Ozark: Geldwäsche statt Drogen

Nachdem mich die neueren Netflix-Produktionen nicht mehr dermaßen vom Hocker gerissen haben (Berlin Station läuft zwar auf Netflix, ist aber von Epik), gibt es jetzt doch wieder ein Serienhighlight nach meinem Geschmack: Ozark. Leider war ich in den vergangenen Wochen brotjobtechnisch dermaßen ausgelastet, dass ich nicht dazu gekommen bin, zeitnah zum Erscheinen der Serie etwas zu schreiben, aber das hole ich hiermit nach.

Kurzes Fazit: Echt nicht schlecht. Aber eben auch nicht so nervenzerfetzend gut wie der weiterhin gültige Goldstandard in Sachen Verbrechen und Gesellschaft, Breaking Bad. Doch es wäre natürlich unbezahlbar, jede Serie mit einer dermaßen ausgefeilten Optik und Dramaturgie auszustatten – vor allem, so lange nicht klar ist, ob das Publikum auch mitzieht. Mit aufwendigen Projekten wie Sense8 oder The Get Down, die ich beide ziemlich gut fand, hat Netflix ja leider nicht so die Publikumshits gelandet, weshalb sie kurzerhand abgesägt wurden. Wobei ich mir sicher bin, das beide Projekte durchaus ihr Publikum gefunden haben – und noch finden werden, denn diese Serien sind inhaltlich und handwerklich sehr ambitioniert, weshalb sie als Klassiker ihrer jeweiligen Genres noch lange Zeit sehenswert sein werden, obwohl die Plots zum Teil etwas unausgegoren sind.

Ozark: Wendy (Laura Linney) und Marty (Jason Bateman) Bild: Netflix

OzarkOzark: Wendy (Laura Linney) und Marty (Jason Bateman) Bild: Netflix

Ozark ist im Vergleich dazu einige Nummern kleiner, aber durchaus mit Netflix-Klassiker-Potenzial, denn die Geschichte hat es in sich: Der Vermögensberater Marty Byrde (Jason Bateman) ist offenbar dermaßen gut in seinem Job, dass er, während er in Kundengesprächen eben diese berät, nebenbei noch Pornos schauen kann. Doch schnell stellt sich heraus, dass es sich um etwas ganz anderes handelt: Martys Frau Wendy (Laura Linney) geht fremd, wofür der Marty beauftragte Privatdetektiv gerade den Beweis geliefert hat. Wendy langweilt sich offenbar als Hausfrau und Mutter von zwei Teenager-Kindern – wobei sie selbstverständlich eine gute Mutter ist. Aber eben nicht ausgelastet, denn Marty arbeitet zu viel. Aber wie soll man sich sonst auch ein nettes Haus in einem angenehmen Vorort von Chicago und die Privatschulen für die Kinder leisten.

Marty und Wendy spielen abends vor den Kindern heile Familie, aber dann taucht jeder in seine Welt ab – oder vor seinen Bildschirm. Immerhin fragen sich die beiden gegenseitig noch, ob der jeweils andere das, was auf dem großen Bildschirm gerade läuft, noch weiter sehen will. Doch alle sind mit ihren eigenen kleinen Bildschirmen beschäftigt.

Genau dieses scheinbar friedliche, aber ach so öde Familienleben wird auf den Kopf gestellt, weil die Mafia unzufrieden mit den Geschäften von Martys Partner Bruce ist, der offenbar Geld für ein mexikanisches Drogenkartell gewaschen und bei der Gelegenheit für sich selbst ein paar Millionen abgezweigt hat. Der mexikanische Boss Del (Esai Morales) versteht keinen Spaß (das weiß man ja spätestens seit Breaking Bad) und tötet erst die Geliebte von Bruce und dann Bruce selbst. Marty kann sich nur retten, in dem er Del ein absurdes Geschäft anbietet: Er wird für ihn noch viel mehr Geld waschen, weil er da eine geniale Idee hat: Die Ozarks.

Genau davon hatte ihm Bruce vor wenigen Stunden noch erzählt: Eine durch Staudämme erschaffene Seenlandschaft in Missouri, eigentlich voll das Hinterwäldlergebiet, aber wegen der vielen attraktiven Seegrundstücke und unendlicher Möglichkeiten für Angler und Jäger im Sommer ein Touristenhotspot – so eine Art uramerikanisches Naherholungsgebiet. Weil Marty ein begnadeter Verkäufer ist, gibt Del ihm tatsächlich eine Chance. Aber nur, wenn er innerhalb von 48 Stunden die acht Millionen Dollar beschafft, die Bruce abgezweigt hat.

Und jetzt geht es erst richtig los – die Beschaffung von acht Millionen Dollar Bargeld stellt auch einen ausgebufften Vermögensberater vor erhebliche Probleme – aber Marty schafft es immerhin, sieben Millionen und ein paar zerquetschte aufzutreiben. Dumm nur, dass ihm dann seine Frau und ihr Lover in die Quere kommen. Aber Del regelt auch das – es handelt sich schließlich um SEIN Geld. Es gibt also im ersten Teil schon reichlich Leichen.

Damit hatte Ozark mich allerdings am Haken – der Feind vom meinen Feind ist mein, naja, vielleicht nicht Freund, aber doch ein Alliierter. Das versprach interessant und kompliziert zu werden. Und so kam es auch – Marty ist der beschissenste Familienvater seit Walter White, aber genau das spricht ja auch für ihn: Er will seine Familie wirklich retten – gerade weil ihm bewusst ist, dass er daran schuld ist, dass nun alles den Bach herunter geht. Denn die Flucht in die Ozarks gelingt zwar, aber die Hinterwälder dort sind gar nicht so doof, wie Marty sie bräuchte.

Diese misstrauischen weißen Verlierer kapieren sehr wohl, wenn man ihnen ein Geschäft aufschwatzen will, in dem sie niemals die Gewinner sein können. Denn sie wissen, dass an allem, was Marty ihnen verspricht, ein Haken sein muss: Kein Mensch würde Geld investieren, damit es ihnen gut geht, da sind sie zu zu recht skeptisch. Und krumme Geschäfte, die machen sie alle schon selbst, da brauchen sie keinen Schlipsträger aus Chicago, der bei ihnen Geld waschen will.

Insofern fährt Marty mit seinem Plan erstmal grandios vor die Wand – immerhin gibt es noch vier Wände, weil die untreue Wendy sich als geschickte Verhandlerin entpuppt, ihr gelingt es, mit wenig Geld ein brauchbares Familiendomizil aufzutreiben: Ein ganz hübsches 70er-Jahre-Haus mit Seeblick und Bootsschuppen. Total billig, weil der Eigenümer, der schwer krank ist, noch lebenslanges Wohnrecht verlangt, er hat noch ein Jahr, Maximal 18 Monate. Er zieht auch bescheiden in die Kellerwohnung. Da verzeiht man ihm auch, dass er gern nackt im See baden geht (eh erstaunlich, dass die Amis damit so ein Problem haben…).

Natürlich ist auch der Nachwuchs mit der Situation nicht glücklich – beide Kinder entwickeln ein ärgerliches Eigenleben und dann sind da auch noch die Kinder der Einheimischen, die nicht weniger kriminell sind als ihre Eltern. Insbesondere die für ihre 18 Jahre erstaunlich abgebrühte Ruth Langmore (Julia Garner), deren Vater im Knast sitzt, sie aber für den intelligentesten Menschen weit und breit hält – was weitgehend zutrifft. Und so kommt das bewährte Rezept zum Tragen, dass Marty mit jeder vermeintlichen Lösung eines Problems ein noch viel größeres schafft – zum Glück haben die anderen aber auch Probleme und sind nicht besonders gut darin, sie nachhaltig zu lösen. Insofern ist Ozark dann doch eine ziemlich gute Serie, auch wenn sie an Hochqualitätsproduktionen aus den Häusern HBO oder AMC nicht herankommt.

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Berlin Station: Amerikaner in Berlin

Als ich vor ein paar Tagen nach Hause kam, standen hinter meinem Wohnblock mehrere Mietlaster. Hinter den Windschutzscheiben Schilder, die darauf schließen ließen, dass Anonymous Content just in meiner Gegend dreht – und weil das ja auch die Produktionsfirma hinter meiner Lieblingsserie Mr. Robot ist, musste ich gleich mal recherchieren, was die hier in Berlin gerade tun. Offenbar wird derzeit die zweite Staffel von Berlin Station hier gedreht – und so setzte ich alles daran, an die erste Staffel dieser Serie zu kommen, die leider noch gar nicht in Deutschland ausgestrahlt wurde. Aber wie ich inzwischen gesehen habe, kommt sie ab dem 18. Juli auch hierzulande auf Netflix. Insofern brandaktuell!

