4 Blocks: Spannende Reportage aus der Parallelgesellschaft

Nachdem ich in der letzten Zeit viel darüber gejammert habe, dass es seit Jahren keine gute deutsche Serie mehr gegeben hat, kann ich jetzt berichten, dass es in diesem Jahr endlich wieder etwas Sehenswertes gibt: TNT Serie hat mit dem Gangster-Drama
4 Blocks tatsächlich etwas hingekriegt, an dem ZDFneo mit seiner Produktion Tempel ja leider kläglich gescheitert ist: Einen spannenden Mehrteiler nämlich, der ästhetisch und inhaltlich auf der Höhe der Zeit ist und tatsächlich etwas Neues über die Berliner Unterwelt erzählt, statt zum x-ten Male ausgelatschte Klischees neu zu bebildern. Hier geht es um den Aufstieg arabischer Klans, die inzwischen in einigen Berliner Bezirken das Sagen haben.

Der Libanese Ali Hamadi (Kida Khodr Ramadan), genannt „Toni“ – ob da wohl jemand an Tony Soprano gedacht hat? – lebt seit 26 Jahren in Berlin. Eigentlich wollen er und noch viel mehr seine treue und gläubige Frau Kalila (Maryam Zaree) nur gute deutsche Staatsbürger werden: Bald sollen sie endlich deutsche Pässe bekommen, und damit auch die entsprechenden Möglichkeiten, legal Geschäfte zu machen. Toni macht offiziell in Immobilien und liebt seine Frau und seine achtjährige Tochter, die er durchaus ermutigt, sich gegen die fiesen Jungs im Kiez zu behaupten. Die zum Beispiel der Ansicht sind, dass arabische Mädchen nicht Fahrrad fahren sollten. Und schon gar nicht unbegleitet.

4 Blocks: Toni Hamady (Kida Khodr Ramadan)

4 Blocks: Toni Hamady (Kida Khodr Ramadan) Bild: 4-blocks.de

Aber Toni wird immer wieder in die kriminellen Geschäfte seines chaotischen Bruders Abbas gezogen, der findet, dass sein großer Bruder, seit er Frau und Kind hat, ein echter Waschlappen geworden ist. Toni hat zwar mit vielen dreckigen Geschäften Geld verdient, aber sein Geschäftsgrundsatz ist klar: „Wir sind keine Mörder!“ Und daran hält er sich. Vor allem bringt man keine Polizisten um, denn das bringt viel zu viel Ärger. Abbas hingegen hält sich nicht daran, er hat einfach zu viel von dem Stolz, den er an seinem großen Bruder vermisst und baut immer wieder scheiße, weshalb Toni sich nicht wie geplant ins legale Familiengeschäft zurückziehen kann. Zum Glück taucht Tonis alter Kumpel Vince auf, den er seit Ewigkeiten nicht gesehen hat.

Vince hat offensichtlich eine kriminelle Neuköllner Kiezvergangenheit – und kehrt nun nach längerer Abwesenheit in sein Heimatrevier zurück. Was Toni nicht weiß: Vince ist ein V-Mann, ein Informant, den die Polizei gezielt auf Toni angesetzt hat, damit er in den inneren Zirkel des abgeschotteten Araber-Klans eindringen kann – denn aus dieser Welt dringen kaum Informationen nach außen, so dass die Ermittlungsbehörden seit Jahren im Dunkeln tappen.

4 Blocks: Toni Hamady (Kida Khodr Ramadan) und sein Bruder Abbas (Veysel Gelin)

4 Blocks: Toni Hamady (Kida Khodr Ramadan) und sein Bruder Abbas (Veysel Gelin)eBild: 4-blocks.d

Und Vince ist ziemlich gut: Er hat einerseits den nötigen Stallgeruch, er kennt Toni und seine Familie von früher, andererseits hat er aber auch ein intaktes Unrechtsbewusstsein, viel Einfühlungsvermögen und gute Nerven – Toni führt Vince zu Abbas Ärger in die engeren Familienkreise ein und Vince bewährt sich, er übernimmt die dreckigen Jobs, die Toni seiner Familie wegen nicht mehr selbst machen will, für die Abbas aber ungeeignet ist. Denn Toni ist sehr daran gelegen, unter dem Radar zu bleiben, er weiß, dass er sich keinen Ärger leisten kann.

