Im Zweifel gegen das Opfer

Als Fan von True-Crime-Serien musste ich mir natürlich Unbelievable ansehen, ebenfalls ein Achtteiler, der seit einigen Wochen auf Netflix zu sehen ist. Und was wir zu sehen bekommen, ist tatsächlich unglaublich, im Sinne von unfassbar. Denn es handelt sich um die Erlebnisse einer jungen Frau, die das Pech hat, von einem abgebrühten Serienvergewaltiger in ihrer eigenen Wohnung überfallen und stundenlang missbraucht zu werden. Und als ob das nicht schon schlimm genug ist, wird sie dann ausgerechnet von den Institutionen der Strafverfolgung, an die sie sich nachvollziehbarerweise wendet, aufgrund ihrer schwierigen Vorgeschichte falsch eingeschätzt und im Stich gelassen: Weil die Detectives kaum brauchbare Hinweise auf einen möglichen Täter finden, wird am Ende das Opfer als Täterin denunziert und wegen angeblicher Falschaussage vor Gericht gestellt. So kann man einen rätselhaften Fall natürlich auch lösen.

Unbelievable: Marie (Kaitlyn Dever) Bild: Netflix.com

Unbelievable: Marie (Kaitlyn Dever) Bild: Netflix.com

Zum Glück, und das ist der andere Teil der Geschichte, gibt es auch weibliche Detectives, die vergleichbare Fälle deutlich einfühlsamer bearbeiten und begleiten, als die Polizeibeamten, an die Marie (Kaithyln Dever) geraten ist. Das Leben hat es mit ihr bisher schon nicht gut gemeint. Sie kommt aus prekären Verhältnissen, wurde als Kind mit Hundefutter abgespeist und von den zweifelhaften Freunden ihrer Mutter missbraucht. Sie lebte in zahlreichen Pflegefamilien und versucht gerade, im Rahmen einer Art betreuten Wohnens in ein selbstverantwortliches Erwachsenenleben zu starten. Die Voraussetzungen sind eigentlich ganz gut, sie hat verständnisvolle Betreuer, Freunde, einen Job. Doch dann wird sie das Opfer eines Vergewaltigers, der seine Opfer geduldig ausspäht und keine verwendbaren Spuren am Tatort hinterlässt. Ihr ganzes Leben, das sie mit so viel Mühe für sich aufgebaut hatte, gerät komplett aus den Fugen.

Die Serie zeigt sehr einfühlsam und unaufgeregt, warum eine Ermittlung bei Vergewaltigung für das Opfer, aber auch die Polizei, so schwierig ist. Wenn eine Frau eine Vergewaltigung anzeigt, muss sie eine schier endlose Prozedur an Untersuchungen und Befragungen über sich ergehen lassen. Das ist einerseits nachvollziehbar, denn es müssen Spuren und Beweise gesichert werden. Andererseits ist es furchtbar, gerade nach einer brutalen Verletzung der Intimsphäre genau diese Intimsphäre noch einmal vor mehreren Menschen, die man überhaupt nicht kennt, ausbreiten zu müssen. Und zwar auch körperlich. Und dann immer wieder in Befragungen durch Ermittler, die nicht unbedingt überzeugt sind, dass das Opfer die Wahrheit sagt.

Es ist ohnehin nicht schön, Gegenstand polizeilicher Ermittlungen und juristischer Prozesse zu sein, denn bei der Aufklärung von Verbrechen, der Suche nach der „Wahrheit“, also dem, was tatsächlich vorgefallen ist, kann das Opfer nicht unbedingt mit Zuneigung rechnen. Es geht eben nicht um Verständnis für das Opfer, sondern darum, einen Täter zu finden und gegebenenfalls zu bestrafen. Es geht um Recht und Ordnung, es geht um die Durchsetzung von Gesetzen. Häufig übernehmen die Opfer auch den impliziten Vorwurf, dass sie an dem Gesetzesverstoß ja beteiligt sind, also irgendwie mit schuld sein müssen, dass es überhaupt ein Verbrechen gegeben hat. Warum sind sie auch allein durch den Park gelaufen, warum haben sie sich so und nicht anders gekleidet, warum haben sie das Fenster nicht richtig zu gemacht?

Unbelievable: Marie (Kaitlyn Dever) wird von den Detectives Parker (Eric Lange) und Pruitt (Bill Fagerbakke) befragt Bild: Netflix.com

Unbelievable: Marie (Kaitlyn Dever) wird von den Detectives Parker (Eric Lange) und Pruitt (Bill Fagerbakke) befragt Bild: Netflix.com

Das, was Marie erlebt, ist noch viel schlimmer, denn gerade aufgrund ihrer bisherigen Geschichte mit Vernachlässigung, Gewalt und Missbrauch im familiären Umfeld, gehen einige ihrer Vertrauenspersonen und leider auch die Ermittler bei der Polizei davon aus, dass sie Lüge und Wahrheit nicht unterscheiden kann. Detective Parker (Eric Lange), ist durchaus kein Unmensch. Er ermittelt ernst- und gewissenhaft in diesem Fall, es ist keineswegs so, dass er Marie nicht glauben will. Aber weil es im Grunde keine verwertbaren Spuren gibt, und auch Judith (Elizabeth Marvel), eine von Maries Pflegemüttern, Zweifel an Maries Geschichte hat (gerade weil sie selbst vergewaltigt wurde, aber ganz anders damit umgegangen ist), lässt er Marie spüren, dass auch andere Versionen denkbar sind. Auch die wechselnden Kollegen an Parkers Seite sind nicht unbedingt hilfreich, sie fragen sich, warum man so viel Zeit und Energie in einen vielleicht ausgedachten Kriminalfall investieren sollte, wo doch so viele andere reale Verbrecher zu verfolgen wären?

Für Marie ist dieser Zweifel fatal: Nicht nur, dass ihr nicht geglaubt wird, sie ist plötzlich die Beklagte wegen einer angeblichen Falschaussage. Aber weil sie inzwischen gelernt hat, dass es nichts bringt, aufzubegehren, findet sie sich damit ab, sie zahlt die Strafe, sie unterschreibt die entsprechende Erklärung, sie will, dass es einfach aufhört. Auch wenn es an ihr nagt, dass sie eher in Ruhe gelassen wird, wenn sie lügt, als wenn sie die Wahrheit sagt. Das nimmt sie mit. Sie versteht die Welt nicht mehr. Sie verliert ihren Job, ihre Freunde, die sie nun als Lügnerin bloßstellen und auch sonst fast jeden Halt. Ich denke, dass ist eine Geschichte, die sich viel zu oft ereignet und für deren Opfer wir an dieser Stelle eine Art Gedenkminute einlegen sollten. Denn aus den Geschichten, die hier einfach enden, würde niemand eine Serie machen. So wichtig es auch wäre, sie zu erzählen.

Unbelievable: Die Detectives Karen Duvall (Merritt Wever) und Grace Rasmussen (Toni Colette) Netflix.com

Unbelievable: Die Detectives Karen Duvall (Merritt Wever) und Grace Rasmussen (Toni Colette) Netflix.com

Aber in dieser Geschichte gibt es ja glücklicherweise die Detectives Karen Duvall (Merritt Wever) und Grace Rasmussen (Toni Colette), die ebenfalls an Vergewaltigungsfällen arbeiten, bei denen sich zufällig herausstellt, dass es auffällige Übereinstimmungen gibt. Denn der Täter blieb in diesen Fällen so lange unerkannt, weil er wusste, wie die Polizei arbeitet. Er wusste, dass sich die jeweiligen regionalen Polizeibehörden in solchen Fällen nicht austauschen, weshalb die Serie seiner Verbrechen so lange unerkannt blieb – bis der Mann von Karen, der ebenfalls Polizist ist, von einem ähnlichen Fall in einer anderen Gegend erzählt, und Karen beginnt, systematisch nach vergleichbaren Fällen zu suchen. Gemeinsam mit Grace findet sie eine ganze Reihe davon. Der Rest ist kleinteilige und ausdauernde Polizeiarbeit.

Im Zuge ihrer Ermittlungen stoßen die beiden auch auf Fotos von bisher unbekannten Opfern. Eins davon ist Marie, weshalb dieses Verbrechen schlussendlich auch aufgeklärt werden kann. So gibt es nach den ganzen schwer auszuhaltenden Fehlern und Ungerechtigkeiten doch noch ein versöhnliches Ende.

 

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Dark: Zeit ist nur eine Illusion

Als die erste für Netflix produzierte deutsche Serie Dark Ende 2017 erschien, war ich ziemlich enttäuscht. Ich hatte so etwas wie Who Am I erwartet, jenem Hacker-Film von Baran bo Odar, der eine Art Vorläufer für die Ausnahmeserie Mr. Robot von Sam Esmail war. Oder eine vielschichtige Krimiserie wie The Killing. Aber Dark war etwas ganz anderes. Eine sehr deutsche Serie, die in der zwar fiktiven, aber eben auch sehr deutschen Kleinstadt Winden spielt. Und noch schlimmer: Dark war weder eine Krimi-, noch eine Hackerserie, sondern ein Mysterydrama. Und Mystery ist einfach nicht mein Ding. 

