Buster’s Mal Heart: Schicksal ist ein Arschloch

Ein Film, auf den ich lange gewartet habe, ist Buster’s Mal Heart – einer von diesen „kleinen“ US-Indipendet-Filmen, die hierzulande nie ins Kino kommen, auch wenn sie auf zahlreichen Indipentent-Festivals erfolgreich gelaufen sind. Erfreulicherweise erscheint der Film jetzt auf Amazon Video und iTunes – und ich habe keine Kosten und Mühen gescheut, den Film schon einmal vorab zu sichten. Und es gleich vorweg zu nehmen: Ein Publikumsrenner wird dieser Film vermutlich nicht, dazu ist der Plot viel zu verschroben.

Aber – schlecht finde ich ihn wirklich nicht, Buster’s Mal Heart erinnert mich sehr an die eigenartigen Filme von Herbert Achternbusch – es geht um Identität, kosmische Missgeschicke, Liebe, Schicksal, Pflichterfüllung, das Elend mit der Freiheit und der Frage, wie man denn leben soll, wenn man die meiste Zeit damit beschäftigt ist, einen blöden Job machen zu müssen, weshalb man das eigentliche Leben verpasst. Daraus lässt sich schon ein sehenswerter Film stricken – und die Autorin-Regisseurin Sarah Adina Smith macht aus einem vergleichsweise schmalen Budget und wenigen Drehtagen eine ganze Menge.

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Der eine oder die andere wird sich Buster’s Mal Heart ohnehin schon allein deshalb ansehen, weil Mr. Robot mitspielt – der fleißige Rami Malek war zwar schon in einer ganzen Reihe von zum Teil durchaus bekannten Filmen als Nebendarsteller zu sehen, aber hier hat er seine erste Hauptrolle in einem Spielfilm – und er ist auch fast in allen Szenen zu sehen.

Und erstaunlich viel erinnert dann doch an Mr. Robot – der Protagonist Jonah ist nämlich zwei Männer: Zum einen ein mexikanischer Seemann, der nach einem Sturm 1000 Tage in einem winzigen Rettungsboot auf dem Meer treibt, zum anderen ein junger Familienvater, der endlose Nachtschichten in einem Hotel am Arsch der Welt – der sich in diesem Fall in Montana befindet – schiebt, um seine Familie zu ernähren. Die da sind seine junge Frau Marty (Kate Lyn Shell) und ihre niedliche kleine Tochter Roxanne (Sukha Belle Potter).

Marty und Jonah lieben sich, soviel wird klar, und Roxanne ist ein wirklich süßes kleines Kind. Die drei leben bei Martys Eltern, die es mit dem Christentum haben – keine Ahnung, welche der unzähligen Spielarten amerikanischer christlicher Sekten das ist, aber die tatkräftigen Christen haben Marty geholfen, von ihrer Drogensucht wieder loszukommen, und sie haben irgendwie auch Jonah akzeptiert, diesen Latino, den ihre Tochter angeschleppt hat. Über dessen Herkunft erfahren wir nicht viel, außer, dass er Spanisch spricht, was er auch versucht, seiner Tochter beizubringen – was die Schwiegereltern gar nicht so gut finden, das Kind soll doch lieber erstmal richtig Englisch lernen.

Und auch Jonah scheint keine astreine Vergangenheit zu haben – als sein Kollege, der die Tagschicht machen darf, Jonah fragt, wie er denn an diesen Job gekommen sei, wenn er nicht mal einen Highschool-Abschluss habe, antwortet Jonah, dass er dem Chef (der natürlich auch zu dieser christlichen Gemeinde gehört) sein Vorstrafenregister gezeigt hätte.

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Wir erfahren nicht, was Jonah verbrochen hat, aber wir sehen dabei zu, wie er sich redlich bemüht, seinen Job zu machen und gleichzeitig auch noch ein liebender Familienvater zu sein. Und er wie er daran scheitert – mechanisch wie ein Roboter erledigt er seine Arbeit, um dann völlig übermüdet zu Frau und Kind heimzukehren. Jonah träumt von einem ganz anderen Leben, er will ein Stück Land kaufen, ein Haus bauen und dort das eigentliche, richtige Leben verwirklichen, von dem er träumt. Aber Marty holt ihn auf den Boden der Tatsachen zurück: „Du weißt doch überhaupt nicht, wie man ein Haus baut!“

Und es stellt sich im Lauf der Geschichte heraus, dass Jonah auch keine Ahnung davon hat, wie man in der Natur überlebt. Was ihm sein mexikanisches Alter Ego auf See voraus hat – der überlebt, er trinkt seinen eigenen Urin und fängt Fische, auch wenn er Gott verflucht und bittet, ihn jetzt endlich sterben zu lassen, weil man so ja auf Dauer nicht leben kann. Jonah hingegen überlebt, in dem er in luxuriöse Ferienhäuser einbricht, die reiche Leute in den Bergen von Montana haben. So richtig autark ist das nicht, immerhin er genießt den vorübergehenden Luxus sichtlich. In seinem jeweiligen Quartieren dreht er alle Familienbilder auf den Kopf und telefoniert mit Sex- und Radiohotlines, um seine Botschaft zu verkünden: Das Ende der Welt ist nah – also der Welt, die wir so kennen, wie sie ist. Die zweite Inversion steht bevor, bei der sich alles auf den Kopf stellt.

Das entspricht ziemlich genau der Hysterie, die vor der Jahrtausend-Wende grassierte, Y2K, das Jahr-2000-Problem. An das kann ich mit gut erinnern, schließlich war ich damals in meinen sehr frühen Dreißigern. Ich hatte das damals nicht dermaßen ernst genommen, schließlich stamme ich aus einer Generation, die in der Hochzeit des kalten Krieges mit der Angst aufgewachsen ist, dass ihre Welt innerhalb von Minuten von einem Atomkrieg pulverisiert wird.  Davor hatten wir die ganze Zeit Angst, und das war keineswegs unrealistisch. In Deutschland lebten wir schließlich auf dem wahrscheinlichst anzunehmenden Schlachtfeld einer solchen Auseinandersetzung. Da war Y2K ein Klacks gegen. Was ja auch zutraf.

