Deutsche Serie kommt auf den Hund

Netflix produziert weiterhin Serien, und zwar zu viele davon. Überhaupt gibt es inzwischen viel zu viele Serien. Als Serienjunkie fühle ich mich von der schieren Masse des Angebots total überfordert – es ist überhaupt nicht mehr möglich, alles anzusehen, was gerade irgendwie in ist, selbst wenn man den ganzen Tag Zeit dafür hätte. Und wer auf andere Art und Weise Geld verdienen muss, hat sowieso verloren. Trotzdem kann ich es nicht lassen und schaue immer wieder in Serien hinein – aber ich bleibe nur noch dabei, wenn mich die ersten 10, 15 Minuten wirklich überzeugen. Deshalb habe ich vor Jahren bereits den Tatort aufgeben, obwohl ich da jahrzehntelang so etwas wie ein Gewohnheitsfan war. Dieser alte Zopf ist ab, in der Zeit kann man wirklich Besseres kucken.

Dennoch muss ich zugeben, dass es natürlich Serien gibt, die gewisse Vorschusslorbeeren mitbringen, weshalb ich beim Reingucken großzügiger bin als bei solchen, von denen ich noch nie gehört habe. Etwa bei Netflixserien, die von exotischen Ländern außerhalb des anglo-amerikanischen Serienkontin(g)ets produziert werden. So gibt es nach Dark eine weitere deutsche Netflixserie, die bereits seit einiger Zeit auf Netflix zu sehen ist: Dogs of Berlin. Zwar war schon Dark nicht der große Wurf, auf den ich gehofft hatte, aber doch ganz okay: Eine interessante Geschichte mit verschiedenen Zeitebenen, aber einem leider total überambitionierten Soundtrack, der mich zunehmend genervt hat. Ich muss nicht mit viel zu lauten Geräuschen darauf hingewiesen werden, dass jetzt etwas Merkwürdiges passiert. Subtilität ist eine Tugend. Aber nicht die der deutschen Serie. Und Dogs of Berlin ist insofern eine total deutsche Serie, weil, etwas Unsubtileres habe ich selten gesehen. Außer in Amiserien versteht sich. Aber da regt sich keiner drüber auf. Die Amis dürfen das. Die wählen ja auch Typen wie Donald Trump als Präsident.

Dogs of Berlin - die deutsche Serie ist auf den Hund gekommen. Aber ich finde das gar nicht schlimm.

Dogs of Berlin – die deutsche Serie ist auf den Hund gekommen. Aber ich finde das gar nicht schlimm. Bild via Filmstarts.de

Also: Dogs of Berlin. Das ist definitiv etwas ganz anderes. Kann man so nicht im öffentlich-rechtlichen Rundfunk bringen, wobei, eigentlich wurde total auf Proporz geachtet: Es gibt einen aufrechten schwulen türkischen Ermittler, einen spielsüchtigen deutschen LKA-Typ mit Neonazivergangenheit, eine deutsche Hartz-4-Mutti, die ihren Kindern zerbröselte Kekse mit Kakao als Frühstück improvisiert und ihre Nächte lieber mit zweifelhaften Liebhabern, Computerspielen und einem illegalen Nebenverdienst an der Sexhotline verbringt, als gleich früh morgens in ihr trostloses Loserleben in Marzahn-Hellersdorf durchzustarten. Außerdem gibt eine politisch-korrekte, lesbische Polizeipräsidentin, die mindestens so streng ist wie Mutti Merkel, und schließlich noch einen toten türkischen Nationalspieler, den die deutsche Fußballmannschaft ganz dringend brauchen würde, wenn sie nicht gleich wieder aus der Vorrunde von was auch immer fliegen will. Und alle anderen Figuren sind genauso schon Karikaturen ihrer selbst wie die bereits genannten.

Aber genau das ist dann auch wieder cool, weil es konsequent durchgezogen wird. Katrin Sass als Neonazi-Oma, die ihren Enkeln auf dem Spielplatz beibringt, dass sie sich gegen „diese Kuffnutten“ durchzusetzen hätten und im Zoo doziert, dass gewisse Arten halt verdienen, auszusterben, ist gruselig, bringt aber diese ekelhafte Einstellung genau auf den Punkt. Okay, der Rest der Neonazi-Kameradschaft ist irgendwie viel zu 90er, das Problem derzeit sind ja viel eher die Nazis in den feinen Anzügen der Neoliberalen, die sich in der AfD organisieren, als die tätowierten Prolls, die ein sehr eingeschränktes Weltbild, reichlich kriminelle Energie und einen Faible für mittelalterliche Bestrafungsrituale haben und damit ihren Kollegen von den türkischen Rockergangs ziemlich ähnlich sind. Deshalb kann die Ehefrau von LKA-Ermittler Grimmer dann sogar mit einem von den türkischen Rockern, die auch ihren feinen Laden mit überflüssigen Dingen in Prenzlauer Berg zwecks Schutzgelderpressung heimsuchen, etwas anfangen. Sie glaubt, dass man mit totaler Ehrlichkeit jeden retten kann.

Und das war längst nicht alles, natürlich gibt es noch die Osteuropa-Connection mit Mišel Matičević und einen fiesen arabischen Clanchef samt Clan und dann natürlich noch die abgedrehten Luxusfußballer der Nationalmannschaft, die inzwischen einen eigenen Dienstleister haben, der hinter ihnen her räumt. Oder hinter ihnen her räumen lässt, deshalb gibt es ja eine Figur wie Trinity Sommer (Hannah Herzsprung), eine Mischung aus Modesty Blaise und Jessica Jones, aus der man gelegentlich mehr machen könnte. In dem Zusammenhang ist sie eher unglaubwürdig, aber im Prinzip finde ich, dass es viel zu wenig solcher Superheldinnen gibt.

Der Tenor vieler Kritiken, die ich dazu gelesen habe, ist: Dogs of Berlin sei der schlechtere Abklatsch von 4 Blocks. Da ist etwa dran, gleichzeitig finde ich das aber auch ungerecht, denn der Stoff, aus dem Dogs of Berlin gemacht sein soll, sei deutlich älter als 4 Blocks, las ich zumindest, und das würde einiges erklären. 4 Blocks ist ja tatsächlich eine gute Serie, obgleich ich sagen muss, dass die zweite Staffel gegenüber der ersten deutlich zurück fällt, Vince fehlt einfach.

Dogs of Berlin ist allerdings etwas ganz anderes, diese Serie ist im Grunde bereits ihre eigene Satire, ähnlich wie das bei Homeland oder House of Cards oder Designated Surviver der Fall ist. Diese Serien suhlen sich in Klischees und tragen extrem dick auf, und genau das macht ja auch den Spaß daran aus: Natürlich ist das nur ein Zerrbild unserer Realität, aber eben ein unterhaltsames. Wenn man sich darauf einlässt, einfach mal eine deutsche Krawumm-Serie zu sehen, dann ist Dogs of Berlin keine schlechte Wahl. Eine soziologisch relevante Studie unserer Gesellschaft ist sie nicht. Und ein politisch korrekter oder lieber nicht korrekter, aber intellektuell ernstzunehmender Kommentar zum Zeitgeschehen erst recht nicht. Und auch wenn ich sehr intensiv nachdenke, fallen mir kaum Serien ein, die solche Kriterien bedienen könnten. The Wire vielleicht, um im Genre zu bleiben. Die früheren Tatorte zum Teil. Ansatzweise KDD – Kriminaldauerdienst.

Wie auch immer, die deutschen Kritiker sollten sich mal keinen Kopf machen von wegen „oh Gott, das kann man jetzt mit Netflixabo auf der ganzen Welt sehen, was sollen die Leute nur von uns denken!“ Genau so geht deutsche Serie. Also wenn man es nicht jedem im öffentlich-rechtlichen Rundfunk recht machen muss, was in der Regel dazu führt, dass noch stereotypere Klischees bedient werden müssen und es noch weniger lustig ist. Bin ich jetzt nicht besonders stolz drauf, aber trifft den Kern der Sache. Natürlich wünsche ich mir, dass es demnächst endlich mal wieder etwas richtig Gutes gibt. Übung macht den Meister. 

