Heimatlos in Homeland

In Sachen Serien ist inzwischen ja wieder einiges los – es hat ja nicht nur die Ausstrahlung von Gomorrha begonnen, auch von Homeland ist mittlerweile Staffel 4 angelaufen. Nach der dritten Staffel war ich mir keineswegs sicher, ob ich Homeland überhaupt noch weiter sehen will – die ersten beiden Staffeln fand ich zwar etwas überdreht und auch wenn die Handlung nicht immer wirklich plausibel war, fiel es mir nicht schwer, mich auf die Geschichte von Nicolas Brody und Carrie Mathison einzulassen. Es gab immer wieder überraschenden Wendungen und natürlich fand ich Demian Lewis als sympathischen Selbstmord-Attentäter und Claire Danes als manisch-depressive CIA-Agentin ganz großartig, zumal ich auch Morena Baccarin (die Brodys Ehefrau Jessica spielt), Mandy Patinkin (Carries Vorgesetzter Saul Berenson) und Diego Klattenhoff (Brodys alter Kumpel, der inzwischen mit Jessica zusammen ist) als Schauspieler sehr mag. Insofern hatte Homeland bei mir ohnehin einen Interesse-Bonus.

Screenshot Homeland 4: Saul Berenson (Mandy Patinkin) und Carrie Mathison (Claire Danes

Screenshot Homeland 4: Saul Berenson (Mandy Patinkin) und Carrie Mathison (Claire Danes

Davon mal abgesehen, dass es sich bei Homeland um ein Remake handelt, bei dem ich das Original Hatufim – in der Hand des Feindes prinzipiell besser finde, weil es mit sehr viel weniger Aufwand mindestens genauso viel erreicht, ist auch die US-Version eine sehenswerte Serie. Zumindest wenn man sich für Politik, Geheimdienste und den Krieg gegen den Terror interessiert, der von den USA inzwischen mit extremer Härte ausgefochten wird.

Im Krieg gegen den Terror ist jedes Mittel recht, und Carrie ist auch in diesem Sinne eine gute CIA-Agentin, die nichts dabei findet, Gesetze zu brechen, wenn es dem Ziel nützt, die USA vor Anschlägen zu schützen. Sie ist die einzige, die in dem aus langer Gefangenschaft befreiten Kriegshelden Brody den potenziellen Terroristen sieht. Wobei sie später, nachdem sie ihn kennen- und lieben gelernt hat, auch die einzige ist, die selbst dann noch zu ihm hält, als alles darauf hinzuweisen scheint, dass er hinter dem blutigen Anschlag auf die CIA-Centrale in Langley steckt. Was tatsächlich nicht der Fall ist – obwohl Brody durchaus schon in andere Anschläge verwickelt war. Carrie verhilft Brody zur Flucht.

Screenshot Homeland 4: Aayan Ibrahim (Suraj Sharma) nach dem Angriff.

Screenshot Homeland 4: Aayan Ibrahim (Suraj Sharma) nach dem Angriff.

Aber wie sich in der dritten Staffel herausstellt, kann sie ihn trotzdem nicht retten. Und letztlich geht das auch in Ordnung: Brody ist inzwischen in jeder Beziehung am Ende – er ist ein mehrfach gewendeter Doppelagent, der potenziell allen gefährlich werden kann. Niemand kann ihm mehr trauen, nicht mal er sich selbst. Er erledigt zwar seinen allerletzten Auftrag, den iranischen Geheimdienstchef Akbari zu töten, trotz vieler Widrigkeiten – die US-Regierung setzt dieses Mal aber nicht alle Hebel in Bewegung, um ihren Mann zu retten. Brody wird geopfert, natürlich richten die Iraner den Verräter hin, nachdem seine Flucht misslingt. Die schwangere Carrie muss ohnmächtig mit ansehen, wie Brody hingerichtet wird – und es wird schwierig genug, sie aus dem Schlamassel in Teheran rauszuholen. Alles in allem ist mir die dritte Staffel aber zunehmend auf die Nerven gegangen, so dass ich letztlich erleichtert war, dass mit Brody nun endlich mal Schluss ist. Aber alles in allem war es bis zum Ende ziemlich mühsam.

Screenshot Homeland 4: Carrie (Claire Danes)

Screenshot Homeland 4: Carrie (Claire Danes)

Die vierte Staffel verspricht aber eine neue Perspektive – gleich am Anfang in The Drone Queen gibt Carrie als Einsatzleiterin Kabul den Befehl, den Aufenthaltsort eines wichtigen Terroristen in Pakistan zu bombardieren – technisch gesehen, ist das gar kein Drohnenangriff, weil die Raketen von F15-Bombern abgeschossen werden, die gerade näher dran waren. Auf jeden Fall wird das betreffende Anwesen zerstört und eine weitere Zielperson kann von der inzwischen sehr, sehr langen Abschussliste der USA gestrichen werden.

Carrie dankt ihrem Team für die gute Arbeit und das Team revanchiert sich mit einer Geburtstagstorte für die Drohnenkönigin – so ist jedenfalls die Aufschrift im Zuckerguss. Ganz offensichtlich ist Carrie mit ihrem Job und ihren Leuten im Reinen – wo gehobelt wird, fallen Späne.

Allerdings stellt sich bald heraus, dass die Quelle nicht wirklich zuverlässig war – Carrie hat eine Hochzeitsgesellschaft bombardieren lassen. Zwar ist der gesuchte Terrorist unter den Toten, aber es gibt Dutzende toter Zivilisten. Ein PR-Desaster für die USA, denn einer der wenigen überlebenden Gäste der Hochzeitsfeier hat mit seinem iPhone ein Video aufgenommen, das abrupt endet, als die Raketen einschlagen.

Screenshot Homeland 4:  Maggie Mathison (Amy Hargreaves)

Screenshot Homeland 4: Maggie Mathison (Amy Hargreaves)

Der Medizin-Student Aayan Ibrahim (Suraj Sharma) hat seine feiernde Familie gefilmt. Er hat überlebt, ist aber von dem Angriff traumarisiert – unter den aufgebahrten Leichen entdeckt er Mutter und Schwester. Carrie sieht ihm dabei zu – dank der modernen Drohnentechnik ist das möglich. Aayan ist offenbar klar, dass er beobachtet wird, er schaut nach oben – in die Kameralinse, über die Carrie und ihr Team ihn aus der Luft beobachten. Aus seinem Blick ist klar ersichtlich, dass es mit diesem jungen Mann noch Ärger geben wird. Die Frage ist nur, wie.

Screenshot Homeland 4:  Maggie (Amy Hargreaves) und Carrie (Claire Danes).

Screenshot Homeland 4: Maggie (Amy Hargreaves) und Carrie (Claire Danes).

Als Aayan in seine Fakultät in Islamabad zurückkehrt, wollen ihn Freunde überreden, das Video von dem feigen Anschlag der Amerikaner ins Internet zu stellen. Doch Aayan will nicht. Das ist Politik und die mag er nicht. Außerdem hat er Angst, er weiß ja, dass er beobachtet wird. Aber der Cousin eines Kommilionen stellt das Video auf Youtube online – und binnen kürzester Zeit hat es Hunderttausende Aufrufe – das Desaster ist perfekt.

Carrie wird nach Hause zitiert – bei der Gelegenheit erfahren wir endlich, wie das mit Carrie als Mama so ist. Ich hatte ja echt Angst, dass uns die vierte Staffel mit einer engagierten, aber unfähigen Mutter langweilt, die ein Kleinkind umsorgen muss, obwohl nebenbei eine Welt zu retten ist – das finde ich ja bei den Charlotte-Lindholm-Tatorts schon völlig unglaubwürdig und Carrie Mathison ist ja wohl Charlotte Lindholm doch drei.

Screenshot Homeland 4: Carries Tochter Frannie

Screenshot Homeland 4: Carries Tochter Frannie

Und klar, Carrie ist als Mama total unfähig – die liebe Schwester muss einspringen. Die findet das auch gar nicht toll, aber eine pflicht- und verantwortungsbewusste Ärztin kriegt das natürlich hin. Um hier keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Ich kann Carrie total verstehen. Es gibt für viele Frauen auf der Welt nun wirklich schönere Dinge, als sich den ganzen Tag um heulende Babies zu kümmern. Mutter sein ist okay, aber kein Lebensinhalt. Wobei Carrie natürlich ohnehin ein Sonderfall ist, total gestört und hochbegabt – solche Mütter sollte man kleinen Kindern nun wirklich nicht zumuten. Wobei ich durchaus sympathisch finde, dass Carrie sich auch in moslemischen Ländern hauptsächlich von Weißwein ernährt – man sieht sie kaum etwas anderes konsumieren. Für eine stillende Mutter wäre das nun wirklich die falsche Diät.

Screenshot Homeland 4: Was tut Carrie eigentlich dermaßen leid?

