Olive Kitteridge

Gerade unter den Miniserien gibt es immer wieder kostbare Perlen zu entdecken – und eine davon ist Olive Kitteridge. Der HBO-Vierteiler von Jane Anderson (Drehbuch) und Lisa Cholodenko (Regie) beruht auf einem Roman von Elizabeth Strout, der das Leben der Bewohner des Küstenständchens Crosby in US-Bundesstaat Maine beschreibt. Im Mittelpunkt steht die schrullige Olive Kitteridge (Frances McDormand). Bereits nach wenigen Minuten ist klar, dass Olive des Lebens überdrüssig ist, sie breitet eine Decke aus, hört im mitgebrachten Radio klassische Musik und lädt einen Revolver. Doch bevor sie abdrückt, springt die Handlung um Jahrzehnte zurück: Olive ist Mathematiklehrerin an der Mittelschule, ihr Mann Henry ist der örtliche Apotheker.

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Der freundliche Henry (Richard Jenkins) nimmt regen Anteil am Leben seiner Mitmenschen – er gibt ihnen die Medizin, die sie brauchen und tut sein Möglichstes, zu verhindern, dass sie die falschen Mittel nehmen und schon gar nicht zu viel davon. Henry und Olive haben einen Sohn, Christopher – der sich in den kommenden Teilen noch ausführlich an seiner schwierigen Mutter abarbeiten wird.

Olive hält nämlich nichts von menschelndem Getue – Religion ist etwas für Dummköpfe, Psychologie ist für Schwächlinge und von dem, was andere für höfliche Umgangsformen halten, ist Olive einfach nur genervt. Genau wie ihr auf die Nerven geht, dass Henry immer allen Menschen helfen will. Henry ist ein Meister der freundlichen kleinen Geste – auch seiner spröden Frau bringt er immer wieder Blumen und Postkarten mit – und ist enttäuscht, wenn sie die Karte nach dem Lesen in den Mülleimer wirft. Aber Olive hat nichts übrig für Sentimentalitäten: Sie weiß doch, was auf der Karte steht und muss sich das nicht an den Küchenschrank pinnen. Natürlich weiß sie auch, dass ihr Henry ein guter Mann ist.

Deshalb bleibt sie bei ihm – auch wenn sie heimlich in ihren Kollegen verliebt ist, der Literatur unterrichtet. Außerdem ist Olive am Schicksal ihrer Schüler interessiert, so kümmert sie sich um ihren Schüler Kevin, dessen Mutter unter Depressionen leidet. Olive tut, was getan werden muss.

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Mit ihrem eigenen Sohn kommt sie weniger gut klar – einerseits ist Olive eine gnadenlose Realistin, die ihren Sohn auf keinen Fall verzärteln will, andererseits hat sie ebenso genaue wie fragwürdige Vorstellungen davon, was gut für ihn ist und was nicht. Und natürlich sucht sich Christopher immer die falschen Frauen aus – was Olive ihm auch klar macht.

Genau wie ihrem Mann, der zu viele Gefühle für seine junge Angestellte Denise (Zoe Kazan) entwickelt, die auf den ersten Blick zwar ein naives Dummerchen zu sein scheint, sich aber als patente junge Frau erweist, die viele gute Ideen hat. Was ihr aber langfristig auch nicht viel nützt, denn erst kommt ihr Mann bei einem Jagdunfall ums Leben und dann lässt sie sich auf den Falschen ein –  ihr neuer Verehrer Jerry (Jesse Plemons) erweist sich später als ziemliches Arschloch.

Das Leben in Crosby ist keine Idylle, alle sind hier auf ihre Weise unglücklich – auch Olive, die vom Leben ganz offensichtlich nichts anderes erwartet. Oder eigentlich erwartet sie das doch – warum sonst kämpft sie so verbissen gegen die Erwartungen der anderen an? Und warum rettet sie immer wieder andere, die unter der Last ihres Lebens zusammenbrechen? Weil sie nur zu genau weiß, wie sich das anfühlt. Aber Olive erwartet von sich selbst, dass sie damit klar kommt, auch wenn ihr das schwer fällt. Von den anderen erwartet sie letztlich auch, was sie von sich selbst erwartet.

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Und so erträgt sie Schicksalsschläge einerseits stoisch – andererseits hadert sie dann doch wieder damit. Und sie kann ganz schön gemein sein – auf der Hochzeitsfeier ihres Sohnes benimmt sie sich nicht nur gewohnt schlecht, sondern klaut ihrer Schwiegertochter ein Paar Ohrringe und ein Paar Schuhe, die sie später in einen Abfalleimer wirft. Aber natürlich geschieht genau das, was sie vorausgesagt hat: Der ehrgeizigen kalifornischen Ärztin Suzanne ist Christopher auf Dauer nicht gut genug. Aber diese neue, die Christopher nun in New York hat, ist irgendwie zwar ganz anders, aber in Olives Augen auch nicht besser.

