Awake: Traum oder Realität?

Während es einige Serien gibt, um die ein Wahnsinnshype gemacht wird, ohne dass sie deshalb besonders gut sein müssten, existieren auch erstaunlich viele Serien, von denen man noch nie gehört hat, die aber trotzdem gar nicht so schlecht sind. Eins dieser kleineren Projekte ist Awake, eine Serie um den Polizisten Michael Britten (Jason Isaacs), der nach einem schweren Unfall in zwei verschiedenen Realitäten aufwacht.

Awake: Michael Britten (Jason Isaacs) Bild via serienjunkies.de

Awake: Michael Britten (Jason Isaacs) Bild via serienjunkies.de

In der einen, der „roten Realität“ ist seine Frau (Laura Allen als Hannah) noch am Leben, aber sein Sohn ist tot. In der anderen, der „grünen“ hat sein Sohn (Dylan Minnette als Rex) den Unfall überlebt, aber seine Frau nicht. In beiden Realitäten geht er zur Therapie, in der roten zu Dr. Jonathan Lee (wie immer großartig: BD Wong), in der grünen zu Dr. Judith Evans (Cherry Jones), was sehr amüsant ist, da beide Psychiater immer sehr gute Erklärungen dafür haben, warum „ihre“ Realität die jeweils echte und die andere ein Traum ist. In beiden Realitäten geht Britten seinem alten Job als Detective beim LAPD nach, wobei er zwar die gleiche Chefin, nämlich Captain Tricia Harper (Laura Innes), aber unterschiedliche Partner hat, in der „roten“ ist das der junge Elfrem Vega (Wilmer Valderrama), den Britten nicht für voll nimmt, in der „grünen“ ist es Isaiah „Bird“ Freeman (Steve Harris), mit dem er bereits seit Jahren zusammen arbeitet. Mit der Zeit stellt sich heraus, dass die völlig unterschiedlichen Fälle, an denen Britten in den jeweiligen Realitäten arbeitet, stets irgendwie zusammenhängen und er kommt nach und nach einem Mordkomplott auf die Spur, dem eigentlich er zum Opfer fallen sollte.

Awake: Dr. Jonatha Lee (BD Wong) Bild via imdb.com

Awake: Dr. Jonathan Lee (BD Wong) Bild via imdb.com

Awake war einer der vielen vergeblichen Versuche des altehrwürdigen US-Senders NBC an alte Serienerfolge anzuknüpfen – NBC ist unter anderem bekannt für Klassiker wie ALF, Seinfeld, Friends oder Golden Girls. Aber die Konkurrenz, vor allem durch Bezahlsender wie HBO, Showtime oder AMC, die von den vergleichsweise strengen Zensurvorschriften im frei empfangsbaren US-Fernsehen weniger betroffen sind und auch dank Sex, Gewalt und offenen Worten eine ganze Menge erfolgreicher Serien produzieren, macht es den etablierten Networks zunehmen schwer – wobei ich das gar nicht schlimm finde. Und dann gibt es neuerdings ja auch noch Hulu, Netflix und Amazon, die eine Qualitätsserie nach der anderen raushauen – da muss man sich schon etwas anderes einfallen lassen als nur immer mehr vom Bewährten. Wobei NBC mit This Is Us im vergangenen Jahr offenbar mal wieder einen Treffer gelandet hat – muss ich mir gelegentlich ansehen.

Doch zurück zu Awake – zwar wurde die Serie 2012 nach nur einer Staffel wegen schlechter Einschaltquoten eingestellt, was aber in diesem Fall eher gegen das Publikum als gegen die Serie spricht – denn so halbmittelgute Serien wie The Blacklist oder Blindspot sehen sich die Leute auf NBC ja auch an. Awake finde ich zumindest nicht schlechter.

Awake: Dr. Judtith Evans (Cherry Jones) Bild via imdb.com

Awake: Dr. Judtith Evans (Cherry Jones) Bild via imdb.com

Wobei ich zugeben muss, dass Awake für alle, die auf klassische Krimiserien stehen, vermutlich zu viel Psychokram und Familiendrama enthält, und für alle, die auf Familiendrama sehen, dann wieder zu viel Krimi drin ist. Man muss schon sich schon auf den ganzen Mindfuck einlassen – dann kann Awake aber wirklich Spaß machen. Über die 13 Folgen entspinnt sich eine durchaus komplexe Handlung, die sich gegen Ende rasant zuspitzt, und, weil sich offenbar abzeichnete, dass das Projekt nicht fortgesetzt werden soll, auch abgeschlossen wird. Wobei ich von dem Ende nicht wirklich zufrieden bin, auch wenn es irgenwie einleuchtet.

Aber das ist ja oft so: Je drastischer die Dinge am Ende eskaliert werden, desto schwieriger wird es, einen überzeugenden Schluss zu finden. Awake ist jedenfalls mein Tipp für Freunde von Mystery-Serien, die ein überschaubares Projekt für zwischendurch suchen, während man auf die Fortsetzungen von Better Call Saul, Mr. Robot oder Westworld wartet.

Awake: Hannah (Laura Allen), Rex (Dylan Minette) und Michael (Jason Isaacs)

Awake: Hannah (Laura Allen), Rex (Dylan Minette) und Michael (Jason Isaacs) Bild via imdv.com

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Lob des soliden Serienhandwerks: Bosch

Okay, vielleicht ist es nur der Kontrast, der meine aktuelle Neuentdeckung so gut erscheinen lässt – aber nachdem ich mich mit einem gewissen Widerwillen durch Quantico gekämpft habe, erscheint mir die Amazon-Serie Bosch als reine Offenbarung: Eine klassische Cop-Serie mit einem altmodischen Ermittler, der seine Fälle mit einer sturen Beharrlichkeit löst, die seine Vorgesetzten regelmäßig auf die Palme bringt.

Bosch ist eine zeitgenössische Version der Serie Noir – jener düsteren Detektivgeschichten der 1930er und 40er Jahre im Großstadtdschungel von Los Angeles. Hieronymus Bosch (Titus Welliver) ist ein eigenwilliger Typ, den Dashiell Hammett oder Raymond Chandler sich nicht besser ausgedacht haben könnten – tatsächlich ist Bosch aber eine Figur des Krimiautors Michael Connelly.

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Harry Bosch ist ein altgedienter Detective des LAPD, der es mit den Vorschriften nicht allzu genau nimmt – und deshalb hat er auch ständig Stress: Diese ganze neue Politik, bei der man ständig aufpassen muss, dass man niemanden auf den Schlips tritt, geht ihm am Arsch vorbei. Er interessiert sich nicht für Erfolg und Karriere, deshalb ist er aus Überzeugung immer einfacher Detective geblieben – mit Beförderungen handelt man sich nur Ärger ein. Bosch will einfach nur seine Fälle lösen. Dabei ist er durchaus auf der Seite der Schwachen und Verlorenen – was aber nicht unbedingt zu seinem Vorteil ausgelegt wird.

Ich finde es eigentlich zu dick aufgetragen, dass Bosch nach jenem niederländischen Maler der Renaissance (durchaus beeinflusst vom Spätmittelalter) benannt ist, der zahlreiche ziemlich verstörende Bilder gemalt hat. Aber das passt schon. Außerdem steht Bosch auch in der Tradition von Sam Spade und Philip Marlowe. Es geht in der Serie um die Schattenseiten des sonnigen Los Angeles. Und Harry Bosch kennt die dunkle Seite nur zu gut – und zwar nicht nur durch seinen Job, der ihn ständig mit denen in Berührung bringt, die es auf legale Weise nicht schaffen, ihren Lebensunterhalt zu verdienen, sondern durch seine eigene Lebensgeschichte.

