Aus der Spur: Grandiose Achterbahnfahrt

Aus der Spur (Derapages) ist eine Hammerserie aus Frankreich, die für Arte produziert wurde. Der Sechsteiler gleicht einer Achterbahnfahrt, auf die sich der seit Jahren arbeitslose Protagonist Alain Delambre begibt, um endlich wieder einen richtigen Job zu bekommen. Für diese Chance setzt Alain buchstäblich alles aufs Spiel, was ihm noch geblieben ist: Die Liebe seiner Frau Nicole, die beinahe abbezahlte Wohnung in einer Pariser Vorstadt, das Glück seiner Töchter. Die Rolle des verzweifelten Familienvaters, der einen enormen Kampfgeist entwickelt, nachdem er sich aus nachvollziehbaren Gründen auf die falsche Spur begeben hat, spielt kein Geringerer als Éric Cantona. Der ehemalige Fußballprofi aus Marseille war mit Olympique Marseille mehrfach französischer Meister und später mit Leeds United und Manchester United erfolgreich. Als Alain Delambre entwickelt er eine ungeheure Wucht, der man sich beim Zusehen kaum entziehen kann.

Aus der Spur: Alain Delombre (Éric Cantona) Bild: arte.tv

Aus der Spur: Alain Delombre (Éric Cantona) Bild: arte.tv

Alain war lange Jahre Personalchef bei einer mittelständischen Firma. Irgendwann fiel er immer neuen Sparplänen und dem Jugendwahn zum Opfer. Mit über Fünfzig muss er sich nun mit miesen Gelegenheitsjobs durchschlagen. Der soziale Abstieg macht ihn, den einst erfolgreichen Macher, fertig. Es kränkt ihn, dass seine mittlerweile erwachsenen Töchter den Wein und den Nachtisch mitbringen, wenn sie zum Familienessen kommen. Weil Alain daran sieht, dass sie wissen, dass Papa nicht mehr alles bezahlen kann.

Ähnlich wie in Alain sieht es auch in seinem Appartement aus: Obwohl es großzügig geschnitten ist und eine tolle Aussicht hat, ist nicht zu übersehen, dass es, wie seine Bewohner, schon bessere Zeiten erlebt hat. Die Wände könnten einen neuen Anstrich vertragen, fehlende Fliesen werden nicht ersetzt, von den Ecken her breitet sich Schimmel aus.

Ganz im Gegensatz zum ebenfalls durchaus nostalgischem Hochglanz der Konzernzentrale des Luftfahrtunternehmens Exxya, in dem der vergleichsweise junge und arrogante Konzernchef Alexander Dorfmann (Alex Lutz) neue Optimierungsmaßnahmen beschließt. Als Fan von Retro Chic kommt man bei dieser Serie jedenfalls voll auf seine Kosten: Nicht nur die Wohnung von Alain und die Konzernzentrale von Exxya, sondern auch das Gerichtsgebäude, in dem später sein Prozess stattfindet und der Knast, in dem Alain schließlich landet, sind echte Leckerbissen in Sachen Design. Da haben nicht nur die Skandinavier, sondern auch die Franzosen einiges zu bieten.

Aus der Spur: Exxya-Vorstand Alexandre Dorfmann (Alex Lutz) Bild: arte.tv

Aus der Spur: Exxya-Vorstand Alexandre Dorfmann (Alex Lutz) Bild: arte.tv

Doch zurück zur Geschichte: Ein großes Werk des Exxya-Konzerns soll geschlossen werden, heftige Proteste und Arbeitskämpfe sind zu erwarten. Aus vier Kandidaten soll die geeignetste Führungskraft für diese Aufgabe gefunden werden. Ein windiger Unternehmensberater empfiehlt ein Rollenspiel, konkret eine Geiselnahme, um herauszufinden, welcher Kandidat am besten mit Stress zurecht kommt und vor allem, wer bereit ist, das Interesse der Firma über das eigene Leben zu stellen. Gleichzeitig soll auch ein neuer Personalchef gefunden werden, der muss nämlich aus dem Hintergrund diese ganze Geiselsituation mit klugen Fragen im Interesse des Konzerns managen.

Als Alain von dieser Möglichkeit hört, setzt er alles daran, auf die Bewerberliste als Personalchef zu bekommen. Und wie es so seine Art ist, bereitet er sich gründlich vor, er recherchiert Geiselnahmen, heuert einen Experten an, der mit ihm entsprechende Situationen trainiert – inklusive Umgang mit Schusswaffen. Und er findet heraus, wo die Schwachstellen der vier Bewerber sind, die er beurteilen soll. Allerdings kann er sich diese Investition eigentlich nicht leisten, so dass er sein Privatleben bei dem verzweifelten Versuch, es zu retten, komplett an die Wand fährt. Kein Wunder, dass auch die Geiselnahme komplett aus dem Ruder läuft.

Aus der Spur: Alain trainiert den Ernstfall. Bild: arte.tv

Aus der Spur: Alain trainiert den Ernstfall. Bild: arte.tv

 

So folgt Ausnahmezustand auf Ausnahmezustand, Alain geht auf volles Risiko, er hat ja nichts mehr zu verlieren. Und er erweist sich tatsächlich als cleverer Stratege mit erstaunlicher Menschenkenntnis, der sich auch noch damit rechtfertigt kann, Opfer der widrigen gesellschaftlichen Umstände zu sein, während sein Gegner, der zynische Großkonzern mit den fiesen Methoden, nicht auf Sympathie stößt. Aber geht sein riskanter Plan tatsächlich auf oder verliert er am Ende doch alles? Das ist bis zum bitteren Ende keineswegs klar. Und überhaupt das Ende. Grandiose Serie, unbedingt sehenswert.

Fatale Rückkehr: Homecoming

Von Homecoming ist inzwischen eine zweite Staffel verfügbar, die auf den ersten Blick ganz anders zu sein scheint als die erste. Bei der ersten Sequenz stand die Psychologin Heidi Bergmann (Julia Roberts) im Mittelpunkt, die in einer Einrichtung für heimkehrende US-Soldaten tätig war. Als die Handlung einsetzt, ist sie allerdings Kellnerin und kann sich nicht an ihre Arbeit im Homecoming-Programm erinnern. Der vom US-Verteidigungsministerium abgestellte Beamte (Shea Whigham als Thomas Carrasco), der einer Beschwerde des ehemaligen Soldaten Walter Cruz (Stephan James) über seine Behandlung in diesem Programm nachgeht, findet diesen Umstand extrem merkwürdig. Also fängt er an, umfassende Nachforschungen anzustellen und deckt nach und nach auf, dass bei Homecoming einiges nicht mit rechten Dingen zugegangen sein kann.

Serienposter Homecoming: Julia Roberts als Heidi Bergmann. Bild: Amazon.com

Serienposter Homecoming: Julia Roberts als Heidi Bergmann. Bild: Amazon.com

Die Serie beruht auf einem gleichnamigen Podcast von Eli Horowitz and Micah Bloomberg, die Regie bei der ersten Staffel führte Sam Esmail. Die Erzählweise gleicht einem Puzzle, die Zuschauer müssen sich die Handlung nach und nach erschließen, genau wie die Protagonisten. Da sind die Soldaten, die das Gefühl haben, das irgendetwas nicht stimmt, aber sich aber keinen Reim darauf machen können, was man mit ihnen während der Teilnahme am Homecoming-Programm tatsächlich angestellt hat. Da ist Heidi, die sich an entscheidende Dinge in ihrer Vergangenheit einfach nicht erinnern kann. Und natürlich Carrasco, der herausfindet, dass der ehemalige Vorgesetzte von Heidi, Colin Belfast (Bobby Cannavale), ihm offensichtlich wichtige Details verheimlichen will. Der stoische Beamte, der trotz zahlreicher Widerstände an seinen Recherchen festhält und sich hartnäckig durch die Archive arbeitet, gefiel mir im ersten Teil besonders, eine Erwähnung verdient aus Sissy Spacek als Heidis Mutter Ellen Bergmann.

Dazu kommt die eigenwillige Inszenierung durch Sam Esmail mit langen Kamerafahrten, ungewohnten Perspektiven und Bildausschnitten sowie skurrilen Details, die Fans schon aus Mr. Robot kennen. Ich muss zugeben, dass ich eine Weile gebraucht habe, um mit Homecoming warm zu werden, ich fand die Geschichte am Anfang zu verworren und habe eigentlich nur weiter gescheut, weil ich sie optisch so interessant fand. Aber je mehr Puzzleteile man zusammensetzen kann, desto besser wird die Geschichte.

