Robocop reloaded – die Zukunft hat längst begonnen

So, jetzt hab ich ihn endlich gesehen, den neuen Robocop und bin erleichtert: Es ist ein durchaus gelungener Film, in dem die Geschichte des Polizisten Alex Murphy und seiner Verwandlung in eine Maschine neu erzählt wird. Das Gemecker in einschlägigen Foren, wie man denn überhaupt wagen könne, Robocop neu zu verfilmen, und dann noch mit so einem dahergelaufenen Schweden, wo doch Peter Weller der einzig wahre Robocop sei, kann man getrost vergessen. Wobei Peter Weller natürlich ein fantastischer Robocop war. Aber Joel Kinnaman ist halt auch ein großartiger Robocop.

Ich muss natürlich zugeben, dass Joel Kinnaman für mich sogar ein entscheidendes Extra an dem Film ist und hoffe sehr, ihn jetzt häufiger in guten Filmen zu sehen. Denn obwohl ich das meiste, was ich bisher von ihm gesehen habe, ziemlich bis sehr gut fand, ist auch ein Joel Kinnaman keine Allzweckwaffe gegen schlechte Filme. The Darkest Hour beispielsweise ist einer der schlechtesten Science-Fiction-Filme, die ich je zu sehen versucht habe – ich habe den nicht bis zum Ende durchgehalten, weil er einfach zu öde war. Der spielt in der Liga von Independece Daysatster, den ich auch einfach zu schlimm fand, um ihn durchzuhalten. Dabei schaue ich mir eigentlich gern auch trashiges Zeugs an, und ruhig auch total schrägen, gewalttätigen Gaga-Trash wie Machete Kills und so weiter. Aber es gibt halt in jedem Genre bessere und schlechtere Filme. Und so hatte ich schon etwas Bedenken, dass es mit der Neuverfilmung von Robocop schief gehen könnte. Ging es aber nicht.

Was stimmt, ist, dass der neue Robocop weitgehend humorfrei ist. Das Original von Paul Verhoeven ist ja quasi schon seine eigene Satire, was eine echte Meisterleistung war und ist – dieser beißende, schwarze und abgründige Humor ist DAS Markenzeichen von Verhoeven-Filmen. Hier haben wir aber einen José-Padilha-Film. Der Brasilianer ist von Haus aus ein Dokumentar-Filmer, und zwar ein kritischer, der sich für Themen wie Gewalt, Drogen, Korruption und so weiter interessiert, weshalb ich sehr gespannt war, wie er einen Stoff wie Robocop angehen würde.

Was auch stimmt, ist, dass dem Film der Superbösewicht Clarence Boddicker samt seiner brutale Gang abhanden gekommen ist – was ich keineswegs als Verlust empfinde. Mir gehen diese dämonischen Superbösewichte ohnehin auf die Nerven, weshalb ich auch kein großer Fan von Psychopathen-Filmen bin – das ist nicht die Art des Bösen, die mich interessiert. Viel spannender als jeden superperversen Totalspychopathen finde ich die „normalen“ Psychopathen, selbstbezogene Chefs, entgleiste Underdogs, die irgendwann einfach den Kanal voll haben und abdrehen, und dann natürlich die ganze Palette des trivialen Bösen wie halt korrupte Bullen oder gierige Aufsteiger, Menschen eben, die kriminelle Dinge tun, weil sie sich irgendeinen Vorteil davon versprechen und nicht weil sie so furchtbar böse sind. Die meisten Verbrechen geschehen ja nicht, weil jemand einfach böse sein will, sondern weil es auf legale Weise halt unheimlich mühsam ist, seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. All das wird in Robocop so natürlich nicht thematisiert, da geht es schließlich um die Verbrechensbekämpfung und wie man die möglichst effektiv gestalten kann. Und natürlich gibt es mit dem Waffenhändler Antoine Vallone auch noch einen Verbrecher, und zwar einen, der den engagierten Bullen Alex Murphy aus dem Weg haben will, weil er weiß, dass Murphy und sein Partner Jack Lewis (gespielt von Michael K. Williams, bekannt als Omar Little aus The Wire) ihm auf der Spur sind. Aber der ist halt ein normaler Gangster mit guten Verbindungen und kein durchgeknallter Psychopath.