Aber das hat in Buster’s Mal Heart eher eine anekdotische Funktion. Immerhin, die Geschichte spielt in den späten 90ern, also kurz vor Y2K, und während einer dieser quälend endlosen Nachtschichten im Hotel taucht ein rätselhafter Typ (DJ Qualls) auf, der Jonah seinen Namen nicht verraten will, aber behauptet, der letzte freie Mensch der Welt zu sein. Und nebenbei ist er ein Computer-Spezialist. Und als solcher habe er Sachen gesehen – CIA, FBI, Pentagon, da läuft eine ganz, ganz üble Scheiße und die Menschen werden alle verarscht. Immer.

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Jonah saugt die Worte dieses zweifelhaften Propheten auf, sei es, weil ihm einfach sterbenslangweilig ist, sei es, weil er tatsächlich an diesen Scheiß glauben will, weil er sich ein anderes Leben und eine andere Welt wünscht, auch wenn er nicht so richtig kapiert, was eigentlich falsch läuft – Jonah beschäftigt sich mit diesem ganzen Zeug und lässt es sich einleuchten. Und er versucht weiterhin ein guter Mensch zu sein, was sein Chef irgendwann auch honoriert, in dem er Jonah zwar nicht von der ungeliebten Nachtschicht befreit, aber ihm immerhin anbietet, dass seine Frau und Tochter eine Weile in dem ohnehin nicht besonders frequentierten Hotel wohnen können, damit Jonah sie ab und zu auch mal im wachen Zustand sehen kann.

Das ist erst einmal ganz nett – für Marty und Roxanne fühlt es sich wie ein Ferienaufenthalt an und Jonah ist auch ganz happy, die drei vergnügen sich (sittsam!!!) im Hotelpool, Jonah kann zumindest theoretisch endlich Job und Familie unter einen Hut bringen – doch dann taucht dieser Fremde wieder auf. Er sieht ziemlich ramponiert aus, und der gutmütige Jonah gibt ihm unerlaubterweise eine Schlüsselkarte, obwohl der Fremde nach wie vor keine ID vorweisen will. Klar, das hätte Jonah besser nicht getan.

Okay, für diesen Spoiler würden mich meine Kinder auch schon wieder killen, aber die lesen ja meinen Blog nicht. Vermutlich. Für Jonah geht die Sache nicht gut aus, auch wenn er tapfer gegen das Unausweichliche ankämpft und versucht, später selbst als gesuchter Schwerverbrecher und Outlaw noch ein netter Mensch zu sein. Aber das ganze Universum scheint sich gegen ihn verschworen zu haben – letztlich erweist sich seine Existenz als epischer Fehler im kosmischen System: Irgendwo ist irgendetwas kolossal schief gelaufen. Aber weder der verzweifelte, aber doch zäh an seinem Leben hängende Schiffbrüchige auf dem Meer, noch der zum verrückten Buster mutierte Jonah geben auf, sie kämpfen bis zum Schluss – und am Ende gibt es zumindest für einen von ihnen eine versöhnliche Wendung.

Wer auf Filme mit ausgefeilten Plots steht, in denen am Ende immer alles erklärt wird, wird mit diesem Film vermutlich nicht glücklich. Womit ich nicht sagen will, dass dieser Film keinen ausgefeilten Plot hätte – die Geschichte an sich gefällt mir ziemlich gut, allerdings gleicht der Film einem Puzzle, dessen Teile sich der Zuschauer beim Ansehen selbst zusammensetzen muss. Liebhaber von mehrdeutigen, diffusen Geschichten werden hier viel besser bedient – wobei ich das alles gar nicht dermaßen rätselhaft finde. Es gibt eine Menge Andeutungen und Querverweise, der Film verlangt allerdings eine gewisse Aufmerksamkeit. Was mir gefällt ist, dass es keine dieser abgefuckten Hollywoodgeschichten ist, in denen mit viel Ironie und noch mehr Zynismus eine klassische Heldengeschichte auf den Kopf gestellt wird – das ist ja dieses ganze nervige Antihelden-Helden-Kino, das in den aktuellen Blockbustern abgefeiert wird.

Jonah ist einfach ein Mensch, der versucht, das Beste aus einer Situation zu machen, in die man besser nicht geraten will – die man aber doch wieder erkennt: Die allermeisten von uns müssen mit einem Job klar kommen, den sie eigentlich gar nicht machen wollen, aber machen müssen, weil auf allem, was man zum Leben braucht, ein verdammtes Preisschild klebt. Und das ist ja noch die freundliche Variante, die das Arschloch von Schicksal bereit hält – Jonahs Alter Ego auf hoher See würde wahrscheinlich nur zu gern mit Jonah und seinen Nachtschichten tauschen, wenn er nur die Gelegenheit dazu hätte.

Aber dann schlägt diese Bitch von Schicksal Jonah doch wieder dermaßen, dass vielleicht der mexikanische Seemann doch noch besser dran ist – mir fällt da spontan die Geschichte von diesem Rabbi ein, der über Land wanderte und bei einem freundlichen Bauern-Pärchen einkehrte. Die Bauersleute bewirteten ihn gut, aber am nächsten morgen lag ihre beste Kuh tot im Stall. Und als der Bauer fragte, womit er das verdient hätte, wo er doch die Regeln der Gastfreundschaft so vorbildlich eingehalten hätte, gab ihm der Rebbe die Antwort, dass eigentlich beschieden war, dass seine Frau hätte sterben sollen. Aber weil sie so gut zu dem Fremden gewesen waren, hätte es nur die Kuh getroffen. busters-mal-heart-movie-trailer-images-stills-rami-malek4

Diese Geschichte habe ich immer gehasst, genau wie das Buch Hiob und alle diese anderen üblen Geschichten aus der Bibel, in denen es darum geht, wie Gott uns Menschen prüft. Was für ein grausames, zynisches Arschloch. Das Leben ist unendlich beschissen. Aber wir haben nur dieses eine, beschissene Leben, insofern lohnt es sich daran festzuhalten und zu versuchen, auf dieser Erde das Beste draus zu machen. Auch wenn man keine Ahnung hat, wie man das anstellen soll.

