Gutes Fernsehen, schlechtes Fernsehen

Auch in diesem Jahr werden wieder Emmys verliehen – und der Spiegel brachte im Vorfeld folgende Meldung: Das Fernsehen, das wir verdienen
Und prompt muss ich ausrufen: Nee, so isses aber nicht!

Deutschland hat keine gewachsene Filmindustrie die keine Serien im Format von „True Detective“ produzieren kann?! Wenn ein Land in Europa eine gewachsene Filmindustrie hat, dann ja wohl Deutschland! Klar, die Briten haben die auch – und die haben den Vorteil, dass der englischsprachige Markt sehr viel größer ist. Und auch die Franzosen, die Italiener, die Spanier haben ganz großartige Filmleute (und auch einen riesigen Markt), keine Frage – aber Deutschland hat immerhin einen Markt mit etwa 100 Millionen potenziellen Zuschauern, deren Muttersprache Deutsch ist. Und die Kino-Großproduktion wurde ja quasi in Potsdam-Babelsberg erfunden.

Was sollen denn da die anderen sagen, deren heimischer Markt gerade mal 10 oder 5 Millionen Einwohner erreicht?! Die kriegen ja auch bemerkenswerte Serien hin, die Schweden etwa, die nicht nur reihenweise brauchbare Wallander- und Johan-Falk-Filme machen, sondern auch innovative Serien wie Real Humans. Oder die Dänen, die ja noch weniger sind, die kriegen bemerkenswerte Qualitätsserien wie Das Verbrechen oder Borgen zustande – und die Norweger haben neben Varg Veum auch so etwas wie Lilyhammer im Programm. Oder die Israelis, die mit minimalem Budget so ein tiefschürfendes Serien-Erlebnis wie Hatufim drehen. Gute Serien brauchen keine gigantische Filmindustrie, sondern einfach nur gute Ideen und jemand, der den Mumm hat, die umzusetzen, ohne dass dabei allzu viele, die keine Ahnung, aber was zu sagen haben, den Künstlern reinreden können.

Darin sehe ich das eigentliche Problem in Deutschland – die Öffentlich-Rechtlichen machen abseits ihrer Spartenkanäle nur Feiglingfernsehen, das auf möglichst hohe Quoten schielt und sich deshalb an das Niveau der Privaten annähert, deren Businessmodell von vorn herein quotenträchtiges Primitiv-Programm gewesen ist – was konsequent durchgezogen wird. Und wenn ausnahmsweise mal was mit Niveau versucht wird, dann ist das schnell überladen und will zu viel auf einmal – die Öffentlich-Rechtlichen müssen sich einfach mal davon verabschieden, mit jeder Produktion jeden erreichen zu wollen. Auf diese Weise kriegt man nichts Vernünftiges hin. Ich glaube nämlich nicht, dass der deutsche Fernsehzuschauer keine Serienkunst wolle. Es will nur nicht jeder Dominik Graf, genauso wie nicht jeder Rosamunde Pilcher will.

Wobei ich, obwohl ich Dominik Graf will, von „Im Angesicht des Verbrechens“ durchaus enttäuscht war – auch wenn ich diesen Mehrteiler nicht dermaßen schlecht fand. Aber das Ganze war zu pathetisch, zu klischeegetrieben und dafür dann wieder zu humorlos. Man kann sich ja gern in Klischees suhlen – das tun die Macher der Sopranos schließlich auch. Aber die nehmen genau das dann wieder auf die Schippe, in dem etwa der Gangsterboss Tony Soprano heimlich zur Therapie geht. Aber zwischendurch regelt er seine Mafia-Geschäfte mit der nötigen Brutalität. Die Ostmafiosi bei Dominik Graf sind nicht weniger brutal – aber leider kein bisschen lustig.

Wobei es nicht der Humormangel allein ist – Das Verbrechen, Die Brücke oder auch Borgen sind ja ebenfalls völlig humorfrei, entwickeln aber trotzdem einen erstaunlichen Sog, weil die Geschichten einfach gut sind und man merkt, dass es hier eben nicht darum geht, jedem etwas zu bieten, sondern dass einfach eine Linie durchgezogen wird, die einem entweder gefallen kann oder eben auch nicht – aber wenn sie einem gefällt, für entsprechende Begeisterung sorgt. Das vermisse ich an den zeitgenössischen deutschen Produktionen. Es gibt keine künstlerische Handschrift mehr wie die eines Rainer Werner Fassbinder, eines Edgar Reitz, oder auch auch eines Wolfgang Menge. Ja, es gibt einige Sachen von Dominik Graf, die ich gut finde, aber die neueren Filme sind mir eigentlich alle zu martialisch und Im Angesicht des Verbrechens ist halt auch kein Meisterwerk – wobei es mit dem getätigten Einsatz durchaus hätte eins werden können. Aber entweder hätte man ein paar Sachen weglassen müssen oder halt noch deutlich dicker auftragen, je nachdem, welche Zielgruppe man lieber ansprechen möchte. Aber für die einen wars zu hart, für die anderen nicht hart genug. Genau diese Art von faulen Kompromissen sorgt dafür, dass die Zuschauer hinterher alle irgendwie nicht zufrieden sind und die Quoten erst recht sinken.

Die deutsche Serienmacher müssen sich endlich mal wieder trauen, ein paar Millionen weniger zu begeistern, die dann aber nicht genug kriegen können, als mit ihrem Kompromiss-Mischmasch eine latent unzufriedene Masse zu versorgen, die, sobald sie die technischen Möglichkeiten entdeckt, ihren Stoff dann halt aus dem Internet bezieht. Es ist nämlich nicht so, dass die Leute schlechtes Fernsehen wollen – sie kriegen nur nichts anderes. Und wenn man besseres Fernsehen machen will, sollte man nicht, wie weiter oben schon angedeutet, nur auf den US-Markt und die Emmy-Nominierungen schielen, es gibt auf der ganzen Welt gutes und schlechtes Fernsehen – und wenn man sich anschaut, wie gutes Fernsehen geht, kann man feststellen, dass das überhaupt nicht teuer sein muss.

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