Eifrige Reporter graben in seiner Vergangenheit und veröffentlichen hässliche Details aus seinem Privatleben: Seine Mutter war eine Prostituierte und sie wurde ermordet, als er noch ein Kind war. Bosch selbst kam ins System, wie man so sagt, und wuchs in wechselnden Pflegefamilien auf. Das hat ihn hart und misstrauisch gemacht – einerseits. Aber als der Hund eines alten Arztes einen Knochen findet, der offenbar zur Leiche eines vernachlässigten Kindes gehört, ist Boschs Interesse sofort geweckt. Und er ruht nicht eher, bis er diesen scheinbar aussichtslosen Fall gelöst hat.

Bosch muss das einfach tun, er versteht sich als Anwalt dieses toten Jungen, der in seinem kurzen Leben eine Menge Gewalt und Leid erlitten haben muss. Dabei ist Bosch derzeit nicht mal offiziell im Dienst und hat genug andere Probleme: Er steht gerade wegen unangemessenen Gebrauchs seiner Schusswaffe vor Gericht und darf bis zum Ende des Verfahrens keine neuen Fälle bearbeiten. Eigentlich.

Bosch hat einen Mann erschossen, den er wegen Zwangsprostitution und mehreren Morden verdächtigt und verfolgt hat. Und zwar entgegen der Regeln zu Fuß und allein – statt bei seinem Partner im Auto zu bleiben und auf Verstärkung zu warten, ist er dem Kerl in eine einsame Nebenstraße gefolgt und hat ihn dort gestellt. Am Ende ist der Mann tot.

Bosch sagt, der Verdächtige hätte eine Waffe gezogen und er hätte sich verteidigen müssen. Aber es gibt keine Zeugen und die Gegenseite hat eine verdammt gute Anwältin. Aufgrund seiner Vorgeschichte spricht die Jury Bosch für schuldig. Andererseits fordert sie nur eine lächerlich geringe Strafe, was durchblicken lässt, dass sie zwar sein Handeln verurteilt, mit dem Ergebnis aber völlig einverstanden ist – Bosch hat einen gefährlichen Mann von der Straße geholt. Das ist im Interesse der Allgemeinheit, um die Bosch sich demonstrativ nicht schert.

Natürlich ist er mit dem Urteil nicht zufrieden, seine Vorgesetzten müssen ihn mühsam davon überzeugen, dass es doch eigentlich gut für ihn gelaufen ist: Er muss einen symbolischen Dollar zahlen und kann wieder an die Arbeit gehen. „Aber laut diesem Urteil habe ich Mist gebaut!“ Und Bosch ist sich sicher, dass er keinen Mist gebaut hat: Er hatte keine andere Wahl. Es ärgert ihn einfach, dass man ihm nicht glaubt.

Dabei glaubt Bosch nach eigener Aussage selbst auch an nichts: Bosch führt ein Gespräch mit dem Pathologen, der die Befunde des pensionierten Arztes bestätigt – der gefundene Knochen stammt von einem Kind, und zwar von einem Kind, das seit mindestens zwanzig Jahren tot ist und in seinem kurzen Leben ständig misshandelt wurde. Der Pathologe erzählt von seinen Einsätzen in verschiedenen Kriegsgebieten und von Identifizierung der Leichen von Ground Zero nach 9/11. Und er sagt, dass sein Glaube an eine bessere Welt nach dem Tod dadurch immer stärker geworden sei. „Das ist die einzige Welt, die wir haben“, erwidert Bosch. „und sie ist voll von verlorenem Licht.“

Aber wie er das denn aushalte, fragt der Pathologe, dieses ganze Elend in der tatsächlichen Welt da draußen. Etwa, dass es diesen Jungen geben habe, der ständig verprügelt wurde und schließlich tot geschlagen worden sei. „Ich halte das nicht aus!“ antwortet Bosch.

Genau das ist der Punkt. Bosch will in dieser Welt für Gerechtigkeit sorgen – er nimmt die Dinge nicht einfach so hin und tröstet sich mit dem Gedanken an eine höhere Gerechtigkeit und ein besseres Leben im Jenseits. Diesen Selbstbetrug lässt er nicht zu. Die einzige Erlösung, die es in der Welt von Bosch gibt, liegt in seiner Arbeit, in der Aufklärung der Verbrechen, die auf seinem Schreibtisch landen. Und das finde ich so gut an dieser Figur und dieser Serie.

Der Pathologe und Bosch

Der Pathologe und Bosch

Im Grunde ist Bosch also immer bei der Arbeit, auch wenn er zuhause ist – Bosch hat dank eines seiner Fälle, den er vor Jahren als Drehbuch verkauft hat, ein für einen Bullen erstaunlich cooles Haus mit einem atemberaubenden Blick über LA. Außerdem fährt er, wie es sich für einen dermaßen aus der Zeit gefallenen Charakter gehört, einen ausladenden Oldtimer und er hat eine beachtliche Sammlung von Jazz-Platten. Was auch bedeutet, dass mir der Soundtrack zur Serie gefällt, ein weiterer wichtiger Pluspunkt.

Und ich finde total gut, dass Bosch eben kein Superheld ist, von denen es derzeit im Hollywoodkino wimmelt. Noch besser: Er ist auch kein exaltierter Antiheld wie Dexter, Hannibal oder Sherlock. Bosch ist ein sturer Bulle, der seinen Job macht. Und er macht diesen Job, so gut er kann, auch wenn seinem Chef nicht immer gefällt, was dabei heraus kommt. Wichtiger als Vorschriften sind Bosch seine eigenen Überzeugungen, für die er unerschütterlich eintritt, auch wenn die Konsequenzen schwer zu ertragen sind. Bosch hat es nicht nötig, sich hinter Regeln und Gesetzen zu verstecken, weil er weiß, was richtig und was falsch ist. Das macht ihn zu einem guten Ermittler, aber zu einem miserablen Politiker.

Vor allem wird Bosch immer misstrauisch, wenn es einfache Lösungen zu geben scheint – als der mutmaßliche Serienmörder Reynard Waits den mehr als zwanzig Jahre zurückliegenden Mord an jenem Jungen gesteht, vermutet Bosch gleich, dass der ihn nicht begangen haben kann.

Und genau wie Bosch vermutet hat, war Reynards Geständnis eine Finte, die der findige Psychopath nutzt, um die Polizei vorzuführen: Er verstrickt die Ermittler nach seiner Flucht in ein tödliches Katz- und Mausspiel. In den besseren Momenten der Serie fühlte ich mich sogar entfernt an die grandiose erste Staffel von True Detective erinnert – auch wenn Bosch insgesamt konventioneller und vorhersehbarer gestrickt ist, hier fehlte den Machern dann leider doch Mut für den ganz großen Wurf.

Insgesamt ist die Serie genau wie ihr Held Bosch: Altmodisch, aber stilsicher, sie setzt auf solides Handwerk statt auf technischen Schnickschnack. Natürlich hält Bosch stur an seinem einfachen Klapphandy fest, er vertraut seiner Erfahrung und nicht irgendwelchen Smartphone-Apps. Auch wenn er sich dann irgendwann doch von seiner Teenager-Tochter erklären lässt, wie man Skype benutzt, um mit ihr in Kontakt bleiben zu können. Bosch ist keine atemberaubende Meilenstein-Serie, die ihr Genre komplett neu definiert, sondern klassischer Qualitätskrimi mit nostalgischer Note.

Emmy Awards 2016: Diversität und Monokultur

Weil ich ja leider nachts schlafen muss, um tagsüber für meinen Job fit zu sein, konnte ich mir die Verleihung der 68. Emmy Awards heute erst als Feierabend-Event reinziehen – ohne Werbung zwischendurch waren es etwas über zwei Stunden, das kann man schon aushalten, auch wenn sich alle Preisträger bei Cast, Crew und Familie bedanken müssen (immerhin in wechselnder Reihenfolge), was dann irgendwann doch langweilig wird, genau wie die unvermeidlichen Politwitze: Donald Trump hat eine ganze Reihe von RL-Memes gesetzt, denen man einfach nicht entkommen kann. Make the Emmys Great Again. Make Television Great Again. And somehow we make the Mexicans pay for that. And so on.