Screenshot Berlin Station: Reichstag in Berlin

Screenshot Berlin Station: Reichstag in Berlin

Berlin Station wurde vom US-Kabelsender Epix in Auftrag gegeben und im Herbst vergangenen Jahres in den USA ausgestrahlt. Von dem Sender hatte ich zuvor noch nie gehört, meinen Recherchen zufolge wurde er erst Ende 2009 gegründet, womit er der jüngste unter den Premium-Kabelsendern der USA sein dürfte. Epix gehört zum Metro-Goldwyn-Mayer-Imperium und hat sein Hauptquartier im Bertelsmann Building in New York. Nun sollte man wissen, dass Bertelsmann ein deutscher Medienkonzern ist, der in Gütersloh sitzt. Zu Bertelsmann gehören die RTL Gruppe, Penguin Random House, Gruner & Jahr, BMG, Arvato und diverse weitere Bertelsmann-Unternehmen. Soviel zur Medienmacht von Bertelsmann und den Verbindungen zu Deutschland – es ist ja schon interessant, dass eine von einem US-Network in Auftrag gegebene und offenbar für ein US-Fernsehpublikum konzipierte Serie komplett in Berlin spielt – und in Berlin bzw. Potsdam Babelsberg produziert wird.

Screenshot Berlin Station: U-Bahnhof Alexanderplatz

Screenshot Berlin Station: U-Bahnhof Alexanderplatz

Okay, wir hatten das schon einmal mit der fünften Staffel von Homeland – wobei Homeland ja nun eine durch und durch amerikanische Serie ist, auch wenn sie CIA-bedingt immer wieder außerhalb der USA spielen muss, schließlich ist die CIA nun einmal der Auslandsgeheimdienst der Staaten. Um die CIA geht es auch in Berlin Station – und Berlin ist ja nun auch ein cooler Ort, es muss nicht immer Teheran, Bagdad oder Abu Dhabi sein. Die Sprachbarriere ist in Berlin auch nicht wirklich ein Problem, zumindest die jüngeren Berliner sprechen sehr viel besser Englisch als ein Durchschnittsamerikaner Deutsch, selbst wenn der in Deutschland arbeitet – was für unsereins eigentlich ein Running Gag solcher Serien ist: Es ist einfach zu putzig, wenn Amerikaner versuchen, Deutsch zu reden. Ja, gewiss ist es auch putzig, wenn Deutsche Englisch reden, aber wir werden hierzulande ja wesentlich häufiger zum Gebrauch von Fremdsprachen gezwungen – zumindest wenn wir auf der Höhe der Zeit bleiben wollen. Schon weil es viel zu lange dauert, bis die interessanten US-Serien hierzulande offiziell verfügbar sind. Da ziehen wir uns das doch lieber gleich in der Originalsprache rein.

Screenshot Berlin Station: Daniel Miller (Richard Armitage) auf den Dächern von Berlin

Screenshot Berlin Station: Daniel Miller (Richard Armitage) auf den Dächern von Berlin

Damit zurück zur Serie – in Berlin Station wird tatsächlich viel Deutsch gesprochen, was durchaus für die Serie spricht. Denn warum sollten Deutsche untereinander nicht deutsch sprechen?! Deutsch mit englischen Untertiteln ist auch mal ganz lustig. Es sind entsprechend eine Reihe deutscher Schauspieler mit dabei, etwa Bernhard Schütz als Hans Richter, der ein hohes Tier beim deutschen Verfassungsschutz ist, Victoria Mayer als Ingrid Hollenbeck, einer Chefredakteurin der Berliner Zeitung, Claudia Michelsen als Patricia Schwarz, der deutschen Kusine von Agent Daniel Miller (Richard Armitage) oder Sabin Tambrea als – nun ja, einer sehr tragischen Figur mit vielen Facetten, die im Grunde der Auslöser der aufsehenserregenden Aktionen des geheimnisvollen Thomas Shaw ist.

Worum es geht: Der CIA-Analyst Daniel Miller entdeckt eine Verbindung zwischen scheinbar zusammenhangslosen Leaks, bei denen äußerst sensible Informationen über die Arbeit der CIA an die Öffentlichkeit gelangten. Es scheint sich dabei immer um den selben Whistleblower zu handeln. Das aktuellste Leck wird ausgerechnet von der Berliner Zeitung veröffentlicht. Also wird Miller nach Berlin geschickt, um den Whistleblower zu enttarnen. Die Ironie dabei: Daniel Miller ist ein geborener Berliner. Seine Mutter wurde brutal ermordet, als er acht Jahre alt war. Weil sein Vater Amerikaner war, wuchs er nach dem Tod der Mutter in den Staaten auf.

Screenshot Berlin Station: Daniel Miller (Richard Armitage) inside Berliner Zeitung

Screenshot Berlin Station: Daniel Miller (Richard Armitage) inside Berliner Zeitung

In Berlin trifft Miller (der übrigens nur noch schlecht Deutsch spricht) zwei sehr unterschiedliche Typen: Den Chef der titelgebenden Berlin Station Steven Frost (Richard Jenkins), der bereits zu Zeiten des Kalten Kriegs bei der CIA angefangen hat und auf Hector DeJean (Rhys Ifans), der ihn in seinen neuen Job einweisen soll. Auch Hector ist ein Veteran, und wie sich herausstellt, gibt es eine alte Geschichte zwischen Hector und Daniel – die dazu führte, dass Daniel sich aus dem Dienst im Feld zurückzog und fortan als Analyst seinen Dienst tat.

Ich will jetzt nicht den Fehler wiederholen, den ich viel zu oft mache – nämlich eine komplette Inhaltsangabe der Serie zu liefern. Nur so viel: Mir gefällt Berlin Station sehr gut – die Handlung ist nicht so hysterisch und an den Haaren herbeigezogen wie bei Homeland. Was ich auf jeden Fall als Plus werte: Hier gibt es keine manisch-depressiven Superagentinnen und auch keine Kriegshelden, die möglicherweise umgedrehte islamistische Selbstmord-Attentäter sind. Die Figuren in Berlin Station sind realistischer, was sie aber nicht weniger interessant macht. Denn alle haben für das, was sie tun, einen guten Grund. Und die Serienmacher nehmen sich die Zeit, um die Motive der jeweiligen Hauptfiguren nachvollziehbar zu erklären.

Screenshot Berlin Station: Der Mann im Hintergrund - Hector DeJean (Rhys Ifans)

Screenshot Berlin Station: Der Mann im Hintergrund – Hector DeJean (Rhys Ifans)

Dadurch wird die Handlung alles in allem ziemlich vorhersehbar – was von Adrenalinjunkies vielleicht als Minus gewertet werden kann. Aber in Berlin Station geht es eben nicht um möglichst abgefahrene Plottwists, sondern um eine vergleichsweise solide Story über den zu enttarnenden Whistleblower, der sich Thomas Shaw nennt (es wird am Ende auch gezeigt, wie er auf genau diesen Namen gekommen ist) und die oberen Chargen der CIA-Station in Berlin ganz schön in Bedrängnis bringt. Denn es werden nicht nur hässliche Details der die Methoden der CIA ausgeplaudert – die ja spätestens seit dem Abu-Ghraib-Folterskandal einer breiten Öffentlichkeit ohnehin bekannt sind – sondern auch über Verbindungen zu den deutschen Geheimdiensten, was die Deutschen ganz schön ärgert. Und die können ziemlich nerven, wenn sie verärgert sind. Wie diese Chefredakteurin der Berliner Zeitung, die sich aus Sicht der CIA in verantwortungslosester Weise von Thomas Shaw instrumentalisieren lässt und seine Leaks veröffentlicht. Doch auch die Leute vom Verfassungsschutz sind nicht glücklich darüber.

Screenshot Berlin Station: Ingrid Hollenbeck (Victoria Mayer), heimlich überwachte Chefredakteurin der Berliner Zeitung

Screenshot Berlin Station: Ingrid Hollenbeck (Victoria Mayer), heimlich überwachte Chefredakteurin der Berliner Zeitung

Und dann sind da noch die Israelis, die dem Chef der Berliner CIA-Station Robert Kirsch (Leland Orser) behilflich sind, weil er doch als Jude einer von ihnen sein sollte, woran sie ihn mehr oder weniger sanft erinnern müssen: Eine Hand wäscht die andere und sowohl gegen die Deutschen, als auch gegen die Islamisten müssen sie doch zusammen halten. Dass es mit den jeweiligen Fronten und Loyalitäten nicht so einfach ist, wird immer wieder und an vielen Stellen gezeigt – insofern ist Berlin Station dann doch wieder komplex genug, um einen fortgeschrittenen Serienjunkie wie mich zufrieden zu stellen. Natürlich geraten hier auch Zivilisten zwischen die Fronten, die eigentlich nur Gutes tun wollten, es gibt eine ganze Reihe bedauerlicher Kollateralschäden.

