Buster’s Mal Heart: Schicksal ist ein Arschloch

Ein Film, auf den ich lange gewartet habe, ist Buster’s Mal Heart – einer von diesen „kleinen“ US-Indipendet-Filmen, die hierzulande nie ins Kino kommen, auch wenn sie auf zahlreichen Indipentent-Festivals erfolgreich gelaufen sind. Erfreulicherweise erscheint der Film jetzt auf Amazon Video und iTunes – und ich habe keine Kosten und Mühen gescheut, den Film schon einmal vorab zu sichten. Und es gleich vorweg zu nehmen: Ein Publikumsrenner wird dieser Film vermutlich nicht, dazu ist der Plot viel zu verschroben.

Aber – schlecht finde ich ihn wirklich nicht, Buster’s Mal Heart erinnert mich sehr an die eigenartigen Filme von Herbert Achternbusch – es geht um Identität, kosmische Missgeschicke, Liebe, Schicksal, Pflichterfüllung, das Elend mit der Freiheit und der Frage, wie man denn leben soll, wenn man die meiste Zeit damit beschäftigt ist, einen blöden Job machen zu müssen, weshalb man das eigentliche Leben verpasst. Daraus lässt sich schon ein sehenswerter Film stricken – und die Autorin-Regisseurin Sarah Adina Smith macht aus einem vergleichsweise schmalen Budget und wenigen Drehtagen eine ganze Menge.

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Der eine oder die andere wird sich Buster’s Mal Heart ohnehin schon allein deshalb ansehen, weil Mr. Robot mitspielt – der fleißige Rami Malek war zwar schon in einer ganzen Reihe von zum Teil durchaus bekannten Filmen als Nebendarsteller zu sehen, aber hier hat er seine erste Hauptrolle in einem Spielfilm – und er ist auch fast in allen Szenen zu sehen.

Und erstaunlich viel erinnert dann doch an Mr. Robot – der Protagonist Jonah ist nämlich zwei Männer: Zum einen ein mexikanischer Seemann, der nach einem Sturm 1000 Tage in einem winzigen Rettungsboot auf dem Meer treibt, zum anderen ein junger Familienvater, der endlose Nachtschichten in einem Hotel am Arsch der Welt – der sich in diesem Fall in Montana befindet – schiebt, um seine Familie zu ernähren. Die da sind seine junge Frau Marty (Kate Lyn Shell) und ihre niedliche kleine Tochter Roxanne (Sukha Belle Potter).

Marty und Jonah lieben sich, soviel wird klar, und Roxanne ist ein wirklich süßes kleines Kind. Die drei leben bei Martys Eltern, die es mit dem Christentum haben – keine Ahnung, welche der unzähligen Spielarten amerikanischer christlicher Sekten das ist, aber die tatkräftigen Christen haben Marty geholfen, von ihrer Drogensucht wieder loszukommen, und sie haben irgendwie auch Jonah akzeptiert, diesen Latino, den ihre Tochter angeschleppt hat. Über dessen Herkunft erfahren wir nicht viel, außer, dass er Spanisch spricht, was er auch versucht, seiner Tochter beizubringen – was die Schwiegereltern gar nicht so gut finden, das Kind soll doch lieber erstmal richtig Englisch lernen.

Und auch Jonah scheint keine astreine Vergangenheit zu haben – als sein Kollege, der die Tagschicht machen darf, Jonah fragt, wie er denn an diesen Job gekommen sei, wenn er nicht mal einen Highschool-Abschluss habe, antwortet Jonah, dass er dem Chef (der natürlich auch zu dieser christlichen Gemeinde gehört) sein Vorstrafenregister gezeigt hätte.

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Wir erfahren nicht, was Jonah verbrochen hat, aber wir sehen dabei zu, wie er sich redlich bemüht, seinen Job zu machen und gleichzeitig auch noch ein liebender Familienvater zu sein. Und er wie er daran scheitert – mechanisch wie ein Roboter erledigt er seine Arbeit, um dann völlig übermüdet zu Frau und Kind heimzukehren. Jonah träumt von einem ganz anderen Leben, er will ein Stück Land kaufen, ein Haus bauen und dort das eigentliche, richtige Leben verwirklichen, von dem er träumt. Aber Marty holt ihn auf den Boden der Tatsachen zurück: „Du weißt doch überhaupt nicht, wie man ein Haus baut!“

