Haus des Geldes: Fast perfektes Verbrechen

Nachdem ich eine längere Zeit nicht dazu gekommen bin, mich meinem Lieblingshobby zu widmen, sorgt die Corona-Krise für eine Art Neuanfang: Es gibt, sofern man in der glücklichen Lage ist, über Freizeit zu verfügen, ja nicht viel anderes zu tun, als fernzusehen. Und in Sachen Serien ist einiges passiert, so dass ich noch eine Weile damit beschäftigt sein werde, die wichtigsten Versäumnisse aufzuholen.

Der Professor und seine Gang: Nairobi, Stockholm, Palermo, Denver, Helsinki, Lissabon, Bogota, Marseille, Rio, Tokio Bild: Netflix via serienjunkies.de

Der Professor und seine Gang: Nairobi, Stockholm, Palermo, Denver, Helsinki, Lissabon, Bogota, Marseille, Rio, Tokio Bild: Netflix via serienjunkies.de

Heute möchte ich mit einem echten Serienknaller beginnen, auch wenn die Serie nicht ganz neu ist: Haus des Geldes oder Casa del Papel, eine spanische Serie über einen spektakulären Raub. Gestern startete eine neue Staffel auf Netflix – Netflix behauptet, es sei die vierte Staffel, streng genommen handelt es aber um den zweiten Teil der zweiten Staffel. Wie dem auch sei, es geht um einen perfekt durchgeplanten Coup. Das Verbrechen des Jahrhunderts, zumindest in Spanien.

Eine hochprofessionelle Bande krimineller Spezialisten dringt in die Spanische Münze ein und druckt dort nach akribischer Vorbereitung fast eine Milliarde Euro. Ein Teil des Geldes wird im Zuge der Flucht der Gangster ans Volk verteilt, denn der geniale Kopf hinter dem Coup, der Professor (Álvaro Morte), hat von Anfang an eingeplant, dass seine Aktion als eine Art Widerstandshandlung gegen die brutale Staatsgewalt gesehen wird. Obwohl die Verbrecher Geiseln nehmen und nicht alles nach Plan verläuft, werden die Kriminellen von vielen Menschen als Helden gefeiert. Denn die Staatsmacht spielt auch nicht nach fairen Regeln. Vor allem die auf Krisensituationen trainierte Verhandlerin der Polizei und der Geheimdienst geraten aneinander, wobei allerlei privater Dreck aufgerührt wird.

Auch auf der Seite der Kriminellen spielen unmögliche Beziehungen und unkontrollierbare Emotionen eine verhängnisvolle Rolle. Obwohl der Professor sich bei der Vorbereitung größte Mühe gegeben hat, private Beziehungen zwischen den Mitgliedern der Gang zu unterbinden, um den Coup nicht durch persönliche Gefühle oder Befindlichkeiten zu gefährden, bleibt nicht aus, dass sich einige der Gangmitglieder näher kommen und Loyalitätskonflikte und Rivalitäten die Folge sind. Verhindert werden sollte derartige Komplikationen eigentlich durch die konsequent genutzte Tarnidentitäten, die Verbrecher werden nach Großstädten benannt, Tokio, Berlin, Moskau, Nairobi, Rio, Helsinki, Oslo und Denver. Es stellt sich heraus, dass sich der persönliche Hintergrund der Gangmitglieder nicht dauerhaft ausblenden lässt, je mehr Zeit sie miteinander verbringen, desto mehr erfahren sie übereinander, ob sie wollen oder nicht. 

Dazu kommt, dass selbst der Professor seine Emotionen nicht unter Kontrolle hat, er verliebt sich ausgerechnet in die Polizistin, die ihn zur Aufgabe bringen soll, während sich eine der Geiseln ausgerechnet zu dem hitzköpfigen Denver hingezogen fühlt. So kommen noch Stockholm und Lissabon ins Team. In den weiteren Staffeln stoßen weitere Schwergewichte wie Palermo, Bogota oder Marseille dazu, dafür gibt es auch herzzerreißende Verluste zu beklagen. Okay, so beim Aufschreiben klingt das alles reichlich klischeegeladen und überkonstruiert, aber die Serie ist so intensiv und spannend gemacht, dass man einfach dabei bleiben muss. Für mich ist Haus des Geldes eine der besten Verbrechensserien, die es derzeit auf Netflix gibt. 

Wir sind keine Welle

Inzwischen gibt es neue deutsche Serien auf Netflix, aber ich muss leider feststellen, dass ich mit diesen Serien genau die Probleme habe, die ich prinzipiell mit deutschen Serien im „normalen“ deutschen Fernsehen habe. Das bedeutet, dass es offenbar doch nicht am übermäßig Proporz-orientierten öffentlich-rechtlichen Rundfunk liegt, der es immer möglichst allen recht machen will, und auch nicht an den immer auf die Quote schielenden Privatsendern, die mit reißerischen Projekten auf bestimmte Zielgruppen aus sind. Und es ist ja nicht so, dass es überhaupt keine guten deutschen Serien gibt, spontan fallen mir 4 Blocks und Das Institut ein, aber das ist sehr wenig, gemessen am sonstigen Output von leider nicht besonders guten Serien.

Das muss ich nun leider auch für Netflix konstatieren, Netflix haut eine Menge neuer Serien raus, leider sind viele davon ziemlich mittelmäßig, und das gilt leider auch für die Netflix-Neuheiten aus Deutschland. Klar kommt es auch bei Netflix am Ende darauf an, wie gut die Serien ankommen, sprich, wie viele Abrufe es gibt – und ein bisschen auch, wie die Kritiken ausfallen. Aber ich hätte schon erwartet, dass es auf dieser vom deutschen Fernsehen und vom deutschen Mainstream unabhängigen Plattform mehr künstlerische Experimente und weniger deutsch-typischen Serien-Holzhammer gibt.

Wir sind die Welle: Tristan (Ludwig Simon),Zazie (Michelle Barthel), Hagen (Daniel Friedl), Lea (Luise Befort) und Rahim (Mohamed Issa). Bild: Netflix

Wir sind die Welle: Tristan (Ludwig Simon),Zazie (Michelle Barthel), Hagen (Daniel Friedl), Lea (Luise Befort) und Rahim (Mohamed Issa). Bild: Netflix

Immerhin gibt es auch hier (sehr wenige) Ausnahmen, Dark und How To Sell Drugs Online (Fast) fand ich durchaus okay, HTSDOF ist sogar ziemlich witzig. Dark hingegen bietet für meinen Geschmack viel zu viel Mindfuck, aber offenbar kommt genau diese Art von metaphysischer Feinmechanik im Ausland gut an, gerade weil das so herrlich deutsch ist. Dogs of Berlin ist einfach Trash-TV, aber als solches schon wieder gut. Skylines ist so ähnlich, aber mit Musik statt Fußball und statt einem dunklen, bösen Berlin gibt es ein dunkles, böses Frankfurt. Hat mir alles in allem aber besser gefallen als Dogs of Berlin, weil nicht ganz so klischeehaft überzeichnet.

Nun also Wir sind die Welle, ein sehr deutscher Sechsteiler über eine Handvoll Außenseiter, die ihre Mitmenschen mit zunehmend spektakulären Aktionen zum Nachdenken bringen wollen. Mit dem Roman Die Welle von Morton Rhue hat die Serie eigentlich nicht mehr viel zu tun, hier geht es im Gegenteil eher darum, wie Jugendliche gegen gesellschaftliche Missstände, aber auch gegen ihre Fascho-Mitschüler, rebellieren. Für mich sieht Wir sind die Welle wie ein nicht so richtig gelungenes Remake des Films The East aus. In The East geht eine geheimbündlerisch organisierte Gruppe von Ökoterroristen gegen Pharmakonzerne vor, um deren Chefs für die von ihnen verursachten Gesundheits- und Ökoschäden zu bestrafen.

