Seven Seconds: Kein Handy am Steuer

Für Fans der leider nicht mehr auf Netflix verfügbaren Krimiserie The Killing hat die Plattform einen würdigen Ersatz im Programm: Den Zehnteiler Seven Seconds. Auch hier war Veena Sud für Drehbuch und Produktion verantwortlich. Wie schon bei The Killing  (und der großartigen dänischen Vorlage Forbrydelsen) geht es in der Krimi-Handlung nicht nur darum, einen Schuldigen zu finden, sondern auch zu zeigen, was der gewaltsame Tod eines geliebten Menschen für Auswirkungen auf die Überlebenden hat. Auf die Familie des Opfers, aber auch auf den Täter und sein Umfeld, und nicht zuletzt auf die Menschen, die ein solches Verbrechen als Angehörige von Ermittlungs- und Strafverfolgungsbehörden aufzuklären und zu ahnden haben.

Serienposter seven seconds Bild: Netflix

Serienposter seven seconds Bild: Netflix

Genau wie bei The Killing es handelt es sich um ein Remake – in diesem Fall war es allerdings keine komplette Serie, deren Handlung in die USA verlegt wurde. Als Inspiration diente der russische Film Майор, der im Jahr 2013 sowohl in Cannes als auch auf den Filmfestival in Toronto vorgestellt wurde. In dem Film von Yuri Bykow überfährt der russische Polizist Sergei Sobolev versehentlich ein Kind, als er auf dem Weg zu seiner Frau ist, bei der die Wehen eingesetzt haben. Aus Korpsgeist vertuschen die Kollegen das Verbrechen, in dem sie die einzige Zeugin des Vorfalls, die Mutter des Jungen, in Misskredit bringen. Im Laufe der Zeit bereut Sobolev seine Entscheidung und beschließt, zu gestehen und die Strafe dafür in Kauf zu nehmen, doch seine Kollegen sind damit nicht einverstanden, denn jetzt hängen sie ja alle mit drin. Alles in allem handelt es sich um einen ziemlich brutalen Film über Korruption innerhalb der russischen Polizei, den ich mir schon deshalb angesehen habe, weil es auffallend wenig Filme aus Russland überhaupt auf westliche Filmfestivals schaffen.

Es ist kein schöner, sondern ein alles in allem sehr unangenehmer Film, der aber genau deshalb wieder gut ist, weil er genau das Übel, das sein Thema ist, schonungslos offenlegt. Ich kann mir vorstellen, dass die offiziellen russischen Behörden, um die es unter anderem geht, Probleme damit haben. Was wiederum auch erklärt, warum dieser Film im Westen gelaufen ist: Hier wird ja gern gezeigt, was in Russland nicht funktioniert und einfach nur schlimm ist.

Insofern ist es ein besonderes Verdienst von Veena Sud und ihrer Serie, dass sie dieses Übel überaus glaubwürdig in den US-Polizeiapparat verlegt hat: In den USA ist die Korruption im System nicht weniger schlimm. Ich persönlich fände ja auch mal eine Serie gut, in der die Korruption und der Korpsgeist innerhalb der deutschen Polizei einmal kritisch aufgearbeitet würde, die Mordserie des NSU beispielsweise wäre da ein schier unerschöpfliches Thema. Dafür könnte man gern ein paar Millionen aus dem Rundfunkbeitrag abzweigen, den ich jeden Monat zahlen muss, obwohl ich inzwischen lieber Netflix und Amazon kucke. Die ja letztlich auch nur böse Konzerne sind, die Geld scheffeln wollen.