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Babylon Berlin: Geld allein genügt nicht

Laut Bambi ist Babylon Berlin die deutsche Serie des Jahres. Das geht irgendwie in Ordnung, denn eine bessere deutsche Serie fällt mir derzeit leider auch nicht ein. Vor allem keine, die zur besten Sendezeit im deutschen Fernsehen ausgestrahlt wurde. Es ist ja nicht so, dass es gar nichts Neues aus deutscher Produktion zu sehen gäbe, erfrischend unkorrekt, geistreich und dabei total lustig fand ich in diesem Jahr beispielsweise Das Institut – Oase des Scheiterns. Diese Serie beweist, dass man mit vergleichsweise wenig Aufwand richtig gute Unterhaltung machen kann. Und damit komme ich auch gleich zu meinem größten Kritikpunkt an der ausgezeichneten deutschen Megaserie. Im Fußball würde man es so formulieren: „Geld schießt keine Tore“. Um endlich mal eine Serie zu produzieren, die im internationalen Seriengeschäft mithalten kann, haben die Macher richtig viel Kohle in die Hand genommen, die ersten zwei Staffeln mit 16 Folgen à 45 Minuten, die in acht Doppelfolgen ausgestrahlt wurden, sollen 40 Millionen Euro gekostet haben. Damit ist Babylon Berlin ist die bisher teuerste nicht englischsprachige Serie überhaupt.

Babylon Berlin: Gereon Rath (Volker Bruch) und Charlotte Ritter (Liv Lisa Fries)

Babylon Berlin: Gereon Rath (Volker Bruch) und Charlotte Ritter (Liv Lisa Fries)

Und das sieht man auch, großartige Kulissen und Kostüme, optisch ist alles vom Feinsten. Babylon Berlin sei „ein opulentes Meisterwerk mit Suchtpotenzial“ las ich als Begründung für die Bambi-Auszeichnung, und ja, opulent ist die Serie zweifellos, und wenn man sich drauf einlässt, kann sie einen gewissen Sog entwickeln.

Das liegt unter anderem an den tollen Darstellern, insbesondere  Volker Bruch als Gereon Rath und Liv Lisa Fries als Charlotte Ritter. Und dann sind mit Peter Kurt, Matthias Brand, Lars Eidinger, Misel Maticevic, Leonie Benesch, Fritzi Haberlandt, Hanna Herzsprung, Marie Gruber, Benno Führmann und so weiter eine Menge Schauspieler aus der ersten Riege des deutschen Fernsehens vertreten, die ihre Sache allesamt so gut machen, wie es man von entsprechend ausgebildeten Profis erwarten kann. Und dann ist da noch Severija Janusauskaite, die mich als mysteriöse russische Gräfin Sorokina bzw. als androgyner Nachtclubsänger Nikoros begeistert hat.

Babylon Berlin: Die Sorokina (

Die Sorokina in Aktion (Severija Janusauskaite)

In Potsdam Babelsberg wurde für die Serie ein kompletter 20er-Jahre-Kiez aus Berlin nachgebaut, je nach Bedarf mit schäbigen oder prunkvollen Gründerzeitfassaden und damals modernen Gebäuden, zusätzlich gibt es beeindruckende  Computeranimationen, in denen der Alexanderplatz mitsamt den bestehenden Bauten in die späten 20er zurückversetzt wurde, auch wenn die beiden markanten Gebäude, das Alexanderhaus und das Berolinahaus von Peter Behrens, die dem Platz heute noch dieses 20er-Jahre-Flair verleihen, im Jahr 1929 noch gar nicht fertig gestellt waren – egal. Das rote Rathaus kann sich gut als Rote Burg verkleiden, wie das Polizeipräsidium bezeichnet wurde, das sich ungefähr dort befand, wo heute das Einkaufszentrum Alexa ist. Auch die Fahrzeuge, die Kleidung, die zahlreichen Statisten, das ist alles glaubwürdig und mit viel Liebe zum Detail ausgestaltet. Und selbst dort, wo die Serienmacher keine historischen Vorlagen benutzen, sondern sich einfach von den Möglichkeiten der damaligen Zeit inspirieren lassen, etwa beim extrem coolen Interieur des Moka Efti, das tatsächlich ein eher plüschiges Café mit orientalisch-inspirierter Pracht war, in der Serie aber ein ultramoderner Art-Deko-Tempel mit klaren Linien und viel Neolicht ist, oder bei dem Tanzschuppen, in dem die Sorokina als Nikoros auftritt, wird der Geist der damaligen Zeit gut eingefangen und in die heutigen Sehgewohnheiten übersetzt.

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So hätte der Alexanderplatz in den 20er Jahren aussehen können

Was mich nervt, ist, dass die eigentlich ziemlich gute Handlung des Romans Der nasse Fisch von Volker Kutscher, auf dem die Serie beruht, weitgehend umgeschrieben wurde. Das ist zum Teil der Seriendynamik geschuldet, wofür ich als Serienjunkie nun wirklich Verständnis habe. Allerdings wird die Geschichte dadurch zumindest teilweise schwach, weil gleichzeitig viele Nebenhandlungen ausgebaut wurden, wodurch der eigentliche Fall, den Gereon Rath aufklären soll, in den Hintergrund rückt. Oder waren das gleich mehrere Fälle? Da geht es Babylon Berlin dann wie einem Münsteraner Tatort, in dem der eigentliche Fall ja auch nur dazu dient, Thiel und Dr. Boerne eine Grundlage für ihren mehr oder weniger lustigen Kleinkrieg zu liefern.

Wobei das ja nicht immer schlecht sein muss und im Grunde finde ich sogar gut, dass einige der Nebenfiguren aus dem Roman in der Serie eine eigene Geschichte bekommen. Aber eine komplexe Serienhandlung ist keine Nummernrevue, in der man nach 90 Minuten wieder abschalten kann, und die Autoren machen es dem Publikum nicht gerade leicht, über mehrere solcher langen Teile hinweg dabei zu bleiben. Es gibt zwar einen großen, sämtliche Teile übergreifenden Handlungsbogen, aber angesichts der vielen Nebenhandlungen verliert die Serie immer wieder den Faden, was angesichts des veranstalteten Aufwands besonders schade ist.

Da ist beispielsweise Charlottes Freundin Greta Overbeck (Leonie Benesch), die in der Serie mittellos aus Usedom nach Berlin kommt und dort eine Anstellung als Hausmädchen beim Regierungsrat August Benda (Matthias Brand) findet, dem Chef der Politischen Polizei. Auch diese Figur wurde eigens für die Serie aufgebaut, sie ist vom Juristen Bernhard Weiß inspiriert, der in der Weimarer Republik Polizeivizepräsident in Berlin war. Der aus einer liberalen jüdischen Familie stammende Weiß war einer der wenigen republikanisch gesinnten höheren Beamten im Polizeiapparat. Weiß ging konsequent gegen Übergriffe der NSDAP vor und war deshalb immer wieder Diffamierungskampagnen ausgesetzt, 1933 wurde er aus dem Amt gejagt und floh über Prag nach London. Das ist eigentlich schlimm genug, doch in der Serie wird ihm ein noch grausameres Schicksal zuteil, an dem auch Greta beteiligt ist, die sich in ihrer Naivität von einem falschen Freund ausnutzen lässt.

Babylon Berlin: Das Moka Efti als Art-Deko-Tempel

Babylon Berlin: Das Moka Efti als Art-Deko-Tempel

In den Hintergrund rückt dafür der „Buddha“, wie der damalige Chef der Berliner Kriminalpolizei Ernst Gennat genannt wurde. Im Buch ist der Begründer der modernen Mordermittlung in Deutschland eine zentrale Figur, die Gereon Rath zu recht bewundert und fürchtet, in der Serie taucht Gennat erst in der zweiten Staffel auf, und da eher am Rande. Keine Ahnung, was die Serienmacher dazu bewogen hat, ausgerechnet diese interessante historische Figur in den Hintergrund zu rücken, denn Gennat liefert doch wirklich jede Menge Stoff für seriöse Krimihandlungen. Er entwickelte in den 20er Jahren die zentrale Mordinspektion und führte fortschrittliche Ermittlungstechniken wie eine systematische Spurensicherung am Tatort ein. Außerdem erfand er das Profiling schon Jahrzehnte bevor dieser Begriff überhaupt aufkam: Er baute ein Archiv auf, in dem sämtliche Fälle der Mordinspektion unter bestimmten Kriterien erfasst wurden. Auf diese Weise war es den Kriminalbeamten möglich, für jeden neuen Fall schnell vergleichbare Mordfälle und damit potenzielle Täter zu finden, wodurch die Aufklärungsrate für Mordfälle deutlich stieg. Unter Gennat lag die Aufklärungsquote bei knapp 95 Prozent, mehr schaffen auch die heutigen Kriminalisten mit modernster Technik nicht.

