Sex, Drugs and Techno

Amazon hat inzwischen eine zweite deutsche Eigenproduktion im Angebot: Beat. Und Beat ist zum Glück besser als You are Wanted, aber das heißt nicht sehr viel, denn der erste Serienversuch von Matthias Schweighöfer war wirklich nicht gut. Beat gefällt mir schon deutlich besser: Allein dass der Protagonist Robert Schlag (Jannis Niewöhner), der von allen nur Beat genannt wird, seit mindestens zehn Jahren täglich gegen das Betäubungsmittelgesetz verstößt, gibt der Serie den entscheidenden Kick, den Beat sich damit selbst verpasst: Er bringt die Welt in die Ordnung, in der er sie erträgt. Und der Tag ist voller Arschlöcher.

Amazons neue Serie: Beat mit Jannis Niewöhner Bild: Amazon

Amazons neue Serie: Beat mit Jannis Niewöhner Bild: Amazon

Damit Beat nicht allzu vielen Arschlöchern begegnen muss, macht er die Nacht zum Tag. Er feiert seine Nächte im coolsten Club Berlins durch und versorgt seine Gemeinde der Techno- und Tanzwütigen mit allem, was sie zum Feiern brauchen. Den Club hat er vor Jahren zusammen mit seinem besten Freund Paul (Hanno Koffler) gegründet. Im Gegensatz zu Beat hat Paul inzwischen aber Frau und Kind, er sorgt sich um seine bürgerliche Existenz, was Beat irgendwie als Verrat empfindet, auch wenn er seinen Freunden natürlich immer ein guter Freund ist. Richtig sauer wird Beat, als er erfährt, dass Paul aus finanziellen Gründen einen weiteren Geschäftspartner am Club beteiligt hat. Es handelt sich ausgerechnet um Philipp Vossberg (Alexander Fehling), der ein hohes Tier in einen internationalen Konzerns ist, der mit zweifelhaften Geschäften Milliarden umsetzt.

Dass Vossberg der Kopf eines kriminellen Netzwerks von Waffen-, Drogen- und Menschenhändlern ist, vermutet auch der europäische Geheimdienst ESI. Deshalb wird die ESI-Agentin Emilia (Karoline Herfurth) auf Beat angesetzt: Sie soll den in der Berliner Subkultur gut vernetzten Beat dazu bringen, als Informant für ESI zu arbeiten und Vossberg und dessen Umfeld ausspähen. Dazu hat Beat allerdings wenig Lust, auch wenn er Vossberg nicht leiden kann. Aber Emilia und ihr Vorgesetzter Richard Diemer (Christian Berkel) verfügen als Geheimdienstler über allerhand Möglichkeiten, die auch den eigenwilligen Beat nicht unbeeindruckt lassen, so dass er schließlich, wenn auch widerwillig, mitmacht. Leider rutscht die Geschichte damit dann komplett in eine ziemlich krude Krimihandlung ab, was ich schade finde, denn es wäre ja theoretisch durchaus denkbar, ausnahmsweise mal eine Serie zu machen, die keine Krimiserie ist.

Beat (Jannis Niewöhner) in seinem Element Bild: Amazon

Beat (Jannis Niewöhner) in seinem Element Bild: Amazon

Warum nicht mal einfach eine Serie über schräge Vögel in der Berliner Clubszene? Da gäbe es doch Stoff genug, und man muss es ja nicht so bombastisch aufziehen wie es HBO mit The Get Down versucht hat. Es zeigt sich immer wieder, dass weniger mehr sein kann. Und melancholische Bilder von Zerfall und Niedergang gibt das Berliner Umland auch ohne die schrecklichen Dinge her, die sich die Serienmacher extra ausgedacht haben.

Klar gibt es viel Böses in der Welt, aber der Alltag ist doch auch so schon beschwerlich genug. Insbesondere, wenn man als Mensch, der nicht scharf auf eine bürgerliche Karriere mit anstrengendem Arbeitstag und Familienleben ist, damit klar kommen muss, dass man sich heutzutage in Berlin längst nicht mehr so gut durchschlauchen kann wie vor zehn oder zwanzig Jahren. Das wäre meiner Ansicht nach ein geradezu unerschöpfliches Thema, das eine ganze Reihe Serien füllen könnte, wenn man nur kreative Menschen mit Tiefgang und Humor einfach mal machen lassen würde. Oder meinetwegen auch ohne Tiefgang aber mit Humor, wie das Team hinter Gutes Wedding Schlechtes Wedding.

Diemer (Christian Berkel) und Emilia (Karoline Herfurth) wollen Beat als Informant anwerben. Bild: Amazon

Diemer (Christian Berkel) und Emilia (Karoline Herfurth) wollen Beat als Informant anwerben. Bild: Amazon

Nun ist Beat nach einem vielversprechenden Auftakt aber leider doch wieder nur eine Krimiserie geworden, deren Handlung es so ähnlich schon mal in einem NDR-Tatort mit Cenk Batu (Mehmet Kurtuluş) gegeben hat, damals allerdings ohne Techno und Drogen. Und ohne RAF-Bezug. An sich finde ich es auch keine schlechte Idee, die letzten der RAF zugeschriebenen Morde, die allesamt nicht aufgeklärt wurden, für eine Serie aufzugreifen. Oder die Frage nach dem Verbleib der mutmaßlichen RAF-Mitglieder zu stellen, die nicht gefasst werden konnten. Aber in Beat wirkt das ziemlich an den Haaren herbeigezogen und das nervt. Nicht alle Eltern, die plötzlich verschwinden, müssen Terroristen sein. Ein Verkehrsunfall ist viel realistischer, das passiert gar nicht so selten.

Und nicht alle, die eine schwere Kindheit hatten, müssen als Psychopathen enden. Hier nervt die Serie mit einem weiteren, schon viel zu oft bemühten, Klischee, zumal die Figur des unheimlichen Jasper Hoff (intensiv und verstörend gespielt von Kostja Ullmann), nachdem sie mühevoll aufgebaut wurde, plötzlich fallengelassen wird. Vielleicht sollte man auch hierzulande mal versuchen, nicht einfach einen Drehbuchautor vor sich hinschreiben zu lassen, sondern ein Team von Autoren auf eine Serie anzusetzen, die gegenseitig auf sich aufpassen, dass sie sich nicht in immer weiteren Einfällen verheddern, sondern statt dessen vielschichtige und trotzdem plausible Charaktere entwickeln und für diese dann spannende und komplexe Handlungsbögen konstruieren, in denen nicht immer willkürlich neue Fässer aufgemacht, sondern auch mal etwas genauer analysiert und nachvollziehbar motiviert und, ja, der eine oder andere Handlungsstrang vernünftig zu Ende gebracht wird.

Der Serienspychopath Jasper (Kostja Ullmann) Bild: Amazon

Der Serienspychopath Jasper (Kostja Ullmann) Bild: Amazon

Alles in allem ist Beat aber trotzdem nicht schlecht, allein die Besetzung ist top, Jannis Niewöhner überzeugt als idealistischer Realitätsverweigerer, der immer mehr Drogen braucht, um die Grausamkeit des Alltags und der Welt zu ertragen. Bleibt zu hoffen, dass eine nächste deutsche Serie für den internationalen Markt noch besser wird.

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La La Land – Herzschmerz, aber richtig

„Nee, das sind ja mehr als zwei Stunden Zeitverschwendung“, erklärte mein Freund kategorisch, „den Film musst du dir allein ansehen!“ Was ich dann auch tat – und wie ich erwartet hatte, sind die 128 Minuten La La Land kein bisschen Zeitverschwendung. Das schreibe ich, obwohl ich kein großer Fan von Musical-Filmen bin und sonst auch nicht viel für romantische Komödien übrig habe. La La Land ist auch eher eine nostalgische Satire auf RomComs, Musicals und die Traumfabrik von Hollywood – genau das ist der Witz daran.