Und es geht um Kapitalismus – der auch gar nicht infrage gestellt wird. Padilha, der Dokumentarfilmer, zeigt einfach, wie er funktioniert. Da ist der Hightech-Konzern Onmicorp, der weltweit seine Produktions- und Testzentren hat und einen Haufen Geld verdienen will. Onmicorp beliefert das US-Militär mit Drohnen und Robotern, die überall in der Welt für Ordnung und Sicherheit sorgen, ohne dass dabei das Leben von US-Soldaten gefährdet wird. Dass nicht allen Menschen in den besetzten, äh, befreiten, befriedeten Ländern das gefällt, wird gleich am Anfang klar, als ein Kommando von Selbstmordattentätern in Teheran einen Anschlag auf einige dieser Militär-Roboter verübt – nur, um damit ins Fernsehen zu kommen. Um zu zeigen, dass es Widerstand gibt. Und als einer der angegriffen Roboter ein mit einem Messer bewaffnetes Kind erschießt, wird die Liveschaltung in die USA unterbrochen. Denn eigentlich sollte das ja eine Werbesendung für die Omnicorp-Produkte sein. Und keine Kritik daran, zu der dieser Fernsehbeitrag nun zu mutieren droht.

Denn die ganzen schönen Omnicorp-Roboter dürfen in den USA nicht eingesetzt werden, weil man dort ethische Probleme damit hat, wenn Maschinen und nicht Menschen den Abzug betätigen. Auch wenn es die Menschen sind, die ständig Fehler machen. Omnicorp ist versessen darauf, den lukrativen Heimatmarkt endlich mit seinen Produkten ausstatten zu können. Die Vorstandsetage wird ganz wuschig, als sie ausgerechnen lässt, wieviele Millionen der Firma durch dieses unsinnige Gesetz, das bezeichnenderweise Dreyfuss Act heißt, jeden Tag, den es noch gilt, entgehen. Der Dreyfuss Act muss weg, soviel ist klar. Und Omnicorp braucht ein Produkt, das irgendwie menschlich ist, ohne dass der menschliche Faktor stört. Und der wird aus den menschlichen Überresten von Alex Murphy nach und nach heraus optimiert.

Es stellt sich nämlich schnell heraus, dass die vollautomatischen Roboter, die in den Tests gegen Robocop antreten, einfach effektiver sind. Sie denken nicht, sie handeln gemäß ihres Programms. Sie sind im Grunde das, was der klassische Robocop war: „Er hat keinen Namen, er hat ein Programm.“ Aber der neue Robocop wurde ja extra geschaffen, um nicht nur Programm zu sein, sondern eben ein überlegener Mensch dank maschineller Unterstützung. Über den neuen Robocop sagt Konzernchef Raymond Sellars (Michael Keaton): „Wir haben hier einen Roboter, der denkt, er sei Alex Murphy; und das ist, denke ich, legal.“ Denn als guter Geschäftsmann weiß Sellars, dass jedes ethische Problem eigentlich ein juristisches Problem ist.

Wissenschaftler Dr. Dennet Norton (Gary Oldman) hat dann aber viel Mühe damit, die Gedanken und Gefühle von Alex Murphy so zu kontrollieren, dass er die effektive Maschine sein kann, die er sein soll. Als Alex realisiert, dass von ihm eigentlich kaum etwas übrig ist, will er einfach nur sterben – aber Dr. Norton schafft es, die richtigen Emotionen in ihm zu wecken, um überleben zu wollen – für seine Frau Clara und seinen Sohn. Die Alex aber kurze Zeit später schon nicht mehr wahr nimmt, als er bei seiner ersten öffentlichen Präsentation an den beiden, die schon lange sehnsüchtig auf ihn gewartet haben, einfach vorbei stampft. Nach einem unvorhergesehen emotionalen Zusammenbruch musste Dr. Norton den Dopamin-Spiegel seines Schützlings so weit senken, dass er nichts mehr fühlt, damit er wieder handlungsfähig ist.