Ich habe mir Dark dann aber trotzdem angesehen, weil es schon gut gemacht ist, es gibt stimmungsvolle Bilder von deutschen Waldlandschaften, ein imposantes Kernkraftwerk und auch mit der sonstigen Ausstattung haben sich die Serienmacher große Mühe geben. Und irgendwie ist es auch eine Familienserie, es geht um das Schicksal von vier Familien, die in Winden leben: Die Dopplers, die Nielsens, die Kahnwalds und die Tiedemanns. Sie alle haben ihre Geheimnisse und pflegen die üblichen Lebenslügen. Die Handlung setzt am 21. Juni 2019 mit dem Selbstmord von Michael Kahnwald (Sebastian Rudolph) ein, der einen Brief hinterlässt, der nicht vor den 4. November um 22:13 geöffnet werden soll. Und es verschwinden Kinder. Im Jahr 2019 ist es Erik Obendorf, der vermisst wird.

Poster Netflix-Serie Dark

Poster Netflix-Serie Dark Bild: Netflix

Charlotte Doppler (Karoline Eichhorn) und Ulrich Nielsen (Oliver Masucci) von der örtlichen Polizeieinheit nehmen die Ermittlungen auf. Ulrich Nielsen ist Mikkels Vater, dem kleinen Bruder von Magnus und Martha, der als nächstes verschwindet. Mikkel war mit einer Gruppe Jugendlicher aus dem Ort unterwegs, die nach dem Drogenversteck gesucht hat, das Erik angeblich angelegt hat. Sie suchen in den Windener Höhlen, die eine zentrale Rolle in der Serie spielen.

Das weit verzweigte Höhlensystem birgt allerlei Geheimnisse und soll sogar bis unter das Gelände des Kernkraftwerks reichen, das für den ansonsten unspektakulären Ort der wichtigste Wirtschaftsfaktor ist. Nun ja, geologisch wirft das durchaus Fragen auf, aber Kernkraftwerke wurden auch in Deutschland nicht unbedingt an den dafür geeignetsten Standorten gebaut, sondern dort, wo der Widerstand in der Bevölkerung nicht unüberwindbar hoch war, insofern geht das schon klar. Das Atomkraftwerk spielt in der Serie durchaus eine Rolle, aber eher als geheimnisvoller Ort, an dem rätselhafte Dinge passieren, es geht in der Serie schließlich nicht um das Protokoll einer Atomkatastrophe, sondern um Zeitreisen.

Bei der Suchaktion der Polizei wird die Leiche eines Jungen gefunden, der am Kopf merkwürdige Verbrennungen hat. Es handelt sich allerdings weder um Erik, noch um Mikkel. Die Nervosität in Winden steigt, die Leute sind verunsichert und bekommen Angst. Mikkel hingegen taucht wieder auf und geht nach Hause, dort wohnen allerdings Menschen, denen er noch nie begegnet ist. Mikkel ist im Jahr 1986 gelandet. Danach springt die Handlung zwischen den Jahren 2019 und 1986 hin und her, wir erleben, wie Mikkel im Jahr 1986 fest hängt, während in Winden ein weiterer Junge verschwindet. Michael Kahnwalds Sohn Jonas (Louis Hofmann) bekommt von einem rätselhaften Fremden ein Paket, in dem neben einer coolen Lampe und einem Geigerzähler auch der verloren geglaubte Abschiedsbrief seines Vaters ist. Jonas erfährt, dass sein Vater Michael der kleine Mikkel Nielsen aus dem Jahr 1986 ist, der von Ines Kahnwald aufgezogen wurde. Anhand einer Karte der Windener Höhlen, die Jonas im Atelier seines Vaters gefunden hat, findet er den Durchgang, der die Zeitreisen ermöglicht.

Es kriselt in sämtlichen betroffenen Familien, die irgendwie mit dem Verschwinden ihrer Kinder und Geschwister klar kommen müssen. Da ist beispielsweise Ulrich Nielsen, dessen jüngerer Bruder Mads im Jahr 1986 verschwunden ist. Als sein Sohn Mikkel verschwindet, scheint sich alles zu wiederholen. Charlotte muss ihn schließlich wegen Befangenheit von dem aktuellen Vermissten-Fall abziehen. Aber Ulrich ermittelt auf eigene Faust weiter. Er findet heraus, dass die Kinderleiche, die gefunden wurde, sein Bruder Mads sein muss.

Aufgrund von Notizen in alten Polizeiakten verdächtigt Ulrich den inzwischen dementen Helge Doppler, etwas mit dem Verschwinden von Mads und Mikkel zu tun zu haben. Ulrich folgt Helge, als der aus dem Heim verschwindet und sich zu den Windener Höhlen aufmacht und findet auf diese Weise heraus, wo der Durchgang für die Zeitreisen ist. Allerdings landet Ulrich im Jahr 1953. Dort trifft er tatsächlich auf den kleinen Helge und versucht, ihn zu erschlagen, um zu verhindern, dass er als Erwachsener Mads und Mikkel ermorden kann, was er nicht getan hat, aber Ulrich ist davon überzeugt. Helge überlebt allerdings, auch wenn er für den erst seines Lebens von den schweren Kopfverletzungen gezeichnet bleibt.

Bevor Ulrich zurück in seine Zeit reisen kann, wird der vom jungen Polizist Egon Tiedemann aufgegriffen und verhaftet. Kurz zuvor wurden die Leichen von Erik Obendorf und Yasin Friese auf der Baustelle des künftigen Atomkraftwerks gefunden. Die Polizei kann sich keinen rechten Reim auf die merkwürdige Kleidung der Kinder machen, aber sie sind tot und der blutbeschmierte Ulrich ist mehr als verdächtig. Ulrich wird als verrückter Kindermörder für den Rest seines Lebens eingesperrt.

Am Ende der ersten Staffel landet Jonas in einer düsteren Zukunft, um das offensichtlich zerstörte Atomkraftwerk wurde eine Sperrzone errichtet. Jonas wird von einer Gruppe zerlumpter, bewaffneter Gestalten gefangen genommen, die junge Anführerin schlägt ihn mit den Worten „Willkommen in der Zukunft“ ohnmächtig.

In der zweiten Staffel wird die Figur von Jonas noch wichtiger, er glaubt, dass er derjenige ist, der alles, was durch die Fehler in der Zeit schief gegangen ist, wieder in Ordnung bringen kann. Er ist allerdings nicht der einzige, der alte Fehler ausbügeln will. So kommen Egon Jahrzehnte später (also 1986) Zweifel, ob er damals richtig gehandelt hat. Seine überaus intelligente Tochter Claudia (Julika Jenkins) ist die inzwischen erste Chefin eines Atomkraftwerks in Deutschland, worauf Egon sehr stolz ist, auch wenn das Verhältnis zu seiner Tochter und seiner Enkelin Regina sonst eher kühl ist. Egon will, bevor er in Rente geht, das Verschwinden von Mads Nielsen aufklären und erinnert sich an den Fall von 1953.

Claudia hingegen verschwindet in gewisser Weise ebenfalls, sie streift als Zeitreisende durch die Epochen. Sie hat sich zur Aufgabe gemacht, die Sic-Mundus-Organisation zu bekämpfen, ein Geheimbund von Zeitreisenden, den es bereits seit 1921 gibt. Claudia lässt auch die Zeitmaschine bauen, sie bringt dem Uhrmacher H. G. Tannhaus im Jahr 1953 die Pläne für eine komplizierte mechanische Maschine, die erst 33 Jahre später fertig sein wird. Die Zeitmaschine wird mit Cäsium-137 betrieben. Cäsium ist das Element, dessen Frequenz für die Atomuhren genutzt wird, mit denen die gültige Weltzeit bestimmt wird. Als Chefin eines Kernkraftwerks kommt sie natürlich an eine solche Substanz, die bei der Kernspaltung entsteht.

Gleich am ersten Tag als Nachfolgerin des bisherigen Chefs des Windener Atomkraftwerks, Bernd Doppler, dem Vater von Helge Doppler, hat sie herausbekommen, dass kurz zuvor ein atomarer Störfall vertuscht wurde. Claudia will damit an die Öffentlichkeit, lässt sich aber vom alten Doppler überzeugen, dass ein Aus für das AKW den wirtschaftlichen Niedergang für die ganze Region bedeuten würde. Als es einen weiteren Zwischenfall gibt, wertet Claudia die Daten aus und entdeckt darin den Nachweis für die Existenz des so genannten Gottesteilchens, des Higgs-Bosons. Leider kann sie diese sensationelle Entdeckung nicht veröffentlichen, ohne die Störfälle bekannt zu machen. Also hält sie ihre Entdeckung geheim, stellt aber weitere Nachforschungen an. Sie will ihre Erkenntnisse ebenfalls dazu nutzen, um die Dinge in Winden wieder in Ordnung zu bringen. Mit ihren älteren Ich nimmt sie in unterschiedlichen Zeiten zu verschiedenen Windenern Kontakt auf, um ihr Wissen mit ihnen zu teilen, damit sie in ihrer jeweiligen Zukunft richtig handeln können. Allerdings muss sie dabei erkennen, dass sie dadurch genau die Ereignisse erst verursacht, die sie eigentlich verhindern wollte.