Mich erinnert das alles sehr an Undercover, jene bulgarische Serie, in der ein Informant in die bulgarische Mafia eingeschleust wird – diese Serie ist übrigens ebenfalls ein echter Geheimtipp. Aber es gibt auch Anklänge an die italienische Mafia-Serie Gomorrha, das israelische Undercover-Drama Fauda und nicht zuletzt einen Schuss Sons of Anarchy.

4 Blocks ist eine interessante Milieustudie einer gegen Fremde abgeschotteten Parallelgesellschaft, die sich in den bisher vernachlässigten Vierteln von Berlin (und anderen deutschen Großstädten) entwickelt hat und erzählt die Geschichte der Familie Hamady, eines jener berüchtigten arabischen Clans, von denen in letzter Zeit sehr viel die Rede ist: Wie bereits in den Herkunftsländern ist die Familie oft die einzige ökonomische und soziale Absicherung für ihre Mitglieder – und die sind zahlreich. Die Familie ist für diese Menschen die einzige Instanz, die zählt. Gut ist, was das Ansehen und den Reichtum der Familie mehrt, alles andere ist schlecht oder interessiert bestenfalls nicht. Was nicht heißt, dass es innerhalb der Familien keine Konflikte gibt – aber die werden untereinander geregelt. Und gegen alle anderen hält die Familie zusammen.

4 Blocks: Toni Hamady (Kida Khodr Ramadan), Vince Kerner (Frederick Lau) und Abbas (Veysel Gelin)

4 Blocks: Toni Hamady (Kida Khodr Ramadan), Vince Kerner (Frederick Lau) und Abbas (Veysel Gelin) Bild: 4-blocks.de

Diese Parallelgesellschaften sind auch ein Produkt verfehlter Politik im Umgang mit Kriegs- und Wirtschaftsflüchtlingen und komplett misslungener, oder eigentlich eher gar nicht erst versuchter Integration dieser Menschen in das hiesige Gesellschaftssystem: Weil es für die oft nur geduldeten ehemaligen Flüchtlinge extrem schwierig war und ist, an legale Jobs zu kommen, haben sie sich eben mit den illegalen Möglichkeiten der Geldbeschaffung befasst und sind mittlerweile in so ziemlichen allen Bereichen der organisierten Kriminalität vertreten, vom Drogenhandel über Prostitution, Schutzgelderpressung, windige Immobiliengeschäfte, Versicherungsbetrug und dergleichen mehr.

Und so behalten sie oft auch die patriarchalisch geprägten Strukturen ihrer Herkunftsgesellschaften bei: Die Männer haben das Sagen, die Frauen unterstützen ihre Männer. Erstrecht, wenn sie Unterstützung brauchen – als Tonis nicht ganz so heller Schwager Latif ins Gefängnis kommt, ist seine Frau Amara natürlich erstmal sauer auf ihn – aber ihre Schwägerin Kalila überzeugt sie, dass sie nun erstrecht für ihren Mann da sein müsse. Und natürlich nimmt Abbas Amara und ihren Sohn bei sich zu Hause auf – es muss ja alles seine Ordnung haben. Amara ist von der Lösung wenig begeistert, denn Abbas nervt mit seinem Kontrollwahn – aber eine gute arabische Frau fügt sich in ihr Schicksal. Interessanterweise hat Abbas aber eine Frau aus einem anderen Kulturkreis auserwählt – er ist mit der ehemaligen Prostituierten Ewa zusammen, die aus Polen kommt. Und Ewa tut sich schwer damit, die Regeln der Familie Hamady zu akzeptieren – etwa, sich nicht einzumischen, wenn die Männer etwas untereinander zu bereden haben. Und das es beim Shoppen keinen Schampus, ja nicht mal Prosecco gibt.