Ähnliches treibt auch den harten Kern der Welle um, vor allem Hagen (Daniel Friedl), der Sohn von Ökobauern, deren Betrieb durch einen der großen Arbeitgeber vor Ort ruiniert wurde, will ein Zeichen setzen. Hilfe bekommt der dickliche Außenseiter von anderen Außenseitern, etwa Rahim (Mohamed Issa), der als Ausländer gemobbt wird und dem Mauerblümchen Zazie (Michelle Barthel). Der ebenso angstfreie wie charismatische neue Mitschüler Tristan (Ludwig Simon) sammelt ganz gezielt die Loser um sich, die mit seiner Hilfe plötzlich über sich hinaus wachsen und zur Welle werden. Nur Lea (Louise Beford), die tennisspielende höhere Tochter fällt aus dem Rahmen, bei ihr ist es eher der Überdruss am Überfluss, der in ihr die Lust am Protest als Lifestyle weckt. Was ja auch keine neue Sache ist, von den Mitgliedern der RAF kamen ja auch viele aus dem Bildungsbürgertum und nicht aus der Arbeiterschicht. Wobei nein, linke Gewalt oder gar Linksextremismus wird hier keinesfalls verherrlicht. Dafür sind die jungen Leute bei der Welle viel zu unpolitisch. Höchstens Tristan, der Diplomatensohn, der arabisch spricht und offenbar viel gelesen hat, sympathisiert (ich würde eher sagen kokettiert) mit extremen Ideen aus dem linken Spektrum. Bei den anderen geht es um ihre persönliche Betroffenheit, auch bei Lea, die von ihrer Mutter ordentlich den Kopf gewaschen kriegt, als sie ihre Luxusklamotten aus einer Laune heraus spenden will.

Denn so sehr ich mich darüber gefreut habe, dass es jetzt quasi eine Serie zum FridaysForFuture-Feeling gibt, so enttäuscht war ich, dass die Serie eben keine „erfrischend politische Mainstream-Produktion“ ist, wie der Deutschlandfunk fand. Also Mainstream-Produktion schon, aber nicht erfrischend politisch. Und leider sind die Charaktere durchgehend wandelnde Klischees, von denen einige eine nicht weniger klischeehafte Entwicklung erfahren. Hier hätten mehr Tiefgang und weniger didaktisch gutgemeinter Holzhammer sicher viel bewirken können.

Was die Politik angeht und die persönlichen Konsequenzen, bleibt alles reiner Aktionismus. Während die Aktivisten in The East sich auch in ihrem Alltag in radikalem Verzicht üben, sie leben spartanisch auf einer verlassenen Farm, containern Lebensmittel und benutzen moderne Technik nur für ihre Aktionen, ändern die Jugendlichen in der neuen Serie auch, nachdem die Welle sie erfasst hat, keineswegs ihren Lebensstil. Ja, sie kritisieren Umweltverschmutzung, ja, ihre Aktionen werden radikaler, und es werden immer neue Grenzen überschritten, den Aspekt fand ich gut. Und ich gönne Hagen, Zazie und Rahim, dass sie dank ihrer Selbstermächtigung zumindest eine Weile mehr Spaß am Leben haben. Wobei das FFF ganz gut abbildet, so traurig das auch ist: Die Jugend sagt den Alten mal, wie frustrierend dieses ganze Scheißleben in dieser Scheißwelt ist, die andere für uns eingerichtet haben. Und der ganze Protest wird dann auch mal im Fernsehen gezeigt und gut is‘.

Denn um wirklich etwas zu ändern, braucht es eben mehr als verständlichen, aber wohlfeilen Protest. Selbst wenn der in einzelnen Aktionen auch mal total radikal wird. Denn es ist ja nicht so, dass die Leute nur unter einem Mangel an Information leiden. Jeder und jede, die es wissen will, weiß, dass Industrieabfälle die Umwelt vergiften, Plastikmüll das Leben erstickt, die Überproduktion von allem Ressourcen verschleudert, die eigentlich für das Überleben der Menschheit gebraucht würden, deutsche (und anderer Herstellerländer) Waffen in aller Welt nicht unbedingt Frieden schaffen, Rassisten Arschlöcher sind und Neonazis dumm. Dafür haben wir keine weitere Serie gebraucht.

Denn um eine Idee zu entwickeln, was nach dem Protest kommen könnte, bräuchte es wirklich mal erfrischend politische Diskussionen, in denen über den Tellerrand des Mainstreams hinaus geschaut wird. Mir ist klar, dass keine Serie der Welt das leisten kann. Aber ich würde mich sehr freuen, wenn es wenigstens mal versucht würde: Angenommen, wir hören auf euch, liebe jugendliche Protestierer, wie sähe denn eure Welt aus? Verzichtet ihr auf das neue Handy, fahrt ihr mit dem Rad, statt euch von Mama mit dem Auto abholen zu lassen, bringt ihr Papa veganen Lebensstil bei?

Okay, das könnte jetzt als Jugendbashing missverstanden werden. Ich meine es aber ernst: Ich bin durchaus der Meinung, dass man gegen so ziemlich alles, was in dieser Welt gerade stattfindet, ganz entschieden protestieren muss. Weil es so nicht weiter gehen kann. Und jetzt wünsche ich mir eine Serie, die eine Utopie entwickelt. Ist doch egal, ob realistisch oder nicht. In einem fiktionalem Medium sollte man doch noch träumen dürfen. Aber das ist vielleicht ein Symptom dieser Zeit: Es gibt keine Zukunft mehr. Und schon gar keine bessere.

Opfer Nummer Acht

Den schönen warmen Sommer über gab es genügend andere Dinge zu tun, als Serien zu sehen. Doch nachdem das Wetter nach dem letzten heißen Wochenende plötzlich wieder normal geworden ist, gab es einige kühle Abende, so dass ich mich tatsächlich nach einer neuen Serie umgesehen habe. Und ich fand La victima número 8, einen spanischen Achtteiler, den es auf Netflix zu sehen gibt. Ausschlaggebend für meine Wahl war unter anderem, dass die Serie in Bilbao spielt. Da wollte ich schon immer einmal hin. Die Handlung greift die Terroranschläge in Nizza, Berlin und Barcelona auf, bei denen islamistische Attentäter mit Lastwagen zahlreiche Menschen töteten und verletzten. 

In der Serie fährt ein angeblich islamistischer Attentäter mit einem Kleinbus in eine Menschenmenge vor einem bekannten Café in Bilbao. Acht Menschen sterben, darunter auch Gorka Azkárate, der Erbe des Großunternehmers José Maria Azkárate (Alfonso Torrègrosa). Der Täter ist angeblich Omar Jamal Salama (César Mateo), ältester Sohn einer in Bilbao hervorragend integrierten arabischen Familie. Ausgerechnet an dem Abend, an dem seine Freundin Edurne (Maria de Nati)  Omar ihren Eltern vorstellen wollte, kommt er nicht. Das Essen wird kalt, die Eltern ungeduldig, Edurne kann ihren Freund per Handy nicht erreichen. Dann die schreckliche Nachricht im Fernsehen: Es hat einen Anschlag gegeben. Und Omar soll der Täter sein.