Es bleibt nicht aus, dass immer mehr Menschen in Winden von der Existenz der Zeitreisen und der Zeitmaschine erfahren. Das macht die Sache aber noch viel komplizierter, weil es immer mehr Interaktionen in den unterschiedlichen Zeitebenen gibt, die wiederum Konsequenzen auf das künftige Leben aller anderen haben können. Wer auf derartige Mindfuck-Geschichten steht, kann mit Dark ziemlich glücklich werden. Ich liebte in den 80ern Zurück in die Zukunft, allerdings war gerade der erste Film der Trilogie sehr viel lustiger als Dark. Das ist auch eins der Probleme dieser Serie, die sich überaus philosophisch und total ernst gemeint gibt und deshalb leider vollkommen humorfrei ist. Ab und zu mal ein Augenzwinker-Moment und dafür weniger schwülstiges Geschwurbel aus dem Off, und Dark wäre eine richtig gute Serie geworden, der man das eine oder andere schwarze Logik-Loch verzeihen kann, weil sie wenigstens gut unterhält. So macht es Dark einem aber schwerer als nötig, den ganzen Handlungssprüngen, Zeitschleifen und Paradoxien zu folgen. Wobei ich auch sagen muss, dass ich die zweite Staffel besser fand als die erste. Vielleicht hatte ich mich jetzt auch einfach darauf eingelassen, dass Dark eben so ist, wie es ist. Vielleicht reißt es die dritte Staffel ja endgültig heraus, nach der dann für immer Schluss sein wird.

Was man besser nicht googeln sollte

Netflix hat eine weitere deutsche Serie produziert, und dieses Mal ist es tatsächlich gut gegangen – bekanntlich sind alle guten Dinge drei: Nach der ambitionierten, aber irgendwie dann doch enttäuschenden Mysterieserie Dark und dem gründlich misslungenen Versuch, mit Dogs of Berlin eine coole Verbrecherserie im Gang-Milieu von Berlin abzuliefern, die tatsächlich einfach nur eine manchmal alberne, oft aber ärgerliche Aneinanderreihung dämlicher Klischees war, ist How to Sell Drugs Online (Fast) eine erstaunlich unterhaltsame Teenager-Serie, an der auch Erwachsene Spaß haben können.

Die Serienidee beruht auf der wahren Geschichte eines Schülers, der unter dem Alias Shiny Flakes aus seinem Kinderzimmer heraus einen illegalen Drogenhandel im Darknet betrieb, der mehrere Millionen Euro Umsatz machte. Die Serienmacher haben die Handlung von Leipzig in die fiktive Kleinstadt Rinseln im Umland von Köln verlegt, deren beeindruckende Trostlosigkeit es locker mit Niederkaltenkirchen aufnehmen kann, der hässlichsten (ebenfalls fiktiven) Stadt in Niederbayern, bekannt aus den Eberhofer-Krimis. Für die Serie verantwortlich zeichnet übrigens die bildundtonfabrik aus Köln-Ehrenfeld, die unter anderem auch das Neo Magazin Royale produziert. How to Sell Drugs Online (Fast) ist die erste fiktionale Serie der Ehrenfelder.

How To Sell Drugs Online (Fast): Serienposter Bild: Netflix

How To Sell Drugs Online (Fast): Serienposter Bild: Netflix

Es geht um den siebzehnjährigen Moritz (Maximilian Mundt), der sehnsüchtig darauf wartet, dass seine Freundin Lisa (Lena Klenke) wieder nach Hause kommt. Sie war für ein Austauschjahr in den USA und es kommt, wie es kommen muss, sie interessiert sich nun für andere Dinge und Menschen. Sie macht zwar nicht gleich komplett mit Moritz Schluss, aber will erstmal auf die Pausetaste drücken. Wie man das heute so nennt, wenn man eigentlich nicht mehr will, aber keine Lust auf den Stress einer richtigen Trennung hat.

Natürlich kapiert Moritz das und leidet fortan unter unerträglichem Liebeskummer, sein Lebenssinn ist nun dahin und darunter wiederum leiden in der Folge andere. Lenny (Danilo Kamperidis) zum Beispiel, der beste (und offenbar einzige) Freund von Moritz, der aufgrund einer schweren Erkrankung im Rollstuhl sitzt. Er teilt Moritz Begeisterung für Computerspiele und alles, was sonst mit Computern zu tun hat. Die beiden Nerds planen, ein Start-Up für virtuelle Computerspielausrüstung aufzuziehen, die man für echtes Geld kaufen kann. Doch der Pitch für MyTems geht gründlich schief, weil Moritz nicht bei der Sache ist.

Dafür entwickelt er eine andere Idee: Als er mitbekommt, dass der gut aussehende Dan (Damian Hardung) epische Parties im Haus seiner Eltern schmeißt, auf denen es Ecstasy-Pillen gibt, beschließt er, selbst ins Dealergewerbe einzusteigen, damit er endlich auch cool ist und Einladungen zu den wichtigen Events bekommt, mit denen er Lisa beeindrucken kann, die er um so ziemlich jeden Preis zurück gewinnen will.

Dabei verstrickt er sich in allerlei Schwierigkeiten, natürlich klappt alles nicht so wie geplant, vor allem ist mit Buba (Bjarne Mädel) nicht zu spaßen, dem brutalen Teilzeit-Dealer, der hauptamtlich einen Pferdehof betreibt. Doch Nerd Moritz, ein bekennender Steve-Jobs-Fan, denkt inzwischen in größeren Kategorien und  knüpft internationale Kontakte mit Drogenherstellern. Und er benutzt die hauptsächlich von Lenny entwickelte Verkaufsplattform für Gaming-Zubehör als Onlineshop für seine illegalen Geschäfte. Businessmäßig ist er auf dem Erfolgstrip, zwischenmenschlich entpuppt er sich immer wieder als selbstbezogenes Arschloch, das andere ausnutzt, um dann aber doch im richtigen Moment wieder sein Gewissen und sein Herz zu entdecken. Wie sonst ist denn ein Typ gestrickt, der seiner Angebeteten eine Gehirnzelle als Kuschelltier schenkt?!

How To Sell Drugs Online (Fast): Buba (Bjarne Mädel), Lenny (Danilo Kamperidis) und Moritz (Maximilian Mundt) Bild: Netflix

How To Sell Drugs Online (Fast): Buba (Bjarne Mädel), Lenny (Danilo Kamperidis) und Moritz (Maximilian Mundt) Bild: Netflix

Die Serie mag inhaltlich vielleicht nicht super originell sein, aber sie ist flott und verspielt gemacht. Es gibt eine Menge eingeblendeter Chats inklusive albernster Emojis, aber so kommunizieren die jungen Menschen heutzutage nun einmal. Und nebenbei gibt Moritz immer wieder Tipps, was man besser nicht online stellen sollte. How to Sell Drugs Online (Fast) spielt mit dem Selbstinszenierungszwang der Generation Social Media, dem leider nicht nur bei BWLern äußerst beliebten Bullshit-Bingo aus Motivations- und Coaching-Seminaren und der abgefuckten Business-Denke aktueller und bereits verblichener Silicon-Valley-Ikonen.

Zusätzlich gibt es unzählige Zitate und Querverweise aus anderen Filmen und Serien und eine ganze Reihe illustrer  Gastauftritte, etwa Ulrike Folkerts als Mutter von Lenny, Olli Schulz als Onkel einer Freundin oder Florentin Will als Polizist. Selbst die 90er-Ikone Jonathan Frakes ist dabei, der im besten X-Factor-Stil auftritt – alles in allem ein Riesenspaß, der leider schon allzu bald vorbei ist, denn HTSDO(F) besteht nur aus sechs halbstündigen Teilen.

Aber klar, besser eine gute Serie, die schnell weg gebinged ist, als ein zäher Brocken mit gefühlt unendlicher Laufzeit. Liebes Netflix, bitte mehr davon! Da sind doch noch ein paar weitere Staffeln drin! Und liebes deutsches Fernsehen, schau dir das mal an: So geht Serie Made in Germany. Man kann sich an die Sehgewohnheiten junger Menschen auch heranwanzen, ohne die intellektuellen Bedürfnisse der etwas älteren und nicht völlig ungebildeten Zuschauer komplett zu vernachlässigen. Ich meine jetzt die, die nicht der Hauptzielgruppe des ZDF entsprechen. Wobei, die ARD hat auch ihre Schwächen und ZDFneo ist manchmal sogar ganz hipp. Aber Netflix ist hipper. Leider. Denn den bekloppten Rundfunkbetrag muss ich ja trotzdem zahlen. Netflix zahl ich freiwillig.

Chernobyl: Total verstrahlt

Rechtzeitig nach dem GOT-Debakel hat der US-Sender HBO einen neuen Serien-Hit landen können: Die fünfteilige Mini-Serie Chernobyl. Wie der Name vermuten lässt, geht es um den atomaren Super-GAU im gleichnamigen Kernkraftwerk nahe der ukrainischen Stadt Prypjad. Am 26. April 1986 explodierte der Reaktor von Block 4 und löste damit die erste verheerende atomare Katastrophe ziviler Atomkraftnutzung in der Geschichte aus. An deren Folgen sind bereits zahlreiche Menschen gestorben sind und noch viel mehr Menschen werden noch an den Spätfolgen der radioaktiven Belastung sterben.

Chernobyl Bild: hbo.com

Chernobyl Bild: hbo.com

Es liegt auf der Hand, dass eine solche Serie weder unterhaltsam ist, noch schöne Bilder bietet. Es handelt sich um fünf Stunden Horror, der umso gruseliger ist, weil man ja weiß, dass das alles wirklich statt gefunden hat. Wie man es von einer HBO-Serie erwarten kann, hat der Sender keine Kosten und Mühen gescheut, die schrecklichen Ereignisse möglichst realistisch darzustellen, wobei ich mit „realistisch“ ausdrücklich nicht sagen will, dass sich alles genau so abgespielt hat.