Screenshot Homeland 4: Was tut Carrie eigentlich dermaßen leid?

Kleiner Exkurs: Ich habe selbst Kinder und war die meiste Zeit meines Lebens (wenn auch ungeplant) alleinerziehende Mutter, was in unserer Gesellschaft nun wirklich kein Vergnügen ist. Wobei ich durchaus mit Absicht Mutter geworden bin und mich in dieser Rolle bis zu einem gewissen Grad auch wohlfühle – ich war gern schwanger, hatte zwei Hausgeburten und mich in den ersten Monaten gern selbst um alles gekümmert, meine Kinder für heutige Zeiten vergleichsweise lange gestillt und so weiter – aber ich hatte auch absolut kein Problem, meine Kinder im Altern von etwa 18 Monaten tagsüber an gut ausgebildete, engagierte und liebevolle Profis abzugeben, um selbst wieder Geld verdienen zu gehen. Wobei ich das mit dem Zwang zum Geld verdienen echt nicht toll finde, aber eben mal wieder was anderes zu machen, als mich um die nächste Mahlzeit und Kinderwehwehchen zu kümmern, das fand ich schon gut. Mutter sein gehört für mich durchaus zum Leben, aber es ist nun wirklich nicht alles. Exkurs Ende.

Screenshot Homeland 4: Sandy Bachmann (Corey Stoll), der CIA-Chef in Pakistan.

Screenshot Homeland 4: Sandy Bachmann (Corey Stoll), der CIA-Chef in Pakistan.

Carrie dagegen hat offenbar auch die Säuglingsphase ausgelagert – als sie unfreiwillig wieder in den USA ist, besucht sie natürlich auch Schwester und Tochter – wobei man ohnehin ahnen kann, dass Kinder nicht ihr Ding sind. Natürlich hilft da auch die Standpauke der Schwester nicht – es liegt ja völlig auf der Hand, dass die Schwester viel eher als Carrie in der Lage ist, das Kind zu versorgen. Carrie zieht sich auf ihren heiligen Auftrag zurück – sie muss nach Islamabad, die Welt retten. Zumindest die USA. Oder im Augenblick vor allem sich selbst vorm Muttersein.

Genau das fand ich gut: Carrie stürzt sich in die neue Mission, um dem wahren Leben zu entkommen, mit dem sie nicht umgehen kann. Das war der Punkt, an dem die neue Staffel mich gekriegt hat. Ich bin echt gespannt, wie es weiter geht.

Screenshot Homeland 4: Quinn (Rupert Friend) will nicht mehr.

Screenshot Homeland 4: Quinn (Rupert Friend) will nicht mehr.

Interessante Handlungsstränge wurden ja genügend angelegt – was ist mit diesem eigenbrötlerischen Stations-Chef Sandy Bachmann, der gleich am Anfang in Islamabad getötet wurde? Hat der tatsächlich für die andere Seite spioniert? Und was ist mit Quinn (Rupert Friend)? Überhaupt Quinn – der hat sich inzwischen vom paranoiden Killer-Agenten, der in den eigenen Reihen für Ordnung sorgen soll, geradezu zum Agenten mit Herz entwickelt. Und er will mal wieder raus aus der Agency, die ihm das natürlich nicht leicht macht. Wir haben dank seiner übergewichtigen, einerseits liebesbedürftigen, andererseits aber sehr verständnisvollen Vermieterin ja erfahren, dass er eigentlich nicht viele Fähigkeiten hat, die er in einem neuen zivilen Leben sinnvoll nutzen kann. Und was ist mit Aayan? Der hat ja nicht nur Angst vor dem US-Geheimdienst, sondern offenbar noch eine eigene Agenda – warum versteckt er eine Tasche voller Medikamente bei einer Freundin? Außerdem hat Carrie ja schon das Team ihres Vertrauens auf den Jungen angesetzt – sie hat ja schon immer an den offiziellen Institutionen vorbei gearbeitet. Und irgendwie spielt ihr alter Gönner Saul auch noch eine wichtige Rolle, obwohl er doch gar nicht mehr Geheimdienstchef ist. Was steckt dahinter?

Das will ich jetzt wirklich wissen – und wehe, es wird schlecht!

Screenshot Homeland 4: Quinns Chef Dar Adal (F. Murray Abraham)

Screenshot Homeland 4: Quinns Chef Dar Adal (F. Murray Abraham)

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Der Hypnotiseur: Erstaunliche Parallelen

Es ist nicht leicht, immer eine neue Geschichte zu erfinden und ich habe wirklich nichts dagegen, wenn eine gute Geschichte noch einmal erzählt wird: Eine bereits bekannte Geschichte kann in einer neuen Variante durchaus wieder gut werden. Wie an anderer Stelle schon gesagt, bin ich gegenüber Remakes, durchaus aufgeschlossen – es gibt ja nun wirklich gelungene Neuverfilmungen. Man muss das Rad nicht immer wieder neu erfinden, es reicht, wenn man es gelegentlich verbessert.

Trotzdem bin ich andererseits immer wieder erstaunt, wie wenig wirklich neue Geschichten es zu geben scheint. Genauso ist es mit Charakteren – wenn man mal eine richtig gute Figur aufgebaut hat, muss man sie nicht immer wieder neu erfinden, sondern kann sie einfach immer wieder was Neues erleben lassen. Und es kommt auch vor, dass man einer Figur aus der einen Geschichte in einer anderen wieder begegnet – und je mehr man sich damit beschäftigt, desto mehr erkennt man wieder.

Screenshot: Der Hypnotiseur - winterliches Stockholm.

Screenshot: Der Hypnotiseur – winterliches Stockholm.

Das geht nicht nur mir so. Neulich las ich irgendwo in einem Blog, wie sich jemand darüber wunderte, wie viel von Detective Holder aus The Killing doch in diesem Frank Wagner aus GSI Göteborg stecken würde – was ich ziemlich lustig fand, denn es ging um die erste Staffel von GSI Göteborg, die in den USA zwar nicht sehr bekannt sein dürfte, die aber von 2009 ist und gewiss eine Visitenkarte für Joel Kinnaman war, der daraufhin im US-Remake von Forbrydelsen eben jenen Stephen Holder spielen durfte.

Insofern wurde eher Frank Wagner in The Killing importiert als umgekehrt. Andererseits – im Frank Wagner der zweiten GSI-Staffel von 2012 steckt vermutlich dann doch einiges von Stephen Holder, den Kinnaman seit 2010 verkörpert hat. Holder wiederum ist eine Neuauflage von Jan Meyer aus der dänischen Serie Forbrydelsen (Bei uns als Kommissarin Lund – das Verbrechen bekannt) nur dass die Autoren des Remakes dem zweiten Ermittler eine interessantere Rolle zugedacht haben als im Original. In Staffel 3 und 4 emanzipierte sich The Killing von der dänischen Vorlage – diese Staffeln waren durchaus etwas eigenes, auch wenn die Serienschreiber die Charaktere und die Stimmung der beiden vorangegangenen Staffeln übernommen und weiter entwickelt haben – die Markenzeichen von The Killing blieben erhalten: Sarah Linden und ihre Strickpullover, Stephen Holder mit den in den Kniekehlen hängenden Jeans und sein Kaputzenpulli, was dazu passt, dass Holder fließend Hiphop spricht. Und das düstere, regnerische, durch und durch deprimierende Seattle, in dem rätselhafte Verbrechen geschehen.

Screenshot: Der Hypnotiseur - Mikael Persbrandt als gescheiterter Psychiater.

Screenshot: Der Hypnotiseur – Mikael Persbrandt als gescheiterter Psychiater.

Als Fan sowohl des Originals als auch des Remakes war ich durchaus glücklich mit der vierten Staffel, in der die Serie um Sarah Linden und Steppen Holder mit einem neuen, finalen Fall einen vernünftigen Abschluss fand, auch wenn ich nicht in jeder Hinsicht mit dem Staffelende einverstanden war. Um so überraschter war ich jedoch, als ich jetzt den schwedischen Thriller Der Hypnotiseur aus dem Jahr 2012 sah. Auch wenn in diesem Fall natürlich vieles anders als war in der vierten Staffel von The Killing, verblüffen doch die Parallelen: Eine Familie wird auf brutale Weise von einem offenbar total durchgeknallten Täter ausgelöscht – nur der Sohn überlebt schwer verletzt.

Die Ermittler, in Falle von The Killing Linden und Holder, im Fall des Hypnotiseurs sind es der Stockholmer Kommissar Joona Linna (Tobias Zilliacus) und der titelgebende Psychologe Erik Maria Bark (Mikael Persbrandt), stehen vor einem Rätsel: Wo ist bitte das Motiv für ein solches Blutbad? Andererseits liegt auf der Hand, dass die Lösung des Falls in der Familiengeschichte der Opfer zu finden sein muss. Und natürlich haben die Ermittler jeweils auch einen Haufen privater Probleme – hier liegen die größten Unterschiede zwischen den Geschichten in Seattle und der in Stockholm.