La victima número 8 Bild: Telemadrid

La victima número 8 Bild: Telemadrid

Edurne, ein anständiges Mädchen aus gutem Haus, die als Krankenschwester in einer Klinik arbeitet, ist fest von der Unschuld ihres Freundes überzeugt. Genau wie Omars Mutter Adila Salama (Farah Amed). Sie werden beide hart auf die Probe gestellt.

Ja, ich weiß, ich spoilere zu viel. Aber in diesem Fall geht es nicht anders. Denn selbstverständlich handelt es sich bei der schrecklichen Tat nicht um einen weiteren Terroranschlag, sondern um einen gut getarnten Mord, an dessen Vertuschung ein wichtiger Teil der zuständigen Polizeieinheit beteiligt ist. Es geht also nicht um Terrorismus, sondern um Korruption.

Und um problematische Familienverhältnisse in höchsten Kreisen der Bilbao-Society: Der jüngere Sohn Gaizka Azkárate stand immer im Schatten seines großen Bruders Gorka. Aber Gaizka gefällt sich nicht in der Rolle des unfähigen zweiten Sohnes, er ist eifersüchtig auf so ziemlich alles, was der erfolgreiche Gorka hatte: Die Liebe des Vaters, die Achtung der Leute in der Firma und nicht zuletzt die schöne Almundena (Lisi Linder), Gorkas Frau. Gaizka nutzt die guten Verbindungen, die er als Sproß einer einfluss- und auch sonst sehr reichen Familie hat, um seinen Bruder aus dem Weg zu räumen. Gorka ist das Opfer Nr. 8 jenes Anschlags, den Gaizka hat inszenieren lassen.

Alles in allem also eine ziemlich kranke Geschichte, die leider gar nicht so weit hergeholt ist: Immer wieder in der Geschichte haben mächtige Leute zahlreiche Untertanen geopfert, um ihre Interessen durchzusetzen. Über die anderen sieben Opfer erfahren wir wenig bis gar nichts. Aber die Serie folgt dem eigentlichen Opfer Omar und seiner Familie. Und der ebenso eigensinnigen wie hochschwangeren Ermittlerin Koro Olaegi (Verónika Moral), die von Anfang an ahnt, dass an diesem Fall irgendetwas nicht stimmt, aber von interessierter Stelle immer wieder sabotiert wird. Denn das Kind, das sie erwartet, ist ausgerechnet von Gorka, mit dem sie eine Affäre hatte. Allerdings war die vorbei, als Koro beschloss, das Kind zu behalten. 

Ihr Gegenspieler im Polizeiapparat ist Gorostiza (Óscar Zafra), der den Anschlag mit seinen Leuten inszeniert hat. Gorostiza versucht, Olaegi kaltzustellen, was ihm zumindest teilweise immer wieder gelingt. Aber Olaegi ist beharrlich und schlau, sie erinnert mich mit ihrer todesverachtenden Sturheit an die legendäre Kommissarin Lund. Und dann gibt es noch den abgehalfterten Journalisten Juan Echevarría genannt  „Eche“ (Marcia Alvarez), der Edurne aus der Klinik kennt, wohin Eche regelmäßig zur Dialyse muss. Eche wittert eine gute Story, mit der er wieder groß heraus kommen kann und schafft es, Edurnes Vertrauen zu gewinnen: Er will ihr helfen, die Unschuld ihres Freundes zu beweisen. Eche weiß im Gegensatz zu Edurne, dass sie sich mit sehr mächtigen und einflussreichen Gegnern anlegen.

Währenddessen steht Omars Familie unter dem Verdacht, einen islamistischen Terroristen groß gezogen zu haben und wird mit dem entsprechendem Volkszorn überzogen. Nur die alte Dame Maria (Itziar Aizpuru), bei der Omars Mutter Adila als Altenpflegerin arbeitet, lässt sich davon nicht aus der Ruhe bringen. Sie schätzt Alida sehr und besteht gegen den Willen ihrer Kinder darauf, weiterhin von Adila betreut zu werden. Ihr tut auch Adilas kleinster Sohn leid, der nun von Mitschülern und vor allem deren Eltern ausgegrenzt und angefeindet wird. Ob und was die Familie überhaupt mit dem schrecklichen Anschlag zu tun haben könnte, spielt im Zeitalter der öffentlichen Social-Media-Pranger letztlich keine Rolle. 

Mir hat an der Serie gefallen, dass dieser Aspekt gezeigt wird. Auch wenn es in der Geschichte insgesamt einige größere Logiklöcher gibt und mir die Familieneifersüchteleien im Azkárate-Clan auf die Nerven gehen (ich mochte auch schon Dallas und den Denver-Clan nicht, weil ich dick aufgetragene Reiche-Familien-Geschichten blöd finde) fand ich La victima número 8, dann doch spannend und interessant genug, um bis zum Schluss dabei zu bleiben. 

Dark: Zeit ist nur eine Illusion

Als die erste für Netflix produzierte deutsche Serie Dark Ende 2017 erschien, war ich ziemlich enttäuscht. Ich hatte so etwas wie Who Am I erwartet, jenem Hacker-Film von Baran bo Odar, der eine Art Vorläufer für die Ausnahmeserie Mr. Robot von Sam Esmail war. Oder eine vielschichtige Krimiserie wie The Killing. Aber Dark war etwas ganz anderes. Eine sehr deutsche Serie, die in der zwar fiktiven, aber eben auch sehr deutschen Kleinstadt Winden spielt. Und noch schlimmer: Dark war weder eine Krimi-, noch eine Hackerserie, sondern ein Mysterydrama. Und Mystery ist einfach nicht mein Ding. 

Ich habe mir Dark dann aber trotzdem angesehen, weil es schon gut gemacht ist, es gibt stimmungsvolle Bilder von deutschen Waldlandschaften, ein imposantes Kernkraftwerk und auch mit der sonstigen Ausstattung haben sich die Serienmacher große Mühe geben. Und irgendwie ist es auch eine Familienserie, es geht um das Schicksal von vier Familien, die in Winden leben: Die Dopplers, die Nielsens, die Kahnwalds und die Tiedemanns. Sie alle haben ihre Geheimnisse und pflegen die üblichen Lebenslügen. Die Handlung setzt am 21. Juni 2019 mit dem Selbstmord von Michael Kahnwald (Sebastian Rudolph) ein, der einen Brief hinterlässt, der nicht vor den 4. November um 22:13 geöffnet werden soll. Und es verschwinden Kinder. Im Jahr 2019 ist es Erik Obendorf, der vermisst wird.

Poster Netflix-Serie Dark

Poster Netflix-Serie Dark Bild: Netflix

Charlotte Doppler (Karoline Eichhorn) und Ulrich Nielsen (Oliver Masucci) von der örtlichen Polizeieinheit nehmen die Ermittlungen auf. Ulrich Nielsen ist Mikkels Vater, dem kleinen Bruder von Magnus und Martha, der als nächstes verschwindet. Mikkel war mit einer Gruppe Jugendlicher aus dem Ort unterwegs, die nach dem Drogenversteck gesucht hat, das Erik angeblich angelegt hat. Sie suchen in den Windener Höhlen, die eine zentrale Rolle in der Serie spielen.

