar nicht schlechten Film über die Ereignisse des 9. November 1989. Ich wüsste nicht, wie man es anders machen sollte, ohne ekelhaft pathetisch zu werden – und das muss ich ausdrücklich an Bornholmer Straße loben:

Es ist ein relativ unverkrampfter Film über DAS einschneidende Ereignis in der neueren Deutschen Geschichte, in dem sich die als Witzfiguren eingeführten Befehlsempfänger an der DDR-Grenze dann wenigstens zum Teil als Menschen mit Herz und gesundem Menschenverstand erweisen – und auch die Ewiggestrigen wie Oberleutnant Ulrich Rotermund (Milan Peschel) eine Träne verdrücken dürfen, als ihm eine jubelnde DDR-Bürgerin um den Hals fällt.

Screenshot Bornholmer Straße: Die Grenze ist auf!

Screenshot Bornholmer Straße: Die Grenze ist auf!

Mir gefällt auch das Kulissenhafte – die Ausstattung von Grenzposten, Aufenthaltsräumen und Kantinen ist überauthentisch – von den vergilbten Blümchentapeten über Lampen, Resopaltische bis hin zu den scharfkantigen Topfpflanzen. Ganz großartig natürlich auch die Swinemünder Brücke – die beeindruckende Stahlfachwerk-Konstruktion von 1905, die im Ortsteil Gesundbrunnen über die Gleise der Berliner Ringbahn führt, wird immer wieder für Dreharbeiten genutzt, weil sie die relativ verkehrsarme Swinemünder Straße mit der nur bis zum Parkhaus des Gesundbrunnencenters befahrenen Bellermannstraße verbindet – beide Straßen sind sehr viel leichter für Filmarbeiten zu sperren als die inzwischen vielbefahrene Bornholmer Straße, wo an der Böse-Brücke die im Film geschilderten Ereignisse tatsächlich stattgefunden haben.

Screenshot Bornholmer Straße: Der letzte macht das Licht aus.

Screenshot Bornholmer Straße: Der letzte macht das Licht aus.

Schweden-Trip durch Kalifornien: Kill Your Darlings

Als ausgesprochene Liebhaberin skurriler Road-Movies (Wir können auch anders, U-Turn, Cold Fever), die gleichzeitig auch voll auf der Schwedenschiene (Joel Kinnaman, sämtliche Skarsgårds usw.) fährt, musste ich natürlich irgendwann auf Kill Your Darlings kommen. Dieser Film ist in Deutschland merkwürdigerweise so unbekannt, dass es nicht mal einen Wikipedia-Eintrag dazu gibt – aber das wird sich hoffentlich bald ändern.

Screenshot Kill Your Darlings - Erik (Andreas Wilson)

Screenshot Kill Your Darlings – Erik (Andreas Wilson)

Denn Kill your Darlings ist einfach fantastisch – ein totkomischer Film, der die US-Filmindustrie inklusive dieses ganzen Reality-TV-Scheiß, den US-Psycho- und Selbstoptimierungswahn, überhaupt diesen ganzen Selbstdarstellungs- und Selbstververmarktungszwang, den skandinavischen Hang zu Depression sowie noch eine ganze Menge anderer Dinge gnadenlos auf die Schippe nimmt.

Screenshot Kill Your Darlings

Screenshot Kill Your Darlings – Katherine (Julie Benz)

Auch die Besetzung ist grandios: Alexander Skarsgård als depressive Transe Geert im Verein mit Julie Benz als ebenfalls verhinderte Selbstmörderin Katherine, Fares Fares als zweifelhafter Selbstmordverhinderer Omar sowie John Larroquette als Psycho-Flüsterer Dr. Bangley, der zwar der Autor des Bestellers „Stay Alive“ ist, aber ein ernsthaftes Autoritätsproblem bei seiner vierzehnjährigen Tochter hat. Und dann natürlich die Hauptfiguren Erik und Lola, gegeben von dem Schweden Andreas Wilson und der Kanadierin Lolita Davidovich. Andreas Wilson kennt man von Real Humans – er spielt die tragische Figur des Leo Eischer, der halb Mensch und halb Androide ist. Er ist zwar ungefähr einen halben Meter kleiner als Alexander Skarsgård oder Joel Kinnaman, aber auch ein sehr hübscher Junge. Selbst in seinem schwedenfarbenen Streifenpulli. Ich muss sagen, dass ich mit der schwedischen Invasion in Hollywood außerordentlich glücklich bin.

Screenshot Kill Your Darlings

Screenshot Kill Your Darlings – Geert (Alexander Skarsgard)

Kill your Darlings bringt das Beste der US- und der schwedischen Art Filme zu machen zusammen – gut, vielleicht bin ich jetzt ein bisschen zu euphorisch, aber ich habe mir den Film gestern angesehen und ich dabei solche Lachanfälle, dass meine Kinder besorgt nach mir gesehen haben – und nein, ich hatte nichts geraucht.

Die Geschichte kurz zusammengefasst: Der junge Schwede Erik interessiert sich für Selbstmord: Was bewegt Menschen, ihr Leben zu beenden? Er ist eigentlich Fotograf und wäre gern Drehbuchautor, in Los Angeles will er sein aktuelles Skript über Selbstmord an den Mann bringen. Er bekommt sogar einen Termin bei einem der allmächtigen Filmproduzenten, ist dann aber so blöd, während dieses hochwichtigen Gesprächs mit dem Filmgott an sein Handy zu gehen, das klingelt. Das war’s dann, wobei seine seltsam nordeuropäische Story eh nicht angekommen wäre, im ach so lebensbejahenden Hollywood. Jetzt muss Erik weiterhin Burger so fotografieren, dass man sie auch noch essen will.

Screenshot Kill Your Darlings

Screenshot Kill Your Darlings – Lola (Lotita Davidovich)

Auf der anderen Seite gibt es Geehrt und Katherine, die sich gern umbringen würden, aber das nicht auf die Reihe kriegen – Omar soll sie als Beweise für den Erfolg von Dr. Bangley erstens retten und zweitens nach Las Vegas in die nächste große Live-Show bringen.

Und dann gibt es auch noch Lola, die femme fatale, die ungefähr doppelt so alt ist wie Erik, sich selbst zu Eriks Muse ernannt hat und den armen Jungen nun zu einem Trip durch die kalifornische Wüste zwingt, damit er endlich mal was erlebt, worüber er ein vernünftiges Drehbuch schreiben kann. Natürlich gibt es haufenweise skurrile Szenen und wunderbare Wüstenaufnahmen.

Screenshot Kill Your Darlings

Screenshot Kill Your Darlings – Omar (Fares Fares)

Allein der Anfang, als Katherine versucht, sich mit ihrem Fernseher (!!!) in den Swimmingpool zu stürzen! Oder Erik, der mit der Pinzette sorgfältig die Sesamkörner auf dem Cheeseburger arrangiert. Oder Dr. Bangley, der seine Teenie-Tochter anfleht, ihm für den Pressetermin doch bitte die Anzughose zurückzugeben…

Super Film, den ich hiermit ausdrücklich empfehle!

Screenshot Kill Your Darlings

Screenshot Kill Your Darlings