Screenshot: Der Hypnotiseur - Tobias Zilliacus als Kommissar Joona Linna.

Screenshot: Der Hypnotiseur – Tobias Zilliacus als Kommissar Joona Linna.

Während Holder und Linden in erster Linie damit beschäftigt sind, zu vertuschen, wie der Fall in der Staffel zuvor ausgegangen ist, weil sie den Rest ihres Lebens nicht im Knast zu verbringen wollen, haben wir beim Hypnotiseur wieder eine Paraderolle für Mikael Persbrandt, dieses Mal als genialen, aber dennoch gescheiterten Psychiater, der ohne starke Schlafmittel keine Ruhe mehr findet, sonst aber sehr vieler Dinge müde ist. Ich muss gleich dazu sagen, dass es nicht der beste Persbandt-Film ist, den ich je gesehen hätte. Und auch nicht beste Lasse-Hallström-Film, denn kein anderer hat beim Hypnotiseur Regie geführt. Gilbert Grape – Irgendwo in Iowa oder Schiffsmeldungen fand ich deutlich besser.

Genzugenommen handelt es sich um einen eher durchschnittlichen Schweden-Thriller, wobei ein durchschnittlicher Schweden-Thriller in der Regel aber auch schon deutlich besser ist, als ein durchschnittlicher Deutschland-Thriller. Was mich einmal mehr zu der Frage bringt, warum das eigentlich so ist. Ja, es ist düster und kalt in Schweden, der Hypnotiseur spielt im verschneiten Stockholm, da muss man gar nicht viel Aufwand treiben, um eine entsprechende Stimmung herzustellen. Aber das ist es nicht allein: Während mir die privaten Probleme deutscher Ermittler unglaublich auf die Nerven gehen, gehören sie bei den Schweden selbstverständlich dazu. Im Grunde ist jeder ordentliche Schweden-Krimi in erster Linie ein Familiendrama, und zwar immer gleich auf mehreren Ebenen: Die Familienprobleme der Ermittler, die Familienprobleme der Kollegen, und natürlich die Familienprobleme, die bei Opfern und Tätern ans Licht kommen, menschliches Drama, wo man nur hinschaut, da ist doch ganz klar, dass die ganze Zeit schreckliche Dinge passieren müssen.

Screenshot: Der Hypnotiseur - die Ärztin Daniela (Helena af Sandberg) mit Linna und Bark

Screenshot: Der Hypnotiseur – die Ärztin Daniela (Helena af Sandberg) mit Linna und Bark

Deutsche Ermittler dagegen sind in der Regel keine Familienmenschen – sie leben nur für die Arbeit. Man muss nur die Liste der Tatort-Kommissare mal durchgehen. Mir fällt da bei den Dutzenden von Ermittlern außer Freddy Schenk keiner ein, der eine richtige Familie hätte – es gibt einige wenige Teilzeit-Eltern mit Kind, aber ohne Lebenspartner. Und manchmal hat einer auch eine Freundin, aber das wars dann schon. Familie und Beruf sind in Deutschland halt schwer vereinbar, das gilt auch für den Krimi. Für Familienprobleme gibt es hierzulande andere Genres – das ist halt die deutsche Art, alles muss schön ordentlich in Schubladen sortiert werden. Und Familie und Verbrechen gehören nicht in die selbe Schublade, auch wenn man eigentlich wissen müsste, dass das im wahren Leben ganz anders ist. Da sind die Schweden und (auch die Amis) einfach ehrlicher: Die meisten Verbrechen finden innerhalb von Familien statt, wenn es nicht gerade um organisierte Kriminalität im globalen Maßstab geht.

Screenshot: Der Hypnotiseur - Erik und seine Frau Simone (Lena Olin)

Screenshot: Der Hypnotiseur – Erik und seine Frau Simone (Lena Olin)

Zurück zu den ermordeten Familien in Stockholm und in Seattle: In beiden Fällen stellt sich im Laufe der Ermittlungen heraus, dass der überlebende Sohn der Täter sein muss. Denn es handelt sich gar nicht um einen leiblichen Sohn der Familie, sondern um ein adoptiertes Kind. Und in beiden Fällen spielt die leibliche Mutter des Sohnes eine nicht gerade vorteilhafte Rolle bei der ganzen Sache – wobei ich Colonel Margaret Rayne, die immerhin noch versucht hat, ihren Sohn nach seiner Wahnsinnstat zu beschützen, insgesamt deutlich glaubwürdiger fand als das durchgeknallte Psychowrack von Mutter, die den Sohn des Hypnotiseurs entführt, um sich an dem Arzt rächen, der sie – wie man sieht, auch völlig zu recht – als verrückt in die Klapse eingewiesen hat. Insofern muss ich sagen: Lasse Hallström hin und Mikael Persbrandt her – in diesem Fall hat das Team von The Killing die bessere Version der Geschichte erzählt.

The Killing 4: Der letzte Fall für Linden und Holder

Jetzt ist es schon wieder vorbei, das Wochenende, auf das alle Killies seit Monaten sehnsüchtig gewartet haben: Auf Netflix ist am Freitag die vierte und letzte Staffel von The Killing erschienen. Einerseits liebe ich das Netflix-Modell, eine Staffel komplett verfügbar zu machen, weil man dann mehrere Teile oder gar die komplette Staffel am Stück sehen kann – Binge Watching ist schon mein Ding. Und ich bin ja gerade mit den ganz harten Brocken eingestiegen: Kommissarin Lund – Das Verbrechen war mein erster Binge Watch – da habe ich vor einigen Jahren, als ich über Weihnachten krank war, sämtliche DVDs innerhalb weniger Tage angesehen – und das waren zehn Teile mit jeweils zwei Stunden. Aber ich konnte einfach nicht aufhören. Vielleicht hat diese Serie deshalb so einen Sog bei mir entwickelt.

Denn The Killing Season 4 beruht ja letztlich auch auf dieser Serie, auf die auch immer brav im Vorspann verwiesen wird. Wobei die vierte Staffel von The Killing ja nur aus sechs jeweils knapp einstündige Teile besteht – für einen geübten Binge Watcher ist das ein Klacks. Und obwohl draußen tolles Sommerwetter war und ich auch andere Sachen am Wochenende tun wollte und getan habe – jetzt ist es schon wieder vorbei. Da haben wir auch gleich das Andererseits – das klassische Modell mit jede Woche ein Teil finde ich zwar irgendwie ärgerlich, weil man immer so lange warte muss, bis man erfährt, wie es weiter geht. Aber man hat auch länger was davon.

Screenshot The Killing 4, Sarah Linden (Mireille Enos)

Screenshot The Killing 4, Sarah Linden (Mireille Enos)

The Killing ist jetzt schon wieder vorbei, und zwar für immer. Das ist einerseits schade, weil die Detectives Sarah Linden und Stephen Holder ein gutes Serien-Gespann waren, das von Mireille Enos und Joel Kinnaman auch fantastisch ausgespielt wurde. Andererseits muss man auch wissen, wann Schluss ist. Man kann eine wirklich gute Serie auch killen, in dem man immer noch einen drauf setzt, obwohl die Geschichte längst erzählt ist, wie es bei den letzten beiden Staffeln von Dexter war oder bei den letzten ich weiß nicht wie vielen Staffeln von Emergency Room. Bei beiden Serien waren jeweils die ersten fünf Staffeln großartig und dann ging der Krampf los.

Screenshot The Killing 4, Stephen Holder (Joel Kinnaman)

Screenshot The Killing 4, Stephen Holder (Joel Kinnaman)

The Killing macht diesen Fehler (hoffentlich) nicht. Sowohl das dänische Original, das mit der dritten Staffel beendet wurde, als auch das US-Remake sind jetzt zu Ende – und es wird ja künftig wohl hoffentlich auch weitere tolle Krimi-Serien geben. Wobei Joel Kinnaman ja leider schon verkündet hat, dass er in den nächsten Jahren ganz bestimmt kein Serien-Projekt mehr machen wird, weil man sich damit einfach für sehr lange Zeit auf etwas einlässt, bei dem man nicht weiß, wie es ausgeht.