Das weit verzweigte Höhlensystem birgt allerlei Geheimnisse und soll sogar bis unter das Gelände des Kernkraftwerks reichen, das für den ansonsten unspektakulären Ort der wichtigste Wirtschaftsfaktor ist. Nun ja, geologisch wirft das durchaus Fragen auf, aber Kernkraftwerke wurden auch in Deutschland nicht unbedingt an den dafür geeignetsten Standorten gebaut, sondern dort, wo der Widerstand in der Bevölkerung nicht unüberwindbar hoch war, insofern geht das schon klar. Das Atomkraftwerk spielt in der Serie durchaus eine Rolle, aber eher als geheimnisvoller Ort, an dem rätselhafte Dinge passieren, es geht in der Serie schließlich nicht um das Protokoll einer Atomkatastrophe, sondern um Zeitreisen.

Bei der Suchaktion der Polizei wird die Leiche eines Jungen gefunden, der am Kopf merkwürdige Verbrennungen hat. Es handelt sich allerdings weder um Erik, noch um Mikkel. Die Nervosität in Winden steigt, die Leute sind verunsichert und bekommen Angst. Mikkel hingegen taucht wieder auf und geht nach Hause, dort wohnen allerdings Menschen, denen er noch nie begegnet ist. Mikkel ist im Jahr 1986 gelandet. Danach springt die Handlung zwischen den Jahren 2019 und 1986 hin und her, wir erleben, wie Mikkel im Jahr 1986 fest hängt, während in Winden ein weiterer Junge verschwindet. Michael Kahnwalds Sohn Jonas (Louis Hofmann) bekommt von einem rätselhaften Fremden ein Paket, in dem neben einer coolen Lampe und einem Geigerzähler auch der verloren geglaubte Abschiedsbrief seines Vaters ist. Jonas erfährt, dass sein Vater Michael der kleine Mikkel Nielsen aus dem Jahr 1986 ist, der von Ines Kahnwald aufgezogen wurde. Anhand einer Karte der Windener Höhlen, die Jonas im Atelier seines Vaters gefunden hat, findet er den Durchgang, der die Zeitreisen ermöglicht.

Es kriselt in sämtlichen betroffenen Familien, die irgendwie mit dem Verschwinden ihrer Kinder und Geschwister klar kommen müssen. Da ist beispielsweise Ulrich Nielsen, dessen jüngerer Bruder Mads im Jahr 1986 verschwunden ist. Als sein Sohn Mikkel verschwindet, scheint sich alles zu wiederholen. Charlotte muss ihn schließlich wegen Befangenheit von dem aktuellen Vermissten-Fall abziehen. Aber Ulrich ermittelt auf eigene Faust weiter. Er findet heraus, dass die Kinderleiche, die gefunden wurde, sein Bruder Mads sein muss.

Aufgrund von Notizen in alten Polizeiakten verdächtigt Ulrich den inzwischen dementen Helge Doppler, etwas mit dem Verschwinden von Mads und Mikkel zu tun zu haben. Ulrich folgt Helge, als der aus dem Heim verschwindet und sich zu den Windener Höhlen aufmacht und findet auf diese Weise heraus, wo der Durchgang für die Zeitreisen ist. Allerdings landet Ulrich im Jahr 1953. Dort trifft er tatsächlich auf den kleinen Helge und versucht, ihn zu erschlagen, um zu verhindern, dass er als Erwachsener Mads und Mikkel ermorden kann, was er nicht getan hat, aber Ulrich ist davon überzeugt. Helge überlebt allerdings, auch wenn er für den erst seines Lebens von den schweren Kopfverletzungen gezeichnet bleibt.

Bevor Ulrich zurück in seine Zeit reisen kann, wird der vom jungen Polizist Egon Tiedemann aufgegriffen und verhaftet. Kurz zuvor wurden die Leichen von Erik Obendorf und Yasin Friese auf der Baustelle des künftigen Atomkraftwerks gefunden. Die Polizei kann sich keinen rechten Reim auf die merkwürdige Kleidung der Kinder machen, aber sie sind tot und der blutbeschmierte Ulrich ist mehr als verdächtig. Ulrich wird als verrückter Kindermörder für den Rest seines Lebens eingesperrt.

Am Ende der ersten Staffel landet Jonas in einer düsteren Zukunft, um das offensichtlich zerstörte Atomkraftwerk wurde eine Sperrzone errichtet. Jonas wird von einer Gruppe zerlumpter, bewaffneter Gestalten gefangen genommen, die junge Anführerin schlägt ihn mit den Worten „Willkommen in der Zukunft“ ohnmächtig.

In der zweiten Staffel wird die Figur von Jonas noch wichtiger, er glaubt, dass er derjenige ist, der alles, was durch die Fehler in der Zeit schief gegangen ist, wieder in Ordnung bringen kann. Er ist allerdings nicht der einzige, der alte Fehler ausbügeln will. So kommen Egon Jahrzehnte später (also 1986) Zweifel, ob er damals richtig gehandelt hat. Seine überaus intelligente Tochter Claudia (Julika Jenkins) ist die inzwischen erste Chefin eines Atomkraftwerks in Deutschland, worauf Egon sehr stolz ist, auch wenn das Verhältnis zu seiner Tochter und seiner Enkelin Regina sonst eher kühl ist. Egon will, bevor er in Rente geht, das Verschwinden von Mads Nielsen aufklären und erinnert sich an den Fall von 1953.

Claudia hingegen verschwindet in gewisser Weise ebenfalls, sie streift als Zeitreisende durch die Epochen. Sie hat sich zur Aufgabe gemacht, die Sic-Mundus-Organisation zu bekämpfen, ein Geheimbund von Zeitreisenden, den es bereits seit 1921 gibt. Claudia lässt auch die Zeitmaschine bauen, sie bringt dem Uhrmacher H. G. Tannhaus im Jahr 1953 die Pläne für eine komplizierte mechanische Maschine, die erst 33 Jahre später fertig sein wird. Die Zeitmaschine wird mit Cäsium-137 betrieben. Cäsium ist das Element, dessen Frequenz für die Atomuhren genutzt wird, mit denen die gültige Weltzeit bestimmt wird. Als Chefin eines Kernkraftwerks kommt sie natürlich an eine solche Substanz, die bei der Kernspaltung entsteht.

Gleich am ersten Tag als Nachfolgerin des bisherigen Chefs des Windener Atomkraftwerks, Bernd Doppler, dem Vater von Helge Doppler, hat sie herausbekommen, dass kurz zuvor ein atomarer Störfall vertuscht wurde. Claudia will damit an die Öffentlichkeit, lässt sich aber vom alten Doppler überzeugen, dass ein Aus für das AKW den wirtschaftlichen Niedergang für die ganze Region bedeuten würde. Als es einen weiteren Zwischenfall gibt, wertet Claudia die Daten aus und entdeckt darin den Nachweis für die Existenz des so genannten Gottesteilchens, des Higgs-Bosons. Leider kann sie diese sensationelle Entdeckung nicht veröffentlichen, ohne die Störfälle bekannt zu machen. Also hält sie ihre Entdeckung geheim, stellt aber weitere Nachforschungen an. Sie will ihre Erkenntnisse ebenfalls dazu nutzen, um die Dinge in Winden wieder in Ordnung zu bringen. Mit ihren älteren Ich nimmt sie in unterschiedlichen Zeiten zu verschiedenen Windenern Kontakt auf, um ihr Wissen mit ihnen zu teilen, damit sie in ihrer jeweiligen Zukunft richtig handeln können. Allerdings muss sie dabei erkennen, dass sie dadurch genau die Ereignisse erst verursacht, die sie eigentlich verhindern wollte.

