Emmy Awards 2016: Diversität und Monokultur

Weil ich ja leider nachts schlafen muss, um tagsüber für meinen Job fit zu sein, konnte ich mir die Verleihung der 68. Emmy Awards heute erst als Feierabend-Event reinziehen – ohne Werbung zwischendurch waren es etwas über zwei Stunden, das kann man schon aushalten, auch wenn sich alle Preisträger bei Cast, Crew und Familie bedanken müssen (immerhin in wechselnder Reihenfolge), was dann irgendwann doch langweilig wird, genau wie die unvermeidlichen Politwitze: Donald Trump hat eine ganze Reihe von RL-Memes gesetzt, denen man einfach nicht entkommen kann. Make the Emmys Great Again. Make Television Great Again. And somehow we make the Mexicans pay for that. And so on.

Nichtsdestotrotz war Jimmy Kimmel gut in Form, und alles in allem ist der Abend ja gut ausgegangen: Rami Malek hat den Emmy als bester Hauptdarsteller in einer Dramaserie gewonnen, was mich natürlich sehr freut, wobei für mich auch okay gewesen wäre, wenn Bob Odenkirk ihn für Better Call Saul bekommen hätte. Und klar, auch die anderen waren alle sehr gut, aber Mr. Robot ist nun mal die beste der hier nominierten Serien, auch wenn Better Call Saul nur knapp dahinter liegt.

68. Primetime Emmy Awards: Rami Malek gewinnt als bester Hauptdarsteller in einer Drama-Serie (Mr. Robot)

68. Primetime Emmy Awards: Rami Malek gewinnt als bester Hauptdarsteller in einer Drama-Serie (Mr. Robot)

Ich denke, dass hier durchaus eine Rolle gespielt haben könnte, dass Rami Malek der einzige nicht eindeutig weiße männliche Schauspieler unter den Nominierten in dieser Kategorie war – was seiner Performance keinen Abbruch tut, denn Rami Malek ist einfach der beste denkbare Elliot Alderson. Aber so betont divers, wie sich die Emmys dieses Mal gegeben haben, liegt der Verdacht nahe – und das kritisiere ich ausdrücklich nicht: Vor wenigen Jahren noch hätte ein arabisch-stämmiger Schauspieler vermutlich gar keine Chance gehabt, eine Hauptrolle in einer stylischen, coolen, sehr ambitionierten US-amerikanischen Primetime-Serie zu spielen.

Unter den Nominierten waren insgesamt durchaus zahlreiche Afroamerikaner, so hat beispielsweise Courtney B. Vance den Emmy als beste Hauptdarsteller in einer Mini-Serie gewonnen oder Sterling K. Brown den als bester Nebendarsteller, die beste weibliche Nebendarstellerin in der Kategorie war Regina King. Und natürlich sind auch die Master-of-None-Autoren (und Darsteller) Aziz Ansar und Alan Yang Vertreter von Minderheiten – wobei der aus Taiwan stammende Alan Young bei seiner Dankesrede für den Emmy als bester Autor einer Comedy-Serie daran erinnert hat, dass es ungefähr genauso viele Amerikaner ostasiatischer wie italienischer Herkunft gibt – was sich aber in der Film- und Fernsehgeschichte der USA bisher nicht niedergeschlagen habe, im Gegensatz zu den Italienern mit ihren ikonischen Mafia-Dramen. Und er forderte die asiatischen Eltern auf, ihren Kindern Kameras statt Geigen in die Hand zu geben – dann hätten sie vielleicht auch mal eine Chance.

Primetime Emmy Awards 2016: Susanne Bier gewinnt für die beste Regie in einer Mini-Serie (The Night Manager)

Primetime Emmy Awards 2016: Susanne Bier gewinnt für die beste Regie in einer Mini-Serie (The Night Manager)

Und insofern geht natürlich auch total in Ordnung, dass Jeffrey Tambor einen Emmy für seine Darstellung von Moira Pfefferman in Transparent wieder eine Auszeichung bekommen hat – und der gleichzeitig betonte, dass es hoffentlich das letzte Mal sei, dass er als Mann für die Darstellung einer Transgenderfrau herhalten musste, lieber solle man doch den echten Transgenders eine Chance geben.

