Der Hypnotiseur: Erstaunliche Parallelen

Es ist nicht leicht, immer eine neue Geschichte zu erfinden und ich habe wirklich nichts dagegen, wenn eine gute Geschichte noch einmal erzählt wird: Eine bereits bekannte Geschichte kann in einer neuen Variante durchaus wieder gut werden. Wie an anderer Stelle schon gesagt, bin ich gegenüber Remakes, durchaus aufgeschlossen – es gibt ja nun wirklich gelungene Neuverfilmungen. Man muss das Rad nicht immer wieder neu erfinden, es reicht, wenn man es gelegentlich verbessert.

Trotzdem bin ich andererseits immer wieder erstaunt, wie wenig wirklich neue Geschichten es zu geben scheint. Genauso ist es mit Charakteren – wenn man mal eine richtig gute Figur aufgebaut hat, muss man sie nicht immer wieder neu erfinden, sondern kann sie einfach immer wieder was Neues erleben lassen. Und es kommt auch vor, dass man einer Figur aus der einen Geschichte in einer anderen wieder begegnet – und je mehr man sich damit beschäftigt, desto mehr erkennt man wieder.

Screenshot: Der Hypnotiseur - winterliches Stockholm.

Screenshot: Der Hypnotiseur – winterliches Stockholm.

Das geht nicht nur mir so. Neulich las ich irgendwo in einem Blog, wie sich jemand darüber wunderte, wie viel von Detective Holder aus The Killing doch in diesem Frank Wagner aus GSI Göteborg stecken würde – was ich ziemlich lustig fand, denn es ging um die erste Staffel von GSI Göteborg, die in den USA zwar nicht sehr bekannt sein dürfte, die aber von 2009 ist und gewiss eine Visitenkarte für Joel Kinnaman war, der daraufhin im US-Remake von Forbrydelsen eben jenen Stephen Holder spielen durfte.

Insofern wurde eher Frank Wagner in The Killing importiert als umgekehrt. Andererseits – im Frank Wagner der zweiten GSI-Staffel von 2012 steckt vermutlich dann doch einiges von Stephen Holder, den Kinnaman seit 2010 verkörpert hat. Holder wiederum ist eine Neuauflage von Jan Meyer aus der dänischen Serie Forbrydelsen (Bei uns als Kommissarin Lund – das Verbrechen bekannt) nur dass die Autoren des Remakes dem zweiten Ermittler eine interessantere Rolle zugedacht haben als im Original. In Staffel 3 und 4 emanzipierte sich The Killing von der dänischen Vorlage – diese Staffeln waren durchaus etwas eigenes, auch wenn die Serienschreiber die Charaktere und die Stimmung der beiden vorangegangenen Staffeln übernommen und weiter entwickelt haben – die Markenzeichen von The Killing blieben erhalten: Sarah Linden und ihre Strickpullover, Stephen Holder mit den in den Kniekehlen hängenden Jeans und sein Kaputzenpulli, was dazu passt, dass Holder fließend Hiphop spricht. Und das düstere, regnerische, durch und durch deprimierende Seattle, in dem rätselhafte Verbrechen geschehen.

Screenshot: Der Hypnotiseur - Mikael Persbrandt als gescheiterter Psychiater.

Screenshot: Der Hypnotiseur – Mikael Persbrandt als gescheiterter Psychiater.

Als Fan sowohl des Originals als auch des Remakes war ich durchaus glücklich mit der vierten Staffel, in der die Serie um Sarah Linden und Steppen Holder mit einem neuen, finalen Fall einen vernünftigen Abschluss fand, auch wenn ich nicht in jeder Hinsicht mit dem Staffelende einverstanden war. Um so überraschter war ich jedoch, als ich jetzt den schwedischen Thriller Der Hypnotiseur aus dem Jahr 2012 sah. Auch wenn in diesem Fall natürlich vieles anders als war in der vierten Staffel von The Killing, verblüffen doch die Parallelen: Eine Familie wird auf brutale Weise von einem offenbar total durchgeknallten Täter ausgelöscht – nur der Sohn überlebt schwer verletzt.