Auch die Figur der Charlotte Ritter wurde stark verändert, im Buch ist sie eine höhere Bürgertochter, die Jura studiert und, um Geld zu verdienen, als Stenotypistin bei der Polizei arbeitet. Denn in jenen Zeiten war noch undenkbar, dass eine Frau Kriminaloberrat werden könnte. Aber die für ihre Zeit moderne und emanzipierte Charlotte hat sich in den Kopf gesetzt, dass sich genau dieser Umstand ändern muss. Das ist in der Serie zwar auch so, hier stammt sie aber aus der Proletarierschicht, weshalb sie mit noch viel fragwürdigeren Jobs Geld verdienen muss, um über die Runden zu kommen. Wobei ich das für die Serie nicht schlecht finde, das gibt dieser Figur einen noch ganz anderen Dreh: Diese Charlotte ist eine typische Berliner Pflanze, die sich mit totalem Einsatz und viel Chuzpe aus ihrer deprimierenden Hinterhof-Herkunft erst in die Liga der gebildeten Bürgertöchter hoch kämpfen muss.

Babylon Berlin: Charlottes Zuhause. Eine typische Arbeiterwohnung jener Zeit

Babylon Berlin: Charlottes Zuhause. Eine typische Arbeiterwohnung jener Zeit

Auf diese Weise können die Serienmacher auch die dreckige, dunkle Kehrseite der aufstrebenden Metropole Berlin zeigen, denn die Mehrheit der Bewohner der deutschen Reichshauptstadt lebte in engen, überfüllten Arbeiterwohnungen und nicht wie Gereon Rath in möblierten Zimmern im Vorderhaus oder gar wie Regierungsrat Benda einer großzügigen Villa. Aber damit ist die Solidarität mit der Arbeiterklasse auch schon wieder erschöpft: Zwar wird den Umtrieben der aufstrebenden Nazis in der Serie eine Menge Raum gegeben, im Polizeiapparat gibt es viele Rechte, die mehr oder weniger offen mit den Nazis sympathisieren, die illegalen Aktivitäten der schwarzen Reichswehr und die Kumpanei mit den Rüstungskonzernen, die aus eigenen Motiven an der heimlichen Aufrüstung Deutschlands interessiert sind, spielen ebenfalls eine wichtige Rolle. Die Auseinandersetzungen mit den eher links organisierten Arbeitern kommen auch vor, vor allem die Unruhen vom 1. Mai 1929, der als Blutmai in die Geschichte eingegangen ist. 

Hier zeigen die Serienmacher zwar, was die spätere Auswertung der historischen Ereignisse zweifelsfrei ergeben hat, nämlich, dass die schwer bewaffnete Polizei unbewaffnete Arbeiter zusammengeschossen hatte, die entgegen des von Polizeipräsident Karl Zörgiebel verhängten Demonstrationsverbots den Aufrufen der KPD gefolgt und auf die Straße gegangen waren. Die Polizei beschoss auch Wohngebäude, an denen rote Fahnen aufgehängt worden waren. Es wurden 33 Zivilisten getötet und 198 verletzt, während kein einziger Polizist verwundet wurde – der einzige Polizist, der als angebliches Opfer der linken Gewalt präsentiert wurde, hatte sich die Schussverletzung versehentlich selbst beigebracht. Natürlich wurden diese Unruhen damals benutzt, um Stimmung gegen die Kommunisten zu machen, auch die SPD rechtfertigte die Polizeigewalt („Wer hat uns verraten – Sozialdemokraten“, immer wieder aktuell).

Das kommt alles so ähnlich auch in der Serie vor, allerdings wird aus dem mit den Sozialisten sympathierenden Arzt, der die Polizeikugeln aus unbeteiligten Opfern holt, ein wirklich unsympathisches Flintenweib, das ihrerseits später mit Morddrohungen um sich schmeißt. Musste das wirklich sein? Man hat doch damals schon so lange auf den Kommunisten rumgehackt, bis endlich mehr Leute die Nationalsozialisten gewählt haben. Kann man nicht endlich auch mal zugeben, dass die Kritik der Kommunisten an den für die Arbeiter ja nun wirklich nicht rosigen Verhältnissen durchaus begründet war? Immerhin hat sich wenige Jahre später brutalstmöglich herausgestellt, dass die Nazis eben nicht die bessere Alternative waren. Auch wenn es heute erschreckend viele Menschen gibt, die das schon wieder vergessen haben.

Babylon Berlin: Szene vom Blutmai 1929

Babylon Berlin: Szene vom Blutmai 1929

Es ist auch bezeichnend, dass die sonst so aufgeweckte Charlotte erstaunlich unpolitisch ist, wo sie doch schon aufgrund ihrer Herkunft durchaus mit der KPD sympathisieren könnte. Das wäre auch ein guter Ausgleich dafür, dass Gereon Rath trotz seiner Vorbehalte gegenüber den Nazis ein guter deutscher Beamter ist, der zwar heimlich Negermusik hört und wegen seiner Kriegstraumata morphinsüchtig ist, aber keineswegs revolutionäre Anwandlungen hat. Aber nein, so politisch die Serie sonst auch daher kommen will, immerhin darf die Witwe von Gereons im Krieg gefallenen Bruder bei einer Veranstaltung des Rüstungsfabrikanten Alfred Nyssen feststellen, dass der ja genau mit den Waffen, die ihren Mann getötet haben, ein gutes Geschäft gemacht hat, so flach bleibt sie in dieser Hinsicht ausgerechnet bei den beiden Hauptcharakteren. Da hilft auch die überstrapazierte Spannung nicht, wenn die beiden jeweils in scheinbar ausweglose Situationen geraten. Statt im Wasser versinkender Oldtimer und explodierender Güterwaggons wären mir intelligente Dialoge lieber. Nun ja, bevor meine Wunschliste, was ich gern einmal in einer deutschen Serie sehen würde, noch länger wird, mache ich Schluss.

Mein Fazit zu Berlin Babylon: Teurer, aber nicht besonders gut gelungener Versuch, aus einem akribisch recherchierten historischen Kriminalroman eine deutsche Erfolgsserie zu machen. Lohnt sich wegen der tollen Ausstattung und Darsteller aber trotzdem.

The Handmaid’s Tale: Erschreckend nah

Eine bei den aktuellen Emmys völlig zu recht mit Auszeichnungen überhäufte Serie ist The Handmaid’s Tale. Ende der 80er Jahre las ich den zugrunde liegenden Roman Der Report der Magd von Margarete Atwood. Kein schönes, dafür aber ein wirklich lesenswertes Buch, in dem das erschreckende Konzept einer totalitären US-Gesellschaft beschrieben wird, nachdem christliche Fundamentalisten die Macht im Staat übernommen haben. 1990 sah ich auch die Verfilmung des Romans von Volker Schlöndorff – aber soweit ich mich erinnere, fand ich die gar nicht so gut.

Die neue Verfilmung trifft die Sache sehr viel besser – gut, dass Hulu den Mumm hatte, eine solche Serie zu bestellen, denn genau solche Serien sind wichtig – schon um zu zeigen, wie fragil die bisher erkämpften Menschenrechte sind und wie schnell aus einer ach so freiheitlich-demokratischen Gesellschaft ein totaler Überwachungsstaat werden kann, in dem ein großer Teil der Menschen praktisch keinerlei Rechte mehr hat. Dazu braucht man weder Nazis, noch Kommunisten (die völlig zu unrecht immer wieder in einen Topf geworfen werden) – es braucht halt nur einer kritische Masse an Fanatikern, um ein unmenschliches System zu installieren, in dem die Interessen der meisten Menschen einfach keine Rolle mehr spielen.