Nichtsdestotrotz war Jimmy Kimmel gut in Form, und alles in allem ist der Abend ja gut ausgegangen: Rami Malek hat den Emmy als bester Hauptdarsteller in einer Dramaserie gewonnen, was mich natürlich sehr freut, wobei für mich auch okay gewesen wäre, wenn Bob Odenkirk ihn für Better Call Saul bekommen hätte. Und klar, auch die anderen waren alle sehr gut, aber Mr. Robot ist nun mal die beste der hier nominierten Serien, auch wenn Better Call Saul nur knapp dahinter liegt.

68. Primetime Emmy Awards: Rami Malek gewinnt als bester Hauptdarsteller in einer Drama-Serie (Mr. Robot)

68. Primetime Emmy Awards: Rami Malek gewinnt als bester Hauptdarsteller in einer Drama-Serie (Mr. Robot)

Ich denke, dass hier durchaus eine Rolle gespielt haben könnte, dass Rami Malek der einzige nicht eindeutig weiße männliche Schauspieler unter den Nominierten in dieser Kategorie war – was seiner Performance keinen Abbruch tut, denn Rami Malek ist einfach der beste denkbare Elliot Alderson. Aber so betont divers, wie sich die Emmys dieses Mal gegeben haben, liegt der Verdacht nahe – und das kritisiere ich ausdrücklich nicht: Vor wenigen Jahren noch hätte ein arabisch-stämmiger Schauspieler vermutlich gar keine Chance gehabt, eine Hauptrolle in einer stylischen, coolen, sehr ambitionierten US-amerikanischen Primetime-Serie zu spielen.

Unter den Nominierten waren insgesamt durchaus zahlreiche Afroamerikaner, so hat beispielsweise Courtney B. Vance den Emmy als beste Hauptdarsteller in einer Mini-Serie gewonnen oder Sterling K. Brown den als bester Nebendarsteller, die beste weibliche Nebendarstellerin in der Kategorie war Regina King. Und natürlich sind auch die Master-of-None-Autoren (und Darsteller) Aziz Ansar und Alan Yang Vertreter von Minderheiten – wobei der aus Taiwan stammende Alan Young bei seiner Dankesrede für den Emmy als bester Autor einer Comedy-Serie daran erinnert hat, dass es ungefähr genauso viele Amerikaner ostasiatischer wie italienischer Herkunft gibt – was sich aber in der Film- und Fernsehgeschichte der USA bisher nicht niedergeschlagen habe, im Gegensatz zu den Italienern mit ihren ikonischen Mafia-Dramen. Und er forderte die asiatischen Eltern auf, ihren Kindern Kameras statt Geigen in die Hand zu geben – dann hätten sie vielleicht auch mal eine Chance.

Primetime Emmy Awards 2016: Susanne Bier gewinnt für die beste Regie in einer Mini-Serie (The Night Manager)

Primetime Emmy Awards 2016: Susanne Bier gewinnt für die beste Regie in einer Mini-Serie (The Night Manager)

Und insofern geht natürlich auch total in Ordnung, dass Jeffrey Tambor einen Emmy für seine Darstellung von Moira Pfefferman in Transparent wieder eine Auszeichung bekommen hat – und der gleichzeitig betonte, dass es hoffentlich das letzte Mal sei, dass er als Mann für die Darstellung einer Transgenderfrau herhalten musste, lieber solle man doch den echten Transgenders eine Chance geben.

Passend dazu hat Jill Soloway, die einen Emmy für die beste Regie in einer Comedy-Serie – eben Transparent – bekommen hat, die Kleiderordnung für Frauen souverän missachtet: Die Kombination von Bluse (mit Schleife) und Blazer war gewagt, aber total misslungen, rausgerissen haben das nur die roten Sportschuhe. Vor der Verweigerung der üblichen Highheels habe ich echt Respekt – mir ist ohnehin ein Rätsel wie andere Frauen Folterwerkzeuge mit 8 bis 10 Zentimeter Absatzlänge (oder gar mehr) einen Arbeitstag oder Abend am Fuß ertragen können. Wenn die Schuhe sehr gut gepolstert sind, kann ich das auch mal für ein paar Stunden ab, aber laufen in dem Sinne geht damit einfach nicht. Es gibt so vieles, was Frauen sowieso immer noch aushalten müssen – warum dann auch noch unbequeme Schuhe?! Männer tun sich das doch auch nicht an!

Wo wir aber gerade bei Frauen sind: Mich hat natürlich auch der Emmy für Susanne Bier gefreut, die als beste Regisseurin einer Miniserie den Preis für ihre Arbeit mit The Night Manager bekam. Es gibt ja nun wirklich nicht viele weibliche Regisseurinnen und noch weniger international anerkannte – aber vielleicht ändert sich das ja nun auch langsam mal. Wobei mich dann doch schon wieder ein bisschen genervt hat, dass Veep mit Emmys förmlich überhäuft worden ist. Ja, eine Comedyserie über eine erste weibliche US-Präsidentin ist schon lustig, und die Entschuldigung von Julia Louis-Dreyfus für das eigenartige politische Klima in den USA – eigentlich hätten sie ja eine Comedy-Serie machen wollen, nun sei Veep aber leider eine Dokuserie über den traurigen alltäglichen Wahnsinn – fand ich auch total sympathisch – aber ab und zu hätte in Sachen Comedy auch mal eine andere Serie irgendwas gewinnen können, so ging Silicon Valley komplett leer aus.

Genau wie bei den Dramaserien, wo Game of Thrones wieder so ziemlich alles abgeräumt hat: ja, das ist gewiss eine grandiose Serie, aber für alle, die es nicht so mit Drachen und epischen Schlachten haben, gibt es auch noch ziemlich gutes Fernsehen – so fällt mir gerade auf, dass es nicht eine einzige Nominierung für Halt and Catch Fire gab, was auch eine ziemlich gute Serie ist. Oder für Manhattan. Und tolle Serien wie Fargo oder Better Call Sauldie ebenfalls nominiert waren, konnten dieses Mal keinen Blumentopf gewinnen. Und bei den Mini-Serien war es nicht besser, da hat The People vs. O. J. Simpson fast alles andere platt gemacht.

Wobei, ich muss zugeben, dass es sympathische Ausreißer gab, etwa den Emmy für die beste männliche Gast-Rolle, der an Peter Scolari ging, der in Girls Hannahs Vater spielt oder für Margo Martindale, die sozusagen das weibliche Pendant in The Americans gab. Insofern sind auch die Emmys längst noch nicht so ausgewogen und perfekt, wie sie sich gerade feiern. Aber immerhin schon sehr viel weiter als die Oscars – was auch ständig betont wurde. Jimmy Kimmel hat das in löblich kritischer Selbstanalyse ja während der Show definiert:“Was wir hier in Hollywood noch mehr schätzen als Vielfalt, ist, uns selbst dafür zu feiern, wie sehr wir Vielfalt schätzen.“ Das ist aber genau die Selbstreflexion, zu der das Fernsehen bereits in der Lage ist. Mal sehen, wann das in der Kino-, äh Blockbusterindustrie denn ankommt.

The Night Of: Scheiß auf die Wahrheit

Vor einigen Jahren sah ich Criminal Justice, eine ebenso brillante wie verstörende BBC-Miniserie über das britische Justizsystem – wobei die Serie insgesamt eher die Frage stellt, was Gerechtigkeit überhaupt ist bzw. was eine aufgeklärte, demokratische Gesellschaft daraus macht. Unbequeme Erkenntnis: Die Wahrheit, also das, was wirklich passiert ist, spielt eigentlich keine Rolle. Wichtig ist, was die Leute glauben (wollen).