Trotzdem nimmt Olive ihre Pflichten als künftige Großmutter an, als ihr Sohn sie bittet, seiner schwangeren Freundin, die schon mehrere Kinder hat, beizustehen. Aber natürlich gefällt es ihr in der Quasi-Kellerwohnung in einem der unendlichen Vororte von New York nicht, in der sie damit landet. Während sie in New York ist, stirbt Henry, der nach einem Schlaganfall in einem Pflegeheim ist – Olive hat dem Personal zwar spezifische Anweisungen erteilt, für die Zeit, in der sie nicht selbst kommen und sich um alles kümmern kann, aber man weiß ja, wie das in Pflegeheimen so ist. Olive findet das heraus, als sie nach einem weiteren bitteren Streit mit ihrem Sohn nach Hause fährt. Jetzt gibt es eigentlich nichts mehr, das sie in dieser Welt hält – abgesehen von ihrem Hund Clancy, um den sie sich kümmern muss. Wenn Clancy tot ist, will sie ihrem Leben ein Ende setzen.

Während eines Spaziergangs mit dem altersschwachen Clancy finde Olive ihren entfernten Nachbarn Jack (Bill Murray), den sie eigentlich nicht leiden kann. Aber Jack braucht Hilfe – und Olive hilft. Wie immer. Auch wenn eine Einladung zum Abendessen endet, wie man erwarten kann: Olive macht sich für ihre Verhältnisse schick und geht hin, lässt Jack aber nach einem weiteren Streit sitzen. Trotzdem ist irgendwas passiert.

Als der Hund dann schließlich eingeschläfert ist und Olive ihren Plan ausführen will, kommen ein paar Kinder in die Quere, denen Olive den Anblick einer Leiche ersparen möchte. Statt sich zu erschießen, fährt sie zu Jack, der allein und depressiv in seinem Bett liegt. Olive erzählt ihm, dass sie Großmutter geworden ist – Ann hat sie heimlich angerufen, denn ihr Sohn spricht ja nicht mehr mit ihr. Sie legt sich zu Jack ins Bett. Gemeinsam schauen sie aus dem Fenster – Jack hat auch ein Haus mit Meerblick, ein schickes sogar. „Diese Welt verblüfft mich“, sagt Olive. „Ich will sie noch nicht verlassen!“

Olive Kitterigde hat eine feine, sehr eigenartige Melancholie – aber es ist eine sehr reflektierte Traurigkeit, die keine Wehleidigkeit zulässt, sondern trotzig dagegen ankämpft. Sie weiß, dass das Leben hart und ungerecht ist – genau deshalb verachtet sie diese ganze verlogene Scheiße, mit der sich ihre Mitmenschen ihr beschissenes Leben erträglich machen wollen. Ich spüre sehr viel Olive Knitterige in mir.

Aber das ist nicht der einzige Grund, aus dem ich diese Serie empfehle – sie ist einfach gut. Es gibt nicht sehr viele Serien (oder Filme) über das ganz alltägliche Leben, die nicht öde und banal sind. Es geht hier nicht um Mord und Verbrechen und es ist auch kein bisschen lustig. Olive Knitterige besticht mit komplexen Charakteren, die ausnahmslos wahnsinnig gut dargestellt werden – und einer unspektakulären Geschichte, die eben genau so ist, wie das Leben selbst: Es kommt immer anders, als man denkt, aber es wird nicht unbedingt besser. Aber manchmal eben doch. Wenn man sich drauf einlässt.

Emmy-Inflation: Was trotzdem fehlte

Ach ja, Anfang der Woche gab es einmal mehr die Emmy-Awards. Und wieder keine Überraschungen. Und obwohl ich absolut der Meinung bin, dass Breaking Bad die derzeit beste Serie überhaupt ist – und die einzige, die ihr Niveau über sämtliche fünf Staffeln nicht nur gehalten, sondern zum Finale hin noch gesteigert hat – wird es langsam doch ein bisschen langweilig, dass es immer noch und noch und noch einen Emmy für Breaking Bad gibt. Wobei natürlich alle hochverdient – Bryan Cranston war als Walter White absolut grandios, genau wie Aaron Paul als Jesse Pinkman und Anna Gunn als Skyler White. Wobei ich Anna Gunn auch schon in Deadwood super fand.