Und es stellt sich im Lauf der Geschichte heraus, dass Jonah auch keine Ahnung davon hat, wie man in der Natur überlebt. Was ihm sein mexikanisches Alter Ego auf See voraus hat – der überlebt, er trinkt seinen eigenen Urin und fängt Fische, auch wenn er Gott verflucht und bittet, ihn jetzt endlich sterben zu lassen, weil man so ja auf Dauer nicht leben kann. Jonah hingegen überlebt, in dem er in luxuriöse Ferienhäuser einbricht, die reiche Leute in den Bergen von Montana haben. So richtig autark ist das nicht, immerhin er genießt den vorübergehenden Luxus sichtlich. In seinem jeweiligen Quartieren dreht er alle Familienbilder auf den Kopf und telefoniert mit Sex- und Radiohotlines, um seine Botschaft zu verkünden: Das Ende der Welt ist nah – also der Welt, die wir so kennen, wie sie ist. Die zweite Inversion steht bevor, bei der sich alles auf den Kopf stellt.

Das entspricht ziemlich genau der Hysterie, die vor der Jahrtausend-Wende grassierte, Y2K, das Jahr-2000-Problem. An das kann ich mit gut erinnern, schließlich war ich damals in meinen sehr frühen Dreißigern. Ich hatte das damals nicht dermaßen ernst genommen, schließlich stamme ich aus einer Generation, die in der Hochzeit des kalten Krieges mit der Angst aufgewachsen ist, dass ihre Welt innerhalb von Minuten von einem Atomkrieg pulverisiert wird.  Davor hatten wir die ganze Zeit Angst, und das war keineswegs unrealistisch. In Deutschland lebten wir schließlich auf dem wahrscheinlichst anzunehmenden Schlachtfeld einer solchen Auseinandersetzung. Da war Y2K ein Klacks gegen. Was ja auch zutraf.

Aber das hat in Buster’s Mal Heart eher eine anekdotische Funktion. Immerhin, die Geschichte spielt in den späten 90ern, also kurz vor Y2K, und während einer dieser quälend endlosen Nachtschichten im Hotel taucht ein rätselhafter Typ (DJ Qualls) auf, der Jonah seinen Namen nicht verraten will, aber behauptet, der letzte freie Mensch der Welt zu sein. Und nebenbei ist er ein Computer-Spezialist. Und als solcher habe er Sachen gesehen – CIA, FBI, Pentagon, da läuft eine ganz, ganz üble Scheiße und die Menschen werden alle verarscht. Immer.

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Jonah saugt die Worte dieses zweifelhaften Propheten auf, sei es, weil ihm einfach sterbenslangweilig ist, sei es, weil er tatsächlich an diesen Scheiß glauben will, weil er sich ein anderes Leben und eine andere Welt wünscht, auch wenn er nicht so richtig kapiert, was eigentlich falsch läuft – Jonah beschäftigt sich mit diesem ganzen Zeug und lässt es sich einleuchten. Und er versucht weiterhin ein guter Mensch zu sein, was sein Chef irgendwann auch honoriert, in dem er Jonah zwar nicht von der ungeliebten Nachtschicht befreit, aber ihm immerhin anbietet, dass seine Frau und Tochter eine Weile in dem ohnehin nicht besonders frequentierten Hotel wohnen können, damit Jonah sie ab und zu auch mal im wachen Zustand sehen kann.

Das ist erst einmal ganz nett – für Marty und Roxanne fühlt es sich wie ein Ferienaufenthalt an und Jonah ist auch ganz happy, die drei vergnügen sich (sittsam!!!) im Hotelpool, Jonah kann zumindest theoretisch endlich Job und Familie unter einen Hut bringen – doch dann taucht dieser Fremde wieder auf. Er sieht ziemlich ramponiert aus, und der gutmütige Jonah gibt ihm unerlaubterweise eine Schlüsselkarte, obwohl der Fremde nach wie vor keine ID vorweisen will. Klar, das hätte Jonah besser nicht getan.

Okay, für diesen Spoiler würden mich meine Kinder auch schon wieder killen, aber die lesen ja meinen Blog nicht. Vermutlich. Für Jonah geht die Sache nicht gut aus, auch wenn er tapfer gegen das Unausweichliche ankämpft und versucht, später selbst als gesuchter Schwerverbrecher und Outlaw noch ein netter Mensch zu sein. Aber das ganze Universum scheint sich gegen ihn verschworen zu haben – letztlich erweist sich seine Existenz als epischer Fehler im kosmischen System: Irgendwo ist irgendetwas kolossal schief gelaufen. Aber weder der verzweifelte, aber doch zäh an seinem Leben hängende Schiffbrüchige auf dem Meer, noch der zum verrückten Buster mutierte Jonah geben auf, sie kämpfen bis zum Schluss – und am Ende gibt es zumindest für einen von ihnen eine versöhnliche Wendung.