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The Handmaid’s Tale: Elizabeth Moss als Offred

In The Handmaid’s Tale wird eine alternative Gegenwart beschrieben, der die meisten Menschen durch Umweltkatastrophen und Krankheiten unfruchtbar geworden sind. Weil die bisherige Politik keine Lösung für diese Probleme gefunden hat, haben konservative und christliche Gruppen Zulauf gefunden. Schließlich hat eine Gruppierung aus ultrakonservativen Christen im Zuge eines Militärputschs die Macht in den USA übernommen und den totalitären, christlich-fundamentalistischen Staat Gilead ausgerufen. Es gelten die Gesetze des alten Testaments, die Männer haben das Sagen und die Frauen dafür zu sorgen, dass es ihren Männern an nichts fehlt. Da ist nur das Problem mit dem Nachwuchs – schließlich ist es die natürlich Aufgabe der Frau, Kinder zu gebären und aufzuziehen. Blöd nur, wenn das mit dem Kinderkriegen nicht mehr funktioniert.

Also werden die wenigen, noch gebärfähigen Frauen zwangsverpflichtet, für die hochrangigen Würdenträger der neuen Gesellschaftsordnung als Mägde zu dienen, die keine andere Aufgabe haben, als bei einem ritualisiertem Geschlechtsakt, die jeweilige Ehefrau (die ebenfalls anwesend ist) zu vertreten, um schwanger zu werden und dann das Kind für das Paar auszutragen.

Keine Frage, den betroffenen Frauen passt das überhaupt nicht, deshalb gibt es ein extrem repressives Zwangssystem, um sie gefügig zu machen. Eine von den Mägden ist Offred (Elisabeth Moss), die in ihrem früheren Leben June Osborne hieß und eine Tochter mit Luke Bankole (O. T. Fagbenle) hatte, der eigentlich mit einer anderen Frau verheiratet war. Die beiden haben versucht, sich mit ihrem Kind nach Kanada abzusetzen, aber die Flucht misslang. June und ihre Tochter wurden aufgegriffen, Lukes Schicksal ist ungewiss.

June wird nun dem hochrangigen Commander Fred Waterford zugewiesen, weshalb ihr Name jetzt Offred ist. Die Mägde heißen immer nach ihrem jeweiligen Herrn, weshalb aus zum Beispiel  Ofwarren (Madeleine Brewer) im Laufe der Zeit Ofdaniel wird. Auch daran wird klar, dass es in Gilead nicht ums Individuum geht, sondern um die heilige große Sache einer christlich-fundamentalistichen Nation, die übrigens ziemliche Erfolge in Sachen Umweltschutz und Nachhaltigkeit vorweisen kann, weil knallhart neu definiert wird, was die Leute wirklich zum Leben brauchen und was nicht.

Das muss letztlich auch Serena Joy erfahren, die Frau des Commanders Fred, die zuvor noch in der freien US-Gesellschaft eins der Hauptwerke für eben diese neue Gesellschaft geschrieben hat – ich frage mich sowieso immer, was Frauen dazu motiviert, sich in konservativen und oder religiösen Gruppen zu engagieren – da sind doch genau die Typen unterwegs, die Frauen bisher schon das Leben schwer gemacht haben.

Serenas intellektuelle Fahäigkeiten werden nun ebenfalls auf Eis gelegt, weil Frauen ja nichts mehr zu sagen haben. Sie darf keine Reden mehr halten und keine Bücher mehr schreiben – es ist ihr im Laufe der ersten Staffel schon anzumerken, dass sie sich das alles etwas anders vorgestellt hat. Zwar hat sie als Hausherrin gegenüber den anderen Frauen noch eine privilegierte Stellung und kann die arme Offred schikanieren. Aber ansonsten hat sie nichts mehr zu melden – ihre einzige Opposition besteht darin, dünne Zigaretten zu rauchen.

Das Erschreckendste an The Handmaid’s Tale ist aber, dass dieses Horroszenario gar nicht so weit her geholt ist – es gibt schließlich Länder auf dieser Erde, in denen genau die Zustände herrschen, die uns in dieser Serie so verstören. Iran, Saudi Arabien und natürlich auch die Gebiete, die sich jene einstmals von den USA hochgerüsteten religiösen Fanatiker unter den Nagel gerissen haben, die jetzt als Taliban oder IS ihr Unwesen treiben. Am Rande will ich hier auch Israel und Palästina erwähnen, auch wenn hier die Lage eine andere ist. Worauf ich hinaus will: Es ist nie gut, wenn religiöse Dogmatiker das Sagen haben. Und auch nicht, wenn es sich um andere Dogmatiker handelt. Es ist nie gut, wenn eine bestimmte Gruppe von Menschen meint, die Interessen aller anderen zum Zwecke von welcher Sache auch immer unterbuttern zu dürfen.

Der trotzige Widerstand von Offred und ihren Leidensgenossinnen in The Handmaid’s Tale erinnert uns daran, dass es sich lohnt, gegen unaushaltbare Zustände anzukämpfen: Man muss nicht alles tun, was von einem verlangt wird, selbst wenn man eigentlich keine andere Wahl hat: Sie können uns nicht alle töten. Lieber ein schlechtes Leben mehr fürchten als den Tod.

Ab dem 4. Oktober gibt es bei Entertain Serien. Unbedingt ansehen

Ozark: Geldwäsche statt Drogen

Nachdem mich die neueren Netflix-Produktionen nicht mehr dermaßen vom Hocker gerissen haben (Berlin Station läuft zwar auf Netflix, ist aber von Epik), gibt es jetzt doch wieder ein Serienhighlight nach meinem Geschmack: Ozark. Leider war ich in den vergangenen Wochen brotjobtechnisch dermaßen ausgelastet, dass ich nicht dazu gekommen bin, zeitnah zum Erscheinen der Serie etwas zu schreiben, aber das hole ich hiermit nach.

Kurzes Fazit: Echt nicht schlecht. Aber eben auch nicht so nervenzerfetzend gut wie der weiterhin gültige Goldstandard in Sachen Verbrechen und Gesellschaft, Breaking Bad. Doch es wäre natürlich unbezahlbar, jede Serie mit einer dermaßen ausgefeilten Optik und Dramaturgie auszustatten – vor allem, so lange nicht klar ist, ob das Publikum auch mitzieht. Mit aufwendigen Projekten wie Sense8 oder The Get Down, die ich beide ziemlich gut fand, hat Netflix ja leider nicht so die Publikumshits gelandet, weshalb sie kurzerhand abgesägt wurden. Wobei ich mir sicher bin, das beide Projekte durchaus ihr Publikum gefunden haben – und noch finden werden, denn diese Serien sind inhaltlich und handwerklich sehr ambitioniert, weshalb sie als Klassiker ihrer jeweiligen Genres noch lange Zeit sehenswert sein werden, obwohl die Plots zum Teil etwas unausgegoren sind.

Ozark: Wendy (Laura Linney) und Marty (Jason Bateman) Bild: Netflix

OzarkOzark: Wendy (Laura Linney) und Marty (Jason Bateman) Bild: Netflix

Ozark ist im Vergleich dazu einige Nummern kleiner, aber durchaus mit Netflix-Klassiker-Potenzial, denn die Geschichte hat es in sich: Der Vermögensberater Marty Byrde (Jason Bateman) ist offenbar dermaßen gut in seinem Job, dass er, während er in Kundengesprächen eben diese berät, nebenbei noch Pornos schauen kann. Doch schnell stellt sich heraus, dass es sich um etwas ganz anderes handelt: Martys Frau Wendy (Laura Linney) geht fremd, wofür der Marty beauftragte Privatdetektiv gerade den Beweis geliefert hat. Wendy langweilt sich offenbar als Hausfrau und Mutter von zwei Teenager-Kindern – wobei sie selbstverständlich eine gute Mutter ist. Aber eben nicht ausgelastet, denn Marty arbeitet zu viel. Aber wie soll man sich sonst auch ein nettes Haus in einem angenehmen Vorort von Chicago und die Privatschulen für die Kinder leisten.

Marty und Wendy spielen abends vor den Kindern heile Familie, aber dann taucht jeder in seine Welt ab – oder vor seinen Bildschirm. Immerhin fragen sich die beiden gegenseitig noch, ob der jeweils andere das, was auf dem großen Bildschirm gerade läuft, noch weiter sehen will. Doch alle sind mit ihren eigenen kleinen Bildschirmen beschäftigt.

Genau dieses scheinbar friedliche, aber ach so öde Familienleben wird auf den Kopf gestellt, weil die Mafia unzufrieden mit den Geschäften von Martys Partner Bruce ist, der offenbar Geld für ein mexikanisches Drogenkartell gewaschen und bei der Gelegenheit für sich selbst ein paar Millionen abgezweigt hat. Der mexikanische Boss Del (Esai Morales) versteht keinen Spaß (das weiß man ja spätestens seit Breaking Bad) und tötet erst die Geliebte von Bruce und dann Bruce selbst. Marty kann sich nur retten, in dem er Del ein absurdes Geschäft anbietet: Er wird für ihn noch viel mehr Geld waschen, weil er da eine geniale Idee hat: Die Ozarks.

