4 Blocks: Spannende Reportage aus der Parallelgesellschaft

Nachdem ich in der letzten Zeit viel darüber gejammert habe, dass es seit Jahren keine gute deutsche Serie mehr gegeben hat, kann ich jetzt berichten, dass es in diesem Jahr endlich wieder etwas Sehenswertes gibt: TNT Serie hat mit dem Gangster-Drama
4 Blocks tatsächlich etwas hingekriegt, an dem ZDFneo mit seiner Produktion Tempel ja leider kläglich gescheitert ist: Einen spannenden Mehrteiler nämlich, der ästhetisch und inhaltlich auf der Höhe der Zeit ist und tatsächlich etwas Neues über die Berliner Unterwelt erzählt, statt zum x-ten Male ausgelatschte Klischees neu zu bebildern. Hier geht es um den Aufstieg arabischer Klans, die inzwischen in einigen Berliner Bezirken das Sagen haben.

Der Libanese Ali Hamadi (Kida Khodr Ramadan), genannt „Toni“ – ob da wohl jemand an Tony Soprano gedacht hat? – lebt seit 26 Jahren in Berlin. Eigentlich wollen er und noch viel mehr seine treue und gläubige Frau Kalila (Maryam Zaree) nur gute deutsche Staatsbürger werden: Bald sollen sie endlich deutsche Pässe bekommen, und damit auch die entsprechenden Möglichkeiten, legal Geschäfte zu machen. Toni macht offiziell in Immobilien und liebt seine Frau und seine achtjährige Tochter, die er durchaus ermutigt, sich gegen die fiesen Jungs im Kiez zu behaupten. Die zum Beispiel der Ansicht sind, dass arabische Mädchen nicht Fahrrad fahren sollten. Und schon gar nicht unbegleitet.

4 Blocks: Toni Hamady (Kida Khodr Ramadan)

4 Blocks: Toni Hamady (Kida Khodr Ramadan) Bild: 4-blocks.de

Aber Toni wird immer wieder in die kriminellen Geschäfte seines chaotischen Bruders Abbas gezogen, der findet, dass sein großer Bruder, seit er Frau und Kind hat, ein echter Waschlappen geworden ist. Toni hat zwar mit vielen dreckigen Geschäften Geld verdient, aber sein Geschäftsgrundsatz ist klar: „Wir sind keine Mörder!“ Und daran hält er sich. Vor allem bringt man keine Polizisten um, denn das bringt viel zu viel Ärger. Abbas hingegen hält sich nicht daran, er hat einfach zu viel von dem Stolz, den er an seinem großen Bruder vermisst und baut immer wieder scheiße, weshalb Toni sich nicht wie geplant ins legale Familiengeschäft zurückziehen kann. Zum Glück taucht Tonis alter Kumpel Vince auf, den er seit Ewigkeiten nicht gesehen hat.

Vince hat offensichtlich eine kriminelle Neuköllner Kiezvergangenheit – und kehrt nun nach längerer Abwesenheit in sein Heimatrevier zurück. Was Toni nicht weiß: Vince ist ein V-Mann, ein Informant, den die Polizei gezielt auf Toni angesetzt hat, damit er in den inneren Zirkel des abgeschotteten Araber-Klans eindringen kann – denn aus dieser Welt dringen kaum Informationen nach außen, so dass die Ermittlungsbehörden seit Jahren im Dunkeln tappen.

4 Blocks: Toni Hamady (Kida Khodr Ramadan) und sein Bruder Abbas (Veysel Gelin)

4 Blocks: Toni Hamady (Kida Khodr Ramadan) und sein Bruder Abbas (Veysel Gelin)eBild: 4-blocks.d

Und Vince ist ziemlich gut: Er hat einerseits den nötigen Stallgeruch, er kennt Toni und seine Familie von früher, andererseits hat er aber auch ein intaktes Unrechtsbewusstsein, viel Einfühlungsvermögen und gute Nerven – Toni führt Vince zu Abbas Ärger in die engeren Familienkreise ein und Vince bewährt sich, er übernimmt die dreckigen Jobs, die Toni seiner Familie wegen nicht mehr selbst machen will, für die Abbas aber ungeeignet ist. Denn Toni ist sehr daran gelegen, unter dem Radar zu bleiben, er weiß, dass er sich keinen Ärger leisten kann.

Mich erinnert das alles sehr an Undercover, jene bulgarische Serie, in der ein Informant in die bulgarische Mafia eingeschleust wird – diese Serie ist übrigens ebenfalls ein echter Geheimtipp. Aber es gibt auch Anklänge an die italienische Mafia-Serie Gomorrha, das israelische Undercover-Drama Fauda und nicht zuletzt einen Schuss Sons of Anarchy.