Wer auf Filme mit ausgefeilten Plots steht, in denen am Ende immer alles erklärt wird, wird mit diesem Film vermutlich nicht glücklich. Womit ich nicht sagen will, dass dieser Film keinen ausgefeilten Plot hätte – die Geschichte an sich gefällt mir ziemlich gut, allerdings gleicht der Film einem Puzzle, dessen Teile sich der Zuschauer beim Ansehen selbst zusammensetzen muss. Liebhaber von mehrdeutigen, diffusen Geschichten werden hier viel besser bedient – wobei ich das alles gar nicht dermaßen rätselhaft finde. Es gibt eine Menge Andeutungen und Querverweise, der Film verlangt allerdings eine gewisse Aufmerksamkeit. Was mir gefällt ist, dass es keine dieser abgefuckten Hollywoodgeschichten ist, in denen mit viel Ironie und noch mehr Zynismus eine klassische Heldengeschichte auf den Kopf gestellt wird – das ist ja dieses ganze nervige Antihelden-Helden-Kino, das in den aktuellen Blockbustern abgefeiert wird.

Jonah ist einfach ein Mensch, der versucht, das Beste aus einer Situation zu machen, in die man besser nicht geraten will – die man aber doch wieder erkennt: Die allermeisten von uns müssen mit einem Job klar kommen, den sie eigentlich gar nicht machen wollen, aber machen müssen, weil auf allem, was man zum Leben braucht, ein verdammtes Preisschild klebt. Und das ist ja noch die freundliche Variante, die das Arschloch von Schicksal bereit hält – Jonahs Alter Ego auf hoher See würde wahrscheinlich nur zu gern mit Jonah und seinen Nachtschichten tauschen, wenn er nur die Gelegenheit dazu hätte.

Aber dann schlägt diese Bitch von Schicksal Jonah doch wieder dermaßen, dass vielleicht der mexikanische Seemann doch noch besser dran ist – mir fällt da spontan die Geschichte von diesem Rabbi ein, der über Land wanderte und bei einem freundlichen Bauern-Pärchen einkehrte. Die Bauersleute bewirteten ihn gut, aber am nächsten morgen lag ihre beste Kuh tot im Stall. Und als der Bauer fragte, womit er das verdient hätte, wo er doch die Regeln der Gastfreundschaft so vorbildlich eingehalten hätte, gab ihm der Rebbe die Antwort, dass eigentlich beschieden war, dass seine Frau hätte sterben sollen. Aber weil sie so gut zu dem Fremden gewesen waren, hätte es nur die Kuh getroffen. busters-mal-heart-movie-trailer-images-stills-rami-malek4

Diese Geschichte habe ich immer gehasst, genau wie das Buch Hiob und alle diese anderen üblen Geschichten aus der Bibel, in denen es darum geht, wie Gott uns Menschen prüft. Was für ein grausames, zynisches Arschloch. Das Leben ist unendlich beschissen. Aber wir haben nur dieses eine, beschissene Leben, insofern lohnt es sich daran festzuhalten und zu versuchen, auf dieser Erde das Beste draus zu machen. Auch wenn man keine Ahnung hat, wie man das anstellen soll.

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Erzählung oder Leben: The OA

Normalerweise veranstaltet Netflix um neue Serien immer ein ziemliches Brimborium – bei The OA hingegen gab es nur wenige Tage vor dem tatsächlichen Start eine schlichte Ankündigung. Was eine ziemlich gute Idee war: Je weniger man über diese Serie weiß, desto eher kann man sich darauf einlassen. Auch wenn ich das jetzt durch meinen dringend notwendigen Jahresend-Urlaub mit einiger Verspätung getan habe.

The OA ist endlich genau das, worauf ich in der Serien-Saison 2016 sehnlichst gewartet habe – eine neue Serie nämlich, die nicht so ist wie irgendeine andere, die man schon kennt, nur eben neu erzählt. Und obwohl The OA eindeutig eine Mystery-Serie ist, also in einem Genre angesiedelt, in dem ich sonst nicht zuhause bin – Stranger Things beispielsweise ist überhaupt nicht mein Ding – fand ich The OA dann doch so spannend, dass ich bis zum Ende der Geschichte dabei bleiben musste – was sich absolut gelohnt hat.