Steven Frost (Richard Jenkins), Chef der Berlin Station

Steven Frost (Richard Jenkins), Chef der Berlin Station

Wie im wahren Leben ist alles ziemlich komplex – so hat der Islamistische Terror auch in Deutschland mitunter ein weibliches Gesicht und die Haltung Deutschlands in der Flüchtlingsfrage wird natürlich nicht nur von deutschen Rechten und Konservativen instrumentalisiert, um Stimmung gegen die Fremden zu machen, sondern auch findige Terrorunterstützer nutzen Institutionen, die angeblich Flüchtlingen helfen sollen, um Unterstützer des IS-Terrors zu rekrutieren. Gute Absichten werden eben auch von genau den Leuten ausgenutzt, die man eigentlich überhaupt nicht unterstützen wollte. Und umgekehrt: Der von den USA ausgerufene Krieg gegen den Terror mit seinem gnadenlosen Repressionssystem von Blacksites außerhalb der USA führt eben auch dazu, dass aus eigentlich harmlosen Verdächtigen, die zufällig in die Folter-Maschinerie geraten sind, am Ende wirklich Täter werden.

Berlin Station: Immer wieder historische Bilder der Mauer

Berlin Station: Immer wieder historische Bilder der Mauer

Insofern ist Berlin Station trotz kleinerer Schwächen in der Story eine der besseren Spionage-Serien – natürlich gibt es von mir auch einen gewissen Berlin-Bonus. Wobei man wirklich einiges von Berlin sieht, die Stadt ist auch nicht so absurd zusammengeschnitten wie man das von anderen Produktionen kennt, und zwar auch von deutschen Serien und Filmen, in denen die Leute in der U-Bahn am Alexanderplatz aussteigen und dann am Potsdamer Platz oder am Ku’damm rauskommen. Obwohl schon interessant ist, dass die geheimen Wohnungen der CIA durchweg schon Jahrzehnte vor der Wende nicht mehr renoviert wurden. Liebe Amerikaner – es stimmt nicht, dass Berliner Wohnungen alle noch im 70er-Jahre-Stil (oder älter) eingerichtet sind, auch wenn das unter Hipstern vielleicht gerade wieder angesagt ist. Und auch noch ein Tipp für Thomas Shaw: Die Berliner Zeitung kennt außerhalb Berlins kaum jemand – vielleicht beim nächsten Mal doch ganz professionell bei Wikileaks leaken? Oder ein Fake-Account bei Facebook einrichten?

Screenshot Berlin Station: Potsdamer Platz

Screenshot Berlin Station: Potsdamer Platz

House of Cards: Endlich wieder US-Politik ohne Trump

Inzwischen ist die fünfte Staffel von House of Cards auch in Deutschland angelaufen – und ich musste mir die neuen Folgen auch schon wieder komplett reinziehen, denn huijuijui, es geht ziemlich zur Sache. Wir sind ja von den Underwoods schon einiges gewöhnt, aber seit Frank und Claire sich privat wieder angenähert haben und jetzt auch politisch als Präsident und Vizepräsidentin ein Spitzenteam sind, geht es richtig zur Sache. Das Autoren-Team hat jetzt noch mal eine Schippe drauf gelegt – Kevin Spacey witzelte bei Stephen Colbert neulich, dass House of Cards ja wohl viel bessere Autoren hätte als Donald Trump.

Und klar haben die Underwoods mehr drauf als dieser kindische Cholerik-Milliardär, der noch immer glaubt, dass Politik ein Hobby für verzogene Oberschichtgören wäre. Obwohl – das ist sie ja auch. Aber nur in real-existierenden Bonzokratien im Mittleren Osten und Mittleren Westen. Wobei die aktuellen Videos mit Trump als Präsidentendarsteller ja auch nicht schlecht sind – diese erste Kabinettssitzung, die im Grunde nur aus Lobhudeleien der anwesenden Speichellecker bestand, deren Qualifikation für ihre jeweiligen Ministerposten ganz offensichtlich nicht über unbedingte Loyalität zur größten Knallcharge aller Zeiten hinausreichte, ist dermaßen skurril, dass man fast meinen könnte, James Franco und Seth Rogen hätten eine neue Nordkorea-Satire gedreht. Nur dieses Mal eine gute.

Aber zurück zu House of Cards: In dieser Serie gibt es noch immer eine USA, in der wahnsinnig schlaue, gut vernetzte und abgebrühte Vollblutpolitiker die Fäden ziehen, was in der Konsequenz aber auch nicht besser ist – denn beide Underwoods haben bereits Ende der vierten Staffel erkannt, dass Terror ein hervorragendes Mittel sein kann, um Wahlen zu gewinnen, auch wenn es nicht ganz so gut funktioniert, wie sie sich das vorgestellt hatten.

In Anbetracht der Tatsache, dass es für Normalseher jede Woche nur einen Teil gibt und ich einfach keine Zeit habe, für jeden Teil eine Einzelkritik zu schreiben, obwohl sich das durchaus lohnen würde, versuche ich, meine Staffelreview zur Abwechslung mal etwas spoilerfreier als bei mir sonst üblich zu gestalten.

In den vergangen fünf Jahren haben sich sowohl Frank als auch Claire Underwood weiter entwickelt, sie hatten Krisen und Zerwürfnisse, und sie haben sich gegenseitig nichts geschenkt, sondern einander zum Teil sehr heftig bekämpft, bis sie in der vierten Staffel auf die geniale Idee gekommen sind, als Team anzutreten – statt wie bisher gegeneinander. Nur als Team können sie den charismatischen jungen Hoffnungsträger der Republikaner schlagen – doch auch das erweist sich als wesentlich schwieriger als gedacht. Will Conway ist ein republikanischer John F. Kennedy, der all das hat, was Frank und Claire nicht haben – eine blütenweiße Weste nämlich und eine fotogene Familie, einen Freund im Suchmaschinen-Business und eine Affinität zu Social Media, die sich eben auch nur Leute leisten können, die nicht bis zum Hals in allen möglichen Skandalen stecken.

House of Cards: Claire und Frank Underwood Bild: Netflix

House of Cards: Claire und Frank Underwood Bild: Netflix

Dafür ist Frank Underwood bereits der Präsident der USA und er denkt nicht daran, auch nur ein Quentchen seiner Macht aufzugeben. Und so zieht sich der Wahlkampf noch bis tief in die fünfte Staffel hinein – und natürlich bleibt nicht aus, dass Frank und Claire weiterhin ihre Differenzen haben. Trotzdem wissen sie, dass sie einander brauchen – und irgendwann hat Frank eine Erleuchtung. Die dazu führt, dass Claire endlich ans Ruder kommt – ich denke, dass das jetzt keine allzu große Überraschung sein sollte, denn diese Figur wurde ja über die vergangenen Staffeln sorgfältig aufgebaut. Claire hat immer wieder ein überraschendes Eigenleben entwickelt und in dieser Staffel wächst sie tatsächlich über sich hinaus – oder doch eher über Frank, dem sie eine ebenbürtige Partnerin ist. Mit allen Konsequenzen.

Es tauchen auch interessante und zum Teil recht rätselhafte neue Figuren auf – etwa Jane Davis, die stellvertretende Untersekretärin für den Internationalen Handel, die außergewöhnlich gut vernetzt und die den Underwoods, insbesondere Claire, bei der einen oder anderen Sache erstaunlich hilfreich ist. Dafür werden andere verdiente Hauptfiguren wie Doug Stamper überraschend kaltschnäuzig abserviert – selbst wenn sie es am Ende doch irgendwie verdient haben. Das schlimmste an der fünften Staffel ist, dass sie zum Finale hin so viel Spannung auf die nächste Staffel aufbaut – und wir jetzt wieder ewig auf die Fortsetzung warten müssen. Noch gibt es keine offizielle Verlängerung – aber Netflix kann ja nicht alle Serien absetzen. Liebes Netflix – lass uns nicht mit Trump allein!

13 Reasons Why: Tod einer Schülerin

Eine Serie, um die man derzeit kaum herumkommt, ist die Netflix-Serie 13 Reasons Why – die in der deutschen Version schon mit dem typisch doofen deutschen Titel ist „Tote Mädchen lügen nicht“ abschreckt. (Gibt es eigentlich ein Gesetz, nachdem ausländische Produktionen mit möglichst dummen deutschen Titeln versehen werden müssen? Man könnte fast den Eindruck bekommen…) Nun ist eine Teenie-Serie auch sonst nicht unbedingt meine erste Wahl, zumal meine eigenen Kinder schon wieder aus dem Teenie-Alter heraus sind. Und mit der überall gehypten Teenie-Retro-Serie Stranger Things konnte ich ja auch nichts anfangen.