Es bleibt nicht aus, dass immer mehr Menschen in Winden von der Existenz der Zeitreisen und der Zeitmaschine erfahren. Das macht die Sache aber noch viel komplizierter, weil es immer mehr Interaktionen in den unterschiedlichen Zeitebenen gibt, die wiederum Konsequenzen auf das künftige Leben aller anderen haben können. Wer auf derartige Mindfuck-Geschichten steht, kann mit Dark ziemlich glücklich werden. Ich liebte in den 80ern Zurück in die Zukunft, allerdings war gerade der erste Film der Trilogie sehr viel lustiger als Dark. Das ist auch eins der Probleme dieser Serie, die sich überaus philosophisch und total ernst gemeint gibt und deshalb leider vollkommen humorfrei ist. Ab und zu mal ein Augenzwinker-Moment und dafür weniger schwülstiges Geschwurbel aus dem Off, und Dark wäre eine richtig gute Serie geworden, der man das eine oder andere schwarze Logik-Loch verzeihen kann, weil sie wenigstens gut unterhält. So macht es Dark einem aber schwerer als nötig, den ganzen Handlungssprüngen, Zeitschleifen und Paradoxien zu folgen. Wobei ich auch sagen muss, dass ich die zweite Staffel besser fand als die erste. Vielleicht hatte ich mich jetzt auch einfach darauf eingelassen, dass Dark eben so ist, wie es ist. Vielleicht reißt es die dritte Staffel ja endgültig heraus, nach der dann für immer Schluss sein wird.

Was man besser nicht googeln sollte

Netflix hat eine weitere deutsche Serie produziert, und dieses Mal ist es tatsächlich gut gegangen – bekanntlich sind alle guten Dinge drei: Nach der ambitionierten, aber irgendwie dann doch enttäuschenden Mysterieserie Dark und dem gründlich misslungenen Versuch, mit Dogs of Berlin eine coole Verbrecherserie im Gang-Milieu von Berlin abzuliefern, die tatsächlich einfach nur eine manchmal alberne, oft aber ärgerliche Aneinanderreihung dämlicher Klischees war, ist How to Sell Drugs Online (Fast) eine erstaunlich unterhaltsame Teenager-Serie, an der auch Erwachsene Spaß haben können.

Die Serienidee beruht auf der wahren Geschichte eines Schülers, der unter dem Alias Shiny Flakes aus seinem Kinderzimmer heraus einen illegalen Drogenhandel im Darknet betrieb, der mehrere Millionen Euro Umsatz machte. Die Serienmacher haben die Handlung von Leipzig in die fiktive Kleinstadt Rinseln im Umland von Köln verlegt, deren beeindruckende Trostlosigkeit es locker mit Niederkaltenkirchen aufnehmen kann, der hässlichsten (ebenfalls fiktiven) Stadt in Niederbayern, bekannt aus den Eberhofer-Krimis. Für die Serie verantwortlich zeichnet übrigens die bildundtonfabrik aus Köln-Ehrenfeld, die unter anderem auch das Neo Magazin Royale produziert. How to Sell Drugs Online (Fast) ist die erste fiktionale Serie der Ehrenfelder.

How To Sell Drugs Online (Fast): Serienposter Bild: Netflix

How To Sell Drugs Online (Fast): Serienposter Bild: Netflix

Es geht um den siebzehnjährigen Moritz (Maximilian Mundt), der sehnsüchtig darauf wartet, dass seine Freundin Lisa (Lena Klenke) wieder nach Hause kommt. Sie war für ein Austauschjahr in den USA und es kommt, wie es kommen muss, sie interessiert sich nun für andere Dinge und Menschen. Sie macht zwar nicht gleich komplett mit Moritz Schluss, aber will erstmal auf die Pausetaste drücken. Wie man das heute so nennt, wenn man eigentlich nicht mehr will, aber keine Lust auf den Stress einer richtigen Trennung hat.

Natürlich kapiert Moritz das und leidet fortan unter unerträglichem Liebeskummer, sein Lebenssinn ist nun dahin und darunter wiederum leiden in der Folge andere. Lenny (Danilo Kamperidis) zum Beispiel, der beste (und offenbar einzige) Freund von Moritz, der aufgrund einer schweren Erkrankung im Rollstuhl sitzt. Er teilt Moritz Begeisterung für Computerspiele und alles, was sonst mit Computern zu tun hat. Die beiden Nerds planen, ein Start-Up für virtuelle Computerspielausrüstung aufzuziehen, die man für echtes Geld kaufen kann. Doch der Pitch für MyTems geht gründlich schief, weil Moritz nicht bei der Sache ist.

Dafür entwickelt er eine andere Idee: Als er mitbekommt, dass der gut aussehende Dan (Damian Hardung) epische Parties im Haus seiner Eltern schmeißt, auf denen es Ecstasy-Pillen gibt, beschließt er, selbst ins Dealergewerbe einzusteigen, damit er endlich auch cool ist und Einladungen zu den wichtigen Events bekommt, mit denen er Lisa beeindrucken kann, die er um so ziemlich jeden Preis zurück gewinnen will.

Dabei verstrickt er sich in allerlei Schwierigkeiten, natürlich klappt alles nicht so wie geplant, vor allem ist mit Buba (Bjarne Mädel) nicht zu spaßen, dem brutalen Teilzeit-Dealer, der hauptamtlich einen Pferdehof betreibt. Doch Nerd Moritz, ein bekennender Steve-Jobs-Fan, denkt inzwischen in größeren Kategorien und  knüpft internationale Kontakte mit Drogenherstellern. Und er benutzt die hauptsächlich von Lenny entwickelte Verkaufsplattform für Gaming-Zubehör als Onlineshop für seine illegalen Geschäfte. Businessmäßig ist er auf dem Erfolgstrip, zwischenmenschlich entpuppt er sich immer wieder als selbstbezogenes Arschloch, das andere ausnutzt, um dann aber doch im richtigen Moment wieder sein Gewissen und sein Herz zu entdecken. Wie sonst ist denn ein Typ gestrickt, der seiner Angebeteten eine Gehirnzelle als Kuschelltier schenkt?!

How To Sell Drugs Online (Fast): Buba (Bjarne Mädel), Lenny (Danilo Kamperidis) und Moritz (Maximilian Mundt) Bild: Netflix

How To Sell Drugs Online (Fast): Buba (Bjarne Mädel), Lenny (Danilo Kamperidis) und Moritz (Maximilian Mundt) Bild: Netflix

Die Serie mag inhaltlich vielleicht nicht super originell sein, aber sie ist flott und verspielt gemacht. Es gibt eine Menge eingeblendeter Chats inklusive albernster Emojis, aber so kommunizieren die jungen Menschen heutzutage nun einmal. Und nebenbei gibt Moritz immer wieder Tipps, was man besser nicht online stellen sollte. How to Sell Drugs Online (Fast) spielt mit dem Selbstinszenierungszwang der Generation Social Media, dem leider nicht nur bei BWLern äußerst beliebten Bullshit-Bingo aus Motivations- und Coaching-Seminaren und der abgefuckten Business-Denke aktueller und bereits verblichener Silicon-Valley-Ikonen.

Zusätzlich gibt es unzählige Zitate und Querverweise aus anderen Filmen und Serien und eine ganze Reihe illustrer  Gastauftritte, etwa Ulrike Folkerts als Mutter von Lenny, Olli Schulz als Onkel einer Freundin oder Florentin Will als Polizist. Selbst die 90er-Ikone Jonathan Frakes ist dabei, der im besten X-Factor-Stil auftritt – alles in allem ein Riesenspaß, der leider schon allzu bald vorbei ist, denn HTSDO(F) besteht nur aus sechs halbstündigen Teilen.