4 Blocks: Amara (Almila Bagriacik) und Vince (Frederick Lau)  Bild: 4-blocks.de

4 Blocks: Amara (Almila Bagriacik) und Vince (Frederick Lau) Bild: 4-blocks.de

Auch die Welt der Hamadys ist in mehrere Sphären getrennt – nach innen gibt es spießiges Familienglück, nach außen hartes kriminelles Tagesgeschäft. Regisseur Marvin Kren und sein Kameramann Moritz Schultheiß finden dazu die passenden Bilder – allein der Auftakt in der High-Deck-Siedlung nahe der Sonnenallee in Neukölln ist grandios: In der einstmals als progressiven Sozialbau konzipierten Beton-Kulisse eines heruntergekommenen Berliner Slums (hier ist es fast so schön wie in der neapolitanischen Beton-Sünde, die in Gomorrha eine heimliche Hauptrolle spielt) verfolgen überforderte Polizeibeamte einen ausländischen Drogendealer, der einen Trainingsanzug mit den Insignien der deutschen Fußball-Nationalmannschaft trägt. Auf der oberen Ebene rotten sich Jugendliche zusammen – die Fronten sind klar: Alle gegen die Polizei. Die ihren Einsatz angesichts der eindeutigen Übermacht abbrechen muss – dieser Block ist eine NoGo-Area, soviel ist klar, zumindest für die Polizei.

Und nicht nur in der Bildsprache wird viel zitiert und auf anderes verwiesen. Mir gefällt die Art, in der das umgesetzt wird, sehr gut. Nichts ist mariniert, es ist eher augenzwinkerndes Understatement, das die Geschichte illustriert, zum Teil tatsächlich ziemlich komisch ist und mich schon deshalb nicht nervt. Wobei ich weiß, dass das Geschmacksache ist, aber ich hatte bei den drei Folgen, die ich bisher sehen konnte, viel Spaß daran. Die erste Staffel hat sechs Teile und die gute Nachricht ist, dass eine zweite Staffel bereits bestellt ist. Ich bin sehr gespannt.

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Ku’damm 56 – verdammt lang her

Wer meinen Blog bereits länger kennt, weiß, dass ich mit aktuellen ZDF-Mehrteilern ernsthafte Probleme habe – so schrecklich überkonstruierte, von hinten bis vorn verschwurbelte Geschichten, die politisch streng auf der Linie des deutschen Regierungsfernsehens nach Adenauer-Art verharren wie Tannbach oder Unsere Mütter unsere Väter sind einfach nicht mein Ding. Obwohl ich ansonsten wirklich Fan historischer Stoffe bin. Und nebenbei: Die ARD-Produktionen Das Adlon oder Weißensee (in dem Fall leider noch deutlich mehr als drei Teile) sind auch kein Ruhmesblatt für neuere deutsche Fernsehgeschichte.

Insofern hatte ich es nicht besonders eilig, mir Ku’damm 56 anzusehen. Ich habe das inzwischen nachgeholt – vor allem, weil die Tage durch die Presse ging, dass Ku’damm 56 wegen Erfolgs verlängert und als Ku’damm 59 wieder zu sehen sein wird. Und ja, ich hab jetzt keine Geschichte zum Niederknien gesehen, aber ich fand Ku’damm 56 doch deutlich besser als das, was ich erwartet hatte.

Die Schöllacks: Helga (Maria Ehrich), Caterina (Claudia Michelsen), Monika (Sonja Gerhardt) und Eva (Emilia Schüle)

Die Schöllacks: Helga (Maria Ehrich), Caterina (Claudia Michelsen), Monika (Sonja Gerhardt) und Eva (Emilia Schüle)

Wobei – dass deutsche Fernsehproduktionen gut darin sind, Zeitgeschichte nachzuempfinden, ist ja kein Geheimnis und ich weiß das durchaus zu schätzen – in dem Punkt waren auch die bisher genannten Mehrteiler allesamt nicht schlecht: Perfektionistisch, wie wir Deutschen angeblich so sind, können wir Elend und Ruinen, Reichsparteitage, Rock’N’Roll, die DDR, Wirtschaftswunder, das Kaiserreich oder die morbiden 20er Jahre wiederauferstehen lassen, und allet passt – Recherche und Ausstattung ist in der Regel erste Sahne.