Homecoming 2. Staffel: Janelle Monáe als Jackie/Alex Bild: Amazon.com

Homecoming 2. Staffel: Janelle Monáe als Jackie/Alex Bild: Amazon.com

Die zweite Staffel mit Janelle Monáe in der Hauptrolle gefiel mir ebenfalls sehr gut; hier ist die Geschichte alles in allem übersichtlicher, auch wenn sie auf den ersten Blick ähnlich rätselhaft erscheint wie die der ersten Staffel. Aber inzwischen wissen wir ja, was es mit der nun gar nicht mehr so geheimnisvollen Firma Geist auf sich hat. Außerdem hat die neue Staffel statt zehn nur sieben Teile, was eine weniger mäandernde Erzählweise zur Folge hat. Die Regie führte statt Sam Esmail Kyle Patrick Alvarez.

Auch hier haben wir es mit einem rätselhaften Gedächtnisverlust zu tun, Alex bzw. Jackie (Janelle Monáe) wacht ziemlich angeschlagen in einem Boot auf, das sich mitten auf einem See befindet. Vor Schreck lässt sie ihr Handy los, das auf Nimmerwiedersehen im Wasser versinkt. Nachdem sie sich mühsam ans Ufer gerettet hat, findet sie einen Autoschlüssel, allerdings nicht das dazu gehörende Auto. Sie wird von einer hilfsbereiten Polizistin aufgegriffen, die die offensichtlich verwirrte und orientierungslose Frau ins nächste Krankenhaus bringt. Als Jackie begreift, dass sie vom behandelten Arzt als Junkie eingestuft und vermutlich im Knast landen wird, haut sie ab. Danach beginnt sie anhand der wenigen Anhaltspunkte, die sie ausfindig machen kann, zu rekonstruieren, wer sie ist und was vorgefallen sein muss. Dabei begegnen wir Walter Cruz wieder, dem Veteran aus der ersten Staffel.

Obwohl die neue Staffel erzählerisch und optisch nicht ganz an die erste herankommt, wird doch wieder eine spannende Mystery-Geschichte erzählt, in der es um die Frage geht, wie weit man mit der Zwangsbeglückung von traumatisierten Menschen gehen darf. Oder eben nicht. Natürlich ist das US-Verteidigungsministerium da ganz anderer Auffassung als der Entwickler der gar nicht so glücklich machenden Droge, die Menschen schlimme Erlebnisse (und leider auch vieles andere) einfach vergessen lässt. Lohnt sich auf jeden Fall.

Was mit Weltraum: Space Force

Was mit Weltraum ist oft nicht die schlechteste Idee für eine Serie, und Apple hat mit For all Mankind eine ziemlich gute Weltraumserie hingelegt. Die bei genauerem Hinsehen ein Familiendrama ist, verteilt über mehrere Familien. Aber warum nicht. Auch im Weltraum bleiben Menschen Menschen und müssen vor allem menschliche Probleme lösen, die technischen Probleme sind nur Vehikel dafür.

Die besten Weltraumserien spielen ohnehin auf der Erde, wie die Hulu-Serie The First, die von der ersten bemannten Marsmission handelt. Leider gibt es davon nur eine Staffel, weil das Publikum offenbar etwas anderes erwartet hatte. Nun ja, wer Action auf dem Mars sehen will, kann sich ja die Pseudo-Doku Mars des National Geographic Channel ansehen. Die zeigt die Abenteuer der ersten sechs Astronauten, die im Jahr 2033 tatsächlich auf dem Mars landen. Mars ist solide Science Fiction, die viele reale Elemente verwendet, die Serie kann ich ausdrücklich empfehlen. 

Serienposter space force Bild: Netflix.com

Serienposter Space Force: John Malkovich, Tawny Newsome, Lisa Kudrow, Steve Carell, Jimmy O.Yang, Ben Schwartz, Diana Silvers Bild: Netflix.com

Von der Realität überholt wurde indes die neue Netflix-Serie Space Force, die zwar auch sentimentale Familiendrama-Momente hat, aber ausdrücklich Comedy ist. Die United States Space Force wurde tatsächlich im Dezember 2019 als eigenständige Teilstreitkraft der USA eingerichtet. US-Präsident Trump wird als Initiator der Weltraumtruppe in der Serie nicht namentlich genannt, aber ein US-Präsident, der gern twittert und dabei skurrile Rechtschreibfehler macht, muss nicht extra erklärt werden.

Steve Carell spielt den Vier-Sterne-General Mark R. Naird. Eigentlich wollte Naird seinen einstigen Vorgesetzten General Kick Grabaston (Noah Emmerich) bei der Air Force ablösen, doch nun muss er mitsamt seiner Familie von Washington DC ins ländliche Colorado umziehen, um die neue Einheit zu formieren. Bis 2024 will der Präsident Soldaten auf dem Mond sehen. („Boots on the moon“ oder vielmehr „Boobs on the moon„, wie der Originaltweet forderte).

Eine enorme Herausforderung für alle Beteiligten, vor allem für Dr. Adrian Mallory (John Malkovich) und seinen Assistenten Dr. Chan Kaifang (Jimmy O. Yang). Mallory mag ein brillanter Wissenschaftler sein, aber er ist durch und durch Zivilist. Er will durch den Aufbau der US-Mondbasis unsterblich werden, aber nicht, dass sein Name mit Blutvergießen und Krieg in Verbindung gebracht wird. Ziemlich unmöglich, wenn man bedenkt, dass die Space Force die US-Überlegenheit im Weltraum erobern und sichern soll. Denn die Russen und die Chinesen sind ebenfalls auf dem Weg zum Mond.

Natürlich sind die Chinesen noch schneller, und sie haben sogar die Frechheit, den Amerikanern die Landung am eigentlich angepeilten Landeplatz verbieten zu wollen, weil sie angeblich irgendwelche wissenschaftlichen Experimente durchführen, die die Amerikaner mit ihrer Landung stören würden. Wobei, vorher haben sie schon einem ersten Modul des Projektes sauber die Sonnenpaneele amputiert, die für die Energieversorgung zuständig waren. Daraufhin mussten zufällig im All verbliebene Tiere als Astronauten aktiviert werden, ein Schimpanse und ein Hund, die aber beide an der Komplexität menschlicher Technik sowie ihren tierischen Schwächen scheiterten.

Doch auch auf der Erde hat Naird seine Not, seine Ehefrau Maggie (Lisa Kudrow) landet aus nicht näher erklärten Gründen für lange Zeit im Knast und so steht der Vier-Sterne-General als alleinerziehender Vater einer störrischen Teenager-Tochter da (Diana Silvers als Erin), die ihre Freunde aus der Stadt vermisst und versucht, auf Teenager-Art auf dem Lande Spaß zu haben. Was immer wieder grandios misslingt, so dass Naird gefordert ist. Außerdem hat er auch noch alte Eltern, die er mit der Weltraumtechnik lokalisieren muss, wenn sie den Weg nach Hause nicht mehr finden.

Und dann sind da noch politische Querelen mit schwierigen Kongressabgeordneten, aus denen das nächste Budget für neue Missionen herausgeleiert werden will oder die Oberknalltüte Tony Scarapiducci (Ben Schwartz), der PR-Beauftragte der Space Force, dem keine Idee dumm genug ist, um eine Menge Aufmerksamkeit in den Asozialen Medien zu generieren. Denn von seinem Oberchef, dessen Name nicht genannt werden darf, hat er ja gelernt, dass es nur darauf ankommt.

Subtile Anspielungen gibt es in Space Force eigentlich keine, hier findet Holzhammerhumor krachendster Güte statt, der mich aber mit den ersten zehn Folgen gut unterhalten hat, so dass ich mir tatsächlich eine Fortsetzung wünsche.

Insbesondere John Malkovich als arroganter, aber irgendwie auch humanistisch motivierter Wissenschaftler ist überragend. Erwähnen muss ich unbedingt auch Tawny Newsome als Captain Angela Ali, die von der persönlichen Hubschrauberpilotin des General Naird zur Kommandatin der ersten Weltraumbasis der USA aufsteigt. Und natürlich Dr. Chan Kaifang (Jimmy O. Yang), den man als Jian Yang aus Silicon Valley kennt. Diversitäts- und gendertechnisch macht die Serie also ziemlich viel richtig. Ansonsten ist sie so konfus und durchgeknallt, wie die Zeit, in der wir leben. 

Parasite: Auch wir brauchen Desinfektion

Unter den Filmen, die bei den Academy Awards als Bester Film ausgezeichnet werden, sind ab und zu welche, die tatsächlich richtig gut sind. Einige sind nachvollziehbar wichtig, manche ganz okay, andere, nun ja.

In diesem Jahr gewann der südkoreanische Film Parasite von Bong Joon-ho die begehrte Trophäe. Und der Film ist wirklich großartig. Nicht, weil er auch schon die Goldene Palme in Cannes und einen Golden Globe bekommen hat. Sondern, weil er das westliche (ja, genau das gilt auch und offenbar besonders für Südkorea) Lebens-, Arbeits- und Konsummodell gnadenlos, aber durchaus humorvoll vorführt.