Aber klar, besser eine gute Serie, die schnell weg gebinged ist, als ein zäher Brocken mit gefühlt unendlicher Laufzeit. Liebes Netflix, bitte mehr davon! Da sind doch noch ein paar weitere Staffeln drin! Und liebes deutsches Fernsehen, schau dir das mal an: So geht Serie Made in Germany. Man kann sich an die Sehgewohnheiten junger Menschen auch heranwanzen, ohne die intellektuellen Bedürfnisse der etwas älteren und nicht völlig ungebildeten Zuschauer komplett zu vernachlässigen. Ich meine jetzt die, die nicht der Hauptzielgruppe des ZDF entsprechen. Wobei, die ARD hat auch ihre Schwächen und ZDFneo ist manchmal sogar ganz hipp. Aber Netflix ist hipper. Leider. Denn den bekloppten Rundfunkbetrag muss ich ja trotzdem zahlen. Netflix zahl ich freiwillig.

Seven Seconds: Kein Handy am Steuer

Für Fans der leider nicht mehr auf Netflix verfügbaren Krimiserie The Killing hat die Plattform einen würdigen Ersatz im Programm: Den Zehnteiler Seven Seconds. Auch hier war Veena Sud für Drehbuch und Produktion verantwortlich. Wie schon bei The Killing  (und der großartigen dänischen Vorlage Forbrydelsen) geht es in der Krimi-Handlung nicht nur darum, einen Schuldigen zu finden, sondern auch zu zeigen, was der gewaltsame Tod eines geliebten Menschen für Auswirkungen auf die Überlebenden hat. Auf die Familie des Opfers, aber auch auf den Täter und sein Umfeld, und nicht zuletzt auf die Menschen, die ein solches Verbrechen als Angehörige von Ermittlungs- und Strafverfolgungsbehörden aufzuklären und zu ahnden haben.

Serienposter seven seconds Bild: Netflix

Serienposter seven seconds Bild: Netflix

Genau wie bei The Killing es handelt es sich um ein Remake – in diesem Fall war es allerdings keine komplette Serie, deren Handlung in die USA verlegt wurde. Als Inspiration diente der russische Film Майор, der im Jahr 2013 sowohl in Cannes als auch auf den Filmfestival in Toronto vorgestellt wurde. In dem Film von Yuri Bykow überfährt der russische Polizist Sergei Sobolev versehentlich ein Kind, als er auf dem Weg zu seiner Frau ist, bei der die Wehen eingesetzt haben. Aus Korpsgeist vertuschen die Kollegen das Verbrechen, in dem sie die einzige Zeugin des Vorfalls, die Mutter des Jungen, in Misskredit bringen. Im Laufe der Zeit bereut Sobolev seine Entscheidung und beschließt, zu gestehen und die Strafe dafür in Kauf zu nehmen, doch seine Kollegen sind damit nicht einverstanden, denn jetzt hängen sie ja alle mit drin. Alles in allem handelt es sich um einen ziemlich brutalen Film über Korruption innerhalb der russischen Polizei, den ich mir schon deshalb angesehen habe, weil es auffallend wenig Filme aus Russland überhaupt auf westliche Filmfestivals schaffen.

Es ist kein schöner, sondern ein alles in allem sehr unangenehmer Film, der aber genau deshalb wieder gut ist, weil er genau das Übel, das sein Thema ist, schonungslos offenlegt. Ich kann mir vorstellen, dass die offiziellen russischen Behörden, um die es unter anderem geht, Probleme damit haben. Was wiederum auch erklärt, warum dieser Film im Westen gelaufen ist: Hier wird ja gern gezeigt, was in Russland nicht funktioniert und einfach nur schlimm ist.

Insofern ist es ein besonderes Verdienst von Veena Sud und ihrer Serie, dass sie dieses Übel überaus glaubwürdig in den US-Polizeiapparat verlegt hat: In den USA ist die Korruption im System nicht weniger schlimm. Ich persönlich fände ja auch mal eine Serie gut, in der die Korruption und der Korpsgeist innerhalb der deutschen Polizei einmal kritisch aufgearbeitet würde, die Mordserie des NSU beispielsweise wäre da ein schier unerschöpfliches Thema. Dafür könnte man gern ein paar Millionen aus dem Rundfunkbeitrag abzweigen, den ich jeden Monat zahlen muss, obwohl ich inzwischen lieber Netflix und Amazon kucke. Die ja letztlich auch nur böse Konzerne sind, die Geld scheffeln wollen.

Seven Seconds: Peter Jablonski (Beau Knapp), Felix Osorio (Raúl Castillo) und Mike DiAngelo (David Lyons) Bild: Netflix

Seven Seconds: Peter Jablonski (Beau Knapp), Felix Osorio (Raúl Castillo) und Mike DiAngelo (David Lyons) Bild: Netflix

Zurück zu Seven Seconds: Anders als in The Killing steht hier nicht eine Ermittlerin der Polizei im Vordergrund, die für die Aufklärung des titelgebenden Verbrechens nicht nur ihr Privatleben, sondern auch ihre berufliche Karriere ruiniert, sondern eine Schicksalsgemeinschaft aus sehr unterschiedlichen Menschen, deren Lebenswege sich durch einen tragischen Unfall kreuzen: Als der junge Drogenfahnder Peter Jablonski (Beau Knapp)  an einem kalten Wintermorgen auf dem Weg zu seiner schwangeren Frau ist, die wegen Blutungen ins Krankenhaus musste, telefoniert er mit dem Handy und achtet ein paar Sekunden nicht auf die Straße. Er kollidiert plötzlich mit etwas, was sich wenig später als ein Radfahrer herausstellt – unter dem Fahrzeug ragt der Hinterreifen eines teueren BMX-Rads hervor, in dem eine Pappmaché-Möwe steckt.

Voller Panik informiert der junge Polizist seinen Vorgesetzten Mike DiAngelo (David Lyons), der sich mit seinen Team sofort an den Unfallort begibt. Dem abgebrühten Cop ist gleich klar, dass das nicht gut aussehen wird – ein weißer Bulle überfährt ein schwarzes Kind. Und weil das teure Fahrrad darauf hinweist, dass der Junge zu einer in Jersey City berüchtigten Gang gehört, trifft Captain DiAngelo die folgenschwere Entscheidung, die Sache zu vertuschen. Eigentlich will der ehrliche Cop Jablonski sich stellen, doch DiAngelo überredet ihn, ins Krankenhaus zu seiner Frau zu fahren und ihm und den beiden Kollegen den Rest zu überlassen. Damit nimmt das Verhängnis seinen Lauf.

Wie in der russischen Vorlage Майор sind die handelnden Personen gezwungen, im Verlauf der Handlung immer schlimmere Dinge zu tun, um ihre Story glaubwürdig erscheinen zu lassen. Und weil eine Serie sehr viel mehr Zeit für Nebenhandlungen hat, gibt es in Seven Seconds noch zwei bemerkenswerte Antagonisten: Die ermittelnde Staatsanwältin KJ Harper (Claire-Hope Ashitey) und den skeptischen Bullen Joe „Fish“ Rinaldi (Michael Mosley).

