Buster’s Mal Heart: Schicksal ist ein Arschloch

Ein Film, auf den ich lange gewartet habe, ist Buster’s Mal Heart – einer von diesen „kleinen“ US-Indipendet-Filmen, die hierzulande nie ins Kino kommen, auch wenn sie auf zahlreichen Indipentent-Festivals erfolgreich gelaufen sind. Erfreulicherweise erscheint der Film jetzt auf Amazon Video und iTunes – und ich habe keine Kosten und Mühen gescheut, den Film schon einmal vorab zu sichten. Und es gleich vorweg zu nehmen: Ein Publikumsrenner wird dieser Film vermutlich nicht, dazu ist der Plot viel zu verschroben.

Aber – schlecht finde ich ihn wirklich nicht, Buster’s Mal Heart erinnert mich sehr an die eigenartigen Filme von Herbert Achternbusch – es geht um Identität, kosmische Missgeschicke, Liebe, Schicksal, Pflichterfüllung, das Elend mit der Freiheit und der Frage, wie man denn leben soll, wenn man die meiste Zeit damit beschäftigt ist, einen blöden Job machen zu müssen, weshalb man das eigentliche Leben verpasst. Daraus lässt sich schon ein sehenswerter Film stricken – und die Autorin-Regisseurin Sarah Adina Smith macht aus einem vergleichsweise schmalen Budget und wenigen Drehtagen eine ganze Menge.

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Der eine oder die andere wird sich Buster’s Mal Heart ohnehin schon allein deshalb ansehen, weil Mr. Robot mitspielt – der fleißige Rami Malek war zwar schon in einer ganzen Reihe von zum Teil durchaus bekannten Filmen als Nebendarsteller zu sehen, aber hier hat er seine erste Hauptrolle in einem Spielfilm – und er ist auch fast in allen Szenen zu sehen.

Und erstaunlich viel erinnert dann doch an Mr. Robot – der Protagonist Jonah ist nämlich zwei Männer: Zum einen ein mexikanischer Seemann, der nach einem Sturm 1000 Tage in einem winzigen Rettungsboot auf dem Meer treibt, zum anderen ein junger Familienvater, der endlose Nachtschichten in einem Hotel am Arsch der Welt – der sich in diesem Fall in Montana befindet – schiebt, um seine Familie zu ernähren. Die da sind seine junge Frau Marty (Kate Lyn Shell) und ihre niedliche kleine Tochter Roxanne (Sukha Belle Potter).

Marty und Jonah lieben sich, soviel wird klar, und Roxanne ist ein wirklich süßes kleines Kind. Die drei leben bei Martys Eltern, die es mit dem Christentum haben – keine Ahnung, welche der unzähligen Spielarten amerikanischer christlicher Sekten das ist, aber die tatkräftigen Christen haben Marty geholfen, von ihrer Drogensucht wieder loszukommen, und sie haben irgendwie auch Jonah akzeptiert, diesen Latino, den ihre Tochter angeschleppt hat. Über dessen Herkunft erfahren wir nicht viel, außer, dass er Spanisch spricht, was er auch versucht, seiner Tochter beizubringen – was die Schwiegereltern gar nicht so gut finden, das Kind soll doch lieber erstmal richtig Englisch lernen.

Und auch Jonah scheint keine astreine Vergangenheit zu haben – als sein Kollege, der die Tagschicht machen darf, Jonah fragt, wie er denn an diesen Job gekommen sei, wenn er nicht mal einen Highschool-Abschluss habe, antwortet Jonah, dass er dem Chef (der natürlich auch zu dieser christlichen Gemeinde gehört) sein Vorstrafenregister gezeigt hätte.

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Wir erfahren nicht, was Jonah verbrochen hat, aber wir sehen dabei zu, wie er sich redlich bemüht, seinen Job zu machen und gleichzeitig auch noch ein liebender Familienvater zu sein. Und er wie er daran scheitert – mechanisch wie ein Roboter erledigt er seine Arbeit, um dann völlig übermüdet zu Frau und Kind heimzukehren. Jonah träumt von einem ganz anderen Leben, er will ein Stück Land kaufen, ein Haus bauen und dort das eigentliche, richtige Leben verwirklichen, von dem er träumt. Aber Marty holt ihn auf den Boden der Tatsachen zurück: „Du weißt doch überhaupt nicht, wie man ein Haus baut!“

Und es stellt sich im Lauf der Geschichte heraus, dass Jonah auch keine Ahnung davon hat, wie man in der Natur überlebt. Was ihm sein mexikanisches Alter Ego auf See voraus hat – der überlebt, er trinkt seinen eigenen Urin und fängt Fische, auch wenn er Gott verflucht und bittet, ihn jetzt endlich sterben zu lassen, weil man so ja auf Dauer nicht leben kann. Jonah hingegen überlebt, in dem er in luxuriöse Ferienhäuser einbricht, die reiche Leute in den Bergen von Montana haben. So richtig autark ist das nicht, immerhin er genießt den vorübergehenden Luxus sichtlich. In seinem jeweiligen Quartieren dreht er alle Familienbilder auf den Kopf und telefoniert mit Sex- und Radiohotlines, um seine Botschaft zu verkünden: Das Ende der Welt ist nah – also der Welt, die wir so kennen, wie sie ist. Die zweite Inversion steht bevor, bei der sich alles auf den Kopf stellt.

Das entspricht ziemlich genau der Hysterie, die vor der Jahrtausend-Wende grassierte, Y2K, das Jahr-2000-Problem. An das kann ich mit gut erinnern, schließlich war ich damals in meinen sehr frühen Dreißigern. Ich hatte das damals nicht dermaßen ernst genommen, schließlich stamme ich aus einer Generation, die in der Hochzeit des kalten Krieges mit der Angst aufgewachsen ist, dass ihre Welt innerhalb von Minuten von einem Atomkrieg pulverisiert wird.  Davor hatten wir die ganze Zeit Angst, und das war keineswegs unrealistisch. In Deutschland lebten wir schließlich auf dem wahrscheinlichst anzunehmenden Schlachtfeld einer solchen Auseinandersetzung. Da war Y2K ein Klacks gegen. Was ja auch zutraf.