The OA - Bild: Netflix

The OA – Bild: Netflix

Die Geschichte der Prairie Johnson (Brit Marling), einer jungen Frau, die sieben Jahre nach ihrem rätselhaften Verschwinden wieder auftaucht und sich sehr merkwürdig benimmt, ist ein Produkt des Independent-Gespanns Brit Marling und Zat Batmanglij, die unter anderem auch für den Ökothriller The East verantwortlich zeichnen. The East beispielsweise fand ich richtig gut, weshalb ich mich auch auf The OA eingelassen habe, obwohl ich durchaus ein Problem mit den Ausflügen ins Esoterische hatte – ich glaube definitiv nicht an Engel und auch nicht an ein Leben nach dem Tod. Schon gar nicht in dem Sinne, dass wir im Jenseits mit dem Einzug ins Paradis belohnt werden, wenn wir das Jammertal des irdischen Lebens klaglos und demütig durchschritten haben. Oder eben in der Hölle landen, wenn wir nicht brav gewesen sind. Dann doch lieber reales Opium. Aber dass es Dimensionen jenseits von Zeit und Raum gibt, halte ich für erwiesen, und auch, dass Menschen in der Regel ziemlich blöd sind, insbesondere, wenn es darum geht, Dinge zu akzeptieren, die sie aus welchen Gründen auch immer nicht mögen. Ich schließe mich da nicht aus.

In The OA also geht es um grundlegende Fragen der menschlichen Existenz: Wo liegt die Grenze zwischen Leben und Tod? Was darf Wissenschaft? Was ist der Sinn des Lebens bzw. dessen, was Menschen erleiden? Gleichzeitig werden aber auch die typisch menschlichen Schwächen und Stärken betrachtet: Der Wunsch, geliebt zu werden, Missgunst und Eifersucht, das Bestreben, dem eigenen Leben einen Sinn zu geben, sich einem höheren Ziel zu verschreiben, sich abzugrenzen, unbedingt dazu gehören zu wollen – die Gemeinschaft und die Notwendigkeit gemeinschaftlichen Handelns sind ebenfalls wichtige Aspekte der Geschichte, die, das fällt mir gerade auf, eine ganze Reihe schräger Außenseiter versammelt, die alle mehr oder weniger verzweifelt versuchen, ihren Platz dieser Welt zu finden, was ihnen nicht leicht gemacht wird. Aber diese Welt und das Leben darin ist halt kein Ponyhof. Was einerseits eine Binsenweisheit ist, andererseits aber genau die tägliche Herausforderung, der sich jeder Mensch immer wieder zu stellen hat.

Es gibt schon gewisse Parallelen zu Mr. Robot – die zweifelsohne mit besonderen Begabungen ausgestattete Hauptperson, ist auch hier im wörtlichen Sinne die Erzählerin der Serie, nur dass sie nicht wie Elliot aus dem Off erzählt, sondern eine Gruppe zufällig zusammengewürfelter Typen um sich versammelt, denen sie ihre Geschichte erzählt und sie damit für ihre eigentliche Mission rekrutiert, von der allerdings nicht klar ist, worin sie tatsächlich bestehen wird. Wobei, in gewisser Weise gibt es gleich zwei Varianten von fsociety: Einerseits die vom besessenen Forscher Dr. Hunter Hap (Jason Isaacs) entführten und jahrelang gefangen gehaltenen Versuchspersonen für seine Nahtod-Forschung, die Prairie überzeugt, dass sie nur gemeinsam entkommen können, andererseits die Freiwilligen, die Steve anschleppt, um seinen Teil einer Abmahnung zu erfüllen. Die dann aber tatsächlich freiwillig zu den Sessions mit The OA kommen, wie Prairie, die eigentlich Nina heißt, sich selbst bezeichnet.

Sie haben sehr unterschiedliche Motive, da ist Steve, der ein guter Sportler ist, sich aber nicht beherrschen kann und wegen seiner gewalttätigen Übergriffe auf Mitschüler in ein Bootcamp geschickt werden soll, Jesse, über den leider gar nicht viel gesagt wird, außer, dass er eigentlich für alles zu klein ist, Alfonso aka French, formal ein Latino-Streber, der aber den Druck, sich um seine Familie zu kümmern und gleichzeitig ein Spitzenschüler zu sein, nur mit Drogen aushält, Buck Vu oder eigentlich Michelle, die viel lieber ein Junge wäre und Betty Broderick-Allen, Steves Klassenlehrerin, die sich nach einem Gespräch mit The OA, die Betty für Steves Stiefmutter hält, wieder daran erinnert, warum sie Lehrerin geworden ist. Sie alle sehnen sich danach, anerkannt zu werden und das Richtige zu tun. Und, so viel muss ich jetzt doch verraten, tun sie das letztlich auch, obwohl alles ganz anders kommt.