Eins vorweg: Ich finde die vierte Staffel alles in allem wieder gelungen und mir gefällt, dass The Killing seinem Stil treu geblieben ist: Es gibt immer wieder Bilder von der nebligen, kalten Wald- und Wasserlandschaft im Nordwesten der USA – es könnte auch Skandinavien sein, Meer, Seen und Wald. Natürlich wird auch immer wieder die Skyline von Seattle gezeigt, damit wir nicht vergessen, wo das alles stattfindet. Und auch wenn die Handlung in diesen sechs Teilen sehr dicht ist, gibt es immer wieder ruhige Sequenzen, eine gewisse Langsamkeit, die ich durchaus schätze, weil mir viele neue Serien oft zu hektisch geschnitten sind. Also nichts gegen schnelle Sequenzen, Zeitraffer und Zusammenfassungen aller Art – finde ich super. Da, wo es angebracht ist. Aber man muss auch mal eine längere Einstellung aushalten können, wenn es wichtig ist. In The Killing gibt es immer wieder viel Action, dazwischen eben aber auch Atempausen – gerade, wenn die Ermittler nicht weiter kommen und sich wieder und wieder und wieder mit den selben Details beschäftigen müssen, weil sie vielleicht etwas über sehen haben und natürlich mit sich selbst – das ist ja das andere große Thema dieser Serie.

Screenhot The Killing 4 Landschaft

Screenshot The Killing 4: Die Landschaft zur Serie

So, und jetzt geht es los mit den Spoilern, das ist aber nicht zu vermeiden. Das Unerträgliche an der dritten Staffel war ja, dass es kein Ende im eigentlich Sinne gab: Sarah Linden findet heraus, das ausgerechnet ihr Vorgesetzter Lieutenant Skinner, mit dem sie gerade auch noch eine alte Affäre aufgefrischt hat, der Mädchenmörder ist, nach dem sie und ihr Partner Holder gesucht haben. Holder kriegt das ebenfalls heraus und versucht, Sarah zu finden, die mit Skinner unterwegs ist, weil sie hofft, damit ein weiteres Kind, das vor Jahren zufällig Zeuge eines Mordfalls geworden ist, zu retten. Holder findet die beiden, kann aber nicht verhindern, dass Sarah, wütend und verletzt, Skinner abknallt. Wir hören ihn nur aus dem Off: „No no no no no.“ Und dann ist Schluss.

Zu Beginn der vierten Staffel erfahren wir, dass Holder Sarah geholfen hat, die Leiche zu beseitigen. Er hat sich also entschieden, Sarah zu decken. Keine gute Entscheidung für jemand, der sich auch dafür entschieden hat, ein guter Cop werden zu wollen. Denn wie wir aus den Staffeln zuvor wissen, hat auch Holder eine Vergangenheit: Als Undercover-Ermittler für das Drogendezernat ist er auf Meth hängen geblieben und nur weil sich sein damaliger Lieutenant sehr für ihn eingesetzt hat und Holder brav zu seinen NA-Treffen gegangen und weitgehend clean geblieben ist, hat er überhaupt eine Chance bei der Mordkommission bekommen. Holder kapiert durchaus, dass das eine ziemlich einmalige Chance ist, und hängt sich entsprechend rein – und er ist der einzige, der noch mit dieser verschrobenen Linden klar kommt. Die beiden Außenseiter im Polizeidienst werden letztlich ziemlich beste Freunde, die sich aufeinander verlassen können – davon lebt die dritte Staffel.

Screenhot The Killing 4: Holden und Linden bei der Arbeit

Screenhot The Killing 4: Holden und Linden bei der Arbeit

In der vierten Staffel wird genau das auf die Probe gestellt – jetzt müssen die beiden zusammenhalten, wenn sie irgendeine Chance haben wollen. Nur sie wissen, was mit Skinner passiert ist. Was insbesondere Holder vor Konflikte stellt: Er hat Linden ja nur geholfen, Skinner zu beseitigen, er hat ihn nicht getötet. Aber er schätzt Linden und er findet, dass Skinner bekommen hat, was er verdient hat. Und er will einfach nur ein guter Mensch sein – genau das, was ihm niemand zugetraut. Außer Linden und seiner Freundin Caroline, die jetzt auch noch schwanger ist. Und das selbst auch gar nicht so gut findet. Ausgerechnet Holder beschließt dann aber, endlich bürgerlich und ein guter Vater werden zu wollen. Was Caroline natürlich gefällt, Holder aber noch tiefer in die Zwickmühle bringt: Jetzt darf er sich auf gar keinen Fall erwischen lassen. Und entsprechend muss er Linden zusammenscheißen, die langsam die Nerven verliert.

Screenhot The Killing 4: Sarah Linden und ein besonders schöner Strickpulli.

Screenhot The Killing 4: Sarah Linden und ein besonders schöner Strickpulli.

Denn der neue Fall hat es in sich: Eine Familie wurde komplett ausgelöscht, jedenfalls fast. Nur der Sohn überlebt das Massaker schwer verletzt. Ihm wurde in den Kopf geschossen. Aber vielleicht hat er es auch selbst getan und vorher seine Familie erschossen. Die Spurenlage ist nicht eindeutig, mehrere Szenarien sind denkbar. Und natürlich ist klar, dass da Leichen im Keller liegen müssen – eine unbescholtene, anerkannte, reiche Familie mit vorbildlichem Familienleben. So etwas gibt es einfach nicht. Oder wie Linden sagt: Anyone makes mistakes. Und natürlich werden die Fehler nach und nach sichtbar. Auch die, die Linden und Holder machen.

Screenhot The Killing 4: Holder

Screenhot The Killing 4: Holder

Linden, die Holder nicht mehr traut, ohne zu ahnen, was er ihretwegen durch macht, gerade weil er sie nicht verraten will. Linden spinnt in ihrer Sarah-gegen-den-Rest-der-Welt-Tour mal wieder vor sich hin und kriegt erst nach mehreren Winks mit dem ganzen Gartenzaun mit, dass es durchaus Menschen gibt, denen sie nicht egal ist, wobei sie gerade denen immer wieder vors Schienbein tritt – ihrem Sohn und eben Holder.

Screenhot The Killing 4: Ein Familienfoto der Opfer

Screenhot The Killing 4: Ein Familienfoto der Opfer

Holder, der rückfällig wird, weil er Caroline nicht sagen kann und will, warum er so neben der Spur ist, wo er doch eigentlich gerade entschieden hat, eben nicht mehr neben der Spur sein zu wollen. Natürlich ist es Linden, die als erste darauf kommt, dass er wieder Meth nimmt – sie kennt ihn inzwischen zu gut, auch wenn sie das Entscheidende nicht erkennt, nämlich, dass er sie nicht verraten hat. Und so lösen sie auch diesen wirklich fiesen Fall, auch wenn sie zum Schluss gegeneinander arbeiten. Denn Holder will den wahren Täter nicht in noch einen Fall vertuschen, während Linden sich in diesem Fall an ihre eigene Situation erinnert fühlt: Sowohl als Täterin, die selbst einen Mörder zur Strecke gebracht hat, als auch als Mutter, die ihren Sohn schützen will.

Screenshot The Killing 4, Stephen Holder (Joel Kinnaman) und Caroline (Jewel Staite)

Screenshot The Killing 4, Stephen Holder (Joel Kinnaman) und Caroline (Jewel Staite)

Wobei in dieser Rolle ja ihre Gegenspielerin versagt, Major Margaret Rayne, um deren Sohn es letztlich geht. Genau der vertraut sich Linden schließlich an – er muss einfach los werden, was ihm auf der Seele brennt. Und das bringt Linden dazu, sich ebenfalls zu stellen. Sie gesteht ausgerechnet ihrem verhassten Kollegen Carl Reddick, dass sie James Skinner erschossen hat. Aber so einfach kann es natürlich nicht sein: Die Nachricht, dass ein hochrangiger Police-Officer der lang gesuchte Mädchenmörder ist, ruft höchste politische Kreise auf den Plan. Und Seattles Bürgermeister Darren Richmond greift ein – Sarahs Geständnis wird ihrer in Staffel zwei zutage getretenen psychischen Labilität zugeschrieben. Natürlich kann James Skinner nicht der Mörder sein. Aber er hat sich laut dem offiziellem Obduktionsbericht selbst eine Kugel in den Kopf gejagt – familiäre Probleme. Und damit ist sie keine Mörderin und auch Holder ist aus der Sache raus. Als Mörder der Mädchen, die man in der Nähe von Skinners Leiche gefunden hat, wird ein ohnehin Verdächtiger präsentiert, der es zwar nicht war, aber Arschloch genug ist, um als Täter durchzugehen.

Screenshot The Killing 4: Mit Colonel Margaret Rayne legt man sich besser nicht an.

Screenshot The Killing 4: Mit Colonel Margaret Rayne legt man sich besser nicht an.

Also sozusagen ein unfreiwilliges Happyend. Und weil das schon wieder zu viel ist, geht es auch noch noch ein paar Minuten weiter – wobei ich das dann erstrecht zu viel fand: Linden quittiert den Polizeidienst und geht nach Chicago, um ihrem Sohn näher zu sein. Plausibel, geht okay. Caroline und Holder bekommen eine Tochter, Holder wird liebevoller Wochenend-Vater, denn die Beziehung geht nicht gut – ebenfalls plausibel. Holder quittiert den Polizeidienst und wird Leiter einer Selbsthilfegruppe – total plausibel, was soll er auch sonst tun, wenn er gern Menschen hilft und Verständnis für deren Schwächen hat. Linden kommt nach ein paar Jahren nach Seattle zurück, um Holder endlich zu sagen, dass sie kapiert hat, dass er sie nicht verraten hat, sondern sie bloß blöd war. Geht auch okay. Holder hält Linden einen holderesken Vortrag, findet das alles aber irgendwie gut – erstrecht okay. Und dann fährt Linden weg, wie es halt ihre Art ist, als sture Einzelgängerin. Das wäre ein perfektes Ende gewesen.