Bosch: Die 3. Staffel lohnt sich

Hieronymus Bosch, der knurrige Detective von der Mordkommission des LAPD, ist mein derzeitiger Lieblingsermittler aus den USA. Insofern war ich sehr erfreut, dass die dritte Staffel der Serie Bosch in Deutschland zeitnah zur Verfügung stand.  Die neue Staffel setzt 16 Monate nach den Ereignissen der zweiten Staffel ein – hier ging es unter anderem um einen Mordfall, in den die armenische Mafia verwickelt war und den Tod des Sohnes von Deputy Chief Irvin Irving (Lance Reddick), der während eines Einsatzes erschossen wurde. Außerdem konnte Bosch endlich den Mord an seiner Mutter aufklären – der ihn allerdings auch in der dritten Staffel noch nicht wirklich los lässt.

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Während Bosch (Titus Welliver) gemeinsam mit der Staatsanwältin Anita Benitez (Paola Turbay) darum kämpft, dass seine Ermittlungen aus der Staffel zuvor überhaupt zu einem Prozess führen, liegt schon eine neue Leiche in einem schäbigen Wohnmobil. Die Kollegen winken ab – es sieht nach einem Mord im Obdachlosen-Mileu aus, ziemlich aussichtslose Sache. Aber die sind, wie wir wissen, Boschs besondere Spezialität: Entweder zählt jeder oder keiner.

Also fängt Bosch an zu ermitteln. Es dauert gar nicht lange, da fällt Bosch eine zweite Leiche vor die Füße – oder eher auf die Füße, denn der mutmaßliche Mörder Billy Meadows, den Bosch schon seit einiger Zeit rankriegen will, begeht Selbstmord. Die Kollegen, die den Fall übernehmen, kommen schnell darauf, dass hier wohl nachgeholfen wurde – was für Bosch aber blöd ist, denn dadurch kommen sie auch seiner eigenmächtigen Ermittlung auf die Spur: Bosch hatte heimlich Kameras installiert, um den Kerl zu überwachen. Vor allem Boschs Partner Jerry Edgar (Jamie Hector) ist irritiert, als die Kollegen ihm stecken, dass Bosch offenbar in die Sache verwickelt ist.

Und dann ist da auch noch die Presse:  Der umtriebige Reporter Scott Anderson (Eric Ladin) würde zu gern endlich mal wieder eine richtig große Story schreiben – und weil es nicht gut aussieht, wenn jemand intern einen Kollegen verpfeift, kann man ja auch einen Tipp an die Medien geben und drauf vertrauen, dass die interne Ermittlung spätestens dann aufmerksam wird, wenn etwas in der Zeitung steht, was am Image der ohnehin schon nicht beliebten Polizei kratzt.

Harry Bosch (Titus Welliver) und Lieutenant Grace Billets (Amy Aquino)

Harry Bosch (Titus Welliver) und Lieutenant Grace Billets (Amy Aquino)

Bosch schafft es also einmal mehr, gleich mehrfach anzuecken –  und es ist ihm lange nicht klar, wer dieses Mal der fieseste seiner Gegner ist. Denn der selbstverliebte Hollywood-Regisseur Andrew Holland, den Bosch gern wegen des Mordes an einem Callgirl rankriegen würde, aber sonst nicht für voll nimmt, ersinnt einen perfiden Racheplan, der erstmal ganz gut funktioniert – aber am Ende ist Holland von seinem eigenen Drehbuch dermaßen begeistert, dass er über seine Eitelkeit stolpert: Er hätte das alles lieber für schön sich behalten sollen.

Die ehemaligen Special-Forces-Kämpfer, die hinter dem Mord an ihrem gestrauchelten Kumpel ihm Wohnmobil stecken, sind da schon ein anderes Kaliber – aber Bosch kennt sich mit diesen Typen aus, schließlich war er selbst einmal einer von ihnen. Er weiß, wie gefährlich die werden können, was seine Rolle als alleinerziehender Vater einer Teenie-Tochter nicht gerade erleichtert. Denn Maddie (Madison Lintz)  wohnt nun bei ihm, nachdem ihre Mutter Eleanor (Sarah Clarke) als professionelle Pokerspielerin nach Hongkong gezogen ist.

Maddie will ins Auswahl-Team der Volleyballmannschaft ihrer Schule und sie will Autofahren lernen – Bosch muss sich also in Verständnis und Geduld üben, was nicht seine besonderen Stärken sind. Aber er meistert das ganz gut, zumal er seine Tochter überzeugen kann, dass es für alle Beteiligten besser ist, wenn sie eine Weile zu Grace (Amy Aquino) zieht, der manchmal zu verständnisvollen Vorgesetzten von Bosch. Genau das wird Lieutenant Grace Billetts, die gern zum Captain aufsteigen würde, auch zum Verhängnis, obwohl sie, genau wie Bosch, wahnsinnig qualifiziert ist und einfach gute Arbeit macht.

Harry Bosch (Titus Welliver) und Maddie (Madison Lintz) Bild: mfdb.org

Harry Bosch (Titus Welliver) und Maddie (Madison Lintz) Bild: mfdb.org

Genau das ist es, was ich an dieser Serie mag: Wie bei der legendären Serie The Wire sind die Polizisten, (aber auch die Gangster) alle ernsthaft bei der Arbeit, auch wenn die oft aus nervtötender Routine besteht – am Ende ist es eben ein einziger fehlender Eintrag in einer offiziellen Ermittlungsakte, der beim Abgleich mit einer älteren Kopie des Originals auffällt, weil er dort noch vorhanden ist und darauf hinweist, dass hier offenbar etwas vertuscht werden soll.

Es geht bei Bosch nicht darum, immer noch spektakulärere Verbrechen zu inszenieren und die Zuschauer möglichst lange an der Nase herumzuführen, sondern einfach um solides Krimi-Handwerk: Je nach Spurenlage sieht ein Fall so oder anders aus. Insofern ist Bosch schon fast frustrierend realistisch, auch wenn die Serienmacher sich natürlich eine Reihe fernsehtauglicher Charaktere ausgedacht haben, die mehr oder weniger liebenswerte Schrullen haben und für die Serie gut funktionieren. Die Serienmacher geben ihnen Raum, sich zu entfalten, Boschs Kollegen sind allesamt ernstzunehmende Polizisten und nicht einfach nur Stichwortgeber, und auch die Typen auf der anderen Seite haben ihre eigenen Geschichten.