Schon die Anfangssequenz macht klar, dass es hier um ganz großes Kino geht: Es gibt einen der notorischen Dauerstaus, mit denen sich die dynamische Individualverkehrsgesellschaft ad absurdum führt: Die Bewohner von Los Angeles stehen mit ihren Autos pro Jahr im Durchschnitt 81 Stunden im Stau und halten damit den US-Rekord – was in La La Land dazu genutzt wird, um eine epische Tanznummer daraus zu machen: Nachdem eine Autofahrerin einfach singend aus ihrem durch den endlosen Stau auf dem Highway nutzlosen Gefährt aussteigt und über Autobahn und Fahrzeuge tanzt, gibt es kein Halten mehr und nach und nach machen alle mit, inklusive einer Band, die zuvor in einem Lastwagen verborgen war. Das alles ist zwar völlig sinnfrei, macht aber Spaß und ist die perfekte Einstimmung auf alles, was folgt.

La La Land: Emma Stone und Rain Gosling

La La Land: Emma Stone und Rain Gosling

Eine dermaßen übertriebene Hollywood-Tanznummer macht klar, dass der Film von hinten bis vorn nicht ernst gemeint sein kann – wir sind hier eher in der Kategorie von Hail Caesar (in dem es eine wahnsinnig gute Tanzszene mit Channing Tatum als Matrose gibt), nur ohne George Clooney, Sandalen, die Coens und verschrobene Kommunisten. Dafür aber mit Ryan Gosling und Emma Stone, die auf dem Weg sind, ein echtes Hollywood-Traumpaar zu werden, vielleicht nicht wie Ginger Rogers und Fred Astaire, obwohl sie hier auch tanzen, eher cool und launisch wie Lauren Bacall und Humphrey Bogart. Jedenfalls wäre das meine Präferenz.

Mia (Stone) und Sebastian (Gosling) sind eben keine hoffnungslosen Träumer, wie ich in einer anderen Kritik las, die gern zitiert wird, sondern im Gegenteil ziemlich illusionslose Realisten – Mia ist eine ziemlich begabte, aber total unbekannte Schauspielerin, die leider auch niemanden kennt, der  ihr irgendwo eine entscheidende erste Rolle verschaffen könnte, Sebastian ist ein sehr guter Jazz-Pianist, der was Jazz betrifft, einen sehr expliziten Musikgeschmack hat, mit dem er bei seinem derzeitigen Arbeitgeber einfach nicht landen kann. Die beiden tun trotzdem, was sie tun müssen: Zu jedem blöden Vorsprechen bzw. Vorspielen gehen, in der Hoffnung, doch einen Fuß in die Tür zu kriegen und ansonsten gehen sie ihren öden Brotjobs nach, denn Geld verdienen muss man ja, gerade in Los Angeles. Dem La La Land, in dem Träume wahr werden – wenn auch nur die Träume der wenigen, die es schaffen, ihre persönlichen Traum zu leben. Und auch das geht nicht immer gut aus.

Die beiden laufen sich immer wieder mal über den Weg – aber wie in jedem guten Skript braucht es auch in La La Land Missverständnisse, Konfusion, Probleme. Und natürlich eine vernünftige Struktur, die sich hier an die Jahreszeiten hält, beginnend mit Winter. Und wie das so ist: Im Frühling schmilzt das Eis, im Sommer ist das Leben leicht und schön, im Herbst beginnen erneut die Schwierigkeiten und nun ja, es wird wieder Winter, was dann quasi der Epilog ist.

Aber zum Anfang zurück: Mia bedient in der Betriebskantine von Warner Bros, und hat damit all das, was wofür sie leben will, schmerzhaft dicht vor der Nase, nur dass sie eben unsichtbar ist und nicht dazu gehört. Sebastian, der Bud Powell und Thelonious Monk verehrt, muss Weihnachtslieder für ein gelangweiltes Publikum spielen und sich später als Keyboarder in einer Coverband, die auf Parties spielt, durchschlagen. So trifft er auch Mia wieder, die natürlich auch überall hin geht, wo sie möglicherweise jemanden trifft, der hilfreich sein kann. Aber es läuft an dem Tag für beide nicht gut – auf der Suche nach ihren Autos, die irgendwo geparkt sein müssen, treffen sie sich wieder, passend zum Sonnenuntergang. Und das führt ebenfalls zu einer tollen Tanzszene – Mia hat ihre Stepdance-Schuhe in der Handtasche dabei, was auch ein netter Gag ist – und dann gibt es einen minutenlangen Take ohne Schnitt, das ist einfach klasse. Doch, eigentlich mag ich Tanzfilme. Sie müssen nur gut sein.

Und wie das dann so kommen muss: Mia und Sebastian werden ein Paar und bestärken sich gegenseitig, ihre jeweiligen Projekte voran zu treiben – natürlich verstehen sie einander: Sie wollen einfach das tun, in dem sie gut sind. Obwohl Mia anfangs damit kokettiert, dass sie Jazz hassen würde, mag sie doch die Musik, die Sebastian spielt und redet ihm zu, seinen Traum vom eigenen Jazzclub zu verwirklichen, sie entwirft sogar ein Logo dafür.

Sebastian wiederum erklärt Mia, dass sie nicht länger für blöde Rollen vorsprechen solle, sondern sich besser selbst eine gute Rolle auf den Leib schreiben solle – wie wäre es mit einem eigenen Theaterstück? Verrückt – aber warum eigentlich nicht? Mia beginnt, ein eigenes Stück zu schreiben. (Und nebenbei, Brit Marling zum Beispiel fährt ganz gut mit dieser Strategie, nur schreibt sie Drehbücher und nicht Stücke) Doch wie das so ist – neben der Beziehung gibt es jede Menge Verpflichtungen und in unserer Konkurrenzgesellschaft ist es schwer, beides unter einen Hut zubekommen.

Und so kommt es, wie es kommen muss – Sebastian bekommt das Angebot, in einer Cross-Over-Jazz-Band, die eigentlich Musik macht, die er gar nicht so gut findet, Karriere zu machen – aber eben mit dem Preis, dass er dann die nächsten Jahre mit eben dieser Band auf Tour ist. Mia hingegen schreibt ihr eigenes Stück, produziert es selbst und spielt die einzige Rolle – aber geht damit wirtschaftlich unter.

Aber Ironie des Schicksals – eine Produzentin, die Sebastian kennt, hat Mias Stück gesehen und ist begeistert – auch wenn sonst kaum jemand es gesehen hat. Sebastian kann Mia, die aufgeben will und zu ihren Eltern nach Boulder City, Nevada, zurückgezogen ist, überzeugen, zu einem weiteren Vorsprechen zu gehen. Natürlich wird das ihr Durchbruch – auch wenn sie jetzt erst einmal nach Paris gehen muss. Und Mia macht Sebastian klar, dass dieses Projekt, bei dem er gerade mit macht, doch nicht das ist, was er eigentlich wollte. Aber sie verlieren sich aus den Augen – sie sind zu sehr damit beschäftigt, ihre jeweiligen Karrieren voranzutreiben. Wie das Leben so spielt.

Fünf Jahre später ist Mia eine anerkannte und etablierte Schauspielerin – mit ihrem Ehemann und der kleinen Tochter macht sie einen Abstecher nach Los Angeles. Und wie so oft, stehen sie im Stau – Mia ist dafür, dass sie einfach abbiegen und etwas anderes tun. Sie landen in einem Jazz-Club, in dem Mia das Seb’s-Logo erkennt, das sie für Sebastian entworfen hat. Und tatsächlich, später kommt Sebastian auf die Bühne und spielt – er hat also auch seinen Traum verwirklicht.