Eine junge Frau, die zur falschen Zeit am falschen Ort war, wird Opfer eines grausamen Verbrechens, und ein junger Mann, der ihr zufällig kurz zuvor begegnet ist, wird durch die Mühlen der Justiz gedreht, denn es weist so ziemlich alles darauf hin, dass er der Täter sein muss. Aber er ist sich ziemlich sicher, dass er nicht der Mörder ist. Blöd nur, dass er gemeinsam mit seinem angeblichem Opfer gefeiert hat, bis er einen Filmriss bekam und sich deshalb nicht erinnern kann, was in dieser verhängnisvollen Nacht tatsächlich passiert ist.

The Night Of: Nazir Khan "Naz" (Riz Ahmed) und Andrea (Sofia Black D'Elia) Bild: hbo.com

The Night Of: Nazir Khan „Naz“ (Riz Ahmed) und Andrea (Sofia Black D’Elia) Bild: hbo.com

Und wie das bei wirklich guten Stoffen so oft der Fall ist, haben die Amis jetzt ihre eigene Version davon gedreht – und wie so oft, ist die US-Version ziemlich gut geworden. Genau wie es mit The Killing eine neue Version von Kommissarin Lund und mit The Bridge America eine von Die Brücke gibt, ist The Night Of eine wirklich gute Version von Criminal Justice. Einerseits finde ich etwas schade, dass europäische Serien in den USA nur eine Chance haben, wenn sie auf US-Verhältnisse angepasst werden – kein Wunder, dass die Leute da glauben, die USA sei das Maß aller Dinge und der Nabel der Welt. Trotzdem ist es für mich natürlich auch ganz interessant zu sehen, wie die Dinge in den USA gehandhabt werden.

The Night Of: Jack Stone (John Torturro) Bild: hbo.com

The Night Of: Jack Stone (John Torturro) Bild: hbo.com

Immerhin: Die Hauptrolle (im Original verkörperte Ben Whishaw den naiven Ben Coulter, der aus einer spontanen Laune heraus mit dem Taxi seines Vaters ins Verhängnis fährt) spielt der pakistanisch-stämmige Brite Riz Ahmed. Den kenne ich unter anderen aus Four Lions. Er verkörpert Nazir Khan, den bisher unauffälligen, gehorsamen und vielversprechenden Sohn pakistanischer Einwanderer, wodurch in der US-Version, die in New York spielt, noch eine rassistische Komponente hinzu kommt. In diesen Zeiten, da Moslems unter Generalverdacht stehen, gibt das der Sache einen interessanten zusätzlichen Kick. Sind es im Original die anständigen Eltern der eingeborenen weißen Londoner Working Class, die ihren Sohn nach Kräften unterstützen und einfach an dieses System glauben wollen, in dessen Mühlen ihr Sohn gerade zerrieben wird, so sind es nun die anständigen, hart arbeitenden Einwanderer, die gar keine andere Wahl haben, als an das freiheitlich- demokratische US-System zu glauben, auch wenn sie genau von diesem System ständig schlecht behandelt werden.

The Night Of: Nazir Khan (Riz Ahmed) Bild: hbo.com

The Night Of: Nazir Khan (Riz Ahmed) Bild: hbo.com

Wie auch bei The Killing oder The Bridge America ist die Geschichte sehr dicht am Original – Peter Moffat, der Schöpfer von Criminal Justice, ist auch einer der ausführenden Produzenten der HBO-Miniserie, die allerdings acht Teile hat – das BBC-Original hat fünf. Für die Rolle des Strafverteidigers war eigentlich der Sopranos-Hauptdarsteller James Gandolfini gesetzt – aber der ist bekanntlich viel zu früh von uns gegangen, deshalb müht sich John Torturro als abgerockter Strafverteidiger ab – Jack Stone ist so eine Art Jimmy McGill, der auf den großen Fall wartet, mit dem er endlich zu Saul Goodman werden kann: Ein gerissener und erfahrener Einzelkämpfer, der die hoffnungslosen Fälle vertritt. Er ist kein Star, er hat keine potente Kanzlei im Rücken, er hat ein Ekzem an den Füßen und das Problem, dass seine Klienten ihn eigentlich nie bezahlen können. Aber er ist so gut, wie man in diesem System, in es eben auch auf die Kohle ankommt, halt ohne Kohle sein kann.

The Night Of: Detective Dennis Box (Bill Camp) Bild: hbo.com

The Night Of: Detective Dennis Box (Bill Camp) Bild: hbo.com

Und er muss gegen den besten Mann im NYPD antreten und in diesem scheinbar ziemlich klaren Fall ermittelt Detective Dennis Box (Bill Camp), ein alter Fuchs, der schon alles gesehen hat. Er ist sich ziemlich sicher, dass Nazir der Täter ist, auch wenn er sich über dessen Motiv nicht klar ist und manipuliert sein gesamtes Umfeld entsprechend. Aber eben weil er ein dermaßen erfahrener Cop ist, spürt er, dass irgendwas an diesem Fall faul sein muss, auch wenn er das lange nicht einordnen kann.

Was bringt einen braven Sohn muslimischer Eltern dazu, eine solche Tat zu begehen? Auch die armen Eltern werden auf eine harte Probe gestellt: Schlimm genug, dass ihr Sohn einer solchen Tat verdächtigt wird. Aber weil er diesen ausgerechnet an diesem Abend das Taxi seines Vaters genommen hat, um zu dieser Party nach Downtown zu fahren, hat Nazir die Existenz seines Vaters ruiniert – und die seiner beiden Partner, die sich eben dieses Taxi teilen, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Das Taxi ist nun ein Beweismittel in einem Mordfall – und kann entsprechend nicht mehr seinen eigentlichen Zweck erfüllen. Dabei wollte Nazir doch nur eins – endlich ein Mädchen kennenlernen. Immerhin ist er schon 23 und wohnt noch bei seinen Eltern. Er ist ein guter Student, er ist Tutor und gibt Nachhilfe – er hilft auch im Geschäft seiner Verwandten aus – aber offenbar ist er nicht völlig vom Lebensmodell seiner pakistanischen Familie überzeugt.

The Night Of: Die Eltern - Salin Khan (Leyman Moaadi, Mitte) und Safar Khan (Poorna Jannaghtan) Bild: hbo.com

The Night Of: Die Eltern – Salin Khan (Leyman Moaadi, Mitte) und Safar Khan (Poorna Jannaghtan) Bild: hbo.com

Deshalb lässt er sich auch darauf ein, diese geheimnisvolle schöne Fremde, die zu ihm ins Taxi steigt, an einen Strand zu fahren, so weit das in Manhattan möglich ist. Andrea nimmt den hübschen Jungen zu sich nach Hause – sie werfen Ecstasy ein, trinken Tequila und ziehen eine Nase Koks, Andrea scheint ein bisschen durchgeknallt zu sein, aber hey, Nazir wollte eigentlich auf eine Party und jetzt bekommt er, was er will – und Andrea will ihn offensichtlich auch. Aber irgendwann wacht Nazir vor dem offenen Kühlschrank auf und erinnert sich nicht, wie er dahin gekommen ist. Er geht nach oben, zieht sich an – es ist spät und er muss das Taxi zurück bringen. Als er Licht einschaltet, macht er es gleich wieder aus – zu schlimm ist das, was er da sieht.

Ab da nimmt das Verhängnis seinen Lauf – es ist keine schöne Serie im Sinne von guter Unterhaltung. Es geht hier nicht um Witz, Rasanz oder Coolness. Dafür gibt es andere Formate. Letztlich ist The Night Of sehr konventionell – aber das im guten Sinne, denn genau das ist hier Mittel zum Zweck: Es wird ermittelt, verhört und verhandelt. Aber das sehr intensiv und mit Liebe zum Detail. Auf das es in solchen Fällen bekanntlich ankommt. Und es wird der Alltag in Gefängnismauern gezeigt, der für normale Menschen ein absoluter Alptraum ist – denn hier sind die Kriminellen weitgehend unter sich. Gerade im Gefängnis zählen die Eigenschaften, die man für eine erfolgreiche Verbrecherkarriere braucht – hier bestimmt das Asphaltier und die Hackordnung ist strikt und erbarmungslos. Ein braver Junge wie Nazir kann hier nur Opfer sein, und als angeblicher Vergewaltiger und Mädchenmörder hat er weitere entscheidende Minuspunkte. Im Knast kann er nur überleben, wenn er mächtige Verbündete findet, und das ist noch mal ein Kapitel für sich. Draußen hingegen suchen seine Eltern nach Verbündeten. Was auch nicht einfach ist.