Seven Seconds: Peter Jablonski (Beau Knapp), Felix Osorio (Raúl Castillo) und Mike DiAngelo (David Lyons) Bild: Netflix

Seven Seconds: Peter Jablonski (Beau Knapp), Felix Osorio (Raúl Castillo) und Mike DiAngelo (David Lyons) Bild: Netflix

Zurück zu Seven Seconds: Anders als in The Killing steht hier nicht eine Ermittlerin der Polizei im Vordergrund, die für die Aufklärung des titelgebenden Verbrechens nicht nur ihr Privatleben, sondern auch ihre berufliche Karriere ruiniert, sondern eine Schicksalsgemeinschaft aus sehr unterschiedlichen Menschen, deren Lebenswege sich durch einen tragischen Unfall kreuzen: Als der junge Drogenfahnder Peter Jablonski (Beau Knapp)  an einem kalten Wintermorgen auf dem Weg zu seiner schwangeren Frau ist, die wegen Blutungen ins Krankenhaus musste, telefoniert er mit dem Handy und achtet ein paar Sekunden nicht auf die Straße. Er kollidiert plötzlich mit etwas, was sich wenig später als ein Radfahrer herausstellt – unter dem Fahrzeug ragt der Hinterreifen eines teueren BMX-Rads hervor, in dem eine Pappmaché-Möwe steckt.

Voller Panik informiert der junge Polizist seinen Vorgesetzten Mike DiAngelo (David Lyons), der sich mit seinen Team sofort an den Unfallort begibt. Dem abgebrühten Cop ist gleich klar, dass das nicht gut aussehen wird – ein weißer Bulle überfährt ein schwarzes Kind. Und weil das teure Fahrrad darauf hinweist, dass der Junge zu einer in Jersey City berüchtigten Gang gehört, trifft Captain DiAngelo die folgenschwere Entscheidung, die Sache zu vertuschen. Eigentlich will der ehrliche Cop Jablonski sich stellen, doch DiAngelo überredet ihn, ins Krankenhaus zu seiner Frau zu fahren und ihm und den beiden Kollegen den Rest zu überlassen. Damit nimmt das Verhängnis seinen Lauf.

Wie in der russischen Vorlage Майор sind die handelnden Personen gezwungen, im Verlauf der Handlung immer schlimmere Dinge zu tun, um ihre Story glaubwürdig erscheinen zu lassen. Und weil eine Serie sehr viel mehr Zeit für Nebenhandlungen hat, gibt es in Seven Seconds noch zwei bemerkenswerte Antagonisten: Die ermittelnde Staatsanwältin KJ Harper (Claire-Hope Ashitey) und den skeptischen Bullen Joe „Fish“ Rinaldi (Michael Mosley).

Das schwarze Waisenkind KJ wurde von weißen Eltern in einem komfortablen Vorort von New York aufgezogen, konnte von einer erstklassigen Ausbildung profitieren und ist doch ein Wrack, sie hat eine verhängnisvolle Beziehung zu Gin und zu Karaoke-Bars. Im Verlauf der Handlung kommt ihre verstörende Geschichte ans Licht; in ihrer Funktion als Vollstreckerin der Staatsgewalt muss sie Dinge anordnen, die mitunter fatale Auswirkungen auf Unbeteiligte haben. Das musste KJ auf die harte Tour lernen und sie ist daran zerbrochen.

Insofern ist es nicht unbedingt ein Glück für die Eltern von Brenton Butler, dass ihr Fall ausgerechnet bei KJ landet. Aber – wie wir als ausgebufftes Serienpublikum ahnen – KJ wird diesen Fall zu ihrer persönlichen Definition von Sieg oder Niederlage machen und damit dann entweder mit wehenden Fahnen untergehen, oder einen unerwarteten Sieg einfahren. Oder auch keins von beiden, denn das Justizsystem der USA ist, nun ja, kompliziert.

Seven Seconds: Die Eltern Latrice Butler (Regina King) und Isaiah Butler (Russell Hornsby) Bild: Netflix

Seven Seconds: Die Eltern Isaiah Butler (Russell Hornsby) und Latrice (Regina King) Bild: Netflix

 

Der Fall erweist sich für alle Beteiligten als harte Nuss. Das Umfeld von Brenton Butler ist nicht unbedingt ideal: Auch wenn seine Mutter eine Mittelschullehrerin ist und sein Vater ein hart arbeitender Mann, der immer seine Schulden bezahlt und beide Eltern in ihrer Kirchengemeinde gut integriert sind: Der kleine Bruder des Vaters ist Mitglied einer berüchtigten Gang in New Jersey, und dieses teure Fahrrad, mit dem Brenton zum Zeitpunkt des Unfalls unterwegs war, unterstützt die These seiner Gangzugehörigkeit. Und klar, das ist rassistisch, aber dennoch ein Umstand, der gegen ihn spricht: Mitglieder von kriminellen Gangs kommen nun mal schneller unter ungeklärten Umständen zu Tode als unbescholtene Bürger. Angesichts der Faktenlage ist es also naheliegend, Brenton Butler als Opfer eines Konfliktes unter rivalisierenden Gangs zu deklarieren.