Screenhot The Killing 4: Déjà vu - nur dieses Mal ist es Spinners Wagen

Screenhot The Killing 4: Déjà vu – nur dieses Mal ist es Skinners Wagen

Aber nein, sie dreht wieder um. Holder und Linden, echt jetzt? Einerseits logisch, denn die beiden gehören mit ihrem Drang, stets das Gute zu wollen und dann das Böse zu tun, wirklich zusammen. Aber der Zauber dieser Beziehung war ja, das es keine war. Also keine solche.

Also wenn man die letzten paar Minuten weglässt: Super Staffel. Super Serienende.

Ein echtes Highlight für alle, die entnervte Blicke von Joel Kinnaman lieben, denn davon gibt es viele. Das kann der. Auch verzweifelte, verliebte, anteilnehmende, verächtliche, wütende – kucken kann der, dass es eine Pracht ist. Bei Mireille Enos sind es eher die zweifelnden, fragenden Blicke – aber die kann das auch. Dieser ganze spröde, unnahbare Sarah-Linden-Charakter, der einerseits durchaus emphatisch ist, andererseits auch sehr anmaßend – es kommt nicht so häufig vor, dass eine weibliche Hauptfigur so drauf sein darf, das gibt schon mal Bonuspunkte.

The Killing 4 - Bittere Pointe: Der erste Fall von Holder und Linden fing mit einer Leiche in einem versenkten Auto an...

The Killing 4 – Bittere Pointe: Der erste Fall von Holder und Linden fing mit einer Leiche in einem versenkten Auto an…

Und dann natürlich die Ermittlung in einer Militär-Akademie, wo die Reichen ihre missratenen Sprösslinge abladen, damit sie wieder zurecht gedrillt werden – diese Welt aus Disziplin und Gehorsam ist sowohl für Linden als auch für Holder eine einzige Provokation, denn mit Autoritäten und mit Disziplin haben die beiden bekanntlich jeweils Probleme. Auch wenn sie als Ermittler dann doch wieder unglaublich viel Disziplin entwickeln und sich buchstäblich durch jede Scheiße wühlen, um den Fall aufzuklären – etwa in dem sie Waschräume und Toiletten von Tankstellen im Umkreis des Tatortes durchsuchen, weil sich der blutbespritzte Täter dort gesäubert haben muss. Doch, das war wieder richtig gut, da kann man ein paar Sentimentalitäten zu viel durchaus verzeihen.

Bleibt sich treu: The Bridge America 2

Der Serien-Sommer geht weiter, und während ich mich langsam auch wieder in True Blood einsehe – es ist tatsächlich nur der erste Teil so schlimm, weil zum Beginn der neuen Staffel erst einmal das hässliche und unvollständige Ende der sechsten Staffel noch vollstreckt werden muss, bevor es dann mit Elan wieder in die Vollen gehen kann – gibt es durchaus noch weitere Highlights. Inzwischen wird nämlich die zweite Staffel von The Bridge America ausgestrahlt, und den Auftakt zur neuen Staffel fand ich absolut gelungen – ich war gleich wieder drin und bin jetzt sehr gespannt darauf, wie es weiter geht. Genau so soll es sein!

Screenshot The Bridge America 2, via foxchannel.de

Screenshot The Bridge America 2, via foxchannel.de

Während ich mit der zweiten Staffel von der Original-Brücke wie schon geschrieben sehr unzufrieden war, weil ich die Geschichte alles in allem reichlich konfus fand und die vielen Wendungen nicht unbedingt logisch waren und eindeutig nur dazu dienten, die Zuschauer irgendwie bei der Stange zu halten, verspricht die zweite Staffel des Remakes richtig gut zu werden.

Dem Original fehlte in der Fortsetzung der Tiefgang und die komplexe Entwicklung der verschiedenen Figuren, die die erste Staffel spannend gemacht hatten – der engagierte Sozialarbeiter, der zum Mörder wird, der karriere- und rauschmittelsüchtige Journalist, der sich zum Werkzeug des Erpressers machen lässt – da gab es eine ganze Reihe von interessanten Figuren, die die Handlung vorangetrieben haben, so dass die Macken der Ermittler Saga Norén und Martin Rohde originelles Beiwerk waren und nicht im Vordergrund standen, was mir bei der Fortsetzung zunehmen auf die Nerven ging. Zwar fand ich die Entwicklung der beiden und ihrer Beziehung, oder im Falle von Saga muss man ja eher ihrer intensiven Nicht-Beziehung sagen, auch in der zweiten Staffel durchaus noch interessant, aber das hat die Geschichte nicht gerettet. Im Gegenteil fiel mir dadurch erst auf, wie dünn und gezwungen der Rest war.

Hier hat The Bridge America den unschlagbaren Vorteil, dass das Remake an der sehr viel spannenderen Grenze zwischen den USA und Mexiko spielt. Die Lebensverhältnisse in diesen beiden Ländern sind so krass verschieden, dass es sehr viel weniger Psychogedöns braucht, um das zum Teil sehr ambivalente Verhalten der Charaktere zu erklären. Natürlich hat Marco Ruiz ganz andere Probleme als Sonya Cross. Und anders als Martin Rohde, der aus Trauer über den Verlust seines Sohnes quasi arbeitsunfähig wird und von den verständnisvollen Dänen auf einen ruhigen Schreibtischjob abgeschoben wird, kämpft Marco erst recht an vorderster Front weiter – in einem schwer bewaffneten Einsatzkommando der mexikanischen Polizei. Und gleich beim ersten Einsatz wird auch gezeigt, dass er vor allem Feinde in den eigenen Reihen hat: Einer seiner vermummten Kollegen droht, ihn zu erschießen. Marco nimmt Helm und Maske ab, und nur weil es Zeugen gibt, nämlich verängstigte Bewohner der gestürmten Wohnung, schießt der andere nicht.

Sonya dagegen erfährt, dass der Mörder ihrer Schwester im Sterben liegt, im Gefängnis trifft sie seinen Bruder. Mir gefällt zwar nicht, was sich daraus ergibt, aber mal abwarten, wie sich das weiter entwickelt. Auf jeden Fall ist Sonya weiterhin auf der Suche nach einem verschwundenen mexikanischen Mädchen, weshalb sie Marco aufsucht. Sie will ihn dazu bewegen, ihr bei dieser Ermittlung zu helfen – und es würde mich sehr wundern, wenn das nicht noch mit einer ganz schlimmen Geschichte endet. Was mir auch gut gefällt, ist, dass Daniel Frye wieder mit von der Partie ist – hier haben die Macher des Remakes sich eine originellere Figur ausgedacht, als den korrupten Hochglanzjournalisten in der Vorlage.

Dieser schmierige Reporter wird von Matthew Lillard aber auch einfach genial gespielt. Wobei mir auch Emily Rios als seine Kollegin Adriana Mendez sehr gut gefällt. Adriana pendelt zwischen den Welten, ihrer mexikanischen Familie in Ciudad Juárez und ihrer Karriere in den USA. Wie sie Daniel erzählt hat, verdankt sie ihre Karriere vor allem dem Umstand, dass sie Lesbe ist. Denn während die anderen Mädchen hinter den Jungs hergelaufen sind, hat sie sich auf ihre Ausbildung und ihren Job konzentriert. Ihre Familie kommt damit allerdings nicht so gut klar – zwar finden die gut, dass Adriana erfolgreich ist und Geld verdient, aber irgendwann muss sie doch einen Mann finden und Kinder bekommen. Statt dessen kümmert sie sich darum, dass ihr süchtiger Kollege zu seinen Meetings geht und hilft ihm bei der Recherche von haarsträubenden Storys – was für sie natürlich auch gefährlich wird.

Hier haben wir schon einen ganzen Haufen von Konflikten, die alle für sich schon spannender sind, als diese verschwurbelten Ideen von skandinavischen Wohlstandskindern, die zu Ökoterroristen werden müssen, damit die Polizei was zu ermitteln hat. Ich bleibe dabei: The Bridge America ist ein wirklich geniales Remake, das schon in der ersten Staffel eine erstaunliche Eigendynamik entwickelt hat, obwohl es noch relativ dicht an der Vorlage geblieben ist. Die zweite Staffel verspricht nun, etwas ganz eigenes zu werden, ähnlich wie die dritte Staffel von The Killing. Ich bin auf jeden Fall sehr gespannt!