13 Reasons Why - Bild: Netflix

Bild: Netflix

Deshalb hatte ich mir mit 13 Reasons Why Zeit gelassen – aber nachdem mich inzwischen etliche Leute mit einem ungläubigen „Was, das hast du noch nicht gesehen – aber du hast doch Netflix?!“ überraschten, musste ich dann doch mal reinschauen. Zumal weltweit Pädagogen- und Jugendschutzvereine vor dieser Serie gewarnt haben, was mich neugierig machte: Was kann an einer extra für Jugendliche produzierten Jugendserie denn so schlimm sein, dass Teenager sie sich nicht alleine ansehen sollten?

Nun ja, darüber kann man ganz offensichtlich geteilter Meinung sein. Ansehen kann man sie aber auf jeden Fall, denn die Serie ist alles in allem ziemlich gut – auch wenn ich sie nicht dermaßen verstörend finde. Aber klar, ich bin ja auch kein depressiver Teenager mehr. Das ist schon ziemlich lange her – aber an die Zumutungen, Übergriffe und Verletzungen, denen man als junger Mensch in dieser Welt ausgesetzt ist, erinnere ich mich noch immer sehr genau. Genau dieser Aspekt wird in der Serie auch sehr gut beschrieben, und ich finde genau deswegen sollten sich junge Menschen diese Serie ansehen: Hannahs Schicksal ist nämlich kein extremer Einzelfall, sondern grausame Realität für sehr viele, nur dass nicht alle zu dermaßen extremen Konsequenzen greifen, um den Zumutungen, die das Leben vor allem für die eher Stillen und Reflektierten unter uns bereithält, zu entkommen.

13 Reasons Why - Hannah Baker (Katherine Langford) Bild: Netflix

13 Reasons Why – Hannah Baker (Katherine Langford) Bild: Netflix

In den dreizehn Folgen der ersten Staffel (eine zweite wurde bereits in Auftrag gegeben) wird beschrieben, wie sich der Alltag der eigentlich recht hübschen und intelligenten siebzehnjährigen Hannah Baker innerhalb eines Schuljahres zu einem Alptraum entwickelt, aus dem Hannah schließlich keinen anderen Ausweg mehr findet, als diesem unerträglich gewordenen Leben ein Ende zu setzen, um wieder Souveränität über ihre Handlungen und sich selbst zu gewinnen.

Mein wichtigster Kritikpunkt vorab: Ein Mädchen, das so abgebrüht und raffiniert ist, posthum mit einem Karton voller selbstaufgenommener Kassetten das Leben sämtlicher Menschen in seinem Umfeld zu ruinieren, würde nie und nimmer Selbstmord begehen. Insofern ist ausgerechnet der Hauptcharakter der Serie genau betrachtet nicht besonders glaubwürdig. Eine solche Hannah Baker brächte sich höchstens aus Bosheit um, nicht aber aus Einsamkeit und Verzweiflung. Natürlich verstehe ich den dramaturgischen Kunstgriff des Autors – die Serie beruht auf einem in den USA wohl sehr erfolgreichen Jugendbuches von Jay Asher, das vor zehn Jahren erschienen ist. Hannah kommt eine Doppelrolle zu: Einerseits ist sie die allwissende Erzählerin im Hintergrund, die nach und nach die perfiden Mechanismen in ihrer Umgebung aufdeckt, mit denen die einen den anderen das Leben zur Hölle machen.

13 Reasons Why - Clay Jensen (Dylan Minette) Bild: Netflix

13 Reasons Why – Clay Jensen (Dylan Minette) Bild: Netflix

In ihrer anderen, eigentlichen, Rolle ist Hannah das Opfer von leider ziemlich alltäglichen Mobbingroutinen, die durch das ungünstige Aufeinandertreffen von dummen Spielchen und blöden Zufällen allmählich aus dem Ruder laufen. Hannah will in ihrer neuen Schule einfach dazugehören, Spaß mit Freundinnen haben, die große Liebe ihres Lebens finden und irgendwie diese blöde Schulzeit hinter sich bringen – und um dazuzugehören, muss man immer wieder Dinge tun, die man eigentlich gar nicht tun will. Aber da ist dieser ätzende Gruppenzwang. Und es ergeht den anderen ja nicht besser: Sie alle stehen unter dem Druck, ihren jeweiligen Rollen gerecht werden zu müssen. Und das sind ganz unterschiedliche – die Eltern wollen dieses, die Lehrer jenes, die Freunde noch etwas anderes und das kleine, zarte Ich bleibt irgendwie auf der Strecke, sofern es nicht in der Lage ist, die Ziele der anderen zu den eigenen zu machen.

Beim Ansehen dieser Serie fragte ich mich einmal mehr, wie ich eigentlich meine Schulzeit überlebt habe. Die ist zwar mehr als dreißig Jahre her, aber dermaßen viel hat sich offenbar nicht geändert, klar geht es an einer US-Highschool heutzutage ein bisschen anders zu als an einer deutschen Gesamtschule Anfang der 80er Jahre – vor allem sind durch die allgegenwärtigen Smartphones noch ganz neue und sehr effektive Mobbingmethoden dazugekommen. Aber andererseits ist es dann doch nicht so viel anders: Es gibt die coolen Leute, die auf dem Schulhof das Sagen haben und bestimmen, wer dazu gehört und wer nicht, es gibt die Schläger, denen man besser aus dem Weg geht, es gibt die schüchternen und die trotzigen Verlierer, genau wie es die Streber gibt, die in Ruhe gelassen werden, weil sie die Lieblinge der Lehrer sind, und die Opportunisten, die sich geschickt durchwurschteln, gern auch auf Kosten anderer. Und dann gibt es noch die Mauerblümchen, die in Ruhe gelassen werden, weil sie kaum jemand wahrnimmt.

13  Reasons Why - Hannah und die blöden Jungs

Eins zeigt die Serie jedenfalls ziemlich drastisch: Das Leben eines Teenagers kann eine verwirrende und blutige Hölle sein. Da mussten sich die Serienmacher gar nicht viel ausdenken, sondern einfach nur draufhalten. Auch wenn die Handlung insgesamt zuweilen doch etwas überkonstruiert ist – Hannah hat eigentlich nur Pech mit der Auswahl ihrer Freunde und der einzige Junge an der ganzen Schule, der kein komplettes Arschloch ist, kapiert leider erst zu spät, das er Hannah hätte helfen können. Wobei Clay natürlich selbst auch nur ein verwirrter Teenager ist, der mit seinen widersprüchlichen Gefühlen ebensowenig umgehen kann, wie Hannah das konnte. Und Hannah ist manchmal aber auch ganz schon blöd – ab und zu will man sie einfach an den Schultern packen und zusammenstauchen: Liebe Hannah, jetzt krieg dich mal ein, es geht halt nicht immer nur um dich. Du bist nicht am kompletten Unglück der Welt schuld, manchen Dinge passieren eben. Klar hast du das alles nicht verdient, aber es geht nun mal nicht gerecht in der Welt zu. Das ist beschissen und es ist schwer, damit klar zu kommen, aber genau das musst du lernen. Reg dich auf, okay, aber komm wieder runter und mach weiter. Andern geht es genau schlecht so wie dir. Und die erwarten auch nicht, dass die Welt für sie still steht. Die stehen wieder auf und machen weiter.

13  Reasons Why - Jessica Davis (Alisha Boe) Bild: Netflix

Andererseits ist Hannah aber auch nicht nicht dumm, im Gegenteil,  sie beobachtet sehr genau, was um sie herum vor geht und kann das gut in Worte fassen, etwa beim Info-Tag an ihrer Highschool, bei dem verschiedene Institutionen über all die tollen Möglichkeiten informieren, die den Absolventen nach dem Schulabschluss zur Verfügung stehen: „Nachdem uns jetzt jahrelang gesagt wurde, was wir zu denken haben, wann wir aufs Klo dürfen und wie wir uns benehmen sollen, müssen wir plötzlich total wichtige Entscheidungen ganz allein treffen – woher soll ich denn wissen, was ich später einmal machen will?!“ Zumal Hannah auch schnell realisiert, dass die schier unendliche Anzahl der Möglichkeiten schnell dramatisch eingeschränkt wird, wenn man nicht so die superguten Schulnoten und keine reichen Eltern hat.

Hannahs Eltern kämpfen mit ihrem Drugstore ums Überleben – der übermächtigen Walplex mit längeren Öffnungszeiten und niedrigeren Preisen bedroht ihre Existenz, und die feinfühlige Hannah begreift sich als Teil des Problems und nicht der Lösung: Sie will ihren Eltern nicht auf der Tasche liegen. Und Hannah hat eigentlich ganz liebe Eltern, die zwar ihre Probleme haben, aber vieles für ihre Tochter tun würden, wenn sie nur wüssten, was. Das wiederum ist ein Punkt, den ich gut finde: Hier sind es eben nicht die zu ehrgeizigen oder zu gefühlskalten Eltern, die ihr Kind in den Tod treiben, was ja ein gern bemühtes Klischee ist, wenn Kinder nicht so funktionieren, wie die Gesellschaft das gern hätte. Sondern Hannahs eigentlich sehr wohlmeinende Eltern müssen realisieren, dass ihre Tochter trotz aller Elternliebe ein ganz anderes Leben erlebt und erlitten hat, als sie ihr gewünscht hätten.