Insofern erinnert Bosch auch ein bisschen an Kommissarin Lund, die sture dänische Ermittlerin, die ihr Privatleben und ihre Karriere ruiniert, um eine ganze ausführliche Staffel lang einen einzigen Fall zu lösen – wobei Bosch zu cool ist, um das dermaßen auf die Spitze zu treiben. Und er ist einfach zu gut, um ihn stillzulegen: „Wollen Sie wirklich einen Detective aus dem Dienst ziehen, der in den letzten zehn Jahren 33 Morde aufgeklärt hat?“ fragt sein Oberboss entsetzt, als die interne Ermittlung ihm genau das nahelegt. Bosch kommt also wieder mit einem blauen Auge davon – aber wir brauchen ihn mindestens für eine Staffel vier noch, denn es ist noch längst nicht alles aufgeklärt.

The Last Kingdom: Vikings aus Sicht der Engländer

Um das Warten auf Staffel 5 der Nordland-Saga Vikings zu überbrücken, habe ich über das Osterwochenende The Last Kingdom angesehen – auch in dieser BBC-Serie geht es um die Eroberung der angelsächsischen Königreiche durch die Wikinger, nur eben aus der weniger erfreulichen Perspektive der Engländer. Insofern steht hier nicht Ragnar Lothbrok im Mittelpunkt, sondern ein gewisser Uhtred von Bebbanburg, der Sohn eines englischen Lords, der nach einer verlorenen Schlacht, in der sein Vater von den Wikingern getötet wird, in die Hände der Dänen fällt. Wobei der große Eroberer Ragnar auch hier im Grunde ein ganz netter Kerl ist, denn er findet Gefallen an dem Jungen, der zwar noch recht klein, aber dafür mutig und kämpferisch ist, fast wie ein Wikinger halt.

The Last Kingdom © Carnival Film & Television Ltd Photographer: Joss Barratt Alexander Dreymon (as Uhtred)

The Last Kingdom © Carnival Film & Television Ltd Photographer: Joss Barratt Alexander Dreymon (as Uhtred)

Als Ragnar mitbekommt, dass die Engländer Uhtred nur frei kaufen wollen, um ihn dann zu töten, weil er der nächste Lord von Bebbanburg wäre – diesen Posten hat sich aber der Onkel des Jungen nach dem Tod seines Bruders schon gesichert – beschließt der weise Nordmann, den jungen Angelsachsen als seinen eigenen Sohn großzuziehen. Er nimmt auch die ebenfalls entführte Brida in seine Familie auf. Die beiden angelsächsischen Kinder sollen ihm etwas über die Leute und das Land beibringen, in dem sich die Wikinger nun niederlassen wollen – denn die britischen Inseln sind viel angenehmer und furchtbarer als das Land, aus dem sie kommen.

Uhtred und Brida finden mit der Zeit Gefallen an der wikingischen Lebensweise – natürlich müssen die Menschen ebenfalls hart arbeiten, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Aber die Götter der Wikinger sind nicht so elende Spaßbremsen, wie dieser eine strenge Gott, an den die Angelsachsen glauben. Die Wikinger feiern gern und sind auch sonst nicht so verklemmt wie die christlichen Angelsachsen.

The Last Kingdom © Carnival Film & Television Ltd

The Last Kingdom: Zuhause bei den Wikingern © Carnival Film & Television Ltd

Aber es gibt auch Stress und Rivalitäten unter den Wikingern – und so fällt Ragnars Familie einem perfiden Racheplan zum Opfer, nur der älteste Sohn Ragnar Ragnarsson, der sich im Norden ein eigenes Reich aufgebaut hat, überlebt – sowie Uhtred und Brida, die ein Schäferstündchen im Wald hatten. Natürlich sieht das nicht gut aus. Es bietet sich förmlich an, die ganze Sache diesem angelsächsischen Bastard in die Schuhe zu schieben.

Uhtred (gespielt von dem deutschen Schauspieler Alexander Dreymon) ist über den Tod seines Ziehvaters verzweifelt, aber er begreift, dass er für die Wikinger als Verräter dasteht. Er fasst nun einen anderen Plan: Er will sich sein Erbe zurückholen und als angelsächsischer Ealdorman anerkannt werden. Also sucht er gemeinsam mit Brida das letzte der britischen Königreiche auf, das noch nicht von den Dänen unterworfen wurde: Wessex.

The Last Kingdom: Ragnar Lothbrok (Peter Gantzler) © Carnival Film & Television Ltd

The Last Kingdom: Ragnar Lothbrok (Peter Gantzler) © Carnival Film & Television Ltd

Uhtred hat Glück: Weil der Mönch Beocca, der einst Berater von Uhtreds Vater war, inzwischen Berater an König Aethelreds Hof ist, ihn nach all den Jahren wieder erkennt, schafft er es sogar, beim König vorgelassen zu werden, obwohl er für einen Dänen gehalten wird. Uhtred versucht, das Vertrauen des Königs zu erlangen, in dem er ihn über die Schlachtpläne der dänischen Häuptlinge Ubba und Guthrum aufklärt, die er anhand von wikingischen Zeichen, die sie hinterlassen, deuten kann.

Aber warum sollte ein englischer König einem dänischen Bastard vertrauen? Aethelred konsultiert seinen Bruder Alfred, der gesundheitlich nicht auf der Höhe und auch sonst etwas verschroben ist. Aber Alfred ist ein schlauer Kerl, er vertraut nicht nur auf Gott, sondern auch auf Verstand. Und der sagt ihm, das Uhtred sehr nützlich sein kann – aber auch, dass er gefährlich werden könnte. Also empfiehlt er seinem Bruder, auf Uhtred zu hören, ihn und Brida aber sicherheitshalber einzusperren – falls irgendetwas schief läuft.