Denn mit der Zeit fragt man sich, ob Prairie einfach nur komplett durchgeknallt ist, und alles, was sie erzählt, nur erfindet, oder ob sie all das wirklich erlebt hat und deshalb ein bisschen verrückt ist, was durchaus zu verstehen wäre, bei all dem, was sie in den vergangenen Jahren durchgemacht haben muss. Letztlich ist das auch egal, mir hat die Serie insgesamt gut gefallen, weil sie eben nicht versucht, mit einem absurden Aufwand zu bestechen, was in anderen Fällen, etwa bei Westworld oder bei Sense8 dann auch wieder Spaß macht, sondern gerade auch als Kammerspiel durch die klaustrophobische Enge der Schauplätze – ein geheimes Labor in einer stillgelegten Mine, der Dachboden einer Bauruine in einem US-Vorort – beklemmende Intensität entwickelt.

Dunkles Drogendrama: I skuggan av värmen

Drogenfilme gibt es eine ganze Menge – angefangen mit Wir Kinder von Bahnhof Zoo über Trainspotting, Fear and Loathing in Las Vegas, Grasgeflüster, Spun oder Lammbock bis hin zu Pusher, Savages oder Breaking Bad. Die meisten sind sehr drastisch, oft auch lustig, falls man diese Art Humor mag. Es geht aber auch völlig ernsthaft und humorfrei – was ich bei diesem Thema durchaus angemessen finde, denn Sucht ist für alle, die damit leben müssen, kein bisschen lustig. Ein ernsthafter und sehr realistischer Film über Drogenmissbrauch ist das schwedische Drama I skuggan av värmen von 2009. Ich habe keine Ahnung, warum es ausgerechnet dieser Film nicht in das deutsche Fernsehen geschafft hat, obwohl hier ja sonst so ziemlich jeder Schweden-Krimi läuft. Dieser Film hätte es nämlich absolut verdient.

i Skuggan av värmen - Eva (malin Crépin)

i Skuggan av värmen – Eva (Malin Crépin)

Wobei es sich hier ausdrücklich nicht um einen Krimi handelt, sondern um ein Drama, genauer um die Verfilmung eines autobiografischen Romans von Lotta Thell. Er erzählt die Geschichte der heroinsüchtigen Eva, die versucht, trotz ihrer Abhängigkeit ein Leben auf die Reihe zu kriegen. Eva fixt, seit sie 14 Jahre alt ist, sie war bereits jahrelang in Therapie und hat auch mal eine Zeitlang lang geschafft, clean zu bleiben. Sie hat einen Job bei einer Sicherheitsfirma, die Gebäude bewacht, einen Schäferhund und eine Regel: Wenn sie nicht arbeitet, versucht sie, keinen Stoff zu nehmen, weshalb es ihr dann meistens schlecht geht. Aber weil sie ziemlich einsam ist, merkt das niemand.

i Skuggan av värmen - Eva (malin Crépin)

i Skuggan av värmen – Eva (Malin Crépin)

Aber den Job erträgt sie nur, wenn sie auf Droge ist – natürlich dürfen die Kollegen und der Chef nichts merken. Diese Art von Doppelleben ist ziemlich anstrengend, weshalb Eva sehr zurückgezogen lebt – sie ist völlig damit ausgelastet, ihre Sucht und ihr Arbeitsleben auf die Reihe zu kriegen. Eines Nachts bemerkt sie, dass jemand im Gebäude ist und ruft Verstärkung – es stellt sich dann aber heraus, dass es sich bei dem vermeintlichen Einbrecher nur um ihre Fixerfreundin Mia handelt, zu der sie in letzter Zeit nicht mehr viel Kontakt hatte. Natürlich will Eva nicht, dass Mia Ärger bekommt und versteckt sie in ihrem Auto. Inzwischen ist die Polizei eingetroffen und Eva versucht, die Streifenpolizisten abzuwimmeln – aber der junge Kollege nimmt seinen Job ernst und will lieber selbst noch einmal nachsehen.

I skuggan av värmen: Eva (Malin Crépin)

I skuggan av värmen: Eva (Malin Crépin)

Eva passt das alles gar nicht, und sie ist genervt – und dann findet dieser Typ auch noch, dass sie gar nicht wie eine typische Wächterin aussieht und erlangt erstmal ihren Ausweis. Wobei er ja irgendwie recht hat, eine ätherische Schönheit wie Eva ist keine typische Sicherheitsdienstleisterin. Insofern hat Eriks Instinkt durchaus funktioniert, auch wenn es noch eine Weile dauern wird, bis er herausfindet, was mit ihr nicht stimmt. Aber natürlich ist mit ihrem Ausweis alles in Ordnung und Eva ist so souverän, Eriks Dienstausweis zu verlangen, weil sie findet, dass er auch nicht wie ein typischer Polizist wirkt.