Morgen hör‘ ich auf

Seit bekannt wurde, dass das ZDF ein deutsches Breaking Bad produzieren möchte, wird auf den einschlägigen auf Serien- und Film- und Medienseiten im Internet reichlich gelästert.

Und ich muss gestehen, dass ich die dort geäußerten Befürchtungen teile, dass das ZDF selbst aus einem so starken und faszinierenden Stoff wie der Verwandlung des im Leben bisher mäßig erfolgreichen Chemielehrers Walter White in einen skrupellosen Drogenbaron eine höchstens mittelmäßige Serie machen wird. Es reicht hat nicht, eine gute Vorlage zu nehmen, und die einfach nachzumachen oder schlimmer noch – sie zu „schlanden“. Denn auf deutsche Fernsehverhältnisse übertragene Serien funktionieren in der Regel nicht, egal wie originell und schmissig die Vorlage war. Was hatte beispielsweise Kanzleramt noch mit The West Wing zu tun? Genau, gar nichts. Das war wieder deutsches Fernsehen in all seinem Elend, das irgendwie kritisch und pädagogisch wertvoll sein will, gleichzeitig aber vergisst, dass es eigentlich unterhalten soll, was durchaus auf eine intelligente Art geschehen darf, die man dem deutschen Publikum aber nicht zutraut. Warum sonst fehlen in keinem Tatort diese minutenlangen Sequenzen, in denen der eine Ermittler dem anderen noch einmal erklärt, was wir gerade über den Fall wissen?

Das muss nicht sein – die geschulten Serienseher, die sich den guten echten Stoff aus dem Internet saugen, sind sogar in der Lage, komplexe, intelligente Serien in Fremdsprachen zu verfolgen, wenn man sie ihnen im deutschen Fernsehen vorenthält. Insofern ist es mehr als überfällig, diesem Publikum, das ja ebenfalls jeden Monat fast 18 Euro Rundfunkbeitrag abdrückt, zur Abwechslung auch mal mit einer guten Serie zu überraschen. Und nein, wir wollen nicht noch eine SOKO und noch ein starkes Team und auf keinen Fall noch eine Kommissarin mit oder ohne Babybauch. Insofern ist Morgen hör‘ ich auf schon ein brauchbarer Ansatz, und allzu eng an die Vorlage soll sich der als Mini-Serie angelegte Versuch ja auch nicht halten. Beim ZDF wird es ein arbeitsloser Grafiker sein, der Falschgeld druckt, um seine Familie über Wasser zu halten und nicht mehr aussteigen kann, nachdem die Mafia auf ihn aufmerksam geworden ist.

Mal sehen – vielleicht wird es ja gar nicht so schlimm. Ein Remake muss nicht zwingend schlecht sein. In der letzten Zeit habe ich einige US-Versionen skandinavischer Serien gesehen, etwa The Bridge America oder The Killing, die erstaunlich gut funktioniert haben. Wobei die in den USA natürlich wissen, wie man gute Serien macht, deshalb schaffen sie es auch, aus guten Vorlagen richtig gute US-Versionen zu machen.

Wobei mir natürlich besser gefallen würde, wenn man sich nicht mit der Neuverfilmung einer guten Vorlage begnügen würde – man kann auch das beste Pferd zuschanden reiten, wenn man es zu oft laufen lässt: Beim dritten Brücke-Remake The Tunnel war dann zumindest bei mir als Zuschauer die Luft raus, irgendwann ist auch die ambitionierteste Neuverfilmung einer altbekannten Geschichte nicht mehr spannend.

Es ist ja nicht so, dass es hierzulande keine interessanten Stoffe gäbe. Im Gegenteil, es gibt Stoffe ohne Ende. Und selten, leider viel zu selten, wagen sich die deutschen Fernsehsender auch mal an eine zeitgemäße Umsetzung solcher Stoffe heran, wie der SWR im Jahr 2010 mit der Mini-Serie Alpha 0.7 – Der Feind in dir, die davon handelt, wie der Staat in die Köpfe der Menschen schauen will. Leider war die Serie alles in allem dann doch nicht so gut, wie ich nach dem durchaus gelungenen ersten Teil erwartet hatte. Ich hatte halt tatsächlich davon geträumt, dass das deutsche Fernsehen mal so etwas auf die Reihe kriegen würde wie die Kanadier mit der Sci-Fi-Serie Regenesis geschafft haben – aber das war natürlich zu viel verlangt. Doch gemessen an dem, was einem von den Öffentlich-Rechtlichen sonst zugemutet wird, war das vergleichsweise ordentlich. Auf jeden Fall hat der SWR mit Alpha 0.7 einen großen Schritt in die richtige Richtung gemacht, mal etwas Anderes auszuprobieren. Wenn man sich das öfter trauen würde, kämen sicherlich irgendwann auch gute und vielleicht sogar richtig gute Serien dabei heraus.

Robocop reloaded – die Zukunft hat längst begonnen

So, jetzt hab ich ihn endlich gesehen, den neuen Robocop und bin erleichtert: Es ist ein durchaus gelungener Film, in dem die Geschichte des Polizisten Alex Murphy und seiner Verwandlung in eine Maschine neu erzählt wird. Das Gemecker in einschlägigen Foren, wie man denn überhaupt wagen könne, Robocop neu zu verfilmen, und dann noch mit so einem dahergelaufenen Schweden, wo doch Peter Weller der einzig wahre Robocop sei, kann man getrost vergessen. Wobei Peter Weller natürlich ein fantastischer Robocop war. Aber Joel Kinnaman ist halt auch ein großartiger Robocop.

Ich muss natürlich zugeben, dass Joel Kinnaman für mich sogar ein entscheidendes Extra an dem Film ist und hoffe sehr, ihn jetzt häufiger in guten Filmen zu sehen. Denn obwohl ich das meiste, was ich bisher von ihm gesehen habe, ziemlich bis sehr gut fand, ist auch ein Joel Kinnaman keine Allzweckwaffe gegen schlechte Filme. The Darkest Hour beispielsweise ist einer der schlechtesten Science-Fiction-Filme, die ich je zu sehen versucht habe – ich habe den nicht bis zum Ende durchgehalten, weil er einfach zu öde war. Der spielt in der Liga von Independece Daysatster, den ich auch einfach zu schlimm fand, um ihn durchzuhalten. Dabei schaue ich mir eigentlich gern auch trashiges Zeugs an, und ruhig auch total schrägen, gewalttätigen Gaga-Trash wie Machete Kills und so weiter. Aber es gibt halt in jedem Genre bessere und schlechtere Filme. Und so hatte ich schon etwas Bedenken, dass es mit der Neuverfilmung von Robocop schief gehen könnte. Ging es aber nicht.

Was stimmt, ist, dass der neue Robocop weitgehend humorfrei ist. Das Original von Paul Verhoeven ist ja quasi schon seine eigene Satire, was eine echte Meisterleistung war und ist – dieser beißende, schwarze und abgründige Humor ist DAS Markenzeichen von Verhoeven-Filmen. Hier haben wir aber einen José-Padilha-Film. Der Brasilianer ist von Haus aus ein Dokumentar-Filmer, und zwar ein kritischer, der sich für Themen wie Gewalt, Drogen, Korruption und so weiter interessiert, weshalb ich sehr gespannt war, wie er einen Stoff wie Robocop angehen würde.

Was auch stimmt, ist, dass dem Film der Superbösewicht Clarence Boddicker samt seiner brutale Gang abhanden gekommen ist – was ich keineswegs als Verlust empfinde. Mir gehen diese dämonischen Superbösewichte ohnehin auf die Nerven, weshalb ich auch kein großer Fan von Psychopathen-Filmen bin – das ist nicht die Art des Bösen, die mich interessiert. Viel spannender als jeden superperversen Totalspychopathen finde ich die „normalen“ Psychopathen, selbstbezogene Chefs, entgleiste Underdogs, die irgendwann einfach den Kanal voll haben und abdrehen, und dann natürlich die ganze Palette des trivialen Bösen wie halt korrupte Bullen oder gierige Aufsteiger, Menschen eben, die kriminelle Dinge tun, weil sie sich irgendeinen Vorteil davon versprechen und nicht weil sie so furchtbar böse sind. Die meisten Verbrechen geschehen ja nicht, weil jemand einfach böse sein will, sondern weil es auf legale Weise halt unheimlich mühsam ist, seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. All das wird in Robocop so natürlich nicht thematisiert, da geht es schließlich um die Verbrechensbekämpfung und wie man die möglichst effektiv gestalten kann. Und natürlich gibt es mit dem Waffenhändler Antoine Vallone auch noch einen Verbrecher, und zwar einen, der den engagierten Bullen Alex Murphy aus dem Weg haben will, weil er weiß, dass Murphy und sein Partner Jack Lewis (gespielt von Michael K. Williams, bekannt als Omar Little aus The Wire) ihm auf der Spur sind. Aber der ist halt ein normaler Gangster mit guten Verbindungen und kein durchgeknallter Psychopath.

