Buster’s Mal Heart: Schicksal ist ein Arschloch

Ein Film, auf den ich lange gewartet habe, ist Buster’s Mal Heart – einer von diesen „kleinen“ US-Indipendet-Filmen, die hierzulande nie ins Kino kommen, auch wenn sie auf zahlreichen Indipentent-Festivals erfolgreich gelaufen sind. Erfreulicherweise erscheint der Film jetzt auf Amazon Video und iTunes – und ich habe keine Kosten und Mühen gescheut, den Film schon einmal vorab zu sichten. Und es gleich vorweg zu nehmen: Ein Publikumsrenner wird dieser Film vermutlich nicht, dazu ist der Plot viel zu verschroben.

Aber – schlecht finde ich ihn wirklich nicht, Buster’s Mal Heart erinnert mich sehr an die eigenartigen Filme von Herbert Achternbusch – es geht um Identität, kosmische Missgeschicke, Liebe, Schicksal, Pflichterfüllung, das Elend mit der Freiheit und der Frage, wie man denn leben soll, wenn man die meiste Zeit damit beschäftigt ist, einen blöden Job machen zu müssen, weshalb man das eigentliche Leben verpasst. Daraus lässt sich schon ein sehenswerter Film stricken – und die Autorin-Regisseurin Sarah Adina Smith macht aus einem vergleichsweise schmalen Budget und wenigen Drehtagen eine ganze Menge.

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Der eine oder die andere wird sich Buster’s Mal Heart ohnehin schon allein deshalb ansehen, weil Mr. Robot mitspielt – der fleißige Rami Malek war zwar schon in einer ganzen Reihe von zum Teil durchaus bekannten Filmen als Nebendarsteller zu sehen, aber hier hat er seine erste Hauptrolle in einem Spielfilm – und er ist auch fast in allen Szenen zu sehen.

Und erstaunlich viel erinnert dann doch an Mr. Robot – der Protagonist Jonah ist nämlich zwei Männer: Zum einen ein mexikanischer Seemann, der nach einem Sturm 1000 Tage in einem winzigen Rettungsboot auf dem Meer treibt, zum anderen ein junger Familienvater, der endlose Nachtschichten in einem Hotel am Arsch der Welt – der sich in diesem Fall in Montana befindet – schiebt, um seine Familie zu ernähren. Die da sind seine junge Frau Marty (Kate Lyn Shell) und ihre niedliche kleine Tochter Roxanne (Sukha Belle Potter).

Marty und Jonah lieben sich, soviel wird klar, und Roxanne ist ein wirklich süßes kleines Kind. Die drei leben bei Martys Eltern, die es mit dem Christentum haben – keine Ahnung, welche der unzähligen Spielarten amerikanischer christlicher Sekten das ist, aber die tatkräftigen Christen haben Marty geholfen, von ihrer Drogensucht wieder loszukommen, und sie haben irgendwie auch Jonah akzeptiert, diesen Latino, den ihre Tochter angeschleppt hat. Über dessen Herkunft erfahren wir nicht viel, außer, dass er Spanisch spricht, was er auch versucht, seiner Tochter beizubringen – was die Schwiegereltern gar nicht so gut finden, das Kind soll doch lieber erstmal richtig Englisch lernen.

Und auch Jonah scheint keine astreine Vergangenheit zu haben – als sein Kollege, der die Tagschicht machen darf, Jonah fragt, wie er denn an diesen Job gekommen sei, wenn er nicht mal einen Highschool-Abschluss habe, antwortet Jonah, dass er dem Chef (der natürlich auch zu dieser christlichen Gemeinde gehört) sein Vorstrafenregister gezeigt hätte.

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Wir erfahren nicht, was Jonah verbrochen hat, aber wir sehen dabei zu, wie er sich redlich bemüht, seinen Job zu machen und gleichzeitig auch noch ein liebender Familienvater zu sein. Und er wie er daran scheitert – mechanisch wie ein Roboter erledigt er seine Arbeit, um dann völlig übermüdet zu Frau und Kind heimzukehren. Jonah träumt von einem ganz anderen Leben, er will ein Stück Land kaufen, ein Haus bauen und dort das eigentliche, richtige Leben verwirklichen, von dem er träumt. Aber Marty holt ihn auf den Boden der Tatsachen zurück: „Du weißt doch überhaupt nicht, wie man ein Haus baut!“

Und es stellt sich im Lauf der Geschichte heraus, dass Jonah auch keine Ahnung davon hat, wie man in der Natur überlebt. Was ihm sein mexikanisches Alter Ego auf See voraus hat – der überlebt, er trinkt seinen eigenen Urin und fängt Fische, auch wenn er Gott verflucht und bittet, ihn jetzt endlich sterben zu lassen, weil man so ja auf Dauer nicht leben kann. Jonah hingegen überlebt, in dem er in luxuriöse Ferienhäuser einbricht, die reiche Leute in den Bergen von Montana haben. So richtig autark ist das nicht, immerhin er genießt den vorübergehenden Luxus sichtlich. In seinem jeweiligen Quartieren dreht er alle Familienbilder auf den Kopf und telefoniert mit Sex- und Radiohotlines, um seine Botschaft zu verkünden: Das Ende der Welt ist nah – also der Welt, die wir so kennen, wie sie ist. Die zweite Inversion steht bevor, bei der sich alles auf den Kopf stellt.

