Green Book: Gut, aber zu spät

Ich mag Musikfilme und ich mag Roadmovies, insofern ist Green Book schon ein besonderer Leckerbissen. Das fand offensichtlich auch die ehrwürdige Academy, die den Film am Sonntagabend mit dem Oscar für den besten Film bedachte. Und Mahershala Ali mit dem Oscar für den besten Darsteller in einer Nebenrolle. Wobei ich nach dem nochmaligen Ansehen von Green Book doch ein bisschen enttäuscht bin, vermutlich weil der Film meine Erwartungen einfach anstandslos erfüllt hat: Ein bisschen rauer, eckiger, weniger gefällig hätte die Geschichte schon sein können.

Es geht um den schwarzen Klaviervirtuosen Don Shirley, eine historische Person, der in den frühen 60er Jahren eine Tournee durch die Südstaaten der USA unternahm, und seinen Fahrer, der im Film Tony Vallelonga, kurz Tony Lip heißt. Kleiner Witz am Rande: Der echte Tony Lip hat in der legendären Serie Die Sopranos den Mafia-Boss Carmine Lupertazzi gespielt. Insofern ist der Mafia-Bezug dieser Figur quasi naturgegeben.

Green Book Filmposter

Green Book Filmposter

Mahershala Ali hat für seine Interpretation des Don Shirley bereits einen Golden Globe als bester Nebendarsteller gewonnen, absolut verdient natürlich, wobei ich die Kategorie „Nebendarsteller“ auch wieder diskussionswürdig fände. Viggo Mortensen als Hauptdarsteller finde ich schon okay, er spielt diesen Italo-Amerikaner Tony Lip, der gute Beziehungen zur New Yorker Mafia hat, aber auch sonst in jeder Beziehung ein Familienmensch ist, hinreißend ehrlich und schmierig zugleich.

Tony ist ein Kind der US-Einwanderer-Arbeiterklasse. Er macht seinen Job und scheut nicht davor zurück, sich die Finger schmutzig zu machen. Gleichzeitig versucht er, ein guter Ehemann und Vater zu sein. Familie ist wichtig, gerade in seinen Kreisen. Die Italiener hängen auch in der neuen Welt an ihren alten Werten. Aber genau das ist sympathisch: Sie schätzen gutes Essen und sie sind gastfreundlich und hilfsbereit. Insofern hat Tony kein Problem damit, für einen Farbigen zu arbeiten. Job ist Job und solange er sein Geld kriegt, macht er ihn, so gut er kann. Und natürlich macht er ihn ziemlich gut.

Für Don Shirley ist das alles komplizierter: Er ist ein ebenso hochgebildeter wie feinsinniger Künstler, der in den höchsten Kreisen verkehrt, er wohnt in einem Appartement über der Carnegie Hall und ist mit den Kennedys befreundet. Er hat eigentlich alles, was man im Leben erreichen kann. Aber offensichtlich hat er ein Problem damit, dass er aufgrund seiner afrikanischen Herkunft nicht überall in den Staaten gleichermaßen anerkannt wird. Oder vielleicht will er seinen unterdrückten schwarzen Brüdern und Schwestern im Süden einfach Mut machen – es ist jedenfalls sein Wunsch, eine Tournee durch den Süden der USA zu absolvieren, auch wenn das weniger Geld einbringt.

Und es liegt auf der Hand, dass das zu jener Zeit gewisse Schwierigkeiten provoziert. Insofern sucht Shirley mehr als einen Fahrer, der ihn einfach nur von Konzert zu Konzert chauffiert. Er braucht einen persönlichen Assistenten, der mögliche Probleme vor Ort möglichst geräuschlos regeln kann. Natürlich ist Tony Lip der ideale Kandidat für diesen Job – nur weiß Tony das noch nicht. Auch wenn er im Bewerbungsgespräch als besondere Qualifikation Public Relations nennt. Daher kommt sein Spitzname Lip: Er kann sich aus schwierigen Situationen einfach herausreden.

Don Shirley erkennt das, auch wenn er sonst mit dem ungeschliffenen Verhalten seines Angestellten immer wieder unzufrieden sein wird. Einen großen Teil des Amüsements zieht Green Book entsprechend aus der Gegenüberstellung des prolligen weißen Fahrers mit dem Herz auf dem rechten Fleck und dem distinguierten Intellektuellen, der für die Gegend, in der er sich gerade bewegt, leider die falsche Hautfarbe hat.

Der Filmtitel leitet sich übrigens von dem Reiseführer Negro Motorist Green Book  ab, nach dem Shirley seine Tournee planen muss.  Dass so etwas noch immer als Gegenstand für einen Film herhalten muss, ist traurig und beschämend. Vielleicht ist es das, was meine latente Unzufriedenheit mit diesem Film ausmacht und mich wünschen lässt, dass dieser Film nicht als bester Film ausgezeichnet worden wäre, obwohl es zweifelsohne ein guter Film ist, ein unterhaltsamer dazu, wenn auch kein besonders mutiger. Dafür kommt er ein paar Jahrzehnte zu spät. 