Passend dazu hat Jill Soloway, die einen Emmy für die beste Regie in einer Comedy-Serie – eben Transparent – bekommen hat, die Kleiderordnung für Frauen souverän missachtet: Die Kombination von Bluse (mit Schleife) und Blazer war gewagt, aber total misslungen, rausgerissen haben das nur die roten Sportschuhe. Vor der Verweigerung der üblichen Highheels habe ich echt Respekt – mir ist ohnehin ein Rätsel wie andere Frauen Folterwerkzeuge mit 8 bis 10 Zentimeter Absatzlänge (oder gar mehr) einen Arbeitstag oder Abend am Fuß ertragen können. Wenn die Schuhe sehr gut gepolstert sind, kann ich das auch mal für ein paar Stunden ab, aber laufen in dem Sinne geht damit einfach nicht. Es gibt so vieles, was Frauen sowieso immer noch aushalten müssen – warum dann auch noch unbequeme Schuhe?! Männer tun sich das doch auch nicht an!

Wo wir aber gerade bei Frauen sind: Mich hat natürlich auch der Emmy für Susanne Bier gefreut, die als beste Regisseurin einer Miniserie den Preis für ihre Arbeit mit The Night Manager bekam. Es gibt ja nun wirklich nicht viele weibliche Regisseurinnen und noch weniger international anerkannte – aber vielleicht ändert sich das ja nun auch langsam mal. Wobei mich dann doch schon wieder ein bisschen genervt hat, dass Veep mit Emmys förmlich überhäuft worden ist. Ja, eine Comedyserie über eine erste weibliche US-Präsidentin ist schon lustig, und die Entschuldigung von Julia Louis-Dreyfus für das eigenartige politische Klima in den USA – eigentlich hätten sie ja eine Comedy-Serie machen wollen, nun sei Veep aber leider eine Dokuserie über den traurigen alltäglichen Wahnsinn – fand ich auch total sympathisch – aber ab und zu hätte in Sachen Comedy auch mal eine andere Serie irgendwas gewinnen können, so ging Silicon Valley komplett leer aus.

Genau wie bei den Dramaserien, wo Game of Thrones wieder so ziemlich alles abgeräumt hat: ja, das ist gewiss eine grandiose Serie, aber für alle, die es nicht so mit Drachen und epischen Schlachten haben, gibt es auch noch ziemlich gutes Fernsehen – so fällt mir gerade auf, dass es nicht eine einzige Nominierung für Halt and Catch Fire gab, was auch eine ziemlich gute Serie ist. Oder für Manhattan. Und tolle Serien wie Fargo oder Better Call Sauldie ebenfalls nominiert waren, konnten dieses Mal keinen Blumentopf gewinnen. Und bei den Mini-Serien war es nicht besser, da hat The People vs. O. J. Simpson fast alles andere platt gemacht.

Wobei, ich muss zugeben, dass es sympathische Ausreißer gab, etwa den Emmy für die beste männliche Gast-Rolle, der an Peter Scolari ging, der in Girls Hannahs Vater spielt oder für Margo Martindale, die sozusagen das weibliche Pendant in The Americans gab. Insofern sind auch die Emmys längst noch nicht so ausgewogen und perfekt, wie sie sich gerade feiern. Aber immerhin schon sehr viel weiter als die Oscars – was auch ständig betont wurde. Jimmy Kimmel hat das in löblich kritischer Selbstanalyse ja während der Show definiert:“Was wir hier in Hollywood noch mehr schätzen als Vielfalt, ist, uns selbst dafür zu feiern, wie sehr wir Vielfalt schätzen.“ Das ist aber genau die Selbstreflexion, zu der das Fernsehen bereits in der Lage ist. Mal sehen, wann das in der Kino-, äh Blockbusterindustrie denn ankommt.

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Die 10 besten Serien 2015

1. Mr. Robot

Hier mögen die Meinungen auseinander gehen – ja, und ich bin auch nicht damit einverstanden, dass alles am Ende so ins Psychologische abgekippt ist – aber trotzdem ist diese Serie diejenige, die ich für die in vielerlei Hinsicht für die relevanteste Neuerscheinung des ganzen Jahres halte. Sowohl, was die Relevanz der behandelten Themen angeht, als auch, was die Erzählweise und die Ästhetik betrifft: Mr. Robot ist einfach auf der Höhe der Zeit.