Parasite : Chang Hyae Jin, Park So-Dam, Song Kang-Ho, Woo-sik Choi

Parasite: Familie Kim (Chang Hyae Jin, Park So-Dam, Song Kang-Ho, Woo-sik Choi) Copyright The Jokers / Les Bookmakers (via filmstarts.de)

Erstaunlich eigentlich, dass so etwas in Hollywood inzwischen dermaßen ankommt. Aber es ist ja eben kein US-amerikanischer Film, der dieser Gesellschaft den Spiegel vorhält, sondern ein asiatischer. Auch wenn es in den USA gewiss eine Menge Familien gibt, die sich in ähnlich ärmlichen Verhältnissen durchschlagen müssen, wie die Familie Kim. Und künftig werden es noch sehr viel mehr sein. Aber das konnte Anfang Februar noch kaum einer wissen.

Vater Kim Ki-taek, Mutter Chung-Sook (eine früher erfolgreiche Hammerwerferin), Tochter Ki-jung und Sohn Ki-woo leben in einer Kellerwohnung ohne WLAN-Empfang, die sie mit zahlreichen Kakerlaken teilen. Sie schlagen sich mehr schlecht als recht mit Gelegenheitsjobs durch, etwa mit dem Zusammenfalten von Pizzakartons. Ein Schulfreund von Ki-woo verschafft ihm eine Stelle als Englisch-Nachhilfelehrer für die Tochter der reichen Familie Park. Außerdem schenkt er ihm einen kiloschweren Glücksstein von seinem Großvater. Ki-woo ist überzeugt, dass sich damit alles zum Besseren wendet. Die als Fälscherin begabte Schwester Ki-jung bastelt ihrem Bruder schnell noch per Photoshop die erforderlichen Dokumente für den neuen Job, dann steht dem Aufstieg der Familie Kim nichts mehr im Weg. Abgesehen von der Haushälterin der Parks, die das Anwesen der Oberschichtfamilie besser kennt, als die Familie selbst und auch potenzielle Eindringlinge erkennt, bevor die Parks kapieren, was Sache ist. Aber auch für dieses Problem finden die kreativen Kims eine Lösung.

Parasite : Ki-jung (Park So-Dam) und Ki-woo (Woo-sik Choi) Copyright The Jokers / Les Bookmakers (via filmstarts.de)

Parasite: Empfang nur auf dem Klo. Ki-jung (Park So-Dam) und Ki-woo (Woo-sik Choi) Copyright The Jokers / Les Bookmakers (via filmstarts.de)

Nach und nach sickert die Familie Kim in den Haushalt der Parks sein. Erst verschafft Ki-woo seiner Schwester einen Job als Kunsttherapeutin für den kleinen Bruder seiner Nachhilfeschülerin Da-hye, in die er sich sofort verliebt hat. Da-song ist ein kleiner, verwöhnter Racker, der zur Begeisterung seiner Eltern gern malt. Die abgebrühte Ki-jung, eingeführt als vielbeschäftigte „Frau Jessica als Illinois“, kann die etwas naive Mutter von sich überzeugen und Da-song bändigen. Nebenbei sorgt sie dafür, dass der Fahrer der Parks entlassen wird, damit Vater Kim seinen Job übernehmen kann. Schließlich schafft auch noch Chung-sook, zur Haushälterin der Parks aufzusteigen, was allerdings ungeahnte Konsequenzen nach sich zieht.

Gerade als die Kims damit beginnen, es sich im Reichtum ihrer Arbeitgeber so richtig gemütlich zu machen, schlägt die Handlung um. Genau das macht die Sache interessant: Die Kellerbewohner steigen auf, bekommen eine Ahnung vom Glück und Glanz der Oberschicht, und müssen lernen, dass es unter ihrem Keller noch einen Keller der anderen gibt.

Parasite : Cho Yeo-jeong, Park So-Dam, Sun-kyun Lee Copyright Koch Films (via filmstarts.de)

Parasite: Die schöne Welt der Reichen. (Cho Yeo-jeong, Park So-Dam, Sun-kyun Lee) Copyright Koch Films (via filmstarts.de)

Gleichzeitig nimmt Parasite auch die eigenartigen Probleme der Reichen aufs Korn, die völlig ausgelastet, ach was, überfordert damit sind, die Launen ihrer verwöhnten Kinder zu bedienen und nebenbei noch ein gehobenes soziales Leben zu organisieren. Luxusprobleme sind eben auch Probleme. Aber dann gibt es eben auch noch die anderen Widrigkeiten, die echten Probleme. Von denen die Kims mehr als genug haben, aber eben nicht nur sie: Denn so mitleidlos sie die lästige Konkurrenz im Wettbewerb um die besseren Jobs abservieren, so hart und zäh kämpfen die anderen Underdogs ebenfalls ums Überleben.

Natürlich kann das alles nicht gut ausgehen, und trotzdem ist der Film gemessen an diesem ernsten, überaus wichtigen, Thema eigentlich viel zu lustig. Etwa wenn in der Stadt die Straßen desinfiziert werden. Die Familie will hektisch die Fenster schließen, die genau auf Höhe der Bordsteine liegen. Nur Vater Kim bleibt gelassen, und meint, die Fenster sollen offen bleiben: „Wir brauchen hier unten auch Desinfektion!“ Womit er definitiv recht hat. Also falten alle hustend und benebelt weiter an ihren Pizzakartons. Man muss lachen, obwohl man weiß, dass das nicht lustig ist. Aber genau dieser perfide Humor macht den Film so gut.

Parasite: Song Kang-Ho Copyright The Jokers / Les Bookmakers (via filmstarts.de)

Parasite: Die Familie im Keller. (Song Kang-Ho) Copyright The Jokers / Les Bookmakers (via filmstarts.de)

Ziemlich dunkel: Into the Night

Mich interessiert ja immer sehr, was unsere europäischen Nachbarn in Sachen Serien so drauf haben. Aus Belgien kommt die neue Endzeitserie Into the Night, die seit einigen Tagen auf Netflix zu sehen ist. Weil es sich um nur sechs gut halbstündige Teile handelt, kann man diese Serie an einem Regentag komplett ansehen, ich fand sie spannend genug, um dabei zu bleiben, auch wenn es zum Teil haarsträubende Logiklöcher gibt. Es geht mir mit dieser Serie wie mit dem deutschen Endzeit-Drama 8 Tage: Eine prinzipiell vielversprechende Idee wurde wenig überzeugend umgesetzt, insofern bin ich alles in allem enttäuscht.

Wie es zum gelungenen Auftakt in Flugzeug-Katastrophen-Filmen gehört, beginnt auch Into the Night damit, dass eine der Protagonistinnen, in diesem Fall die ehemalige Hubschrauberpilotin Sylvie Dubois (Pauline Etienne), den Flug fast verpasst und es gerade noch an Bord schafft. Der Flug soll von Brüssel nach Moskau führen, doch alles kommt anders: Der italienische NATO-Offizier Terenzio Gallo (Stefano Cassetti) zwingt den Co-Piloten Mathieu Douek (Laurent Capelluto) mit Waffengewalt zum vorzeitigen Abflug und zwar nach Westen. So weit wie möglich.

Into the Night: Terenzio, Rik, Ines, Laura, Horst und Ayaz. Bild: Netflix via serienjunkies.de

Into the Night: Terenzio, Rik, Ines, Laura, Horst und Ayaz. Bild: Netflix via serienjunkies.de

Weil Terenzio Mathieu in die Hand geschossen hat, muss Sylvie im Cockpit aushelfen. Währenddessen rätseln die wenigen, zufällig schon bzw. noch an Bord befindlichen Passagiere, ob es sich um eine Terrorattacke oder eine herkömmliche Flugzeugentführung handelt und wie sie ihr begegnen können. Was sie noch nicht wissen: Mit dem nächsten Sonnenaufgang wird sämtliches menschliches Leben auf der Erde erlöschen. Die Sonnenstrahlung ist plötzlich tödlich geworden, mit weiteren Details halten sich die Serienmacher nicht auf. Terenzio hat diese schlechte Nachricht zufällig im Brüsseler NATO-Hauptquartier aufgeschnappt.

Selbstverständlich gibt es von Anfang an jede Menge Probleme: Das Funkgerät im Flugzeug wurde von Terenzio versehentlich zerstört und auch das Internet funktioniert nicht, deshalb können die anderen Passagiere nicht überprüfen, ob Terenzio ein Spinner ist oder ob wirklich tödliche Gefahr für alle droht. Doch zuvor ist bei Telefonaten in andere Teile der Welt schon aufgefallen, dass Gesprächspartner plötzlich nicht mehr geantwortet haben. Die wenigen Eingeweihten beschließen, zumindest erst einmal so zu tun, als ob sie die Sache glauben würden, um Terenzio bei nächster Gelegenheit zu überwältigen.