Natürlich sind Brentons Eltern mit dieser Erklärung nicht zufrieden. Ihr Junge war ein guter Junge, und sie bekommen starken Rückhalt in der Black-Lives-Matter-Bewegung. Mit der hat Detective Rinaldi zwar nichts am Hut, aber auch ihm fällt auf, dass hier irgendwas nicht stimmen kann. Er gehört nicht zur eingeschworenen Bruderschaft in seinem Polizeirevier, er ist ein streitbarer Außenseiter, der seinen Job ernst nimmt. Entsprechend hartnäckig ermittelt er in diesem unbefriedigenden Fall, den seine Vorgesetzten nur zu gern zu den Akten legen würden.

Seven Seconds: KJ Harper (Claire-Hope Ashitey) und Joe "Fish" Rinaldi (Michael Mosley) Bild: Netflix

Seven Seconds: KJ Harper (Claire-Hope Ashitey) und Joe „Fish“ Rinaldi (Michael Mosley) Bild: Netflix

Wie in der Vorlage führt der Ermittlungsdruck dazu, dass die Polizisten zu immer extremeren Maßnahmen greifen müssen, um ihre Version des Vorfalls zu stützen. Natürlich bleibt es auch Jablonskis Frau Marie nicht verborgen, dass etwas passiert sein muss: Ihr Peter ist nicht mehr derselbe. Nach und nach gerät das Leben sämtlicher Beteiligten aus den Fugen.

Insgesamt handelt es sich also um eine reichlich düstere Geschichte, in der am Ende alle verlieren. Aber genau das macht die Qualität dieser Serie aus: Die handelnden Personen haben alle vermeintlich gute Gründe, für das, was sie tun. Oder lassen. Ihren persönlichen Maßstäben nach wollen sie einfach das Richtige tun, was sich dann aber als falsch herausstellt. Und auch die Eltern des Opfers Brendon Butler müssen erkennen, dass sie ihren Sohn nicht wirklich gekannt haben. Seven Seconds ist eine mutige und wichtige Serie über soziale und rassistische Vorurteile und gleichzeitig eine Reflexion über Schuld und Sühne. 

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Netflix-Serienhauptstadt des Monats: Marseille

Auf die Serie Marseille war ich sehr gespannt – schließlich hat Netflix mit seinen Eigenproduktionen bisher solide Arbeit geleistet. Und zwar nicht nur bei der bemerkenswerten Politserie House of Cards, die als Vergleich zu allem derzeit etwas überstrapaziert wird. Wobei es neben einigen Spitzenprodukten mittlerweile eine ganze Reihe eher mittelmäßiger Netflix-Serien gibt, gerade im Comedy-Fach finde ich vieles gar nicht so gut. Marseille soll nun aber ein Drama-Flaggschiff für die europäischen Netflix-Kunden werden, und nachdem ich nun die Hälfte der ersten Staffel gesehen habe, bin ich mir nicht so sicher, ob das funktionieren wird.

Wobei ich mit Marseille durchaus zufrieden bin – man sieht tatsächlich sehr viel von der Stadt, womit ich genau das bekomme, worauf ich gehofft hatte: Ich liebe diese Stadt und kann mich einfach nicht satt sehen an der Silhouette von Notre Dame de la Garde auf ihrem Hügel, am Panier auf der Seite gegenüber, dem alten Hafen, den engen Gassen und den breiten Boulevards, und natürlich den Bergen und dem Meer. Allein dass im Titelsong arabisch gesungen wird, hat mich schon positiv eingestimmt, denn Marseille ist nun einmal das Tor Frankreichs zum Orient, oder vielmehr für zahlreiche Einwanderer aus Nord- und Zentralafrika das Tor zu Europa.