4 Blocks ist eine interessante Milieustudie einer gegen Fremde abgeschotteten Parallelgesellschaft, die sich in den bisher vernachlässigten Vierteln von Berlin (und anderen deutschen Großstädten) entwickelt hat und erzählt die Geschichte der Familie Hamady, eines jener berüchtigten arabischen Clans, von denen in letzter Zeit sehr viel die Rede ist: Wie bereits in den Herkunftsländern ist die Familie oft die einzige ökonomische und soziale Absicherung für ihre Mitglieder – und die sind zahlreich. Die Familie ist für diese Menschen die einzige Instanz, die zählt. Gut ist, was das Ansehen und den Reichtum der Familie mehrt, alles andere ist schlecht oder interessiert bestenfalls nicht. Was nicht heißt, dass es innerhalb der Familien keine Konflikte gibt – aber die werden untereinander geregelt. Und gegen alle anderen hält die Familie zusammen.

4 Blocks: Toni Hamady (Kida Khodr Ramadan), Vince Kerner (Frederick Lau) und Abbas (Veysel Gelin)

4 Blocks: Toni Hamady (Kida Khodr Ramadan), Vince Kerner (Frederick Lau) und Abbas (Veysel Gelin) Bild: 4-blocks.de

Diese Parallelgesellschaften sind auch ein Produkt verfehlter Politik im Umgang mit Kriegs- und Wirtschaftsflüchtlingen und komplett misslungener, oder eigentlich eher gar nicht erst versuchter Integration dieser Menschen in das hiesige Gesellschaftssystem: Weil es für die oft nur geduldeten ehemaligen Flüchtlinge extrem schwierig war und ist, an legale Jobs zu kommen, haben sie sich eben mit den illegalen Möglichkeiten der Geldbeschaffung befasst und sind mittlerweile in so ziemlichen allen Bereichen der organisierten Kriminalität vertreten, vom Drogenhandel über Prostitution, Schutzgelderpressung, windige Immobiliengeschäfte, Versicherungsbetrug und dergleichen mehr.

Und so behalten sie oft auch die patriarchalisch geprägten Strukturen ihrer Herkunftsgesellschaften bei: Die Männer haben das Sagen, die Frauen unterstützen ihre Männer. Erstrecht, wenn sie Unterstützung brauchen – als Tonis nicht ganz so heller Schwager Latif ins Gefängnis kommt, ist seine Frau Amara natürlich erstmal sauer auf ihn – aber ihre Schwägerin Kalila überzeugt sie, dass sie nun erstrecht für ihren Mann da sein müsse. Und natürlich nimmt Abbas Amara und ihren Sohn bei sich zu Hause auf – es muss ja alles seine Ordnung haben. Amara ist von der Lösung wenig begeistert, denn Abbas nervt mit seinem Kontrollwahn – aber eine gute arabische Frau fügt sich in ihr Schicksal. Interessanterweise hat Abbas aber eine Frau aus einem anderen Kulturkreis auserwählt – er ist mit der ehemaligen Prostituierten Ewa zusammen, die aus Polen kommt. Und Ewa tut sich schwer damit, die Regeln der Familie Hamady zu akzeptieren – etwa, sich nicht einzumischen, wenn die Männer etwas untereinander zu bereden haben. Und das es beim Shoppen keinen Schampus, ja nicht mal Prosecco gibt.

4 Blocks: Amara (Almila Bagriacik) und Vince (Frederick Lau)  Bild: 4-blocks.de

4 Blocks: Amara (Almila Bagriacik) und Vince (Frederick Lau) Bild: 4-blocks.de

Auch die Welt der Hamadys ist in mehrere Sphären getrennt – nach innen gibt es spießiges Familienglück, nach außen hartes kriminelles Tagesgeschäft. Regisseur Marvin Kren und sein Kameramann Moritz Schultheiß finden dazu die passenden Bilder – allein der Auftakt in der High-Deck-Siedlung nahe der Sonnenallee in Neukölln ist grandios: In der einstmals als progressiven Sozialbau konzipierten Beton-Kulisse eines heruntergekommenen Berliner Slums (hier ist es fast so schön wie in der neapolitanischen Beton-Sünde, die in Gomorrha eine heimliche Hauptrolle spielt) verfolgen überforderte Polizeibeamte einen ausländischen Drogendealer, der einen Trainingsanzug mit den Insignien der deutschen Fußball-Nationalmannschaft trägt. Auf der oberen Ebene rotten sich Jugendliche zusammen – die Fronten sind klar: Alle gegen die Polizei. Die ihren Einsatz angesichts der eindeutigen Übermacht abbrechen muss – dieser Block ist eine NoGo-Area, soviel ist klar, zumindest für die Polizei.