Insofern kann ich The Night Of absolut empfehlen. Diese Serie ist eine sehr gut gemachte Bestandsaufnahme von den Dingen, wie sie in unsere Welt nun mal sind. Das ist nicht schön, aber absolut sehenswert.

The Night Of Bild: hbo.com

The Night Of Bild: hbo.com

Crossing Lines: Verbrechen ohne Grenzen

Was einheimische Serien-Produktionen angeht, bin ich zugegebenermaßen ziemlich skeptisch, insbesondere, wenn Privatsender damit auf Zuschauerfang gehen. Insofern ist Crossing Lines völlig an mir vorbei gegangen, als die Serie auf Sat1 für ordentliche Quoten gesorgt hat – und ab morgen gibt es auf Sat1 die dritte Staffel davon, was auch der Aufhänger für diesen Artikel ist.

Wobei es zumindest die ersten beiden Staffeln von Crossing Lines aber seit einer Weile auch auf Netflix gibt (und bei Amazon Prime auch, soweit ich weiß) – und somit ohne nervige Werbeunterbrechungen. Also habe ich einmal reingeschaut. Und siehe da, die Serie um eine europäische Sondereinheit, die im Auftrag des Internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag grenzüberschreitende Verbrechen untersucht, ist gar nicht so übel.

Crossing Lines - die Hauptdarsteller via serienjunkies.de

Crossing Lines – die Hauptdarsteller via serienjunkies.de

Im Grunde ist es wie Arne Dahl, nur ohne Schweden. Wobei die Serie um die schwedische Spezialeinheit ja auch international ausgerichtet ist, genau wie die Johan-Falk-Krimis (GSI Göteborg) – gerade dieser Trend gefällt mir sehr gut. Crossing Lines auch international ausgerichtet und somit kein typisches Sat1-Produkt, sondern eine Gemeinschaftsproduktion von Sat1, dem französischen Sender TF1 und dem US-Sender NBC, was diese Serie durchaus interessant macht.

Mit dem kanadischen Schauspieler Donald Sutherland, der den IStGH-Richter Michel Dorn spielt, ist auch ein international bekanntes Zugpferd an Bord, das jüngeren Zuschauern vor allem als grausamer Präsident Snow aus den Hunger-Games-Filmen bekannt sein dürfte. Chef der internationalen Ermittler-Truppe ist Major Louis Daniel (Marc Lavoine) von der französischen Polizei, dazu kommen die französische Ermittlerin mit fotografischem Gedächtnis Anne-Marie San (Moon Dailly), der Computerfreak Sebastian Berger (Thomas Wlaschiha) von der Kripo Berlin, die italienische Mafia-Spezialisin Eva Vittoria (Gabriella Pession), die Britin Sienna Pride (Genevieve O’Reilly) von Scotland Yard und der irische Waffenspezialist Tommy MacConnnel (Richard Flood) aus Belfast. Und last but not least hat Louis seinen alten Freund Carl Hickman (William Fichtner) vom NYPD überzeugt, ebenfalls mitzumachen, obwohl Hickman wegen einer schweren Verletzung seiner rechten Hand nicht mehr im Dienst ist und seine Tage nur übersteht, weil er sehr starke Schmerzmittel nimmt.

Hickman weiß selbst sehr gut, dass er dienstunfähig ist, hat aber noch eine persönliche Mission zu erledigen, weshalb er überhaupt in Europa ist und auf einem Rummelplatz in Amsterdam Müll aufsammelt. Als die Sondereinheit jedoch den Auftrag erhält, eine mysteriöse Mordserie zu untersuchen, der in vier europäischen Hauptstädten vier unbekannte Frauen zum Opfer gefallen sind, lässt sich Carl darauf ein, Louis in diesem Fall zu unterstützen. Man kann sich schon denken, wie das ausgeht – einerseits spürt Carl, dass er wieder in seinem Element ist, andererseits ist eine Kollegin seinetwegen fast drauf gegangen, weil er seine Schmerzmittelabhängikeit nicht richtig im Griff hat. Aber Carl sieht natürlich auch ein, dass es wegen der internationalen Verstrickungen des modernen Verbrechens für die Einheit ganz praktisch ist, einen US-Amerikaner im Boot zu haben.

Von der Erzählweise her ist Crossing Lines eher klassisch angelegt, es gibt verschiedene Fälle, die zu lösen sind, es handelt sich also nicht um einen Ein-Fall-Mehrteiler, bei dem jeweils eine ganze Staffel einem einzigen Fall gewidmet ist. Wobei es auch viele folgenübergreifende Handlungsstränge gibt, so erfährt man erst nach mehreren Teilen, warum Carl Hickman überhaupt in Amsterdam ist oder dass Sebastian Berger in Berlin einen Sohn hat. Und auch in der Beziehung von Louis und Rebecca Daniel gibt es eine interessante Entwicklung, die mit Rebeccas Tätigkeit für den internationalen Strafgerichtshof zu tun hat – und nicht mit der ihres Mannes, wie man erst vermutet. Ja, doch, Crossing Lines kommt zwar nicht auf die vorderen Plätze meiner ewigen Serien-Bestenliste, aber ansehen schadet nicht.

Под Прикритие: Natürlich macht die Mafia Bandenwerbung

Die bulgarische Krimi-Serie Undercover ist zwar weder für Fox, noch für mein Blog der Quotenbringer – aber das Tolle an meinem Blog ist ja, dass mir Quoten total egal sein können – wenigstens hier kann ich über das schreiben, was mich interessiert und nicht über das, von dem ich annehme, dass andere es interessiert. Das machen ja die professionellen Magazine schon zur Genüge. Wobei ich hier natürlich durchaus für das werben möchte, was ich gut finde – und auch die dritte Staffel von Undercover fand ich ganz schön gut.

Hier geht es jetzt nämlich so richtig zur Sache: Ivo Andonov (Zahary Baharov) will sich nach der Verurteilung von Jaro (Mihail Bilalov) und seiner Gang als der neue Unterwelt-König in Sofia etablieren und geht dafür über Leichen – gleich am Anfang statuiert er ein Exempel, in dem er einem der Chef-Dealer, der noch andere Geschäfte an ihm vorbei macht, vor versammelter Mannschaft mit einer Gabel ersticht. Krasse Aktion, selbst für diese Kreise.

Rossen Gatzev, genannt Herzog, der sich inzwischen einer echten Lieblingsfigur entwickelt hat, weil er doch sehr an Sil aus den Sopranos bzw. Frank aus Lilyhammer erinnert (von Typ und Habitus her sind sich die von Marian Valev und Steven van Zandt gespielten Figuren recht ähnlich), kommt auch wieder ins Geschäft, obwohl er sich ja eigentlich seiner Familie zuliebe zur Ruhe setzen wollte. Doch Frau und Kind weilen im fernen Barcelona, wo der Herzog ja wegen seiner Bewährungsauflagen nicht hin kann – er darf Bulgarien nicht verlassen. Und Ivo überzeugt Herzog, Vergnügen und Beruf doch wieder zusammenzuführen: Rossen ist nun mal gern Ganove. Aber einer mit Ehre. Und wenn der Priester das Geld, das der Herzog ihm für die wirklich Bedürftigen in der Gemeinde anvertraut hat, in eine neue Nobelkarosse investiert, dann bekreuzigt Rossen sich nachdrücklich mit der Pistole, um dem korrupten Popen klar zu machen, wer hier das Sagen hat: Der Herr im Himmel – und der Herzog. Was fast dasselbe ist.