Es geht mir mit Green Book ähnlich wie mit Hidden Figures, jenem Film über einige afroamerikanischen Mathematikerinnen, die maßgelblich am Erfolg des Mondlandungsprojekts der NASA beteiligt waren, ohne dass ihre Leistung angemessen gewürdigt worden wäre. Ich finde gut, dass das mit dem Film endlich mal ansatzweise nachgeholt wird, gleichzeitig ärgert es mich, dass so ein wichtiger Film nett und unterhaltsam aufbebreitet wird, anstatt sich dermaßen über diese Ignoranz und Ungerechtigkeit aufzuregen, wie es mehr als angebracht wäre. Aber wer kuckt sich schon zwei Stunden Standpauke an. Natürlich will man lieber einen unterhaltsamen Film, bei dem man nebenbei noch etwas lernen kann. Aber der Sache, um die es geht, wird man damit nicht gerecht. Aber klar, lieber so einen leicht verlogenen Feel-Good-Film als ein noch verlogeneres Superheldenmovie. Insofern: Daumen hoch für Green Book.

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The Sound of Noise – alles ist Musik

Ich bin wirklich keine ausgesprochene Freundin von Musikfilmen. Aber einige wirklich gute gibt es doch. Ich meine dabei ausdrücklich nicht dieses ganze Saturdaynight-Fever-Footlose-Flashdance-Zeug. Das interessierte mich nicht mal als Teenie und die Musik fand ich damals schon richtig scheiße. Aber es gab immerhin Blues Brothers! Oder Leningrad Cowboys Go America. Oder Aprile von Nanni Moretti, der ja kein Musik-Film im eigentliche Sinne ist, auch wenn Nanni Moretti darin beschreibt, dass er wahnsinnig gern einen Musik-Film im Stil der 50er Jahre machen würde, statt diesen Politfilm gegen Berlusconi, den er aber seiner inneren Stimme folgend eigentlich machen muss. Immerhin: Nuria Schoenberg spielt darin mit, die Tochter des Komponisten Arnold Schoenberg und Witwe von Luigi Nono, der neben Karlheinz Stockhausen und Pierre Boulez ein führender Vertreter der Neuen Seriellen Musik war.

Und dann gibt es auch noch das britische Bergarbeiter-Kapellen-Drama Brassed off und die ein wenig zu sozialkitschige Musik-Doku Buena Vista Social Club und schließlich natürlich den besten aller Musikfilme, The Sound of Noise. Damit sind wir schon wieder in Schweden, aber ich kann nichts dafür, dass diese Nordländer so kreativ sind.

The Sound of Noise handelt von sechs fanatischen Musikern, die (auch im richtigen Leben) in erster Linie Schlagzeug, aber zusätzlich so ziemlich alles bespielen – zum Schluss sogar eine ganze Stadt. Es spielt, das ist bei schwedische Filmen offenbar nicht zu vermeiden, auch ein besessener Polizist mit. In diesem Fall fatal: Amadeus Warnebring (Bengt Nilsson) hasst Musik. Seine Mutter war Pianistin, sein Bruder ist ein gefeierter Dirigent, ein furchtbar arroganter Schnösel ganz nebenbei, aber Amadeus hat es überhaupt nicht mit Musik. Was einen auch nicht wundert, wenn man der klassischen Langeweile seines Bruders ausgesetzt ist.

Warnebring nimmt den Kampf gegen die Musik-Terroristen auf, die das Land mit einer beispiellosen Serie von spektakulären Überfällen überziehen. Sie brechen etwa in ein Krankenhaus ein, um einen Operationssaal samt Patienten zu bespielen, sie überfallen eine Bank, „bleiben Sie ruhig, das ist ein Gig!“, aber nicht um Geld zu stehlen, sondern es im richtigen Takt durch den Schredder zu jagen, die entsetzten Schreie der Bankangestellten gehören genauso zur Aufführung wie das Klackern der Stempel und das Klimpern der Münzen. Rätselhaft an diesen Überfällen: Es bleibt stets ein Metronom am Tatort zurück. Für Warnebring ist die Sache klar – das sind keine Verbrecher. Schlimmer noch: Es sind Musiker!

Schließlich zerlegen die Überzeugungstäter der konkreten Musik mit Baustellenfahrzeugen den Platz vor dem Konzerthaus in Göteborg, gerade als Amadeus ein Konzert erleiden muss, das sein Bruder dirigiert. Es passiert aber etwas Unerwartetes: Ausgerechnet die Musik-Anarchos erlösen Warnebring von dem, was er so hasst: Alles, was sie einmal bespielt haben, kann oder vielmehr muss Amadeus nicht mehr hören. Und so findet er ihren Plan, ein Elektrizitätswerk zu bespielen, gar nicht mal so schlecht – er setzt sich sogar hin, um eigenhändig eine Partitur für die ganze Stadt zu schreiben, auch wenn er keine Ahnung davon hat: „Ist das Musik?“ fragt er einen der Terror-Musiker. „Das schon, aber es ist unheimlich schlecht!“ Egal, er zwingt die Bande mit vorgehaltener Pistole zum Spielen, um danach endlich für immer seine Ruhe zu haben. Herrlich schräger Film von Ola Simonsson und Johannes Stjärne Nilsson. Ein unbedingtes Muss für alle, die sich Haydns Sinfonie mit dem Paukenschlag auch nicht freiwillig reinziehen würden.