Die beiden erkennen einander – und im Schnelldurchlauf gibt es den Film, der ihr beider Leben hätte sein können, wenn nur, ach wenn –

Doch, genau das ist großes Kino. Das Spiel mit den Möglichkeiten, aber jeder weiß, dass das Leben nicht so ist. Und auch der Film weiß das bzw. seine Macher. Und auch wenn man seinen Traum lebt, ist das Leben eben Leben und kein Traum. Mit allen Härten und Konsequenzen. Es kommt eben immer anders. Selbst, wenn das, was man erwartet hat, entgegen aller Wahrscheinlichkeit eintritt. La La Land ist kein Film für Träumer. Es ist ein Film für alle, die Filme übers Filmemachen lieben. Die mit kitschiger Ironie klar kommen, nicht gegen Jazz und Musical allergisch sind und zwei Stunden und acht Minuten Zeit haben. Für die kann La La Land ein Riesenspaß sein. Obwohl, die sieben Golden Globes, die La La Land kürzlich abgesahnt hat – das war wohl eher eine Verzweiflungstat, wenn auch eine nachvollziehbare. Mir gehen ja selbst die ganzen Superheldenmovies und Thriller auf die Nerven. La La Land ist halt mal wieder was anders.

Aber sieben Golden Globes?! Total Übertrieben. Aber Jimmy Fallon’s Cold Open für die Golden Globes versteht eigentlich nur, wenn man den Anfang von La La Land gesehen hat.

Musik in Serie: Mozart in New York

In meinem Blog sind Drama- und Krimiserien hoffnungslos überrepräsentiert, vermutlich, weil mir die meisten Familien- und Comedyserien einfach zu blöd sind. Und definitiv nicht lustig genug – ich kapiere einfach nicht, was beispielsweise an OITNB dermaßen witzig sein soll. Obwohl es ja durchaus Netflix-Serien gibt, die ich richtig gut finde. Noch weniger verstehe ich, warum The Bing Bang Theory ein so durchschlagender Erfolg ist, dass es gefühlt jeden Tag irgendwo im Fernsehen läuft – ich glaube, Pro 7 lässt das als Endlosschleife laufen, weil es sonst einfach nichts gibt, was ähnliche Quoten erreicht. Dabei ist die Geschichte eigentlich nichts anderes als das gnadenlose Durchexerzieren sämtlicher Vorurteile, die es über Nerds und Blondinen gibt – da ist eigentlich nichts neu und auch nichts gut dran, auch wenn ich im Grunde nichts dagegen habe, dass mit Stereotypen und Vorurteilen gespielt wird.

Damit komme ich zu meiner aktuellen Neuentdeckung: Mozart in The Jungle. Diese Amazon-Original-Serie ist im Grunde auch eine Nerdserie, in der sämtliche Vorurteile und Stereotypen durchgespielt werden, die es über professionelle Musiker gibt – es handelt sich um eine Serie über die New Yorker Symphoniker, einem altehrwürdigen Klangkörper, dem ein junges aufstrebendes Genie neues Leben einhauchen will.

Mozart In The Jungle: Gael García Bernal als Rodrigo De Sousa Bild: amazon.com

Mozart In The Jungle: Gael García Bernal als Rodrigo De Sousa Bild: amazon.com

Rodrigo De Sousa (Gael Garcia Bernal) heißt der junge Wilde, der als Wunderkind schon früh zu Ruhm und Ehre gelangt ist und trotzdem noch eine hippieske Lebensfreude an den Tag legt. Die Ironie der Geschichte ist, dass ausgerechnet sein Vorgänger Thomas Pembridge (Malcolm McDowell), ein Stardirigent alter Schule mit entsprechenden Allüren, den Jungen entdeckt hat, der nun den Ast absägt, auf dem Thomas es sich gemütlich machen wollte. Denn auch die New Yorker Symphoniker sind keine staatliche Institution, sondern ein Geschäft, das nur funktioniert, wenn sich immer wieder großzügige Sponsoren finden, die sich in der Rolle eines Förderers der schönen Künste gefallen. Das ist nicht so einfach – und bei aller Verehrung für den großen Maestro stehen alle auf das unkonventionelle junge Genie.

Gleichzeitig versucht die junge Oboistin Hailey Rutledge (Lola Kirke, ihre große Schwester Jemima Kirke spielt die Lebenskünstlerin Jessa in Girls) , den Fuß in die Tür zu einer Karriere in der klassischen Musik zu bekommen – ein ziemlich hoffnungsloses Unterfangen. Haileys Welt kennen wir aus der Serie Girls: Im Moloch New York gestrandete Möchtegern-Künstlerinnen, die sich an falschen Lebensentwürfen, anstrengenden Beziehungen und einem gnadenlosen Alltag abarbeiten, in dem man jeden Monat irgendwie Miete zahlen muss, auch wenn man nur eine Stelle als unbezahlte Praktikantin bekommt.

Nur ist Hailey aber tatsächlich ziemlich begabt und mit Leidenschaft bei der Sache, was auch Rodrigo erkennt – er macht Hailey, die als professionelle Instrumentalistin im Haifischbecken der Symphoniker noch keine Chance hat, zu seiner persönlichen Assistentin – Hailey wird schlecht bezahltes Mädchen für alles, dafür ist sie aber ganz nah dran an ihrem Lebenstraum. Also lernt sie, wie man Mate-Tee richtig zubereitet und steht rund die Uhr zur Verfügung, um ihren Meister auf Zuruf an die eigenartigsten Orte zu kutschieren.

Screenshot Mozart In The Jungle: Gael García Bernal als Rodrigo De Sousa: Ouvertüre 1812 von Pjotr Iljitsch Tschaikowski

Screenshot Mozart In The Jungle: Gael García Bernal als Rodrigo De Sousa: Ouvertüre 1812 von Pjotr Iljitsch Tschaikowski

Aber auch für die Veteranen ist es nicht so einfach – das ständige Üben, der stressige Lebensrhythmus eines Berufsmusikers, der genau dann arbeiten muss, wenn die anderen sich amüsieren gehen, all das hinterlässt Spuren – der eine hat inzwischen Kniescheiben aus Titan, die andere spritzt sich einen bedenklichen Medikamentencocktail gegen die chronische Sehnenscheidenentzündigung. Und dann sind da natürlich die ständigen Grabenkämpfe – der Gewerkschaftler besteht auf die Einhaltung der Pinkelpausen, gleichzeitig kämpfen die Musiker gegen eine Schlechterstellung bei der Krankenversicherung, an der die Orchestermanagerin bei den Neuen sparen will. Wo fängt Solidarität an, und wo hört sie auf? Die Frage stellt sich mittlerweile doch in so ziemlich jedem Betrieb für jede Belegschaft – das ist bei einem klassischen Orchester mit Weltruf keineswegs anders.

Genau das ist es auch, was mir gefällt, es geht eben nicht nur um abgedrehte Künstler und ihren verschobenen Blick auf die Welt, sondern um handfeste Probleme, mit denen jeder, der auf Lohnarbeit angewiesen ist, umgehen muss, sogar anerkannte Musikgenies mit Weltruhm. Hier gibt es auch immer wieder die Parallele zu Wolfgang Amadeus, der ja eben auch Geld verdienen musste und seine ganze wunderschöne Musik nicht nur so zum Spaß geschrieben hat. Trotzdem verlangen alle ganz selbstverständlich, dass sich die wahren Künstler mit heroischer Selbstausbeutung ihrer Kunst und damit der Erbauung und dem Vergnügen der anderen zu widmen hätten. Warum ist das eigentlich so?! Das fragen sich auch Hailey und ihr Freund, der eigentlich Tänzer werden will, aber irgendwann die Nase voll davon hat, sich nicht einmal regelmäßig vernünftige Mahlzeiten leisten zu können und ständig Angst vor der nächsten Verletzung zu haben. Man kann auch mit weniger Stress mehr Geld verdienen – aber was wird dann aus der Kunst?