Das schwarze Waisenkind KJ wurde von weißen Eltern in einem komfortablen Vorort von New York aufgezogen, konnte von einer erstklassigen Ausbildung profitieren und ist doch ein Wrack, sie hat eine verhängnisvolle Beziehung zu Gin und zu Karaoke-Bars. Im Verlauf der Handlung kommt ihre verstörende Geschichte ans Licht; in ihrer Funktion als Vollstreckerin der Staatsgewalt muss sie Dinge anordnen, die mitunter fatale Auswirkungen auf Unbeteiligte haben. Das musste KJ auf die harte Tour lernen und sie ist daran zerbrochen.

Insofern ist es nicht unbedingt ein Glück für die Eltern von Brenton Butler, dass ihr Fall ausgerechnet bei KJ landet. Aber – wie wir als ausgebufftes Serienpublikum ahnen – KJ wird diesen Fall zu ihrer persönlichen Definition von Sieg oder Niederlage machen und damit dann entweder mit wehenden Fahnen untergehen, oder einen unerwarteten Sieg einfahren. Oder auch keins von beiden, denn das Justizsystem der USA ist, nun ja, kompliziert.

Seven Seconds: Die Eltern Latrice Butler (Regina King) und Isaiah Butler (Russell Hornsby) Bild: Netflix

Seven Seconds: Die Eltern Isaiah Butler (Russell Hornsby) und Latrice (Regina King) Bild: Netflix

 

Der Fall erweist sich für alle Beteiligten als harte Nuss. Das Umfeld von Brenton Butler ist nicht unbedingt ideal: Auch wenn seine Mutter eine Mittelschullehrerin ist und sein Vater ein hart arbeitender Mann, der immer seine Schulden bezahlt und beide Eltern in ihrer Kirchengemeinde gut integriert sind: Der kleine Bruder des Vaters ist Mitglied einer berüchtigten Gang in New Jersey, und dieses teure Fahrrad, mit dem Brenton zum Zeitpunkt des Unfalls unterwegs war, unterstützt die These seiner Gangzugehörigkeit. Und klar, das ist rassistisch, aber dennoch ein Umstand, der gegen ihn spricht: Mitglieder von kriminellen Gangs kommen nun mal schneller unter ungeklärten Umständen zu Tode als unbescholtene Bürger. Angesichts der Faktenlage ist es also naheliegend, Brenton Butler als Opfer eines Konfliktes unter rivalisierenden Gangs zu deklarieren.

Natürlich sind Brentons Eltern mit dieser Erklärung nicht zufrieden. Ihr Junge war ein guter Junge, und sie bekommen starken Rückhalt in der Black-Lives-Matter-Bewegung. Mit der hat Detective Rinaldi zwar nichts am Hut, aber auch ihm fällt auf, dass hier irgendwas nicht stimmen kann. Er gehört nicht zur eingeschworenen Bruderschaft in seinem Polizeirevier, er ist ein streitbarer Außenseiter, der seinen Job ernst nimmt. Entsprechend hartnäckig ermittelt er in diesem unbefriedigenden Fall, den seine Vorgesetzten nur zu gern zu den Akten legen würden.

Seven Seconds: KJ Harper (Claire-Hope Ashitey) und Joe "Fish" Rinaldi (Michael Mosley) Bild: Netflix

Seven Seconds: KJ Harper (Claire-Hope Ashitey) und Joe „Fish“ Rinaldi (Michael Mosley) Bild: Netflix

Wie in der Vorlage führt der Ermittlungsdruck dazu, dass die Polizisten zu immer extremeren Maßnahmen greifen müssen, um ihre Version des Vorfalls zu stützen. Natürlich bleibt es auch Jablonskis Frau Marie nicht verborgen, dass etwas passiert sein muss: Ihr Peter ist nicht mehr derselbe. Nach und nach gerät das Leben sämtlicher Beteiligten aus den Fugen.

Insgesamt handelt es sich also um eine reichlich düstere Geschichte, in der am Ende alle verlieren. Aber genau das macht die Qualität dieser Serie aus: Die handelnden Personen haben alle vermeintlich gute Gründe, für das, was sie tun. Oder lassen. Ihren persönlichen Maßstäben nach wollen sie einfach das Richtige tun, was sich dann aber als falsch herausstellt. Und auch die Eltern des Opfers Brendon Butler müssen erkennen, dass sie ihren Sohn nicht wirklich gekannt haben. Seven Seconds ist eine mutige und wichtige Serie über soziale und rassistische Vorurteile und gleichzeitig eine Reflexion über Schuld und Sühne. 

Das Verschwinden von Madeleine McCann

Es gibt immer wieder Kriminalfälle, die ein größeres Publikum erreichen als andere – und hier spielen die Medien oft eine unrühmliche Rolle. Bad news is good news, manches Verbrechen wird nur durch das so genannte öffentliche Interesse ein Skandalfall, also durch Geschäftsmodelle von Medien, die auf die Sensationslust des Publikums setzen. Im Zeitalter von Social Media dreht sich diese Schraube noch schneller, jetzt sind es oft nicht einmal mehr bezahlte Profis, die entsprechend aufbereitete Nachrichten verbreiten, sondern irgendwelche Gaffer, die zufällig zur richtigen Zeit am richtigen Ort waren und ungefiltert jeden Scheiß posten, auf dass er massenhaft geteilt und verbreitet werde. Auch deshalb wird es immer schwieriger, zwischen fake news und seriöser Information zu unterscheiden. Und einem Großteil des Publikums ist das vermutlich sowieso egal, das klickt einfach auf alles, was zum eigenen Weltbild passt.

Insofern tue ich mich auch mit den durch vergleichsweise seriöse Contentproduzenten wie Netflix verbreiteten True-Crime-Serien schwer, Stichwort Sensationslust. Obwohl ich andererseits auch wieder gern Dokumentationen sehe, in denen historische Ereignisse aufbereitet werden. Die sind mir zwar oft zu tendenziös, aber man kann nebenbei durchaus interessante Dinge erfahren. Insofern war ich mir nicht sicher, ob ich die seit kurzer Zeit verfügbare Netflix-Doku über den Fall Maddie McCann wirklich ansehen wollte. Ich habs jetzt doch getan, aber aus rein wissenschaftlichem Interesse versteht sich.

Das Verschwinden von Madeleine McCann Bild: Netflix

Das Verschwinden von Madeleine McCann Bild: Netflix

Die kleine Maddie verwand im April 2007 aus einer Ferienanlage in Portugal, während ihre Eltern mit Freunden in einem Tapas-Restaurant zu Abend aßen. Der Fall ist bis heute nicht gelöst, es wurde weder ihre Leiche gefunden, noch der Verbleib des Kindes aufgeklärt. Der Fall an sich stellt ein reichlich dunkles Kapitel sowohl in Sachen Berichterstattung als auch Polizeiarbeit dar, weshalb sich die Netflix-Doku dann doch lohnt, denn genau hier setzt der Achtteiler an: Die Ereignisse selbst, der Fortgang der Ermittlungen, die Berichterstattung und deren Auswirkungen auf alle Beteiligten werden aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachtet.

Wobei die Berichterstattung über diese Doku an sich auch schon wieder ziemlich hysterisch ist: Es mögen vielleicht einzelne Journalisten, die in der Doku zu Wort kommen, aber nicht „die Presse“ an sich etwas aus der zum Teil desaströsen Berichterstattung über diesen Fall gelernt haben. Angeblich neue Erkenntnisse aus der Serie werden derart weitergedreht, dass sich noch die eine oder andere klickträchtige Schlagzeile herrausschinden lässt. Und tatsächlich sind eine ganze Reihe der Fakten, die in den acht Teilen der Serie zusammengetragen werden, im Rückblick geradezu verstörend. Aber das sollte doch gerade Anlass sein, erstmal die Luft anzuhalten und dann noch einmal nachzudenken, anstatt einmal mehr irgendwelche Halbwahrheiten zu neuen Fakten aufzublasen.