Unter anderem in Potsdam-Babelsberg wurde schließlich der Kinofilm erfunden – was die Sache ja eigentlich noch trauriger macht: Hierzulande wurde tatsächlich Film- und Kinogeschichte geschrieben. Aber was derzeit dabei raus kommt, ist weder solides Handwerk, noch innovative Filmkunst. Dabei schafft es sogar ein Hungerleider-Ostbalkan-Land wie Bulgarien mit Undercover eine Krimiserie zu produzieren, die international zu recht Aufsehen erregt. Während eine bestimmt sehr viel teurere und aufwendige Produktion wie Im Angesicht des Verbrechens einfach mal wieder vor die Wand fährt.

Ku'damm 56: Freddy (Trystan Pütter) und Monika (Sonja Gerhardt) in ihrem Element

Ku’damm 56: Freddy (Trystan Pütter) und Monika (Sonja Gerhardt) in ihrem Element

Wobei, mir kann es ja eigentlich egal sein – als international orientiertem Menschen ist mir die Nation egal, ich bin zufällig Deutsche, das habe ich mir nicht ausgesucht und somit ist das auch nichts, worauf ich mir etwas einbilde. Und ich habe ein Problem damit, wenn andere sich auf ihre Nationalität etwas einbilden – das ist das Letzte. Weil es nun mal das Letzte ist, was man verdient hätte – das ist etwas, wofür man nun wirklich gar nichts kann. Wenn jemand sich auf nichts anders etwas einbilden kann, ist er eine echt arme Sau, was nicht entschuldigt, dass er oder sie am Ende ein Scheißrassist ist. Oder nur ein Scheißnationalist. Was auch nicht besser ist. Aber das nur am Rande.

Weil Deutsch nun einmal meine Sprache ist, und ich eine deutsche Schul- und Universitätsausbildung erleiden musste (weniger ehrliche Menschen würden jetzt schreiben „genossen habe“, aber das habe ich nicht, von wenigen Ausnahmen abgesehen, ich hatte tatsächlich einige, wenige, Lehrer und später Professoren, bei denen ich wirklich das Gefühl hatte, dass die mir was beibringen wollten, das ich erleichtert und herzlich erwiedert habe, in dem ich auch etwas lernte, sonst wäre ich gar nicht imstande diesen Blog zu schreiben) sind eben auch deutsche Filme und Serien Gegenstand meines allgemeinen Interesses an Filmen und Serien.

Eva (Emilia Schüle) und ihr Professor (Heino Frech)

Eva (Emilia Schüle) und ihr Professor (Heino Frech)

Und es gab und gibt ja auch immer Künstler auch in Deutschland – wobei das nicht unbedingt Deutsche waren – hier haben die USA, die ich sonst gern in vielerlei Hinsicht in Grund und Boden argumentieren möchte, Deutschland vieles voraus – vor allem, dass die dort Abstammung eine nicht ganz so große Rolle spielt – es sei denn, ein Halbschwarzer mit „Hussein“ als Binnennamen will Präsident werden. Noch ein Detail am Rande – Donald Trump ist sehr stolz darauf, deutscher Abstammung zu sein: Er ist mit den Ketchup-Heinzens verwandt und seine Großeltern sollen aus Bayern sein. Da sollte einen doch schon sehr viel weniger wundern, denn Trumps rustikales Verhalten kennt man doch von der CSU. Und wenn man Trumpsens Verhalten mit dem von Strauß, Stoiber, Seehofer und Söder abgleicht, wird es doch gleich viel normaler. Zumindest, wenn man ab etwa fünf Maß intus hat.