An Bord des belgischen Airbusses sind unter anderem die russische Mutter Zara (Regina Bikkinina) mit ihrem kranken Sohn Dominik, der am kommenden Tag in Moskau behandelt werden sollte, ein alter Mann, der von seiner persönlichen Krankenpflegerin Laura (Babetida Sadjo) begleitet wird, der polnische Ingenieur Jakub (Ksawery Szienkier), der marokkanische Techniker Osman (Nabil Mallat), die Influencerin Ines (Alba Gaia Bellugi), der deutsche Wissenschaftler Horst (Vincent Londez), der belgische Sicherheitsmann Rik (Jan Bijvoet) und der türkische Geschäftsmann Ayaz (Mehmet Kurtulus). Damit ist eine Menge Potenzial für spannende Entwicklungen vorhanden.

Leider schaffen die Serienmacher es nicht, ihren Protagonisten wirklich Charakter einzuschreiben, auch wenn die eine oder andere Geschichte in Rückblenden erzählt wird. So richtig sympathisch ist eigentlich keiner von ihnen, abgesehen vielleicht von der erfahrenen Stewardess Gabrielle (Astrid Whettnall), die leider schon den zweiten Teil nicht übersteht.

Into the Night: Silvie und Mathieu Bild: Netflix via musikexpress.de

Into the Night: Silvie und Mathieu Bild: Netflix via musikexpress.de

Natürlich lebt jede Serienhandlung in erster Linie von den Konflikten ihrer Protagonisten, aber an Bord dieser Maschine überwiegt kleingeistiges Gezänk, was mich einfach nervt. Obwohl das vermutlich gar nicht mal unrealistisch ist, weil viele Menschen auch oder gerade in absoluten Krisensituationen eben nicht über sich hinauswachsen, sondern sich genauso idiotisch verhalten wie sonst auch. Der Umgang mit der so genannten Corona-Krise macht das gerade wieder überdeutlich. Klar, es gibt auch selbstlose Alltagshelden, aber die meisten Leute sind einfach nur selbstbezogen und kleinkariert. So sieht es auch unter den Passagieren in der Belgischen Maschine aus.

Das führt, wenig überraschend, zu immer neuen Konflikten und Problemen, während sonst frustrierend wenig über die eigentliche Katastrophe zu erfahren ist: Warum verstrahlt die Sonne plötzlich alle Menschen? Warum gehen die nicht einfach in den Keller? Warum ist eigentlich nur genau dieses Flugzeug und dessen Besatzung übrig? Wären nicht, wie in seligen Vor-Corona-Zeiten mit dem ganzen (überflüssigen?) Vielgefliege üblich, nicht sowieso eine Menge anderer Flugzeuge von anderen Flughäfen, ganz regulär auf dem Weg nach Westen? All das erfahren wir nicht.

Nun gibt es durchaus Beispiele für spannende Serien, bei denen grundsätzliche Fragen gnadenlos offen bleiben, etwa die Flugzeug-Unglück-Rätselserie Lost, wo das über weite Strecken auch herzlich egal ist, weil die Dynamik unter den Überlebenden mitreißend genug ist, um weiterhin mitzufiebern. Wobei ich Lost nun auch kein gutes Beispiel für die gelungene Umsetzung eines Katastrophenthrillers finde, Lost ist halt eine Mysterieserie, mit deutlich zu viel Mystery für meinen Geschmack. Insofern bekommt Into the Night ein paar Bonuspunkte, weil kein Mysteryansatz. Aber eben leider auch kein Sci-Fi, weil dafür Science viel zu kurz kommt.

Babylon Berlin: Alle guten Dinge sind drei

Mit der ersten und zweiten Staffel von Babylon Berlin war ich trotz aller Opulenz der filmischen Umsetzung nicht besonders glücklich. Vor allem, weil die eigentliche Handlung des Romans mit allerlei hinzuerfunden Charakteren und Geschichten sehr in den Hinterrund rückte und die Handlung der Serie dadurch ziemlich konfus wurde. Es gab immer wieder spektakuläre Szenen und allerlei Anspielungen auf historische Ereignisse, aber mir fehlte der rote Faden einer spannenden Krimihandlung, den es im Buch von durchaus gab. Enttäuscht war ich vor allem, dass die damals in Berlin entwickelten Methoden moderner Mordermittlung, etwa eine systematische Spurensicherung und die Erfassung sämtlicher Fälle für spätere Ermittlungen in einer zentralen Kartei, im Drehbuch nur am Rande vorkamen.

Serienposter Babylon Berlin 3. Staffel: Gereon Rath (Volker Bruch) und Charlotte Ritter (Liv Lisa Fries)

Serienposter Babylon Berlin 3. Staffel: Gereon Rath (Volker Bruch) und Charlotte Ritter (Liv Lisa Fries)

Inzwischen habe ich die dritte Staffel gesehen – und es wird besser. Insgesamt bleibt das Drehbuch in den neuen Folgen etwas näher am Roman und das ist gut so. War in der ersten Sequenz Volker Kutschers Roman Der nasse Fisch kaum wieder zu erkennen, so gibt es nun immerhin gewisse Parallelen zum Folgeroman Der stumme Tod.  Hier untersuchen Gereon Rath (Volker Bruch) und Charlotte Ritter (Liv Lisa Fries) den Tod der Schauspielerin Betty Winter, die am Set eines der  ersten Tonfilme Deutschlands von einem herabstürzenden Scheinwerfer erschlagen wird.

Natürlich wurde auch hier die Geschichte für die Serienumsetzung komplett umgestrickt; ich finde das Drehbuch aber dieses Mal gelungener, auch weil einige der losen Enden der ersten beiden Staffeln einigermaßen plausibel verknüpft werden. Dadurch werden einige Figuren aufgewertet, etwa Charlottes Freundin Greta Overbeck (Leonie Benesch) , die sich von angeblichen Kommunisten zum Attentat an Regierungsrat August Benda (Matthias Brand) hatte überreden lassen.  Nun ist sie bereit, dafür zu büßen. Oder Kriminalassistent Reinhold Gräf (Christian Friedel), der sich nun zu seiner Homosexualität bekennt. Oder die Witwe Behnke (Fritzi Haberland), die nicht nur Gefühle für ihren Mieter, den politischen Journalisten Samuel Katelbach (Karl Marcovics) entwickelt, sondern auch neue, sympathische Qualitäten bei der Unterstützung des sich nun formierenden Wiederstands gegen die Machenschaften der immer weiter nach rechts marschierenden Staatsgewalt.

Zwar fehlt nun die charismatische Swetlana Sorokina (Severija Janušauskaitė) und auch weitere zentrale Figuren haben die ersten beiden Staffeln nicht überlebt, aber dafür kommen nun neue hinzu, etwa Walter Weintraub (Ronald Zehrfeld), der kriminelle Freund und Partner des Armeniers (Misel Maticevic) und dessen Frau Esther Kasabian (Meret Becker), die nun hofft, in Betty Winters Fußstapfen zu treten und der neue Star des Films zu werden. Denn eine Filmmetropole war das Berlin der 20er und 30er Jahre des 20. Jahrhunderts schließlich auch. Für musikalische Einlagen sorgen dieses Mal nicht die rauschenden Feste der Berliner Halbwelt, sondern Szenen am zeitgemäß expressionistischen Filmset und private Feiern. Überhaupt scheint die Feierwut der ersten Staffel verpufft zu sein, was verständlich ist, denn das Scheitern der Weimarer Republik und kommende Gewaltherrschaft der Nazionalsozialisten werfen bereits ihre Schatten voraus.

Die etablierten Hauptcharaktere Gereon und Charlotte haben es weiterhin nicht leicht. Achtung, ab jetzt gibt es (sanfte) Spoiler. Charlotte werden als Kriminalassistentin von ihren männlichen Vorgesetzten und Mitbewerbern immer wieder Steine in den Weg gelegt, nur weil sie eine Frau ist. Wenn auch eine durchaus für ihren Job qualifizierte, wie Charlotte immer wieder unter Beweis stellt. Nebenbei versucht sie, sich um ihre Familie zu kümmern, vor allem um ihre jüngere Schwester Toni (Irene Böhm).

Gereon hingegen leidet unter dem langen Schatten seines großen, in Krieg gefallenen (?) Bruders und seinen eigenen noch immer nicht aufbereiteten Kriegstraumata. Deshalb zerbricht auch die Beziehung zu Helga (Hanna Herzsprung), die eigentlich den Bruder geheiratet hatte, auch wenn Gereon sie von Anfang an geliebt hat. Die von Gereon vernachlässigte Helga freundet sich mit Alfred Nyssen (Lars Eidinger) an, der in ihr eine verwandte Seele entdeckt. Nebenei tüftelt der manisch-depressive Industriellenerbe Nyssen einen gewaltigen Börsencoup aus, mit dem er sich mit den Methoden der amerikanischen Kapitalisten „sein“ gutes deutsches Geld wieder holen will, das durch die Niederlage im ersten Weltkrieg verloren ging. Die Naivität der deutschen Kleinanleger, die mit geliehenem Geld an der Börse Gewinn machen wollen, wird dabei ganz gut auf den Punkt gebracht.