Nachdem ich nun alle Teile gesehen habe, kann ich sagen, dass ich die Doku alles in allem ausgewogen und informativ fand, auch wenn ich die ablehnende Haltung der Eltern gegenüber diesem Projekt verstehen kann. Was mich andererseits aber auch wieder ein bisschen wundert, denn in der Vergangenheit haben Kate und Gerry McCann unglaubliche Mittel und Anstrengungen aufgeboten, um in den Medien immer und immer wieder auf das Verschwinden ihrer Tochter hinzuweisen. Was nicht immer und überall gut angekommen ist: So verständlich es ist, dass Eltern alles versuchen, ihr geliebtes Kind zu finden – so drängt sich doch die Frage auf, ob man mit den mehr als elf Millionen Pfund, die diese Suche bisher gekostet hat, nicht auch viele andere Kinder hätten retten können, deren Eltern eben kein Geld und keine großzügigen Sponsoren hatten.

Klar, das ist auch wieder eine dieser zynischen Neiddebatten, die ich zum Kotzen finde, denn es wird in dieser Welt so viel Geld für irgendwelchen Scheißdreck verbrannt, während gleichzeitig Millionen Menschen aus Geldmangel verrecken. Aber hier wird dieses Missverhältnis einmal mehr deutlich: Die einen verkaufen ihre kleinen Kinder für eine Handvoll Dollar an solvente Touristen, die anderen geben Millionen aus, um ihre Kinder vor einem solchen Schicksal zu bewahren. Und selbst das gelingt nicht immer, das ist in diesem Fall noch einmal extra bitter. Zumindest kann man den Eltern von Maddie McCann nicht vorwerfen, dass sie nicht alles versucht hätten, um ihre Tochter wiederzubekommen.

Unter anderem mit diesem Bild bitten die Eltern von Madeleine McCann um Hinweise über den Verbleib ihrer Tochter.

Unter anderem mit diesem Bild bitten die Eltern von Madeleine McCann um Hinweise über den Verbleib ihrer Tochter. Bild: findmadeleine.com

An Anfang der Doku wird noch einmal minutiös aufgedröselt, was am 3. Mai 2007 in Praia da Luz geschah. Dabei kommen Zeugen, Ermittler und Journalisten zu Wort. Insgesamt wird versucht, die unterschiedlichen Interessen und Standpunkte aller Beteiligten an diesem Fall darzulegen: Da sind die britischen Eltern und deren Freunde (auch fast alle Eltern), die ohne ihre Kinder Essen gegangen sind, was bei den Portugiesen vor Ort die Frage provoziert, warum diese Leute ihre kleinen Kinder allein in einer Ferienwohnung gelassen haben, statt sie einfach mit ins Restaurant zu nehmen? Und warum haben sie nicht wenigstens eine Kinderbetreuung engagiert, wo es in der Anlage sogar einen entsprechenden Service gegeben hätte? 

Interessante Frage. Es gibt heute allgemein die Tendenz, dass Kinder zu sehr behütet werden, was ich durchaus auch kritisch sehe. Aber wirklich kleine Kinder, eine nicht einmal Vierjährige mit zwei zweijährigen Geschwistern allein in einer für sie fremden Umgebung (Ferienwohnung) zu lassen, finde ich grenzwertig – warum haben die Erwachsenen der Gruppe sich nicht koordiniert und ihre Kinder gemeinsam in einer Wohnung schlafen lassen, während abwechselnd einer von ihnen Stallwache hatte? Offenbar sind die Erwachsenen dieser Reisegruppe davon ausgegangen, dass ihre Kinder sich wohl fühlen und friedlich schlafen. Sie haben nicht damit gerechnet, dass fremde Menschen in die Anlage eindringen, um ein Kind mitzunehmen, was den aktuellen Erkenntnissen zufolge geschehen sein muss.

Im Verlauf der Doku stellt sich allerdings auch heraus, dass Maddie nicht das einzige Kind ist, das in dieser Gegend verschwand. Und es kommen eine ganze Reihe Fällen sexueller Belästigung von kleinen Kindern ans Licht, die den Verdacht nahelegen, dass die beliebte Urlaubsgegend an der portugiesischen Algarve auch bei Pädophilen beliebt ist, die sich hier in entspannter Atmosphäre den Objekten ihrer Begierde nähern können, ohne dass das weiter auffällt. Die portugiesische Polizei ermittelte auch in diese Richtung, konzentrierte sich in der Folge aber darauf, den Verdacht gegen die Eltern von Maddie zu erhärten. Es gab einige, wenn auch sehr dünne Spuren, die vermuten ließen, dass Maddie in der Wohnung gestorben sein und die Leiche später von den Eltern versteckt worden sein könnte. Hier wurden offenbar auch Informationen an die Presse weiter gegeben, die sich später als falsch herausstellten, erst einmal aber für eine bösartige Berichterstattung sorgten. Mehrere Boulevardzeitungen entschuldigten sich später bei der Familie McCann und zahlten hohe Entschädigungssummen.

Die McCanns stoppten auch ein Buch von Gonçalo Amaral, dem ersten Chefermittler des Falls, der die These vertrat, Madeleine sei vermutlich durch einen tragischen Unfall gestorben und die Eltern hätten eine Entführung vorgetäuscht und die Leiche verschwinden lassen. Zwei portugiesische Gerichte verboten den Verkauf des Buches und sprachen den Eltern eine Entschädigung zu, die Urteile wurden allerdings von Revisionsinstanzen wieder aufgehoben. Den Schadensersatzprozess vor dem Obersten Gericht in Portugal verloren die McCanns im Jahr 2017 endgültig, weil das Gericht befand, dass Amarals Thesen von der Meinungsfreiheit gedeckt seien.

Eine Entschädigung bekam auch der als Entführer von Madeleine verdächtigte Brite Robert Murat, der in der Nähe der Ferienanlage wohnte und in den Fokus der Ermittler geriet, eben weil er ständig vor Ort war. In der Doku kommt er ausführlich zu Wort, genau wie auch einer der später von einem britischen Millionär angeheuerten Privatdetektive, der ausführlich in Pädophilenforen ermittelt hat, um Maddie zu finden. Auch wenn er dieses Kind nicht gefunden habe, so konnte er doch umfangreiches Material zusammentragen und der Polizei übergeben, was zur Festnahme einiger der kriminellen Hintermänner geführt hat.

Auch wenn die Doku keine bahnbrechenden neuen Erkenntnisse bietet, so wird in den acht Teilen doch klar, dass die Ermittlungen in diesem Fall häufig mehr Fragen aufwerfen, als sie beantworten können und auch, welche Auswirkungen die gewaltige Medienresonanz hatte, die unter anderem zahlreiche Trittbrettfahrer dazu animierte, angebliche Erkenntnisse teuer verkaufen zu wollen oder mit Fakeseiten im Internet von der Spendenbereitschaft der Leute zu profitieren.

Wer also auf der Suche nach einer interessanten Serie mit einer außerordentlich komplexen Krimihandlung, Einblick in die Abgründe der menschlichen Natur sowie gesellschaftlicher Relevanz ist, wird mit dieser Dokuserie gut bedient.