Gleichzeitig wird die Kunst, in dem Fall die klassische Musik, als etwas gefeiert, das Grenzen überwinden und Menschen zusammenbringen kann – meine Lieblingsstelle bisher ist, als Rodrigo seine Musiker zu einer Konzertprobe irgendwo auf einem brachliegenden Grundstück zitiert, wo sie vollkommen überrascht und unvorbereitet vor den zunehmend interessierten Bewohnern der umliegenden Sozialwohnungsblocks die Ouvertüre 1812 von Tschaikowski spielen – die Musiker kennen dieses Stück sehr gut und sind auch ohne Noten und Vorbereitung total bei der Sache – aber, so bemerkt der gewerkschaftliche organisierte Orchesterrat: „Rodrigo, du weißt schon, dass das ein Auftritt war und keine Probe?“

„Ja, das war ein Auftritt und sogar ein ziemlich guter!“ sagt Rodrigo begeistert und räumt ein, dass er zwar ungenehmigt gewesen wäre, aber auch ungefesselt und sonst noch einiges un-. Es entwickelt sich eine spontane Nachbarschaftsparty mit den Musikern und der interessierten Nachbarschaft – aber irgendwelche Spielverderber haben die Bullen gerufen. Die lösen die Party schließlich auf und nehmen die Ruhestörer mit. Den Bullen vom NYPD ist scheißegal, ob das die New Yorker Symphoniker sind oder randalierende Kids. Also muss die ohnehin schon ständig am Nervenzusammenbruch entlangschrammende Orchestermanagerin Gloria ihre Stars aus dem Knast auslösen.

Doch es gibt noch einige andere Höhepunkte, und vor allem in der letzten Folge orchestriert Rodrigo ein versöhnliches Ende, nachdem er sich in den Kopf gesetzt hatte, ausgerechnet seine geniale, aber leider auch völlig durchgeknallte Ex-Frau Anna Maria als Solo-Violinistin zu besetzen, was wie erwartet grandios schief geht: Anna Maria bringt es einfach nicht über sich, vor diesen bourgeoisen Schlappschwänzen, vor diesen reichen, aber total bornierten Untoten zu spielen. Sie bricht nach wenigen Takten ab und lässt Rodrigo nach einer saftigen Publikumsbeschimpfung stehen.

Mozart In The Jungle: Hailey Rutledge (Lola Kirke, mit Oboe) und Cynthia Taylor (Saffron Barrows)

Mozart In The Jungle: Hailey Rutledge (Lola Kirke, mit Oboe) und Cynthia Taylor (Saffron Barrows)

Doch der hatte schon einen Plan B vorbereitet, eigentlich vor allem für Hailey, die von seiner ersten Oboistin Betty übel schikaniert wird, was Rodrigo jetzt wieder gut machen will: Er lässt alle Musiker für das große Eröffnungskonzert für die neue Spielsaison mit einer Limousine abholen – und Bettys Limousine fährt sie gepflegt ins New Yorker nirgendwo, so dass sie ihren Auftritt verpasst. Also muss die zweite Oboe zur ersten aufrücken und Hailey bekommt ihre verdiente Chance, sich mit diesen ungeplanten Einsatz als professionelle Oboistin zu beweisen – der umsichtige Rodrigo hat dafür gesorgt, dass ihre Freundin und Mitbewohnerin Lizzie rechtzeitig mit ihrem Instrument zur Stelle ist. Jetzt fehlt nur noch die Solo-Geige – Rodrigo beschließt, selbst Geige zu spielen, aber für das Solo sei er nicht gut genug – also bekommt die verbitterte erste Geige im Orchester ihre Chance.

Nun fehlt allerdings ein Dirigent. Doch zum Glück ist ja Thomas Pembridge in Saal, der von seiner Geliebten Cynthia, die Cellistin im Orchester ist, in Kuba aufgespürt und nach Hause geholt wurde. Natürlich fühlt er sich geschmeichelt und in der Lage, das Violin-Konzern Sibelius zu dirigieren. So wird der Abend nach dem verpatzten Auftakt doch noch ein Erfolg und die erste Staffel von Mozart in The Jungle entpuppt sich als modernes Großstadtmärchen mit grandiosem Happy End. Das ist zwar nicht unbedingt realistisch, aber wunderschön und man hat genau wie Lizzie und der Musik-Blogger Bradford Sharpe am Ende des Konzerts Tränen der Rührung in den Augen. Ein paar Minuten heile Welt finde ich total in Ordnung – Mozart in The Jungle ist wirklich eine erfrischende Abwechslung.

Mein Tipp für alle, die nach einer unterhaltsamen Serie suchen, die keineswegs die Augen vor dem hässlichen und anstrengendem Alltag verschließt, aber sowohl ihren Protagonisten als den Zuschauern den einen oder anderen glücklichen Moment gönnt. Vielleicht gehe ich auch mal wieder in ein klassisches Konzert…

Vinyl – die Welt ist eine Scheibe

Mein erster Versuch mit Vinyl, der neuen Serie von Terrence Winter, Martin Scorsese, Rich Cohen und James Jagger war nicht wirklich erfolgreich – ich brach irgendwann auf der Hälfte des ja nun wirklich überlangen Pilotfilms ab. Aber vermutlich war ich an jenem Abend einfach nur schlecht drauf – mit etwas Abstand habe ich einen neuen Versuch unternommen und siehe da – ich musste gleich noch mehrere Folgen weitersehen. Auch wenn das Serien-Projekt durchaus einige Schwächen hat, Spaß macht es auf jeden Fall.

Die Retro-Serie um Richie Finestra (Bobby Cannavale), den Boss des Plattenlabels American Century Records, hat bei mir nun wirklich gezündet, und dafür gibt es eine ganze Reihe Gründe. Da ist zum einen diese herrliche Ansammlung von Knalltüten, die Richie um sich versammelt hat: Vinyl ist tatsächlich so etwas wie Boardwalk Empire in lustig.

Ritchie Finestra (Bobby Cannavale) und sein Team Bild: hbo.com

Richie Finestra (Bobby Cannavale) und sein Team Bild: hbo.com

Vieles erinnert mich auch an Mad Men, wobei Deko und Anzüge in Mad Men sehr viel eleganter waren, genau wie auch der Humor deutlich feinsinniger. Aber es wird gleichfalls geraucht, gesoffen und gekokst bis zum Delirium – und Frauen sind noch immer in erster Linie zur Bedienung und Zerstreuung von Männern da, auch wenn es inzwischen selbstverständlich auch schwarze Sekretärinnen gibt, die ihrem Chef durchaus selbstbewusst sagen, was ihr Job ist und was nicht.

Selbst das blondgelockte Sandwichmädel, das den wichtigen Jungs im Label ihre Bagels bringt, entwickelt eine bemerkenswerte Eigeninitiative – Jamie (Juno Temple) ist fest entschlossen, die nächste große Entdeckung für American Century zu machen und versucht, ihren Boss zu überzeugen, dass die Punkband Nasty Bits das nächste große Ding ist. Wobei die ebenso unmotivierten wie schlecht spielenden Jungs selbst erstmal mühsam davon überzeugt werden müssen, dass ihre Message, eben keine Message zu haben, weil ihnen eben alles total egal ist, genau das coole Etwas ist, das ihren künftigen Ruhm ausmachen wird. Waren die 70er tatsächlich schon dermaßen postmodern?

Devon (Olivia Wilde) und Ritchie (Bobby Cannavale) Bild: hbo.com

Devon (Olivia Wilde) und Richie (Bobby Cannavale) Bild: hbo.com

Egal. Richies Label braucht ganz dringend ein nächstes großes Ding, die tranigen Schnarchnasen in der Chefetage haben über ihren vergangenen Erfolge nämlich vergessen, was eigentlich ihr Job ist und die letzten großen Trends total verpennt. Jetzt haben sie und Richie jede Menge Schulden. Richie ist sogar drauf und dran, sein Label an die deutsche Polygram zu verkaufen – was bei seinen einigen seiner Teilhaber auf verständliche, aber völlig hysterische Ablehnung stößt: An die verdammten Hunnen wird nichts verkauft, nicht diese Scheiß-Nazis, niemals – wozu hat man den Weltkrieg denn gewonnen?!