Aber das hat in Buster’s Mal Heart eher eine anekdotische Funktion. Immerhin, die Geschichte spielt in den späten 90ern, also kurz vor Y2K, und während einer dieser quälend endlosen Nachtschichten im Hotel taucht ein rätselhafter Typ (DJ Qualls) auf, der Jonah seinen Namen nicht verraten will, aber behauptet, der letzte freie Mensch der Welt zu sein. Und nebenbei ist er ein Computer-Spezialist. Und als solcher habe er Sachen gesehen – CIA, FBI, Pentagon, da läuft eine ganz, ganz üble Scheiße und die Menschen werden alle verarscht. Immer.

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Jonah saugt die Worte dieses zweifelhaften Propheten auf, sei es, weil ihm einfach sterbenslangweilig ist, sei es, weil er tatsächlich an diesen Scheiß glauben will, weil er sich ein anderes Leben und eine andere Welt wünscht, auch wenn er nicht so richtig kapiert, was eigentlich falsch läuft – Jonah beschäftigt sich mit diesem ganzen Zeug und lässt es sich einleuchten. Und er versucht weiterhin ein guter Mensch zu sein, was sein Chef irgendwann auch honoriert, in dem er Jonah zwar nicht von der ungeliebten Nachtschicht befreit, aber ihm immerhin anbietet, dass seine Frau und Tochter eine Weile in dem ohnehin nicht besonders frequentierten Hotel wohnen können, damit Jonah sie ab und zu auch mal im wachen Zustand sehen kann.

Das ist erst einmal ganz nett – für Marty und Roxanne fühlt es sich wie ein Ferienaufenthalt an und Jonah ist auch ganz happy, die drei vergnügen sich (sittsam!!!) im Hotelpool, Jonah kann zumindest theoretisch endlich Job und Familie unter einen Hut bringen – doch dann taucht dieser Fremde wieder auf. Er sieht ziemlich ramponiert aus, und der gutmütige Jonah gibt ihm unerlaubterweise eine Schlüsselkarte, obwohl der Fremde nach wie vor keine ID vorweisen will. Klar, das hätte Jonah besser nicht getan.

Okay, für diesen Spoiler würden mich meine Kinder auch schon wieder killen, aber die lesen ja meinen Blog nicht. Vermutlich. Für Jonah geht die Sache nicht gut aus, auch wenn er tapfer gegen das Unausweichliche ankämpft und versucht, später selbst als gesuchter Schwerverbrecher und Outlaw noch ein netter Mensch zu sein. Aber das ganze Universum scheint sich gegen ihn verschworen zu haben – letztlich erweist sich seine Existenz als epischer Fehler im kosmischen System: Irgendwo ist irgendetwas kolossal schief gelaufen. Aber weder der verzweifelte, aber doch zäh an seinem Leben hängende Schiffbrüchige auf dem Meer, noch der zum verrückten Buster mutierte Jonah geben auf, sie kämpfen bis zum Schluss – und am Ende gibt es zumindest für einen von ihnen eine versöhnliche Wendung.

Wer auf Filme mit ausgefeilten Plots steht, in denen am Ende immer alles erklärt wird, wird mit diesem Film vermutlich nicht glücklich. Womit ich nicht sagen will, dass dieser Film keinen ausgefeilten Plot hätte – die Geschichte an sich gefällt mir ziemlich gut, allerdings gleicht der Film einem Puzzle, dessen Teile sich der Zuschauer beim Ansehen selbst zusammensetzen muss. Liebhaber von mehrdeutigen, diffusen Geschichten werden hier viel besser bedient – wobei ich das alles gar nicht dermaßen rätselhaft finde. Es gibt eine Menge Andeutungen und Querverweise, der Film verlangt allerdings eine gewisse Aufmerksamkeit. Was mir gefällt ist, dass es keine dieser abgefuckten Hollywoodgeschichten ist, in denen mit viel Ironie und noch mehr Zynismus eine klassische Heldengeschichte auf den Kopf gestellt wird – das ist ja dieses ganze nervige Antihelden-Helden-Kino, das in den aktuellen Blockbustern abgefeiert wird.

Jonah ist einfach ein Mensch, der versucht, das Beste aus einer Situation zu machen, in die man besser nicht geraten will – die man aber doch wieder erkennt: Die allermeisten von uns müssen mit einem Job klar kommen, den sie eigentlich gar nicht machen wollen, aber machen müssen, weil auf allem, was man zum Leben braucht, ein verdammtes Preisschild klebt. Und das ist ja noch die freundliche Variante, die das Arschloch von Schicksal bereit hält – Jonahs Alter Ego auf hoher See würde wahrscheinlich nur zu gern mit Jonah und seinen Nachtschichten tauschen, wenn er nur die Gelegenheit dazu hätte.

Aber dann schlägt diese Bitch von Schicksal Jonah doch wieder dermaßen, dass vielleicht der mexikanische Seemann doch noch besser dran ist – mir fällt da spontan die Geschichte von diesem Rabbi ein, der über Land wanderte und bei einem freundlichen Bauern-Pärchen einkehrte. Die Bauersleute bewirteten ihn gut, aber am nächsten morgen lag ihre beste Kuh tot im Stall. Und als der Bauer fragte, womit er das verdient hätte, wo er doch die Regeln der Gastfreundschaft so vorbildlich eingehalten hätte, gab ihm der Rebbe die Antwort, dass eigentlich beschieden war, dass seine Frau hätte sterben sollen. Aber weil sie so gut zu dem Fremden gewesen waren, hätte es nur die Kuh getroffen. busters-mal-heart-movie-trailer-images-stills-rami-malek4

Diese Geschichte habe ich immer gehasst, genau wie das Buch Hiob und alle diese anderen üblen Geschichten aus der Bibel, in denen es darum geht, wie Gott uns Menschen prüft. Was für ein grausames, zynisches Arschloch. Das Leben ist unendlich beschissen. Aber wir haben nur dieses eine, beschissene Leben, insofern lohnt es sich daran festzuhalten und zu versuchen, auf dieser Erde das Beste draus zu machen. Auch wenn man keine Ahnung hat, wie man das anstellen soll.