Auch holen die Serienmacher die Würdigung der Verdienste des Ernst Gennat (Udo Samel) nach. Die innovativen Methoden, die der langjährige Leiter der Berliner Kriminalpolizei bei der Untersuchung von Kapitalverbrechen eingeführt hat, werden dieses Mal sehr ausführlich, ja geradezu mit der sprichwörtlichen deutschen Gründlichkeit, behandelt.

Am Ende spielt die systematische Fälschung von Beweisen ausgerechnet durch den mit der Aufklärung des Verbrechens befassten Forensiker eine entscheidende Rolle – wobei mir genau der Part dann zu dick aufgetragen war. Etwas genervt hat mich auch Esther, also die immer ein bisschen zu penetrant überspielende Meret Becker, aber okay, vielleicht ist es auch genau das, was ihren Seriencharakter am zutreffensten beschreibt: Dieses Changieren zwischen gnadenloser Selbstüberschätzung, was ihre Fähigkeiten aus Sängerin und Schaupielerin angeht, und Esthers offensichtlich doch vorhandenen Talent, aus einer scheinbar ausweglosen Situation das Beste herauszuholen. Das gelingt in dieser Staffel beileibe nicht allen, denen man es gewünscht hätte. Aber genau das macht diese Staffel sehenswert. Hoffentlich gibt es noch weitere Fortsetzungen, denn diese Serie schlägt sich im Vergleich zu anderen historischen Formaten, die es im deutschen Fernsehen so zu sehen gibt, dann doch überdurchschnittlich gut.

Wir sind keine Welle

Inzwischen gibt es neue deutsche Serien auf Netflix, aber ich muss leider feststellen, dass ich mit diesen Serien genau die Probleme habe, die ich prinzipiell mit deutschen Serien im „normalen“ deutschen Fernsehen habe. Das bedeutet, dass es offenbar doch nicht am übermäßig Proporz-orientierten öffentlich-rechtlichen Rundfunk liegt, der es immer möglichst allen recht machen will, und auch nicht an den immer auf die Quote schielenden Privatsendern, die mit reißerischen Projekten auf bestimmte Zielgruppen aus sind. Und es ist ja nicht so, dass es überhaupt keine guten deutschen Serien gibt, spontan fallen mir 4 Blocks und Das Institut ein, aber das ist sehr wenig, gemessen am sonstigen Output von leider nicht besonders guten Serien.

Das muss ich nun leider auch für Netflix konstatieren, Netflix haut eine Menge neuer Serien raus, leider sind viele davon ziemlich mittelmäßig, und das gilt leider auch für die Netflix-Neuheiten aus Deutschland. Klar kommt es auch bei Netflix am Ende darauf an, wie gut die Serien ankommen, sprich, wie viele Abrufe es gibt – und ein bisschen auch, wie die Kritiken ausfallen. Aber ich hätte schon erwartet, dass es auf dieser vom deutschen Fernsehen und vom deutschen Mainstream unabhängigen Plattform mehr künstlerische Experimente und weniger deutsch-typischen Serien-Holzhammer gibt.

Wir sind die Welle: Tristan (Ludwig Simon),Zazie (Michelle Barthel), Hagen (Daniel Friedl), Lea (Luise Befort) und Rahim (Mohamed Issa). Bild: Netflix

Wir sind die Welle: Tristan (Ludwig Simon),Zazie (Michelle Barthel), Hagen (Daniel Friedl), Lea (Luise Befort) und Rahim (Mohamed Issa). Bild: Netflix

Immerhin gibt es auch hier (sehr wenige) Ausnahmen, Dark und How To Sell Drugs Online (Fast) fand ich durchaus okay, HTSDOF ist sogar ziemlich witzig. Dark hingegen bietet für meinen Geschmack viel zu viel Mindfuck, aber offenbar kommt genau diese Art von metaphysischer Feinmechanik im Ausland gut an, gerade weil das so herrlich deutsch ist. Dogs of Berlin ist einfach Trash-TV, aber als solches schon wieder gut. Skylines ist so ähnlich, aber mit Musik statt Fußball und statt einem dunklen, bösen Berlin gibt es ein dunkles, böses Frankfurt. Hat mir alles in allem aber besser gefallen als Dogs of Berlin, weil nicht ganz so klischeehaft überzeichnet.

Nun also Wir sind die Welle, ein sehr deutscher Sechsteiler über eine Handvoll Außenseiter, die ihre Mitmenschen mit zunehmend spektakulären Aktionen zum Nachdenken bringen wollen. Mit dem Roman Die Welle von Morton Rhue hat die Serie eigentlich nicht mehr viel zu tun, hier geht es im Gegenteil eher darum, wie Jugendliche gegen gesellschaftliche Missstände, aber auch gegen ihre Fascho-Mitschüler, rebellieren. Für mich sieht Wir sind die Welle wie ein nicht so richtig gelungenes Remake des Films The East aus. In The East geht eine geheimbündlerisch organisierte Gruppe von Ökoterroristen gegen Pharmakonzerne vor, um deren Chefs für die von ihnen verursachten Gesundheits- und Ökoschäden zu bestrafen.

Ähnliches treibt auch den harten Kern der Welle um, vor allem Hagen (Daniel Friedl), der Sohn von Ökobauern, deren Betrieb durch einen der großen Arbeitgeber vor Ort ruiniert wurde, will ein Zeichen setzen. Hilfe bekommt der dickliche Außenseiter von anderen Außenseitern, etwa Rahim (Mohamed Issa), der als Ausländer gemobbt wird und dem Mauerblümchen Zazie (Michelle Barthel). Der ebenso angstfreie wie charismatische neue Mitschüler Tristan (Ludwig Simon) sammelt ganz gezielt die Loser um sich, die mit seiner Hilfe plötzlich über sich hinaus wachsen und zur Welle werden. Nur Lea (Louise Beford), die tennisspielende höhere Tochter fällt aus dem Rahmen, bei ihr ist es eher der Überdruss am Überfluss, der in ihr die Lust am Protest als Lifestyle weckt. Was ja auch keine neue Sache ist, von den Mitgliedern der RAF kamen ja auch viele aus dem Bildungsbürgertum und nicht aus der Arbeiterschicht. Wobei nein, linke Gewalt oder gar Linksextremismus wird hier keinesfalls verherrlicht. Dafür sind die jungen Leute bei der Welle viel zu unpolitisch. Höchstens Tristan, der Diplomatensohn, der arabisch spricht und offenbar viel gelesen hat, sympathisiert (ich würde eher sagen kokettiert) mit extremen Ideen aus dem linken Spektrum. Bei den anderen geht es um ihre persönliche Betroffenheit, auch bei Lea, die von ihrer Mutter ordentlich den Kopf gewaschen kriegt, als sie ihre Luxusklamotten aus einer Laune heraus spenden will.

Denn so sehr ich mich darüber gefreut habe, dass es jetzt quasi eine Serie zum FridaysForFuture-Feeling gibt, so enttäuscht war ich, dass die Serie eben keine „erfrischend politische Mainstream-Produktion“ ist, wie der Deutschlandfunk fand. Also Mainstream-Produktion schon, aber nicht erfrischend politisch. Und leider sind die Charaktere durchgehend wandelnde Klischees, von denen einige eine nicht weniger klischeehafte Entwicklung erfahren. Hier hätten mehr Tiefgang und weniger didaktisch gutgemeinter Holzhammer sicher viel bewirken können.

Was die Politik angeht und die persönlichen Konsequenzen, bleibt alles reiner Aktionismus. Während die Aktivisten in The East sich auch in ihrem Alltag in radikalem Verzicht üben, sie leben spartanisch auf einer verlassenen Farm, containern Lebensmittel und benutzen moderne Technik nur für ihre Aktionen, ändern die Jugendlichen in der neuen Serie auch, nachdem die Welle sie erfasst hat, keineswegs ihren Lebensstil. Ja, sie kritisieren Umweltverschmutzung, ja, ihre Aktionen werden radikaler, und es werden immer neue Grenzen überschritten, den Aspekt fand ich gut. Und ich gönne Hagen, Zazie und Rahim, dass sie dank ihrer Selbstermächtigung zumindest eine Weile mehr Spaß am Leben haben. Wobei das FFF ganz gut abbildet, so traurig das auch ist: Die Jugend sagt den Alten mal, wie frustrierend dieses ganze Scheißleben in dieser Scheißwelt ist, die andere für uns eingerichtet haben. Und der ganze Protest wird dann auch mal im Fernsehen gezeigt und gut is‘.