Die Ermittler, in Falle von The Killing Linden und Holder, im Fall des Hypnotiseurs sind es der Stockholmer Kommissar Joona Linna (Tobias Zilliacus) und der titelgebende Psychologe Erik Maria Bark (Mikael Persbrandt), stehen vor einem Rätsel: Wo ist bitte das Motiv für ein solches Blutbad? Andererseits liegt auf der Hand, dass die Lösung des Falls in der Familiengeschichte der Opfer zu finden sein muss. Und natürlich haben die Ermittler jeweils auch einen Haufen privater Probleme – hier liegen die größten Unterschiede zwischen den Geschichten in Seattle und der in Stockholm.

Screenshot: Der Hypnotiseur - Tobias Zilliacus als Kommissar Joona Linna.

Screenshot: Der Hypnotiseur – Tobias Zilliacus als Kommissar Joona Linna.

Während Holder und Linden in erster Linie damit beschäftigt sind, zu vertuschen, wie der Fall in der Staffel zuvor ausgegangen ist, weil sie den Rest ihres Lebens nicht im Knast zu verbringen wollen, haben wir beim Hypnotiseur wieder eine Paraderolle für Mikael Persbrandt, dieses Mal als genialen, aber dennoch gescheiterten Psychiater, der ohne starke Schlafmittel keine Ruhe mehr findet, sonst aber sehr vieler Dinge müde ist. Ich muss gleich dazu sagen, dass es nicht der beste Persbandt-Film ist, den ich je gesehen hätte. Und auch nicht beste Lasse-Hallström-Film, denn kein anderer hat beim Hypnotiseur Regie geführt. Gilbert Grape – Irgendwo in Iowa oder Schiffsmeldungen fand ich deutlich besser.

Genzugenommen handelt es sich um einen eher durchschnittlichen Schweden-Thriller, wobei ein durchschnittlicher Schweden-Thriller in der Regel aber auch schon deutlich besser ist, als ein durchschnittlicher Deutschland-Thriller. Was mich einmal mehr zu der Frage bringt, warum das eigentlich so ist. Ja, es ist düster und kalt in Schweden, der Hypnotiseur spielt im verschneiten Stockholm, da muss man gar nicht viel Aufwand treiben, um eine entsprechende Stimmung herzustellen. Aber das ist es nicht allein: Während mir die privaten Probleme deutscher Ermittler unglaublich auf die Nerven gehen, gehören sie bei den Schweden selbstverständlich dazu. Im Grunde ist jeder ordentliche Schweden-Krimi in erster Linie ein Familiendrama, und zwar immer gleich auf mehreren Ebenen: Die Familienprobleme der Ermittler, die Familienprobleme der Kollegen, und natürlich die Familienprobleme, die bei Opfern und Tätern ans Licht kommen, menschliches Drama, wo man nur hinschaut, da ist doch ganz klar, dass die ganze Zeit schreckliche Dinge passieren müssen.

Screenshot: Der Hypnotiseur - die Ärztin Daniela (Helena af Sandberg) mit Linna und Bark

Screenshot: Der Hypnotiseur – die Ärztin Daniela (Helena af Sandberg) mit Linna und Bark

Deutsche Ermittler dagegen sind in der Regel keine Familienmenschen – sie leben nur für die Arbeit. Man muss nur die Liste der Tatort-Kommissare mal durchgehen. Mir fällt da bei den Dutzenden von Ermittlern außer Freddy Schenk keiner ein, der eine richtige Familie hätte – es gibt einige wenige Teilzeit-Eltern mit Kind, aber ohne Lebenspartner. Und manchmal hat einer auch eine Freundin, aber das wars dann schon. Familie und Beruf sind in Deutschland halt schwer vereinbar, das gilt auch für den Krimi. Für Familienprobleme gibt es hierzulande andere Genres – das ist halt die deutsche Art, alles muss schön ordentlich in Schubladen sortiert werden. Und Familie und Verbrechen gehören nicht in die selbe Schublade, auch wenn man eigentlich wissen müsste, dass das im wahren Leben ganz anders ist. Da sind die Schweden und (auch die Amis) einfach ehrlicher: Die meisten Verbrechen finden innerhalb von Familien statt, wenn es nicht gerade um organisierte Kriminalität im globalen Maßstab geht.