In The Mood For Love

Die Filmauswahl bei Netflix lässt einiges zu wünschen übrig – aber es gibt durchaus Lichtblicke. So fand ich immerhin drei Filme des chinesischen Regisseurs Wong Kai Wai – darunter In The Mood For Love (Der Klang der Liebe), der zu meinen absoluten Lieblingsfilmen gehört. Ich las einmal eine Kritik, in der es hieß, dass dieser Film dem Zuschauer sehr viel biete, wenn er dabei nicht einschlafe – was ich schon ziemlich gemein finde, weil man definitiv nicht einschlafen wird, wenn man sich auf diesen Film einlässt. Aber der Satz bringt zum Ausdruck, was diesen Film ausmacht: Er ist total gegen die Sehgewohnheiten eines actionsüchtigen Publikums gemacht. Der Film ist langsam, ein behäbiger Strom aus unglaublich schönen Bildern, die einem hässlichen, anstrengenden Alltag abgerungen werden.

Screenshot: In The Mood For Love

Screenshot: In The Mood For Love – Herr Chow (Tony Leung) und Frau Su (Maggie Cheung)

Vor allem das ist es das, was mich fasziniert: Es werden ganz alltägliche Szene aus dem Leben normaler Menschen gezeigt, die im Hongkong der frühen 60er Jahre leben. Das klingt umspektakulär, ist es aber nicht: Allein dieses fantastische 60er-Jahre-Design, etwa in dem Büro, in dem Frau Su arbeitet! Und ihre atemberaubenden Kleider! Selbst der bröckelnde Putz und die abblätternde Farbe an den heruntergekommenen Häusern sind so schön fotografiert, dass man jedes einzelne Bild aus dem Film einrahmen und aufhängen könnte. Und dann die Musik… Natürlich ist allein schon der hongkonger Alltag an sich für mich ziemlich exotisch, wie eng die Menschen miteinander zusammen wohnen und wie sie damit umgehen – es ist eben eine andere Welt. Aber eine, in der die Menschen letztlich die gleichen Schwierigkeiten haben, wie in jeder anderen auch.

Screenshot: In The Mood For Love - Frau Su (Maggie Cheung)

Screenshot: In The Mood For Love – Frau Su (Maggie Cheung)

Obwohl – heute sind es zumindest zum Teil andere Probleme. Nicht geändert hat sich, dass die meisten Menschen lange arbeiten müssen, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen und dann kaum noch Energie haben, ihre Alltagsbedürfnisse zu befriedigen: Nach einem langen Tag Im Büro kocht man sich halt kein leckeres Essen mehr, sondern holt sich schnell was beim Imbiss. Aber in meiner Welt würde diese Geschichte so nicht mehr stattfinden – da wäre das Gerede der Nachbarn egal. Aber für Herrn Chow (Tony Leung) und Frau Su (Maggie Cheung) ist nun einmal existenziell, was die Leute sagen.

Und nicht nur das, die beiden wollen sich gegenseitig und sich selbst beweisen, dass sie eben nicht so wie die anderen sind. Sie sind es auch nicht. Und das macht eben die Tragik dieser Liebesgeschichte aus, die so berührend ist, weil eben keine Liebesgeschichte daraus wird – die beiden treffen sich irgendwann zwar heimlich in einem Hotelzimmer, aber nur, um gemeinsam Kung-Fu-Geschichten zu schreiben.

Screenshot: In The Mood For Love - Herr Chow (Tony Leung)

Screenshot: In The Mood For Love – Herr Chow (Tony Leung)

Frau Su und Herr Chow sind verheiratet, aber ihre jeweiligen Ehepartner gehen fremd. Sie alle haben sich kennengelernt, weil sie Nachbarn sind, sie sind am gleichen Tag ins Haus von Mrs. Suen eingezogen – die Ehepaare wohnen jeweils in einem Zimmer, sie teilen sich eine gemeinsame Küche und jeder bekommt so ziemlich alles mit, was im Haus passiert. Wobei da eigentlich recht wenig passiert, zumindest was Frau Su und Herrn Chow betrifft.

Frau Su ist Sekretärin und sie ist oft lange im Büro. Ihr Mann ist meistens auf Geschäftsreisen, sein Chef ist Japaner, also ist er meistens in Japan. Herr Chow ist Journalist, auch er arbeitet oft sehr lange in seiner Redaktion – und seine Frau ist auch ständig unterwegs.

Screenshot In The Mood For Love

Screenshot In The Mood For Love

Manchmal begegnen sich Frau Su und Herr Chow in der Suppenküche, wenn sie nach der Arbeit spät abends noch eine Nudelsuppe holen. Manchmal treffen sie sich im Hausflur. Von ihren jeweiligen Ehepartnern sieht man nichts, sie sind bloß Stimmen am Telefon. Frau Su bittet ihren Mann, aus Japan noch eine von diesen Taschen mitzubringen – für die Geliebte ihres Chefs. Für den sie am Telefon immer lügen muss, wenn seine Frau dran ist. Sie kann das gut, aber sie hasst es. Eines Tages hat Frau Chow auch eine solche Tasche.