Marseille - Bild: Netflix

Marseille – Bild: Netflix

Wer eine zeitlang in Marseille gelebt hat, kann über die Klagen der Deutschen über viel zu viel Multikulti in ihren Städten nur müde lächeln – klar gibt es inzwischen auch Gegenden in Berlin, Köln oder Stuttgart, wo die Bewohner im Alltag locker mit Türkisch durchkommen. Aber in Marseille war es Anfang der 90er Jahre für mich als Austauschstudentin gar nicht so einfach, eingeborene Franzosen kennenzulernen – meine Kommilitonen kamen aus vor allem aus Marokko, Algerien, Tunesien, Italien, Spanien und Griechenland, das war sehr interessant und weil unsere gemeinsame Sprache nun einmal französisch war, lernte ich das auch ganz gut. Und es gefiel mir, dass ich mich je nach dem, mit wem ich mich traf und wegging, wie in Nordafrika, Italien oder Griechenland fühlen konnte – mediterran eben.

Allerdings war das Marseille, das ich vor inzwischen 25 Jahren kennenlernte, deutlich schäbiger und ranziger als das, was der Welt seit 2013 präsentiert wird, nachdem Marseille als Kulturhauptstadt kräftig aufgehübscht wurde. Natürlich ist in der neuen Serie vor allem dieses neue, glattsanierte Marseille zu sehen, die coolen neuen Prestigebauten, die nun die Hafengegend prägen und natürlich wohnt der langjährige Bürgermeister von Paris nicht in einem Plattenbau in einem der Problembezirke, sondern in einer großzügigen alten Villa mit einem parkähnlichen Garten – klar gibt es auch schicke Villenviertel in der zweitgrößten Stadt Frankreichs. Dort wohnen die eingeborenen Franzosen, gut abgeschirmt hinter hohen Mauern, auf deren Kronen Glasscherben eingemauert sind – dieses Detail fand ich auf meinen Erkundungszügen vor 25 Jahren noch ziemlich verstörend. Inzwischen sind derartige Gated Communities ja auch in der Innenstadt von Berlin völlig normal – hier reichen allerdings solide Stahlzäune mit automatischen Toren.

Marseille - Robert Taro (Gérard Depardieu) und Lucas Barrès (Benoît Magimel)  Bild: Netflix

Marseille – Robert Taro (Gérard Depardieu) und Lucas Barrès (Benoît Magimel) Bild: Netflix

Aber Robert Taro (Gérard Depardieu) ist kein Snob, sondern ein leidenschaftlicher Politiker, der sein Amt genauso liebt wie seine Frau und seine Stadt. Nach 20 Jahre im Amt bereitet er die Übergabe an seinen politischen Ziehsohn Lucas Barrès (Benoît Magimel) vor, von dem Robert erwartet, dass er sich auch künftig wie ein Sohn verhalten werde, der auf den weisen Rat seines alten Vaters hört. Doch allzu bald stellt sich heraus, das Lucas eigene Ambitionen hat – das gefällt dem alten nicht, der es daraufhin noch einmal wissen will und den Kampf um die Macht in der Stadt aufnimmt. Und weil das allein zu langweilig wäre gibt es auch noch eine ganze Reihe anderer Handlungsstränge, etwa die Geschichte von Eric (Guillaume Arnault), Farid (Hedi Bouchenafa) und Sélim (Nassem Si Ahmed).