Screenshot: Der Hypnotiseur - Erik und seine Frau Simone (Lena Olin)

Screenshot: Der Hypnotiseur – Erik und seine Frau Simone (Lena Olin)

Zurück zu den ermordeten Familien in Stockholm und in Seattle: In beiden Fällen stellt sich im Laufe der Ermittlungen heraus, dass der überlebende Sohn der Täter sein muss. Denn es handelt sich gar nicht um einen leiblichen Sohn der Familie, sondern um ein adoptiertes Kind. Und in beiden Fällen spielt die leibliche Mutter des Sohnes eine nicht gerade vorteilhafte Rolle bei der ganzen Sache – wobei ich Colonel Margaret Rayne, die immerhin noch versucht hat, ihren Sohn nach seiner Wahnsinnstat zu beschützen, insgesamt deutlich glaubwürdiger fand als das durchgeknallte Psychowrack von Mutter, die den Sohn des Hypnotiseurs entführt, um sich an dem Arzt rächen, der sie – wie man sieht, auch völlig zu recht – als verrückt in die Klapse eingewiesen hat. Insofern muss ich sagen: Lasse Hallström hin und Mikael Persbrandt her – in diesem Fall hat das Team von The Killing die bessere Version der Geschichte erzählt.

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Big Bad Wolves – die dunkle Seite des Rachefilms

In Sachen Rachefilm gibt es natürlich auch noch ganz andere Möglichkeiten als schöne Bilder aus Dänemark und Afrika. Schöne und schreckliche Bilder aus Israel etwa, wo der Rache-Thriller Big Bad Wolves spielt. Dieser Film von Aharon Keshales und Navot Papushado zeigt, wie ein verzweifelter Vater aus dem mutmaßlichen Mörder seiner Tochter heraus bekommen will, wo er den Kopf des Mädchens vergraben hat. Für Juden ist es nämlich auferstehungstechnisch unglaublich wichtig, dass der komplette Körper am jüngsten Tag vorhanden ist. Zwar ist Gidi (Tzahi Grad) nicht besonders religiös, aber das ist nun mal das Einzige, was er für seine ermordete Tochter noch tun kann.

In den märchenhaft schönen, lichtdurchfluteten Wäldern im Norden Israels findet eine grässliche Serie von Mädchenmorden statt. Ein Verdächtiger ist der Religionslehrer Dror (Rotem Keinan). Es wird nicht verraten, warum er verdächtigt wird, aber das spielt letztlich auch keine Rolle. Der Polizist Miki (Lior Ashkenazi), selbst Vater einer Tochter, will den Verdächtigen außerhalb des offiziellen Protokolls mit der Hilfe einiger professioneller Schläger dazu bringen, die Morde zu gestehen. Ein zufällig anwesender Jugendlicher filmt diesen Vorfall heimlich mit seinem Handy. Bald verbreitet sich das Video von dem brutalen Übergriff im Internet, was einerseits als schrecklicher Fall von Polizeigewalt in den Medien diskutiert wird, weshalb Miki seinen Job verliert. Andererseits wird dadurch aber auch bekannt, dass der Lehrer Dror verdächtigt wird, der gesuchte Mädchenmörder zu sein. Was für viele bedeutet, dass er es dann wahrscheinlich auch gewesen ist. Dror hat ab jetzt ohnehin verloren, ob er es nun gewesen ist oder nicht.