Und nicht nur in der Bildsprache wird viel zitiert und auf anderes verwiesen. Mir gefällt die Art, in der das umgesetzt wird, sehr gut. Nichts ist mariniert, es ist eher augenzwinkerndes Understatement, das die Geschichte illustriert, zum Teil tatsächlich ziemlich komisch ist und mich schon deshalb nicht nervt. Wobei ich weiß, dass das Geschmacksache ist, aber ich hatte bei den drei Folgen, die ich bisher sehen konnte, viel Spaß daran. Die erste Staffel hat sechs Teile und die gute Nachricht ist, dass eine zweite Staffel bereits bestellt ist. Ich bin sehr gespannt.

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Gomorrha 2: Der Anfang im Ende

Nach einigen Anläufen habe ich nun auch die zweite Staffel von Gomorrha gesehen – schon der erste Teil war dermaßen deprimierend, dass ich danach erstmal ein paar andere Serien sehen musste, um darüber hinweg zu kommen. Denn genau wie bei der ersten Staffel muss man sich wirklich darauf einlassen, sich in eine sehr düstere und freudlose Welt zu begeben, um dann unbedingt wissen zu wollen, wie schlimm alles noch kommen wird – und es kommt natürlich alles auch mindestens so schlimm wie man erwartet hat.

Nach dem blutigen Ende der ersten Staffel ist Genny Savastano damit beschäftigt, um sein Leben zu kämpfen, während sein Vater aus dem Gefängnis ausbricht und nach Deutschland flieht. Ciro hingegen lässt sich in einem Haus am Ende der Welt wieder, wo er sich mit seiner Familie vor den zahlreichen Feinden versteckt, die er sich gemacht hat – und pragmatisch wie er ist, versucht er nun, sich mit seinem Erzfeind Salvatore Conte zu verbünden: Beide müssen sie die Rache der Savastanos fürchten – warum dann nicht einfach zusammenarbeiten? Schließlich sind die Reihen ihrer Leute nach dem finalen Gemetzel deutlich reduziert, nur gemeinsam haben sie eine Chance gegen den noch immer einflussreichen Savastano-Clan.

Screenshot Gomorrha, Staffel 2: Die umkämpften Wohnblocks von Scampi, Neapel.

Screenshot Gomorrha, Staffel 2: Die umkämpften Wohnblocks von Scampi, Neapel.

Ciro schlägt Conte vor, als Großhändler für alle verbliebenen Dealerfamilien zu fungieren – dafür müsse er im Gegensatz zu den anderen keine Abgaben leisten: Den Profit aus seinem eigenen Territorium kann er allein einsacken. Und die anderen können dank der guten Qualität von Contes Stoff mehr verdienen – eine echt Win-Win-Situation. Conte lässt sich davon überzeugen.

Weniger gut läuft es für Ciro in privaten Dingen – seine Frau Deborah will dieses Leben in Angst und Unsicherheit nicht länger ertragen und macht ihm heftige Vorwürfe. Und Ciro stellt frustriert fest, dass ihm die ganzen Anstrengungen der letzten Jahre gerade mal eine Tasche mit 60.000 Euro eingebracht haben – ein lausiger Lohn für die ganzen schrecklichen Dinge, die er dafür auf sich genommen hat. Ciro beschließt, es damit nicht bewenden zu lassen: Er will zum neuen Mafiaboss von Neapel aufsteigen, koste es, was es wolle. Und weil seine Frau dabei nicht mitspielen will, erwürgt er sie in einem Anfall von Wut und Paranoia. Jetzt bleibt ihm nur noch seine Tochter, der er gerade die Mutter genommen hat. Typisch Gomorrha – und natürlich wird das auch noch schreckliche Konsequenzen haben.

Screenshot Gomorrha, Staffel 2: Waffengeschäfte in Deutschland

Screenshot Gomorrha, Staffel 2: Waffengeschäfte in Deutschland

Doch erstmal räumt der nun völlig abgestumpfte Ciro alle aus dem Weg, die ihm irgendwie in die Quere kommen, etwa die Wachen für den Geldtransporter, den er ausrauben muss, um das nötige Kleingeld für seine Geschäfte mit Conte zu beschaffen.

Derweil richtet sich Don Pie in Köln ein – in jenem kalten Scheißland, in dem Mafiabosse sich gern vor der italienischen Strafverfolgung verstecken. Der inzwischen genesene Genny stattet seinem Vater dort einen Besuch ab – aber es wird schnell klar, dass die beiden sich einander gründlich entfremdet haben und nicht mehr miteinander klar kommen. Während Genny inzwischen gelernt hat, selbst wie ein Anführer aufzutretenund zu handeln, verlangt sein Vater noch immer Gehorsam und Gefolgschaft von seinem Sohn, Pietro Savastano ist und bleibt ein knallharter Mafiaboss, dessen einziges Interesse ist, der einzige Boss zu sein.