Das entspricht ziemlich genau der Hysterie, die vor der Jahrtausend-Wende grassierte, Y2K, das Jahr-2000-Problem. An das kann ich mit gut erinnern, schließlich war ich damals in meinen sehr frühen Dreißigern. Ich hatte das damals nicht dermaßen ernst genommen, schließlich stamme ich aus einer Generation, die in der Hochzeit des kalten Krieges mit der Angst aufgewachsen ist, dass ihre Welt innerhalb von Minuten von einem Atomkrieg pulverisiert wird.  Davor hatten wir die ganze Zeit Angst, und das war keineswegs unrealistisch. In Deutschland lebten wir schließlich auf dem wahrscheinlichst anzunehmenden Schlachtfeld einer solchen Auseinandersetzung. Da war Y2K ein Klacks gegen. Was ja auch zutraf.

Aber das hat in Buster’s Mal Heart eher eine anekdotische Funktion. Immerhin, die Geschichte spielt in den späten 90ern, also kurz vor Y2K, und während einer dieser quälend endlosen Nachtschichten im Hotel taucht ein rätselhafter Typ (DJ Qualls) auf, der Jonah seinen Namen nicht verraten will, aber behauptet, der letzte freie Mensch der Welt zu sein. Und nebenbei ist er ein Computer-Spezialist. Und als solcher habe er Sachen gesehen – CIA, FBI, Pentagon, da läuft eine ganz, ganz üble Scheiße und die Menschen werden alle verarscht. Immer.

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Jonah saugt die Worte dieses zweifelhaften Propheten auf, sei es, weil ihm einfach sterbenslangweilig ist, sei es, weil er tatsächlich an diesen Scheiß glauben will, weil er sich ein anderes Leben und eine andere Welt wünscht, auch wenn er nicht so richtig kapiert, was eigentlich falsch läuft – Jonah beschäftigt sich mit diesem ganzen Zeug und lässt es sich einleuchten. Und er versucht weiterhin ein guter Mensch zu sein, was sein Chef irgendwann auch honoriert, in dem er Jonah zwar nicht von der ungeliebten Nachtschicht befreit, aber ihm immerhin anbietet, dass seine Frau und Tochter eine Weile in dem ohnehin nicht besonders frequentierten Hotel wohnen können, damit Jonah sie ab und zu auch mal im wachen Zustand sehen kann.

Das ist erst einmal ganz nett – für Marty und Roxanne fühlt es sich wie ein Ferienaufenthalt an und Jonah ist auch ganz happy, die drei vergnügen sich (sittsam!!!) im Hotelpool, Jonah kann zumindest theoretisch endlich Job und Familie unter einen Hut bringen – doch dann taucht dieser Fremde wieder auf. Er sieht ziemlich ramponiert aus, und der gutmütige Jonah gibt ihm unerlaubterweise eine Schlüsselkarte, obwohl der Fremde nach wie vor keine ID vorweisen will. Klar, das hätte Jonah besser nicht getan.

Okay, für diesen Spoiler würden mich meine Kinder auch schon wieder killen, aber die lesen ja meinen Blog nicht. Vermutlich. Für Jonah geht die Sache nicht gut aus, auch wenn er tapfer gegen das Unausweichliche ankämpft und versucht, später selbst als gesuchter Schwerverbrecher und Outlaw noch ein netter Mensch zu sein. Aber das ganze Universum scheint sich gegen ihn verschworen zu haben – letztlich erweist sich seine Existenz als epischer Fehler im kosmischen System: Irgendwo ist irgendetwas kolossal schief gelaufen. Aber weder der verzweifelte, aber doch zäh an seinem Leben hängende Schiffbrüchige auf dem Meer, noch der zum verrückten Buster mutierte Jonah geben auf, sie kämpfen bis zum Schluss – und am Ende gibt es zumindest für einen von ihnen eine versöhnliche Wendung.