Erik versucht später, mit Eva Kontakt aufzunehmen, was sie erstmal abblockt. Aber er bekommt natürlich raus, wo Eva anzutreffen ist. Er wartet, bis sie mit ihrem Hund vorbei kommt und lädt sie zum Abendessen ein. Sie ist nicht begeistert, nimmt aber immerhin die Karte an, auf der er seine Adresse notiert hat, falls sie es sich anders überlegt. Zu beider Erstaunen taucht sie am verabredeten Abend dann doch auf. Sie nimmt zwar weder Bier, noch Wein, sondern trinkt nur ein Glas Wasser, aber die beiden landen ziemlich schnell im Bett.

I skuggan av värmen - Eva (Malin Crépin) und Erik (Joel Kinnaman)

I skuggan av värmen – Eva (Malin Crépin) und Erik (Joel Kinnaman)

Erik verliebt sich total in die schöne Eva. Sie versucht zwar, ihn irgendwie auf Distanz zu halten, damit er nicht mitbekommt, dass sie eigentlich ein Junkie ist, aber das ist natürlich nicht so einfach – denn sie hat sich ihrerseits in diesen offenbar doch ganz netten Erik verliebt. Andererseits braucht sie ihren Stoff. Blöd, dass sie sich ausgerechnet mit einem Polizisten eingelassen hat, der durch seinen Job keine sehr freundliche Sicht auf Süchtige hat. Als sie gemeinsam schwimmen gehen, entdeckt sie blaue Flecke auf Eriks Rücken: Da ist so ein Scheißjunkie auf ihn drauf gesprungen. Er ahnt nicht, dass sich Eva auf dem Klo gerade einen Schuss gesetzt hat. Natürlich bekommt Erik schon mit, dass Eva nicht ganz richtig tickt, aber Liebe macht bekanntlich blind.

Eines nachts liegt sie mit Erik im Bett und jemand klingelt Sturm. Evas Freundin Mia steht vor der Tür. Mia ist schwanger und hat Streit mit ihrem gewalttägigen Freund. Mia sieht furchtbar aus, aber Eva lässt sie nicht in die Wohnung, weil sie nicht will, dass Erik sieht, wer ihre Freundin ist. Erik weiß nämlich, dass Mia und ihr Freund Drogen nehmen, und er weiß auch, dass der Kerl Mia verprügelt – Erik ist frustriert darüber, dass Mia sich weigert, diesen Schläger wegen häuslicher Gewalt anzuzeigen. Erik versteht das alles nicht und Eva will auch nichts erklären müssen. Sie gibt Mia Geld und schickt sie weg.

I skuggan av värmen - Eva (Malin Crépin)

I skuggan av värmen – Eva (Malin Crépin)

Später gehen Eva und Erik aus, sie treffen einige Kollegen, mit denen er befreundet ist. Sie unterhalten sich über einen Einsatz, der sie ziemlich mitgenommen hat: Wie krank muss denn einer sein, der seiner schwangeren Freundin den Bauch aufschlitzt? Eva kapiert, dass es sich nur um Mia handeln kann. Sie läuft weg und fährt mit Eriks Auto nach Hause – dort muss sie sich auf diesen Schock hin erst einmal einen Schuss setzen. Als Erik nach Hause kommt, findet er Eva im Bad auf dem Boden – die Nadel noch in der Vene. Er ist natürlich entsetzt, aber wild entschlossen, Eva zu helfen. Eva macht es ihm keineswegs leicht – nachdem sie sich in Erik verliebt hatte, war sie von sich aus auf die Idee gekommen, heimlich einen Entzug zu machen, aber sie hat durch die schrecklichen Ereignisse den verabredeten Termin verpasst.

I skuggan av värmen - Eva (Malin Crépin) and Erik (Joel Kinnaman)

I skuggan av värmen – Eva (Malin Crépin) and Erik (Joel Kinnaman)

Jetzt weigert sich die Suchthilfe, sie aufzunehmen, was Erik wahnsinnig aufregt, aber es gibt nun einmal Regeln. Er beschließt, auf eigene Faust einen Entzug mit Eva durchzuziehen und bringt sie in einem abgelegenen Sportheim der Polizei unter. Hauptsache, weit weg von den einschlägigen Dealern. Eva geht es natürlich so schlecht, wie es einem Junkie beim kalten Entzug nur gehen kann, Erik muss eine ganze Menge ertragen, was ihn durchaus an die Grenze bringt, aber irgendwie kriegt Eva sich wieder ein und bittet ihn um Verzeihung für all das, was sie ihm antut. Und als echter Junkie hat sie ihm einiges angetan, mehr, als er bisher mitbekommen hat. Sie hat ihn unter anderem beklaut, um sich Stoff kaufen zu können, denn inzwischen hat sie auch ihren Job verloren, weil ein Kollege dann doch gemerkt hat, dass sie Drogen nimmt. Eine weitere Katastrophe, von der sie sich kaum erholen wird.