Genau davon hatte ihm Bruce vor wenigen Stunden noch erzählt: Eine durch Staudämme erschaffene Seenlandschaft in Missouri, eigentlich voll das Hinterwäldlergebiet, aber wegen der vielen attraktiven Seegrundstücke und unendlicher Möglichkeiten für Angler und Jäger im Sommer ein Touristenhotspot – so eine Art uramerikanisches Naherholungsgebiet. Weil Marty ein begnadeter Verkäufer ist, gibt Del ihm tatsächlich eine Chance. Aber nur, wenn er innerhalb von 48 Stunden die acht Millionen Dollar beschafft, die Bruce abgezweigt hat.

Und jetzt geht es erst richtig los – die Beschaffung von acht Millionen Dollar Bargeld stellt auch einen ausgebufften Vermögensberater vor erhebliche Probleme – aber Marty schafft es immerhin, sieben Millionen und ein paar zerquetschte aufzutreiben. Dumm nur, dass ihm dann seine Frau und ihr Lover in die Quere kommen. Aber Del regelt auch das – es handelt sich schließlich um SEIN Geld. Es gibt also im ersten Teil schon reichlich Leichen.

Damit hatte Ozark mich allerdings am Haken – der Feind vom meinen Feind ist mein, naja, vielleicht nicht Freund, aber doch ein Alliierter. Das versprach interessant und kompliziert zu werden. Und so kam es auch – Marty ist der beschissenste Familienvater seit Walter White, aber genau das spricht ja auch für ihn: Er will seine Familie wirklich retten – gerade weil ihm bewusst ist, dass er daran schuld ist, dass nun alles den Bach herunter geht. Denn die Flucht in die Ozarks gelingt zwar, aber die Hinterwälder dort sind gar nicht so doof, wie Marty sie bräuchte.

Diese misstrauischen weißen Verlierer kapieren sehr wohl, wenn man ihnen ein Geschäft aufschwatzen will, in dem sie niemals die Gewinner sein können. Denn sie wissen, dass an allem, was Marty ihnen verspricht, ein Haken sein muss: Kein Mensch würde Geld investieren, damit es ihnen gut geht, da sind sie zu zu recht skeptisch. Und krumme Geschäfte, die machen sie alle schon selbst, da brauchen sie keinen Schlipsträger aus Chicago, der bei ihnen Geld waschen will.

Insofern fährt Marty mit seinem Plan erstmal grandios vor die Wand – immerhin gibt es noch vier Wände, weil die untreue Wendy sich als geschickte Verhandlerin entpuppt, ihr gelingt es, mit wenig Geld ein brauchbares Familiendomizil aufzutreiben: Ein ganz hübsches 70er-Jahre-Haus mit Seeblick und Bootsschuppen. Total billig, weil der Eigenümer, der schwer krank ist, noch lebenslanges Wohnrecht verlangt, er hat noch ein Jahr, Maximal 18 Monate. Er zieht auch bescheiden in die Kellerwohnung. Da verzeiht man ihm auch, dass er gern nackt im See baden geht (eh erstaunlich, dass die Amis damit so ein Problem haben…).

Natürlich ist auch der Nachwuchs mit der Situation nicht glücklich – beide Kinder entwickeln ein ärgerliches Eigenleben und dann sind da auch noch die Kinder der Einheimischen, die nicht weniger kriminell sind als ihre Eltern. Insbesondere die für ihre 18 Jahre erstaunlich abgebrühte Ruth Langmore (Julia Garner), deren Vater im Knast sitzt, sie aber für den intelligentesten Menschen weit und breit hält – was weitgehend zutrifft. Und so kommt das bewährte Rezept zum Tragen, dass Marty mit jeder vermeintlichen Lösung eines Problems ein noch viel größeres schafft – zum Glück haben die anderen aber auch Probleme und sind nicht besonders gut darin, sie nachhaltig zu lösen. Insofern ist Ozark dann doch eine ziemlich gute Serie, auch wenn sie an Hochqualitätsproduktionen aus den Häusern HBO oder AMC nicht herankommt.

Berlin Station: Amerikaner in Berlin

Als ich vor ein paar Tagen nach Hause kam, standen hinter meinem Wohnblock mehrere Mietlaster. Hinter den Windschutzscheiben Schilder, die darauf schließen ließen, dass Anonymous Content just in meiner Gegend dreht – und weil das ja auch die Produktionsfirma hinter meiner Lieblingsserie Mr. Robot ist, musste ich gleich mal recherchieren, was die hier in Berlin gerade tun. Offenbar wird derzeit die zweite Staffel von Berlin Station hier gedreht – und so setzte ich alles daran, an die erste Staffel dieser Serie zu kommen, die leider noch gar nicht in Deutschland ausgestrahlt wurde. Aber wie ich inzwischen gesehen habe, kommt sie ab dem 18. Juli auch hierzulande auf Netflix. Insofern brandaktuell!

Screenshot Berlin Station: Reichstag in Berlin

Screenshot Berlin Station: Reichstag in Berlin

Berlin Station wurde vom US-Kabelsender Epix in Auftrag gegeben und im Herbst vergangenen Jahres in den USA ausgestrahlt. Von dem Sender hatte ich zuvor noch nie gehört, meinen Recherchen zufolge wurde er erst Ende 2009 gegründet, womit er der jüngste unter den Premium-Kabelsendern der USA sein dürfte. Epix gehört zum Metro-Goldwyn-Mayer-Imperium und hat sein Hauptquartier im Bertelsmann Building in New York. Nun sollte man wissen, dass Bertelsmann ein deutscher Medienkonzern ist, der in Gütersloh sitzt. Zu Bertelsmann gehören die RTL Gruppe, Penguin Random House, Gruner & Jahr, BMG, Arvato und diverse weitere Bertelsmann-Unternehmen. Soviel zur Medienmacht von Bertelsmann und den Verbindungen zu Deutschland – es ist ja schon interessant, dass eine von einem US-Network in Auftrag gegebene und offenbar für ein US-Fernsehpublikum konzipierte Serie komplett in Berlin spielt – und in Berlin bzw. Potsdam Babelsberg produziert wird.

Screenshot Berlin Station: U-Bahnhof Alexanderplatz

Screenshot Berlin Station: U-Bahnhof Alexanderplatz

Okay, wir hatten das schon einmal mit der fünften Staffel von Homeland – wobei Homeland ja nun eine durch und durch amerikanische Serie ist, auch wenn sie CIA-bedingt immer wieder außerhalb der USA spielen muss, schließlich ist die CIA nun einmal der Auslandsgeheimdienst der Staaten. Um die CIA geht es auch in Berlin Station – und Berlin ist ja nun auch ein cooler Ort, es muss nicht immer Teheran, Bagdad oder Abu Dhabi sein. Die Sprachbarriere ist in Berlin auch nicht wirklich ein Problem, zumindest die jüngeren Berliner sprechen sehr viel besser Englisch als ein Durchschnittsamerikaner Deutsch, selbst wenn der in Deutschland arbeitet – was für unsereins eigentlich ein Running Gag solcher Serien ist: Es ist einfach zu putzig, wenn Amerikaner versuchen, Deutsch zu reden. Ja, gewiss ist es auch putzig, wenn Deutsche Englisch reden, aber wir werden hierzulande ja wesentlich häufiger zum Gebrauch von Fremdsprachen gezwungen – zumindest wenn wir auf der Höhe der Zeit bleiben wollen. Schon weil es viel zu lange dauert, bis die interessanten US-Serien hierzulande offiziell verfügbar sind. Da ziehen wir uns das doch lieber gleich in der Originalsprache rein.