Eric und Sélim sind typische Marseiller Jungs (die irgendwie alle ein bisschen wie Elliot Alderson aussehen) aus Felix Pyat, einer dieser hoffnungslosen Hochhausvorstädte, deren Problem vor allem ist, dass sie nicht wie bei Paris irgendwo im Umland weit draußen vor der eigentlichen Stadt liegt, sondern mittendrin. Um sich eine finanzielle Grundlage für ihre künftige Geschäftstätigkeit zu beschaffen, überfallen die beiden eins der Juweliergeschäfte, die es in Marseille auch reichlich gibt – irgendwo müssen ja auch die Schönen und Erfolgreichen der Stadt ihr Geld ausgeben. Sie verstecken die Beute in Erics Dienstwagen. Denn eigentlich will Eric eine ehrliche Karriere verfolgen – er hat sogar einen ordenlichlichen Job, er ist Fahrer bei einem Krankentransportdienst. Doch als er sich weigert, seinen Dienstwagen für Aufträge illegaler Natur einzusetzen, handelt er sich Ärger mit dem Boss der lokalen Mafia ein. Farid erteilt ihm eine typische Lektion, in dem er Erics Dienstwagen abfackelt. Die Katastrophe ist perfekt: Jetzt ist sowohl Erics ehrlicher Job als auch die Beute aus dem Überfall futsch. Eric hat also gar keine andere Wahl mehr, als für Farid zu arbeiten.

Marseille - Julia (Stéphane Caillard) und Eric (Guillaume Arnault) Bild: Netflix

Marseille – Julia (Stéphane Caillard) und Eric (Guillaume Arnault) Bild: Netflix

Und dann ist der arme Junge auch noch in Julia Taro verliebt – die Tochter des Bürgermeisters ist nach fünf Jahren aus Montréal heimgekehrt und arbeitet nun unter anderem Namen bei der lokalen Tageszeitung. Sie will nicht als Tochter ihres Vaters Karriere machen, was ihr Chef allerdings ziemlich dämlich findet. Julia macht Eric auch schnell klar, wo der Hammer hängt – sie fängt ausgerechnet mit seinem Kumpel Sélim etwas an und erklärt Eric, dass sie mache, was und mit wem sie wolle. Zu Lucas, der in ihrem Elternhaus aus- und eingeht, empfindet sie eine geschwisterliche Zuneigung.

Für Lucas hingegen, so viel wird schnell klar, sind Beziehung jedweder Art nur Mittel, um seine Karriere voranzutreiben. Sex ist für ihn ein Werkzeug, um an relevante Informationen zu gelangen, ob er dafür nun frustrierte Ehefrauen einflussreicher Konkurrenten befriedigen, seine Assistentin flachlegten oder mit dem schwulen Zeitungsverleger anbandeln muss, ist ihm egal. Er beherrscht die Kunst, die anderen in ihm jeweils das sehen zu lassen, was sie sehen wollen, wie er selbst erklärt. Aber als Robert klar wird, dass er sich in Lucas getäuscht hat, fängt er damit an, zu erforschen, wer dieser Lucas tatsächlich ist – und natürlich gibt es hier heikle dunkle Flecken in der Vergangenheit, die besser nicht ans Licht kommen sollten. Aber das geht auch anderen so – natürlich ist die Politik in Marseille ein Sumpf aus Korruption und Kalkül, in dem jeder vor allem eigene Interessen verfolgt.

Marseille - Lucas Barrès (Benoît Magimel) Bild: Netflix

Marseille – Lucas Barrès (Benoît Magimel) Bild: Netflix

Natürlich ist Marseille trotzdem kein europäisches Hause of Cards geworden – und das ist auch gut so, das gibt es schließlich mit dem britischen Vorbild für diese Serie schon längst. Wenn überhaupt, würde ich hier eher Verwandtschaft mit der Starz-Serie Boss sehen, wobei der Chicagoer Bürgermeister Tom Kane noch ein ganz anderes Kaliber ist, als der ja nun wirklich um seine Familie und seine Stadt besorgte Robert Taro, der zwar auch mal eine Nase Kokain schnupft, aber nur, weil wegen seiner chronischen Schmerzen nach einem Autounfall opiatabhängig geworden ist.