The Last Kingdom | Episode Two © Carnival Film & Television Ltd Photographer: Joss Barratt David Dawson (as Alfred) with Alexander Dreymon (as Uhtred)

The Last Kingdom | Episode Two © Carnival Film & Television Ltd Photographer: Joss Barratt David Dawson (as Alfred) with Alexander Dreymon (as Uhtred)

Es stellt sich schließlich heraus, das Uhtred recht hatte – die Engländer können Wessex gegen die Dänen verteidigen, allerdings wird König Aethelred in der Schlacht tödlich verwundet und setzt Alfred als seinen Nachfolger ein, weil er weiß, dass sein nichtsnutziger Sohn nicht zum König taugt. Damit gibt es jede Menge Konfliktpotenzial, das locker für die acht Folgen der ersten Staffel ausreicht – am Ende dreht sich die Serie darum, wie Alfred nicht nur sein Königreich verteidigt, sondern auch den Grundstein für ein vereintes englisches Königreich legt, britische Geschichte also, Alfred ist der einzige britische König, der den Beinamen „der Große“ erhalten hat.

Uhtred hingegen ist keine historische Person im eigentlichen Sinne, aber dennoch eine interessante Figur, die zwischen den Welten pendelt – er ist weder Wikinger, noch Angelsachse, und sowohl die Wikinger als auch die Angelsachsen sehen in ihm jeweils einen Fremdling, dem man nicht trauen kann. Nützlich ist, dass er sowohl englisch als auch dänisch spricht und die Lebensweise dieser gefährlichen Heiden kennt – außerdem ist er ein guter Kämpfer. König Alfred gibt Uhtred also eine Chance: Wenn er eine englische Lady heiratet, die Land besitzt, kann er ein Ealdorman werden und sich sein Erbe zurückholen. Das ist natürlich bitter für seine Freundin Brida – trotzdem willigt Uhtred ein.

The Last Kingdom © Carnival Film & Television Ltd Photographer: Joss Barratt Emily Cox as Brida

The Last Kingdom © Carnival Film & Television Ltd Photographer: Joss Barratt Emily Cox as Brida

Brida (Emily Cox) verlässt daraufhin Uhtred und Wessex, um sich den Wikingern um den jungen Ragnar anzuschließen – für sie als Frau hat die angelsächsische Lebensweise nur Nachteile, denn Anpassung und Unterordnung sind nicht ihr Ding. Uhtred hingegen ist von seiner neuen Frau Mildrith sehr angetan, sie ist sittsam, jung und eine Augenweide – dass sie hochverschuldet ist, hat Alfred ihm wohlweislich verschwiegen: Durch Missernten ist sie mehrere Jahre im Rückstand, was die Abgaben an die Kirche angeht. Und die denkt natürlich nicht daran, diese Bürde vom Rücken ihrer armen Tochter zu nehmen. Trotzdem ist die Ehe glücklich, Mildrith wird schwanger.

Währenddessen gehen die Kämpfe im Land weiter – Ragnar Jr. und Guthrum erobern Wareham, neue Friedensverhandlungen werden nötig. Um eine Waffenruhe zu gewährleisten, gibt es einen Austausch von Geiseln: Jeweils zehn Männer gehen ins feindliche Lager. Uhtred gehört zur englischen Delegation. Unter den Dänen trifft er seinen Ziehbruder Ragnar und Brida wieder, die nun mit Ragnar zusammen ist. Als der grausame Ubba von einem Irland-Trip zurückkehrt, lässt der die englischen Geiseln töten – bis auf Uhtred, für den Ragnar ein gutes Wort einlegt. Uhtred kann entkommen und entzündet ein Leuchtfeuer, das Wessex vor einer neuen Invasion warnt: Guthrum ist mit zahlreichen Schiffen im Anmarsch.

The Last Kingdom: Bereit zum Kampf © Carnival Film & Television Ltd

The Last Kingdom: Bereit zum Kampf © Carnival Film & Television Ltd

Allerdings haben die Angelsachsen wieder Glück: Ein Sturm vernichtet einen großen Teil der dänischen Schiffe. Außerdem schleicht Uhtred sich in das Lager der Dänen und steckt weitere der übrig gebliebenen Schiffe in Brand. Durch das entstehende Chaos sind die Engländer siegreich. Als Uhtred erfährt, dass er einen Sohn bekommen hat, beschließt er allerdings, erst zuhause vorbei zu schauen, anstatt sich gleich auf den Weg zu Alfred zu machen. Also staubt der junge Odda den Ruhm ab, der eigentlich Uhtred gebührt, während auf den tapferen, aber diplomatisch ungeschickt agierenden Uhtred wieder nur jede Menge Ärger wartet.

Mir gefällt The Last Kingdom fast besser als Vikings, weil es noch weniger an Game of Thrones erinnert – Vikings hat zwar eine historische Grundlage, ist aber oft wie ein Fantasy-Spektakel anzusehen, die Kostüme sind spektakulär – und die Frisuren und Tätowierungen erst! Es gibt immer wieder Traumsequenzen und eine Menge meist schwarzer Magie, auch die Umwelt, insbesondere in Kattegat, ist immer wieder sehr kulissenhaft inszeniert, es liegt dort eigentlich zu jeder Jahreszeit Schnee – wobei genau dieser düstere Schwarzweiß-Look ja auch wieder den Stil dieser Serie ausmacht, den ich im Prinzip sehr mag – optisch und stilistisch gibt es mehr Parallelen zu Taboo als zu The Last Kingdom.

The Last Kingdom: Jonas Malmsjö as Skorpa © Carnival Film & Television Ltd

The Last Kingdom: Jonas Malmsjö as Skorpa © Carnival Film & Television Ltd

The Last Kingdom hingegen versucht, möglichst realistisch auszusehen, obwohl es auch es hier erstaunlich viel altenglischen Schnee gibt: die Jahreszeiten passen auch im letzten Königreich nicht immer zusammen. Einige der Vikinger haben ebenfalls coole Tattoos, Guthrum trägt eine Rippe seiner Mutter in sein Haar geflochten, und  natürlich machen sich viele der Szenen in kahlen Wäldern tatsächlich besser – aber wenn die Bäume nur einen Schnitt später plötzlich voll belaubt sind, dann ist das irgendwie nicht besonders glaubwürdig. Wir sind hier ja eben nicht in Game of Thrones, wo es Fantasy-Reiche mit langen Wintern und ewigen Sommern gibt, auch wenn das ja mittlerweile die Referenz-Serie für fast alles ist, obwohl eben „bloß“ Fantasy.