13  Reasons Why - Hannahs Eltern (Bryan D'Arcy James als Andy Baker und Kate Walsh als Olivia Baker) Bild: Netflix

Und es werden durchaus auch Versager-Eltern gezeigt, etwa die von Justin Foley, dessen unfähige und labile Mutter unter der Fuchtel ihres neuen Freundes steht, der Justin immer wieder bedroht und schikaniert. Der wiederum deshalb auf seinen reichen Freund und Gönner Bryce Walker angewiesen ist, der Justin zwar mit allem versorgt, was er für den Schulalltag so braucht, sich aber nach und nach als das führende Oberarschloch entpuppt, das Hannah in den Tod getrieben hat. Bryce ist eines von diesen Reichen-Kindern, die denken, dass die ganze Welt nur dazu da ist, ihnen den Hintern abzuputzen. Er nimmt sich einfach, was ihm seiner Ansicht nach zusteht und kommt gar nicht auf die Idee, zu fragen, ob das auch okay ist.

Insgesamt werden eine Menge Klischees bemüht, aber letztlich gibt es diese Typen ja alle wirklich, den verständnisvollen schwulen besten Freund Tony, die ehrgeizige Cheerleader-Tussi Sheri, das rebellische Mädchen Skye, das anders als Hannah zu ihrem Anderssein steht, aber auch die heimliche Lesbe Courtney, die lieber Hannah vor den Bus schubst, als zugeben, dass sie nicht der Norm entspricht, von der sie so viel hält, dass sie quasi über Leichen geht, um sie zu erfüllen. Nicht der Norm zu entsprechen, ist eben ein Makel und der haftet so einigen an, etwa dem schüchternen Stalker Tyler, der seine Unfähigkeit, Anschluss zu finden, damit kompensiert, die anderen zu heimlich beobachten, oder dem Polizistensohn Alex, der gern ein Rebell wäre, sich aber nicht traut, einer zu sein – wobei Alex noch einer von denen ist, die zumindest gelegentlich sagen, was sie wirklich denken. Und dann gibt noch die genau wie Hannah am Leben und an den Jungs verzweifelte Jessica, die anders als Hannah zur Flasche statt zur Rasierklinge greift, weil sie nicht damit klar kommt, dass sie auf einer Party missbraucht wurde. Natürlich ist trinken auch keine Lösung, aber immerhin stirbt sie nicht gleich daran, sondern sie (und ihr Freund) bekommen die Chance, diese Sache zu verarbeiten und zu überwinden. Diese Chance hat sich Hannah genommen, in dem sie sich umgebracht hat.

13  Reasons Why -Tony Padilla (Christian Navarro) und Hannah im Ballkleid Bild: Netflix

Selbstmord wird hier keineswegs glorifiziert, es ist halt keine schöne Sache, jemanden umzubringen, auch wenn der Mörder selbst das Opfer ist. Es wird sehr nüchtern gezeigt, wie Hannah das durchzieht – sie zieht sich sogar extra alte Klamotten an, mit denen sie in die Wanne steigt, weil sie offenbar nicht nackt gefunden werden will. Und es tut weh, als sie sich die Unterarme aufschlitzt, sie macht das aber richtig, nicht quer schneiden, sondern längs, und zwar mehrfach, das ist auch mit den Klingen aus dem Drugstore ihrer Eltern nicht so einfach. Bei der Menge an sehr viel blutigeren Morden, die durchschnittliche Teenager in anderen Serien, Filmen oder Videospielen ohnehin bereits gesehen haben, finde ich es ziemlich heuchlerisch, dass gewisse Menschen nun vor Sorge außer sich sind, dass ausgerechnet diese prosaische Szene dazu führen soll, dass sich reihenweise junge Menschen umbringen – klar, es gibt den Werther-Effekt, aber wer sich umbringen will, findet auch ohne diese Serie Anregungen genug. Ich erinnere mich, dass es zu meiner Schulzeit eine ähnliche Diskussion um die ZDF-Serie Tod eines Schülers gab. Der Sechsteiler zeigte die Geschichte eines vielversprechenden Abiturienten, der sich politisch engagiert und damit seine vorgezeichnete Karriere als Mediziner aufs Spiel setzt – und sich am Ende vor einen Zug wirft, weil sein Leben komplett entgleist ist. Für damalige Verhältnisse revolutionär wird die Handlung immer wieder neu aus einer anderen Perspektive erzählt, aus Sicht der Eltern, der Mitschüler, der Lehrer, der Freundin usw. Ich kann mich erinnern, dass ich damals ziemlich beeindruckt war, aber keineswegs den Impuls hatte, mich vor den nächsten Zug zu werfen.

 

13  Reasons Why - Alex Stendall (Miles Heizer) Bild: Netflix

Aber zurück zu 13 Reasons Why: Immerhin zeigt diese Serie, und vor allem der Teil nach Hannahs Selbstmord, nämlich auch, dass es zahlreiche und sehr einfache Möglichkeiten gibt, es gar nicht so weit kommen zu lassen – in dem man anderen anvertraut, dass es einem gerade nicht gut geht. In dem man genauer hinhört, wenn jemand um Hilfe bittet. In dem man mal nachdenkt, was man da eigentlich tut, wenn man sich über jemand lustig macht. In dem man eingreift, wenn man das Gefühl hat, dass irgendwas nicht stimmt. Hannah wäre vermutlich zu helfen gewesen, wenn irgendwer in ihrem Umfeld ein bisschen aufmerksamer, ein bisschen hartnäckiger gewesen wäre. So ziemlich jeder hätte etwas tun können, hat es aber aus unterschiedlichsten Gründen unterlassen.

Aber letztlich war es eben doch Hannahs Entscheidung, ihr Ding durchzuziehen. Und es wird keineswegs gesagt, dass eine gute Entscheidung oder gar die einzige Lösung gewesen wäre. Sondern es wird ziemlich gut beschrieben, wie ein Mensch überhaupt in eine ausweglos scheinende Sackgasse gerät: Leben ist scheiße. Aber man hat halt kein anderes – also bleibt nur zu versuchen, das beste draus zu machen.

Fauda: Chaos auf beiden Seiten

In Sachen Serien sollten sich unsere Serienmacher die Israelis zum Vorbild nehmen – die trauen sich nämlich tatsächlich was. Ich war ja schon von der Homeland-Vorlage Hatufim sehr angetan – die Serie Fauda ist allerdings noch einiges krasser. Was natürlich auch daran liegen mag, dass der Alltag in Israel und den Palästinensergebieten auch viel krasser ist – zwar bekommt man hierzulande durch die Anschläge islamistischer Attentäter in Berlin und in Bayern zumindest eine Ahnung davon, wie sich das Leben auf dem Pulverfass anfühlen mag, aber gemessen an der Lage im Nahen Osten leben wir noch immer in einer sehr friedlichen Komfortzone.

Ganz anders die Lage im gelobten Land: Dabei könnte es auch dort richtig schön sein, wie die täuschende Idylle nahelegt, die zunächst gezeigt wird: Das warme Licht der mediterranen Nachmittagssonne scheint durch freundliches Grün, wir sind auf dem Weingut von Doron Kavillio (Lior Raz), der nach seiner Karriere beim Geheimdienst ein neues Leben mit Frau und Kindern begonnen hat. Doch Dorons Vergangenheit holt ihn schnell ein, denn er bekommt unerwarteten Besuch:  Sein ehemaliger Vorgesetzter  Mickey Moreno (Yuval Segal) kommt vorbei und sagt ihm, dass Abu Ahmad lebt.

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Doron kann nicht fassen, was er da hören muss – er selbst hat den Terroristen doch umgebracht! Zur Belohnung durfte er sich zur Ruhe setzen – und er hat sich hoch verschuldet, um neu anzufangen. Doch der Panther, wie Abu Ahmad auch genannt wird, hat irgendwie überlebt. Er hat das Leben von 116 Israelis auf dem Gewissen – doch der Anschlag, den Doron ausgeführt hat, ist offenbar fehl geschlagen.