Deshalb hört er auch nicht auf seinen Sohn, der ihn warnt, dass die konkurrierende N’Drangheta nicht zufrieden mit der Arbeit von Don Pies Kontaktmann Mico ist und ihn nach Mafiaart entsorgen will. Bei einem Waffengeschäft mit den Leuten kommt zum Eklat – Mico und seine Leute werden alle erschossen, den beiden Savastnos gelingt nur knapp die Flucht – hier erweist sich Genny als guter Sohn, der seinem verletztem Vater das Leben rettet. Was der Alte aber dermaßen selbstverständlich findet, dass er sich nicht mal bedankt und sich, während Genny in dem improvisierten Versteck ausschläft, von seinen Leuten abholen lässt: Don Pie lässt seinen Sohn einfach liegen und begibt sich auf den Heimweg: Auch in Deutschland ist ihm der Boden nun zu heiß geworden.

Screenshot Gomorrha, Staffel 2: Ciro, Conte und Scianel.

Screenshot Gomorrha, Staffel 2: Ciro, Conte und Scianel.

Für Genny ist die Botschaft klar: Er wird zuhause in Italien jetzt auf jeden Fall sein eigenes Ding machen. In Neapel werden die Dinge derweil immer unübersichtlicher – das Zweckbündnis von Ciro und Conte ist keineswegs von Harmonie geprägt, sondern es kommt immer wieder zu Reibereien, weil sich insbesondere die Leute von Ciro über den Tisch gezogen fühlen. Dazu kommt, dass die örtliche Gemeinde nicht froh über  die Entwicklung der Dinge ist, ein Priester bittet den strenggläubigen Conte sogar, etwas gegen die Dealer zu unternehmen, die rund um die Kirche ihren zerstörerischen Geschäften nachgehen. Natürlich unternimmt Conte nichts, denn er verdient zu gut an diesem Geschäft, er schlägt aber vor, dass der Padre eine Demo organisieren könne. Das tut der auch, was dazu führt, dass die Position von Ciros Leuten, die dort ja ebenfalls ihren Geschäften nachgehen weiter geschwächt wird. Ciro durchschaut Contes Taktik und ermahnt seine Leute, sich nicht provozieren zu lassen: Sie müssen auf einen Fehler von Conte warten, um ihn dann fertig zu machen.

So belauern sich einmal mehr alle gegenseitig und warten darauf, dass der Gegner zuerst zuckt, um dann um so heftiger zurückzuschlagen. Und Conte hat tatsächlich eine Schwäche: Seine geheime Liebe zu einer transsexuellen Sängerin. Das geht in Mafiakreisen überhaupt nicht, deshalb hat Conte noch eine Zweitfreundin, die er bei offiziellen Anlässen vorzeigen kann. Aber im Grunde weiß jeder Bescheid. Bei einer Feier, mit der Conte mit seiner Vorzeigefreundin erschienen ist, tritt auch seine echte Flamme als Sängerin auf – und sie wird von einem sehr unfreundlichem Publikum überaus anzüglich beleidigt. Conte ist natürlich nicht so blöd, gleich auszurasten, allerdings auch nicht so beherrscht, die Sache einfach auszusitzen. Schließlich wartet er, bis alle versammelt sind und rammt seinem vorlauten Vorarbeiter das Tortenmesser in die Hand. Außerdem nimmt er ihm seinen Verkaufsplatz weg und gibt ihn an einen Kollegen weiter – daraus ergibt sich für Ciro die Chance, den Frust von Contes Mann zu nutzen, um ihn auf seine Seite zu ziehen.

Screenshot Gomorrha, Staffel 2: Genny Savastano kämpft um angestammtes Territorium

Screenshot Gomorrha, Staffel 2: Genny Savastano kämpft um angestammtes Territorium

Am Ende ist Ciro damit erfolgreich – nach einer kirchlichen Prozession, an der Conte teilnimmt und sich gemeinsam mit anderen selbst geißelt, bis das Blut fließt, ist Conte eigentlich davon überzeugt, dass er Ciro in eine Falle gelockt hat. Doch es stellt sich heraus, dass Conte das Opfer des aktuellsten Komplotts ist – er wird in der Kirche ermordert, der er ein Madonnenbild geschenkt hat, das die Züge seiner Freundin trägt. So ist das eben: Nicht mal mehr die Kirche ist der Mafia noch heilig.