Insofern finde ich gut, dass The Last Kingdom dann doch nicht zu sehr auf Game of Thrones getrimmt ist, sondern im englischen Mittelalter bleibt, die Kostüme und sonstige Ausstattung sind vergleichsweise schlicht, viele der Figuren haben historische Vorbilder und die Auseinandersetzung zwischen den nordischen Heiden und den angelsächsischen Christen liefert spannenden Stoff genug – ich werde bestimmt bald in die zweite Staffel einsteigen.

The Last Kingdom: Uhtred (Alexander Dreymon) und Brida (Emily Cox) © Carnival Film & Television Ltd

The Last Kingdom: Uhtred (Alexander Dreymon) und Brida (Emily Cox) © Carnival Film & Television Ltd

Rückblick Homeland Staffel 6

So, die sechste Staffel von Homeland ist auch schon wieder durch – und ich fand sie gar nicht so schlecht. Ich fand sie sogar besser als die meisten Staffeln zuvor – wobei das ja nicht so schwer ist. In dieser Staffel war es endlich wieder so spannend und vertrackt wie am Anfang der Serie, als ja auch nicht klar war, ob der einst vermisste, nach langer Gefangenschaft im Nahen Osten befreite US-Soldat Nicolas Brody ein endlich heimgekehrter Kriegsheld ist oder nicht vielleicht doch ein gefährlicher Terrorist.

Dieses Mal ging es um eine Verschwörung innerhalb des auch durch den massiven Ausbau in den Jahren nach 9/11 ziemlich unübersichtlich Geheimdienstapparates der USA, ein Thema, das durch Serien wie Quantico oder Designated Survivor derzeit ziemlich überstrapaziert wird, aber ich muss sagen, dass mir die Homeland-Variante dann doch deutlich besser gefallen hat. Schon weil diese Serie die derzeit coolste Titelmusik hat und auch sonst der Soundtrack viel weniger nervt als eben bei den anderen genannten Beispielen, wo eben alles fürchterlich brachial ist, leider vor allem die Musik.

Homeland: Carrie Mathison (Claire Danes) und Mrs President-elect Elizabeth Keane (Elizabeth Marvel)

Homeland: Carrie Mathison (Claire Danes) und Mrs President-elect Elizabeth Keane (Elizabeth Marvel) Bild: JoJo Whilden/SHOWTIME

Nun glänzt auch Homeland sonst nicht gerade mit Subtilität, aber immerhin trauen sich die Macher was, mir hat das fiese Katz-und-Maus-Spiel zwischen den Geheimdienst-Veteranen Saul Berenson und Dar Adal gut gefallen, und auch, dass das Team um den Produzenten Alex Gansa genau wie so ziemlich alle anderen Kreativen in den USA bei den Präsidentschaftswahlen aufs falsche Pferd gesetzt hat – eine Mrs. President-elect war nun mal für das, was in der Staffel passiert, in jeder Hinsicht passender als eine Trump-Variante, die ohnehin nie so knallchargenhaft darstellbar wäre, wie der echte Trump agiert.

Homeland: Peter Quinn (Rupert Friend), Frannie (Claire McKenna) und Carrie Mathison (Claire Danes) Bild: Showtime

Homeland: Peter Quinn (Rupert Friend), Frannie (Claire McKenna) und Carrie Mathison (Claire Danes) Bild: Showtime

Elizabeth Keane als eine Präsidentin der vereinigten Minderheiten hingegen, die angetreten ist, um die Bürgerrechte zu stärken und Kriege zu beenden und deshalb ja auch mit knapper Mehrheit gewählt wurde, ist da für erfahrene Polit-Serien-Zuschauer doch viel glaubwürdiger, wenn sie sich am Ende als eiserne Lady entpuppt, die genau das Gegenteil von dem tut, was sie versprochen hat – hier gibt es eine Menge Parallelen zu Präsident Obama. Es ist ja nicht so, dass Keane sich nicht gegen die ihr vorgesetzten Lösungen des Staatsapparates auflehnen würde – sie versucht durchaus, eigene Akzente zu setzen. Mir hat vor allem die Folge nach dem Attentat gefallen, das Carries Schützling Sekou in die Schuhe geschoben wurde, in der sie mithilfe einer Haushälterin aus dem supersicheren Versteck entflieht, in das sie nach dem Anschlag routinemäßig gebracht wird, und nach New York zurückkehrt, um der Öffentlichkeit zu zeigen, dass sie sich eben nicht verstecken will.

Homeland: Saul Berenson (Mandy Patinkin), Bild: Showtime

Homeland: Saul Berenson (Mandy Patinkin), Bild: Showtime

Hier wird klar, dass es gewiss US-Kräfte sein müssen, die Keane unglaubwürdig machen und demontieren wollen, weil ihnen diese Präsidentin nicht passt. Natürlich wird auch hier dick aufgetragen, aber wie wir inzwischen aus dem wahren Leben wissen – manchmal ist die Realität noch schlimmer. Und dieser Brett O’Keefe (Jake Weber), ein selbsternannter Wahrheitsfanatiker, der eine provokante TV-Show betreibt, in der er „Lügen der Regierung“ aufdeckt, womit er natürlich nichts anderes als alternative Fakten produziert, die die Realität ebensowenig abbilden, wie andere fake news auch, ist leider eine Figur, die geradezu ekelhaft realistisch ist. Insofern ist es wirklich bitter, dass er am Ende dann auch noch irgendwie recht behält, weil die von ihm kritisierte Präsidentin Keane sich einmauert und knallhart ihr Ding durchzieht – natürlich bekommt sie nun von keiner Seite Lob, auch nicht von denen, die ihr unterstellt haben, dass sie genau dazu nicht fähig wäre.

Homeland: Elizabeth Keane (Elizabeth Marvel), Dar Adal (F. Murray Abraham) und Rob Emmons (Hill Harper) Bild: JoJo Whilden/SHOWTIME

Homeland: Elizabeth Keane (Elizabeth Marvel), Dar Adal (F. Murray Abraham) und Rob Emmons (Hill Harper) Bild: JoJo Whilden/SHOWTIME

Für Carries langjährigen Vertrauten Peter Quinn geht die Staffel auch nicht besser aus – er hat dank Carrie die fünfte Staffel ja ohnehin nur knapp überlebt und hadert nun mit seinen körperlichen Einschränkungen nach seiner Beinahe-Exekution als Versuchskaninchen für einen Giftgas-Anschlag des IS. Dass Carrie sich schuldig fühlt und ihn nach einigen Eskapaden bei sich zuhause aufnimmt, wird natürlich von Dar Adal auch ausgenutzt – aber eigentlich wollte ich auf etwas anderes hinaus: Peter Quinn ist natürlich trotz allem noch Peter Quinn, der erfahrene und selbst mit seinen Einschränkungen noch handlungsfähige, hochtrainierte CIA-Agent. Er kriegt heraus, was Carrie nur ahnt: Sekou war kein Attentäter, sondern nur ein Werkzeug.