Der große Zwilling, Martin und der Herzog Bild: globusnews.net

Der große Zwilling (Kiril Efremov), Martin (Ivaylo Zahariev) und der Herzog (Marian Velav)
Bild: globusnews.net

Auf der anderen Seite muss Kommissar Popov (Wladimir Penev) seinen Kollegen Neshev einweihen, dass Martin Hristov (Ivaylo Zahariev) von ihm in die Gang eingeschleust wurde. Auf diese Weise sollte der Mafia-Boss Jaro zur Strecke gebracht werden – aber nun gilt es, Martin eine Mordanklage zu ersparen und ihn aus dem Gefängnis zu holen. (Warum muss ich dauern an den Witz denken: „Natürlich macht die Mafia Bandenwerbung?!“) Martin ist natürlich überhaupt nicht begeistert davon, dass es nun noch einen Mitwisser gibt. Dabei hat Popov auch so schon genug Probleme: Seine Frau hat nun endgültig genug von ihm und Tochter Zori (Makaveeva Snejina) entwickelt sich auch nicht so, wie der Papa es sich wünschen würde: Sie ist bei der Aufnahmeprüfung für die Uni durchgefallen und treibt sich nun mit zweifelhaften Freunden herum.

Nachdem Jaro im Gefängnis fast vergiftet wurde und die in der Staffel zuvor auf Linie gebrachte Journalistin Elitsa Vladeva (Teodora Duhovnikova) eine Medienkampagne zugunsten von Petyr Tudjarov, der sich wegen großzügiger Spenden für Krankenhäuser als Wohltäter feiern lässt, anstößt, wird Jaros Gefängnisstrafe in Hausarrest umgewandelt – er kommt also ebenfalls aus dem Gefängnis und entwickelt auch noch politische Ambitionen: Er will sich für die nächste Wahl aufstellen lassen. Als Abgeordneter hätte er gewisse Vorteile, von denen er zu gern profitieren würde.

Für Martin und Emil Popov läuft es also gar nicht gut: Martin gerät zwischen die Fronten im Mafia-Krieg zwischen Ivo und Jaro – er soll in Jaros Auftrag Ivo umbringen und als das (absichtlich) nicht klappt, Unfrieden stiften, damit irgendwer von den wütenden Gangstern den Job erledigt. Bei einer missglückten Aktion gegen die Mafia wird dann auch noch Neshev erschossen – danach hat Popov gar nichts mehr zu lachen.

Dabei weiß er noch gar nicht, dass Töchterchen Zori genau in den Kreisen verkehrt, die er mit so hohem Einsatz bekämpft – Zori ist über ihre Freundin Assia, die als Call Girl für Martins Verbrecher-Kumpel Hantel (Alexander Sano) arbeitet, da rein gerutscht – noch ist für sie alles eine einzige große Party, auch wenn sie das Koks, das sie probiert, nicht so gut verträgt.

Sie kapiert nicht, was Assia für das Geld wirklich tut, mit dem sie Zori immer wieder einlädt, und glaubt zu gern die Lügen, die Assia ihr auftischt. Die Stunde der Wahrheit kommt erst, als Assia sie zu einer Misswahl mitnimmt, die in einem Luxushotel in den Bergen statt finden soll. Die Misswahl ist eine Tarnveranstaltung für ein „Seminar“ zu dem Ivo namhafte Geschäftsleute eingeladen hat: Er hat inzwischen einen heißen Draht zum Finanzministerium und eröffnet den Anwesenden, dass er sich nicht in ihre Geschäfte und noch weniger in ihre Steuerhinterziehungstricks einmischen werde, solange er seine 50 Prozent bekommt. Und wer zu lange zum Überlegen braucht, muss hinterher halt mehr noch zahlen – wegen der Inflation.

Denen, die sich überzeugen lassen, winkt ein entspannter Abend mit Sex, Drugs and Disco. Die anderen wollen gar nicht so genau wissen, was die Alternative ist und machen lieber unentspannt mit. Als einem der Geschäftsleute ausgerechnet die junge, hübsche Zori gefällt und sie gemeinsam mit Assia aufs Zimmer bestellt, kapiert Zori endlich, was hier gespielt wird und haut ab – fatal, denn inzwischen hat Ivo erfahren, wer Zoris Vater ist.

Zum Glück ist Martin zur Stelle und kann Zori retten, als sie panisch im Dunkeln durch den Wald stolpert. Aber auch über Martin braut sich Unheil zusammen – Jaro hat inzwischen herausgefunden, dass er ein Verräter ist. Und ärgerlicherweise scheint er nicht der einzige Verräter zu sein.

In der Mitte der dritten Staffel geht es hoch her – Jaro lässt nicht nur Ivos Mutter, sondern auch seine langjährige Vertraute, Anwältin und Geliebte Boyana (Koyna Ruseva) umbringen, Ivo seinerseits befiehlt den Mord an zwei moldawischen Mädchen, weil sie Zeuginnen des Mordes an einem weiteren Mädchen geworden sind. Alles in allem gibt es viele Leichen. Aber immerhin kann Martin sachdienliche Hinweise zur Aufklärung der Mädchenmorde geben, so dass Popov neues Material gegen Jaro sammeln kann. Ivo muss er nämlich laufen lassen, als der ihn mit Videoaufnahmen von der koksenden Zori erpresst.

Dafür kann Ivo neue Geschäftsfelder erschließen: Er macht jetzt in Sportwetten und räumt sogar General Penev aus dem Weg, der zuvor schützend seine Hand über Ivo gehalten hatte. Jaro seinerseits macht sich noch immer Hoffnungen auf eine politische Karriere – die Popov aber mit Martins Hilfe durchkreuzt. Der Herzog ist auch nicht untätig und steigt in Kreditkarten-Gewerbe ein – mit gefälschten Kreditkarten versteht sich, dafür EU-weit. Er hat einen ziemlich genialen Business-Plan, wie Hantel im Auftrag von Ivo herausfindet. Und Ivo steckt die Info seinem korrupten Bullen-Informanten – er will das Geschäft von Herzog übernehmen, mit dem er sich inzwischen längst überworfen hat. Der Herzog arbeitet jetzt mit Martin und dem verbliebenen großen Zwilling – wie gesagt, viele Verluste in der dritten Staffel.

Ivo (Zahary Baharov) und Herzog (Marian Valev) in Undercover Bild: zvezdno.bg

Ivo (Zahary Baharov) und Herzog (Marian Valev) in Undercover Bild: zvezdno.bg

Einer der bittersten Gags: „Wir sind hier doch nicht in Russland!“ erklärt Popov, als Martin sich Sorgen um die verschwundene Journalistin Elitsa macht. „Bei uns werden keine Journalisten erschossen!“ Aber Elitza ist natürlich längst tot – allerdings nicht, weil sie Journalistin war, sondern zur falschen Zeit am falschen Ort – sie hat zufällig gesehen, dass der mit Drogen zugedröhnte Jaro Zoris Freundin Assia umgebracht hat. Auch mit Jaro geht es ziemlich bergab gegen Ende der dritten Staffel.

Als Assias Leiche gefunden wird, will Ivo, dass Hantel gegen Jaro aussagt – er will Jaro die Morde an den moldawischen Mädchen in die Schuhe schieben. Martin überredet Hantel, dabei nicht mitzumachen: Er solle lieber sagen, wie es wirklich gewesen ist: Dass Ivo Andonov der Mädchenhändler ist, der den Auftrag zur Ermordung der drei Moldawierinnen gegeben hat. Denn was haben Handlanger wie er und Hantel letztlich zu verlieren? Im Zweifelsfall sind sie es, die kleinen Gauner, die in diesem Job drauf gehen: Sollen doch endlich einmal die bezahlen, die das große Geld mit ihrer Arbeit machen.