Irgendwie liegt es also nahe, dass sich nun auch zwischen Frau Su und Herrn Chow – die offensichtlich ein ähnliches Schicksal erleiden und sich in gewisser Weise gegenseitig trösten, eine Romanze entwickelt. Aber vor allem Frau Su lässt das nicht zu – sie hält an der Rolle der treuen Ehefrau fest, obwohl sie unter ihrer Einsamkeit und der Untreue ihres Ehemanns leidet. So viel Charakterstärke beeindruckt Herrn Chow, der im Laufe der Zeit nicht verhindern kann, dass er sich ernsthaft in Frau Su verliebt.

Screenshot: In The Mood For Love

Screenshot: In The Mood For Love

Eigentlich könnte alles so einfach sein: Frau Su und Herr Chow sind Seelenverwandte, die ein ähnliches Schicksal und die gleichen Interessen teilen – es wäre im Grunde nur logisch, wenn sie ihre untreuen Partner verlassen würden, um ein vermutlich glücklicheres Paar zu werden. Aber sie hängen zu sehr in ihrem Alltag und ihren überkommenden Denkmustern fest – ganz offensichtlich glauben sie nicht an Liebe und Glück, sondern daran, einen schwer zu ertragenden Alltag einfach aushalten zu müssen. Sie halten sich an den Ehrenkodex aus ihren Kung-Fu-Geschichten, auch wenn beiden das zunehmend schwerer fällt.

Screenshot: In The Mood For Love

Screenshot: In The Mood For Love

Herr Chow gesteht Frau Su schließlich, dass er sich in sie verliebt habe und ergreift die Flucht: Er folgt dem Ruf eines Kollegen nach Singapur. Frau Su bleibt zurück, sie und ihr Mann bekommen endlich ein Kind. Ansonsten schreitet die Zeit fort – ohnehin sieht man immer wieder eine Uhr in diesem Film: Alles geht irgendwie immer weiter, aber das Grundgefühl bleibt – das Leben besteht letztlich aus unendlich vielen verpassten Gelegenheiten. Der ganze Film ist die Bebilderung einer bittersüßen Sehnsucht, die gerade deshalb so intensiv ausgekostet wird, weil klar ist, dass sie gar nicht erfüllt werden soll.

Wenn man das aushält, ist In The Mood For Love ein grandioser Film.

Screenshot: In The Mood For Love -Im Gefängnis der Konventionen

Screenshot: In The Mood For Love -Im Gefängnis der Konventionen

Deutschland 83: DDR-Held erobert die USA

Deutsche Serien – das ist ein schwieriges, in der Regel frustrierendes Thema, wenn man sich an richtig gute internationale Serienkost gewöhnt hat. Und aktuelle deutsche Serien über deutsche Geschichte – deutsch-deutsche noch dazu – ist quasi hoffnungslos: Mehrteiler wie Weissensee oder Tannbach mögen vielleicht als noch Spitzenprodukte des schlechten Geschmacks in die deutsch-deutsche Serien-Geschichte eingehen, werden ansonsten aber hoffentlich schnell vergessen.

Entsprechend erstaunt war ich also, als ich hörte, das die ersten beiden Teile der deutsch-deutschen Serie Deutschland 83 mit erstaunlich positiver internationaler Resonanz auf der Berlinale gelaufen sind und derzeit in den USA im Original mit englischen Untertiteln gezeigt werden – zwar nur auf dem Spartensender Sundance, der zu AMC gehört – aber eben AMC, genau, das sind die, die Mad Men gemacht haben, Breaking Bad und Better Call Saul. Also Experten für richtig gute, innovative Serien.

Also wurde ich neugierig und habe jetzt doch in Deutschland 83 reingesehen. Ja, und obwohl die Serie in Deutschland demnächst auf RTL gezeigt werden soll, ist sie eben keine dieser typischen RTL-Serien. Sondern erstaunlich gut. Aber warum sollte RTL seinem Publikum nicht auch ab und zu zwischen Castingsshows und Kakerlaken etwas richtig Gutes bieten, verdient haben die Zuschauer das allemal. Abzuwarten bleibt, wie sie Deutschland 83 dann tatsächlich finden.

Screenshot Deutschland 83 - Martin (Jonas Nay): Telefonieren in der Vor-Handy-Ära  via sundance.tv

Screenshot Deutschland 83 – Martin (Jonas Nay) Spionage ist ein gefährliches Geschäft via sundance.tv

Man kann natürlich auch auf Sat1 The Americans anschauen, dass ist auch eine 80er-Jahre-Retro-Spionage-Serie, die gar nicht schlecht, aber meiner Ansicht nach leider auch nicht so richtig gut ist: Das Politische an sich spielt in The Americans eine erstaunlich geringe Rolle, dabei könnte man auch am Kapitalismus und am Gesellschaftssystem in den USA nun wirklich einiges kritisieren. Das tun die russischen Top-Spione aber erstaunlicherweise so gut wie gar nicht – sie ziehen zwar mit vollem Einsatz ihren Mission durch, als Motivation werden aber nur irgendwelche Klischees angedeutet, was mir die Serie schon verleidet, obwohl sie gut gemacht ist.

Aber nach dem, was ich gesehen habe, ist Deutschland 83 in diesem Punkt besser – für mich persönlich, die 1983 als Teenie in der Mittelstufe erlebt und durchlitten hat, ist Deutschland 83 emotional natürlich auch viel näher: Der Stern publizierte im Jahr 83 die Hitler-Tagebücher, die sich später als dreiste Fälschung entpuppten, die rätselhafte Seuche AIDS tauchte in Titelgeschichten auf und Friedensbewegung konnte Millionen Menschen mobilisieren, die gegen die Nachrüstung im Zuge des Nato-Doppelbeschlusses von 1979 demonstrierten.

Screenshot Deutschland 83 - Martin (Jonas Nay) und Annett (Sonja Gerhardt) via sundance.tv

Screenshot Deutschland 83 – Martin (Jonas Nay) und Annett (Sonja Gerhardt)
via sundance.tv

Ich erkenne so ziemlich jede Einblendung echter Nachrichten-Sendungen in der Serie wieder – damals gab es ja ohnehin nicht mehr als drei Fernsehprogramme, heute und Tagesschau waren Pflicht, darüber redete man am nächsten Tag in der Frühstückspause.