Natürlich hat der Serienschreiber Craig Mazin, der bisher durch eher alberne Filme wie Scary Movie 3 und 4 oder Hangover 2 und 3 aufgefallen ist, die Story gestrafft und einige Hauptpersonen erfunden, mit denen die sonst sehr komplexen Ereignisse einfacher erklärt werden können. Aber viele der Ereignisse, die gezeigt werden, müssen sich nach dem, was über die Katastrophe bekannt ist, tatsächlich so oder so ähnlich abgespielt haben. Aber ich gehe davon aus, dass einiges aus dramaturgischen Gründen erfunden oder abgewandelt wurde – warum auch nicht, es handelt sich ja nicht um eine Dokumentation.

Chernobyl Bild: hbo.com

Chernobyl Bild: hbo.com

Die beiden Protagonisten Waleri Legassow (Jared Harris) und Boris Schtscherbina (Stellan Skarsgård) gab es wirklich, genau wie eine ganze Reihe weiterer Personen des Zeitgeschehens. Der überhaupt nicht fiktive Selbstmord des hochrangigen Wissenschaftlers Legassow, der die Untersuchungskommission zur Aufklärung der Ursachen des GAU leitete, verstörte die Fachwelt und weist darauf hin, dass er damit untermauern wollte, dass alles noch viel schlimmer gewesen ist, als offiziell bekannt wurde. In der Serie hat Legassow die undankbare Rolle der Kassandra, die sich immer wieder mit extrem schlechten Nachrichten unbeliebt macht, aber nun einmal gefürchtete Wahrheiten ausspricht und allmählich unter der übergroßen Verantwortung zusammenbricht.

Man kann sich darüber streiten, ob alles, was Legassow sagt, realistisch ist, vielleicht übertreibt er ein wenig, um den Mächtigen im ZK klar zumachen, dass es sich eben nicht um irgendein dummes Unglück handelt, das man vertuschen oder schön reden kann, um nicht an der propagierten  Überlegenheit der sowjetischen Technik und des sowjetischen Systems zu kratzen, sondern um eins, das einen ganzen Landstrich und darüber hinaus sogar einen erheblichen Teil der Welt nachhaltig zerstören kann, wenn keine geeigneten Maßnahmen zur Eindämmung ergriffen werden. Und, immerhin, das wird auch gezeigt, nachdem Generalsekretär Michail Gorbatschow endlich begriffen hat, wie schlimm das alles wirklich ist, spielen Kosten keine Rolle mehr, Schtscherbina, der die entsprechende Regierungskommission leitet, bekommt, was immer er fordert.

Chernobyl - Walerie Legassow (Jared Harris) Bild: hbo.com

Chernobyl – Walerie Legassow (Jared Harris) Bild: hbo.com

Die Rolle Schtscherbinas ist allerdings weniger eindeutig, einerseits war er ein Apparatschik, der erst auf der Seite der Vertuschen und Abwiegler stand. Er hat sich dann aber von Legassow überzeugen lassen, dass die Lage wirklich katastrophal war. In der Serie geschieht das, als ein Hubschrauber, der zu dicht an die aus dem explodierten Reaktor quellende Rauch- und Strahlungswolke herabgeflogen ist, in Teilen von Himmel fällt. Das mag vielleicht auch ein wenig übertrieben sein, Tatsache ist aber, dass die Strahlung in der unmittelbaren Nähe des explodierten Reaktors so hoch war, dass ferngesteuerte Roboter und Kettenfahrzeuge, die auf dem Dach eingesetzt werden sollten, um die hochradioaktiven Graphitbrocken aus dem Reaktorkern zu entfernen, ihren Dienst nach kurzer Zeit aufgaben. Die Technik kam mit der Strahlung noch weniger klar, als die Bioroboter, die nach dem Versagen der Maschinen eingesetzt wurden.

Nach diesem Erlebnis jedenfalls glänzte Schtscherbina tatsächlich mit logistischen Hochleistungen, etwa die komplette Evakuierung von Prypjat, die zwar viel zu spät kam, dann aber in sehr kurzer Zeit vollzogen wurde oder die Beschaffung von Material und Leuten für die Löschung des Reaktorbrandes und zur Eindämmung von weiteren, noch fataleren Folgen des Reaktorunglücks.

Chernobyl - der brennende Reaktor Bild: hbo.com

Chernobyl – der brennende Reaktor Bild: hbo.com

Die weißrussische Atomphysikerin Ulana Khomyuk (Emily Watson) hingegen ist komplett erfunden, allerdings ist es eben viel einfacher, wenn sie herausfindet, was zu dem Unglück geführt hatte, als eine tatsächlich eingesetzte vielköpfige Untersuchungskommission. Es handelt sich ja eben nicht um eine Doku-, sondern um eine Dramaserie. Insofern finde ich eine solche Vereinfachung akzeptabel, zumal das Drama, das sich abgespielt hat, in ebenso drastischen wie beklemmenden Bildern gezeigt wird.

Wobei es einem US-Sender wie HBO sicherlich leichter fällt, eine Katastrophe kritisch aufzubereiten, die sich beim ehemaligen Klassenfeind und Weltmachtkonkurrenten UdSSR ereignet hat. Natürlich wird UdSSR-Bashing betrieben, einmal mehr wird zelebriert, dass in der nicht kapitalistisch organisierten UdSSR alles heruntergekommen, grau und vom KGB überwacht war. Der Alltag in der Sowjetunion in den 80ern wird ungefähr so dargestellt, wie es in den 50er und 60er-Jahre-Serien der USA ausgesehen hat. Nur eben noch armseliger, was die Ausstattung von Wohnungen und so weiter angeht. Das nervt mich schon, der Zustand der Gebäude wird kurz nach dem Umglück und der Evakuierung schon so dargestellt, wie er erst Jahrzehnte später war. Aber egal, wir kapieren ja, dass es auch darum geht, abzubilden, dass die Todeszone um den Unglücksort herum noch immer unbewohnbar ist.

Chernobyl - Ulana Khomyuk (Emily Watson) Bild: hbo.com

Chernobyl – Ulana Khomyuk (Emily Watson) Bild: hbo.com

Das Unglück an sich und das, was in den ersten Stunden und Tagen danach geschehen oder eben nicht geschehen ist, dermaßen haarsträubend, dass ich es gut finde, dass genau diese Fehleinschätzungen und Versäumnisse überhaupt thematisiert und für ein mehr oder auch weniger interessiertes Publikum aufbereitet werden. Es geht auch darum, zu zeigen, was passieren kann, wenn man sich zu sicher ist, dass eigentlich nichts passieren kann: Die Reaktor-Mannschaft in Tschernobyl war ja tatsächlich dermaßen von der Sicherheit ihrer Technik überzeugt, dass sie den GAU aus einer fatalen Mischung aus Fahrlässigkeit (Missachtung grundlegender Sicherheitsregeln) und Fehleinschätzung der tatsächlichen Situation (Konstruktionsfehler des Reaktortyps) selbst herbeigeführt hat. Ein RBMK-Reaktor kann nicht explodieren, das wollten die Verantwortlichen auch noch glauben, als er schon explodiert war. Was nicht sein darf, kann auch nicht sein. Dieser Irrglaube fordert immer wieder zahlreiche Opfer. (Es gibt keinen Klimawandel. Es gibt keine Luftverschmutzung. Es gibt kein Waldsterben. Es gibt kein Mikroplastik überall dort, wo es nicht hingehört. Es gibt kein…)

Da kann man natürlich mit dem Finger auf die Sowjetunion zeigen und sich freuen, dass westliche Technik ja so viel besser ist. Aber der Super-GAU in Fukushima zeigt, dass auch das technologische Musterland Japan nicht besser ist. Und auch in den USA kam es schon zu einer Reihe von Atomreaktor-Unfällen, der bekannteste dürfte Three Mile Island gewesen sein. Und natürlich wurde die Öffentlichkeit immer belogen und es wurde und wird immer verharmlost. Keine Regierung und kein Konzern liebt schlechte Nachrichten. Blöd nur, dass sich Radioaktivität (wie so vieles andere, was die Umwelt vergiftet) sich nicht an nationale Grenzen hält. Der Unfall von Tschernobyl wurde der Weltöffentlichkeit bekannt, als ein Atomkraftwerk in Schweden zwei Tage später Alarm auslöste, weil erhöhte Strahlung gemessen wurde.

Chernobyl - die Katastrophe aus der Sicht der Feuerwehr  Bild: hbo.com

Chernobyl – die Katastrophe aus der Sicht der Feuerwehr Bild: hbo.com

Mag sein, dass der GAU von Tschernobyl der entscheidende Nagel im Sarg des sozialistischen Blocks war. Aber wenn – aus welchen Gründen auch immer – ein vergleichbarer Unfall in einem französischen, britischen, chinesischen oder US-Atomkraftwerk geschehen sollte – es würde mindestens genauso teuer, die Verluste an Leben, Gesundheit und Vermögen wären vermutlich noch viel höher, vor allem, wenn es im dichtbesiedelten Westeuropa oder Asien geschehen würde. Ich habe im Zuge einer anderen Recherche vor Jahren einmal versucht, herauszufinden, wie das mit aktuellen Evakuierungsplänen und Kriseninterventionsmaßnahmen im unmittelbaren Einzugsgebiet von deutschen Atomkraftwerken im Falle einer Havarie ist. Verstörendes Ergebnis: Nicht einmal die Zuständigkeiten von entsprechenden Institutionen und Behörden sind bekannt. Es gibt wohl Lager mit Jodtabletten. Aber wer die bekommt und wie die verteilt werden – keine Ahnung. Wer für eine Evakuierung zuständig wäre, und wo die ganzen Leute dann hin sollen – Fragezeichen über Fragezeichen.