Auch sonst zeigt sich, dass über die Folgen der neuen Staffel so ziemlich alle Prinzipien alter Mafia-Ehre inzwischen außer Kraft gesetzt wurden – nicht nur die Kirche ist nicht mehr heilig, auch Familie zählt nicht mehr, weder die eigene und schon gar nicht die der anderen. Waren Frauen und Kinder früher tabu, so ist das nun vorbei. Vorbei ist es aber auch mit dem Glanz und der Herrlichkeit der Savastanos: Don Pie muss sich in einem kleinen Apartment in einem der vernachlässigten Wohnblocks in Scampi verstecken, jener heruntergekommenen Vorstadt von Neapel, deren Hässlichkeit und Elend die Serienmacher nutzen, um das traurige Innenleben ihrer Protagonisten mit ebenso treffenden wie ausdrucksstarken Bildern zu untermalen: Die Leute, die in diesem vergessenen Hinterhof von Europa ihr Leben fristen, haben keine andere Wahl, sie sind gezwungen, sich irgendwie durchzuschlagen und sich dabei mit der Mafia zu arrangieren. So auch das Rentnerpaar, das einen Teil seiner Wohnung für Don Pie abzweigen muss, der quasi eingemauert wird, um ihn vor seinen immer zahlreicheren Feinden zu schützen. Sein einziger Zugang zur Welt ist eine kleine Klappe, die hinter der Waschmaschine versteckt ist.

Screenshot Gomorrha, Staffel 2: Don Pietro und Patricia

Screenshot Gomorrha, Staffel 2: Don Pietro und Patricia

Durch diese Klappe muss Patricia kriechen, um den Don täglich mit Nahrung und Nachrichten zu versorgen, sie ist die Nichte eines der wenigen Getreuen, die Don Pie noch hat. Patricia tut es, um ihre jüngeren Geschwister abzusichern – ihr ist klar, dass das ein gefährlicher Job ist: Wenn jemand im Viertel dahinter kommt, was sie neben ihrem eigentlichen Job in einer kleinen Modeboutique noch tut, ist sie tot. Ironischerweise hat Patricia noch Glück, nach anfänglicher Skepsis findet Don Pie Gefallen an der intelligenten, jungen Frau, er bittet sie später sogar, bei ihm zu bleiben, als er wieder in sein luxuriöses Haus zurück zieht. Natürlich ist ein Leben mit Don Pietro nicht unbedingt etwas, wovon Frauen träumen – aber ein goldener Käfig ist immer noch besser als eine Gefängniszelle oder ein Grab.

Aber ich greife schon wieder viel zu weit vor – da wäre beispielsweise noch Genny, der sich mittlerweile in Rom eingerichtet hat. Er nutzt das Geld, das er mit dem Drogenhandel verdient, nun für solidere Geschäftsmodelle und steigt über seinen künftigen Schwiegervater in die Immobilienbranche ein: Dieses Geschäft ist um einiges ertragreicher und dabei auch noch viel weniger gefährlich für Leib und Leben: Genny wird nun selbst Vater und muss an die Sicherheit und Zukunft seiner eigenen Familie denken. Und der aufstrebende Mafioso demonstriert während der Hochzeit mit der Tochter seines neuen Förderers auch gleich, dass er sein Handwerk längst in Perfektion beherrscht – er liefert seinen Schwiegervater wegen Korruption ans Messer, weil er der alleinige Herrscher über das Imperium sein will: Ganz der Papa.

Screenshot Gomorrha, Staffel 2: Genny und Azzurra

Screenshot Gomorrha, Staffel 2: Genny und Azzurra

Der Papa stiftet unterdessen Unfrieden in Neapel – sein Ziel ist es, die brüchige Waffenruhe, die Ciro unter den konkurrierenden Dealer-Familien in seinem Territorium ausgehandelt hat, zu zerstören, damit er das Ruder wieder in die Hand nehmen kann: Die Leute sollen erkennen, dass nur er, der große Pietro Savastano für Ordnung und Ruhe sorgen kann. Und die Front bröckelt.

Das gibt reichlich Raum für interessante Nebenstränge – da ist beispielsweise die Patin Scianel – benannt nach dem Modelabel Chanel, deren Sohn Raffaele im Knast sitzt, weshalb sie sorgsam über dessen Frau wacht, die sie in der Wohnung gegenüber einsperrt, damit sie angemessen sehnsüchtig auf ihren Raffaele wartet. Hier haben wir eine weitere junge Frau im goldenen Käfig – und je eifersüchtiger Scianel über die Schritte ihrer Schwiegertochter wacht, desto vehementer versucht diese aus ihrem Käfig auszubrechen. Sie lässt sich mit dem Fahrer von Scianel ein, was natürlich kein gutes Ende nimmt. Scianel ist nämlich eine Hyäne, wie sie selbst erklärt: „denn bei den Hyänen herrschen die Frauen“.