Aber jetzt muss ich mich wieder zusammen reißen, denn ich schreibe eigentlich nicht den großen neuen deutschen Roman, auf den die Fachwelt hoffentlich lange gewartet hat, sondern nur einen Blogeintrag über Ku’damm 56. Und ja, da wird es schwierig.

Helga (Maria Erich) und ihr schwuler Rechtsassessor Wolfgang van Boost (August Wittgenstein)

Helga (Maria Erich) und ihr schwuler Rechtsassessor Wolfgang van Boost (August Wittgenstein)

Denn einerseits fand ich die Geschichte gar nicht dermaßen schlecht. Was mir vor allem gefallen hat, war, dass die giftige Verlogenheit der unmittelbaren Nachkriegszeit voll ausgespielt wurde: Die Mutter der Geschichte, Caterina Schöllack, ist eine ebenso arrogante wie verlogene Sau.

Claudia Michels spielt sie mit einer glaubwürdig fragilen Grandezza, das allein ist wirklich preiswürdig: Diese Frau hat sich in ihrer Lebenslüge eingerichtet und terrorisiert ihre drei Töchter mit deutscher Gründlichkeit. Die Töchter sind Helga (Maria Ehrich), die einen homosexuellen Rechtsassessor heiratet, der hoffentlich bald Staatsanwalt wird, das Nesthäkchen Eva (Emilia Schüle), das Krankenschwester in einer psychiatrischen Klinik ist, und den für sie viel alten Professor heiraten soll (Heino Ferch als Prof. Dr. Jürgen Fassbender), auch nicht schlecht übrigens, und dann gibt es schließlich die mittlere Tochter Monika (Sonja Gerhardt), die eigentlich zu gar nichts taugt, aber ein gutes Herz hat.

Mit solchen Kindern ist kein Staat zu machen – auch wenn Helga und Eva das Programm ihrer Mutter komplett verinnerlicht haben und es über die Selbstverleugnung hinaus knallhart durchexerzieren: Das ist, was mir an diesem Dreiteiler gefällt. Sie befolgen das Programm, das ihnen die Mutter als den Weg zum Glück vorgeschrieben hat, und es endet für alle komplett desaströs: Helga bringt sich schier um in der Rolle der guten Hausfrau für ihren strengen, aber lustlosen Ehemann – sehr zum Missfallen ihres Gatten wird sie sogar eine Werbeikone für die verlorenen Ideale der 50er Jahre. Eva verleugnet ihre Liebe zu der netten Ossi-Sportkanone und lässt sich auf den für sie viel zu alten Professor ein – selbst nachdem er ihr zu dem von ihm selbst gekochten mongolischen Reiterfleisch gesteht, dass er als junger Assistenzarzt in den Nazi-KZs an Menschenversuchen beteiligt war.

Fabrikantensohn Frank (Sabin Tambrea), Mama Schöllack (Claudia Michels) und Monika (Sonja Gerhardt)

Fabrikantensohn Frank (Sabin Tambrea), Mama Schöllack (Claudia Michels) und Monika (Sonja Gerhardt)

Und Monika – sie gibt den von ihr Mutter ausgeheckten Plan auf, den reichen Fabrikantensohn wegen ihrer Schwangerschaft zur Heirat zu zwingen – schließlich hat er sie tatsächlich vergewaltigt, weil er sich irgendwie gelangweilt und missverstanden fühlte, dann aber doch irgendwie Gefallen an diesem schrägen Mädchen gefunden hat, das mit dieser Gesellschaft einfach nicht funktionieren will. Natürlich kann auch das nicht gut ausgehen – und wenigstens gibt es hier keine falsche Hoffnung.

Monika weiß, dass beide Männer für sie nicht taugen, weder der Musiker Freddy (Trystan Pütter), von dem sie ein tatsächlich ein Kind erwartet, noch der Kapitalistenspross Frank (Sabin Tambrea), der eigentlich lieber Romanautor als Ingenieur im Werk seines verhassten Vaters sein will, der mit den Waffen, mit denen sein älterer Sohn Harald erschossen wurde, weiterhin viel Geld verdienen will.