Das trifft ihn persönlich, also steigt Doron wieder ein. Mit seinem Anti-Terrorteam von damals, das weiterhin verdeckte Operationen in den Palästinenser-Gebieten durchführt. Gemeinsam mit seinen alten Teamkameraden will Doron seinen Auftrag zu Ende bringen – er will Abu Ahmad kriegen, tot oder lebendig. Keine Frage, dass Dorons Familie wenig begeistert über diese Wendung ist. Doch das ist erst der Auftakt für zwölf Folgen harte Kost, die beide Seiten des Nah-Ost-Konflikts gnadenlos beleuchtet.

Fauda ist das arabische Wort für Chaos. Und die Leute in Dorons Team können alle perfekt Arabisch – sonst wäre es schwer möglich, die palästinensische Seite zu unterwandern. Doch auch die Palästinenser haben ihre Leute auf der anderen Seite, die sich als Juden ausgeben. Denn letztlich sind sie ja gar nicht so unterschiedlich – und doch stehen sich beide Seiten unversöhnlich gegenüber und trachten danach, einander möglichst effektiv umzubringen.

Doron also steigt in eine verdeckte Operation im Feld ein, das ist eigentlich seine Spezialität: Er gibt sich als Palästinenser aus, er kennt diese Sprache und Kultur in-und-auswendig. Mit einem Kollegen schleicht er sich auf der Hochzeit von Abu Ahmads kleinem Bruder ein – der Panther wird sich nicht nehmen lassen, bei dieser großen Familienfeier zu erscheinen. Doch die Nummer geht total schief und Doron fliegt auf. Schlimmer noch: In dem ganzen Chaos wird der Bräutigam erschossen und ein Teamkamerad schwer verletzt. Zurück bleibt die mit dem Blut ihres Bräutigams bespritzte Braut, die auf Rache sinnt: Ihr Leben ist jetzt in jeder Beziehung ruiniert.

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Zumindest sieht sie das so, auch wenn der Scheich ihr gut zureden will – sie könne doch einen anderen Mann finden und eine Familie haben. Aber sie will lieber Rache nehmen und als Märtyrerin sterben. Wie so viele, die keine Zukunft mehr für sich sehen. Doch auch bei den Israelis spitzen sich die Dinge zu – Dorons Frau Gali hat eine Affäre mit Naor, der seinem Teamchef eigentlich den Rücken frei halten sollte. Und noch verzwickter: Zum Anti-Terror-Team gehört auch noch Dorons Schwager Boaz, der ein junger Hitzkopf ist, der das Team unbeabsichtigt immer wieder in Gefahr bringt. Und wie sich herausstellt, auch die schöne junge Frau, in die er sich gerade verliebt hat. Weil die Gegenseite ein Streichholzbriefchen von dem Club in Tel Aviv, in dem Boaz gern feiert findet, wird der das nächste Ziel für ein Attentat. Und Boaz neue Freundin arbeitet ausgerechnet dort. Keine Frage, das geht wieder nicht gut aus.

Und alle verlieren dabei – Isrealis und Palästinenser, beide Seiten provozieren mit ihren Aktionen immer neuen Terror und immer neue Vergeltungsschläge. Auch wenn die Israelis technisch weit überlegen sind – zwischendurch werden immer wieder Drohnenaufnahmen eingeblendet, die die jeweiligen Orte der Handlung aus der Perspektive der Drohnenpiloten zeigen – natürlich werden die besetzten Gebiete ständig und engmaschig überwacht. Genau diese Überwachungsmaßnahmen fordern aber auch Widerstand und Gegenmaßnahmen heraus, weil sich die auf diese Weise gegängelten Menschen ja irgendwie wehren wollen und müssen.

Und auch die, die nicht machen wollen, können sich nicht entziehen: Auf palästinensischer Seite zwingt ein Getreuer von Abu Ahmad seine Cousine, die Ärztin Shirin El Abed, für die Terroristen zu arbeiten, obwohl sie das nicht will und deren Aktionen nicht gutheißt. Aber weil sie das Leben ihrer Angehörigen nicht aufs Spiel setzen will, tut sie, was die Terroristen von ihr verlangen. Dumm nur, dass sie sich ausgerechnet auf ein Techtel-Mechtel mit diesem netten Patienten einlässt, den sie neulich behandelt hat – denn der freundliche Palästinenser ist ausgerechnet Doron, der unbedingt herausfinden muss, wo sich Abu Ahmad befindet. Genau das ist Fauna: Chaos, es wird unmöglich zu sagen, wer gut und wer böse ist, jede Entscheidung, die getroffen wird, ist verhängnisvoll.

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Fauda wurde 2015  vom israelischen TV-Sender Yes Oh ausgestrahlt. Derzeit ist Fauda auf Netflix zu sehen – auch in Deutschland können die 12 Folgen im Original auf Hebräisch und Arabisch mit Untertiteln angesehen werden, es gibt aber auch eine deutsche Fassung. Netflix hat sich inzwischen die Rechte an Fauda gesichert und soll bereits eine zweite Staffel produzieren. Was mir an Fauda besonders gefällt, ist, dass es eigentlich keine Helden gibt – sämtliche Protagonisten haben ihre Gründe für ihre Handlungen, aber es sind keine guten. Es gibt keine richtigen und keine einfachen Lösungen, jeder versucht, aus dem, was passiert, irgendeinen Vorteil zu ziehen, was aber oft schief geht.

Während die Israelis immer bemüht sind, ihre humanitäre Seite herauszukehren – so versorgen sie die kleine Tochter von Abu Ahmad, die vom Anti-Terror-Team entführt wurde, um damit ihren entführten Kameraden freizupressen, was natürlich auch wieder misslingt – im besten israelischen Krankenhaus, weil sie beim verpatzten Austausch verletzt wurde. Das ist gut für die Weltöffentlichkeit – aber bei den Palästinensern machen sie damit keinen Stich. Die haben tatsächlich kein anderes Mittel mehr als Terror, wenn sie nicht einfach fressen wollen, was ihnen diktiert wird. Und warum sollten sie das wollen?! Die Situation ist mehr als kompliziert, sie ist nicht auszuhalten. Fauda eben.

Interessanterweise ist Fauda nicht nur in Israel sehr erfolgreich gewesen, sondern auch in arabischen Ländern – in einem Interview mit Autor und Hauptdarsteller Lior Raz habe ich gelesen, dass er Zuschriften von von arabischen Zuschauern bekommen habe, die schrieben, dass sie zum ersten Mal Mitgefühl für die israelische Seite aufbringen konnten. Genauso habe er von rechtsgerichtete Israelis gehört, dass sie für die palästinensische Seite Verständnis bekommen hätten – irgendwas haben die Serienmacher also richtig gemacht.

Liors Vater kommt aus dem Irak, seine Mutter stammt aus Algier – er ist mit Arabisch als Muttersprache aufgewachsen und liebt nach eigener Aussage die arabische Sprache und Kultur. Trotzdem hat er in einer Spezialeinheit der Israelische Armee gegen die Palästinenser gekämpft, er beschreibt in der Serie genau das, was er erlebt hat. Vermutlich ist Fauda deshalb so authentisch.

Berlin spielt übrigens auch eine Rolle – die Familie von Abu Ahmad hat nämlich deutsche Reisepässe und soll sich in Berlin in Sicherheit bringen – und ausgerechnet der israelische Kontaktmann vom Geheimdienst überreicht die Pässe, damit sie dorthin fliehen können. Ich muss gestehen, dass ich nicht alles, was in der Serie passiert ist, komplett durchschaut habe, denn immer wieder handeln die Protagonisten nicht so, wie man erwarten würde.

Aber mir gefällt das. Und Deutschland hat in der Vergangenheit nun wirklich keine tolle Rolle bei der Völkerverständigung gespielt -die Vorstellung, dass sich sowohl Israelis als auch Palästinenser in Berlin einfach mal von ihrem Stress zuhause erholen und chillen können, und vielleicht auch mal miteinander anstoßen, finde ich gut.

Erzählung oder Leben: The OA

Normalerweise veranstaltet Netflix um neue Serien immer ein ziemliches Brimborium – bei The OA hingegen gab es nur wenige Tage vor dem tatsächlichen Start eine schlichte Ankündigung. Was eine ziemlich gute Idee war: Je weniger man über diese Serie weiß, desto eher kann man sich darauf einlassen. Auch wenn ich das jetzt durch meinen dringend notwendigen Jahresend-Urlaub mit einiger Verspätung getan habe.

The OA ist endlich genau das, worauf ich in der Serien-Saison 2016 sehnlichst gewartet habe – eine neue Serie nämlich, die nicht so ist wie irgendeine andere, die man schon kennt, nur eben neu erzählt. Und obwohl The OA eindeutig eine Mystery-Serie ist, also in einem Genre angesiedelt, in dem ich sonst nicht zuhause bin – Stranger Things beispielsweise ist überhaupt nicht mein Ding – fand ich The OA dann doch so spannend, dass ich bis zum Ende der Geschichte dabei bleiben musste – was sich absolut gelohnt hat.