Homeland: Astrid  (Nina Hoss) Bild: JoJo Whilden/SHOWTIME

Homeland: Astrid (Nina Hoss) Bild: JoJo Whilden/SHOWTIME

Peter setzt Carrie auf die richtige Spur, allerdings gerät er damit auch ins Fadenkreuz der Ermittler: Kann nicht auch ein verbitterter Veteran, dem übel mitgespielt wurde, hinter dem Attentat auf die US-Präsidentin stecken? Ironischerweise ist aber auch Peter nur ein Werkzeug in diesem bösen Ränkespiel, was Peter leider erst klar wird, als seine Freundin Astrid umgebracht wird, jene BND-Agentin, die er von früher kennt und die ihn jetzt eigentlich sanft aus dem Verkehr ziehen sollte, damit er den Keane-Gegnern nicht in die Quere kommt. Aber Quinn war ja schon immer die tragische Figur der Serie , daran ändert sich auch nichts.

Und Mrs Cry-Face Carrie? Die darf endlich einmal die richtigen Prioritäten setzen: Sich für ihre Tochter entscheiden und gegen den Job. Das wird ihr naturgemäß schwer gemacht, am Ende knickt sie aber ein, weil sie kapiert, dass Dar Adal hinter der Jugendamt-Sache steckt, mit der ihr ihre Tochter weggenommen wurde. Und weil Carrie irgendwie doch etwas gelernt hat, will sie nicht gegen Dar Adal gewinnen, sondern einfach ihr Kind wieder haben. Was am Ende sogar belohnt wird, denn Dar Adal erkennt schließlich auch, dass ihm die Sache, die er angezettelt hat, aus dem Ruder läuft und gibt Carrie den entscheidenden Tipp, der das Leben von Präsidentin Keane rettet.

Alles in allem also eine typische Homeland-Staffel, die sich auch meiner Sicht dieses Mal wirklich gelohnt hat. Und die siebte Staffel kommt – ich freu mich schon fast ein bisschen drauf.

Homeland: Brett O'Keefe (Jack Weber) Bild: SHOWTIME

Homeland: Brett O’Keefe (Jack Weber) Bild: SHOWTIME

Taboo: Definitiv keine Familienserie

Bei all den überraschend guten neuen US-Familien-Dramen wie This Is US oder Big Little Lies brauchte ich zur Abwechslung mal wieder härtere Kost, und was wäre da besser geeignet als eine britische Grusel-Serie in historischem Ambiente? Genau, die Rede ist von Taboo, jener überaus düsteren BBC-Serie, die hierzulande jetzt bei Amazon zu sehen ist.

Im Grunde ist Taboo eine weitere Version von Joseph Conrads Roman Das Herz der Finsternis – der wahnsinnige Halbgott Kurtz ist dieses Mal der Afrika-Heimkehrer James Keziah Delaney (Tom Hardy), der ganz offensichtlich ein paar Schrauben locker hat. Aber das ist auch kein Wunder – schließlich wurde er zehn Jahre lang für tot gehalten. Dass er entgegen aller Erwartungen erst ein Schiffsunglück und dann den schwarzen Kontinent überlebt hat, lässt darauf schließen, dass James, nun ja, sagen wir: höchst ungewöhnliche Erfahrungen gemacht hat. Sein muskulöser Körper ist mit großflächigen Tätowierungen gezeichnet, er redet mitunter in einer unverständlichen Sprache und vollzieht merkwürdige Rituale. Die Londoner bezeichnen ihm abschätzig als wahnsinnigen Wilden.

Taboo: James Delaney (Tom Hardy) an der Themse. Bild: FX/BBC

Taboo: James Delaney (Tom Hardy) an der Themse. Bild: FX/BBC

Ansonsten erweist er sich aber zum Leidwesen der Britischen Ostindien-Kompanie als enervierend clever und verfügt offenbar über ungeahnte Ressourcen, um der alt-ehrwürdigen Company ernsthaft Schwierigkeiten zu bereiten. James Delaney erinnert mich ein bisschen an Ragnar Lothbrock aus der Serie Vikings – genau wie Ragnar laviert er zwischen den alten Göttern seiner Vorfahren und dem einen neuen Gott derer, die er unterwerfen will. Im Zweifel macht er sich aber weder von irgendwelchen Göttern noch sonstigen Konventionen abhängig, sondern zieht einfach sein Ding durch, wobei er grausam gegen seine Feinde und großzügig mit seinen Freunden ist. James Delaney ist ein sehr ähnlicher Typ, nur dass er noch weniger Freunde hat und noch weniger redet.

Delaney bewegt sich zwischen den Göttern seiner Mutter, einer Indianerin aus dem Stamm der Nootka, deren strategisch wichtiges Stück Land vor Vancouver Island James nach dem Tod seines Vaters geerbt hat, und den Voodoo-Göttern Afrikas, die ihn offenbar gerettet haben. Ein bisschen Angel Heart is also auch dabei. Und eine Menge Deadwood, auch wenn London im Jahr 1814 natürlich längst eine alt-ehrwürdige Großstadt mit Palästen und beeindruckenden Bürgerhäusern ist. Das dreckige London der Armen und Verfemten, in dem Delaney sich herumtreibt, wirkt mit seinen schäbigen Bretterbuden nämlich eher wie eine Westernstadt. Und auch hier gilt das Recht des Stärkeren.