Doch als Richie die anderen soweit hat, den für alle Seiten vorteilhaften Deal zu unterzeichnen, hat er eine Art Rock-n-Roll-Erleuchtung: Betrunken und auf Koks erinnert er sich an seine Anfänge. Das ist ein manchmal etwas nerviges Stilmittel, weil es in Vinyl doch ziemlich strapaziert wird: Immer wieder gibt es Rückblenden in Richies Vergangenheit – und auch in die anderer Figuren, so dass es mit der chronologischen Abfolge der Ereignisse immer wieder ziemlich durcheinander geht. Aber das ist wohl normal, wenn man auf Droge ist.

Dazu kommen auch immer wieder Video-Clip-artige Szenen, in denen die Songs, die in der Handlung vorkommen, von den jeweiligen Stars performt werden – was ich einerseits eine nette Idee finde, schließlich ist es ja eine Musik-Serie, also soll auch bitte schön viel Musik drin vorkommen. Andererseits wird die Handlung dadurch sehr collageartig, was vermutlich sogar so gewollt ist, mir aber nicht immer gefällt, weil es mitunter doch reichlich willkürlich zusammengestoppelt wirkt. Ein paar Mal ist so ein Film-im-Film-Ding ganz nett, aber ich will darüber die eigentliche Handlung nicht vergessen.

The Nasty Bits (James Jagger als Kip Stevens in der Mitte) Bild: hbo.com

The Nasty Bits (James Jagger als Kip Stevens in der Mitte) Bild: hbo.com

Wobei mir die Geschichte immer besser gefällt, der Niedergang des klassischen Rock’n’Roll, die Inflation von seichten, aber Dance-Floor-geeigneten Hits, eben diese ganze Disco-Musik mit ihrem Spiegelkugel-Glitzer, die selbstbesoffenen Glam-Rock-Stars – sehr schön etwa die Szenen mit Robert Plant von Led Zeppelin, den Richie als neues Zugpferd vergeblich an Bord holen will – und die entstehenden Gegenbewegungen Punk, Rap, Hiphop. Als Nebenhandlung wird auch angedeutet, wie schwarze Musiker, die mit ihrem Musik und ihrem Können viele Impulse geliefert haben, von der von Weißen dominierten Musikbranche ausgenutzt und ausgebeutet werden – hier hat Richie auch noch eine persönliche Schuld zu begleichen. Doch diese eigentlich interessante Geschichte verkommt leider nur zur Garnitur der eigentlichen Story, die sich leider mitunter zu sehr in der visuellen Zelebration des Rock-n-Roll-Feelings erschöpft, das ja selbst zu Richies Zeiten schon ein nostalgisches war.

Überhaupt werden die 70er gefeiert  und Greenwich Village als Tummelplatz schriller Vögel wie Lou Reed, Andy Warhol oder Alice Cooper, die auch damals schon Legenden waren, aber eben noch nicht so überlebensgroß. Und es stellt sich mit der Zeit heraus, dass diese Welt viel weniger Richies ist, der sich als Sohn italienischer Einwanderer im Mafia-Milieu besser auskennt als unter diesen schrägen Bohemiens – das ist eher die Szene seiner Frau Devon (Olivia Wilde). Devon hat ihre eigenen Ambitionen als Fotografin hintenangestellt, als sie Richie geheiratet hat, sie wohnt nun mit ihren beiden Kindern in einem Haus mit Garten und Swimmingpool in Connecticut, wo sie oft vergeblich auf Richie wartet, der noch wieder in der Stadtwohnung bleibt (mit Blick auf den Central Park) – auch diese Setting kennt man bereits aus Mad Men.

Und genau wie Don Draper ist Richie überhaupt nicht bewusst, was es für seine Frau heißt, die eigenen Ambitionen zugunsten ihrer Ehe begraben zu müssen – wobei Richie weniger bewusstes Arschloch ist als Don und Devon deutlich ambitionierter als Betty. Und sie hat bessere Freunde und vor allem Freundinnen – etwa Ingrid, eine in New York gestrandete Künstlerin aus Dänemark, gespielt von Birgitte Hjort Sørensen, die ich in Borgen schon ganz toll fand.

Ingrid (Birgitte Hjort Sørensen) Bild: hbo.com

Ingrid (Birgitte Hjort Sørensen) Bild: hbo.com

Als Richie auf Drogen ausrastet und mit seiner E-Gitarre den Fernseher zerschlägt (es handelt sich um ein kostbares Museumsstück, das seine Partner vom Label ihm zum Geburtstag geschenkt haben) holt Devon ihre Kamera und macht aus der Zerstörungsorgie noch eine Serie Kunstwerke – sie ist schließlich eine begabte Fotografin. Auch wenn sie danach eine Scheidungsanwältin aufsucht. Die aber schnell kapiert, dass Devon ihren Mann noch liebt und sich eigentlich gar nicht scheiden lassen will. Leider wird auch diese Geschichte wird nicht so konsequent verfolgt, wie ich das gerne hätte – aber ein paar Folgen habe ich ja noch, vielleicht entwickelt sich hier noch etwas.

Wie gesagt, ich finde Vinyl trotz einiger Schwächen spannend genug, um dran zu bleiben, das opulente Schwelgen in der 70er-Jahre-Optik ist ein großer Spaß – auch wenn die 2. Staffel von Fargo das ebenfalls bietet, und zusätzlich noch eine wirklich gute Kriminalstory mit wirklich interessanten Charakteren. Was den Blick auf das Musik-Geschäft angeht, finde ich Empire besser – wenn auch nicht unbedingt die Musik, aber das ist Geschmacksache. Bei Empire geht es sehr viel mehr um die Musik an sich und das Ringen um neue Songs, den Produktionsprozess und darum, was es heißt, sich an die Spitze zu kämpfen. In Vinyl ist das nur Nebensache – hier geht es um ein Feeling, letztlich um nostalgische Nabelschau. Aber okay, solange es Vergnügen bereitet…

Der junge Richie und Lester Grimes (Auto Essando) Bild: hbo.com

Der junge Richie und Lester Grimes (Ato Essando) Bild: hbo.com

Viel Schnee und noch mehr Blut: The Hateful 8

Es lohnt sich absolut, The Hateful 8 im Kino anzusehen – insbesondere, wenn man eins der wenigen Kinos in Reichweite hat, in denen überhaupt Filme in Ultra Panavision gezeigt werden können. Denn Quentin Tarantino hat für seinen achten Streich nicht nur die Filmmusik-Legende Ennio Morricone dazu gebracht, nach 35 Jahren Pause noch einmal die komplette Musik für einen langen Western zu schreiben, sondern sich auch auf ein lange vergessenes 70-mm-Filmformat kapriziert. Kaum ein Dutzend Filme wurden Anfang der 60er Jahre in Ultra Panavision gedreht – die Produktion war einfach zu teuer und es gab deshalb auch sehr wenige Kinos der entsprechenden Projektionstechnik. Hierzulande gibt es ganze vier davon – darunter den Zoo Palast in Berlin.

Aber solche Kleinigkeiten halten einen Wahnsinnigen wie Tarantino selbstverständlich nicht davon ab, seine ganz spezielle Vision umzusetzen – und das ist gut so. The Hateful 8 ist ein neuer Höhepunkt für alle Tarantino-Fans. Zwar gefällt mir nach wie vor Inglourious Basterds am besten, aber es ist halt auch ein ganz anderer Film. The Hateful 8 tut zwar so, als wäre es ein Western, doch im Grunde ist der Film ein langes, intensives Kammerspiel, wie etwa der grandiose Polanski-Film Der Gott des Gemetzels, allerdings mit tarantino-typischen Einlagen in denen das Blut nicht liter- sondern gleich kubikmeterweise verspritzt wird, was mich dann wiederum sehr an Monty Pythons Sinn des Lebens erinnert hat. Wer das nicht mag, ist definitiv im falschen Film gelandet: Für zarte Gemüter ist er nicht geeignet, die subtile Andeutung ist Tarantinos Stärke nicht.