Aber es ist nicht nur meine persönliche Erinnerung an jene Zeit, die mit dieser Serie wieder herauf beschworen wird – das war ja auch keine schöne Zeit: Es war die Hochzeit des kalten Kriegs und wir hatten damals völlig zu recht Angst, dass es jederzeit mit uns vorbei sein konnte: Die Supermächte USA und UdSSR richteten die Sprengköpfe ihrer Mittelstreckenraketen ja eben auf deutsche Ziele aus – wäre der kalte Krieg heiß geworden, wäre Deutschland das atomare Schlachtfeld gewesen. Hier wäre kein Stein auf dem anderen geblieben und vermutlich nicht nur Europa auf lange Zeit unbewohnbar. Einer der Hits von 1983 war Two Minute Warning von Depeche Mode – zwei Minuten Vorwarnzeit, bevor das atomare Inferno unser aller Leben auslöscht. Das traf das Lebensgefühl vieler. Wir kritzelten No Future auf unsere Jeansjacken – und wir wussten warum.

Screenshot Deutschland 83 - Martin (Jonas Nay) und Annett (Sonja Gerhardt) via sundance.tv

Screenshot Deutschland 83 – Martin (Jonas Nay) und Lenora (Maria Schrader)
via sundance.tv

Aber Deutschland 83 beschwört eben nicht nur diese Weltuntergangsstimmung, sondern ist streckenweise sogar ziemlich witzig. Martin Rauch (Jonas Nay) ist eben nicht der top ausgebildete Superspion, sondern eher eine Verlegenheitslösung: Weil sich gerade eine günstige Gelegenheit ergibt, wird er als MfS-Spion in den Westen einschleust – worauf er eigentlich gar keine Lust hat. Er will nicht in den Westen. Er will zuhause bleiben, bei seiner kranken Mutter und seiner schönen blonden Freundin Annett (Sonja Gerhardt).

Martin ist NVA-Soldat und guter Sozialist, der westdeutschen Studenten an der Grenze die billig im Osten eingekauften Bücher abnimmt, weil sie ihr Geld nicht zum vorschriftsmäßigen Kurs umgetauscht haben: Wer gegen die Gesetze der DDR verstößt, schadet dem Sozialismus. Aber als die Studenten auf die Frage, wer am Ende gewinnen wird – die Kapitalisten, die nur an sich selbst denken, oder die Sozialisten, die an einem Strang ziehen, damit es allen Menschen besser geht, die richtige Antwort geben, lässt Martin die Wessis laufen. „Aber der Shakespeare bleibt hier! Den Marx könnt ihr mitnehmen, da lernt ihr vielleicht noch was!“

Screenshot Deutschland 83 Alex Edel (Ludwig Trepte) und Martin/Moritz (Jonas Nay)  via sundance.tv

Screenshot Deutschland 83 Alex Edel (Ludwig Trepte) und Martin/Moritz (Jonas Nay) via sundance.tv

Natürlich wird auch bei Deutschland 83 tief in die Klischee-Kiste gegriffen. Aber es trifft in diesem Fall eben nicht nur die DDR, sondern auch die Wests und ihre Verbündeten. Natürlich sind die Zonis skrupellos und gemein, insbesondere die Stasi-Kader Lenora Rauch (grandios: Maria Schrader) und Walter Schweppenstette (Sylvester Groth), die den jungen Martin brutal ins kalte Wasser werfen – nicht ohne ihm vorher die Finger zu brechen, weil das ist einzige Detail, das nicht mit dem Profil des jungen Wessie-Offiziers Moritz Stamm übereinstimmt, als der Martin in die Bundeswehr eingeschleust wird: Er kann nicht Klavier spielen.

Screenshot Deutschland 83 – Martin (Jonas Nay): Telefonieren in der Vor-Handy-Ära via sundance.tv

Er kann auch sonst einiges nicht, aber er bemüht sich – und es gibt immer ein paar echte Stasi-Topagenten in seiner Nähe, die aufpassen, dass er nicht allzu viel falsch macht. Und wenn doch etwas schiefläuft, Schadensbegrenzung betreiben. Natürlich tauchen reichlich Probleme auf – so befinden sich die geheimen NATO-Unterlagen, die Martin aus dem Safe von General Jackson klaut, nicht in einem herkömlichen Ordner, dessen Inhalt Martin wie inzwischen geübt heimlich abfotografieren könnte, sondern auf so einem viereckigen Plaste-Dings, einem, wie heißt das doch gleich? Floppy-Disk. Es für muss also erstmal ein IBM-Rechner beschafft werden, damit die Kollegen in der Analyse das Teil überhaupt lesen und auswerten können. Auch für die Stasi keine triviale Aufgabe.

Screenshot Deutschland 83 - das Floppy-Problem Schweppenstette (Sylvester Groth, Mitte) und Lenora (Maria Schrader) via sundance.tv

Screenshot Deutschland 83 – das Floppy-Problem Schweppenstette (Sylvester Groth, Mitte) und Lenora (Maria Schrader)
via sundance.tv

Und dann hat General Wolfgang Edel (Ulrich Noethen) eine Sohn, der zwar die für ihn vorgesehene Pflichtkarriere als Offizier durchzieht, sich aber eigentlich zur Friedensbewegung gezogen fühlt. Alex Edel nervt es, dass dieser Moritz Stamm sich genauso anhört wie sein Vater. Moritz ist eindeutig der bessere Soldat – aber wenn Alex wüsste, warum! Denn wenn es darum geht, die Welt, oder doch zumindest die DDR zu retten, wächst Martin immer wieder über sich hinaus und schafft Dinge, die er sich selbst zuvor kaum zugetraut hätte.