Martin ist inzwischen selbst total am Arsch: Seine Akte, die bei Popov zuhause im Safe lag, wurde bei einem Einbruch gestohlen. Mit seiner Intelligenz und seinem Unterweltwissen konnte Martin sie zwar wieder beschaffen, aber natürlich hatte auch Ivo davon Wind bekommen, dass auf dem Schwarzmarkt die Akte eines Undercover-Polizisten gehandelt wird. Der setzt seinen Polizei-Spitzel darauf an und bekommt die Akte natürlich auch – was Popov erst sehr spät herausfindet. Zu spät?

Beim Serienfinale in den verschneiten Bergen an der bulgarischen Grenze zu Griechenland erfahren wir das noch nicht. Aber immerhin hat Jaro mit der einen Kugel im Lauf der Pistole, die Ivo ihm gereicht hat, um den Verräter Martin zu erschießen, auf Ivo geschossen und ist dann geflohen, Martin hinterher. Als Popov und das Sonderkommando eintreffen, ist im Wald nur ein weiterer Schuß zu hören, man sieht eine Blutspur im Schnee.

Also auf zur vierten Staffel!

Nachbemerkung: Alle, die Breaking Bad total zu recht als Goldstandard für eine sehr gute Serie in der Rubrik „Spannung und Verbrechen“ sehen, seien darauf hingewiesen, dass Undercover mit einem sehr viel geringerem Budget entstanden ist und natürlich schon deshalb Mängel hat – natürlich gibt es keinen so ausgefeilten Soundtrack. Auch bei Better Call Saul ist mir wieder aufgefallen, wie genial nicht nur Musik, sondern jedes Geräusch gesetzt wird.

Das gibt es bei Undercover nicht – gerade beim Sound könnte man noch einiges nacharbeiten. Aber ich kriege ja auch bei den typischen deutschen Serien immer Pickel im Gehörgang, wenn ich die durchaus mäßige, auch meistens auch noch auf Englisch eingesungene Musik ertragen muss. Das geht mir bei Undercover gelegentlich auch so: Gerade die romantischen Szenen sind oft mit grauenhafter Musik unterlegt, während mir andere Themen durchaus gefallen.

Es ist halt immer so eine Gratwanderung: Manche Serien kann man mir durch die Musik echt verleiden. The Newsroom ist ein Beispiel dafür – inhaltlich finde ich die eigentlich ganz gut – aber die Musik! Gerade bei der dritten Staffel, die ich gerade sehe, ist mir das schmerzlich bewusst geworden: Die Musik ist wirklich schlimm.

Dann doch lieber Generation Kill. Das ist auch optisch viel näher an dem, was ich meine: Der Anfang des dritten Teils der dritten Staffel von Undercover ist dermaßen gut gemacht: Ein Mähdrescher mäht ein Feld mit reifen Sonnenblumen. Ivo lässt seine neuen Spezis herankarren: Sie sollen auf sein Geschäftsmodell eingeschworen werden. Die Sonnenblumen werden geköpft und verarbeitet – die neuen Geschäftspartner bekommen ihre Instruktionen. Diese ganzen harten, tätowierten Burschen im Sonnenblumenfeld, während der Mähdrescher seine Arbeit macht – diese Szene kapiert man auch auf Anhieb, wenn man sie auf bulgarisch ansieht!

Undercover Staffel 3

Undercover Staffel 3

Noch einmal Undercover – oder: Die Angst des Serienjunkies vor der zweiten Staffel

Nachdem ich die zweite Staffel von Undercover (Pod Prikritie/Под Прикритие) zuende gesehen habe, muss ich sagen, dass diese Serie das Niveau nicht nur halten kann, sondern die Sache insgesamt noch interessanter wird. Klar, von einschlägigen Qualitätsserien aus den USA ist man das inzwischen gewöhnt, da fallen mir spontan einige ein, bei denen nach der ersten Staffel es erst so richtig interessant wird, bei The Wire, Sopranos, Dexter, Mad Men, Breaking Bad, oder zuletzt Person of Interest – dazu muss ich gelegentlich auch noch was schreiben, blöderweise war da jetzt ja in der Mitte der vierten Staffel eine längere Pause, die ich mit Undercover überbrückt habe – aber das hat sich wirklich gelohnt!

Screenshot Undercover: Martin (Ivaylo Zahariev)

Screenshot Undercover: Martin (Ivaylo Zahariev)

Auch wenn es natürlich etwas ganz anderes ist. Bulgarien ist nicht die USA – und auch nicht Schweden, obwohl das von der Einwohnerzahl ungefähr hin kommt. Wobei auch im reichen Schweden Serien mit sehr viel kleineren Budgets gedreht werden als in den USA. Trotzdem produzieren die Schweden immer wieder gute Serien. Und die wesentlich ärmeren Bulgaren können das offenbar auch – Bulgarien ist das ärmste Land der EU, wie ich inzwischen recherchiert habe. Ärmer als Griechenland! Nur quengeln die Bulgaren nicht so laut wie die Griechen – wobei mir das derzeit von unseren Medien („Qualitätmedien“ und Boulevard geben sich in dem Punkt nichts) betriebene Griechenland-Bashing wirklich auf die Nerven geht. Was sollen die Leute in Griechenland denn sonst machen? Freudig verhungern und gleichzeitig noch 16 Stunden arbeiten gehen – ohne Mindestlohn, versteht sich, damit die Bankster in der restlichen EU sich noch dickere Boni auszahlen können?!

Oder ist es einfach, wie Angelika Schrobsdorff in Hotel Bulgaria schreibt: „Bulgarien war eins der wenigen Länder, die keine Sensationsnachrichten zu bieten hatte, keine Massaker, keine Bürgerkriege, keine Flüchtlingsströme oder -lager, keine Seuchen – nichts also, was die Fernseheinschaltquoten oder die Zeitungsauflage hätte hochschnellen lassen. In Bulgarien war das Elend unauffällig und dadurch schlecht zu vermarkten.“

Wie auch immer, in Bulgarien ist es erstaunlich ruhig dafür, dass die Leute durchaus jede Menge Gründe hätten auf die Straße zu gehen. Aber sie tun es nicht. Warum? Sind die Bulgaren dümmer oder schlauer als Griechen oder Spanier? Haben sie vielleicht einfach längt geschnallt, dass Widerstand zwecklos ist? Setzen die Leute am Ende gar nicht mehr auf einen Staat, von dem sie ohnehin längst kapiert haben, dass er eh ein Instrument der herrschenden Klasse ist, an der Macht zu bleiben und die anderen unten zu halten und richten sich auf ihre Weise mit den ja ohnehin nicht zu ändernden Verhältnissen ein? Leider weiß ich sehr wenig über die bulgarische Geschichte und die aktuellen Lebensverhältnisse in Bulgarien.

Screenshot Undercover: Ivo (Zachary Baharov)

Screenshot Undercover: Ivo (Zachary Baharov)

Auch aus Undercover erfährt man nicht allzuviel über das Leben der normalen Menschen dort – da fehlt der soziologische Blickwinkel der Macher von The Wire oder skandinavischer Krimiautoren, die sich ausdrücklich mit der Frage beschäftigen, wie kriminelle Milieus entstehen und sich entsprechend mit Elend der Verlierer ihrer Gesellschaft beschäftigen. Darum geht es in Undercover nicht – wobei man allerdings indirekt erschließen kann, dass es den Leuten in Bulgarien tatsächlich nicht allzu gut geht – das geht schon damit los, dass der Held der Geschichte, der Undercover-Polizist Martin Hristov als Kind von seinem Vater zum Klauen gezwungen wurde. Dass er die Seiten gewechselt hat, ist eher die Ausnahme – aber die Verbrechertypen, mit denen er die ganze Zeit unterwegs ist, sind letztlich ja auch irgendwie „normal“, Profis in Gewaltausübung und illegalen Geschäften – aber das ist halt ihr Beruf.