Screenshot Berlin Station: Daniel Miller (Richard Armitage) auf den Dächern von Berlin

Screenshot Berlin Station: Daniel Miller (Richard Armitage) auf den Dächern von Berlin

Damit zurück zur Serie – in Berlin Station wird tatsächlich viel Deutsch gesprochen, was durchaus für die Serie spricht. Denn warum sollten Deutsche untereinander nicht deutsch sprechen?! Deutsch mit englischen Untertiteln ist auch mal ganz lustig. Es sind entsprechend eine Reihe deutscher Schauspieler mit dabei, etwa Bernhard Schütz als Hans Richter, der ein hohes Tier beim deutschen Verfassungsschutz ist, Victoria Mayer als Ingrid Hollenbeck, einer Chefredakteurin der Berliner Zeitung, Claudia Michelsen als Patricia Schwarz, der deutschen Kusine von Agent Daniel Miller (Richard Armitage) oder Sabin Tambrea als – nun ja, einer sehr tragischen Figur mit vielen Facetten, die im Grunde der Auslöser der aufsehenserregenden Aktionen des geheimnisvollen Thomas Shaw ist.

Worum es geht: Der CIA-Analyst Daniel Miller entdeckt eine Verbindung zwischen scheinbar zusammenhangslosen Leaks, bei denen äußerst sensible Informationen über die Arbeit der CIA an die Öffentlichkeit gelangten. Es scheint sich dabei immer um den selben Whistleblower zu handeln. Das aktuellste Leck wird ausgerechnet von der Berliner Zeitung veröffentlicht. Also wird Miller nach Berlin geschickt, um den Whistleblower zu enttarnen. Die Ironie dabei: Daniel Miller ist ein geborener Berliner. Seine Mutter wurde brutal ermordet, als er acht Jahre alt war. Weil sein Vater Amerikaner war, wuchs er nach dem Tod der Mutter in den Staaten auf.

Screenshot Berlin Station: Daniel Miller (Richard Armitage) inside Berliner Zeitung

Screenshot Berlin Station: Daniel Miller (Richard Armitage) inside Berliner Zeitung

In Berlin trifft Miller (der übrigens nur noch schlecht Deutsch spricht) zwei sehr unterschiedliche Typen: Den Chef der titelgebenden Berlin Station Steven Frost (Richard Jenkins), der bereits zu Zeiten des Kalten Kriegs bei der CIA angefangen hat und auf Hector DeJean (Rhys Ifans), der ihn in seinen neuen Job einweisen soll. Auch Hector ist ein Veteran, und wie sich herausstellt, gibt es eine alte Geschichte zwischen Hector und Daniel – die dazu führte, dass Daniel sich aus dem Dienst im Feld zurückzog und fortan als Analyst seinen Dienst tat.

Ich will jetzt nicht den Fehler wiederholen, den ich viel zu oft mache – nämlich eine komplette Inhaltsangabe der Serie zu liefern. Nur so viel: Mir gefällt Berlin Station sehr gut – die Handlung ist nicht so hysterisch und an den Haaren herbeigezogen wie bei Homeland. Was ich auf jeden Fall als Plus werte: Hier gibt es keine manisch-depressiven Superagentinnen und auch keine Kriegshelden, die möglicherweise umgedrehte islamistische Selbstmord-Attentäter sind. Die Figuren in Berlin Station sind realistischer, was sie aber nicht weniger interessant macht. Denn alle haben für das, was sie tun, einen guten Grund. Und die Serienmacher nehmen sich die Zeit, um die Motive der jeweiligen Hauptfiguren nachvollziehbar zu erklären.

Screenshot Berlin Station: Der Mann im Hintergrund - Hector DeJean (Rhys Ifans)

Screenshot Berlin Station: Der Mann im Hintergrund – Hector DeJean (Rhys Ifans)

Dadurch wird die Handlung alles in allem ziemlich vorhersehbar – was von Adrenalinjunkies vielleicht als Minus gewertet werden kann. Aber in Berlin Station geht es eben nicht um möglichst abgefahrene Plottwists, sondern um eine vergleichsweise solide Story über den zu enttarnenden Whistleblower, der sich Thomas Shaw nennt (es wird am Ende auch gezeigt, wie er auf genau diesen Namen gekommen ist) und die oberen Chargen der CIA-Station in Berlin ganz schön in Bedrängnis bringt. Denn es werden nicht nur hässliche Details der die Methoden der CIA ausgeplaudert – die ja spätestens seit dem Abu-Ghraib-Folterskandal einer breiten Öffentlichkeit ohnehin bekannt sind – sondern auch über Verbindungen zu den deutschen Geheimdiensten, was die Deutschen ganz schön ärgert. Und die können ziemlich nerven, wenn sie verärgert sind. Wie diese Chefredakteurin der Berliner Zeitung, die sich aus Sicht der CIA in verantwortungslosester Weise von Thomas Shaw instrumentalisieren lässt und seine Leaks veröffentlicht. Doch auch die Leute vom Verfassungsschutz sind nicht glücklich darüber.

Screenshot Berlin Station: Ingrid Hollenbeck (Victoria Mayer), heimlich überwachte Chefredakteurin der Berliner Zeitung

Screenshot Berlin Station: Ingrid Hollenbeck (Victoria Mayer), heimlich überwachte Chefredakteurin der Berliner Zeitung

Und dann sind da noch die Israelis, die dem Chef der Berliner CIA-Station Robert Kirsch (Leland Orser) behilflich sind, weil er doch als Jude einer von ihnen sein sollte, woran sie ihn mehr oder weniger sanft erinnern müssen: Eine Hand wäscht die andere und sowohl gegen die Deutschen, als auch gegen die Islamisten müssen sie doch zusammen halten. Dass es mit den jeweiligen Fronten und Loyalitäten nicht so einfach ist, wird immer wieder und an vielen Stellen gezeigt – insofern ist Berlin Station dann doch wieder komplex genug, um einen fortgeschrittenen Serienjunkie wie mich zufrieden zu stellen. Natürlich geraten hier auch Zivilisten zwischen die Fronten, die eigentlich nur Gutes tun wollten, es gibt eine ganze Reihe bedauerlicher Kollateralschäden.

Steven Frost (Richard Jenkins), Chef der Berlin Station

Steven Frost (Richard Jenkins), Chef der Berlin Station

Wie im wahren Leben ist alles ziemlich komplex – so hat der Islamistische Terror auch in Deutschland mitunter ein weibliches Gesicht und die Haltung Deutschlands in der Flüchtlingsfrage wird natürlich nicht nur von deutschen Rechten und Konservativen instrumentalisiert, um Stimmung gegen die Fremden zu machen, sondern auch findige Terrorunterstützer nutzen Institutionen, die angeblich Flüchtlingen helfen sollen, um Unterstützer des IS-Terrors zu rekrutieren. Gute Absichten werden eben auch von genau den Leuten ausgenutzt, die man eigentlich überhaupt nicht unterstützen wollte. Und umgekehrt: Der von den USA ausgerufene Krieg gegen den Terror mit seinem gnadenlosen Repressionssystem von Blacksites außerhalb der USA führt eben auch dazu, dass aus eigentlich harmlosen Verdächtigen, die zufällig in die Folter-Maschinerie geraten sind, am Ende wirklich Täter werden.

Berlin Station: Immer wieder historische Bilder der Mauer

Berlin Station: Immer wieder historische Bilder der Mauer

Insofern ist Berlin Station trotz kleinerer Schwächen in der Story eine der besseren Spionage-Serien – natürlich gibt es von mir auch einen gewissen Berlin-Bonus. Wobei man wirklich einiges von Berlin sieht, die Stadt ist auch nicht so absurd zusammengeschnitten wie man das von anderen Produktionen kennt, und zwar auch von deutschen Serien und Filmen, in denen die Leute in der U-Bahn am Alexanderplatz aussteigen und dann am Potsdamer Platz oder am Ku’damm rauskommen. Obwohl schon interessant ist, dass die geheimen Wohnungen der CIA durchweg schon Jahrzehnte vor der Wende nicht mehr renoviert wurden. Liebe Amerikaner – es stimmt nicht, dass Berliner Wohnungen alle noch im 70er-Jahre-Stil (oder älter) eingerichtet sind, auch wenn das unter Hipstern vielleicht gerade wieder angesagt ist. Und auch noch ein Tipp für Thomas Shaw: Die Berliner Zeitung kennt außerhalb Berlins kaum jemand – vielleicht beim nächsten Mal doch ganz professionell bei Wikileaks leaken? Oder ein Fake-Account bei Facebook einrichten?