Ein psychisch instabiler Held, der mit der Gesellschaft unzufrieden ist, und die neuen Möglichkeiten durch die Digitalisierung sämtlicher Lebensbereiche nutzt, um Dinge, an denen er sich stört, irgendwie in Ordnung zu bringen – was letztlich aber auch nicht so funktioniert, wie er sich gedacht hat: Das ist an sich schon eine ziemlich gute Idee. Und über die ganze Palette möglicher Bedrohungen im und durch das Internet von Stalking, herkömmlicher Cyberkriminalität, Identitätsdiebstahl, über Ashley Madison, den Sony Hacks und Anonymous bis hin zur ganz normalen Überwachung durch Google, Facebook, Amazon, Netflix oder den eigenen Arbeitgeber werden viele negative Aspekte der wunderbaren Vollvernetzung aufgegriffen.

Sam Esmail hat ein tolles Drehbuch abgeliefert, aus dem USA Network etwas Besonderes gemacht hat. Und natürlich ist Rami Malek super – aber auch alle anderen im Cast. Jeder Preis und jede Auszeichnung dafür ist mehr als angemessen. Insofern freut mich natürlich, dass es nun eine Menge Nominierungen für Mr. Robot hagelt – den Audience Award vom SXSW Film Festival hatte die Pilot-Folge ja schon gewonnen und Sam Esmail den Gotham Independent Film Award für die Breaktrough Serie 2015.

Screenshot Mr. Robot wh1ter0se.m4v: Elliot (Rami Malek)

Screenshot Mr. Robot wh1ter0se.m4v: Elliot (Rami Malek)

2. Fargo

Die erste Staffel von Fargo war einfach der Hammer, aber auch die zweite bewährt sich – obwohl ich zugeben muss, dass ich mir nach einigen Teilen nicht mehr so sicher war: Jede Menge Leichen, aber ziemlich wenig roter Faden. Aber zum Staffelende nahm die Geschichte wieder deutlich an Fahrt auf und alles war wie erwartet wunderbar – und zwar nicht nur das bonbonbunte 70er-Jahre-Ambiente. Selten hat man so grandios aneinander vorbei geredete Dialoge erlebt wie die von Peggy und Ed. Und überhaupt die ganze Ausweglosigkeit dieser beiden Helden, die eigentlich ja einfach nur Verlierer sind, aber sich weigern, das einzusehen – das ist große Klasse. Aber auch Sheriff Larsson und State Trooper Lou Solverson werden durch die Auseinandersetzung mit dem hochkriminellen Gerhardt-Clan und seiner Konkurrenten schwer geprüft. Und dann ist da noch Lous krebskranke Frau Betsy, die ihr Schicksal tapfer trägt. Doch Coen-typisch gerät jeder noch so tiefe Griff in die Klischee-Kiste hier nicht zum Kitsch, sondern zu einer absurd komischen oder eben auch absurd tragischen Zuspitzung dieser ohnehin schon reichlich eigenwilligen Geschichte – was eben das Besondere dieser Serie ausmacht.

Screenshot Fargo - 2. Staffel: Peggy (Kirsten Dunst) und Ed Blomqist (Jesse Plemons)

Screenshot Fargo – 2. Staffel: Peggy (Kirsten Dunst) und Ed Blomqist (Jesse Plemons)

3. Better Call Saul

Nicht ganz so haarsträubend wie die Ursprungsserie Breaking Bad, aber auch schlimm genug: Jimmy McGill, der schlecht bezahlte Pflichtverteidiger, der dumme Jungs aus dummen Situationen retten muss, in die sie sich selbst hineinmanövriert haben, entdeckt als Geschäftsmodell die Alten und Kranken. Die brauchen auch Beistand und ein vernünftiges Testament. Und wie wir erfahren, war Jimmy schon immer ein bisschen kriminell – als Slipping Jim hat er in seiner Heimatstadt darauf gelauert, dass Menschen sich bei Glatteis die Knochen brechen und Jimmy dann an der Schadensersatzklage mitverdienen kann. Dieses Modell funktioniert im warmen Süden aber nicht, wie er schnell feststellen muss – denn er legt sich leider mit dem Falschen an. Dafür steigert sich Jimmy mit eigenwilligen Mitteln zum Geheimtipp für die ganz hoffnungslosen Fälle. Als Running Gag gerät Jimmy immer wieder in Konflikt mit dem mürrischen Parkplatzwärter Mike Ehrmantraut, der früher einmal Polizist war. Aber, wie man auch Breaking Bad ja schon weiß, führt das Schicksal diese beiden zusammen – und jetzt erfahren wir, wie. Doch, Better Call Saul ist nicht Breaking Bad, aber diese Serie hilft einem zu verkraften, dass es nach Breaking Bad kaum noch etwas besseres geben kann.