Wer auf Filme mit ausgefeilten Plots steht, in denen am Ende immer alles erklärt wird, wird mit diesem Film vermutlich nicht glücklich. Womit ich nicht sagen will, dass dieser Film keinen ausgefeilten Plot hätte – die Geschichte an sich gefällt mir ziemlich gut, allerdings gleicht der Film einem Puzzle, dessen Teile sich der Zuschauer beim Ansehen selbst zusammensetzen muss. Liebhaber von mehrdeutigen, diffusen Geschichten werden hier viel besser bedient – wobei ich das alles gar nicht dermaßen rätselhaft finde. Es gibt eine Menge Andeutungen und Querverweise, der Film verlangt allerdings eine gewisse Aufmerksamkeit. Was mir gefällt ist, dass es keine dieser abgefuckten Hollywoodgeschichten ist, in denen mit viel Ironie und noch mehr Zynismus eine klassische Heldengeschichte auf den Kopf gestellt wird – das ist ja dieses ganze nervige Antihelden-Helden-Kino, das in den aktuellen Blockbustern abgefeiert wird.

Jonah ist einfach ein Mensch, der versucht, das Beste aus einer Situation zu machen, in die man besser nicht geraten will – die man aber doch wieder erkennt: Die allermeisten von uns müssen mit einem Job klar kommen, den sie eigentlich gar nicht machen wollen, aber machen müssen, weil auf allem, was man zum Leben braucht, ein verdammtes Preisschild klebt. Und das ist ja noch die freundliche Variante, die das Arschloch von Schicksal bereit hält – Jonahs Alter Ego auf hoher See würde wahrscheinlich nur zu gern mit Jonah und seinen Nachtschichten tauschen, wenn er nur die Gelegenheit dazu hätte.

Aber dann schlägt diese Bitch von Schicksal Jonah doch wieder dermaßen, dass vielleicht der mexikanische Seemann doch noch besser dran ist – mir fällt da spontan die Geschichte von diesem Rabbi ein, der über Land wanderte und bei einem freundlichen Bauern-Pärchen einkehrte. Die Bauersleute bewirteten ihn gut, aber am nächsten morgen lag ihre beste Kuh tot im Stall. Und als der Bauer fragte, womit er das verdient hätte, wo er doch die Regeln der Gastfreundschaft so vorbildlich eingehalten hätte, gab ihm der Rebbe die Antwort, dass eigentlich beschieden war, dass seine Frau hätte sterben sollen. Aber weil sie so gut zu dem Fremden gewesen waren, hätte es nur die Kuh getroffen. busters-mal-heart-movie-trailer-images-stills-rami-malek4

Diese Geschichte habe ich immer gehasst, genau wie das Buch Hiob und alle diese anderen üblen Geschichten aus der Bibel, in denen es darum geht, wie Gott uns Menschen prüft. Was für ein grausames, zynisches Arschloch. Das Leben ist unendlich beschissen. Aber wir haben nur dieses eine, beschissene Leben, insofern lohnt es sich daran festzuhalten und zu versuchen, auf dieser Erde das Beste draus zu machen. Auch wenn man keine Ahnung hat, wie man das anstellen soll.

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Erzählung oder Leben: The OA

Normalerweise veranstaltet Netflix um neue Serien immer ein ziemliches Brimborium – bei The OA hingegen gab es nur wenige Tage vor dem tatsächlichen Start eine schlichte Ankündigung. Was eine ziemlich gute Idee war: Je weniger man über diese Serie weiß, desto eher kann man sich darauf einlassen. Auch wenn ich das jetzt durch meinen dringend notwendigen Jahresend-Urlaub mit einiger Verspätung getan habe.

The OA ist endlich genau das, worauf ich in der Serien-Saison 2016 sehnlichst gewartet habe – eine neue Serie nämlich, die nicht so ist wie irgendeine andere, die man schon kennt, nur eben neu erzählt. Und obwohl The OA eindeutig eine Mystery-Serie ist, also in einem Genre angesiedelt, in dem ich sonst nicht zuhause bin – Stranger Things beispielsweise ist überhaupt nicht mein Ding – fand ich The OA dann doch so spannend, dass ich bis zum Ende der Geschichte dabei bleiben musste – was sich absolut gelohnt hat.