Fazit: Keine Regierung und kein Konzern sind auf den Ernstfall vorbereitet. Was passiert, wenn der Ernstfall trotzdem eintritt, zeigt diese Serie. Das ist nicht schön. Und irgendwie behagt mir diese Art von Faszination des Grauens nicht. So etwas sollte nicht Stoff von Unterhaltungsserien sein müssen. Es widert mich an, wenn das Unglück von Menschen (und Tieren) auf diese Weise ausgeschlachtet wird. Aber wir leben nun mal in einer Gesellschaft, in der alles, was man zum Leben braucht, einem Geschäftsmodell unterworfen ist. Essen, Wohnung, Kleidung, Gesundheit, Transport, alles kostet.

Dann soll halt HBO aus der Notwendigkeit, die Folgen einer atomaren Katastrophe für ein hoffentlich großes Publikum begreifbar zu machen, auch Gewinn erzielen. Ist halt eine Scheißwelt. Aber die Bewohner dieser Scheißwelt brauchen halt ihre Serien, um sich in ihrer Freizeit vom Stress des Lebens und damit des Geld-verdienen-müssens abzulenken. Chernobyl ist dafür nur bedingt geeignet. Umso bemerkenswerter, dass die Serie auf imdb und Rotten Tomatoes so gut bewertet wird. Ich werte das als Indiz dafür, dass viele Menschen sich durchaus Gedanken machen wollen: Chernobyl ist nun wirklich keine Heile-Welt-Serie. Sondern eine, die zeigt, was passiert, wenn eine vermeintlich heile Welt buchstäblich zerfällt. Und es ist eben nicht nur Faszination des Grauens, sondern der Versuch, zu überlegen, was denn ein in einer solchen Situation angemessenes Verhalten wäre. Die Antwort fällt schwer, weil es keine eindeutige Antwort gibt.

Chernobyl: Boris Schtscherbina (Stellan Skarsgård, Mitte) Bild: hbo.com

Chernobyl: Boris Schtscherbina (Stellan Skarsgård, Mitte) Bild: hbo.com

Insofern finde ich gut, dass eine solche Serie und eben nicht ein neues Game of Thrones Furore macht. Also nichts gegen Game of Thrones. Aber mir ist lieber, wenn sich die Menschen nicht mit den Storylines fiktiver Charaktere beschäftigen, sondern damit, was mit unserer Welt passiert, wenn man bornierten Technologen glaubt. Es gibt ja gar nicht so wenige, die wieder laut über Atomkraft nachdenken, weil die Atomkraftwerke kein CO2 in die Atmosphäre blasen, im Gegensatt zu Kohle-, Öl- und Gaskraftwerken. Ja klar, das stimmt. Mit den fossilen Klimakillern muss Schluss sein.

Aber: Es gibt noch immer keine wirklich sicheren Endlager für den Atommüll, der in den Kernkraftwerken weltweit anfällt. In Deutschland steht der Atommüll in Castoren in irgendwelchen Hallen rum, die weder gegen Flugzeugabstürze noch sonst wie besonders gut gesichert sind. Die erste Generation der Castor-Behälter hat ihre genehmigte Laufzeit im kommenden Jahr erreicht. Und dann? Keine Ahnung.

Gut, es ist vermutlich besser, die Castoren mit hochradioaktivem Atommüll da rumstehen zu lassen, wo man sehen kann, in welchem Zustand sie sind, statt sie einfach in die Asse zu kippen. Was wiederum ein ehemaliges Salzbergwerk in Niedersachsen ist, das früher einmal für die Endlagerung von radioaktiven Müll vorgesehen war, ohne sich dafür irgendwie zu eignen. Seit einiger Zeit ist bekannt, dass Radioaktivität aus den verrottenden Fässern ins Grundwasser gelangt. Auch wenn das Bundesinstitut für Strahlenschutz keine Kontamination des Geländes feststellen konnte (oder wollte), so gibt es doch eine auffällige Häufung bestimmter Krebsarten in der Gegend. Das ist kein Vergleich zu dem, was in Tschernobyl passiert ist. Aber ich bin gespannt, ob und wann es eine Serie über Fukushima geben wird.

GOT: Schwache Staffel, versöhnliches Ende

So, vorbei. Immerhin hat der letzte Teil diese letzte, insgesamt tatsächlich eher schwachen Staffel von Game of Thrones zu einem aus meiner Sicht durchaus befriedigenden Ende geführt. Dass die großen Aufregerthemen, die durch die Medien gegangen sind, ein vergessener Kaffeebecher und schlecht versteckte Wasserflaschen aus Plastik waren, zeigt, wie es um die inhaltliche Qualität der letzten Staffel bestellt war. Dabei gehöre ich noch nicht mal zu den enttäuschten Fans, die vor Frust schier Amok gelaufen sind und eine Petition für eine Neuverfilmung der achten Staffeln „mit kompetenten Schreibern“ gestartet haben, die bereits von fast 1,5 Millionen Unterstützern unterschrieben wurde.

Game of Thrones: Daenerys im Angesicht ihres verheerenden Sieges Bild: hbo.com

Game of Thrones: Daenerys im Angesicht ihres verheerenden Sieges Bild: hbo.com

Aber ja, es stimmt schon: Aus dem gigantischen Budget, das für die letzte Staffel verbraten wurde, hätte man durchaus mehr machen können. Laut Variety hat jede der sechs Folgen 15 Millionen Dollar verschlungen – üblicherweise kostet eine Highend-Drama-Serie etwa 2 Millionen Dollar pro Folge. Da wäre es schon gut gewesen, mehr in die konsequente Entwicklung der Charaktere und damit in eine bessere Handlung zu investieren, statt in überbordende Spezialeffekte. Klar sind riesige feuerspeiende Drachen cool, und es ist teuer, mal eben eine komplette Stadt kulissenmäßig in Schutt und Asche zu legen. Aber nach dem es eine besondere Qualität der ersten Staffeln war, die Handlung auf verschlungenen Wegen vor sich hin mäandern zu lassen und statt dessen die Entwicklung von interessanten und eigenwilligen Charakteren und ihren komplizierten Beziehungen untereinander in Fokus zu stellen, zeichnete sich bereits vor der siebten Staffel ein Paradigmenwechsel ab: Jetzt ging es nicht mehr um subtile Charakterzeichnung, sondern um visuelle Überwältigung. Genau das also, was mir am aktuellen Blockbuster-Kino ohnehin schon auf die Nerven geht.

Wobei jeder der sechs Teile durchaus seine Höhepunkte hatte. Dass Arya sich Gendry ausgesucht hat, um herauszufinden, wie das mit dem Sex so geht, beispielsweise. Oder der hoch verdiente Ritterschlag für Brienne, ausgeführt von Jaime Lannister, der sie ganz offenbar zu schätzen (und vielleicht sogar zu lieben?) gelernt hat. Aber alle diese hoffnungsfrohen Momente, die letztlich auch zu sentimental für die sonst so brutale Handlung sind, führen nur wieder zu neuen Enttäuschungen. Was einerseits konsequent für die bisherige Grundlinie der Serie ist.

Andererseits teile ich insgesamt den Eindruck, dass es den Autoren in erster Linie nur noch darum zu gehen schien, mit der Geschichte endlich abzuschließen. Insofern klaffen zum Teil ganz erhebliche Logiklöcher weit offen, da werden im dritten Teil die Dothraki weitgehend ausgelöscht, zum Schluss sehen wir aber wieder eine beeindruckende Reiterarmee, bereit die ganze Welt für ihre Königin zu erobern. Was auch für die Unbefleckten gilt. Oder wir sehen, wie der Drache Rhaegal von Euron Greyjoy spektakulär vom Himmel geschossen wird, während die Skorpion-Speere Drogon nur eine Folge später schon nichts mehr anhaben können. Oder dass sich Arya, die seit langer Zeit das Ziel verfolgt, Cersei zu töten, sich in letzter Minute ausgerechnet vom Hound wie ein kleines Mädchen nach Hause schicken lässt, wo sie doch zuvor schon den den viel gefährlicheren und mächtigen Nachtkönig getötet hat – eine unglaubwürdigere Wendung kann man sich kaum ausdenken.

Dass Cersei und Jaime ganz unspektakulär unter den Trümmern der Roten Feste begraben werden, geht für mich in Ordnung, allerdings ist es völlig unwahrscheinlich, dass Tyrion später ausgerechnet über die goldene Hand seines Bruders stolpert und seine Geschwister tot auffindet, nachdem er ein paar Brocken beiseite geräumt hat. Die Burg ist im Teil zuvor mit dermaßen beeindruckenden Effekten (Drachenfeuer!) und entsprechendem Sachschaden zerstört worden, so dass eigentlich unvorstellbar ist, dass man von den Leichen überhaupt noch erkennbare Teile finden kann, selbst wenn man mit viel Aufwand danach suchen würde. Noch unbefriedigender finde ich allerdings den Umstand, dass die Gefahr des ewigen Winters mit dem Tod des Nachtkönigs mal eben komplett und für immer gebannt ist, insofern bräuchte es ja tatsächlich keine Nachtwache mehr, zu der Jon für den Rest seines Lebens verbannt werden könnte. Aber wie Tyrion erklärt, man braucht sie eben doch als Zufluchtsstätte für gescheiterte Existenzen. Nun ja. Immerhin kann Jon am Ende genau das tun, was er sein Leben lang tun wollte: Mann der Nachtwache sein und das Reich beschützen, vor was auch immer.