Screenshot Berlin Station: Potsdamer Platz

Screenshot Berlin Station: Potsdamer Platz

Wonder Woman: Leider kein Wunder

Superheldenfilme – oder inzwischen ja auch Superheldinnenfilme – sind nicht gerade mein Lieblingsgenre, auch wenn ich mich gelegentlich dazu hinreißen lasse, mir so etwas anzusehen. Meistens bestätigt das, was ich sehe, meine Vorbehalte gegenüber diesem Genre. Genauso ist das auch bei Wonder Woman. Der Film ist entgegen vieler freundlicher Kritiken, die anderes erwarten ließen, leider auch wieder nur so ein Superheldinnenstreifen mit viel Krawumm und noch mehr Spezialeffekten, also genau das, was mich an diesem Blockbuster-Überwältigungs-Kino so nervt, weil es hauptsächlich um die Optik geht und die Geschichte, die erzählt wird, eigentlich fast keine Rolle mehr spielt. Wobei das jetzt ein bisschen unfair ist, gemessen an anderen Superheldenstreifen gibt es hier vergleichsweise viel Geschichte, wobei die griechische Antike aus der Sicht der Götter, die in den ersten zwanzig Minuten abgehandelt wird, noch der beste Teil ist. Dazu kommt, dass heutzutage jeder Actionfilm versucht, wie ein Computerspiel auszusehen, was mir zusätzlich auf den Keks geht. Nur dass dieses Mal eine Frau auf den Putz hauen darf, statt dem Held nur assistieren zu dürfen oder sich gar retten lassen zu müssen.

Filmplakat Wonder Woman Bild via kadacinemas.com

Filmplakat Wonder Woman Bild via kadacinemas.com

Aber macht das einen Film schon „feministisch“, wie einige der Kritiken behaupteten? Meiner Ansicht nach: nein. Und auch die Tatsache, dass eine Frau Regie geführt hat, hilft da nicht weiter, auch wenn Patty Jenkins hier beweist, dass eine Frau genauso  in der Lage ist, Blockbuster-Produktionen zu dirigieren wie ein Mann. Warum auch nicht. Klar gefällt mir das, und aus Prinzip auch, dass in Wonder Woman gleich reihenweise superstarke Frauen zu bewundern sind. Selbst die matronenhafte Sekretärin (bemerkenswert: Lucy Davis als Etta) in der „realen Welt“ entpuppt sich als extrem patent, auch wenn sie nicht über Superkräfte verfügt, sondern einfach nur so auf Zack ist. Interessant auch, dass Wonder Woman auf dem nordamerikanischen Markt kinokassenmäßig längst an den anderen Superheldenepen aus dem Hause DC vorbeigezogen ist. Aber andererseits auch wieder klar – Man of Steel, Suicide Squad oder Batman vs Superman sind halt eher für Jungs als für Mädchen gemacht.

Und jetzt wird das gleiche Spektakel zur Abwechslung mal so aufgezogen, dass auch die Mädels sich das ansehen wollen, und ihren Freund mit schleppen, der bei Wonder Woman gewiss auch auf seine Kosten kommt. Natürlich geht es wieder mal darum, dass die Welt gerettet werden muss und in diesem Fall wird sie halt von der Wunderfrau Diana/Diane Prince (Gal Gadot) gerettet. Und Diana ist nicht nur wahnsinnig stark und mutig, sondern erkennt schließlich auch, dass die Liebe die allerstärkste Kraft ist. Hach. Da kann am Ende auch der wahnsinnig mächtige Kriegsgott Ares nicht mehr viel ausrichten. Das reicht für satte 92 Prozent auf dem Tomatometer – Suicide Quad kommt nur auf 25 Prozent. Auf imdb erreicht Wonder Woman eine glatte 8, Suicide Squad immerhin eine 6,2.

Wonder Woman: Robin Wright als Generalin Antiope Bild: Warner Bros via moviepilot.de

Wonder Woman: Robin Wright als Generalin Antiope Bild: Warner Bros via moviepilot.de

Aber warum?! Okay, Gal Gadot ist als Wonder Woman ebenso sexy wie schlagkräftig – die Kostüme der Amazonen sind spektakulär und die ehemalige Miss Israel Gal war vor ihrer noch jungen Schauspielkarriere Kampftrainerin bei der israelischen Armee. Insofern sieht sie nicht nur gut aus, sondern ist als Kämpferin ähnlich überzeugend wie Lagertha aus Vikings, deren Darstellerin Kathryn Winnick ebenfalls als Trainerin für verschiedene Kampfsportarten angefangen hat, bevor sie zur Schauspielerei kam. Und mit Connie Nielsen (Königin Hippolyta, Dianas Mutter) und Robin Wright (Generalin Antiope) sind weitere starke Frauen an Bord, überhaupt diese ganzen Amazonen, die alle wahnsinnig gut aussehen, furchteinflößende Kriegerinnen sind und nebenbei auch sämtliche Sprachen sprechen – blöd nur, dass sich die Damen vom Rest der Welt so vollständig abgekapselt haben, dass sie überhaupt nicht mehr mitkriegen, was da eigentlich los ist.

Von den antiken Göttern ist nur noch einer übrig geblieben, ausgerechnet der Kriegsgott Ares (David Thewlis, herrlich perfide auch als Steves Geheimdienstchef Chef Sir Patrick Morgan). Und der flüstert den Menschen eine Menge übler Ideen ein, die sie dann gegeneinander verwenden – Menschen sind bekanntermaßen ziemlich blöd. Und manche dabei auch noch ziemlich böse, wie General Ludendorff (Danny Huston) und die Chemikerin Dr. Isabel Maru (Elena Anaya), die den ersten Weltkrieg mit dem Einsatz eines noch tödlicheren Giftgases, das auch Schutzmasken zerstört, noch für die Deutschen entscheiden wollen. In Wonder Woman ist also auch die Rolle des besessenen Genies, das für die dunklen Mächte schreckliche Waffen entwickelt, mit einer Frau besetzt. Toller Fortschritt, nicht wahr? Wobei es ja nun mal so ist, dass Frauen nicht unbedingt bessere Menschen sind, weil sie zwei X-Gene haben. Ich sag nur Maggie Thatcher, Hillary Clinton, Angela Merkel. Sie sind aber auch keine schlechteren Menschen als beliebige XY-Varianten.

Wonder Woman: Chris Pine als Steve Trevor Bild: Warner Bros via filmstarts.de

Wonder Woman: Chris Pine als Steve Trevor Bild: Warner Bros via filmstarts.de

Was in der Zeit, in der die Handlung des Films spielt, noch nicht öffentliche Meinung war. Damals kämpften die Frauen in Europa noch um Anerkennung als vollwertige Menschen, etwa beim Wahlrecht. Bei gleichem Lohn für gleiche Arbeit kämpfen wir noch immer darum, das nur nebenbei. Die eigentlich recht wenigen lustigen Szenen in dem Film ergeben sich aus dem Unverständnis der unter starken Frauen aufgewachsenen Diana gegenüber den Gepflogenheiten der britischen Gesellschaft, in der Frauen sich unpraktisch kleiden und offenbar nicht in den Kampf ziehen, sondern undankbare Hilfsarbeiten leisten müssen und sonst nichts zu sagen haben. Denn der Bruchpilot Steve Trevor (Chris Pine), der in der Nähe der paradisischen Insel Themyscira abgestürzt ist und von der Amazone Diana gerettet wurde, nimmt Diana mit nach London. Einen furchtbaren Ort, wie Diana findet.

Zuvor wurden zahlreiche Amazonen von den Deutschen getötet, die auf der Suche nach dem britischen Spion ebenfalls nach Themyscira gelangt sind – und moderne Waffen haben. Gegen Gewehre und Kanonen können auch die besten Kämpferinnen mit ihren antiken Schwertern, Lanzen und Bögen nicht viel ausrichten. Einzig Diana ist kugelsicher und somit für die nun anstehende Mission geeignet: Sie will in den Krieg ziehen, um dessen Verursacher Ares zu finden und zu töten, damit das weltweite Schlachten endlich ein Ende hat. So weit, so naiv – das kommt davon, wenn Mama ihr wertvolles Töchterchen der bösen Welt nicht gönnt. Aber immerhin hat Diana, die übrigens direkt von Zeus abstammt, die beste und härteste Ausbildung durchlaufen, die Amazonen zu bieten haben und eben auch das gewisse Etwas, mit dem sie Steve Trevor überzeugen kann, sie mitnehmen. Denn den Krieg beenden, das ist auch seine Mission. Nur hat die wenig mit dem Kriegsgott Ares zu tun, an den er sowieso nicht glaubt.