Denn um wirklich etwas zu ändern, braucht es eben mehr als verständlichen, aber wohlfeilen Protest. Selbst wenn der in einzelnen Aktionen auch mal total radikal wird. Denn es ist ja nicht so, dass die Leute nur unter einem Mangel an Information leiden. Jeder und jede, die es wissen will, weiß, dass Industrieabfälle die Umwelt vergiften, Plastikmüll das Leben erstickt, die Überproduktion von allem Ressourcen verschleudert, die eigentlich für das Überleben der Menschheit gebraucht würden, deutsche (und anderer Herstellerländer) Waffen in aller Welt nicht unbedingt Frieden schaffen, Rassisten Arschlöcher sind und Neonazis dumm. Dafür haben wir keine weitere Serie gebraucht.

Denn um eine Idee zu entwickeln, was nach dem Protest kommen könnte, bräuchte es wirklich mal erfrischend politische Diskussionen, in denen über den Tellerrand des Mainstreams hinaus geschaut wird. Mir ist klar, dass keine Serie der Welt das leisten kann. Aber ich würde mich sehr freuen, wenn es wenigstens mal versucht würde: Angenommen, wir hören auf euch, liebe jugendliche Protestierer, wie sähe denn eure Welt aus? Verzichtet ihr auf das neue Handy, fahrt ihr mit dem Rad, statt euch von Mama mit dem Auto abholen zu lassen, bringt ihr Papa veganen Lebensstil bei?

Okay, das könnte jetzt als Jugendbashing missverstanden werden. Ich meine es aber ernst: Ich bin durchaus der Meinung, dass man gegen so ziemlich alles, was in dieser Welt gerade stattfindet, ganz entschieden protestieren muss. Weil es so nicht weiter gehen kann. Und jetzt wünsche ich mir eine Serie, die eine Utopie entwickelt. Ist doch egal, ob realistisch oder nicht. In einem fiktionalem Medium sollte man doch noch träumen dürfen. Aber das ist vielleicht ein Symptom dieser Zeit: Es gibt keine Zukunft mehr. Und schon gar keine bessere.

Ein großer Schritt für Apple?

Apple macht jetzt auch auf Netflix und wirbt auf seinen Geräten mit einem kostenlosen Probemonat um Kunden für seinen neuen Streaming-Dienst. Weil der Konzern dank seiner teuren iPhones auf einem Haufen Geld sitzt, kann er sich vergleichsweise kostspielige Produktionen leisten und bietet mit For All Mankind ein interessantes Projekt für den Einstieg an. Treue Leserinnen meines Blog wissen, dass ich Joel Kinnaman sehr schätze, insofern ist es keine Überraschung, dass ich mir die ersten drei Folgen der Apple-Serie angesehen habe. Der inzwischen auch in den USA etablierte Schauspieler aus Schweden verkörpert den Astronauten Ed Baldwin, der um ein Haar der erste Mensch auf dem Mond gewesen wäre.

For All Mankind: Joel Kinnaman als Ed Baldwin Bild: Apple

For All Mankind: Joel Kinnaman als Ed Baldwin Bild: Apple

Doch in For All Mankind waren die Sowjets die ersten, die auf dem Mond gelandet sind und der Kosmonaut Alexej Leonow tat den großen Schritt für die Menschheit im Namen der Marxistisch-Leninistischen Lebensweise, mit der die  gesamte Menschheit in eine bessere Zukunft geführt werden soll. Die Schmach für die USA und speziell für die Leute im ambitionierten Apollo-Programm ist schwer zu ertragen. Doch als echte Amis geben sie nicht auf, sondern krempeln die Ärmel hoch, um mit ihrem Weltraumprogramm die UdSSR am Ende doch noch zu übertreffen. Denn selbstverständlich geht es in dieser US-Serie nicht um eine mögliche Überlegenheit eines alternativen Systems, sondern darum, was man alles noch hätte machen können, wenn die US-Regierung nicht irgendwann das Interesse an der (überaus teuren) bemannten Raumfahrt verloren hätte.

Wobei ich ehrlich gesagt noch nicht ergründen konnte, worum es in dieser Serie tatsächlich geht. Die Idee einer alternativen Erzählung historischer Ereignisse finde ich sehr reizvoll, das hat mir beispielsweise an The Man in the High Castle gefallen. Aber diese Serie hat mich nach der beeindruckenden ersten Staffel nicht wirklich gepackt, weil auch hier nicht klar wurde, worauf die Geschichte eigentlich hinaus will. Ein ähnliches Problem zeichnet sich bei For All Mankind ab: Der Wettlauf zwischen den beiden großen Supermächten im All war und ist auch aus heutiger Perspektive spannend, ich habe mir anlässlich des 50. Jahrestags der Mondlandung in diesem Sommer stundenlang entsprechende Dokus angesehen.

For All Mankind: Margo Madison (Wrenn Schmidt) Bild: Apple

For All Mankind: Margo Madison (Wrenn Schmidt) Bild: Apple

Aber es geht hier nicht um eine Doku, sondern um eine Drama-Serie, und die stehen und fallen mit ihren Protagonisten. Und davon gibt es eine ganze Menge, der unglückliche Ed Baldwin hat Frau und Kinder, wie auch die meisten seiner Kollegen und Vorgesetzten, hier zeichnet sich eine Menge Familiendrama ab. Dann gibt es die junge NASA-Angestellte Margo Madison (Wrenn Schmidt), die erste und einzige Frau bei Mission Control, die in der dritten Folge eine Reihe neuer Kolleginnen bekommt, weil plötzlich unbedingt eine Frau mit ins All geschickt werden soll. Also werden ernsthafte Bewerberinnen gesucht, die natürlich einen entsprechenden Hintergrund brauchen und so springt die Geschichte von hier nach dort und spannt eine ganze Reihe unterschiedlichster Handlungs- und Spannungssbögen auf, bei denen noch nicht absehbar ist, wie gut oder schlecht sie sich ins große Ganze einfügen werden. Sexismus, Rassismus, #metoo, Flüchtlinge, die aus Mexiko nachts über die US-Grenze schleichen und gleichzeitig eine Art Make America Great Again, das ist ein reichlich überambitioniertes Serienrezept, das viele Geschmäcker bedienen will und am Ende keinem so richtig schmecken wird.

Apple-Serie For All Mankind: Ed Baldwin und die künftigen Astronautinnen

Apple-Serie For All Mankind: Ed Baldwin und die künftigen Astronautinnen Bild: Apple

Die Faszination anlässlich der ersten Mondlandung wird in der Serie allerdings ziemlich gut rübergebracht, die ganze Welt schaut zu. Und überhaupt die 1960er, For All Mankind sieht so aus wie Mad Men, nur halt mit NASA. Ob die Serie allerdings den Sog entwickeln kann, den Mad Men entwickelt hat, weil sich die Serie ganz klar auf Don Draper und sein ziemlich spezielles Umfeld im New Yorker Werbebusiness der frühen 1960er Jahre konzentriert hat, bleibt abzuwarten. Es gibt viel Potenzial, es kann aber auch viel schief gehen. Ich bin gespannt, was die Serienmacher im Haus Apple noch daraus machen.

Im Zweifel gegen das Opfer

Als Fan von True-Crime-Serien musste ich mir natürlich Unbelievable ansehen, ebenfalls ein Achtteiler, der seit einigen Wochen auf Netflix zu sehen ist. Und was wir zu sehen bekommen, ist tatsächlich unglaublich, im Sinne von unfassbar. Denn es handelt sich um die Erlebnisse einer jungen Frau, die das Pech hat, von einem abgebrühten Serienvergewaltiger in ihrer eigenen Wohnung überfallen und stundenlang missbraucht zu werden. Und als ob das nicht schon schlimm genug ist, wird sie dann ausgerechnet von den Institutionen der Strafverfolgung, an die sie sich nachvollziehbarerweise wendet, aufgrund ihrer schwierigen Vorgeschichte falsch eingeschätzt und im Stich gelassen: Weil die Detectives kaum brauchbare Hinweise auf einen möglichen Täter finden, wird am Ende das Opfer als Täterin denunziert und wegen angeblicher Falschaussage vor Gericht gestellt. So kann man einen rätselhaften Fall natürlich auch lösen.

Unbelievable: Marie (Kaitlyn Dever) Bild: Netflix.com

Unbelievable: Marie (Kaitlyn Dever) Bild: Netflix.com

Zum Glück, und das ist der andere Teil der Geschichte, gibt es auch weibliche Detectives, die vergleichbare Fälle deutlich einfühlsamer bearbeiten und begleiten, als die Polizeibeamten, an die Marie (Kaithyln Dever) geraten ist. Das Leben hat es mit ihr bisher schon nicht gut gemeint. Sie kommt aus prekären Verhältnissen, wurde als Kind mit Hundefutter abgespeist und von den zweifelhaften Freunden ihrer Mutter missbraucht. Sie lebte in zahlreichen Pflegefamilien und versucht gerade, im Rahmen einer Art betreuten Wohnens in ein selbstverantwortliches Erwachsenenleben zu starten. Die Voraussetzungen sind eigentlich ganz gut, sie hat verständnisvolle Betreuer, Freunde, einen Job. Doch dann wird sie das Opfer eines Vergewaltigers, der seine Opfer geduldig ausspäht und keine verwendbaren Spuren am Tatort hinterlässt. Ihr ganzes Leben, das sie mit so viel Mühe für sich aufgebaut hatte, gerät komplett aus den Fugen.