The OA - Bild: Netflix

The OA – Bild: Netflix

Die Geschichte der Prairie Johnson (Brit Marling), einer jungen Frau, die sieben Jahre nach ihrem rätselhaften Verschwinden wieder auftaucht und sich sehr merkwürdig benimmt, ist ein Produkt des Independent-Gespanns Brit Marling und Zat Batmanglij, die unter anderem auch für den Ökothriller The East verantwortlich zeichnen. The East beispielsweise fand ich richtig gut, weshalb ich mich auch auf The OA eingelassen habe, obwohl ich durchaus ein Problem mit den Ausflügen ins Esoterische hatte – ich glaube definitiv nicht an Engel und auch nicht an ein Leben nach dem Tod. Schon gar nicht in dem Sinne, dass wir im Jenseits mit dem Einzug ins Paradis belohnt werden, wenn wir das Jammertal des irdischen Lebens klaglos und demütig durchschritten haben. Oder eben in der Hölle landen, wenn wir nicht brav gewesen sind. Dann doch lieber reales Opium. Aber dass es Dimensionen jenseits von Zeit und Raum gibt, halte ich für erwiesen, und auch, dass Menschen in der Regel ziemlich blöd sind, insbesondere, wenn es darum geht, Dinge zu akzeptieren, die sie aus welchen Gründen auch immer nicht mögen. Ich schließe mich da nicht aus.

In The OA also geht es um grundlegende Fragen der menschlichen Existenz: Wo liegt die Grenze zwischen Leben und Tod? Was darf Wissenschaft? Was ist der Sinn des Lebens bzw. dessen, was Menschen erleiden? Gleichzeitig werden aber auch die typisch menschlichen Schwächen und Stärken betrachtet: Der Wunsch, geliebt zu werden, Missgunst und Eifersucht, das Bestreben, dem eigenen Leben einen Sinn zu geben, sich einem höheren Ziel zu verschreiben, sich abzugrenzen, unbedingt dazu gehören zu wollen – die Gemeinschaft und die Notwendigkeit gemeinschaftlichen Handelns sind ebenfalls wichtige Aspekte der Geschichte, die, das fällt mir gerade auf, eine ganze Reihe schräger Außenseiter versammelt, die alle mehr oder weniger verzweifelt versuchen, ihren Platz dieser Welt zu finden, was ihnen nicht leicht gemacht wird. Aber diese Welt und das Leben darin ist halt kein Ponyhof. Was einerseits eine Binsenweisheit ist, andererseits aber genau die tägliche Herausforderung, der sich jeder Mensch immer wieder zu stellen hat.

Es gibt schon gewisse Parallelen zu Mr. Robot – die zweifelsohne mit besonderen Begabungen ausgestattete Hauptperson, ist auch hier im wörtlichen Sinne die Erzählerin der Serie, nur dass sie nicht wie Elliot aus dem Off erzählt, sondern eine Gruppe zufällig zusammengewürfelter Typen um sich versammelt, denen sie ihre Geschichte erzählt und sie damit für ihre eigentliche Mission rekrutiert, von der allerdings nicht klar ist, worin sie tatsächlich bestehen wird. Wobei, in gewisser Weise gibt es gleich zwei Varianten von fsociety: Einerseits die vom besessenen Forscher Dr. Hunter Hap (Jason Isaacs) entführten und jahrelang gefangen gehaltenen Versuchspersonen für seine Nahtod-Forschung, die Prairie überzeugt, dass sie nur gemeinsam entkommen können, andererseits die Freiwilligen, die Steve anschleppt, um seinen Teil einer Abmahnung zu erfüllen. Die dann aber tatsächlich freiwillig zu den Sessions mit The OA kommen, wie Prairie, die eigentlich Nina heißt, sich selbst bezeichnet.

Sie haben sehr unterschiedliche Motive, da ist Steve, der ein guter Sportler ist, sich aber nicht beherrschen kann und wegen seiner gewalttätigen Übergriffe auf Mitschüler in ein Bootcamp geschickt werden soll, Jesse, über den leider gar nicht viel gesagt wird, außer, dass er eigentlich für alles zu klein ist, Alfonso aka French, formal ein Latino-Streber, der aber den Druck, sich um seine Familie zu kümmern und gleichzeitig ein Spitzenschüler zu sein, nur mit Drogen aushält, Buck Vu oder eigentlich Michelle, die viel lieber ein Junge wäre und Betty Broderick-Allen, Steves Klassenlehrerin, die sich nach einem Gespräch mit The OA, die Betty für Steves Stiefmutter hält, wieder daran erinnert, warum sie Lehrerin geworden ist. Sie alle sehnen sich danach, anerkannt zu werden und das Richtige zu tun. Und, so viel muss ich jetzt doch verraten, tun sie das letztlich auch, obwohl alles ganz anders kommt.

Denn mit der Zeit fragt man sich, ob Prairie einfach nur komplett durchgeknallt ist, und alles, was sie erzählt, nur erfindet, oder ob sie all das wirklich erlebt hat und deshalb ein bisschen verrückt ist, was durchaus zu verstehen wäre, bei all dem, was sie in den vergangenen Jahren durchgemacht haben muss. Letztlich ist das auch egal, mir hat die Serie insgesamt gut gefallen, weil sie eben nicht versucht, mit einem absurden Aufwand zu bestechen, was in anderen Fällen, etwa bei Westworld oder bei Sense8 dann auch wieder Spaß macht, sondern gerade auch als Kammerspiel durch die klaustrophobische Enge der Schauplätze – ein geheimes Labor in einer stillgelegten Mine, der Dachboden einer Bauruine in einem US-Vorort – beklemmende Intensität entwickelt.

The Expanse: Underdogs auf Raumstation

Netflix hat seit ein paar Tagen The Expanse im Angebot – und auf neue Science-Fiction-Serien bin ich immer sehr neugierig – leider gibt es nicht sehr viele, die ich gut finde. Bei The Expanse bin ich mir auch noch nicht ganz sicher – die Geschichte an sich ist schon ziemlich gut, das Ambiente ist Blade-Runner-mäßig düster, was ich auch gut finde, es gibt auch interessante Charaktere. Aber die könnten noch interessanter sein, wenn sie nicht immer tun würden, was man von ihnen erwartet. Und weil vieles so erwartbar ist, gibt es immer wieder Passagen, die ich nicht besonders überzeugend finde, weil ich das Gefühl hatte, sie in anderen Serien und Filmen schon ein Dutzend Mal gesehen zu haben – und zwar in durchaus besseren Varianten.

The Expanse Bild: syfy.com

The Expanse Bild: syfy.com

Aber es ist ja auch schwierig, sich immer wieder etwas Neues einfallen zu lassen. Vermutlich werden alle, die die Western-SciFi-Serie Firefly nicht gesehen haben, weniger streng mit The Expanse sein, denn es erinnert mich verdammt viel an Firefly – schließlich geht es auch hier um die Besiedlung des Sonnensystems, in dem eben andere Regeln herrschen als auf der Erde. Und es gibt eine kleine Crew, die zu bedingungsloser Zusammenarbeit verdammt ist, wenn sie im feindlichen Weltall überleben will, auch wenn sich die Mitglieder in vielerlei Hinsicht nicht grün sind. Und dann gibt es natürlich jede Menge Interessenkonflikte und Ungerechtigkeiten, die irgendwie gehandelt werden müssen, von den typischen Weltraumpannen mal ganz abgesehen.

The Expanse ist allerdings deutlich komplexer angelegt als Firefly – das war ja eine klassische Serie, in der die Crew der Serenity in jeder Folge ein neues Abenteuer zu bestehen hatte, The Expanse dagegen spannt einen Handlungsbogen über die komplette Staffel von zehn Teilen und, was einem zum Schluss am Haken halten soll, auch darüber hinaus – klar warte ich jetzt auch auf die nächste Staffel, schon weil man mit dem Ende der ersten Staffel nicht glücklich werden kann. Doch worum geht es eigentlich?

The Expanse: Die Crew der Canterbury: Naomi Nagata (Dominique Tipper), Amos Burton (Wes Chatham), Alex Kamal (Cas Anvar), Shed Garvey Paulo Costanzo und James „Jim“ Holde (Steven Strait) Bild: syfy.com

The Expanse: Die Crew der Canterbury: Naomi Nagata (Dominique Tipper), Amos Burton (Wes Chatham), Alex Kamal (Cas Anvar), Shed Garvey Paulo Costanzo und James „Jim“ Holde (Steven Strait) Bild: syfy.com

Die Menschen auf der hoffnungslos übervölkerten Erde haben ihren Planeten in der Vergangenheit zwar nachhaltig ruiniert, es aber trotzdem hingekriegt, nicht auszusterben und außerdem noch den Mars zu besiedeln. Und das Sonnensystem bis zu jenem Asteroidengürtel zu erschließen, der sich zwischen den Planeten Mars und Jupiter befindet. Dort kreisen neben den Zwergplaneten Ceres, Pallas, Juno und Vesta mehrere Hunderttausend Asteroiden um die Sonne, auf denen es alle möglichen Rohstoffe gibt, die von Erde und Mars dringend benötigt werden.