Bisher sind drei der insgesamt acht Teile gelaufen, die große Lust darauf machen, weiter zu sehen, auch wenn ich von Deutschland 83 nicht so hin und weg gerissen bin wie von Mr. Robot. Aber mal sehen, was die kommenden Teile jeweils bringen – UFA Fiction hat hier jedenfalls eine erstaunlich moderne und clever konstruierte Serie abgeliefert – genau das, was ich sonst im deutschen Fernsehen so vermisse.

Screenshot Deutschland 83 Auch die Generäle Jackson (Errol T. Harewood ) und Edel (Ulrich Noethen) haben in Brüssel eine eigene Agenda...  via sundance.tv

Screenshot Deutschland 83 Auch die Generäle Jackson (Errol T. Harewood ) und Edel (Ulrich Noethen) haben in Brüssel eine eigene Agenda… via sundance.tv

Halt and Catch Fire – Goldrausch in Texas

Gemessen daran, wie sehr die Computerisierung samt der dann folgenden Vernetzung der plötzlich überall vorhandenen Computer die Arbeitswelt, die Gesellschaft und das Leben der Menschen verändert hat, gibt es erstaunlich wenig Filme und Serien, die sich mit diesem Thema beschäftigen. Allmächtige Computer, die im Laufe der Zeit ein für die Menschen in ihrer Umgebung gefährliches Eigenleben entwickeln, kennt man vor allem aus Science-Fiction-Klassikern der 1960er und 70er Jahre, etwa HAL 9000 aus 2001 – Odyssee im Weltraum (1968). Oder die intelligente Bombe aus Dark Star (1974), die von den zuvor extrem gelangweilten Astronauten mit Gesprächen über philosophische Spitzfindigkeiten daran gehindert werden muss, das ganze Schiff zu sprengen. Was am Ende nicht gelingt. Und Matrix (1999) soll ja irgendwie auch etwas mit Computern zu tun haben – schließlich findet der ganze Film in der Matrix statt, die von einem Großrechner erzeugt wird, der die ganze Menschheit versklavt hat.

Screenshot Halt and Catch Fire - USA 2014

Screenshot Halt and Catch Fire – USA 2014

Okay, dann es gibt noch ein paar Filme, in denen Hacker eine Rolle spielen, etwa in War Games (1983), wo ein Schüler aus Versehen fast den dritten Weltkrieg auslöst – was der Computer am Ende zu Glück verhindern kann, in dem er das atomare Kriegsspiel abschaltet. Dann gibt es Das Netz (1995), in dem Sandra Bullock den Nerd gibt, ständig auf der Suche nach einer Möglichkeit, in dieses Internet zu kommen, mit dem man schreckliche Dinge anstellen kann. (By the way: Ich fand Sandra Bullock auch in Gravity sehr gut. Wobei ich mir noch nicht sicher bin, was ich von Gravity halte. Das ist nämlich kein Nerdfilm im eigentlichen Sinne). Oder 23 – nichts ist wie es scheint (1998) über den Hannoveraner Hacker Karl Koch, der nach der Lektüre des Buches Illuminatus! (von Robert Shea und Robert Anton Wilson) so paranoid wird, wie andere, die dieses Buch gelesen haben, auch – nur dass Karl sich nicht nur für Literatur, sondern auch für Computer interessiert und sich schon im Internet herumtreibt, als das noch aus Mailboxen besteht, die mit dem Akkustik-Koppler angesteuert werden. Nachdem er entdeckt, die Großrechner von Unternehmen und Atomkraftwerken kaum geschützt werden, nimmt die Sache einen verhängnisvollen Verlauf. Karl verschwindet am 23.5.1989, seine verkohlte Leiche wird wenig später gefunden. 23 ist also quasi ein Dokudrama, auch wenn einiges im wahren Leben vielleicht doch etwas anders gewesen ist.

Screenshot Halt and Catch Fire - Gordon Clark (Scoot MacNairy), gescheiterter Computer-Pionier

Screenshot Halt and Catch Fire – Gordon Clark (Scoot MacNairy), gescheiterter Computer-Pionier

Ähnlich verhält es sich auch mit der von AMC produzierten Serie Halt and Catch Fire, die im vergangenen Sommer auf AMC zu sehen war, in Deutschland ist sie seit März auf Amazon Instant Video verfügbar. Eine zweite Staffel soll ab dem 31. Mai auf AMC laufen. Halt and Catch Fire handelt von den Anfängen des Computer-Booms durch die zunehmende Verbreitung von PCs – jene Kisten, die von den etablierten Herstellern von Großrechnern lange Zeit nicht für voll genommen wurden, weil sie sich nicht vorstellen konnten, wozu die Menschen sich Personal Computer auf ihre Schreibtische und dann auch noch in ihre Wohnungen stellen sollten. Ehrlich gesagt hätte ich das auch nicht gewusst, aber die Generation Smartphone hat mit der Frage „Wie seid ihr eigentlich damals, als es noch keine Smartphones gab, ins Internet gekommen?“ zumindest eine der möglichen Antworten gefunden.

Screenshot Halt and Catch Fire - Donna Clark (Kerry Bishé), bescheidene Heldin.

Screenshot Halt and Catch Fire – Donna Clark (Kerry Bishé), bescheidene Heldin.