Und es geht um Kapitalismus – der auch gar nicht infrage gestellt wird. Padilha, der Dokumentarfilmer, zeigt einfach, wie er funktioniert. Da ist der Hightech-Konzern Onmicorp, der weltweit seine Produktions- und Testzentren hat und einen Haufen Geld verdienen will. Onmicorp beliefert das US-Militär mit Drohnen und Robotern, die überall in der Welt für Ordnung und Sicherheit sorgen, ohne dass dabei das Leben von US-Soldaten gefährdet wird. Dass nicht allen Menschen in den besetzten, äh, befreiten, befriedeten Ländern das gefällt, wird gleich am Anfang klar, als ein Kommando von Selbstmordattentätern in Teheran einen Anschlag auf einige dieser Militär-Roboter verübt – nur, um damit ins Fernsehen zu kommen. Um zu zeigen, dass es Widerstand gibt. Und als einer der angegriffen Roboter ein mit einem Messer bewaffnetes Kind erschießt, wird die Liveschaltung in die USA unterbrochen. Denn eigentlich sollte das ja eine Werbesendung für die Omnicorp-Produkte sein. Und keine Kritik daran, zu der dieser Fernsehbeitrag nun zu mutieren droht.

Denn die ganzen schönen Omnicorp-Roboter dürfen in den USA nicht eingesetzt werden, weil man dort ethische Probleme damit hat, wenn Maschinen und nicht Menschen den Abzug betätigen. Auch wenn es die Menschen sind, die ständig Fehler machen. Omnicorp ist versessen darauf, den lukrativen Heimatmarkt endlich mit seinen Produkten ausstatten zu können. Die Vorstandsetage wird ganz wuschig, als sie ausgerechnen lässt, wieviele Millionen der Firma durch dieses unsinnige Gesetz, das bezeichnenderweise Dreyfuss Act heißt, jeden Tag, den es noch gilt, entgehen. Der Dreyfuss Act muss weg, soviel ist klar. Und Omnicorp braucht ein Produkt, das irgendwie menschlich ist, ohne dass der menschliche Faktor stört. Und der wird aus den menschlichen Überresten von Alex Murphy nach und nach heraus optimiert.

Es stellt sich nämlich schnell heraus, dass die vollautomatischen Roboter, die in den Tests gegen Robocop antreten, einfach effektiver sind. Sie denken nicht, sie handeln gemäß ihres Programms. Sie sind im Grunde das, was der klassische Robocop war: „Er hat keinen Namen, er hat ein Programm.“ Aber der neue Robocop wurde ja extra geschaffen, um nicht nur Programm zu sein, sondern eben ein überlegener Mensch dank maschineller Unterstützung. Über den neuen Robocop sagt Konzernchef Raymond Sellars (Michael Keaton): „Wir haben hier einen Roboter, der denkt, er sei Alex Murphy; und das ist, denke ich, legal.“ Denn als guter Geschäftsmann weiß Sellars, dass jedes ethische Problem eigentlich ein juristisches Problem ist.

Wissenschaftler Dr. Dennet Norton (Gary Oldman) hat dann aber viel Mühe damit, die Gedanken und Gefühle von Alex Murphy so zu kontrollieren, dass er die effektive Maschine sein kann, die er sein soll. Als Alex realisiert, dass von ihm eigentlich kaum etwas übrig ist, will er einfach nur sterben – aber Dr. Norton schafft es, die richtigen Emotionen in ihm zu wecken, um überleben zu wollen – für seine Frau Clara und seinen Sohn. Die Alex aber kurze Zeit später schon nicht mehr wahr nimmt, als er bei seiner ersten öffentlichen Präsentation an den beiden, die schon lange sehnsüchtig auf ihn gewartet haben, einfach vorbei stampft. Nach einem unvorhergesehen emotionalen Zusammenbruch musste Dr. Norton den Dopamin-Spiegel seines Schützlings so weit senken, dass er nichts mehr fühlt, damit er wieder handlungsfähig ist.

Der menschliche Faktor wurde also weitgehend elemeniert, Alex wird tatsächlich zu der effektiven Maschine, die er sein soll. Mit der Nebenwirkung, dass er auch völlig emotionslos ehemalige Kollegen abknallt, nachdem er sie eines Verbrechens überführt hat. Das ist eine Panne, die für Omnicorp fatal werden kann – insbesondere, nachdem Alex damit angefangen hat, in seinem eigenen Mordfall zu ermitteln. Er kann gar nicht anders, seine hocheffektiven Programme bringen ihn schnell auf die richtige Spur – er deckt Korruption in den eigenen Reihen auf, bis hinauf zur Polizeipräsidentin. Doch bevor er sie zu einem Geständnis bringen kann, schaltet Omnicorp ihn ab. Die Sache wird politisch zu heikel. Allerdings rebelliert Dr. Norton dagegen, dass Alex dauerhaft still gelegt wird. Norton ermöglicht ihm nicht nur die Flucht aus dem Omnicorp-Labor, in dem er zerstört werden soll, sondern entfernt auch den Transmitter, mit dem der Robocop ferngesteuert wurde. Damit ermöglicht er Alex, tatsächlich wieder autonom handeln zu können.

Die Frage, ob das jetzt gut oder schlecht ist, spielt eigentlich keine Rolle – klar ist, dass Alex so oder so nicht mehr in sein altes Leben zurück kann – er hat keinen Körper in eigentlichen Sinne mehr, ob und wie er und Clara jemals wieder Sex haben werden, wird nicht weiter thematisiert, ist aber eine der vielen interessanten Fragen, die der Film aufwirft. Was soll eine Kampfmaschine einem Gewissen? Wie sich zeigt, ist sie ja viel effizienter, wenn sie keins hat. Genau wie es viel praktischer ist, wenn der Robocop keine Emotionen zeigt – die stören nur und für die Aufklärung von Verbrechen braucht er keine, da reichen flotte Prozessoren und die riesigen Datenbanken, auf die er zugreifen kann. Letztlich entpuppt sich das letzte bisschen Mensch, das noch in ihm steckt, als lästiger Ballast. Und doch ist es eben dieses letzte Bisschen, das ihn dazu bringt, sich gegen sein Schicksal aufzulehnen. Rational ist es nicht zu erklären – es ist halt einfach menschlich.

Die Brücke – Transit in den Tod auf amerikanisch

Ich bin ja eine große Freundin der „Ein-Fall-Mehrteiler“ – also Krimi-Serien, bei denen es eine ganze Staffel lang um die Aufklärung eines einzigen Falls geht. Leider haben Fernsehproduzenten nicht oft den Mut, solche Serien zu produzieren. Ein gutes Beispiel war vor einigen Jahren Das Verbrechen, in dem die dänische Kommissarin Sarah Lund so ziemlich alles dafür geben hat, den Mord an einem neunzehnjährigen Mädchen aufzuklären. Es gab noch zwei weitere Staffeln, aber leider kamen diese nicht an den ersten Fall heran. Die Skandinavier sind bekanntlich sehr gut in düsteren Krimis und es muss nicht immer Kommissar Kurt Wallander sein, obwohl ich Henning Mankell als Autor sehr schätze, und ganz ausdrücklich nicht nur als Autor wirklich guter Krimis.

Insofern war ich sehr begeistert, als im vergangenen Jahr Die Brücke im Fernsehen lief, eine dänisch-schwedisch-deutsche Koproduktion, bei der ein dänischer Kommissar und eine schwedische Kommissarin gemeinsam einen Mordfall untersuchen müssen, der mit einer Leiche auf der Öresundbrücke begonnen hat und immer weitere Kreise zieht.

Am Ende ist der geniale Verbrecher, der sich gern Wahrheitsterrorist bezeichnen lässt und mit sorgfältig inszenierten Verbrechen auf soziale Missstände in der Gesellschaft aufmerksam macht, nur auf einem sehr privaten Rachefeldzug gegen einen der beteiligten Ermittler.

Und zwar gegen den auf den ersten Blick „normaleren“ der beiden. Während die kühle Schwedin Saga Norén (Sofia Helin) überkorrekt und im bürgerlichen Sinne irgendwie gestört ist, weil sie sich stets exakt an die Vorschriften hält und immer die Wahrheit sagt, auch wenn sie ihrem Umfeld damit ständig vor den Kopf stößt, ist der joviale Däne Martin Rohde (Kim Bodnia, der Freunden der gnadenlosen Gangstergroteske durch Pusher ein Begriff sein sollte, in dem er quasi den kompletten Soprano-Klan in einer einzigen Figur verkörpert) einer, der auch mal fünf gerade sein lässt und genau weiß, was die Menschen von ihm hören wollen. Martin ist halt ein verständnisvoller Typ und durch seine Fähigkeit, sich in andere einzufühlen, durchaus ein guter Ermittler. Als Team sind die beiden natürlich unschlagbar, die ausschließlich auf ihren Job fokussierte Saga, die es für Zeitverschwendung hält, während der Arbeit Privatgespräche zu führen, nur weil man mal die Stimme eines geliebten Menschen hören will und nicht begreift, wozu Smalltalk unter Kollegen gut sein soll und der sozial überaus kompetente Martin.