Den Job hat er bisher schon immer wieder ganz gut erledigt, auch wenn nicht auf die Art und Weise, die er selbst oder das Publikum erhofft hat: Oft genug stolpert er in der letzten Staffel mit dem Schwert in der Hand durch die Gegend, ohne wirklich etwas ausrichten zu können. Die größte Tat begeht er ausgerechnet mit dem Verrat an seiner geliebten Königin, nachdem Jon erkennen musste, dass Daenerys nicht die gerechte und gütige Herrscherin sein wird, die sie werden wollte. Es hatte sich allerdings schon in den vergangenen Staffeln abgezeichnet, dass Daenerys berechnend und grausam sein kann. Wer immer sich ihr in den Weg stellte, wurde niedergemetzelt oder verbrannt, nur traf es am Anfang immer die Bösen. Inzwischen ist Daenerys dermaßen davon überzeugt, dass der Zweck die Mittel heiligt, dass sie wahl- und zahllos Unschuldige tötet, weil sie damit ja ihr gutes Ziel verfolgt: Die ganze Welt von Fremdherrschaft zu befreien und ihre eigene, ihrer Ansicht nach ideale, Herrschaft zu zementieren. Natürlich musste sie sterben und es konnte nur Jon sein, weil er der einzige war, der bis zum Schluss ihr Vertrauen besaß und dicht genug an sie heran kam.

Game of Thrones: Die Stark-Geschwister Arya, Bran und Sansa. Bild: hbo.com

Game of Thrones: Die Stark-Geschwister Arya, Bran und Sansa. Bild: hbo.com

Als idealere Herrschaft wird danach eine Art aufgeklärte Monarchie mit Wahlkönigtum eingeführt, Sam sorgt noch für ein paar Lacher, als er vorschlägt, dass alle Menschen in Westeros eine Wahl haben sollten. Doch für dermaßen radikale Vorstellungen von Basisdemokratie sind die anderen noch nicht reif. Stattdessen sollen Vertreter der bisherigen sieben Königreiche und sonst durch verdienstvolle Taten aufgefallene Edelleute den neuen König wählen. Auch hier wird nicht erklärt, wie das Sammelsurium mehr oder weniger bekannter Figuren zustande kommt, das offenbar auf die Initiative von Grauer Wurm zusammengerufen wurde, um die künftigen Herrschaftsverhältnisse in Westeros zu klären.

Die Verräter Jon Snow und Tyrion Lannister gehören aus naheliegenden Gründen nicht dazu. Um so erstaunlicher, dass der in Ketten vorgeführte Zwerg überhaupt angehört wird. Und der macht natürlich von seinem Talent, alle anderen an die Wand zu quatschen, gebrauch und überrascht mit dem Vorschlag, ausgerechnet den Krüppel Bran zum König zu wählen. Wobei natürlich auch vieles dafür spricht, den Dreiäugigen Raben zu wählen, denn er weiß ja tatsächlich mehr als alle anderen.

Und der frisch gekürte König Bran, erster seines Namens, macht in seiner Weisheit Tyrion zu seiner Hand, damit der den Rest seines Lebens seine Fehler wieder gut machen kann. Doch, das geht okay. Und auch, dass Sansa durchsetzt, dass der Norden unabhängig bleibt, mit ihr als Königin des Nordens. Wobei man sich dann natürlich schon fragen könnte, warum die anderen dann nicht auf die Idee kommen, dass auch Dorne oder die Eiseninseln oder was auch immer unabhängige Reiche bleiben könnten. Aber egal, wir müssen ja irgendwie mal zum Ende kommen.

Als eine Winter habe ich überhaupt nichts gegen den Mehrfach-Triumph der Starks, mit Sansa als Königin des Nordens, Jon jenseits der Mauer und Bran auf dem Thron kann nichts mehr schief gegen, und wer weiß, was Abenteuerin Arya im Westen noch entdecken mag. Das ist ein versöhnliches Ende nach so viel Blutvergießen, Hass und Zerstörung. Ich kann gut damit leben und freue mich auf neue Serien. Gern auch ohne Drachen.

Seven Seconds: Kein Handy am Steuer

Für Fans der leider nicht mehr auf Netflix verfügbaren Krimiserie The Killing hat die Plattform einen würdigen Ersatz im Programm: Den Zehnteiler Seven Seconds. Auch hier war Veena Sud für Drehbuch und Produktion verantwortlich. Wie schon bei The Killing  (und der großartigen dänischen Vorlage Forbrydelsen) geht es in der Krimi-Handlung nicht nur darum, einen Schuldigen zu finden, sondern auch zu zeigen, was der gewaltsame Tod eines geliebten Menschen für Auswirkungen auf die Überlebenden hat. Auf die Familie des Opfers, aber auch auf den Täter und sein Umfeld, und nicht zuletzt auf die Menschen, die ein solches Verbrechen als Angehörige von Ermittlungs- und Strafverfolgungsbehörden aufzuklären und zu ahnden haben.

Serienposter seven seconds Bild: Netflix

Serienposter seven seconds Bild: Netflix

Genau wie bei The Killing es handelt es sich um ein Remake – in diesem Fall war es allerdings keine komplette Serie, deren Handlung in die USA verlegt wurde. Als Inspiration diente der russische Film Майор, der im Jahr 2013 sowohl in Cannes als auch auf den Filmfestival in Toronto vorgestellt wurde. In dem Film von Yuri Bykow überfährt der russische Polizist Sergei Sobolev versehentlich ein Kind, als er auf dem Weg zu seiner Frau ist, bei der die Wehen eingesetzt haben. Aus Korpsgeist vertuschen die Kollegen das Verbrechen, in dem sie die einzige Zeugin des Vorfalls, die Mutter des Jungen, in Misskredit bringen. Im Laufe der Zeit bereut Sobolev seine Entscheidung und beschließt, zu gestehen und die Strafe dafür in Kauf zu nehmen, doch seine Kollegen sind damit nicht einverstanden, denn jetzt hängen sie ja alle mit drin. Alles in allem handelt es sich um einen ziemlich brutalen Film über Korruption innerhalb der russischen Polizei, den ich mir schon deshalb angesehen habe, weil es auffallend wenig Filme aus Russland überhaupt auf westliche Filmfestivals schaffen.

Es ist kein schöner, sondern ein alles in allem sehr unangenehmer Film, der aber genau deshalb wieder gut ist, weil er genau das Übel, das sein Thema ist, schonungslos offenlegt. Ich kann mir vorstellen, dass die offiziellen russischen Behörden, um die es unter anderem geht, Probleme damit haben. Was wiederum auch erklärt, warum dieser Film im Westen gelaufen ist: Hier wird ja gern gezeigt, was in Russland nicht funktioniert und einfach nur schlimm ist.

Insofern ist es ein besonderes Verdienst von Veena Sud und ihrer Serie, dass sie dieses Übel überaus glaubwürdig in den US-Polizeiapparat verlegt hat: In den USA ist die Korruption im System nicht weniger schlimm. Ich persönlich fände ja auch mal eine Serie gut, in der die Korruption und der Korpsgeist innerhalb der deutschen Polizei einmal kritisch aufgearbeitet würde, die Mordserie des NSU beispielsweise wäre da ein schier unerschöpfliches Thema. Dafür könnte man gern ein paar Millionen aus dem Rundfunkbeitrag abzweigen, den ich jeden Monat zahlen muss, obwohl ich inzwischen lieber Netflix und Amazon kucke. Die ja letztlich auch nur böse Konzerne sind, die Geld scheffeln wollen.

Seven Seconds: Peter Jablonski (Beau Knapp), Felix Osorio (Raúl Castillo) und Mike DiAngelo (David Lyons) Bild: Netflix

Seven Seconds: Peter Jablonski (Beau Knapp), Felix Osorio (Raúl Castillo) und Mike DiAngelo (David Lyons) Bild: Netflix

Zurück zu Seven Seconds: Anders als in The Killing steht hier nicht eine Ermittlerin der Polizei im Vordergrund, die für die Aufklärung des titelgebenden Verbrechens nicht nur ihr Privatleben, sondern auch ihre berufliche Karriere ruiniert, sondern eine Schicksalsgemeinschaft aus sehr unterschiedlichen Menschen, deren Lebenswege sich durch einen tragischen Unfall kreuzen: Als der junge Drogenfahnder Peter Jablonski (Beau Knapp)  an einem kalten Wintermorgen auf dem Weg zu seiner schwangeren Frau ist, die wegen Blutungen ins Krankenhaus musste, telefoniert er mit dem Handy und achtet ein paar Sekunden nicht auf die Straße. Er kollidiert plötzlich mit etwas, was sich wenig später als ein Radfahrer herausstellt – unter dem Fahrzeug ragt der Hinterreifen eines teueren BMX-Rads hervor, in dem eine Pappmaché-Möwe steckt.