Ans Internet habe ich damals nun wirklich nicht gedacht, als ich mir 1988 meinen ersten Computer gekauft habe – einen AT 2-86 mit 1 MB Arbeitsspeicher, 40 MB Festplatte und 15-Zoll-Röhrenmonitor (monochrom). Das war damals für den Preis, den ich zahlen konnte, ein gutes Angebot. Denn mehr als 2000 DM wollte bzw. konnte ich nicht ausgeben. Aber nachdem ich eine erste Hausarbeit auf der mechanischen Schreibmaschine meines Vater getippt hatte und darüber fast verrückt geworden war, war die Anschaffung einfach unvermeidlich: Schreibmaschine war echt vorsintflutliche Technik und wenn man auch nur ein Wort ändern wollte, musste man die ganze Seite noch einmal tippen und dann die Berechnungen für den Platz, den die Fußnoten beanspruchen – der Wahnsinn! Nie wieder!!! Mir war klar: Ich brauche eine Schreibmaschine, auf der ich viele Seiten Text produzieren, dann in Ruhe verbessern und schließlich alles in ansprechendem Layout ausdrucken kann.

Screenshot Halt and Catch Fire - Gordon und Joe (Lee Pace) bei der Arbeit.

Screenshot Halt and Catch Fire – Gordon und Joe (Lee Pace) bei der Arbeit.

Dass diese Schreibmaschine auch noch andere Dinge konnte – es gab auch eine Tabellenkalkulation, Kalender, ein Geografieprogramm mit Daten über sämtliche Länder auf der Welt, Spiele (die mich damals schon nicht sonderlich interessierten) und vieles mehr, aber das war nur ein angenehmer Nebeneffekt. Ein Nerd in dem Sinne bin ich also nie gewesen, auch wenn ich mir 1993 eine erste E-Mail-Adresse zugelegt habe und sehr begeistert über den ersten iMac war, mit dem ich 1998 dann tatsächlich ins Internetzeitalter eingestiegen bin – per 56k-Modem, was in den iMac eingebaut war.

Screenshot Halt and Catch Fire - Gordon und Joe (Lee Pace) bei der Arbeit (mit Dioden)

Screenshot Halt and Catch Fire – Gordon und Joe (Lee Pace) bei der Arbeit (mit Dioden)

Doch Halt and Catch Fire spielt in der Zeit davor: Anfang der 80er Jahre. Das ehrgeizige Verkaufsgenie Joe MacMillan (Lee Pace) wechselt von IBM zu der etwas provinziellen texanischen Firma Cardiff Electric, um einen Coup zu landen: Einen Personal Computer auf den Markt zu bringen, der die gängigen IBM-Produkte schlagen kann. Bei Cardiff werkelt der nicht weniger geniale Ingenieur Gordon Clark (Scoot MacNairy) in einem ungeliebten Brotjob vor sich hin. Gordon hatte den Traum, ein wirklich revolutionäres Produkt auf den Markt zu bringen und ist mit dieser Vision schmerzhaft gescheitert – jetzt muss er die Füße still halten und Geld für den Unterhalt seiner Familie verdienen. Er hat nämlich eine tolle Frau und zwei Töchter. Und wie sich herausstellen wird, ist Gordons Frau Donna (Kerry Bishé), die für einen Hungerlohn bei Texas Instruments als bessere Sekretärin arbeitet, in Sachen Computer auch schwer auf Zack. Auch wenn ihr Licht immer ständig den Scheffel gestellt wird – sie rettet ihrem Gordon immer wieder den Arsch, während Cameron Howe (Mackenzie Davis) als junge, unkonventionelle Superprogrammiererin natürlich auch gute Arbeit leistet, aber dank ihrer erfrischenden Unverschämtheit auch entsprechend bezahlt wird.

Screenshot Halt and Catch Fire - Gordon, Cameron  (Mackenzie Davis) und Joe.

Screenshot Halt and Catch Fire – Gordon, Cameron (Mackenzie Davis) und Joe.

Cameron ist eine dieser typischen 80er-Jahre-Figuren – ein Punk, dem eigentlich alles egal ist, aber wenn es drauf ankommt, ist sie sehr geschäftstüchtig. Cameron hat sich bisher durchs Leben getrickst und weil sie nicht blöd ist, trifft sie auf MacMillan. Oder er auf sie, als er an der lokalen Uni nach Programmier-Talenten sucht. Eine der spannenden Sachen an Halt and Catch Fire ist, dass es keine wirklich sympathischen Hauptpersonen gibt. Ja, das ist nicht wirklich neu, denn genau so funktionieren auch die großartige Serien Mad Man oder Breaking Bad, die beide aus dem Hause AMC kommen. MacMillan erinnert doch sehr an Don Draper – und Cameron ist die deutlich abgebrühtere 80er-Jahre-Ausgabe von Peggy Olson. Die übrigens meine Lieblingsfigur aus Mad Men ist – ein braves Vorstadt-Mädchen erkämpft sich unter beträchtlichen Opfern ihren Weg nach oben. (Nein, ich identifiziere mich weder mit Peggy, noch mit Cameron – die Trennung von Arbeit und Privatleben ist mir dafür zu wichtig.)

Screenshot Halt and Catch Fire - Gordon und Joe haben es geschafft.

Screenshot Halt and Catch Fire – Gordon und Joe haben es geschafft.

Und dann gibt es natürlich noch den Senior VP für Finanzen, John Bosworth. Der ist ein Geschäftsmann der alten Schule, der mit den Ideen von MacMillan gar nicht klar kommt. Auch dieses Thema kennt man ja auch Mad Men, das ist der Part von Bert Cooper, dem Teilhaber von Sterling Cooper, der Freund japanischer Lebensart ist, bei dem man also die Schuhe ausziehen sollte, wenn man sein Büro betritt. Aber genau wie ich in den ersten zwei, drei Teilen von Mad Men unschlüssig war, ob das nun eine wirklich tolle Serie ist, die man unbedingt gesehen haben muss, oder ein überschätztes Medien-Event, war ich mir auch bei Halt and Catch Fire nicht sicher. Inzwischen bin ich es aber: Mad Men ist wirklich großartig – und Halt and Catch Fire ist es auch!

Screenshot Halt and Catch Fire - Gordon, Cameron und Joe bekommen Schwierigkeiten.

Screenshot Halt and Catch Fire – Gordon, Cameron und Joe bekommen Schwierigkeiten.