Szenenfoto aus "Die Brücke"

Das schwedisch-dänische Ermittler-Duo Saga Norén und Martin Rohde. Szenenfoto aus „Die Brücke“ Quelle: movie-infos.net

Die Ironie der Geschichte ist, dass Saga sich zwar einiges von Martin abschaut, was ihr den Umgang mit anderen Menschen erleichtert, aber Martin derjenige ist, den seine menschliche Schwäche ins Verderben stürzt – er will es halt immer allen recht machen, vor allem aber sich selbst. „Du gehst immer den Weg des geringsten Widerstands!“ wirft ihm sein heranwachsender Sohn vor, der wieder zu Hause eingezogen ist und seine Nächte am Computer mit Ballerspielen verbringt, noch immer wütend auf seinen Vater, der seine Mutter und damit auch ihn vor Jahren verlassen hat.

Und dann gibt es natürlich noch viele andere Figuren, die in mit ihren Geschichten in diesen Fall verwoben sind, etwa den verdächtigen Sozialarbeiter mit Helfersyndrom, der auf seine Art gegen die Ungerechtigkeit in der Gesellschaft kämpft, in dem er gestürzten und gestrandete Menschen hilft. Als er eine Mutter mit ihren Kinder nicht nur vor Obdachlosigkeit, sondern auch vor dem gewalttätigen Partner retten will, wird er selbst zum Mörder, aber natürlich hat er nichts mit dem abgefeimten Wahrheitsterroristen zu tun, er ist zwar ein Einzelkämpfer, aber einer ohne krankhaftes Sendungsbewusstsein.

Oder den jungen, karrieregeilen Journalisten, der sich alles, was er an Drogen in die Finger kriegt, reinpfeift, aber immer wieder voll die gute Story liefert – ohne Rücksicht darauf, was mit den Menschen passiert, über die er in seinen Artikeln schreibt. Oder den Einwanderer-Sohn, dessen Bruder unter mysteriösen Umständen gestorben ist, die mutmaßlichen Täter werden aber freigesprochen, weil es Polizisten sind. Wohin mit der Wut auf das System, von dem der eingewanderte Vater noch immer behauptet, es sei trotzdem besser als dort, wo er herkommt?

Oder die Frau des älteren, sehr reichen Mannes, der unbedingt eine Herztransplantation braucht – sie kämpft für ihn wie eine Löwin, angefangen damit, dass sie Martin dazu bringt, den Krankenwagen den Tatort auf der Brücke passieren zu lassen, was zu einem ersten Konflikt mit Saga führt, bis hin ein Spenderherz und das OP-Team der Wahl aufzutreiben – und dann erfährt sie von ihrem Mann auf dem Totenbett, dass er sie nicht mehr liebt und eine andere hatte. Was wiederum dazu führt, das Martin ein weiteres verhängnisvolles Mal nicht widerstehen kann, als die attraktive Witwe ausgerechnet von ihm getröstet werden will.

Und dann gibt es noch das Verbrechen selbst, das Ermittler und Zuschauer darauf stößt, wie selbstverständlich die strukturellen Ungerechtigkeiten zwischen denen da oben und denen da unten auch im angeblich objektiven nordeuropäischen Rechtsstaat gelebt werden: Das Verschwinden einer jungen Prostituierten ein Jahr zuvor wurde längst zu den Akten gelegt, während der Mord an einer bekannten Politikerin natürlich höchste Priorität hat. Erst jetzt, wo beide Fälle vom Mörder miteinander verknüpft werden, interessieren sich die Ermittler für das Schicksal der unbekannten Frau.

Und das alles in dieser unterkühlten, skandinavischen Ästhetik, die den Eindruck entstehen lässt, dass immer Winter ist, die jede Farbe aufsaugt, aber gleichzeitig so gut komponiert ist, dass man glaubt, einen klassischen Schwarzweißfilm zu sehen. Obwohl an den geschmackvollen Interieurs der Wohnungen am oberen Ende der sozialen Skala durchaus zu sehen ist, dass das Leben auch schön bunt sein kann, wenn man nur genug Geld hat.

Als ich hörte, dass die Amis – wie sie es ja immer machen, wenn ihnen eine Geschichte gefällt – die Brücke neu verfilmen, nur eben auf amerikanisch, war ich sehr skeptisch. Das gab es ja immer wieder, auch mit anderen europäischen Serien – aus der britischen Betrüger-Serie Hustle – unehrlich währt am längsten machten die Amis die Serie Leverage (obwohl das kein offizielles Remake ist), aus der israelischen Serie Hatufim wurde die US-Serie Homeland und die schwedische Millenium-Trilogie von Stieg Larsson wurde gleich noch mal als US-Version verfilmt, zumindest der erste Teil. Bei den erwähnten Beispielen finde ich die Originale deutlich besser – auch wenn ich zugeben muss, dass in den USA auch unglaublich gute Serien gemacht werden – aber amerikanische halt. Wie Mad Men oder Breaking Bad, zweifelsohne sehr, sehr gute, sehr amerikanische Fernsehserien.

Gerade nach den Millenium-Filmen, die im original sehr skandinavisch düster verstrickt und mit Michael Nykvist und Noomi Rapace auch fantastisch besetzt sind, fürchtete ich Schlimmes: Das US-Remake war nicht so richtig überzeugend, obwohl mit Daniel Craig und Rooney Mara wirklich gute Hauptdarsteller aufgeboten wurden und auch sonst ein deutlich höheres Budget für den einen oder anderen übertriebenen Gruseleffekt sorgte. Manchmal ist weniger mehr.

Sonya Cross und Marco Ruiz - das Team aus The Bridge - America.

Sonya Cross und Marco Ruiz – das Team aus The Bridge – America. Quelle: blog.fsf.de

Und so konnte ich mich nicht so richtig auf den Serienstart von The Bridge – America freuen. Inzwischen muss ich aber sagen, dass es sich um die beste Neuverfilmung handelt, die ich bisher gesehen habe: Die Handlung wurde an die Grenze zwischen Mexiko und den USA verlegt, an die Brücke zwischen El Paso und Ciudad Júarez. Obwohl die Geschichte alles in allem sehr nah am skandinavischen Original ist, viele Szenen und Dialoge wurden eins zu eins übernommen, was mir gefällt, weil sie eben gut und treffend sind, haben die Macher es doch geschafft, eine ganz neue Qualität einzubringen – schließlich ist die Grenze zwischen den USA und Mexiko sehr viel härter, krasser und undurchlässiger als die zwischen Schweden und Dänemark.

Hier geht es nicht mehr um vermeintliche Luxusprobleme einer an sich sehr wohlhabenden Gesellschaft, die nicht so richtig weiß, wie sie mit Verlierern und Migranten umgehen soll, sondern um den krassen Gegensatz zwischen dem reichsten und mächtigsten Land der Welt und den Verlierern in der sogenannten dritten Welt, die gleich hinter dem gut bewachten Grenzzaun beginnt. Armutsflüchtlinge aus ganz Lateinamerika riskieren zu Tausenden ihr Leben, um diese Grenze zu überwinden und in den USA ein besseres Leben anzufangen. Für die einen sind sie eine Ware mit deren Schmuggel man viel Geld verdienen kann, für die anderen sind sie billige Arbeitskräfte, die sich willig ausbeuten lassen.

Interessant finde ich gerade deshalb, wie universell die Handlung funktioniert – auf der einen Seite die leicht autistische US-Polizistin Sonya, die sich unbewusst, aber ganz klar gegen die Cowboy-Mentalität ihrer Kollegen vom EL Paso PD positioniert, auf der anderen Seite der kompetente Mexikaner Marco, der ziemlich gut Englisch spricht und gern nicht nur ein guter, sondern auch ein ehrlicher Polizist wäre, aber ständig Stress mit seinen Vorgesetzten und dem Kartell hat, weil das Leben und die Polizei in Mexiko halt ganz anders funktionieren.

Am Ende wird Marco Ruiz aber genauso zwischen seinem Anspruch, ein guter Familienvater zu sein und seiner Geschichte als nicht immer ehrlicher Frauenversteher aufgerieben wie sein dänisches Alter Ego Martin Rohde. Und selbst die übermenschlich unermüdliche Sonya Cross schafft es nicht, seinen Sohn zu retten, den der noch immer auf Rache versessene Nebenbuhler für die Sünden des Vaters büßen lässt.

Ja, das ist schon großes Fernsehen.