I skuggan av värmen - Eva (Malin Crépin) and Erik (Joel Kinnaman)

I skuggan av värmen – Eva (Malin Crépin) and Erik (Joel Kinnaman)

Als Erik glaubt, dass es ihr besser geht, fährt er zur Arbeit und lässt sie allein. Eva hält es nicht lange aus und haut ab. Erik sucht nach ihr und hat inzwischen auch Nachforschungen angestellt, er lässt sich aus dem Archiv alles kommen, was über Eva vorliegt. Bevor er die Akte bekommt, ist er zufällig dabei, als Eva zugedröhnt von Kollegen aufgegriffen wird. Auf der Polizeiwache wird Eva in eine Arrestzelle gesperrt. Als Eva versucht, Erik zu umarmen, schlägt er sie – natürlich ist er über diesen Impuls auch wieder entsetzt, aber Eva meint, dass das okay geht, jetzt seien sie quitt. Aber sie wirft ihm auch wieder vor, was sie ihm die ganze Zeit immer wieder sagt: Dass er verdammt naiv sei und alles keinen Sinn habe. Erik begreift langsam, dass er nichts mehr für Eva tun kann, andererseits lässt ihn die Sache auch nicht los.

I skuggan av värmen - Erik (Joel Kinnaman)

I skuggan av värmen – Erik (Joel Kinnaman)

Während Eva durch die Stadt irrt und immer tiefer in ihrer Sucht versinkt, hört Erik ein Tonbandprotokoll, das aufgenommen wurde, als Eva sechs Jahre alt war. Sie erzählt in kindlichen Bildern vom Alltag mit ihren gewalttätigen Alkoholiker-Eltern, von ihren Ängsten und dass sie sich wünscht, dass irgendwann jemand da sei, der an sie denken würde. Erik begreift, dass das im Grunde alles ist, was er tun kann: Ab und zu an Eva denken – aber ihre Verletzungen und ihr kaputtes Leben kann er nicht reparieren. In der letzten Szene des Films sieht Eva Erik im Schwimmbad, Erik bemerkt Eva und sie betrachten sich gegenseitig durch die Glasscheibe – jeder bleibt in seiner Welt.

In skuggar av värmen ist ein sehr trauriger und realistischer Film über Sucht und was sie mit den Menschen macht – mit Liebe und Idealismus ist ihr nicht beizukommen. Im Gegenteil: Je mehr sich Erik reinhängt, um Eva zu helfen, desto größer wird das Gefälle zwischen beiden – es ist ja nicht so, dass Eva nicht wüsste, was sie sich selbst und Erik antut. Sie ist unendlich traurig darüber und hat damit noch mehr Grund, sich elend zu fühlen. Aber das ist ja genau der Unterschied zwischen den Nichtsüchtigen und den Süchtigen – dass es den Süchtigen halt unheimlich schwer fällt, einfach vernünftig zu sein und den Scheiß zu lassen. Dass man es nicht lassen kann, ist ja das Wesen der Sucht. Aber das kapiert ein Nichtsüchtiger nicht. Das ist auch nicht unbedingt eine Frage von Selbstdisziplin und so weiter – Süchtige müssen eine ganze Menge auf die Reihe kriegen, um ihre Sucht zu befriedigen. Sie setzen halt andere Schwerpunkte als die anderen.

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I skuggan av värmen – Eva (Malin Crépin)

Eva kann es nicht lassen und versucht, trotzdem zu funktionieren, was ihr eine Zeitlang auch halbwegs gelingt – aber als sie sich in Erik verliebt, gibt es plötzlich zu viele Dinge in ihrem Leben, die sich nicht kontrollieren kann und alles geht schief. Erik kann seinerseits nicht wissen, was er anrichtet, als er sich in Eva verliebt. Er ist glücklich und glaubt, dass er die Frau fürs Leben gefunden hat – er ahnt nicht, dass es Eva vor unglaubliche logistische Herausforderungen stellt, wenn er bei ihr übernachtet und sie sich heimlich neuen Stoff besorgen muss. Ein romantischer Ausflug mit dem Auto gerät beinahe zur Katastrophe, als der Wagen liegen bleibt und sie stundenlang auf den Abschleppdienst warten müssen – Eva will unbedingt nach Hause, sie leidet unter Entzug und wird entsprechend unausstehlich – Erik versteht nicht, was plötzlich mit ihr los ist.