Marseille ist insgesamt behäbiger als die genannten US-Vorbilder, es gibt keine wohlkalkulierten Schockmomente und keine nervenzerfetzenden Cliffhanger, die einen dazu bringen, den nächsten Teil unbedingt sehen zu müssen, weil man einfach nicht ertragen kann, nicht zu wissen, wie es weiter geht. Und ich persönlich finde das auch gar nicht schlimm, weil ich so und so weiter kucken werde, eben weil ich noch mehr von Marseille sehen will. Gemessen an deutschen Produktion wie Die Stadt und die Macht – die ich übrigens gar nicht dermaßen schlecht, aber eben auch nicht wirklich gut finde, muss Marseille sich keineswegs verstecken.

Marseille - Robert Taro (Gèrard Depardieu) in seinem Element

Marseille – Robert Taro (Gèrard Depardieu) in seinem Element. Bild: Netflix

Marseille kommt vielleicht eine Spur zu theatralisch daher – aber damit muss man rechnen, wenn der französische Ober-Obelix Depardieu die Hauptrolle spielt. Depardieu füllt seine Hauptrolle genau so aus, wie man das erwartet, Robert Taro ist in den prunkvollen Hallen französischer Repräsentationsgebäude so selbstverständlich zuhause wie er mit den einfachen Leuten auf dem Fischmarkt am alten Hafen in ihrem Dialekt spricht –  das ist wichtig, wie er Lucas erklärt, damit sie verstehen, dass man einer der ihren ist.

Das wird zwar nicht dafür ausreichen, dass nun reihenweise Europäer ein Netflix-Abo abschließen, um diese Serie endlich sehen zu können, aber für alle, die bereits ein Netflix-Abo haben, könnte es ein Grund sein, es weiterhin zu behalten. Solide französische Hausmannskost ist zur Abwechslung eben auch mal ganz nett. Am besten genießt man Marseille mit einem kühlen Rosé aus Cassis oder Bandol.

Robocop reloaded – die Zukunft hat längst begonnen

So, jetzt hab ich ihn endlich gesehen, den neuen Robocop und bin erleichtert: Es ist ein durchaus gelungener Film, in dem die Geschichte des Polizisten Alex Murphy und seiner Verwandlung in eine Maschine neu erzählt wird. Das Gemecker in einschlägigen Foren, wie man denn überhaupt wagen könne, Robocop neu zu verfilmen, und dann noch mit so einem dahergelaufenen Schweden, wo doch Peter Weller der einzig wahre Robocop sei, kann man getrost vergessen. Wobei Peter Weller natürlich ein fantastischer Robocop war. Aber Joel Kinnaman ist halt auch ein großartiger Robocop.

Ich muss natürlich zugeben, dass Joel Kinnaman für mich sogar ein entscheidendes Extra an dem Film ist und hoffe sehr, ihn jetzt häufiger in guten Filmen zu sehen. Denn obwohl ich das meiste, was ich bisher von ihm gesehen habe, ziemlich bis sehr gut fand, ist auch ein Joel Kinnaman keine Allzweckwaffe gegen schlechte Filme. The Darkest Hour beispielsweise ist einer der schlechtesten Science-Fiction-Filme, die ich je zu sehen versucht habe – ich habe den nicht bis zum Ende durchgehalten, weil er einfach zu öde war. Der spielt in der Liga von Independece Daysatster, den ich auch einfach zu schlimm fand, um ihn durchzuhalten. Dabei schaue ich mir eigentlich gern auch trashiges Zeugs an, und ruhig auch total schrägen, gewalttätigen Gaga-Trash wie Machete Kills und so weiter. Aber es gibt halt in jedem Genre bessere und schlechtere Filme. Und so hatte ich schon etwas Bedenken, dass es mit der Neuverfilmung von Robocop schief gehen könnte. Ging es aber nicht.

Was stimmt, ist, dass der neue Robocop weitgehend humorfrei ist. Das Original von Paul Verhoeven ist ja quasi schon seine eigene Satire, was eine echte Meisterleistung war und ist – dieser beißende, schwarze und abgründige Humor ist DAS Markenzeichen von Verhoeven-Filmen. Hier haben wir aber einen José-Padilha-Film. Der Brasilianer ist von Haus aus ein Dokumentar-Filmer, und zwar ein kritischer, der sich für Themen wie Gewalt, Drogen, Korruption und so weiter interessiert, weshalb ich sehr gespannt war, wie er einen Stoff wie Robocop angehen würde.