Better Call Saul - Noch heit Saul Jimmy McGill (Bob Odenkirk)

Better Call Saul – Noch heit Saul Jimmy McGill (Bob Odenkirk) – Bild: amctv.com

4. Sense8

Das vermutlich größenwahnsinnigste Serien-Projekt des Jahres dürfte Sense8 gewesen sein, und mal abgesehen von Games of Thrones, das weiterhin ohne mich stattfindet, war es bestimmt auch eins der teuersten: Drehorte auf der ganzen Welt, von Island über London, Berlin, Mexico City, San Francisco, Chicago, bis hin zu Nairobi, Mumbai und Seoul, und acht Hauptcharaktere, deren Geschichten und Leben miteinander in Beziehung stehen, obwohl sie einander noch nie gesehen haben. Und obwohl ich eigentlich nicht so sehr auf Mysterien und Übernatürliches stehe, hat mir Sense8 alles in allem doch großen Spaß gemacht, weil die Helden letztlich dann doch normal genug waren, um als Zuschauer ihre Probleme noch ernst nehmen zu können. Mir hat auch gefallen, dass man etwa durch den Kenianer Capheus (Aml Ameen) auch etwas über den Alltag in Nairobi („Welcome to Nai-Robbery“ sagt der Gangster, der den Bus überfällt) erfährt oder die Inderin Kala über die gesellschaftlichen Spannungen auf dem indischen Subkontinent. Die Vielseitigkeit war eindeutig ein Plus, auch wenn hier natürlich auch viele eigenartige Klischees anzutreffen waren. Es ist ja nun wirklich nicht so, dass in Berlin nur russische und jüdische Gangster leben und ganz San Francisco eine einzige Pride-Parade ist. Und auch wenn ich die Story ingesamt reichlich konfus und alles in allem doch etwas schwach finde, spielt das letztlich keine Rolle: Sense8 waren zwölf Stunden bildgewaltige Unterhaltung aus dem globalen Wachowski-Universum, das hat sich allein deshalb schon gelohnt.

Sense8: Wolgang (Max Riemelt)

Sense8: Wolgang (Max Riemelt)

5. Halt an Catch Fire

Die meiner Ansicht nach unterschätzteste Serie derzeit ist Halt and Catch Fire – ein wirklich sehenswertes Retro-Drama über die beginnende Computerisierung von Arbeitswelt und Alltag zu Beginn der 80er Jahre. Im Mittelpunkt der zweiten Staffel, die in diesem Sommer heraus gekommen ist, stehen nun die noch sehr junge, aber sehr begabte Programmierin Cameron und die Technik-Expertin Donna, die beide gemeinsam ein Internet-Start-Up gegründet haben, wie man heute sagen würde: In einem mit Technik vollgestellten Haus werkeln sie gemeinsam mit einer Horde Nerds an der Zukunft der Online-Spiele. Und natürlich ist das alles nicht so einfach – es gab damals ja noch keine Infrastruktur, die für solche Anwendungen vorgesehen war. Außerdem tun sich die Männer mit den neuen Rollenbildern schwer – dass Frauen arbeiten gehen müssen, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen, ist in den USA zwar normal, aber normal ist eben auch, dass sie sich nebenbei noch um Mann und Kinder kümmern – was Donna bei ihrem Arbeitspensum einfach nicht schafft. Es geht also nicht nur um neue Technik und wie man daraus ein Geschäftsmodell machen kann, sondern unter anderem auch um die bis heute nicht gelöste Frage, wie frau Arbeitsleben und Familie unter einen Hut bekommt.