Die Serie zeigt sehr einfühlsam und unaufgeregt, warum eine Ermittlung bei Vergewaltigung für das Opfer, aber auch die Polizei, so schwierig ist. Wenn eine Frau eine Vergewaltigung anzeigt, muss sie eine schier endlose Prozedur an Untersuchungen und Befragungen über sich ergehen lassen. Das ist einerseits nachvollziehbar, denn es müssen Spuren und Beweise gesichert werden. Andererseits ist es furchtbar, gerade nach einer brutalen Verletzung der Intimsphäre genau diese Intimsphäre noch einmal vor mehreren Menschen, die man überhaupt nicht kennt, ausbreiten zu müssen. Und zwar auch körperlich. Und dann immer wieder in Befragungen durch Ermittler, die nicht unbedingt überzeugt sind, dass das Opfer die Wahrheit sagt.

Es ist ohnehin nicht schön, Gegenstand polizeilicher Ermittlungen und juristischer Prozesse zu sein, denn bei der Aufklärung von Verbrechen, der Suche nach der „Wahrheit“, also dem, was tatsächlich vorgefallen ist, kann das Opfer nicht unbedingt mit Zuneigung rechnen. Es geht eben nicht um Verständnis für das Opfer, sondern darum, einen Täter zu finden und gegebenenfalls zu bestrafen. Es geht um Recht und Ordnung, es geht um die Durchsetzung von Gesetzen. Häufig übernehmen die Opfer auch den impliziten Vorwurf, dass sie an dem Gesetzesverstoß ja beteiligt sind, also irgendwie mit schuld sein müssen, dass es überhaupt ein Verbrechen gegeben hat. Warum sind sie auch allein durch den Park gelaufen, warum haben sie sich so und nicht anders gekleidet, warum haben sie das Fenster nicht richtig zu gemacht?

Unbelievable: Marie (Kaitlyn Dever) wird von den Detectives Parker (Eric Lange) und Pruitt (Bill Fagerbakke) befragt Bild: Netflix.com

Unbelievable: Marie (Kaitlyn Dever) wird von den Detectives Parker (Eric Lange) und Pruitt (Bill Fagerbakke) befragt Bild: Netflix.com

Das, was Marie erlebt, ist noch viel schlimmer, denn gerade aufgrund ihrer bisherigen Geschichte mit Vernachlässigung, Gewalt und Missbrauch im familiären Umfeld, gehen einige ihrer Vertrauenspersonen und leider auch die Ermittler bei der Polizei davon aus, dass sie Lüge und Wahrheit nicht unterscheiden kann. Detective Parker (Eric Lange), ist durchaus kein Unmensch. Er ermittelt ernst- und gewissenhaft in diesem Fall, es ist keineswegs so, dass er Marie nicht glauben will. Aber weil es im Grunde keine verwertbaren Spuren gibt, und auch Judith (Elizabeth Marvel), eine von Maries Pflegemüttern, Zweifel an Maries Geschichte hat (gerade weil sie selbst vergewaltigt wurde, aber ganz anders damit umgegangen ist), lässt er Marie spüren, dass auch andere Versionen denkbar sind. Auch die wechselnden Kollegen an Parkers Seite sind nicht unbedingt hilfreich, sie fragen sich, warum man so viel Zeit und Energie in einen vielleicht ausgedachten Kriminalfall investieren sollte, wo doch so viele andere reale Verbrecher zu verfolgen wären?

Für Marie ist dieser Zweifel fatal: Nicht nur, dass ihr nicht geglaubt wird, sie ist plötzlich die Beklagte wegen einer angeblichen Falschaussage. Aber weil sie inzwischen gelernt hat, dass es nichts bringt, aufzubegehren, findet sie sich damit ab, sie zahlt die Strafe, sie unterschreibt die entsprechende Erklärung, sie will, dass es einfach aufhört. Auch wenn es an ihr nagt, dass sie eher in Ruhe gelassen wird, wenn sie lügt, als wenn sie die Wahrheit sagt. Das nimmt sie mit. Sie versteht die Welt nicht mehr. Sie verliert ihren Job, ihre Freunde, die sie nun als Lügnerin bloßstellen und auch sonst fast jeden Halt. Ich denke, dass ist eine Geschichte, die sich viel zu oft ereignet und für deren Opfer wir an dieser Stelle eine Art Gedenkminute einlegen sollten. Denn aus den Geschichten, die hier einfach enden, würde niemand eine Serie machen. So wichtig es auch wäre, sie zu erzählen.

Unbelievable: Die Detectives Karen Duvall (Merritt Wever) und Grace Rasmussen (Toni Colette) Netflix.com

Unbelievable: Die Detectives Karen Duvall (Merritt Wever) und Grace Rasmussen (Toni Colette) Netflix.com

Aber in dieser Geschichte gibt es ja glücklicherweise die Detectives Karen Duvall (Merritt Wever) und Grace Rasmussen (Toni Colette), die ebenfalls an Vergewaltigungsfällen arbeiten, bei denen sich zufällig herausstellt, dass es auffällige Übereinstimmungen gibt. Denn der Täter blieb in diesen Fällen so lange unerkannt, weil er wusste, wie die Polizei arbeitet. Er wusste, dass sich die jeweiligen regionalen Polizeibehörden in solchen Fällen nicht austauschen, weshalb die Serie seiner Verbrechen so lange unerkannt blieb – bis der Mann von Karen, der ebenfalls Polizist ist, von einem ähnlichen Fall in einer anderen Gegend erzählt, und Karen beginnt, systematisch nach vergleichbaren Fällen zu suchen. Gemeinsam mit Grace findet sie eine ganze Reihe davon. Der Rest ist kleinteilige und ausdauernde Polizeiarbeit.

Im Zuge ihrer Ermittlungen stoßen die beiden auch auf Fotos von bisher unbekannten Opfern. Eins davon ist Marie, weshalb dieses Verbrechen schlussendlich auch aufgeklärt werden kann. So gibt es nach den ganzen schwer auszuhaltenden Fehlern und Ungerechtigkeiten doch noch ein versöhnliches Ende.

 

Dark: Zeit ist nur eine Illusion

Als die erste für Netflix produzierte deutsche Serie Dark Ende 2017 erschien, war ich ziemlich enttäuscht. Ich hatte so etwas wie Who Am I erwartet, jenem Hacker-Film von Baran bo Odar, der eine Art Vorläufer für die Ausnahmeserie Mr. Robot von Sam Esmail war. Oder eine vielschichtige Krimiserie wie The Killing. Aber Dark war etwas ganz anderes. Eine sehr deutsche Serie, die in der zwar fiktiven, aber eben auch sehr deutschen Kleinstadt Winden spielt. Und noch schlimmer: Dark war weder eine Krimi-, noch eine Hackerserie, sondern ein Mysterydrama. Und Mystery ist einfach nicht mein Ding. 

Ich habe mir Dark dann aber trotzdem angesehen, weil es schon gut gemacht ist, es gibt stimmungsvolle Bilder von deutschen Waldlandschaften, ein imposantes Kernkraftwerk und auch mit der sonstigen Ausstattung haben sich die Serienmacher große Mühe geben. Und irgendwie ist es auch eine Familienserie, es geht um das Schicksal von vier Familien, die in Winden leben: Die Dopplers, die Nielsens, die Kahnwalds und die Tiedemanns. Sie alle haben ihre Geheimnisse und pflegen die üblichen Lebenslügen. Die Handlung setzt am 21. Juni 2019 mit dem Selbstmord von Michael Kahnwald (Sebastian Rudolph) ein, der einen Brief hinterlässt, der nicht vor den 4. November um 22:13 geöffnet werden soll. Und es verschwinden Kinder. Im Jahr 2019 ist es Erik Obendorf, der vermisst wird.

Poster Netflix-Serie Dark

Poster Netflix-Serie Dark Bild: Netflix

Charlotte Doppler (Karoline Eichhorn) und Ulrich Nielsen (Oliver Masucci) von der örtlichen Polizeieinheit nehmen die Ermittlungen auf. Ulrich Nielsen ist Mikkels Vater, dem kleinen Bruder von Magnus und Martha, der als nächstes verschwindet. Mikkel war mit einer Gruppe Jugendlicher aus dem Ort unterwegs, die nach dem Drogenversteck gesucht hat, das Erik angeblich angelegt hat. Sie suchen in den Windener Höhlen, die eine zentrale Rolle in der Serie spielen.