Der menschliche Faktor wurde also weitgehend elemeniert, Alex wird tatsächlich zu der effektiven Maschine, die er sein soll. Mit der Nebenwirkung, dass er auch völlig emotionslos ehemalige Kollegen abknallt, nachdem er sie eines Verbrechens überführt hat. Das ist eine Panne, die für Omnicorp fatal werden kann – insbesondere, nachdem Alex damit angefangen hat, in seinem eigenen Mordfall zu ermitteln. Er kann gar nicht anders, seine hocheffektiven Programme bringen ihn schnell auf die richtige Spur – er deckt Korruption in den eigenen Reihen auf, bis hinauf zur Polizeipräsidentin. Doch bevor er sie zu einem Geständnis bringen kann, schaltet Omnicorp ihn ab. Die Sache wird politisch zu heikel. Allerdings rebelliert Dr. Norton dagegen, dass Alex dauerhaft still gelegt wird. Norton ermöglicht ihm nicht nur die Flucht aus dem Omnicorp-Labor, in dem er zerstört werden soll, sondern entfernt auch den Transmitter, mit dem der Robocop ferngesteuert wurde. Damit ermöglicht er Alex, tatsächlich wieder autonom handeln zu können.

Die Frage, ob das jetzt gut oder schlecht ist, spielt eigentlich keine Rolle – klar ist, dass Alex so oder so nicht mehr in sein altes Leben zurück kann – er hat keinen Körper in eigentlichen Sinne mehr, ob und wie er und Clara jemals wieder Sex haben werden, wird nicht weiter thematisiert, ist aber eine der vielen interessanten Fragen, die der Film aufwirft. Was soll eine Kampfmaschine einem Gewissen? Wie sich zeigt, ist sie ja viel effizienter, wenn sie keins hat. Genau wie es viel praktischer ist, wenn der Robocop keine Emotionen zeigt – die stören nur und für die Aufklärung von Verbrechen braucht er keine, da reichen flotte Prozessoren und die riesigen Datenbanken, auf die er zugreifen kann. Letztlich entpuppt sich das letzte bisschen Mensch, das noch in ihm steckt, als lästiger Ballast. Und doch ist es eben dieses letzte Bisschen, das ihn dazu bringt, sich gegen sein Schicksal aufzulehnen. Rational ist es nicht zu erklären – es ist halt einfach menschlich.

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Zu viel ist zu viel: Die Brücke mit Tunnelblick

Was zweimal funktioniert, kann man auch noch ein drittes Mal ausprobieren – aber ganz ehrlich: in diesem Fall würde ich nicht sagen, dass alle guten Dinge drei sind.
Mit The Tunnel wurde die skandinavische Krimiserie Die Brücke – Transit in den Tod ein weiteres Mal verfilmt, dieses Mal allerdings ist der Euro-Tunnel zwischen England und Frankreich der Ort des Verbrechens. Und weil mir sowohl das Original, als auch die US-Adaption The Bridge America sehr gut gefallen haben, musste ich mir das alles noch einmal reinziehen, dieses Mal halt zweisprachig auf Englisch und Französisch.

Capitaine Elise Wassermann und Detective Karl Roebuck im Tunnel

Capitaine Elise Wassermann und Detective Karl Roebuck im Tunnel – Screenshot von http://tbivision.com/mipcom/2013/09/mipcom-hot-pick-the-tunnel/152022/

Und ja, es ist einerseits wieder alles wohlbekannt und doch wieder ganz eigen. Und ja, ich finde Clémence Poésy als Capitaine Elise Wassermann und Stephen Dillane als Detective Karl Roebuck auch wieder sehr gut und völlig überzeugend. Die Elise Wassermann der Clémence Poésy kommt der Saga Norén aus dem Original noch näher als die Sonja Cross von Diane Kruger, wobei natürlich die Frage ist, ob das wirklich so gut ist. Aber diese ebenso arrogante wie berechtigte Gewissheit, dass es außer ihr selbst niemanden gibt, der den Job ähnlich gut erledigen könnte wie Elise bzw. Saga – das ist immer wieder cool. Und auch, wie irritiert die Mitmenschen jedes Mal wieder sind, wenn jemand nicht kapiert, dass man halt nicht immer und überall die Wahrheit sagen sollte. Mir gefallen auch die speziellen Reibereien zwischen den Franzosen und den Briten, da gibt es ja viel Potenzial und auch sonst ist alles wieder herrlich düster, trostlos und gemein.