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6. Narcos

Narcos ist die realistische Variante von Breaking Bad – die Geschichte des kolumbianischen Drogenbarons Pablo Escobar und dem Aufstieg seines Medellín-Kartells zu einer der mächtigsten Organisationen im internationalen Drogengeschäft. Auch diese Serie spielt in den späten 70er und den 80er Jahren und zeigt unter anderem, wie schwierig es damals ohne Internet und Handy war, Leute gezielt zu überwachen und abzuhören. Die Handlung wird aus der Sicht des DEA-Agenten Steve Murphy und dessen Partners Javier Pena erzählt, die mit der Zeit selbst mehr und mehr in den Sumpf aus Korruption und Gewalt gezogen werden, mit denen das Kartell das ganze Land überzieht. Die Serie ist gnadenlos, brutal und kein bisschen lustig – aber sie zeigt, wie das Drogengeschäft und das Geld, das sich damit verdienen lässt, eine komplette Gesellschaft unterminiert. Und das ist nicht mal die hässlichste Variante des Kapitalismus.

Pablo Escobar (Wagner Moura) in Narcos (Bild: Netflix)

Pablo Escobar (Wagner Moura) in Narcos (Bild: Netflix)

7. Master of None

Tatsächlich hat es mit Master of None eine echte Comedy in meine Bestenliste geschafft. Es ist ja nicht so, dass Fargo oder Better Call Saul nicht auch zum Teil sehr lustig wären, aber es gibt ja mittlerweile zumindest für die Emmy-Nominierungen inzwischen eine knallharte Definition, was bitte schön Drama- und was Comedy-Serie sei: Serien mit Teilen unter 30 Minuten sind Comedy, Serien mit 40-55 Minuten-Teilen sind Drama – egal ob lustig oder nicht. Master of None ist also Comedy und tatsächlich auch sehr lustig: Aziz Ansari ist ein Meister darin, die Absurditäten des New Yorker Alltags von nicht mehr ganz jungen Immigranten-Kindern auf den Punkt zu bringen, die es in jeder Beziehung besser haben als ihre Eltern, aber einfach keine Lust, daraus etwas zu machen, worauf ihre Eltern stolz sein könnten. Ihre größte Sorge ist, wie das nächste Date verläuft und dass es dann ein weiteres gibt. Klingt unspektakulär – aber genau das macht den Charme der Sache aus.

Master of None

Master of None

8. The Man in the High Castle

Doch, diese Retro-Sci-Fi-Serie aus dem Hause Amazon sollte man gesehen haben – so verstörend waren die 60er Jahre noch nie. New York im Look von Berlin 1936, japanische Straßenschilder in San Francisco und eine Gesellschaft, in der es normal ist, dass Menschen verschwinden, vergast werden und als Ascherregen auf blühende Wiesen niedergehen – es ist ja nicht so, dass es das nicht tatsächlich schon gegeben hätte. Genau das ist ja so erschreckend daran – und auch, wie bereitwillig sich die Menschen unter unmenschlichen Umständen anpassen, weil sie für sich hoffen, irgendwie davon zu kommen. Und wer dabei nicht mitmachen will, riskiert sein Leben – und das seiner Mitmenschen. Was also tun, wenn es keine Lösung gibt, bei der man sich gegen unerträgliche Zustände wehren und gleichzeitig mit dem Leben davon kommen kann?

Screenshot: The Man in the High Castle: In weniger als zweit Stunden von New York nach San Francisco

Screenshot: The Man in the High Castle: In weniger als zweit Stunden von New York nach San Francisco

9. Hand of God

Eine weitere Amazon-Serie, die ich in diesem Jahr sehenswert fand, ist Hand of God, ein Psychodrama über den einflussreichen Richter Parnell Harris, der durch den Selbstmord seines einzigen Sohnes Zuflucht in der Religion sucht und sich auf einen fatalen Rachefeldzug begibt. Es geht auch hier um Geld und Korruption, Macht und Intrigen. Und darum, ob es nun Gottes Wille ist, der Pernell dazu bringt, dass Recht in die eigenen Hände zu nehmen, oder nicht viel mehr sein eigener. Es gibt erstaunlich wenig Serien, die sich damit beschäftigen, was Menschen überhaupt motiviert, an Gott (in welcher Form auch immer) zu glauben – insofern ist Hand of God tatsächlich mal etwas anderes, auch wenn die Geschichte, die hinter dem Selbstmord des Sohnes dann auch wieder nicht dermaßen originell ist. Aber auf jeden Fall solide Serienkost mit interessanten Charakteren.