The OA - Bild: Netflix

The OA – Bild: Netflix

Die Geschichte der Prairie Johnson (Brit Marling), einer jungen Frau, die sieben Jahre nach ihrem rätselhaften Verschwinden wieder auftaucht und sich sehr merkwürdig benimmt, ist ein Produkt des Independent-Gespanns Brit Marling und Zat Batmanglij, die unter anderem auch für den Ökothriller The East verantwortlich zeichnen. The East beispielsweise fand ich richtig gut, weshalb ich mich auch auf The OA eingelassen habe, obwohl ich durchaus ein Problem mit den Ausflügen ins Esoterische hatte – ich glaube definitiv nicht an Engel und auch nicht an ein Leben nach dem Tod. Schon gar nicht in dem Sinne, dass wir im Jenseits mit dem Einzug ins Paradis belohnt werden, wenn wir das Jammertal des irdischen Lebens klaglos und demütig durchschritten haben. Oder eben in der Hölle landen, wenn wir nicht brav gewesen sind. Dann doch lieber reales Opium. Aber dass es Dimensionen jenseits von Zeit und Raum gibt, halte ich für erwiesen, und auch, dass Menschen in der Regel ziemlich blöd sind, insbesondere, wenn es darum geht, Dinge zu akzeptieren, die sie aus welchen Gründen auch immer nicht mögen. Ich schließe mich da nicht aus.

In The OA also geht es um grundlegende Fragen der menschlichen Existenz: Wo liegt die Grenze zwischen Leben und Tod? Was darf Wissenschaft? Was ist der Sinn des Lebens bzw. dessen, was Menschen erleiden? Gleichzeitig werden aber auch die typisch menschlichen Schwächen und Stärken betrachtet: Der Wunsch, geliebt zu werden, Missgunst und Eifersucht, das Bestreben, dem eigenen Leben einen Sinn zu geben, sich einem höheren Ziel zu verschreiben, sich abzugrenzen, unbedingt dazu gehören zu wollen – die Gemeinschaft und die Notwendigkeit gemeinschaftlichen Handelns sind ebenfalls wichtige Aspekte der Geschichte, die, das fällt mir gerade auf, eine ganze Reihe schräger Außenseiter versammelt, die alle mehr oder weniger verzweifelt versuchen, ihren Platz dieser Welt zu finden, was ihnen nicht leicht gemacht wird. Aber diese Welt und das Leben darin ist halt kein Ponyhof. Was einerseits eine Binsenweisheit ist, andererseits aber genau die tägliche Herausforderung, der sich jeder Mensch immer wieder zu stellen hat.

Es gibt schon gewisse Parallelen zu Mr. Robot – die zweifelsohne mit besonderen Begabungen ausgestattete Hauptperson, ist auch hier im wörtlichen Sinne die Erzählerin der Serie, nur dass sie nicht wie Elliot aus dem Off erzählt, sondern eine Gruppe zufällig zusammengewürfelter Typen um sich versammelt, denen sie ihre Geschichte erzählt und sie damit für ihre eigentliche Mission rekrutiert, von der allerdings nicht klar ist, worin sie tatsächlich bestehen wird. Wobei, in gewisser Weise gibt es gleich zwei Varianten von fsociety: Einerseits die vom besessenen Forscher Dr. Hunter Hap (Jason Isaacs) entführten und jahrelang gefangen gehaltenen Versuchspersonen für seine Nahtod-Forschung, die Prairie überzeugt, dass sie nur gemeinsam entkommen können, andererseits die Freiwilligen, die Steve anschleppt, um seinen Teil einer Abmahnung zu erfüllen. Die dann aber tatsächlich freiwillig zu den Sessions mit The OA kommen, wie Prairie, die eigentlich Nina heißt, sich selbst bezeichnet.

Sie haben sehr unterschiedliche Motive, da ist Steve, der ein guter Sportler ist, sich aber nicht beherrschen kann und wegen seiner gewalttätigen Übergriffe auf Mitschüler in ein Bootcamp geschickt werden soll, Jesse, über den leider gar nicht viel gesagt wird, außer, dass er eigentlich für alles zu klein ist, Alfonso aka French, formal ein Latino-Streber, der aber den Druck, sich um seine Familie zu kümmern und gleichzeitig ein Spitzenschüler zu sein, nur mit Drogen aushält, Buck Vu oder eigentlich Michelle, die viel lieber ein Junge wäre und Betty Broderick-Allen, Steves Klassenlehrerin, die sich nach einem Gespräch mit The OA, die Betty für Steves Stiefmutter hält, wieder daran erinnert, warum sie Lehrerin geworden ist. Sie alle sehnen sich danach, anerkannt zu werden und das Richtige zu tun. Und, so viel muss ich jetzt doch verraten, tun sie das letztlich auch, obwohl alles ganz anders kommt.

Denn mit der Zeit fragt man sich, ob Prairie einfach nur komplett durchgeknallt ist, und alles, was sie erzählt, nur erfindet, oder ob sie all das wirklich erlebt hat und deshalb ein bisschen verrückt ist, was durchaus zu verstehen wäre, bei all dem, was sie in den vergangenen Jahren durchgemacht haben muss. Letztlich ist das auch egal, mir hat die Serie insgesamt gut gefallen, weil sie eben nicht versucht, mit einem absurden Aufwand zu bestechen, was in anderen Fällen, etwa bei Westworld oder bei Sense8 dann auch wieder Spaß macht, sondern gerade auch als Kammerspiel durch die klaustrophobische Enge der Schauplätze – ein geheimes Labor in einer stillgelegten Mine, der Dachboden einer Bauruine in einem US-Vorort – beklemmende Intensität entwickelt.