Wenn auch auf eine andere Art und Weise – wer also mit dem 60er-Jahre-Chic von Mad Men nichts anfangen konnte, ist vielleicht mit dem gelungenen 80er-Ambiente von Halt and Catch Fire glücklich. Oder umgekehrt: Wer auf liebevoll ausgestattete History-Serien steht, kann mit Halt and Catch Fire durchaus glücklich werden. Denn genau wie Mad Men einen in die 60er zieht, zieht einen Halt and Catch Fire in die 80er. Und was Mad Men über das Werbebusiness verrät – und das ist durchaus interessant und aufschlussreich – offenbart Halt and Catch Fire über die Computerindustrie. Natürlich darf man das, was in der Serie gezeigt wird, nicht allzu wörtlich nehmen. Aber von dem Geist, der dahinter steht – und der sehr gut beschreibt, wie Geschäfte nun einmal laufen, verrät es doch eine Menge. Man muss nur bereit sein, das alles nicht als Fiktion abzutun.

The Hour – eine Sternstunde für Nachrichtenjunkies

Eine der Perlen aus der BBC-Produktion ist zweifelsohne die Serie The Hour. Es geht darin um die Erfindung der aktuellen Nachrichtensendung, in der über aktuelle politische Ereignisse berichtet wird. Das ist nicht ganz einfach, weil es 1956 eine Maulkorb-Klausel gibt, die der BBC verbietet, Themen zu behandeln, die voraussichtlich innerhalb von 14 Tagen nach dem geplanten Sende-Termin im Unterhaus zur Sprache kommen werden. Auf diese Weise wird es selbstverständlich fast unmöglich, über aktuelle Politik zu berichten. Trotzdem versucht das Team von The Hour, die Aufpasser in den oberen Etagen auszutricksen, um über die Dinge berichten zu können, die es für wichtig hält.

Das Team besteht vor allem aus Bel Rowley (Romola Garai), der jungen Chefredakteurin, die später erfahren muss, dass sie ausgewählt wurde, weil man glaubte, eine Frau sei leichter zu steuern, ihrem besten Freund Freddy Lyon (Ben Whishaw), der auf eigenwillige Weise immer wieder unglaubliche Storys ausgräbt und dem Moderator Hector Madden (Dominic West, den man aus The Wire kennen sollte), einem gutaussehenden Karrieristen, der der Sendung ein seriöses Gesicht verleihen soll. Unterstützt werden sie von Alexis Storm, einer ehemaligen Kriegsreporterin, die gute Verbindungen in die Krisenregionen der Welt hat und Freddys Assistenten Isaac Wengrow, der immer wieder als Lückenfüller einspringen muss.

Ich habe sehr viel für liebevoll ausgestattete Retro-Serien übrig, insofern ist das 50er-Jahre-Design von The Hour schon Grund genug gewesen, mir diese Serie anzusehen. Dazu kommt die gut gewählte Filmmusik, die genauso cool ist wie das sonstige Design. Auch die Geschichte an sich ist herrlich retro, neben dem Haupterzählstrang um die engagierten Journalisten, die darum kämpfen, eine gute Nachrichtensendung machen zu dürfen, mit den ganz wichtigen News, von denen sie sicher sind, dass die Öffentlichkeit ein Recht darauf hat, sie zu erfahren, sind weitere Elemente eingeflochten, klassischer britischer Krimi, Agentenstory und nicht zu vergessen die gute britische Sozialkritik, Arbeitersohn Freddy verkörpert den Gegensatz vom Leben der Upper Class und der britischen Arbeiterschaft.

Außerdem ist es rührend zu sehen, wie aufwendig das Recherchieren war, als die Nachrichten noch nicht in einem nicht abreißenden Strom per Internet in die Redaktionen geflutet wurden. Freddy zückt immer wieder sein Notizbuch, an Computer ist noch nicht zu denken, auf den Schreibtischen in der Redaktion stehen mechanische Schreibmaschinen und schwarze Telefonapparate, in deren Leitungen es immer wieder verdächtigt klickt – Überwachung war auch damals kurz nach dem Zweiten Weltkrieg ein aktuelles Thema – Echelon, der Bundestrojaner und PRISM ist leider gar nichts Neues.

Und auch das eigentliche Thema ist weiterhin aktuell: Was können die Medien ausrichten? Wie weit sind sie Instrument der Regierenden? Was ist guter Journalismus? Und so setzen Bel und Freddy ihre Karrieren aufs Spiel, um eine Sendung zu produzieren, in der das Handeln der britischen Regierung in der Suezkrise in Frage gestellt wird. Sie zeigen, wie die Regierung die Menschen niederknüppeln lässt, die in London gegen den Krieg, gegen die Bombardierung ägyptischer Städte protestieren, und sie bringen ein Interview mit Lord Elms, einem Vertreter der britischen Regierung, der erklärt, dass er leider zu der Erkenntnis gekommen sei, dass diese Regierung alles tut, um zu vertuschen, dass sie aus Lügnern und Mördern bestünde. Freddy fasst vor laufender Kamera zusammen, dass sich Großbritannien wohl kaum als Demokratie bezeichnen könne, wenn man die Entscheidung der Regierung nicht öffentlich diskutieren und infrage stellen dürfe. Während er spricht, verlieren die Regierungsvertreter die Nerven und lassen im Studio das Licht und die Kameras ausschalten.

So brachial geht heute höchstens noch der bayrische Rundfunk vor, wenn ihm was nicht passt. Andererseits muss man konstatieren, dass die Medien leider nicht so viel ausrichten können, wie ihnen gern unterstellt wird: Die wackeren Journalisten in aller Welt decken Skandale auf über Ausbeutung, Korruption, Umweltkatastrophen, Kriegsverbrechen und so weiter und so fort – aber was ändert die ganze Berichterstattung an der aktuell extrem unbefriedigenden Gesamtsituation?