Hand of God - Pernell mit Reverend Curtis (Julian Morris)

Hand of God – Pernell mit Reverend Curtis (Julian Morris)

10. Deutschland 83

Gut, als bei der einzigen deutsche Serie, die ich in diesem Jahr ganz interessant fand, spielt bei Deutschland 83 ein erheblicher Mitleidsbonus mit – bei den RTL-Zuschauern ist der Achtteiler über den Stasi-Spion wider Willen ja komplett durchgefallen. Aber ganz ehrlich: Das hat RTL sich nun wirklich selbst zuzuschreiben. Denn wer eine solche Serie sehen will, der wartet nicht, bis sie endlich mal im deutschen Fernsehen läuft. Und dann noch auf einem Sender, der einem nur von nerviger Werbung unterbrochene Handlungshäppchen anbietet. Also ehrlich: Ein echter Serien- oder Filmfan akzeptiert keine Werbeunterbrechungen. Früher half da nur die Aufzeichnung, aus der man die Werbung halt rausschneiden konnte, heute gibt es entsprechende Angebote im Internet.

Und noch was, RTL: Die Zielgruppe für eine halbwegs gute Serie über deutsch-deutsche Geschichte sieht sich am Donnerstagabend schon die Serie auf arte an – da kommen auch immer zwei Teile hintereinander und zwar ohne Werbung. Die Idee, einfach mal zu versuchen, Zuschauer, die man verloren hat, mit guten Inhalten zurückzugewinnen, ist prinzipiell eine gute. Aber in heutigen Zeiten reicht das halt nicht mehr – die Leute wollen ihre Serien dann ansehen, wenn sie Zeit und Lust dazu haben. Und nicht, wann ein Sender meint, sie senden zu müssen.

Screenshot Deutschland 83 - Martin (Jonas Nay) und Annett (Sonja Gerhardt) via sundance.tv

Screenshot Deutschland 83 – Martin (Jonas Nay) und Lenora (Maria Schrader) via sundance.tv

11. Jessica Jones

So, und was wäre mein 10. Platz ohne Mitleidsbonus gewesen? Jessica Jones. Ich kann zwar sonst nicht viel mit Marvel anfangen, überhaupt bin ich eine Comic-Banausin – nicht aus einer prinzipiellen Missachtung des Genres heraus, aber ich lese trotzdem lieber Bücher ohne Bilder. Und wenn Bild, dann doch gleich Film. Aber das funktioniert für mich auch nicht immer: Daredevil beispielsweise war definitiv nicht mein Ding – aber die düstere Privatdetektivin aus New York hat mich jetzt doch überzeugt: Allein der Vorspann und die Musik dazu, und natürlich Krysten Ritter – die verhängnisvolle Jane Margolis aus Breaking Bad. Und dann die Idee, eine alkoholsüchtige Ex-Superheldin auf einen gewissenlosen Superfiesling loszulassen, der anderen Menschen seinen Willen aufzwingen und sie damit zu den Schrecklichsten Dingen bringen kann, das hat schon was. Es geht um Missbrauch und Schuld und die Frage, wie man sich aus Abhängigkeiten und der Opferrolle befreien kann. Das ist ein gutes und wichtiges Thema. Endlich eine Frauenserie, die mich nicht nervt!

Jessica Jones (Kristen Ritter)

Jessica Jones (Kristen Ritter)

Natürlich gab es noch eine Reihe weiterer Höhepunkte im Serienjahr 2015 – zu denen komme ich noch in weiteren Blogeinträgen.

Master of None: Die Banalitäten des modernen Lebens

Nachdem ich ein langes Wochenende hinter mir hatte, an dem ich aus Höflichkeit nur das herkömmliche Programm der öffentlich-rechtlichen Sender mitansehen konnte – das erschreckenderweise noch deutlich schlechter ist, als ich es in Erinnerung hatte – musste ich mir gestern eine Art Ausgleichstag gönnen. Zum Glück hat das Streaming-Portal meines Vertrauens eine neue Serie im Angebot, die ich auch gleich am Stück weggeglotzt habe: Master of None.