Big Bad Wolves - die isrealische Variante des Rachefilms.

Big Bad Wolves – die isrealische Variante des Rachefilms. Screenshot von http://trailers.apple.com/trailers/magnolia/bigbadwolves/

Für den Vater des letzten Opfers ist die Sache damit klar, er nimmt das Gesetz einfach selbst in die Hand. Gidi kauft ein einsam gelegenes Haus und entführt den Verdächtigen, um ihn dort so lange zu quälen, bis er verrät, wo er den Kopf des Mädchens versteckt hat. Dabei interessiert Gidi nicht die Bohne, dass Dror möglicherweise gar nicht der gesuchte Mädchenmörder ist. Auch der jetzt arbeitslose Miki ist weiterhin hinter dem mutmaßlichen Serienkiller her und landet schließlich ebenfalls in dem abgelegenen Versteck. Einerseits will er auch, dass Dror gesteht, andererseits findet er die Methoden des verzweifelten Vaters doch zu drastisch, so dass er sich schließlich selbst in Ketten wieder findet. Der Folterprozess ist auch für die Zuschauer ziemlich qualvoll – allerdings nicht ohne Witz, denn Gidi muss immer wieder seine besorgte Mutter am Telefon beruhigen und schließlich steht auch noch sein alter Vater vor der Tür.

Alles in allem zeigt sich aber bald sehr deutlich, warum Folter als Mittel der Wahrheitsfindung nicht taugt: Wenn der Schmerz zu überwältigend wird, gesteht der Gefolterte so ziemlich alles – was aber den Folterer nicht weiter bringt. Denn der verzweifelte Dror erfindet schließlich irgendein Versteck, damit der Peiniger aus dem Haus verschwindet und er und Miki eine Gelegenheit zur Flucht bekommen. Während Gidi am angegebenen Ort wie ein Irrer gräbt, um den Kopf zu finden, gelingt es Miki tatsächlich, sich zu befreien. Er lässt allerdings den inzwischen schwer lädierten Dror zurück. Ein verhängnisvoller Fehler, denn der wütende Gidi bringt Dror um, ohne dass diesem noch der Ort zu entlocken ist, wo Mikis Tochter versteckt ist – denn Miki kehrt zu Gidis Haus zurück, nachdem er erfahren hat, dass seine Tochter inzwischen ebenfalls vermisst wird.

Dass Quentin Tarrantino findet, dass es sich um den besten Film des Jahres 2013 handelt, mag auch daran liegen, dass Django Unchained ja schon 2012 heraus gekommen ist, und nur bei uns erst 2013 anlief. Es gab aber im vergangenen Jahr auch nicht so wahnsinnig viele richtig gute Filme, die meisten haben mich enttäuscht, dieses ganze Superhelden- und Fantasyzeug mag ich ohnehin nicht besonders, aber auch Endzeit-Dramen wie World War Z oder Elysium fand ich von der Grundidee zwar spannend, aber nicht besonders überzeugend umgesetzt. Es gibt zunehmend leider die unschöne Tendenz, mit immer neuen Möglichkeiten von optisch wahnsinnig beeindruckenden Specialeffects eine schwache Story übertünchen zu wollen. Heraus kommen jede Menge frustrierend schlechte Filme.

Insofern ist Big Bad Wolves ein gutes Beispiel, wie man es anders macht: Man kann eine nervenzerfetzend spannende Geschichte auch völlig ohne Digitalschnickschnack inszenieren. Big Bad Wolves ist sozusagen eine dunkle, boshafte, aber originelle Variante von In einer besseren Welt. Während In einer besseren Welt die Gewaltfrage völlig humorfrei, aber doch im hellen Tageslicht betrachtet, zieht sich Big Bad Wolves mit einem Augenzwinkern in den düsteren Keller zurück. Keine Frage: Die Welt ist schlecht. Und zwar durch und durch. Aber für den einen oder anderen Witz durchaus tauglich.