Voller Panik informiert der junge Polizist seinen Vorgesetzten Mike DiAngelo (David Lyons), der sich mit seinen Team sofort an den Unfallort begibt. Dem abgebrühten Cop ist gleich klar, dass das nicht gut aussehen wird – ein weißer Bulle überfährt ein schwarzes Kind. Und weil das teure Fahrrad darauf hinweist, dass der Junge zu einer in Jersey City berüchtigten Gang gehört, trifft Captain DiAngelo die folgenschwere Entscheidung, die Sache zu vertuschen. Eigentlich will der ehrliche Cop Jablonski sich stellen, doch DiAngelo überredet ihn, ins Krankenhaus zu seiner Frau zu fahren und ihm und den beiden Kollegen den Rest zu überlassen. Damit nimmt das Verhängnis seinen Lauf.

Wie in der russischen Vorlage Майор sind die handelnden Personen gezwungen, im Verlauf der Handlung immer schlimmere Dinge zu tun, um ihre Story glaubwürdig erscheinen zu lassen. Und weil eine Serie sehr viel mehr Zeit für Nebenhandlungen hat, gibt es in Seven Seconds noch zwei bemerkenswerte Antagonisten: Die ermittelnde Staatsanwältin KJ Harper (Claire-Hope Ashitey) und den skeptischen Bullen Joe „Fish“ Rinaldi (Michael Mosley).

Das schwarze Waisenkind KJ wurde von weißen Eltern in einem komfortablen Vorort von New York aufgezogen, konnte von einer erstklassigen Ausbildung profitieren und ist doch ein Wrack, sie hat eine verhängnisvolle Beziehung zu Gin und zu Karaoke-Bars. Im Verlauf der Handlung kommt ihre verstörende Geschichte ans Licht; in ihrer Funktion als Vollstreckerin der Staatsgewalt muss sie Dinge anordnen, die mitunter fatale Auswirkungen auf Unbeteiligte haben. Das musste KJ auf die harte Tour lernen und sie ist daran zerbrochen.

Insofern ist es nicht unbedingt ein Glück für die Eltern von Brenton Butler, dass ihr Fall ausgerechnet bei KJ landet. Aber – wie wir als ausgebufftes Serienpublikum ahnen – KJ wird diesen Fall zu ihrer persönlichen Definition von Sieg oder Niederlage machen und damit dann entweder mit wehenden Fahnen untergehen, oder einen unerwarteten Sieg einfahren. Oder auch keins von beiden, denn das Justizsystem der USA ist, nun ja, kompliziert.

Seven Seconds: Die Eltern Latrice Butler (Regina King) und Isaiah Butler (Russell Hornsby) Bild: Netflix

Seven Seconds: Die Eltern Isaiah Butler (Russell Hornsby) und Latrice (Regina King) Bild: Netflix

 

Der Fall erweist sich für alle Beteiligten als harte Nuss. Das Umfeld von Brenton Butler ist nicht unbedingt ideal: Auch wenn seine Mutter eine Mittelschullehrerin ist und sein Vater ein hart arbeitender Mann, der immer seine Schulden bezahlt und beide Eltern in ihrer Kirchengemeinde gut integriert sind: Der kleine Bruder des Vaters ist Mitglied einer berüchtigten Gang in New Jersey, und dieses teure Fahrrad, mit dem Brenton zum Zeitpunkt des Unfalls unterwegs war, unterstützt die These seiner Gangzugehörigkeit. Und klar, das ist rassistisch, aber dennoch ein Umstand, der gegen ihn spricht: Mitglieder von kriminellen Gangs kommen nun mal schneller unter ungeklärten Umständen zu Tode als unbescholtene Bürger. Angesichts der Faktenlage ist es also naheliegend, Brenton Butler als Opfer eines Konfliktes unter rivalisierenden Gangs zu deklarieren.

Natürlich sind Brentons Eltern mit dieser Erklärung nicht zufrieden. Ihr Junge war ein guter Junge, und sie bekommen starken Rückhalt in der Black-Lives-Matter-Bewegung. Mit der hat Detective Rinaldi zwar nichts am Hut, aber auch ihm fällt auf, dass hier irgendwas nicht stimmen kann. Er gehört nicht zur eingeschworenen Bruderschaft in seinem Polizeirevier, er ist ein streitbarer Außenseiter, der seinen Job ernst nimmt. Entsprechend hartnäckig ermittelt er in diesem unbefriedigenden Fall, den seine Vorgesetzten nur zu gern zu den Akten legen würden.

Seven Seconds: KJ Harper (Claire-Hope Ashitey) und Joe "Fish" Rinaldi (Michael Mosley) Bild: Netflix

Seven Seconds: KJ Harper (Claire-Hope Ashitey) und Joe „Fish“ Rinaldi (Michael Mosley) Bild: Netflix

Wie in der Vorlage führt der Ermittlungsdruck dazu, dass die Polizisten zu immer extremeren Maßnahmen greifen müssen, um ihre Version des Vorfalls zu stützen. Natürlich bleibt es auch Jablonskis Frau Marie nicht verborgen, dass etwas passiert sein muss: Ihr Peter ist nicht mehr derselbe. Nach und nach gerät das Leben sämtlicher Beteiligten aus den Fugen.

Insgesamt handelt es sich also um eine reichlich düstere Geschichte, in der am Ende alle verlieren. Aber genau das macht die Qualität dieser Serie aus: Die handelnden Personen haben alle vermeintlich gute Gründe, für das, was sie tun. Oder lassen. Ihren persönlichen Maßstäben nach wollen sie einfach das Richtige tun, was sich dann aber als falsch herausstellt. Und auch die Eltern des Opfers Brendon Butler müssen erkennen, dass sie ihren Sohn nicht wirklich gekannt haben. Seven Seconds ist eine mutige und wichtige Serie über soziale und rassistische Vorurteile und gleichzeitig eine Reflexion über Schuld und Sühne. 

8 Tage: Feiern bis zum Weltuntergang

Die Ankündigung machte mich neugierig: Eine neue deutsche Serie von Sky, die von den letzten acht Tagen vor dem Weltuntergang erzählt: Ein Asteroid rast auf die Erde zu. Aufgrund seiner besonders lichtabsorbierenden Oberfläche hatte man ihn nicht kommen sehen. In vorletzter Minute wird versucht, ihn mit Atomraketen vom Kurs abzubringen, aber das Manöver misslingt. Für die Menschen in Europa, wo er auftreffen wird, beginnt der Countdown bis zum Untergang. Was bedeutet das für die Menschen in der Killzone?

Faszinierende Frage, eigentlich. Doch leider ist aus der tollen Idee eine insgesamt ärgerlich schwache Serie geworden. Was nicht an den Schauspielern liegt, mit Devid Striesow, Christiane Paul, Nora Waldstätten, Fabian Hinrichs, Mark Wasche, Murathan Muslu oder Henry Hübchen waren eine Menge echter Stars dabei. Aber aus einem drögen Drehbuch kann auch das engagierteste Spiel kein packendes Fernseherlebnis zaubern.

Serienposter 8 Tage Bild: sky.de

Serienposter 8 Tage Bild: sky.de

Es ist ja nicht so, dass ich ein teures Blockbuster-Spektakel à la Independence Day oder Armageddon erwartet hätte. Im Gegenteil freute ich mich auf das angekündigte Kammerspiel im Schatten der großen Katastrophe. Aber genau das ist grandios schief gelaufen: Wir sehen eine ganze Reihe eher unsympathischer Figuren, die vermutlich komplex-ambivalent sein sollten, aber leider wieder nur Personifikationen gängiger Klischees aus, nun ja, eben typisch deutschen Fernsehserien sind.

Ein weiteres Problem ist, dass die Autoren das ganze Setting nicht richtig gut durchdacht haben – es fühlt sich an wie „ist ja bloß Fernsehen, wir tun einfach mal so“. Mit Logik und Continuity haben es die Serienmacher auch nicht besonders, angefangen damit, dass der Asteroid einerseits ganz plötzlich aufgetaucht sei, weshalb die Vorwarnzeit so kurz und die Reaktion der Menschen so verzweifelt sein sollen, andererseits heißt es später dann wieder, die Bundesregierung hätte doch genügend Zeit gehabt, entsprechende Vorkehrungen zu treffen und Bunker zu bauen, was dann aber nicht passiert sei, weil die Politiker so böse und korrupt sind.

8 Tage: Marion (Nora Waldstätten) und Hermann (Fabian Hinrichs) Bild: Sky.de

8 Tage: Marion (Nora Waldstätten) und Hermann (Fabian Hinrichs) Bild: Sky.de

Dann soll die allgemeine Ordnung ist zusammengebrochen sein, was vor allem an geplünderten Supermärkten zu sehen ist, vor denen sich Müll und leere Einkaufswagen stapeln. Und natürlich an jungen Leuten, die Party machen bis zum Abwinken. Ansonsten läuft der Alltag erstaunlich normal weiter, es gibt selbstverständlich noch immer Strom, funktionierende Telefone und Handys und die Fernseher laufen sogar in den letzten Stunden vor der finalen Katastrophe noch und senden Bilder aus dem Regierungsapparat, der angeblich längst kollabiert sein soll und irgendwie doch noch immer Nachrichten liefert.

Okay, es ist durchaus nachvollziehbar, dass echte Journalisten von altem Schrot und Korn gerade in solchen Situationen nicht abhauen, sondern jetzt erst recht ihren Job machen, denn es gibt ja nun wirklich was zu berichten. Aber dass die politische und gesellschaftliche Elite einfach geschlossen abtaucht und das Schicksal der Nation einer Handvoll Journalisten überlässt, finde ich dann doch ziemlich billig. Man muss jetzt keine Politik-Serie auf dem Niveau von Borgen oder House of Cards daraus machen, aber einfach nur das Klischee zu bedienen, dass die Politiker unfähig sind, sich um nichts kümmern und am Ende nur an sich selbst denken, zeigt vor allem, dass die Serienschreiber sich auch nicht besonders anstrengen wollten.