Und letztlich versteht er es auch nicht, nachdem er entdeckt hat, dass seine Freundin ein Junkie ist – zumindest nicht, so lange er daran glaubt, dass er sie retten kann. Er ist fassungslos darüber, dass Eva nach all dem, was er für sie getan hat, sofort wieder wegläuft, um sich den nächsten Schuss zu besorgen. Aber Evas Leben ist nun mal eine einzige sinnlose und immer schrecklichere Unordnung – sie sieht für sich keine Perspektive außer dem nächsten Schuss. Mit Eriks Vorstellung von der Welt und dem Leben kann Eva nichts anfangen. Immerhin findet Erik heraus, dass Evas Leben von Anfang an durch Abhängigkeit und Gewalt geprägt wurde und sie deshalb keine Ahnung hat, wie ein normales Leben überhaupt funktioniert.

I skuggan av värmen - Eva (Malin Crépin) and Erik (Joel Kinnaman)

I skuggan av värmen – Eva (Malin Crépin) and Erik (Joel Kinnaman)

Erik muss einsehen, dass sein eigenes Handeln mit dem, was Eva tut, nichts zu tun hat. Es hat keinen Sinn, einem Süchtigen zu helfen, in dem man etwas für ihn oder sie tut, und darauf setzt, dass er oder sie sich dann mehr Mühe gibt, weil es jetzt ja um etwas Größeres geht, ein gemeinsames Ziel, die große Liebe, eine Beziehung oder was auch immer, auf jeden Fall um mehr als um einen selbst, denn genau damit hat der Süchtige ja ein Problem: Mit sich selbst.

Aber genau das ist auch der Punkt – wenn man für sich selbst und nur aus sich heraus entscheidet, das alles nicht mehr zu wollen, hat man vielleicht eine Chance, sein Leben wieder auf die Reihe zu kriegen. Alles andere funktioniert nicht. Und das müssen auch alle lernen, die mit Süchtigen zu tun haben. Ach was, nicht nur die, es ist im ganzen Leben so, auch wenn die Gesellschaft immer wieder anderes behauptet: In der Liebe, in Beziehungen ist man von vorn herein zum Scheitern verurteilt, wenn man nicht kapiert, dass es sich eben nicht um ein Geschäft handelt: Ich gebe dir und du gibst mir. Okay, wenn beide Partner so drauf sind, kann es doch funktionieren. Vermutlich ist das sogar in einem großen Teil der länger währenden Beziehungen in unserer Gesellschaft so.

Aber wenn man mit einem Süchtigen zu tun hat, dann funktioniert das nicht. Da muss man einfach begreifen, dass es die eigene Entscheidung ist, wieviel man gibt und man darf in keinem Fall erwarten, dass man etwas zurück bekommt. Was übrigens für alle (Liebes-)Beziehungen gelten sollte.

I skuggan av värmen - Eva (Malin Crépin) and Erik (Joel Kinnaman)

I skuggan av värmen – Eva (Malin Crépin) and Erik (Joel Kinnaman)

Auch ästhetisch ist die Umsetzung sehr gelungen: Eva ist meistens nachts unterwegs, überhaupt ist es fast immer dunkel. Es schneit, die Welt ist kalt, wir sehen leere Gebäude, Industriegelände, Gänge mit kaltem Neonlicht und U-Bahn-Tunnel. Evas Welt ist einsam und öde. Der Film zeigt in gewisser Weise ihren Tunnelblick.

Und selbst wenn es hell ist, gibt es selten schöne Bilder, es gibt hässliche Sozialbau-Betonblöcke, Autobahnbrücken, leere Landschaft, etwa um den Polizeisportplatz. Naturbilder tauchen gelegentlich auf, haben dann aber etwas Surreales – in einigen kurzen Augenblicken, in denen Eva und Erik zusammen sind, scheint die Sonne, aber auch hier ist nicht klar, ob die Liebenden auf weißem Sand oder im Schnee liegen. Und während des Ausflugs, bei dem das Auto nicht mehr anspringt, sieht man kurz die Wintersonne durch die Bäume scheinen, aber auch dieser Tag endet dunkel.

Mir hat an dem Film gefallen, dass Eva weder Opfer noch Monster ist – sie ist ein Mensch, der in dieser Gesellschaft wenig Optionen hatte und auf H. hängen geblieben ist. Und als sie einen ernsthaften Versuch unternimmt, da raus zu kommen, macht sie fatale, aber nachvollziehbare Fehler. Und der gute Cop Erik muss erkennen, dass Liebe nicht alles heilt und dass er sein Weltbild noch einmal überarbeiten muss. Das ist schon ziemlich viel für einen Film.