Sense8 – Größenwahn á la Wachowski

Auf Netflix gibt es seit einigen Tagen mit Sense 8 wieder ein ambitioniertes Serien-Projekt im Angebot. Und obwohl Mystery-Serien eigentlich nicht mein Ding sind, musste ich doch gleich wieder die halbe Serie wegbingen, weil ich nach der etwas spröden Pilotfolge dann doch unbedingt wissen wollte, wie es weitergeht – und es wird mit jedem Teil besser!

Den Anfang fand ich schwer zu ertragen, ich hab das eigentlich nur ausgehalten, wie ich Daryl Hannah als Pris in Blade Runner so großartig fand: Allein das unvergessliche Waschbär-Makeup! In Sense8 spielt sie allerdings keinen übermenschlichen Roboter, sondern die metaphorische Übermutter Angel bzw. Angelique, über die die Sensates, also die Protagonisten der Serie, miteinander in Verbindung stehen. Sense8 beginnt quasi mit der Geburt der acht Sensates, danach jagt sich Angel eine Kugel in den Kopf und die eigentliche Geschichte beginnt – oder viel mehr acht Geschichten, die miteinander verwoben sind.

Sense8 - Angel (Daryl Hannah)

Sense8 – Angel (Daryl Hannah)


Hier zeichnet sich schon ab, dass es sich um ein ziemlich größenwahnsinniges Projekt handelt, was nicht verwundert, wenn man sich ansieht, wer dahinter steht: Die Matrix-Macher Lana und Andy Wachowski. Gemeinsam mit dem Drehbuchautor J. Michael Straczyinski und dem Regisseur Tom Tykwer, der auch für die Musik zuständig ist, haben sie eine Serie mit acht sehr unterschiedlichen Protagonisten entwickelt, deren Schicksal auf mysteriöse Weise miteinander verbunden ist, obwohl sie an ganz verschiedenen Orten auf der Welt leben und einander noch nie gesehen haben. Wer Cloud Atlas gesehen hat, weiß ungefähr Bescheid, nur dass die Geschichte von Cloud Atlas auch noch in unterschiedlichsten Zeitebenen spielt.

Sense8 spielt in der Gegenwart – aber es sind sehr verschiedene Welten, in denen die Hauptpersonen leben. Capheus Van Damme (Aml Ameen) schlägt sich in einem Vorort von Nairobi durch – Nairobery, sagt sein Kumpel, nach dem ihr Bus überfallen wurde. Capheus Leben ist von Armut und Gewalt geprägt, aber er ist ein freundlicher und optimistischer Mensch, der seiner kranken Mutter jeden Morgen versichert, dass dieser Tag ein guter Tag würde. Seinerseits tut er auch alles dafür, dass seine Tage gute Tage werden, aber er hat oft kein Glück.

Sense8 - Sun (Doona Bae) und Capheus (Aml Ameen)

Sense8 – Sun (Doona Bae) und Capheus (Aml Ameen)

Dann gibt es den guten Bullen Will (Brian J. Smith), einen Cop aus Chicago, der eines Tages einem schwarzen Gangsterkind das Leben rettet. Was seine Kollegen als Verrat empfinden: was, wenn der Kleine später einen von ihnen über den Haufen schießt? Weiterhin gibt es die Isländerin Riley (Tuppence Middleton), die sich in London als DJane durchschlägt und in eine hässlichen Drogengeschichte mit vielen Leichen verwickelt wird. Sie kehrt später nach Island zurück, wo sie sich den Schatten ihrer Vergangenheit stellen muss. Der professionelle Safeknacker Wolfgang (Max Riemelt) lebt in Berlin, gemeinsam mit seinem besten Freund Felix (Max Mauff) gelingt ihm der Coup seines Lebens: Sie klauen aus einem Safe, der als unknackbar gilt, eine Menge hochwertiger Diamanten. Natürlich kann das nicht gut ausgesehen: Felix wird niedergeschossen und Wolfgang gibt sich die Schuld daran.