Wobei es in seinen Filmen ja stets eine Menge subtiler Anspielungen gibt – meist in Form von Gewaltorgien, die sich erfrischenderweise über gängige Denk- und Geschmacksverbote hinwegsetzen. The Hateful 8 bietet sehr viel ganz großes Kino, wenn man denn Blut sehen kann.

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Nach der Ouvertüre mit dramatischer Musik sieht man ein verwittertes Kruzifix im Schnee, dann folgt der Blick über eine Winterlandschaft in Wyoming, durch die sich eine sechsspännige Postkutsche ihren Weg bahnt. Darin befinden sich der „Henker“ genannte Kopfgeldjäger John Ruth (Kurt Russell) und seine Gefangene Daisy Domergue (Jennifer Jason Leigh), die er nach Red Rock überstellen will, wo sie gehängt werden soll. Doch ein Mann steht im Weg: Der ehemalige Nordstaaten-Major Marquis Warren (Samuel L. Jackson), ein weiterer Kopfgeldjäger, dessen Pferd schlapp gemacht hat. Nach einer längeren Verhandlung kann der Henker überzeugt werden, den schwarzen Kopfgeldjäger und die drei Leichen, für die er das Kopfgeld kassieren will, mitzunehmen – ein Schneesturm steht bevor. Natürlich bleibt es nicht dabei, kurze Zeit später läuft ihnen auch noch der künftige Sheriff (Walton Goggins) von Red Rock über den Weg, der ebenfalls einen Platz in der Kutsche begehrt.

Keine Frage, die Passagiere, die der Zufall in dieser Kutsche zusammengeführt hat, können sich gegenseitig nicht ausstehen. Aber es kommt natürlich noch schlimmer. Weil die Nacht hereinbricht und das Wetter immer schlechter wird, machen sie an einer Postkutschenstation halt, die kurioserweise Minnies Miederwarenladen heißt. Dort sind aber schon andere Gäste abgestiegen – ein Mexikaner (Demián Bichir), der Cowboy Gage (Michael Madsen), der ehemalige Südstaaten-General Sandy Smithers (Bruce Stern) und ein gewisser Oswaldo Mowbray (Tim Roth) – ein hauptamtlicher Henker, der auf dem Weg nach Red Rock ist, um dort das Todesurteil gegen Daisy Domergue zu vollstrecken. Zusammen mit dem Kutscher OB (James Parks) ist der Laden also ganz schön voll.

Aber das bleibt natürlich nicht so: Im Laufe der sechs Kapitel des Films gibt es nicht nur eine Menge virtuoser Wortduelle, sondern auch zahlreiche Leichen. Denn in den Köpfen der hier versammelten Gestalten ist der Bürgerkrieg noch längst nicht vorbei. Außerdem ist von den mysteriösen Gästen kaum einer, der er zu sein vorgibt – und spätestens als der Henker und der Kutscher spektakulär am vergifteten Kaffee sterben, wird dem Major klar, dass sein Verdacht, dass hier etwas ganz und gar nicht stimmt, absolut zutreffend war.

Aber man weiß ja, dass bei den zehn kleinen Negerlein, die hier verschiedenen Rassen angehören, am Ende keiner übrig bleibt – auch wenn die Geschichte durchaus einen anderen Verlauf nimmt, als anfangs vielleicht zu vermuten gewesen wäre. Die Zeit wird also keineswegs lang, auch wenn die Ultra-Panavision-Fassung auf 187 Minuten kommt (die Normal-Version hat 167 Minuten). Ich habe jede davon genossen – es gibt halt Dinge, die man einfach nicht kürzer machen kann. The Hateful 8 gehört auf jeden Fall dazu.

Empire – König Lear im Gangsta-Style

Bombast-Soaps wie Dallas oder Der Denver-Clan waren nie mein Ding, auch wenn ich mich noch gut daran erinnere, dass diese Serien in den 80er Jahren jeweils am nächsten Tag auf dem Schulhof und am Arbeitsplatz leidenschaftlich diskutiert wurden. Aber damals war mir das herzlich egal – die Intrigen von irgendwelchen superreichen Amis interessierten mich nicht die Bohne. Offenbar hatte ich früher tatsächlich Besseres zu tun als fernzusehen. Aber nach jahrzehntelanger Mühsal in der Tretmühle der modernen Arbeitswelt schätze ich einfach verfügbare Zerstreuungen, weshalb ich mittlerweile Serien-Expertin bin.

Und obwohl ich noch immer nicht begreife, warum sich Menschen freiwillig das Dschungelcamp ansehen (oder irgendeine andere von Werbung zerhackte Sendung auf einen Privatsender) muss ich zugeben, dass mittlerweile eine Serie ähnlichen Kalibers wie Dallas/Denver-Clan entdeckt habe, die mir wirklich Spaß macht: Empire.

Empire: Lucious Lyon (Terrence Howard) Bild via fox.com

Empire: Lucious Lyon (Terrence Howard)
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Empire ist die Geschichte von Musik-Milliardär Lucious Lyon (Terrence Howard) bzw. die Geschichte des Kampfes innerhalb des Lyon-Clans um seine Nachfolge – im Grunde also eine weitere King-Lear-Variante. Der Ghetto-Musiker Dwight Walker hat sich von der Straße in die Chefetage seines eigenen Musik-Labels hochgearbeitet und sich dafür einen neuen Namen zugelegt – das war vermutlich vor allem nötig, damit man ihn nicht mehr mit seiner kriminellen Vergangenheit in Verbindung bringt. Lucious ist einer der wenigen Afroamerikaner in einer solchen Position, genau wie sein Kumpel Barack im Weißen Haus, der ihn gelegentlich anruft. Okay, Obama kam nicht direkt von der Straße, aber wir wollen nicht so kleinlich sein.

Empire: Cookie Lyon (Taraji P. Henson) Bild via fox.com

Empire: Cookie Lyon (Taraji P. Henson)
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Lucious hat alles, was sich ein Mann wünschen kann – Geld, Erfolg, Einfluss und natürlich schöne Frauen. Aber er hat eine unheilbare Krankheit: Ihm bleibt nach der ALS-Diagnose nicht mehr viel Zeit, einen würdigen Nachfolger zu finden. Lucious hat zwar drei Söhne, aber keiner davon ist perfekt. Andre (Trai Byers), der Älteste, hat an einer Elite-Uni studiert und ist ein Finanzgenie. Er ist ehrgeizig und ein Arbeitstier – Andre hat Empire zu dem gemacht, was es jetzt ist und auch den bevorstehenden Börsengang vorbereitet. Aber erstens hat er eine bipolare Störung und zweitens hat er es nicht so mit Musik. Und dann hat er auch noch eine berechnende weiße Schlampe geheiratet.

Der zweite Sohn Jamal (Jussie Smollet) ist hingegen ein unglaublich talentierter Musiker, aber er interessiert sich nicht fürs Geschäft. Er ist damit zufrieden, ein genialer Singer-Songwriter zu sein, den nur ein paar weiße Kids in Brooklyn kennen, wie seine Mutter ihm treffend vorwirft. Und noch schlimmer: Er ist schwul.