Und dieser Job ist auch nicht so leicht: Mit Drogen und Prostitution läuft es nicht so gut, weil die potenziellen Kunden wenig Geld haben. Da muss man kreativ sein und im Zweifelsfall noch brutaler und gerissener als die Gangster von der Konkurrenz. Das Verbrechen wird in Undercover nicht verklärt, aber als etwas Alltägliches gezeigt, das es letztlich ja auch ist, wenn die Leute keine andere Wahl mehr haben. Mafiaboss Jaro sagt irgendwann über eine seine Stripperinnen: „Tanja hat im wahren Leben bestimmt einen Kerl und zwei Kinder, die sie durchfüttern muss. Und wo soll sie denn Geld verdienen, wenn nicht bei mir?“

Screenshot Undercover: Petar Tudscharov "Jaro" (Mihail Bilalov)

Screenshot Undercover: Petar Tudscharov „Jaro“ (Mihail Bilalov)

Alternativen gibt es keine und irgendwie muss man ja leben. Deshalb arbeitet Adriana, die gut aussieht und auch singen kann, noch immer in Jaros Bar hinter der Theke, obwohl das mit den ganzen Mafiatypen und ihren blöden Sprüchen kein Vergnügen ist. Deshalb ist die unglückliche Sunny so lange bei ihrem fiesen Jaro geblieben – ihre Mutter hat sie darin bestärkt, denn alle Männer gehen einer Frau irgendwann auf die Nerven. „Aber jetzt bist du unglücklich und reich. Und ohne ihn wärst du sicher auch unglücklich. Aber arm!“ Wenn das kein Argument ist. Aber es ist auf Dauer tatsächlich kein Argument, wie sich noch zeigen wird.

Insofern hat Margo Popova echt Glück mit ihrem treu sorgenden Ehemann, auch wenn sie ihren Emil nicht allzuoft zu sieht und frustriert darüber ist, dass er sie seit drei Jahren nicht mehr zum Essen ausgeführt hat: Entweder hat er einen Einsatz, oder er ist zu müde. Polizist zu sein ist eben auch ein harter Job – vor allem, wenn man unbestechlich bleiben will, wie Emil Popov. Denn wie sehr die Korruption alle Bereiche von Staat und Gesellschaft durchdringt, zeigt Undercover nachdrücklich und schonungslos. Einfache Polizisten verdienen ein Zubrot damit, dass sie arme kleine Gangster kontrollieren, die wegen Waffen- und Drogenbesitz nicht jahrelang in den Knast wollen, sondern lieber ein paar Tausend Leva abdrücken, die sie sich natürlich auch erstmal illegal beschaffen müssen. Die Strafen für vergleichsweise harmlose Verbrechen scheinen in Bulgarien recht drakonisch zu sein – aber kaum jemand wird je verurteilt. Denn die Justiz ist genauso korrupt wie die Polizei.

Screenshot Undercover: Rosen Gatsev "der Herzog" (Marian Valev, mit Brille) feiert seine Freiheit

Screenshot Undercover: Rosen Gatsev „der Herzog“ (Marian Valev, mit Brille) feiert seine Freiheit

Und die höheren Chargen haben noch ganz andere Möglichkeiten: Jeder kennt jemanden, der ihm noch einen Gefallen schuldet, alle hängen mit drin, es gibt nicht nur skrupellose Geschäftsleute und korrupte Politiker (und den unbestechlichen hängt man halt hässliche Skandale an), sondern auch korrupte Staatsanwälte und Richter, Verstrickungen von Militär und Geheimdienst, lauter alte Seilschaften, die noch immer an den offiziell eingerichteten Instanzen vorbei funktionieren. Und auch diejenigen, die auf legale Weise Geschäfte machen, können sich diesen Spinnennetzen nicht entziehen – wer sich verspekuliert und in Geldnot gerät, landet ganz schnell in den Fängen der alles durchdringenden Mafia. Und wer einfach nur so erfolgreich ist, ist ein potenzielles Opfer – Entführung, Erpressung, den professionellen Verbrechern wird schon etwas einfallen, um an die Kohle zu kommen.

Und natürlich sind auch die Medien involviert – als Jaro nicht passt, was die lokale Zeitung über ihn schreibt, kauft er sie einfach: Jetzt schreibt er die Inhalte vor – und nebenbei kann man in der modernen Qualitätsdruckerei der Zeitung auch noch ganz super Falschgeld drucken. Und als eine aufrechte Journalistin nicht klein bei gibt, sondern ihren Chef und Verleger austrickst, um einen weiteren Skandal-Artikel über den zweifelhaften Geschäftsmann Tudjarow ins Blatt zu bringen, macht Jaro sie danach persönlich fertig. Ihr ergeht es wie in der unbestechlichen Europa-Abgeordneten in Staffel eins: Wer sich der Mafia in den Weg stellt, wird fertig gemacht. Also arrangiert man sich besser mit dem, was man nicht bekämpfen kann.

Screenshot Undercover: Hantel (Alexander Sano), Adriana (Milena Nikolova) und der große Zwilling (Kiril Efremov)

Screenshot Undercover: Hantel (Alexander Sano), Adriana (Milena Nikolova) und der große Zwilling (Kiril Efremov)

Aber nicht alle wollen sich damit abfinden – vor allem Martin nicht, der sich einerseits immer tiefer in das Geflecht aus Verbrechen und Gewalt verstrickt, von dem er Tag und Nacht umgeben ist, der anderseits aber auch immer mehr persönliche Gründe hat, Jaro abgrundtief zu hassen. Popov würde ihn genau deshalb gerne abziehen: Er ahnt, dass diese Vermischung von beruflichen und privaten Dingen verhängnisvoll wird, andererseits will er Jaro zu gern zur Strecke bringen, er hat schon so viel investiert. Also macht er bei Martins Rachefeldzug mit.

Ein interessanter Twist der zweiten Staffel ist, dass nun ausgerechnet der Undercover-Bulle Martin das kriminelle Business von Mafiaboss Jaro am Laufen halten muss. Am Ende der ersten Staffel sind ihm seine Gegner bei der Polizei, konkret Popov von der Sondereinheit so auf die Fersen gerückt, dass Jaro beschließt, sich offiziell zur Ruhe zu setzen und sein Geld jetzt in legale Geschäfte zu stecken: Ein erfolgreicher Geschäftsmann zu sein ist schließlich kein Verbrechen. Auch wenn er sich mit bewährten Mafiamethoden in entsprechende Netzwerke einkauft – hier eine kleine Indiskretion, dort eine handfeste Erpressung, und am Ende hat er alles, was er braucht, eine Baufirma, eine Kiesgrube und einen fetten Straßenbau-Auftrag von der Regierung.

Screenshot Undercover: Es wird eng für Jaro

Screenshot Undercover: Es wird eng für Jaro

Die Drecksarbeit überlässt er seinen bewährten Leuten Ivo und Martin. Nur, dass Ivo jetzt wegen der Sache mit Sunny gegen Jaro arbeitet – außerdem will er jetzt selbst zum Mafiachef aufsteigen. Ärgerlicherweise hat Ivo aber Martin am Hacken, den er noch nie leiden konnte. Ivo ist der einzige, der weiterhin davon überzeugt ist, dass Martin der Spitzel ist. Insbesondere, weil er auch der einzige ist, der etwas von Sunnys Äffare mit Martin weiß. Aber Ivo hat Sunny vor Jaro gerettet, nachdem Martin sie blöderweise in sein eigentliches Business hineingezogen hat – hier gibt es also Konflikte ohne Ende und eine dramatische Zuspitzung, die ich kaum auszuhalten fand. Natürlich geht diese Sache nicht gut aus.

Aber auch Jaro geht es endlich doch mal an den Kragen, so viel verrate ich jetzt doch, trotz schrecklicher Fehlschläge gibt es am Ende der zweiten Staffel endlich den Strafprozess, auf den Popov und vor allem Martin unter großen persönlichen Opfern hingearbeitet haben. Aber natürlich ist es damit nicht zuende – ich bin sehr gespannt auf die dritte Staffel!