Was auch stimmt, ist, dass dem Film der Superbösewicht Clarence Boddicker samt seiner brutale Gang abhanden gekommen ist – was ich keineswegs als Verlust empfinde. Mir gehen diese dämonischen Superbösewichte ohnehin auf die Nerven, weshalb ich auch kein großer Fan von Psychopathen-Filmen bin – das ist nicht die Art des Bösen, die mich interessiert. Viel spannender als jeden superperversen Totalspychopathen finde ich die „normalen“ Psychopathen, selbstbezogene Chefs, entgleiste Underdogs, die irgendwann einfach den Kanal voll haben und abdrehen, und dann natürlich die ganze Palette des trivialen Bösen wie halt korrupte Bullen oder gierige Aufsteiger, Menschen eben, die kriminelle Dinge tun, weil sie sich irgendeinen Vorteil davon versprechen und nicht weil sie so furchtbar böse sind. Die meisten Verbrechen geschehen ja nicht, weil jemand einfach böse sein will, sondern weil es auf legale Weise halt unheimlich mühsam ist, seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. All das wird in Robocop so natürlich nicht thematisiert, da geht es schließlich um die Verbrechensbekämpfung und wie man die möglichst effektiv gestalten kann. Und natürlich gibt es mit dem Waffenhändler Antoine Vallone auch noch einen Verbrecher, und zwar einen, der den engagierten Bullen Alex Murphy aus dem Weg haben will, weil er weiß, dass Murphy und sein Partner Jack Lewis (gespielt von Michael K. Williams, bekannt als Omar Little aus The Wire) ihm auf der Spur sind. Aber der ist halt ein normaler Gangster mit guten Verbindungen und kein durchgeknallter Psychopath.

Und es geht um Kapitalismus – der auch gar nicht infrage gestellt wird. Padilha, der Dokumentarfilmer, zeigt einfach, wie er funktioniert. Da ist der Hightech-Konzern Onmicorp, der weltweit seine Produktions- und Testzentren hat und einen Haufen Geld verdienen will. Onmicorp beliefert das US-Militär mit Drohnen und Robotern, die überall in der Welt für Ordnung und Sicherheit sorgen, ohne dass dabei das Leben von US-Soldaten gefährdet wird. Dass nicht allen Menschen in den besetzten, äh, befreiten, befriedeten Ländern das gefällt, wird gleich am Anfang klar, als ein Kommando von Selbstmordattentätern in Teheran einen Anschlag auf einige dieser Militär-Roboter verübt – nur, um damit ins Fernsehen zu kommen. Um zu zeigen, dass es Widerstand gibt. Und als einer der angegriffen Roboter ein mit einem Messer bewaffnetes Kind erschießt, wird die Liveschaltung in die USA unterbrochen. Denn eigentlich sollte das ja eine Werbesendung für die Omnicorp-Produkte sein. Und keine Kritik daran, zu der dieser Fernsehbeitrag nun zu mutieren droht.

Denn die ganzen schönen Omnicorp-Roboter dürfen in den USA nicht eingesetzt werden, weil man dort ethische Probleme damit hat, wenn Maschinen und nicht Menschen den Abzug betätigen. Auch wenn es die Menschen sind, die ständig Fehler machen. Omnicorp ist versessen darauf, den lukrativen Heimatmarkt endlich mit seinen Produkten ausstatten zu können. Die Vorstandsetage wird ganz wuschig, als sie ausgerechnen lässt, wieviele Millionen der Firma durch dieses unsinnige Gesetz, das bezeichnenderweise Dreyfuss Act heißt, jeden Tag, den es noch gilt, entgehen. Der Dreyfuss Act muss weg, soviel ist klar. Und Omnicorp braucht ein Produkt, das irgendwie menschlich ist, ohne dass der menschliche Faktor stört. Und der wird aus den menschlichen Überresten von Alex Murphy nach und nach heraus optimiert.