Screenshot Gomorrha, Staffel 2: Ciro und Genny

Screenshot Gomorrha, Staffel 2: Ciro und Genny

Für die Männer läuft es tatsächlich nicht so gut in dieser Staffel, vor allem für die alten Patriarchen nicht: Auch wenn Don Pie einen weiteren Krieg anzettelt, der zahlreiche Opfer fordert, unter anderem Scianels Sohn Raffaele, als der endlich aus dem Knast kommt und schließlich sogar Ciros kleine Tochter Maria Rita – das ist eine der härtesten unter den zahlreichen harten Szenen dieser Serie – so ist seine Zeit längst abgelaufen: Der völlig desillusionierte Ciro und sein eigener Sohn Genny, den er so lange Zeit nicht für voll genommen und schlecht behandelt hat, verbünden sich gegen ihn. Am Ende erscheint nicht der erwartete Gennaro am verabredeten Ort auf dem Friedhof, sondern Ciro.

Als der alte Savastano realisiert, dass sein Sohn ihn verraten hat, stellt er fest: „Am Ende des Tages sind wir als hier!“ Dann schießt Ciro ihn nieder. Doch damit ist die Serie noch nicht vorbei – denn Gennys Sohn kommt zur Welt und bekommt einen Namen – Pietro. Es gibt also einen neuen Pietro Savastano, auch wenn der erstmal ein Baby ist. Warum nur habe ich das Gefühl, dass dem kleinen keine hoffnungsvolle Zukunft beschieden sein wird, obwohl seine Eltern stinkreich sind?!

Eine dritte und sogar ein vierte Staffel des Mafiadramas sind bereits beauftragt.

Screenshot Gomorrha, Staffel 2: Don Pie und Ciro

Screenshot Gomorrha, Staffel 2: Don Pie und Ciro

Arne Dahl – Misterioso: Das A-Team auf schwedisch

Eine Serie von Attentaten, bei denen gezielt Männer aus der schwedischen Wirtschaftselite ermordet werden, erschüttert das Land. Die schwedische Polizei richtet eine Sonderermittlungsgruppe ein, in der sehr unterschiedliche Ermittler die Verbrechen mit offensichtlich internationalen Verwicklungen aufklären und weitere Anschläge verhindern sollen. Das in aller Eile zusammengewürfelte Team muss sich aber selbst erst einmal zusammen raufen, denn die Mitglieder sind zwar alle auf ihre Weise hervorragende Polizisten, aber nicht unbedingt die geborenen Teamplayer.

Screenshot Arne Dahl - Misteroso: Gunnar und Jorge.

Screenshot Arne Dahl – Misteroso: Gunnar und Jorge.

Da ist zum einen der durch einen eigenmächtigen Einsatz mit Schusswaffengebrauch in Ungnade gefallene Paul Hjelm (Shanti Roney). Er hat einen verzweifelten Asylbewerber niedergeschossen, der seinerseits in der dafür zuständigen Behörde Mitarbeiter mit einem Gewehr bedroht hatte, um die drohende Abschiebung seiner Familie zu verhindern. Allerdings wird sich später bei der üblichen internen Untersuchung des Falles noch herausstellen, dass sein Verhalten als angemessen beurteilt wird – er hat den Mann nicht umgebracht und Gefahr von weiteren Personen abgewendet. Aber das weiß Hjelm noch nicht, was seine neue Chefin Jenny Hultin (Irene Lindh) durchaus für ihre Zwecke ausnutzt.

Screenshot Arne Dahl - Misteroso: Jenny Hultin

Screenshot Arne Dahl – Misteroso: Jenny Hultin

Außerdem sind da noch die Verhörspezialistin Kerstin Holm (Malin Arvidsson), der alte Haudegen Viggo Norlander (Claes Ljungmark), der sich noch nicht zum alten Eisen abschieben lassen will und wild darauf ist, dem öden Innendienstleben zu entfliehen, der pragmatische Gunnar Nyberg (Magnus Samuelsson), der arrogante, aber brillante Aarto Söderstedt (Niklas Åkerfelt), der seine vielen Kinder der Einfachheit halber durchnummeriert („Papa, du hast die Nummer fünf vergessen!“) und der Computer- und Mafiaspezialist Jorge Chavez (Matias Varela), der sich außerdem noch als kenntnisreicher Jazzmusiker entpuppt. Mich hat allerdings anfangs sehr irritiert, dass Jorge Chavez ausgerechnet mit der Stimme von Frank Wagner aus GSI Göteborg spricht – Matias Varela ist nun mal ein ganz anderer Typ als Joel Kinnaman, den ich durch GSI mit der Stimme von Konstantin Graudus verbinde, obwohl ich die eigentlich etwas zu hoch und zu glatt für den oft zweifelnden und zunehmend verzweifelten Frank fand. Jetzt muss ich immer an Frank denken, wenn Jorge spricht.