Frank (Sabin Tambrea) und Monika (Sonja Gerhardt)

Frank (Sabin Tambrea) und Monika (Sonja Gerhardt)

Ich mag die in Ku’damm 56 thematisierten Widersprüche – der echte Vater der Schöllack-Kinder, der als im Krieg vermisst gilt, lebt eigentlich noch – was die drei Töchter, die ja allesamt nicht blöd, aber eben gehorsam sind, doch irgendwann herausfinden. Genau wie den Umstand, dass die Tanzschule, die angeblich seit ihrer Gründung in Familienbesitz ist, im Rahmen der Arisierung ihren Eltern zugeschlagen würde – und der nette Onkel Fritz (Uwe Ochsenknecht), der nun Tanzlehrer im Institut ist und sich hingebungsvoll um Caterina kümmert, als hohes Tier im Reichssportministerium seine Hand im Spiel gehabt hat.

Letztlich stellt sich sogar heraus, dass die einzige der drei Töchter, die zu ihrem Vater steht, der nach seiner Kriegsgefangenschaft in Ostberlin Lehrer geworden ist, weil er sich für die Verbrechen des Dritten Reiches schämt und etwas gut machen will, nämlich Monika, das Kind von Fritz Assmann ist, und eben nicht von Gerd Schöllack. Auch das mag irgendwie überkonstruiert sein, aber es hat diese Ironie, die ich mag.

Genau wie Wolfgang, der schwule Sproß einer preußischen Gutherrenfamilie, einen in meinen Augen symphatischen Zug an den Tag legt, als er sich weigert, das von der Adenauerregierung durchgedrückte KPD-Verbot in seinem Job bei der Staatsanwaltschaft umzusetzen: Er will die Haftbefehle für führende Kommunisten nicht ausstellen. Dafür riskiert er seinen Ernennung zum Staatsanwalt. Einer von ihnen war ein Freund seines liberalen Vaters und überhaupt: „Diese Männer waren im Widerstand gegen die Nazis!“ erklärt er seiner konsternierten Frau Helga.

Aber die reagiert total pragmatisch, genau wie Mutter Schöllack ihr ein Leben lang eingeimpft hat: „In deinem Job als Staatsanwalt wirst du noch oft Dinge tun müssen, die dir persönlich nicht gefallen!“ Und Helga gefällt es persönlich ja auch nicht, dass ihr Mann sich sexuell so gar nicht für sie interessiert, auch wenn sie honoriert, dass er es wenigstens versucht und beim Professor ihrer kleinen Schwester um eine Therapie ersucht hat – er will von seinem Fehlverhalten, das er selbst als abnormal empfindet, geheilt werden. Auch wenn der Professor am Ende nicht viel tun kann: Es gibt einfach auch unheilbar Schwule. Und Wolfgang stellt die Haftbefehle schließlich aus – wenn er seine Frau sonst schon nicht zufrieden stellen kann, dann doch wenigstens in ihrem Karrierebedürfnis – er will kein völlig untauglicher Mann sein.

 

Der Ku'damm 1956 - in Ku'damm 56 Bild: http://d-facto-motion.de

Der Ku’damm 1956 – in Ku’damm 56 Bild: http://d-facto-motion.de

Und natürlich mag ich auf den nostalgischen Blick auf Berlin – die 50er Jahre wurden überzeugend rekonstruiert – und es war eine schlechte Zeit, eine giftige, verlogene, völlig zu recht untergegangene Zeit. Außerehelicher Geschlechtsverkehr war verboten. Abtreibung war an der Tagesordnung – was sollten die Frauen denn sonst gegen ungewollte Kinder tun – aber genauso verboten. Schwul sein war verboten. Jung sein und Spaß haben war verboten. Dass Frauen selbst Geld verdienten war letztlich auch verboten, sofern sie verheiratet waren.

Eigentlich war alles irgendwie verboten, aber es fand trotzdem statt. Es lohnt sich durchaus, daran zu erinnern: Es war eben nicht alles besser. Vieles war schlechter. Sehr viel schlechter. Und ich will das auf keinen Fall wieder haben.