Es stellt sich nämlich schnell heraus, dass die vollautomatischen Roboter, die in den Tests gegen Robocop antreten, einfach effektiver sind. Sie denken nicht, sie handeln gemäß ihres Programms. Sie sind im Grunde das, was der klassische Robocop war: „Er hat keinen Namen, er hat ein Programm.“ Aber der neue Robocop wurde ja extra geschaffen, um nicht nur Programm zu sein, sondern eben ein überlegener Mensch dank maschineller Unterstützung. Über den neuen Robocop sagt Konzernchef Raymond Sellars (Michael Keaton): „Wir haben hier einen Roboter, der denkt, er sei Alex Murphy; und das ist, denke ich, legal.“ Denn als guter Geschäftsmann weiß Sellars, dass jedes ethische Problem eigentlich ein juristisches Problem ist.

Wissenschaftler Dr. Dennet Norton (Gary Oldman) hat dann aber viel Mühe damit, die Gedanken und Gefühle von Alex Murphy so zu kontrollieren, dass er die effektive Maschine sein kann, die er sein soll. Als Alex realisiert, dass von ihm eigentlich kaum etwas übrig ist, will er einfach nur sterben – aber Dr. Norton schafft es, die richtigen Emotionen in ihm zu wecken, um überleben zu wollen – für seine Frau Clara und seinen Sohn. Die Alex aber kurze Zeit später schon nicht mehr wahr nimmt, als er bei seiner ersten öffentlichen Präsentation an den beiden, die schon lange sehnsüchtig auf ihn gewartet haben, einfach vorbei stampft. Nach einem unvorhergesehen emotionalen Zusammenbruch musste Dr. Norton den Dopamin-Spiegel seines Schützlings so weit senken, dass er nichts mehr fühlt, damit er wieder handlungsfähig ist.

Der menschliche Faktor wurde also weitgehend elemeniert, Alex wird tatsächlich zu der effektiven Maschine, die er sein soll. Mit der Nebenwirkung, dass er auch völlig emotionslos ehemalige Kollegen abknallt, nachdem er sie eines Verbrechens überführt hat. Das ist eine Panne, die für Omnicorp fatal werden kann – insbesondere, nachdem Alex damit angefangen hat, in seinem eigenen Mordfall zu ermitteln. Er kann gar nicht anders, seine hocheffektiven Programme bringen ihn schnell auf die richtige Spur – er deckt Korruption in den eigenen Reihen auf, bis hinauf zur Polizeipräsidentin. Doch bevor er sie zu einem Geständnis bringen kann, schaltet Omnicorp ihn ab. Die Sache wird politisch zu heikel. Allerdings rebelliert Dr. Norton dagegen, dass Alex dauerhaft still gelegt wird. Norton ermöglicht ihm nicht nur die Flucht aus dem Omnicorp-Labor, in dem er zerstört werden soll, sondern entfernt auch den Transmitter, mit dem der Robocop ferngesteuert wurde. Damit ermöglicht er Alex, tatsächlich wieder autonom handeln zu können.

Die Frage, ob das jetzt gut oder schlecht ist, spielt eigentlich keine Rolle – klar ist, dass Alex so oder so nicht mehr in sein altes Leben zurück kann – er hat keinen Körper in eigentlichen Sinne mehr, ob und wie er und Clara jemals wieder Sex haben werden, wird nicht weiter thematisiert, ist aber eine der vielen interessanten Fragen, die der Film aufwirft. Was soll eine Kampfmaschine einem Gewissen? Wie sich zeigt, ist sie ja viel effizienter, wenn sie keins hat. Genau wie es viel praktischer ist, wenn der Robocop keine Emotionen zeigt – die stören nur und für die Aufklärung von Verbrechen braucht er keine, da reichen flotte Prozessoren und die riesigen Datenbanken, auf die er zugreifen kann. Letztlich entpuppt sich das letzte bisschen Mensch, das noch in ihm steckt, als lästiger Ballast. Und doch ist es eben dieses letzte Bisschen, das ihn dazu bringt, sich gegen sein Schicksal aufzulehnen. Rational ist es nicht zu erklären – es ist halt einfach menschlich.