Ja, erstaunlich, denn es handelt sich um eine Comedy-Serie, bei denen ich normalerweise nach spätesten drei, vier Folgen aussteige, weil sie mir dann doch zu banal sind. Aber in Master of None werden die Banalitäten des modernen Lebens so treffend auf den Punkt gebracht, dass man davon nicht genug bekommen kann. Worum es geht: Der New Yorker Dev (Aziz Ansari, der die Serie auch geschrieben hat), Sohn indischer Einwanderer, der es einmal besser haben sollte, hat es definitiv deutlich besser als seine Eltern (die von Ansaris tatsächlichen Eltern gespielt werden). Auch wenn er mit dem Leben, das er lebt, keineswegs den Vorstellungen seiner ehrgeizigen Eltern entspricht. Während sich sein Vater in Indien dumm und dämlich gearbeitet hat, um sich erst ein Medizin-Studium zu verdienen und dann in den USA sein Glück zu machen, lebt Dev als mäßig erfolgreicher Schauspieler, der bisher eigentlich nur in Werbespots aufgetreten ist, das typische Leben amerikanischer Mittelschichtskinder, die zwar immer älter, aber nicht erwachsen werden.

Aziz Ansari ist Master of None

Aziz Ansari ist Master of None

Devs bester Freund ist Brian (Kelvin Yu), dessen Eltern aus Taiwan in die USA gekommen sind. Auch Brians Vater hatte eine entbehrungsreiche Kindheit, in einem Rückblick wird gezeigt, wie er sein Lieblingshuhn schlachten muss, damit seine Familie ein Abendessen hat. Jetzt hat Brians Vater ein gut gehendes China-Restaurant in New York. Trotzdem ist er weiterhin sehr genügsam und trinkt am liebsten Wasser. Auch Brian verhält sich keineswegs so, wie sein Vater sich das vorgestellt hat. Als sein Vater ihn um einen Gefallen bittet, reagiert Brian ähnlich wie Dev in der Szene zuvor seinem Vater gegenüber: Er will lieber ins Kino und die Quizfragen vor dem Film nicht verpassen, weshalb er jetzt gleich los muss. Mit einer vergleichbaren Antwort hat Dev seinen Vater sitzen lassen, der wollte, dass Dev ihm seinen neuen iPad einrichtet, damit er keine Termine mehr verpasst.

Dann gibt es in Devs Freundeskreis noch die afro-amerikanische Lesbe Denise (Lena Waithe) und den großen weißen Arnold (Eric Wareheim), der noch verspielter ist als Dev und Brian zusammen. Ja, und dann gibt es natürlich auch noch jene, die versuchen, ein Erwachsenen-Leben zu führen, mit ernsthaften Beziehungen und Kindern – Dev stellt sich das gelegentlich auch für sich selbst vor. Aber wie sich schnell herausstellt, haben seine romanischen Vorstellungen nichts mit der harten Realität zu tun: Als er für eine Freundin einige Stunden auf deren Kinder aufpasst, weil sie zu einem wichtigen Meeting muss, ist Dev nach wenigen Stunden mit seinen Nerven völlig am Ende. Obwohl er seine Sache gut gemacht hat: „Ich sehe kein Blut!“ sagt die Freundin anerkennend, als er die Kinder wieder bei ihr abliefert.

Und auch der Freund, der auf der Geburtstagsparty für seinen einjährigen Sohn noch von den Freuden der Vaterschaft geschwärmt hat, erzäht Dev wenig später, dass er sich scheiden lasse, weil alles so anstrengend geworden sei, seit das Kind da ist.