Ich kapiere allerdings immer weniger, warum welche Serie für welchen Emmy nominiert wird – nicht nur, weil es eine verwirrende Vielzahl an Preisen gibt, sondern auch, weil die Abgrenzung der Genres doch ziemlich willkürlich erscheint: Wann ist eine Serie eine Mini-Serie? Die Unterscheidung Drama/Comedy kann ich ja irgendwie noch nachvollziehen, aber warum gibt es nicht auch eine Rubrik Crime? Dann müssten sich nicht so viele Serien unter „Drama“ drängeln, dass man die dann Richtung Mini-Serie schieben muss, denn Mini-Serie wird ja eh von Crime dominiert (Sherlock, Luther, Fargo…). Wobei ich True Detective in der Logik ja auch eher in der Mini-Serien-Abteilung gesehen hätte, wo ja auch Fargo vertreten ist, die sogar noch zwei Teile mehr hat als True Detective – statt dessen ging diese auch ganz großartige Serie angesichts der übermächtigen Drama-Konkurrenz leider unter. Aber wie gesagt, ich durchschaue das ohnehin nicht – und warum wird bei den herausragenden Schauspielern Film und Mini-Serie zusammengefasst – da gäbe es doch auch genug Stoff für zwei Preise? Auf noch einen mehr käme es doch wirklich nicht an!

Dafür könnte man meinetwegen bei Comedy ein bisschen aufräumen – dass insgesamt doch ziemlich mittelmäßige Serien wie Big Bang Theory oder House of Lies genauso für Emmys antreten (und gewinnen können) wie Breaking Bad, Mad Men, True Detektive oder House of Cards erschließt sich mir nicht. Wobei Comedy-Serien auch nicht mein Ding sind – ich mag Humor lieber anspruchsvoll verpackt. Auch die Sopranos, Breaking Bad oder Mad Men sind streckenweise wirklich witzig, aber dank ihrer interessanten Handlung sehr viel weniger langweilig.

Ja, ich habe Game of Thrones außen vor gelassen, irgendwie ist das mal eine der angeblich ganz tollen Serien, mit der ich einfach nicht warm werde – vielleicht sollte man einfach noch eine Fantasy-Rubik einführen, da hätte dann vielleicht auch True Blood eine Chance, was ja weder Drama noch Comedy ist, sondern irgendwie beides. Und so sehr mich gefreut hat, dass dieses mal neben Downton Abbey auch die britische Serie Luther dabei ist, die ich ebenfalls richtig gut finde, so sehr frage ich mich, warum andere Serien, die auch sehr gut sind, völlig außen vor bleiben?

Da wäre ja nicht nur True Blood, sondern beispielsweise noch The Bridge America – und wenn schon nicht die ganze Serie, dann hätten doch wenigstens Demian Bichir als Marco Ruiz und Diane Kruger als Sonya Cross eine Nominierung verdient. Das gilt natürlich auch für Mireille Enos als Sarah Linden und Joel Kinnaman als Stephen Holder in The Killing – die vierte Staffel mit ihren sechs Teilen hätte doch auch gut in die Mini-Serien gepasst. Und nicht nur ich bin der Meinung, dass diese Staffel so ziemlich das beste ist, was Netflix bisher produziert hat. Denn meiner Ansicht nach ist House of Cards zwar schon gut gemacht, aber am Ende doch ziemlich eindimensional, die Charaktere sind zu glatt, zu eindeutig, zu vorhersehbar. Klar, Kevin Spacey ist ein toller Schauspieler und sein Frank Underwood ein überzeugend brillantes Arschloch, wobei mir Robin Wright als Claire Underwood besser gefällt: Sie verfolgt ihre Interessen ebenfalls knallhart und letztlich fast noch raffinierter als ihr Mann. Aber sie ist – im Gegensatz zu ihm – trotzdem gelegentlich zu menschlichen Regungen fähig. Sie bricht auch mal in Tränen aus, nachdem sie einer Freundin telefonisch eine Falle gestellt hat, weil sie keineswegs gern tut, was sie tun muss, um ihre Ziele zu erreichen. Insofern gibt es wenigstens hier ein bisschen Spannung. Bei Frank ist ja immer völlig klar, dass er tut, was getan werden muss – und dass er am Ende kriegt, was er will.

Dass Homeland oder The Newsroom dieses Mal nicht so richtig zum Zug gekommen sind, finde ich nicht unberechtigt, die waren schon gut, aber halt auch nicht so richtig super. Fargo als beste Mini-Serie dagegen geht klar – ich muss zugeben, dass ich gerade erst angefangen habe, mir Fargo anzusehen, aber schon die ersten beiden Teile versprechen eine richtig gute Serie, die ich unbedingt weiter sehen muss – und nach all den Serien, die im schwülen oder auch wüstenartigen Süden der USA spielen ist so eine Handlung im tiefverschneiten Minnesota mal was anderes. Und nicht nur Martin Freeman als Lester Nygaard ist sehenswert, sondern vor allem Billy Bob Thornton als Auftragskiller Lorne Malvo. Bob Odenkrik aus Breaking Bad spielt übrigens auch mit, allerdings nicht als krimineller Anwalt, sondern als Polizist.

Insofern kann man sich vielleicht schon ein bisschen auf die nächsten Emmys vorfreuen – da gibt es hoffentlich auch mal was anderes.