Empire: Jamal (Jussie Smollet) Bild via fox.com

Empire: Jamal (Jussie Smollet)
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Der dritte, Hakeem (Bryshere Y. Gray), ist Lucious Liebling und hat durchaus Talent, aber er ist ein verwöhntes, selbstbezogenes Arschloch und musste noch nie um Erfolg und Anerkennung kämpfen. Er pflegt zwar Gangsta-Attitüde und hängt mit üblen Jungs ab, aber letztlich verlässt er sich immer darauf, dass ihm einer seiner großen Brüder oder sein Papa den Arsch rettet.

Und dann gibt es da noch Cookie (Taraji P. Henson), die Mutter der drei, die nach 17 Jahren aus dem Knast kommt. Sie musste einsitzen, weil sie mit Drogen gedealt hat, um Lucious und ihren Traum vom eigenen Musiklabel zu erfüllen. Sie fordert nun, was ihr zusteht: Die Hälfte von Empire.

Empire: Jamal und Cookie Bild via fox.com

Empire: Jamal und Cookie
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Natürlich geht Lucious darauf nicht ein, aber er bietet ihr einen Job an. Das wiederum passt seiner aktuellen Verlobten Anika (Grace Gealey) überhaupt nicht, die nun nicht zu Unrecht befürchtet, dass ihr die vulgäre, aber höchst effektive Cookie die Zügel aus der Hand nehmen wird. Denn Cookie ist das eigentliche Genie hinter Empire gewesen – sie ist nicht nur eine begnadete Produzentin, sie weiß auch, wie man verhandelt und mit durchgeknallten Stars umgeht. Und jetzt, nach all den Jahren im Knast ist Cookie noch härter und hungriger geworden. Und natürlich kämpft sie wie eine Löwin für ihre Söhne – insbesondere für ihren Liebling Jamal, mit dem sie umgehend die Produktion eines neuen Albums startet, um Lucious zu zeigen, dass Jamal mehr drauf hat als sein Liebling Hakeem. Es macht einfach Spaß, Taraji P. Henson dabei zuzusehen, wie sie ihre Rolle als Cookie Lyon genießt – für die sie völlig verdient einen Golden Globe gewonnen hat und zweimal für den Critics Choice Award als beste Darstellerin in einer Dramaserie nominiert wurde.

Empire:  Lucious und Hakeem (Bryshere Y. Gray) Bild via fox.com

Empire: Lucious und Hakeem (Bryshere Y. Gray)
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Und natürlich gibt es viel Musik – den Soundtrack zur ersten Staffel hat die Produzenten-Legende Timbaland geliefert. Wenn man diese Musik mag, lohnt es sich, diese Serie allein deshalb anzusehen, auch wenn es wenig echten Hip-Hop gibt, dafür aber eine Menge interessanter Remixe von bekannten Songs. Es ist ein bisschen wie bei Treme, wo die Musik auch einen breiten Raum einnimmt, nur in dem Fall New-Orleans-Jazz, hier ist es halt R&B und massentauglicher Rap. Und wie bei Treme gibt es auch eine Reihe von Gastauftritten – so spielt Courtney Love den abgehalfterten Empire-Star Elle Dallas, der von Cookie nach Jahren wieder aus der Versenkung geholt und zu einem Comeback überredet wird. Naomi Campbell tritt als Designerin Camilla Marks auf, die sich an den kleinen Hakeem heranmacht, was weder Lucious noch Cookie gefällt. Aber es treten auch Snoop Dogg, Gladys Knight oder Patti LaBelle als sie selbst auf.

Empire:  Andre (Trai Byers) und Rhonda (Kaitlin Doubleday) Bild via fox.com

Empire: Andre (Trai Byers) und Rhonda (Kaitlin Doubleday)
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In den USA entwickelte sich Empire zu einem veritablen Straßenfeger, der mit jeder weiteren Folge mehr Zuschauer gewinnen konnte. In Deutschland lief Empire auf ProSieben, wo sich allerdings kaum jemand dafür interessierte. Was unter anderem daran liegen könnte, dass es hier halt nicht so viele Afroamerikaner gibt, die sich freuen, dass es endlich einmal eine Serie gibt, deren Protagonisten Afroamerikaner sind, die zu den oberen Zehntausend in den USA gehören. Und Black Musik ist hierzulande ja auch eher eine Spartenveranstaltung.

Vor allem aber sieht sich der wahre Serienjunkie heutzutage keine Serie mehr auf einem TV-Sender an, bei dem man jeweils eine Woche warten muss, um wieder ein von Werbeunterbrechungen durchsetztes Handlungshäppchen vorgesetzt bekommen. Die Zeiten sind vorbei – das hat auch das grandiose Quotendesaster mit Deutschland 83 gezeigt.

Empire:  Becky (Gabourey Sidibe), Lucious und Camilla (Naomi Campbell) Bild via fox.com

Empire: Becky (Gabourey Sidibe), Lucious und Camilla (Naomi Campbell)
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A Most Wanted Man

Allmählich könnte ich eine neue Rubrik „Lieblingsfilme mit Philip Seymour Hoffman“ einführen – aber leider ist die Anzahl dieser Filme ja endlich, weil Philip Seymour Hoffman definitiv keinen Film mehr machen wird, was extrem schade ist. Nach Capote, Before the Devil Knows You’re Dead oder The Master, die ich alle ziemlich gut fand habe ich nun auch A Most Wanted Man gesehen, den letzten Film mit Hoffman – und der hat mir besonders gut gefallen. Obwohl ich gar kein ausdrücklicher Fan von John-le-Carré-Verfilmungen bin. Dame, König As, Spion (von 2011) zum Beispiel fand ich ehrlich gesagt ziemlich langweilig, obwohl ich Gary Oldman, Colin Firth und Tom Hardy sehr mag.

Ganz anders aber A Most Wanted Man – der zwar auch weitgehend auf sinnlose Action verzichtet, was für mich durchaus ein Plus ist, aber trotzdem überaus fesselnd ist. Was vor allem Philip Seymour Hoffman alias Günther Bachmann zu verdanken ist. Bachmann ist der Leiter einer kleinen und sehr geheimen deutschen Anti-Terror-Einheit, die in Hamburg operiert. Aus der hamburgischen Islamisten-Szene kamen bekanntlich einige der Attentäter und Unterstützer der Attentate vom 11. September 2001, insofern ist der Standort Hamburg durchaus plausibel.

A Most Wanted Man: Michael Axelrod (Herbert Grönemeyer), Erna Frey (Nina Hoss) und Günther Bachmann (Philip Seymour Hoffman)

A Most Wanted Man: Michael Axelrod (Herbert Grönemeyer), Erna Frey (Nina Hoss) und Günther Bachmann (Philip Seymour Hoffman)

Meiner Ansicht nach spielt Hamburg seine Rolle als Stadt der Gestrandeten und Hoffnungslosen so gut wie Philip Seymour Hoffman jenen routinierten, weitgehend desillusionierten, aber dennoch sehr effektiven Spion, der sich hauptsächlich von Schnaps, Kaffee und Zigaretten ernährt und durch jahrelange Wühl- und Überzeugungsarbeit ein kleines Netzwerk an Informanten aufgebaut hat, über die er hofft, an die großen Fische in der internationalen Islamisten-Szene zu kommen, vor allem an diejenigen, die den Terror finanzieren. Dieses Hamburg ist düster, dreckig und trotzdem erstaunlich fotogen – was natürlich auch an dem ganz speziellen Kamerablick von Benoît Delhomme liegt. Ja, und die reichen Hamburger Pfeffersäcke haben natürlich auch eine ganze Reihe schicker Gebäude zustande gekriegt, damit man nicht vergisst, dass es in Hamburg auch eine Menge Geld gibt.

Unterstützt wird Bachmann bei seiner klandestinen Arbeit von Erna Frey (Nina Hoss), Maximilian (Daniel Brühl), Racheed (Kostja Ullmann) und Jamal (Mehdi Dehbi), der, wie sich herausstellt, auch noch der Sohn von Dr. Faisal Abdullah ist, von dem Bachmann annimmt, dass er zu dem Netzwerk gehört, das den IS finanziell unterstützt. Bachmann ist bei seinen Recherchen auf ein Logistik-Unternehmen mit Sitz in Zypern gestoßen, über das ein Teil der Spenden für anerkannte arabische Hilfsorganisationen abgezweigt und in dunkle Kanäle geleitet werden.