Sense8 - Will (Brian J. Smith)

Sense8 – Will (Brian J. Smith)

Die Koreanerin Sun (Doona Bae) ist tagsüber Finanzchefin im Konzern ihres Vaters und tobt sich nachts als Kämpferin bei illegalen Fights aus, während ihr Bruder Firmengelder veruntreut und sich damit ein schönes Leben macht. Als die Sache eines Tages auffliegt, verlangen Vater und Bruder von ihr, dass sie die Schuld auf sich nimmt, um die Firma zu retten. Ihr Leben lang zu Gehorsam und Pflichtbewusstsein erzogen, tut Sun was von ihr verlangt wird und geht ins Gefängnis. Was sie dort erlebt, ist nicht, was sie erwartet hätte…

Ganz andere Probleme hat der Filmstar Lito (Miguel Angel Silvestre) aus Mexico City, der versucht, sich vor den Avancen einer sehr aufdringlichen Kollegin zu retten. Als sie eines Nachts vor seiner Tür steht, lässt er sie in die Wohnung – und sie findet heraus, dass Lito schwul ist und einen Freund hat, der auch sehr sexy ist. Lito ist die Sache furchtbar peinlich, aber seine Kollegin ist begeistert – sie steht auf schwulen Sex und sagt, ihr Traum sei in Erfüllungen gegangen. Aber natürlich nimmt das Drama damit erst seinen Anfang, denn ihr Ex ist ein eifersüchtiger Mafiaboss.

Sense8 - Lito (Miguel Angel Silvestre)

Sense8 – Lito (Miguel Angel Silvestre)

Über solche Probleme kann Nomi (Jamie Clayton), die in San Francisco lebt, nur müde lächeln – sie und ihre Freundin Amanita (Freema Agyeman) leben quasi von Pride-Parade zu Bride-Parade. Nomi war zuvor der Hacker Michael und hat nun als Frau endlich ihre Identität gefunden. Für ihre Mutter ist sie hingegen weiterhin der bedauernswerte Sohn Michael, der halt nicht ganz dicht ist. Als Nomi während der Parade ohnmächtig wird, greift die liebende und überaus besitzergreifende Mutter ein und lässt Nomi in eine Klinik bringen. Dort stellt sich heraus, dass mit ihrem Hirn etwas nicht stimmt – der Arzt schlägt eine Operation vor. Die Mutter fühlt sich bestätigt: Alles nur ein Fehler im Hirn, der durch die OP bestimmt repariert werden kann. Nomi hingegen ist klar, dass diese Operation nicht stattfinden darf. Sie bittet Amanita alles zu tun, um das zu verhindern – denn ihre Familie hat sie bereits faktisch entmündigt.

Sense8: Amanita (Fremd Agyeman) und Nomi (Jamie Clayton)

Sense8: Amanita (Freema Agyeman) und Nomi (Jamie Clayton)

Und dann gibt es noch die Inderin Kala (Tina Desai), die in Mumbai lebt. Sie hat ihren Traummann gefunden oder vielmehr: Der Traummann ihrer Freundinnen hat sich in die schöne Medienwissenschaftlerin verliebt. Kalas Eltern hatten zwar andere Vorstellungen, willigen aber ein, die Hochzeit auszurichten, weil sie ihrer geliebten Tochter eine Liebesheirat ermöglichen möchten. Das Problem ist nur: Kala liebt Rajan gar nicht.

Wir haben hier also eine Reihe von Menschen mit ihren persönlichen, für ihre Gesellschaft typischen Problemen, die allerdings eine Gemeinsamkeit haben: Sie alle erlebten die Vision einer Frau, die sich in einem herunter gekommenen Gebäude erschießt – wie Will herausfindet, handelt es sich um die Ruine einer Kirche in Chicago. Und allen Sensates erscheint früher oder später Jonas (Andrew Naveen, bekannt als Sayed aus Lost), quasi der dunkle Gegenpart zu Angel. Aber den betroffenen ist längst noch nicht klar, was mit ihnen passiert: Sie werten ihre ersten Erfahrungen als Sensates, also als Menschen, die Zugang zu den Gedanken, Gefühlen und Fähigkeiten der anderen Sensates ihrer „Familie“ haben, als Traum, Halluzination oder schlicht als Migräne.

Sense8 - Kala (Tim Desai)

Sense8 – Kala (Tim Desai)


Nach und nach bekommen sie aber heraus, dass mehr dahinter steckt – so kann Capheus sich dank Suns Kampfkunst gegen eine Räuberbande wehren, die ihm nicht nur das mühsam verdiente Geld, sondern auch die wertvollen Medikamente für seine an AIDS erkrankte Mutter wegnehmen wollen. Und Will kann auf Anweisung von Jonas Nomi bei ihrer Flucht aus dem Krankenhaus helfen, weil er als Kind gelernt hat, wie man Handschellen ohne Schlüssel öffnet. Der Berliner Gangster Wolfgang erscheint Kala auf ihrer Hochzeit und fragt, warum sie das tue – sie würde den Bräutigam doch gar nicht lieben. Daraufhin fällt die Braut in Ohnmacht und die Zeremonie muss abgebrochen werden. Außerdem zeichnet sich nach und nach ab, dass hinter diesen ganzen Geschichten noch eine weitere stecken muss, ein ganz großes Ding… doch dazu muss ich erst noch weiter kucken.