Screenshot Arne Dahl - Misteroso: Paul, Kerstin und Jorge

Screenshot Arne Dahl – Misteroso: Paul, Kerstin und Jorge

Die Idee, einen Fall über organisierte Kriminalität und internationale Verbrechen an einer Jazzrarität aufzuhängen, bekommt von mir einen ganzen Haufen Bonuspunkte – denn die an einem der Tatorte gefundene CD mit einem Stück von Thelonius Monk liefert am Ende die entscheidende Spur. Aber bis dahin gibt es eine Menge anderer Verwicklungen – da war zum Beispiel noch der rätselhafte Überfall auf eine Kleinstadt-Bank, bei dem einer der Bankräuber durch einen sehr speziellen Dartpfeil zu Tode kam, und natürlich haben die Ermittler auch Familien und entsprechende Beziehungsprobleme – oder leiden im Fall von Gunnar Nyberg darunter, dass sie keinen Kontakt mehr zur Familie haben.

Screenshot Arne Dahl - Misteroso: Kerstin, Aarto, Viggo und Jorge

Screenshot Arne Dahl – Misteroso: Kerstin, Aarto, Viggo und Jorge

Alles in allem also wieder schwedische Krimikost vom Feinsten – mir gefällt, dass die unterschiedlichen Ermittler alle ihre Chance bekommen, auf ihre Weise zur Klärung des Falles beizutragen – auch wenn das nicht immer gut ausgeht. So hat Viggo („Das ist das altdänische Wort für Kämpfer!“) durchaus den richtigen Riecher, als er Jenny überzeugt, dass er unbedingt nach Estland fahren muss, um dort eine entsprechende Spur zu verfolgen. Allerdings nageln ihn die Verbrecher, denen er folgt, an eine altestnische Fabrikhallenwand – ein Glück nur, dass sein Freund und Kollege von der estnischen Polizei so etwas schon vorausgesehen hat, und ihn mit einem Polizeikommando da wieder rausholt, bevor noch Schlimmeres passiert.

Screenshot Arne Dahl - Misteroso: Das A-Team im Einsatz

Screenshot Arne Dahl – Misteroso: Das A-Team im Einsatz

Mir gefällt auch, dass – wie in skandinavischen Serien generell – auch interessante Rollen für reifere Frauen gibt. Jenny Hultin ist nicht nur eine mit allen Wassern gewaschene, sondern auch eine extrem coole Polizei-Chefin – die im Laufe der weiteren Folgen noch sagen wird: „Polizeipräsidentin? Für den Job bin ich doch viel zu kompetent!“ Außerdem zeigt sie ihrem alten Freund vom FBI, wie ihre raffinierte kleine schwedische Sonderermittlungsgruppe mal eben einen Fall löst, an dem sich das FBI jahrzehntelang die Zähne ausgebissen hat.

Dass die schwedischen Krimis oft sehr international sind, ist auch etwas, das mir gut gefällt – in Deutschland haben wir ja eher den Trend zu Regionalisierung – es gibt inzwischen zum Teil gar nicht mal so schlechte Eifelkrimis – „Mord mit Aussicht“ ist nicht zufällig eine der meistgesehenen deutschen Fernsehserien überhaupt, auch wenn mir das alles viel zu beschaulich ist. Und es gibt mittlerweile eine kaum mehr zu überschauende Auswahl an Nordseekrimis, Allgäukrimis, Spreewaldkrimis und so weiter – selbst das alte Krimi-Flaggschiff Tatort wird immer provinzieller. Dabei sollte man doch annehmen, dass die Globalisierung eben auch zu Internationalisierung von Verbrechen führt – das kommt im deutschen Krimi aber immer weniger vor. Mir fällt seit dem leider ja nicht so wahnsinnig erfolgreichen, weil eben auch nicht so richtig guten, aber trotzdem doch ganz ordentlichen Zehnteiler Im Angesicht des Verbrechens von 2010 keine deutsche Krimi-Serie ein, in der internationales organisiertes Verbrechen eine Rolle spielen würde – wobei das doch genau die Verbrechen sind, bei den es zum einen ums ganz große Geld geht und zum anderen eben auch um richtig schlimme Dinge: Drogenhandel, Waffenhandel, Menschenhandel, Zwangsprostitution, Missbrauch aller Art, Geldwäsche und so weiter – aber offenbar will sich kein deutscher Serienproduzent an solchen Dingen die Finger verbrennen. Das ist einerseits sehr schade, andererseits gibt es ja die Schweden.

Screenshot Arne Dahl - Misteroso: Paul Hjelm.

Screenshot Arne Dahl – Misteroso: Paul Hjelm.

Tatort: Die Bank gewinnt immer

Geht doch! Nach den letzte Tatorterfahrungen, die allesamt gar nicht so gut waren, habe ich gestern Abend ernsthaft überlegt, ob ich mir nicht lieber eine weitere Folge der Arne-Dahl-Reihe ansehe. Denn die letzten Flückinger-Tatorte haben mich jetzt auch nicht dermaßen vom Hocker gerissen. Ich bin aber froh, dass ich mich spontan doch entschieden habe, nach der Wettervorhersage im Ersten zu bleiben, denn dieser Tatort war überraschend gut. Die Schweizer haben sich mal was getraut und da muss ich ihnen glatt ein „Weiter so!“ zurufen.