8 Tage: Susanne (Christiane Paul), Uli (Mark Wasche) und Tochter Leonie (Anna Lena Klenke) auf der Flucht  Bild: Sky.de

8 Tage: Susanne (Christiane Paul), Uli (Mark Wasche) und Tochter Leonie (Anna Lena Klenke) auf der Flucht Bild: Sky.de

Eine Ausnahmesituation kurz vor dem Ende von allem stelle ich mir anders vor, panischer, chaotischer, euphorischer. Wenn es eh nicht mehr drauf ankommt, könnte man doch mal Dinge ausprobieren, die man sonst nie getan hätte. Da sollten noch andere Sachen denkbar sein als übermäßiger Drogenkonsum, laute Musik und kindische Zerstörungswut. Ich hoffe inständig, dass die Menschen insgesamt kreativer sind als die Erfinder dieser Serie.

Denn auch aus dem, was sich die Serienmacher vorgestellt haben, machen sie erstaunlich wenig: Eine finanziell eher gut gestellte Mittelstandsfamilie bestehend aus der Ärztin Susanne (Christiane Paul), dem Physiklehrer Uli (Mark Waschke) und deren Kindern Leonie und Jonas tritt die Flucht nach Osten, also Russland an. Hier gibt es einige für Normalbürger herausfordernde Ausnahmesituationen, aber im Vergleich zu dem, was man über Flüchtlingsschicksale berichten könnte, ist das alles ziemlich harmlos. Zumal alle Beteiligten einfach in ihr unversehrtes Einfamilienhaus in einem ruhigen grünen Vorort von Berlin zurückkehren können, als sich abzeichnet, dass sich alles anders als erwartet entwickelt. Hier gibt es immerhin noch ein kleines Vorstadtdrama, was ich dann aber auch wieder zu konstruiert fand.

8 Tage: Klaus (David Striesow) Bild: Sky.de

8 Tage: Klaus (David Striesow) Bild: Sky.de

Interessanter ist der Bauunternehmer Klaus (David Striesow), ein Psychopath, der sich für schlauer als alle anderen hält und für seine Familie einen Bunker gebaut hat. Dort sperrt er seine Tochter Nora (Luisa-Céline Gaffron) ein, die in Teenager-Art immer vehementer gegen ihren unerträglichen Vater rebelliert. Klaus ist ein typischer Prepper, der schon immer wusste, wie es kommen muss, entsprechend Vorräte anhäuft und auf Waffengewalt setzt. Er schart eine Gang von Gleichgesinnten um sich, die es allerdings im Zweifelsfall allerdings genau so halten wie er selbst: Der Stärkere setzt sich durch und nimmt keine Rücksicht auf Schwächlinge. Das kann auch gegen einen ausgehen, wenn die anderen in der Überzahl sind. Erst recht, wenn Schusswaffen im Spiel sind.

8 Tage: Deniz (Murathan Muslu) Bild: Sky.de

8 Tage: Deniz (Murathan Muslu) Bild: Sky.de

Doch nicht jeder, der eine Waffe in die Hand bekommt, knallt durch: Stoisch und die meiste Zeit rätselhaft unbeteiligt wirkt der Polizist Deniz, ein Kämpfer nicht nur für Gerechtigkeit, sondern für das Richtige, wie er gegen Ende erklärt. Deniz hält die Stellung auf seiner Polizeiwache noch, als alle anderen längst getürmt sind, er versucht, Recht und Ordnung aufrecht zu erhalten, als schon überdeutlich ist, dass es keinen Sinn mehr hat. Kurz vor Schluss noch stellt er einem Falschparker ein Knöllchen aus, genau wie Herr Luther, der heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen würde, wenn er wüsste, dass morgen die Welt unter geht. Immerhin: Deniz ist tatsächlich ein Held und verzichtet zu Gunsten anderer auf seinen persönlichen Vorteil, als es hart auf hart kommt.

Ganz im Gegensatz zu Hermann (Fabian Hinrichs), dem Politiker. Der verhält sich genau so, wie man es von einem seiner Sorte erwartet: Er ist immer auf seinen Vorteil aus und im Zweifelsfall korrupt und feige. Erst versucht Hermann, für sich und seine hochschwangere Freundin Marion (Nora Waldstätten) ein rettendes Flugticket in die USA zu bekommen. Das geht schief. Dann versucht er verzweifelt, zwei der viel zu wenigen Bunkerplätze zu bekommen. Aber die werden nur an relevante Regierungsmitglieder vergeben, zu denen Hermann nicht gehört, die Restplätze werden unter der Bevölkerung verlost.

8 Tage: Ben (Thomas Prenn) und  Nora (Luisa-Céline Gaffron) Bild: Sky.de

8 Tage: Ben (Thomas Prenn) und Nora (Luisa-Céline Gaffron) Bild: Sky.de

Und siehe da, unsere wackere Familie zieht eins der großen Lose, denn Ärztinnen und Physiker werden später für den Wiederaufbau benötigt. Aber das mit der Eintrittskarte für die vermeintliche Lebensrettung geht auch wieder nach hinten los: Jetzt kommt ein bisschen Action, Teile der Bundeswehr finden nämlich, dass sie nicht nur Deutschland und dessen Politiker schützen, sondern ebenfalls Platz im Bunker bekommen sollten. Und die haben sogar funktionierende Waffen! Auf diese Weise endet das große Bunkerglück für viele dann tödlich, aber Uli kann mit den Kindern und Susanne entkommen. Doof nur, dass sie jetzt wieder draußen und ihre Stunden gezählt sind.

Die Frage, wo Dienst und Pflicht enden und das Eigeninteresse beginnen sollte oder darf, wird mehrfach behandelt. Das ist eine durchaus interessante Frage, aber man hätte auch noch andere Fragen stellen können. Etwa nach welchen Kriterien denn eine Auswahl zu treffen wäre, wer gerettet werden und wer sterben soll. Es wird zwar als irgendwie ungerecht dahingestellt, dass wie immer politischer Einfluss und Geld die entscheidenden Kriterien sind. Aber was wäre denn gerechter?

8 Tage: Der vermeintliche Erlöser Robin (David Schütter) Bild: Sky.de

8 Tage: Der vermeintliche Erlöser Robin (David Schütter) Bild: Sky.de

Das wird gar nicht erst gefragt, weil die Antwort schwer ist. Aber man könnte doch wenigstens mal drüber nachdenken. Und das zieht sich durch sämtliche acht Tage. Ich will nicht sagen, dass alles schlecht ist, so fand ich durchaus nachvollziehbar, dass ein junger Krebskranker sich freut, dass es jetzt nicht nur ihn erwischt, sondern alle, womit er sich die Frage, warum ausgerechnet er sterben soll, während die anderen weiterleben dürfen, nicht mehr stellen muss. Und klar, es gibt natürlich auch Menschen, die sich in den Glauben flüchten und in letzter Minute auf einen Erlöser setzen, der in Gestalt des einfältigen, aber gutwilligen Exkriminellen Robin erscheint. Der redet eigentlich nur wirres Zeug, aber es klingt ungefähr wie das, was auch in der Bibel nachzulesen ist. Immerhin taugt er dazu, Susannes Tochter Leonie die Freuden der ersten Liebe zu zeigen, bevor alles für immer vorbei ist.

8 Tage: Egon (Henry Hübchen) Bild: Sky.de

8 Tage: Egon (Henry Hübchen) Bild: Sky.de

Cool fand ich auch den ehemaligen NVA-Offizier Egon (Henry Hübchen), der seine Wut erst an seinen Möbeln auslässt und sich dann entschließt, seine heimliche Jugendliebe aufzusuchen. Wie sich herausstellt, war Egon schwul. Das war unsozialistisch und durfte somit nicht sein. Und Horst hat dann ohnehin rüber gemacht, in den goldenen Westen und dort ein unspektauläres Leben in einer klassischen heterosexuellen Beziehung geführt. Was Egon im Osten irgendwie auch getan haben muss, sonst hätte er keine Kinder. Denn Egon ist der Vater der auf jeweils ihre Art ziemlich ätzenden Geschwister Hermann und Susanne.

Immerhin lässt sich Susanne von ihrem kleinen Sohn schließlich noch überzeugen, ebenfalls etwas richtiges zu tun, nämlich Marion bei der Geburt ihres Kindes zu helfen und ihr dann das Familienauto zu überlassen, damit sie zu Hermann kann, der mittlerweile Bunkerplätze besorgt haben will. Nun ja, es ist gewiss kein übergroßer Spoiler, wenn ich verrate, dass die Sache für eine große Mehrheit der Bevölkerung nicht gut ausgeht, denn das war ja von Anfang an klar. Nicht jeder, der es verdient hätte, kann gerettet werden, und unter denen, die sich retten können, sind viele Arschlöcher. Aber gerade weil das Ende so vorhersehbar ist, hätte man sich mit dem, was in den acht Tage davor passiert, mehr Mühe geben können.

8 Tage: Ob jetzt alles gut wird?  Bild: Sky.de

8 Tage: Ob jetzt alles gut wird? Bild: Sky.de