Auf den Raumstationen jenes Gürtels leben die Gürtler (im englischen Original Belter) unter elenden Bedingungen: Anders als die Terraner, die das Privileg hatten, unter artgerechten Bedingungen auf der Erde aufzuwachsen, leiden die Gürtler nicht nur unter miesen Arbeitsbedingungen, denn selbstverständlich sind sie in erster Linie dazu da, in den Minen auf den jeweiligen Asteroiden zu schuften. Sie haben auch zahlreiche Krankheiten und Gendefekte, weil sie ohne Sonnenlicht, frische Luft und sauberes Wasser existieren müssen, von der fehlenden Schwerkraft gar nicht zu reden.

The Expanse: Detective Josephus „Joe“ Miller (Thomas Jane) und Dmitri Havelock (Jay Hernandes) Bild: syfy.com

The Expanse: Detective Josephus „Joe“ Miller (Thomas Jane) und Dmitri Havelock (Jay Hernandes) Bild: syfy.com

Vieles davon haben sie mit den Marsianern gemeinsam, die ebenfalls in Raumstationen leben – Wälder und Ozeane oder gar eine für Menschen verträgliche Atmosphäre gibt es auf dem Mars noch immer nicht. Aber die Marsianer waren offensichtlich besser auf Zack als die Gürtler und haben es geschafft, sich von der Erde zu emanzipieren – wobei, vermutlich wurden eben nur die besten der Besten zum Mars geschickt, um das Überleben der Menschheit unabhängig von der Erde zu garantieren. Und der Gürtel kam erst später – und dort wurden eben Arbeitskräfte gebraucht und keine mutigen Pioniere, die neue Welten erobern.

Wobei es auch die weiterhin gibt, in einem Nebenhandlungsstrang geht es um ein gigantisches Raumschiff, das im Asteroidengürtel gebaut wird, das sich auf eine hundertjährige Reise zu einer neuen Welt begeben soll – Auftraggeber sind ausgerechnet die Mormonen. Ja, jene US-Sekte, diese Heiligen der letzten Tage und das Schiff heißt Nauvoo, wie jene Stadt in Illinois, die die Mormonen aufkauften, weil sie in Missouri nicht bleiben konnten. Lustigerweise hieß der Ort früher Commerce, aber das hat mit The Expanse eigentlich nichts zu tun. Oder vielleicht doch?

The Expanse: Die verschwundene Juliette „Julie“ Andromeda Mao (Florence Faivre) Bild: syfy.com

The Expanse: Die verschwundene Juliette „Julie“ Andromeda Mao (Florence Faivre) Bild: syfy.com

Wie auch immer, die Marsianer jedenfalls sind allesamt bereit, sich für ein größeres Ganzes zu opfern und dazu auch noch intelligent und effektiv, so dass sie eine eigene Militärmacht aufbauen konnten, die derjenigen ihres einstigen Heimatplaneten trotzen kann – und möglicherweise sogar überlegen wäre, wenn es zu einem Krieg zwischen Erde und Mars kommen sollte. Auf der Erde herrscht inzwischen die UN, die so etwas wie eine Weltregierung für das gesamte Sonnensystem sein möchte. Das klingt einerseits ganz nett: Endlich eine Weltregierung! Doch wie das so ist, eine Regierung ist eben eine Regierung und die vertritt die Interessen der Mächtigen und nicht die der kleinen Leute. Etwa der Gürtler, an die unter den Sparmaßnahmen der Geschäftemacher von der Erde besonders leiden. Aber sie haben damit begonnen, sich zu organisieren und sie haben die OPA gegründet, die Outer Space Alliance, eine militante Gruppe, die für die Interessen der Gürtler eintritt.

Die UN bekämpft diese Aktivisten mit allen Mitteln, das sind nämlich fiese Terroristen, die gegen die Interessen der Erde kämpfen. Die da sind, mit möglichst wenig Aufwand möglichst viel aus den Gürtlern herauszuholen. Und wenn dann der Wassertransporter von der Erde nicht kommt oder die versifften Luftfilter noch einmal recycelt werden, obwohl jetzt schon keiner mehr atmen kann, dann werden eben ein paar Sicherheitskräfte mehr angeheuert, um Ordnung zu schaffen. Weil das viel billiger ist, als frische Luft und frisches Wasser für alle.

The Expanse: Überleben im Weltraum - es lebe die Bastellösung! Bild: syfy.com

The Expanse: Überleben im Weltraum – es lebe die Bastellösung! Bild: syfy.com

Unter diesen Bedingungen ermittelt Detective Joe Miller in einem eigenartigen Vermisstenfall. Miller ist selbst ein Gürtler, er ist auf Ceres aufgewachsen und kennt nichts anders. Allerdings arbeitet er für Star Helix Security, eine private Sicherheitsfirma, die Polizeiaufgaben auf Ceres wahrnimmt. Miller nimmt Bestechungsgelder an und gilt unter den aufrechten Gürtlern als Verräter. Offenbar ist er aber gut in seinem Job, weshalb er beauftragt wird, Juliette Andromeda Mao zu finden, eine junge Terranerin, die aus einer einflussreichen Familie stammt. Wie sich noch herausstellen wird, hat sich Julie der OPA angeschlossen und kämpft für die Rechte der Gürtler, was ihrer Familie überhaupt nicht gefällt.

Julies Spur kreuzt sich mit der des Raumfrachters Canterbury, der Eis nach Ceres bringen soll. Die Canterbury empfängt einen Notruf von der Scopuli. Die Mannschaft tendiert dazu, diesen Notruf zu ignorieren, weil dieser Umweg Zeit und Energie kostet, und niemand weiß, was sie letztlich erwartet. Der erste Offizier der Canterbury, James Holden, entscheidet allerdings, der Sache nachzugehen. Eine kleine Mannschaft von Freiwilligen benutzt eine Fähre der Canterbury, um zu dem verlassenen Schiff abzubrechen, von dem der Notruf kam – und das stellt sich für die Crew der Fähre als Glücksfall heraus, denn wie aus dem Nichts taucht ein unbekanntes Kriegsschiff auf und zerstört die Canterbury.

The Expanse: Detective Miller bei der Arbeit Bild: syfy.com

The Expanse: Detective Miller bei der Arbeit Bild: syfy.com

Das Ausbleiben des Eisfrachters verschärft die Situation auf Ceres, wo Miller nicht nur dem Fall der verschwundenen Julie, sondern auch Wasserdiebstählen nachgeht – er erwischt ein paar dumme Kids, die mit dem abgezapften Naß auf einen schnellen Extraverdienst hoffen. Außerdem ging auf Ceres der Notruf von Holden ein – der indirekt die Marsianer beschuldigt, die Canterbury zerstört zu haben, schließlich deutet das, was sie bei ihrer Mission herausgefunden haben, auf eine Beteiligung der Marsianer hin. Das führt zu gewaltsamen Protesten gegen den Mars – offensichtlich will jemand einen Krieg zwischen Erde und Mars anzetteln.

Und dann gibt es ja noch die OPA – und es stellt sich heraus, dass die Ingenieurin Naomi Nagata, die sich mit Holden an der Rettungsaktion beteiligt hat, der OPA nahesteht. Und damit nicht genug erweist sich Alex Kamal, ein Schiffsführer von der Canterbury, der die Rettungs-Fähre geflogen hat, als Marsianer. Denn der Notruf der Canterbury-Überlebenden wird von dem marsianischen Flaggschiff Donnager empfangen, dem sich die vier Überlebenden der Canterbury schließlich ausliefern. Der vierte Mann ist übrigens Amos Burton, ein schießwütiger Mechaniker. Aber es gibt auch ein paar Charaktere, die weniger holzschnittartig angelegt sind – der Gürtler Miller ist eigentlich ein ganz cooler Typ.

The Expanse: Julies letzte Zuflucht Bild: syfy.com

The Expanse: Julies letzte Zuflucht Bild: syfy.com

Doch, alles in allem ist das eine der besseren Science-Fiction-Serien, auch wenn ich (noch) nicht richtig begeistert bin. Aber vielleicht wird das ja noch – nächstes Jahr kommt die zweite Staffel. Auf jeden Fall gibt es schrammelige Raumstationen, beeindruckende marsianische Militärtechnik und coole Handys haben sie auch auf Ceres – die auch schon mal einen Sprung im Display haben, schließlich wird die Technik richtig beansprucht. Das gibt auf jeden Fall Bonuspunkte.