Sense8: Wolgang (Max Riemelt)

Sense8: Wolgang (Max Riemelt)

Ich kann mir vorstellen, dass Sense8 nicht jedermanns Sache ist, aber mir macht die Serie auf jeden Fall viel Spaß – vor allem, weil es Einblicke in so viele verschiedene Welten gibt: opulente Feste in Indien, die trostlose South Side von Chicago, wo man sich als weißer Bulle nur mit sehr guten Beziehungen zu lokalen schwarze Gangstern hinwagen darf, das regenbogenfarbene San Francisco, wo es abseits der Szene aber genauso kleingeistige Bürger gibt, wie überall sonst, Drogentristesse in einem stilvoll verranzten London, die Sonne Afrikas über so viel Elend und Kriminalität in Nairobi, dass man dem armen Capheus fast wünscht, dass er wenigstens in Chicago oder London gelandet wäre – nur ob er mit der Kälte dort klar kommen würde? – und, das muss ich bemängeln, ein sehr merkwürdiges Berlin, dass nur aus Luxusappartments, Szenekneipen und jüdischen Gedenkstätten zu bestehen scheint. Aber vielleicht liegt es daran, dass ich Berlin halt sehr viel besser kenne als die anderen Orte, nur von London und Chicago habe ich eigene Eindrücke.

Wie auch immer, mir gefällt Sense8 bisher sehr gut und ich hoffe, dass sich dieser Eindruck in den weiteren Teilen bestätigt.

Sense8: Jonas (Andrew Naveen)

Sense8: Jonas (Andrew Naveen)

Helix: Gepflegter Katastrophen-Grusel im ewigen Eis

Als großer Fan des Wissenschaftlerteams um Dr. David Sandström, das in der kanadischen Serie ReGenesis im Labor von NorBAC gegen gefährliche Seuchen, rätselhafte Krankheiten und mysteriöse Vorfälle alle Art zu kämpfen hatte, komme ich natürlich auch nicht an der aktuellen Science-Fiction-Serie Helix vorbei. Wobei mich ehrlich gesagt ein bisschen irritiert hat, dass ausgerechnet der engagierte Lokal-Politiker Darren Richmond aus The Killing jetzt Dr. David Sandström sein soll. Natürlich ist Billy Campbell als Dr. Alan Farragut total in Ordnung – aber Peter Outerbridge als Dr. David Sandström hat natürlich Maßstäbe gesetzt.

Wie ReGenesis überhaupt einige Maßstäbe gesetzt hat. Die Erstausstrahlung von ReGenesis in Kanada liegt mittlerweile fast 10 Jahre zurück, die Serie wurde als Cross-Platform-Project konzipiert, bei dem die Zuschauer per Internet und E-Mail eingebunden wurden – bereits bevor es die jetzt dominierenden sozialen Netzwerke Facebook oder Twitter gab. In Deutschland wurden allerdings nur die ersten beiden Staffeln auf arte ausgestrahlt, Staffel 3 und 4 haben es gar nicht erst bis ins deutsche Fernsehen geschafft.

Screenshot Regenesis - Dr. David Sandström (Peter Outerbridge)

Screenshot Regenesis – Dr. David Sandström (Peter Outerbridge)


Screenshot Regenesis - Dr. David Sandström (Peter Outerbridge)

Screenshot Regenesis – Dr. David Sandström (Peter Outerbridge)


Screenshot Regenesis - Lilith Sandström (Ellen Page)

Screenshot Regenesis – Lilith Sandström (Ellen Page)

Aber wie dem auch sei, wir sind jetzt bei Helix. Während ReGenesis noch weitgehend dem klassischen Serien-Schema folgte, dass es pro Folge einen verzwickten Fall gibt, den es zu lösen gilt – wobei es natürlich schon eine übergeordnete Handlung gibt, die sich durch die Staffeln zieht, schließlich hat Dr. Sandström auch private Probleme, unter anderem mit seiner pubertierenden Tochter (grandioses Debüt für Ellen Page als Lilith Sandström), ist Helix von vornherein als „Ein-Fall-Mehrteiler“ angelegt – hier geht es um einen sehr mysteriösen Fall, der sich über die komplette Staffel erstreckt. Allerdings geht es hier weniger um die Wissenschaft – ReGenesis war ja geradezu als Lehrstück über moderne Biowissenschaft angelegt und Dr. Sandström konnte den darin weniger bewanderten Figuren in der Serie (und damit den Zuschauern) seine neuesten Erkenntnisse immer sehr anschaulich mit einfachen Worten erklären.