Master of None: Arnold (Eric Wareheim), Dev (Aziz Ansari) und Rachel (Noël Wells)

Master of None: Arnold (Eric Wareheim), Dev (Aziz Ansari) und Rachel (Noël Wells)

Insofern bestätigt sich Devs Panik aus der ersten Szene der Serie, als er mit der Musik-Managerin Rachel zur Sache kommt und das Kondom reißt – gut, das es einen günstigen Uber zum Drugstore gibt, wo die beiden die Pille danach kaufen und es damit für einige Folgen erstmal gut sein lassen – auch wenn sie sich später natürlich wieder begegnen. Bis dahin hat Dev noch einige heiße Dates – unter anderem mit der selbstbewussten blonden Nina (Claire Danes), der Frau des wahnsinnig reichen und wichtigen Geschäftsmannes Mark (Noah Emmerich). Dev hat ein Problem damit, dass Nina verheiratet ist – was sich aber ändert, als er Mark als arrogantes Arschloch kennengelernt hat. Ausgerechnet die Affäre mit Dev führt aber dann dazu, dass Nina und Mark sich wieder näher kommen.

Es geht aber nicht nur um Beziehungen, auch wenn das ein wichtiges Thema ist. Auch der alltägliche Rassismus und Sexismus wird immer wieder aufgegriffen – etwa beim Vorsprechen für eine Nebenrolle, bei der ein Taxifahrer mit einem indischen Akzent gesucht wird, und Dev sich weigert, dieses Klischee zu bedienen. Ironischerweise wird er später für die Rolle eines indischen Einwanderers gecastet, während der indische Freund, der ihm anfangs noch gesagt hat, Dev solle sich nicht so anstellen, die Rolle als bereits amerikanisierter Inder bekommt, weil er sich nun nach Devs Beispiel geweigert hat, einen indischen Akzent zu imitieren.

Master of None

Master of None

Wobei auch die Tatsache, dass zwei Inder in einer US-Serie Hauptrollen spielen dürfen, an sich schon ein Politikum ist – genau das hatte der überraschend verstorbene Produzent nämlich noch vehement abgelehnt: Die Gesellschaft sei noch nicht so weit. Immerhin ist sie weit genug, dass Dev in einer Katastrophen-Serie über eine Seuche einen Wissenschaftler spielen darf, der bald von der titelgebenden Seuche dahin gerafft wird. Und nebenbei wird auch noch thematisiert, dass der nette indische Wissenschaftler aus Nr. 5 lebt gar nicht von einem Inder, sondern von einem Weißen gespielt wurde – hier haben wir die Elliot-Alderson-Diskussion, nur umgekehrt.

In der Folge Ladies and Gentlemen hingegen geht es um den noch immer alltäglichen Sexismus – etwa, als ein Bekannter von Dev zwar die Zeit hat, den Männern am Tisch die Hand zu schütteln, aber die Frauen in der Runde komplett ignoriert. Als Dev nicht glauben will, dass derartige Diskriminierung alltäglich ist, zeigt Rachel ihm, dass alles noch viel schlimmer ist: Sie posten das gleiche Bild auf Instagram – Dev bekommt ein Kompliment dafür, Rachel einen bedrohlichen sexistischen Kommentar. Dev bemerkt, dass noch eine Menge für die Gleichberechtigung zu tun ist und verspricht, künftig aufmerksamer zu sein.

Master of None: Dev (Aziz Ansari) und Denise (Lena Waithe)

Master of None: Dev (Aziz Ansari) und Denise (Lena Waithe)

Anderen gegenüber aufmerksamer sein ist auch ein großes Thema dieser Serie, ob nun den Eltern, Freunden oder Frauen gegenüber – aber wie soll man das hinkriegen, wenn Menschen in erster Linie kleine Sprechblasen auf dem Bildschirm des allgegenwärtigen Smartphones sind? Überhaupt die ganze schöne Smartphone- und Social-Media-Welt: Es kann einen ja schon die Auswahl des wirklich allerbesten Taco-Ladens in der Gegend an den Rand des Nervenzusammenbruchs treiben – und erst recht die Auswahl des perfekten Dates für das zweite Ticket eines begehrten Geheim-Konzerts. Das Leben ist durch den ständigen Druck, aus den vorhandenen Möglichkeiten immer das Optimum herauszuholen, verdammt anstrengend geworden – und am Ende kommt ohnehin alles ganz anders.

Master of None greift typische Probleme der Gegenwart auf amüsante Weise auf und bleibt dabei wohltuend beiläufig. Ansehen lohnt sich auf jeden Fall.