Das weit verzweigte Höhlensystem birgt allerlei Geheimnisse und soll sogar bis unter das Gelände des Kernkraftwerks reichen, das für den ansonsten unspektakulären Ort der wichtigste Wirtschaftsfaktor ist. Nun ja, geologisch wirft das durchaus Fragen auf, aber Kernkraftwerke wurden auch in Deutschland nicht unbedingt an den dafür geeignetsten Standorten gebaut, sondern dort, wo der Widerstand in der Bevölkerung nicht unüberwindbar hoch war, insofern geht das schon klar. Das Atomkraftwerk spielt in der Serie durchaus eine Rolle, aber eher als geheimnisvoller Ort, an dem rätselhafte Dinge passieren, es geht in der Serie schließlich nicht um das Protokoll einer Atomkatastrophe, sondern um Zeitreisen.

Bei der Suchaktion der Polizei wird die Leiche eines Jungen gefunden, der am Kopf merkwürdige Verbrennungen hat. Es handelt sich allerdings weder um Erik, noch um Mikkel. Die Nervosität in Winden steigt, die Leute sind verunsichert und bekommen Angst. Mikkel hingegen taucht wieder auf und geht nach Hause, dort wohnen allerdings Menschen, denen er noch nie begegnet ist. Mikkel ist im Jahr 1986 gelandet. Danach springt die Handlung zwischen den Jahren 2019 und 1986 hin und her, wir erleben, wie Mikkel im Jahr 1986 fest hängt, während in Winden ein weiterer Junge verschwindet. Michael Kahnwalds Sohn Jonas (Louis Hofmann) bekommt von einem rätselhaften Fremden ein Paket, in dem neben einer coolen Lampe und einem Geigerzähler auch der verloren geglaubte Abschiedsbrief seines Vaters ist. Jonas erfährt, dass sein Vater Michael der kleine Mikkel Nielsen aus dem Jahr 1986 ist, der von Ines Kahnwald aufgezogen wurde. Anhand einer Karte der Windener Höhlen, die Jonas im Atelier seines Vaters gefunden hat, findet er den Durchgang, der die Zeitreisen ermöglicht.

Es kriselt in sämtlichen betroffenen Familien, die irgendwie mit dem Verschwinden ihrer Kinder und Geschwister klar kommen müssen. Da ist beispielsweise Ulrich Nielsen, dessen jüngerer Bruder Mads im Jahr 1986 verschwunden ist. Als sein Sohn Mikkel verschwindet, scheint sich alles zu wiederholen. Charlotte muss ihn schließlich wegen Befangenheit von dem aktuellen Vermissten-Fall abziehen. Aber Ulrich ermittelt auf eigene Faust weiter. Er findet heraus, dass die Kinderleiche, die gefunden wurde, sein Bruder Mads sein muss.

Aufgrund von Notizen in alten Polizeiakten verdächtigt Ulrich den inzwischen dementen Helge Doppler, etwas mit dem Verschwinden von Mads und Mikkel zu tun zu haben. Ulrich folgt Helge, als der aus dem Heim verschwindet und sich zu den Windener Höhlen aufmacht und findet auf diese Weise heraus, wo der Durchgang für die Zeitreisen ist. Allerdings landet Ulrich im Jahr 1953. Dort trifft er tatsächlich auf den kleinen Helge und versucht, ihn zu erschlagen, um zu verhindern, dass er als Erwachsener Mads und Mikkel ermorden kann, was er nicht getan hat, aber Ulrich ist davon überzeugt. Helge überlebt allerdings, auch wenn er für den erst seines Lebens von den schweren Kopfverletzungen gezeichnet bleibt.

Bevor Ulrich zurück in seine Zeit reisen kann, wird der vom jungen Polizist Egon Tiedemann aufgegriffen und verhaftet. Kurz zuvor wurden die Leichen von Erik Obendorf und Yasin Friese auf der Baustelle des künftigen Atomkraftwerks gefunden. Die Polizei kann sich keinen rechten Reim auf die merkwürdige Kleidung der Kinder machen, aber sie sind tot und der blutbeschmierte Ulrich ist mehr als verdächtig. Ulrich wird als verrückter Kindermörder für den Rest seines Lebens eingesperrt.

Am Ende der ersten Staffel landet Jonas in einer düsteren Zukunft, um das offensichtlich zerstörte Atomkraftwerk wurde eine Sperrzone errichtet. Jonas wird von einer Gruppe zerlumpter, bewaffneter Gestalten gefangen genommen, die junge Anführerin schlägt ihn mit den Worten „Willkommen in der Zukunft“ ohnmächtig.

In der zweiten Staffel wird die Figur von Jonas noch wichtiger, er glaubt, dass er derjenige ist, der alles, was durch die Fehler in der Zeit schief gegangen ist, wieder in Ordnung bringen kann. Er ist allerdings nicht der einzige, der alte Fehler ausbügeln will. So kommen Egon Jahrzehnte später (also 1986) Zweifel, ob er damals richtig gehandelt hat. Seine überaus intelligente Tochter Claudia (Julika Jenkins) ist die inzwischen erste Chefin eines Atomkraftwerks in Deutschland, worauf Egon sehr stolz ist, auch wenn das Verhältnis zu seiner Tochter und seiner Enkelin Regina sonst eher kühl ist. Egon will, bevor er in Rente geht, das Verschwinden von Mads Nielsen aufklären und erinnert sich an den Fall von 1953.

Claudia hingegen verschwindet in gewisser Weise ebenfalls, sie streift als Zeitreisende durch die Epochen. Sie hat sich zur Aufgabe gemacht, die Sic-Mundus-Organisation zu bekämpfen, ein Geheimbund von Zeitreisenden, den es bereits seit 1921 gibt. Claudia lässt auch die Zeitmaschine bauen, sie bringt dem Uhrmacher H. G. Tannhaus im Jahr 1953 die Pläne für eine komplizierte mechanische Maschine, die erst 33 Jahre später fertig sein wird. Die Zeitmaschine wird mit Cäsium-137 betrieben. Cäsium ist das Element, dessen Frequenz für die Atomuhren genutzt wird, mit denen die gültige Weltzeit bestimmt wird. Als Chefin eines Kernkraftwerks kommt sie natürlich an eine solche Substanz, die bei der Kernspaltung entsteht.

Gleich am ersten Tag als Nachfolgerin des bisherigen Chefs des Windener Atomkraftwerks, Bernd Doppler, dem Vater von Helge Doppler, hat sie herausbekommen, dass kurz zuvor ein atomarer Störfall vertuscht wurde. Claudia will damit an die Öffentlichkeit, lässt sich aber vom alten Doppler überzeugen, dass ein Aus für das AKW den wirtschaftlichen Niedergang für die ganze Region bedeuten würde. Als es einen weiteren Zwischenfall gibt, wertet Claudia die Daten aus und entdeckt darin den Nachweis für die Existenz des so genannten Gottesteilchens, des Higgs-Bosons. Leider kann sie diese sensationelle Entdeckung nicht veröffentlichen, ohne die Störfälle bekannt zu machen. Also hält sie ihre Entdeckung geheim, stellt aber weitere Nachforschungen an. Sie will ihre Erkenntnisse ebenfalls dazu nutzen, um die Dinge in Winden wieder in Ordnung zu bringen. Mit ihren älteren Ich nimmt sie in unterschiedlichen Zeiten zu verschiedenen Windenern Kontakt auf, um ihr Wissen mit ihnen zu teilen, damit sie in ihrer jeweiligen Zukunft richtig handeln können. Allerdings muss sie dabei erkennen, dass sie dadurch genau die Ereignisse erst verursacht, die sie eigentlich verhindern wollte.

Es bleibt nicht aus, dass immer mehr Menschen in Winden von der Existenz der Zeitreisen und der Zeitmaschine erfahren. Das macht die Sache aber noch viel komplizierter, weil es immer mehr Interaktionen in den unterschiedlichen Zeitebenen gibt, die wiederum Konsequenzen auf das künftige Leben aller anderen haben können. Wer auf derartige Mindfuck-Geschichten steht, kann mit Dark ziemlich glücklich werden. Ich liebte in den 80ern Zurück in die Zukunft, allerdings war gerade der erste Film der Trilogie sehr viel lustiger als Dark. Das ist auch eins der Probleme dieser Serie, die sich überaus philosophisch und total ernst gemeint gibt und deshalb leider vollkommen humorfrei ist. Ab und zu mal ein Augenzwinker-Moment und dafür weniger schwülstiges Geschwurbel aus dem Off, und Dark wäre eine richtig gute Serie geworden, der man das eine oder andere schwarze Logik-Loch verzeihen kann, weil sie wenigstens gut unterhält. So macht es Dark einem aber schwerer als nötig, den ganzen Handlungssprüngen, Zeitschleifen und Paradoxien zu folgen. Wobei ich auch sagen muss, dass ich die zweite Staffel besser fand als die erste. Vielleicht hatte ich mich jetzt auch einfach darauf eingelassen, dass Dark eben so ist, wie es ist. Vielleicht reißt es die dritte Staffel ja endgültig heraus, nach der dann für immer Schluss sein wird.