Ja, eigentlich gefällt mir überhaupt alles wieder sehr gut – theoretisch, denn bedauerlicherweise kenne ich die Geschichte schon zu gut, um The Tunnel noch genießen zu können – ich weiß ja, was passieren wird, auch wenn einige Details geändert wurden. Es ging mir dann doch nur noch darum zu sehen, wie sie es denn dieses Mal gemacht haben und ja, sie haben es wieder ziemlich gut gemacht. Leider muss ich sagen, denn die Abnutzung ist spürbar. Es ist halt nicht mehr so spannend, eine Krimiserie anzusehen, die eben auch auf Spannung hin konstruiert wurde, wenn man schon weiß, wie es am Ende ausgeht. Und besonders schade ist das, weil sie eigentlich gut gemacht ist – nur eben nicht mehr neu. Insofern wäre es vielleicht ganz gut, wenn man sich für das nächste britisch-französische Serienprojekt einfach mal eine neue Geschichte ausdenken würde.

Wer Die Brücke – Transit in den Tod nicht kennt und/oder The Bridge America noch nicht gesehen hat, ist mit The Tunnel auf jeden Fall auch sehr gut bedient. Denn wie gesagt, die Geschichte ist an sich ist vielschichtig und spannend, da gibt es nichts dran auszusetzen und auch diese Serie ist sehr gut und mit Liebe zum Detail gemacht, auch wenn mir hier die Titelmusik nicht besonders gefallen hat – aber ich fand auch die vom Original nicht so toll. Was die Musik angeht, ist erstaunlicherweise die US-Version mein Favorit, obwohl gerade die US-Serien sonst oft musikalisch nicht mein Fall sind.

Die Brücke – Transit in den Tod auf amerikanisch

Ich bin ja eine große Freundin der „Ein-Fall-Mehrteiler“ – also Krimi-Serien, bei denen es eine ganze Staffel lang um die Aufklärung eines einzigen Falls geht. Leider haben Fernsehproduzenten nicht oft den Mut, solche Serien zu produzieren. Ein gutes Beispiel war vor einigen Jahren Das Verbrechen, in dem die dänische Kommissarin Sarah Lund so ziemlich alles dafür geben hat, den Mord an einem neunzehnjährigen Mädchen aufzuklären. Es gab noch zwei weitere Staffeln, aber leider kamen diese nicht an den ersten Fall heran. Die Skandinavier sind bekanntlich sehr gut in düsteren Krimis und es muss nicht immer Kommissar Kurt Wallander sein, obwohl ich Henning Mankell als Autor sehr schätze, und ganz ausdrücklich nicht nur als Autor wirklich guter Krimis.

Insofern war ich sehr begeistert, als im vergangenen Jahr Die Brücke im Fernsehen lief, eine dänisch-schwedisch-deutsche Koproduktion, bei der ein dänischer Kommissar und eine schwedische Kommissarin gemeinsam einen Mordfall untersuchen müssen, der mit einer Leiche auf der Öresundbrücke begonnen hat und immer weitere Kreise zieht.

Am Ende ist der geniale Verbrecher, der sich gern Wahrheitsterrorist bezeichnen lässt und mit sorgfältig inszenierten Verbrechen auf soziale Missstände in der Gesellschaft aufmerksam macht, nur auf einem sehr privaten Rachefeldzug gegen einen der beteiligten Ermittler.

Und zwar gegen den auf den ersten Blick „normaleren“ der beiden. Während die kühle Schwedin Saga Norén (Sofia Helin) überkorrekt und im bürgerlichen Sinne irgendwie gestört ist, weil sie sich stets exakt an die Vorschriften hält und immer die Wahrheit sagt, auch wenn sie ihrem Umfeld damit ständig vor den Kopf stößt, ist der joviale Däne Martin Rohde (Kim Bodnia, der Freunden der gnadenlosen Gangstergroteske durch Pusher ein Begriff sein sollte, in dem er quasi den kompletten Soprano-Klan in einer einzigen Figur verkörpert) einer, der auch mal fünf gerade sein lässt und genau weiß, was die Menschen von ihm hören wollen. Martin ist halt ein verständnisvoller Typ und durch seine Fähigkeit, sich in andere einzufühlen, durchaus ein guter Ermittler. Als Team sind die beiden natürlich unschlagbar, die ausschließlich auf ihren Job fokussierte Saga, die es für Zeitverschwendung hält, während der Arbeit Privatgespräche zu führen, nur weil man mal die Stimme eines geliebten Menschen hören will und nicht begreift, wozu Smalltalk unter Kollegen gut sein soll und der sozial überaus kompetente Martin.