A Most Wanted Man - Günther Bachmann (Philip Seymour Hoffman)

A Most Wanted Man – Günther Bachmann (Philip Seymour Hoffman)

Als eines Tages der tschetschenische Flüchtling Issa Karpov (Gregori Dobrygin) in Hamburg auftaucht, wittert Bachmann seine große Chance. Karpov wird verdächtigt, ein radikaler, gewaltbereiter Islamist zu sein – und deshalb sind auch gleich eine Menge konkurrierender Dienste hinter dem Mann her, der Verfassungsschutz etwa und natürlich auch die CIA. Karpov versucht, den Bankier Tommy Brue (Willem Dafoe) zu kontaktieren. Das macht ihn für Bachmann und sein Team interessant: Möglicherweise ist er tatsächlich der Sohn eines russischen Militärs und Geschäftsmanns namens Karpov, der ein beträchtliches Vermögen bei eben jener Bank deponiert hat.

Issa kommt bei einer gläubigen türkischen Witwe unter, die mit ihrem Sohn in einer schäbigen Wohnung lebt, aber bereit ist, dem mittellosen Glaubensbruder zu helfen. Ihr Sohn stellt den Kontakt zu der Menschenrechtsanwältin Annabel Richter (Rachel McAdams) her – sie arbeitet für eine Initiative, die Flüchtlinge bei ihren Asylanträgen unterstützt. Und Issa ist eindeutig gefoltert worden, Annabel ist schockiert, als er ihr seine Narben zeigt und verspricht, ihm zu helfen.

A Most Wanted Man: Annabel Richter (Rachel McAdams) und Issa Karpov (Gregori Dobrygin)

A Most Wanted Man: Annabel Richter (Rachel McAdams) und Issa Karpov (Gregori Dobrygin)

Issa hat keine Papiere bei sich, aber er ist im Besitz eines Briefs seines Vaters, den er an einen Freund geschrieben hat – den Vater von Tommy Brue. Und er hat den passenden Tresorschlüssel. Annabel überzeugt den Bankier, sich mit Issa zu treffen. Issa hingeben will das blutige Geld seines Vaters gar nicht. Er will in Deutschland ein ehrbares Leben führen, wie er Annabel erklärt.

Das wiederum passt auch nicht gut zu dem, was Bachmann und seinem Team vorhaben: Der Plan ist es, mit Hilfe des Geldes – es handelt sich immerhin um 10 Millionen Euro – die Aufmerksamkeit von Dr. Faisal Abdullah zu erregen, damit Bachmann ihn endlich überführen kann. Dazu ist einiges an Überzeugungsarbeit nötig – zuerst müssen Bachmann und sein Team die störrische Annabel Richter überzeugen, dass sie Issa dazu bringen muss, dass Erbe einzufordern, damit Issa es dann großmütig an islamische Wohltätigkeitsorganisationen abgeben kann.

Annabel gibt unter dem Druck des erfahrenen Manipulators ziemlich schnell auf – immerhin ist ihr klar, dass sie allein Issa nicht retten kann. Und dann müssen die Jungs vom Verfassungsschutz ruhig gestellt werden, genau wie auch die Amerikaner, die in Form der CIA-Residentin Martha Sullivan (Robin Wright) auftreten. Sie alle finden sehr eigenartig, dass Bachmann den mutmaßlichen Terroristen erstmal in Ruhe lassen will.

A Most Wanted Man: Marthe Sullivan (Robin Wright) und Bachmann (Philip Seymour Hoffman)

A Most Wanted Man: Marthe Sullivan (Robin Wright) und Bachmann (Philip Seymour Hoffman)

Es stellt sich heraus, dass Bachmann und Sullivan zuvor schon aneinandergeraten sind – die CIA hat schon einmal eine von Bachmanns Missionen in Beirut vermasselt, bei der er wichtige Quellen verloren hat – was Sullivan später sogar zugibt, um Bachmann versöhnlich zu stimmen, denn sie ist schließlich auch auf gute Zusammenarbeit angewiesen. Und so verspricht sie, still zu halten, damit Bachmann seinen Plan durchziehen kann. Der hat inzwischen auch Tommy Brue überzeugt, bei der ganzen Sache mitzumachen. Letztlich funktioniert der auch, wie Bachmann das geplant hat – Issa spendet das Geld und Dr. Abdullah wird quasi als Treuhänder eingesetzt, der das Geld an die zuvor überprüften unverdächtigen Wohltätigkeitsorganisationen überweist. Im letzten Augenblick ändert Dr. Abdullah eine der Anweisungen und lässt statt dessen eben jene Reederei als Empfänger einsetzen – Bachmann hat jetzt den Beweis, auf den er solange hin gearbeitet hat.

Doch er kann seinen Triumph nicht auskosten, als er als Taxifahrer getarnt Issa und Dr. Abdullah vor der Brue-Bank abholen will, werden die beiden von einem CIA-Team entführt – und die Leute vom Verfassungsschutz schauen seelenruhig dabei zu. Resigniert fährt Bachmann davon – in seinem beige-braunen Schrammelbenz. Das ist alles frustrierend unspektakulär, genau wie Bachmanns ganzer Job, der nun durch das Eingreifen der Amis an die Wand gefahren wurde – aber genau das gefällt mir so gut.

A Most Wanted Man - Günther Bachmann (Philip Seymour Hoffman)

A Most Wanted Man – Günther Bachmann (Philip Seymour Hoffman)

A Most Wanted Man ist ein subtil in Szene gesetzter Spionagefilm über einen Spion alter Schule, der kein bisschen an James Bond erinnert, aber mindestens genauso viel drauf hat. Gut hat mir auch Grigori Dobrygin als Issa Karpov gefallen, Daniel Brühl als Maximilian ist dagegen etwas untergegangen – aber das lag natürlich auch an seiner Rolle als braver Teamplayer. Natürlich freue ich mich auch immer Nina Hoss zu sehen, aber es ist ein bisschen schade, dass sie für die internationalen Casting-Agenturen offenbar die perfekte deutsche Agentin ist – in Homeland spioniert sie für den BND, jetzt halt für ein anderes deutsches Team. Genau wie wir Robin Wright aus House of Cards als durchsetzungsstarke First Lady kennen – jetzt setzt sie halt für die CIA US-Interessen durch. Tja und Rachel MacAdams – die fand ich in der zweiten Staffel von True Detective eigentlich ganz gut, aber als deutsche Menschenrechtsaktivistin? Okay, hier muss ich auch gerecht sein, genau wie Daniel Brühl farblos blieb, fand ich Rachel McAdams etwas schwach – aber die Figur war halt auch so angelegt.

A Most Wanted Man - Hamburg

A Most Wanted Man – Hamburg

Was ich aus plottechnischen Gründen zwar nachvollziehen kann, aber nicht sehr überzeugend finde – so eine echte überzeugte deutsche Menschenrechtsfanatikerin lässt sich nicht so schnell brechen. Nie und nimmer. Aber was solls – Willem Dafoe ist als Tommy Brue ja auch nicht so richtig zum Zuge gekommen, aber hat seinen Part ordentlich abgeliefert. Niedlich fand ich auch Kostja Ullmann als Rasheed – dadurch war zu verkraften, dass Rami Malek gar nicht mitgespielt hat. Ach ja, für Herbert Grönemeyer gab es auch eine kleine Rolle und er hat die Musik für den Film geliefert, die mich streckenweise ziemlich an House of Cards erinnert hat. Aber das passte ja auch besser als das, was Grönemeyer sonst macht.