Bei Helix wird viel weniger erklärt und dafür mehr gefragt – das Mystery-Element ist schon sehr dominant. Und natürlich gibt es auch jede Menge Suspense – für meinen Geschmack zu viel davon, denn wenn um jeden Preis Spannung erzeugt wird, dient das in der Regel nur dazu, inhaltliche Schwächen zu überspielen und genau das ist hier auch der Fall.

Screenhot Helix: Dr. Farragut (Bill Campbell) und Dr. Julia Walker (Kyra Zagorksy)

Screenhot Helix: Dr. Farragut (Bill Campbell) und Dr. Julia Walker (Kyra Zagorksy)

Andererseits ist es auch wieder egal, denn die meisten Serien-Seher sind weder Mediziner, noch Biowissenschaftler und interessieren sich ohnehin weniger für die wissenschaftlichen Finessen als für die handfeste Handlung, die alles in allem funktioniert – für das authentische Science-Fiction-Feeling sorgt der Umstand, dass das Team von Dr. Alan Farragut, der für die real existierenden Centers for Disease Control and Prevention (CDC) arbeitet, zu einer Forschungsstation in der Antarktis gerufen wird. Die Aufgaben der CDC entsprechen in etwa denen des deutschen Robert-Koch-Instituts, sie sind für den Schutz der öffentlichen Gesundheit zuständig – vor allem für die Seuchenbekämpfung.

Screenhot Helix: Dr. Farragut (Bill Campbell)

Screenhot Helix: Dr. Farragut (Bill Campbell)

Auf der Forschungsstation eines privaten Pharma-Konzerns gibt es einen Ausbruch einer unerklärlichen Seuche. Weil das US-Militär den Notruf aufgefangen hat, ist es mit an Bord, was noch zu interessanten Verwicklungen führen wird. Aber hauptsächlich ist das Team vom CDC gefordert. Es ist wie auf einem Raumschiff: Die Umwelt aus Eis und Dunkelheit ist extrem lebensfeindlich, keiner kann draußen länger überleben. Und konsequenterweise gibt es immer wieder Szenen, die einen an Klassiker wie Alien oder Solaris erinnern – das Team vom CDC weiß weder, womit es hier zu tun hat, noch kennt es sich auf der Station aus. Überall tauchen mysteriöse Hinweise auf, dass schreckliche Dinge geschehen sein müssen – und die Wissenschaftler der Station sind entweder krank und verzweifelt oder wenig kooperativ. Und manche sind auch beides.

Screenhot Helix: Ein infiziertes Versuchstier

Screenhot Helix: Ein infiziertes Versuchstier

Gemeinerweise ist die mysteriöse Infektion nicht nur ausgesprochen aggressiv – die Leichen einiger Opfer zerfallen atemberaubend schnell – sie macht in der Inkubationszeit seltsame Dinge mit den Infizierten. Diese halluzinieren lebhaft vor sich hin – und so gibt es immer wieder Sequenzen, die nur in der Vorstellung der jeweiligen Protagonisten statt finden – die Grenzen zwischen dem, was man glaubt zu sehen, und dem, was die Infizierten halluzinieren, verschwimmen. Aber in einer Umgebung, in der eh kaum etwas normal ist, wird es immer schwieriger, das Reale und die Halluzination zu unterscheiden. Insbesondere, wenn jeder danach trachtet, sich beweisen zu wollen, dass er nicht infiziert, sondern normal ist. Denn Dr. Farragut muss die schwere Entscheidung treffen, die Infizierten in einer lange nicht mehr benutzen Ebene der Station zu isolieren – wer dort mit den bereits Erkankten eingeschlossen wird, stirbt mit hoher Wahrscheinlichkeit, wenn es dem noch gesunden Team nicht gelingt, schnell ein Gegenmittel zu finden. Doch schon mit dem Test, ob jemand infiziert ist oder nicht, geht einiges schief. Und dann ist auch nicht klar, was der Stationsleiter Dr. Hatake eigentlich für ein Spiel spielt…

Screenhot Helix: Das CDC-Team rätselt

Screenhot Helix: Das CDC-Team rätselt


Das gefällt mir alles ziemlich gut, zumindest vom Konzept her. Die Umsetzung überzeugt mich nicht immer, aber noch bin ich nicht durch. Mal sehen, was diese Staffel noch an Überraschungen bereit hält. Für Freunde des gepflegten klaustrophobischen Katastrophen-Grusels ist diese Serie ein Muss.

Screenhot Helix: Kein Zweifel - hier muss etwas Schreckliches passiert sein...

Screenhot Helix: Kein Zweifel – hier muss etwas Schreckliches passiert sein…