Szenenfoto aus "Die Brücke"

Das schwedisch-dänische Ermittler-Duo Saga Norén und Martin Rohde. Szenenfoto aus „Die Brücke“ Quelle: movie-infos.net

Die Ironie der Geschichte ist, dass Saga sich zwar einiges von Martin abschaut, was ihr den Umgang mit anderen Menschen erleichtert, aber Martin derjenige ist, den seine menschliche Schwäche ins Verderben stürzt – er will es halt immer allen recht machen, vor allem aber sich selbst. „Du gehst immer den Weg des geringsten Widerstands!“ wirft ihm sein heranwachsender Sohn vor, der wieder zu Hause eingezogen ist und seine Nächte am Computer mit Ballerspielen verbringt, noch immer wütend auf seinen Vater, der seine Mutter und damit auch ihn vor Jahren verlassen hat.

Und dann gibt es natürlich noch viele andere Figuren, die in mit ihren Geschichten in diesen Fall verwoben sind, etwa den verdächtigen Sozialarbeiter mit Helfersyndrom, der auf seine Art gegen die Ungerechtigkeit in der Gesellschaft kämpft, in dem er gestürzten und gestrandete Menschen hilft. Als er eine Mutter mit ihren Kinder nicht nur vor Obdachlosigkeit, sondern auch vor dem gewalttätigen Partner retten will, wird er selbst zum Mörder, aber natürlich hat er nichts mit dem abgefeimten Wahrheitsterroristen zu tun, er ist zwar ein Einzelkämpfer, aber einer ohne krankhaftes Sendungsbewusstsein.

Oder den jungen, karrieregeilen Journalisten, der sich alles, was er an Drogen in die Finger kriegt, reinpfeift, aber immer wieder voll die gute Story liefert – ohne Rücksicht darauf, was mit den Menschen passiert, über die er in seinen Artikeln schreibt. Oder den Einwanderer-Sohn, dessen Bruder unter mysteriösen Umständen gestorben ist, die mutmaßlichen Täter werden aber freigesprochen, weil es Polizisten sind. Wohin mit der Wut auf das System, von dem der eingewanderte Vater noch immer behauptet, es sei trotzdem besser als dort, wo er herkommt?

Oder die Frau des älteren, sehr reichen Mannes, der unbedingt eine Herztransplantation braucht – sie kämpft für ihn wie eine Löwin, angefangen damit, dass sie Martin dazu bringt, den Krankenwagen den Tatort auf der Brücke passieren zu lassen, was zu einem ersten Konflikt mit Saga führt, bis hin ein Spenderherz und das OP-Team der Wahl aufzutreiben – und dann erfährt sie von ihrem Mann auf dem Totenbett, dass er sie nicht mehr liebt und eine andere hatte. Was wiederum dazu führt, das Martin ein weiteres verhängnisvolles Mal nicht widerstehen kann, als die attraktive Witwe ausgerechnet von ihm getröstet werden will.

Und dann gibt es noch das Verbrechen selbst, das Ermittler und Zuschauer darauf stößt, wie selbstverständlich die strukturellen Ungerechtigkeiten zwischen denen da oben und denen da unten auch im angeblich objektiven nordeuropäischen Rechtsstaat gelebt werden: Das Verschwinden einer jungen Prostituierten ein Jahr zuvor wurde längst zu den Akten gelegt, während der Mord an einer bekannten Politikerin natürlich höchste Priorität hat. Erst jetzt, wo beide Fälle vom Mörder miteinander verknüpft werden, interessieren sich die Ermittler für das Schicksal der unbekannten Frau.

Und das alles in dieser unterkühlten, skandinavischen Ästhetik, die den Eindruck entstehen lässt, dass immer Winter ist, die jede Farbe aufsaugt, aber gleichzeitig so gut komponiert ist, dass man glaubt, einen klassischen Schwarzweißfilm zu sehen. Obwohl an den geschmackvollen Interieurs der Wohnungen am oberen Ende der sozialen Skala durchaus zu sehen ist, dass das Leben auch schön bunt sein kann, wenn man nur genug Geld hat.