Wonder Woman: Das historische Foto aus dem ersten Weltkrieg Bild via slashfilm.com

Wonder Woman: Das historische Foto der Chaostruppe aus dem ersten Weltkrieg                        Bild via slashfilm.com

Diana hat immer wieder die Gelegenheit, Steve und seinen Kumpanen das Leben zu retten – und sie ist empört über diese Kriegsführung, die einfach nicht mit ihren altertümlichen Vorstellungen von Ehre und Gerechtigkeit in Übereinstimmung zu bringen ist. So versucht sie, die Bewohner des belgischen Dorfes Veld im Niemandsland zwischen deutschen und französischen Truppen zu retten – was ihr entgegen aller Erwartung tatsächlich gelingt. Allerdings fällt genau dieses Dorf später dann den Giftgasgranaten von Ludendorff und Dr. Maru zum Opfer. Diana glaubt deshalb, Ludendorff sei Ares und will ihn töten. Das tut sie auch, doch dann gibt sich der wahre Kriegsgott zu erkennen, nämlich Sir Morgan. Der will Diana überzeugen, dass die Menschheit schwach und korrupt ist, und dass es sich nicht lohnt, für die Menschen zu kämpfen. Derweil opfert Steve sein Leben, um einen Giftgasangriff auf London zu verhindern. Diana und Steve waren sich nach der Befreiung von Veld näher gekommen, und aus Liebe zum jetzt leider toten Steve wächst Diana über sich hinaus und schafft es schließlich, den mächtigen Ares zu vernichten.

Nun ja, man weiß ja, dass es mit dem Ende des ersten Weltkriegs eigentlich erst richtig angefangen hat – der zweite Weltkrieg war noch grausamer und derzeit sieht es auch nicht gerade toll auf der Welt aus. Ares ist definitiv noch am Ruder und Wonder Woman wäre jetzt eigentlich nötiger denn je. Aber die sortiert ja nun Fotos im Louvre.  Ist das jetzt die feministische Antwort auf Krieg und Konflikt? In sentimentalen Erinnerungen an vergangene Siege und verlorene Liebe schwelgen, während die Welt um einen herum in Stücke fällt? Also ich weiß nicht.

Wonder Woman mag zwar weniger hirnlos als andere Blockbuster aus dem Hause DC sein, aber ich finde nicht, dass man diesen Film unbedingt gesehen haben muss. Aber wenn man sich schon einen Krawumm-Streifen reinziehen will – warum dann nicht diesen. Schlechter als andere Comic-Verfilmungen ist Wonder Woman auf keinen Fall. Aber leider auch nicht besser.

Liste trauriger Dinge: BCS, Fargo, Mikael Nykvist

Hach, ist das traurig – am Wochenende habe ich jeweils den letzten Teil der dritten Staffel von Better Call Saul und von Fargo gesehen. Und beides geht nicht gut aus, wie man sich denken kann, aber es sind jeweils dermaßen passende und genial gesetzte Schlusspunkte, dass ich meiner Begeisterung hier noch einmal Ausdruck verleihen muss. Auch wenn es Menschen geben soll, die genau diese Art Serien tot langweilig finden. Aber die haben es auch nicht anders verdient.

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Mit der Folge Laterne klärt sich endlich das Verhältnis der McGill-Brüder, wenn auch auf schlimmstmögliche Weise: Chuck gibt endlich zu, dass ihm Jimmy eigentlich total egal ist – Jimmy hat also die ganze vergeblich um die Anerkennung durch seinen großen Bruder gekämpft. Der eigentlich immer nur darauf versessen ist, zu verhindern, dass Jimmy Anwalt wird, weil er ihn charakterlich für völlig ungeeignet hält: Chuck weiß, dass Jimmy ein notorischer Lügner ist, ein begabter Trickbetrüger, ein brillanter Schwindler – und das alles ist Jimmy ja tatsächlich. Der kleine Bruder kann nur mit Betrug und unfairen Tricks besser sein als der große Bruder, das haben wir in der Staffel davor bereits gesehen. Aber Chuck übersieht bei all seinen berechtigten Vorbehalten gegen Jimmys Berufsauffassung, dass Jimmy bei trotzdem ein gutes Herz hat. Und es ist inzwischen klar, dass Chuck der verrücktere und herzlosere von beiden Brüdern ist.

Screenshot Better Call Saul: "Chuck" Charles McGill (Michael McKean)

Screenshot Better Call Saul: „Chuck“ Charles McGill (Michael McKean)

Chuck wird mit einer großzügigen Abfindung aus der von ihm mit gegründeten Kanzlei heraus komplimentiert, während sein kleiner Bruder Jimmy mit seiner Kanzlei-Gründung in so ziemlich jeder Hinsicht scheitert. Und Jimmy fühlt sich auch noch schuldig am Unfall seiner Partnerin Kim, die völlig überarbeitet am Steuer ihres Autos eingenickt ist. Und dann ist da auch noch das Dilemma mit den alten Damen, das Jimmy dann aber in Überwindung seines Egos noch erfolgreich lösen kann – denn wie gesagt, eigentlich hat er ein gutes Herz. Es tut ihm dermaßen leid, dass die von ihm übertölpelte Irene in der Seniorenresidenz wie eine Aussätzige behandelt wird, dass er seinen guten Ruf bei den anderen Ladys ruiniert, um die Sache wieder ins Reine zu bringen. Wie die Sache mit Kim und Jimmy ausgeht, ist hingegen noch immer nicht klar.

Screenshot Better Call Saul: Jimmy McGill (Bob Odenkirk)

Screenshot Better Call Saul: Jimmy McGill (Bob Odenkirk)

Immerhin wissen wir nun, warum sich Gus Frings und Hector Salamanca nicht ausstehen können, und auch warum Hector in Breaking Bad an den Rollstuhl gefesselt ist und seine Sprachfähigkeit eingebüßt hat. Und auch, dass der Verwandlung des betrügerischen, aber letztlich menschenfreundlichen Slipping Jimmy in den aalgatten Kriminellen-Anwalt Saul Goodman irgendwas mit dem überaus grausamen Ende des letzten Teils zu tun haben dürfte. Inzwischen ist eine vierte Staffel von Better Call Saul beauftragt – heute habe ich gelesen, dass Better Call Saul zwar nicht die Quoten der letzten Staffeln von Breaking Bad erreicht, aber doch unter den drei meist gesehenen Serien im US-Kabelfernsehen gehört. Immerhin muss ich sagen, denn Vince Gilligan und Peter Gould haben den doch sehr eigenen Breaking-Bad-Stil in Better Call Saul noch einmal verfeinert und quasi unter die Lupe gelegt: Ich kann nachvollziehen, dass es Serienseher gibt, die bei so etwas einfach aussteigen.

Screenshot Better Call Saul: Jimmy McGill (Bob Odenkirk) und Kim (Rhea Seehorn)

Screenshot Better Call Saul: Jimmy McGill (Bob Odenkirk) und Kim (Rhea Seehorn)

Aber das ist genau das, was mir besonderes Vergnügen bereitet – wir haben doch jetzt hochauflösende Bilder und riesige Bildschirme, also ist es doch super, wenn es akribische Bildkompositionen zu analysieren gibt. Und wir kennen bereits so viele Stereotypen aus anderen Serien, da muss man einfach mit vielschichtigen, widersprüchlichen Charakteren aufwarten, die so genervt kucken können wie Mike Ehrmantraut oder so verächtlich wie Hector Salamanca. Oder so zerknirscht wie Jimmy McGill. Mich erinnert das an die zweite Staffel der Serienhits Heimat – statt des lustig-volkstümlichen Heimattheaters der ersten Staffel (und das meine ich jetzt nich so, wie es vielleicht klingt, denn ich fand das wirklich gut) kam dann so ein manieriertes Kunstprodukt mit eigenartiger Musik zu eigenwilligen Schwarzweißbildern – aber dass die sich das getraut haben! Genau das ist es, was Kunst ausmacht. Better Call Saul ist hohe Serienkunst und wird von Staffel zu Staffel besser.

Michael Nyqvist

Und jetzt muss ich eine Gedenkminute für Michael Nyqvist einlegen – die Nachricht von seinem Tod trifft mich hart.

Meinen Eindruck von der dritten Fargo-Staffel gibt es dann beim nächsten Mal.