Es geht gleich mit Paranoia los, eine Frau bringt ihr Kind zu Schule, und ganz offensichtlich fühlt sie sich verfolgt. Ein Mann hetzt durch Luzern, ganz offensichtlich versucht er ebenfalls, einen Verfolger abzuschütteln. Eine Frau liegt tot in ihrer Wohnung und wird vom Hund der Nachbarin gefunden – ganz grandios gemacht übrigens, der niedliche Schnuffi, der mit Blut an den Pfoten und herzbrechendem Hundeblick zu seinem Frauchen zurückkehrt. Frauchen ist eine pflichtbewusste ältere Dame mit klassischen Ressentiments – die machen halt alles lauter, diese Ausländer! Sie muss nicht mal hinschauen, um die tote Nachbarin zu identifizieren. Und so stellt sich bald heraus, dass die Tote eigentlich eine andere ist. Aber was hatte sie in der Wohnung zu suchen? Und was ihr Mörder? Warum wurde nicht die Wohnungstür aufgebrochen, aber dafür die Badezimmertür? Das Opfer aber liegt doch in der Küche? Ist am Ende das falsche Opfer ermordet worden? Fragen über Fragen, genauso muss es sein.

Und am Ende stellt sich das, was wie ein simples Eifersuchstdrama begonnen hat, als hochkomplexer Fall organisierter Wirtschaftskriminalität heraus: Am Ende gewinnt immer die Bank. Das muss auch das Ermittlerteam Reto Flückinger (Stefan Gubser) und Liz Ritschard (Delia Mayer) fressen. Dabei hatten sie sich so große Mühe gegeben. Aber an der Politik kommen sie nicht vorbei. „Machen Sie Ihre Arbeit – aber bitte diskret!“ verlangt der Chef. Der Chef hat nämlich eine spezielle Connection zum Direktor des Bankhauses, das einen Whistleblower ausbremsen will. Der hat nämlich Daten gestohlen und eine höchst brisante CD zusammengestellt, die er einem Steuerfahnder aus Wuppertal zukommen lassen will. Aber dazu kommt es nicht mehr. Und es wird auch nicht klar, ob eben jener Steuerfahnder in Deutschland tatsächlich existiert – am Ende ist dieser Thomas Behrens (Alexander Beyer) nur ein durchgeknallter Irrer, der einen Mord vertuschen will und eben kein Aufklärer, der seinem Gewissen folgt?

Genau diese Fragen sind es aber, die diesen Tatort meiner Ansicht nach so stark machen: Ist Ilka Behrens, die Angst um ihre eigene und die Sicherheitheit ihrer Tochter hat, einfach nur eine hysterische Oberschichten-Hausfrau mit Beziehungsproblemen – oder ist da wirklich was dran? Ist der arbeitslose Mann des vielleicht zufälligen Opfers selbst nur ein Opfer oder nicht doch der Täter? Gerade als Loser hat er um so mehr Gründe, eifersüchtig auf seine schöne, erfolgreiche Frau zu sein. Will er nur dem Liebhaber seiner Frau, der kein anderer ist als eben jener paranoide Thomas Behrens, eins auswischen? Und immer wieder diese Bank, wo sich der CEO („früher hieß das mal Bankdirektor“) noch selbst vorstellt, wenn die Polizei zur Frühstückspause vorbei kommt. Hier war der paranoide Thomas Behrens als für die Sicherheit der Computersysteme zuständig – und hatte natürlich Zugriff auf sensible und höchst sensible Daten.

Entsprechend reagiert die Bank: Sie engagiert nicht nur einen Privatdedektiv, um die Familie einzuschüchtern (die Ehefrau ist also keine Hysterikern, sondern sie wird gezielt terrorisiert), sie engagiert auch gleich einen Killer. Der letztendlich auch seinen Auftrag erfüllen kann – dank der (nicht ganz freiwilligen) Hilfe des Polizeichefs, der als Regionalpolitiker auch etwas für „seine“ Bank tun muss. Natürlich will der Chef Eugen Sattmann (Jean-Pierre Cornu) nicht, dass der Querulant stirbt. Aber er hat die Einweisung in die Psychiatrie veranlasst, wo Behrens prompt angeblich Selbstmord begeht. Natürlich hat er das nicht beabsichtigt. Aber die Regeln in diesem Spiel machen eh die anderen.

Insofern gefällt mir dieser Tatort besonders gut: Die Ermittler können den Fall letztlich nicht lösen. Die Politik lässt es nicht zu. Das ist doch fast wie im wahren Leben.