Als ich hörte, dass die Amis – wie sie es ja immer machen, wenn ihnen eine Geschichte gefällt – die Brücke neu verfilmen, nur eben auf amerikanisch, war ich sehr skeptisch. Das gab es ja immer wieder, auch mit anderen europäischen Serien – aus der britischen Betrüger-Serie Hustle – unehrlich währt am längsten machten die Amis die Serie Leverage (obwohl das kein offizielles Remake ist), aus der israelischen Serie Hatufim wurde die US-Serie Homeland und die schwedische Millenium-Trilogie von Stieg Larsson wurde gleich noch mal als US-Version verfilmt, zumindest der erste Teil. Bei den erwähnten Beispielen finde ich die Originale deutlich besser – auch wenn ich zugeben muss, dass in den USA auch unglaublich gute Serien gemacht werden – aber amerikanische halt. Wie Mad Men oder Breaking Bad, zweifelsohne sehr, sehr gute, sehr amerikanische Fernsehserien.

Gerade nach den Millenium-Filmen, die im original sehr skandinavisch düster verstrickt und mit Michael Nykvist und Noomi Rapace auch fantastisch besetzt sind, fürchtete ich Schlimmes: Das US-Remake war nicht so richtig überzeugend, obwohl mit Daniel Craig und Rooney Mara wirklich gute Hauptdarsteller aufgeboten wurden und auch sonst ein deutlich höheres Budget für den einen oder anderen übertriebenen Gruseleffekt sorgte. Manchmal ist weniger mehr.

Sonya Cross und Marco Ruiz - das Team aus The Bridge - America.

Sonya Cross und Marco Ruiz – das Team aus The Bridge – America. Quelle: blog.fsf.de

Und so konnte ich mich nicht so richtig auf den Serienstart von The Bridge – America freuen. Inzwischen muss ich aber sagen, dass es sich um die beste Neuverfilmung handelt, die ich bisher gesehen habe: Die Handlung wurde an die Grenze zwischen Mexiko und den USA verlegt, an die Brücke zwischen El Paso und Ciudad Júarez. Obwohl die Geschichte alles in allem sehr nah am skandinavischen Original ist, viele Szenen und Dialoge wurden eins zu eins übernommen, was mir gefällt, weil sie eben gut und treffend sind, haben die Macher es doch geschafft, eine ganz neue Qualität einzubringen – schließlich ist die Grenze zwischen den USA und Mexiko sehr viel härter, krasser und undurchlässiger als die zwischen Schweden und Dänemark.

Hier geht es nicht mehr um vermeintliche Luxusprobleme einer an sich sehr wohlhabenden Gesellschaft, die nicht so richtig weiß, wie sie mit Verlierern und Migranten umgehen soll, sondern um den krassen Gegensatz zwischen dem reichsten und mächtigsten Land der Welt und den Verlierern in der sogenannten dritten Welt, die gleich hinter dem gut bewachten Grenzzaun beginnt. Armutsflüchtlinge aus ganz Lateinamerika riskieren zu Tausenden ihr Leben, um diese Grenze zu überwinden und in den USA ein besseres Leben anzufangen. Für die einen sind sie eine Ware mit deren Schmuggel man viel Geld verdienen kann, für die anderen sind sie billige Arbeitskräfte, die sich willig ausbeuten lassen.

Interessant finde ich gerade deshalb, wie universell die Handlung funktioniert – auf der einen Seite die leicht autistische US-Polizistin Sonya, die sich unbewusst, aber ganz klar gegen die Cowboy-Mentalität ihrer Kollegen vom EL Paso PD positioniert, auf der anderen Seite der kompetente Mexikaner Marco, der ziemlich gut Englisch spricht und gern nicht nur ein guter, sondern auch ein ehrlicher Polizist wäre, aber ständig Stress mit seinen Vorgesetzten und dem Kartell hat, weil das Leben und die Polizei in Mexiko halt ganz anders funktionieren.

Am Ende wird Marco Ruiz aber genauso zwischen seinem Anspruch, ein guter Familienvater zu sein und seiner Geschichte als nicht immer ehrlicher Frauenversteher aufgerieben wie sein dänisches Alter Ego Martin Rohde. Und selbst die übermenschlich unermüdliche Sonya Cross schafft es nicht, seinen Sohn zu retten, den der noch immer auf Rache versessene Nebenbuhler für die Sünden des Vaters büßen lässt.

Ja, das ist schon großes Fernsehen.