Taboo: Zilpha Geary (Oona Chaplin) Bild: BBC

Taboo: Zilpha Geary (Oona Chaplin) Bild: BBC

Das ist hier in der Regel der, der Geld hat – damit kommen wir zu dem ganz neuen Gott, dem nicht nur die East India Company huldigt: dem Profit. Auch James Delaney ist vor allem ein Geschäftsmann, der sich ein eigenes Handelsimperium aufbauen will. Vom Nootka Sound aus will er Tee aus Kanton holen und ein Monopol auf Tee etablieren. Sagt er den Engländern. Den Amerikanern sagt er, er wolle mit Otterfellen handeln. Er weiß, dass beide Parteien an seinem Stück Land interessiert sind, weil es ihnen jeweils einen strategischen Vorteil verschaffen würde – zwischen Großbritannien und Amerika herrscht Krieg, den Delaney geschickt für seine eigenen Pläne nutzt.

Und dann hat er noch eine Rechnung mit der East India Company offen – nachdem das Schiff, auf dem er als junger Kadett im Dienst der Company stand, vor einer afrikanischen Küste auf Land lief und sank, wurde er für tot erklärt. Es durfte keine Überlebenden geben, das Schiff hatte nämlich Sklaven an Bord – und die ehrwürdige Britische Ostindien-Kompanie wollte laut einem vor ihr selbst unterzeichneten Kodex keine Sklaven mehr auf ihren Schiffen transportieren. Doch auch der Vorsitzende der Company, Sir Stuart Strange (Jonathan Pryce), verehrt vor allem die kapitalistischen Götter, und Sklaven bringen mehr Profit als alles andere.

Taboo: Lorna Bow (Jessie Buckley) Bild: BBC

Taboo: Lorna Bow (Jessie Buckley) Bild: BBC

Irgendwie findet James Delaney das dann aber doch nicht gut – er hat der ehrwürdige Company den Krieg erklärt. Wobei lange Zeit nicht so richtig klar wird, warum – Delaney ist ein gerissener Geschäftsmann, soviel ist sicher, aber gleichzeitig schert er sich einen Dreck um Ruhm und Anerkennung. Er macht sich auch nicht viel aus dem christlichen Glauben – er lebt nach seinen eigenen Regeln. Und die sind zum Teil sehr krude: Es wird bezeugt, dass Delaney seinen Feinden das Herz aus der Brust reißt und verzehrt. Und er liebt seine schöne Halbschwerster Zilpha (Oona Chaplin) – durchaus nicht in der Weise, wie ein treu sorgender Bruder das tun sollte.

Und skandalöser noch: Zilpha liebt James auch auf diese gefährliche, eben nicht geschwisterliche Weise. Sie begehrt ihren Bruder genauso wie er sie. Allerdings sucht sie im christlichen Glauben Zuflucht, auch wenn das eher wenig hilft. Und sie redet sich ein, dass ihre Ehe mit dem wohlhabenden, aber sonst eher unterbelichteten Thorne Geary (Jefferson Hall) glücklich ist. Oder genauer, sie bestraft sich selbst mit ihrem eifersüchtigen Ehemann für ihre unzüchtige Sehnsucht nach ihrem Bruder.

Taboo: Sir Stuart Strange (Jonathan Pryce) Bild: BBC

Taboo: Sir Stuart Strange (Jonathan Pryce) Bild: BBC

Der wiederum an seinem Plan arbeitet, in der neuen Welt gemeinsam mit ihr neu anzufangen – in Amerika kennt sie schließlich keiner, dort können sie sein, wer immer sie sein wollen. Aber dazu muss er eine Menge Probleme lösen – so hat sein Vater kurz vor seinem Tod noch eine Schauspielerin geheiratet, die nun ebenfalls Anspruch auf das Erbe erhebt. Und er muss eine Menge Schießpulver für die Amerikaner beschaffen, was ein sehr kniffliges Unterfangen wird. Und dann hat er auch noch Stress mit einer alten Bekannten, der Hure Helga (Franka Potente), die ihn beschuldigt, ihre Tochter Winter getötet zu haben.

Zusätzlich hat er ja weiterhin die äußerst einflussreiche Company am Hacken, die weder eine erneute Untersuchung jenes Schiffsunglücks wünscht, das Delaney ärgerlicherweise überlebt hat, noch das Entstehen einer neuen Konkurrenz zulassen will – sondern stattdessen alles daran setzt, den Kampf um die Pole-Position für die beste Handelsroute im Pazifik für sich zu entscheiden. Es ist also ganz schön was los in den acht Folgen der ersten Staffel, auch wenn es eine Weile dauert, bis die Geschichte ihren Sog entwickelt.

Taboo: Helga (Franka Potente) Bild: BBC

Taboo: Helga (Franka Potente) Bild: BBC

Obwohl Taboo optisch oft sehr roh und drastisch daher kommt, ist die Handlung erstaunlich vielschichtig – genau sich hinter der massigen Gestalt von James Delaney ein erstaunlich feinsinniger Mensch verbirgt, der zwar alle menschlichen Abgründe kennt, aber den Blick für das Gute, das in manchen Menschen noch vorhanden ist, nicht verloren hat. So verhält er sich gerade denen gegenüber, die es nicht so gut getroffen haben, immer sehr korrekt, genau wie er Frauen mit Respekt behandelt, selbst wenn sie ihm Schwierigkeiten bereiten. Wobei ich „roh und drastisch“ auch relativieren muss – das London dieser Serie ist ein sehr düsterer und dreckiger Ort – was es zu jener Zeit gewiss auch gewesen ist.

Die Bilder an sich sind allerdings wohlkomponiert und in ihrer Düsternis sehr ästhetisch – mit Kristoffer Nyholm und Anders Engström, die bei jeweils vier Folgen Regie geführt haben, sind zwei Skandivian-Noir-Experten an Bord, Nyholm ist unter anderem für Kommissarin Lund bekannt, Engström hat einige Wallander-Filme gemacht. Im Taboo trifft also britisches Historiendrama auf skandinavischen Psychokrimi – das ist eine gewagte, aber sehr interessante Mischung, zumindest für Serienfans mit etwas Geduld und guten Nerven. Die können sich auf eine ganze Reihe grandioser Schauspieler freuen – neben Tom Hardy und Oona Chaplin sind unter anderem auch Jonathan Pryce als Sir Stuart Strange, Mark Gatiss als Prinzregent, Franka Potente als Helga und Michael Kelly als Dr. Edgar Dumbarton dabei.

Taboo: Moderner Held mit archaischen Instinkten

Taboo: Moderner Held mit archaischen Instinkten

Big Little Lies: Kleine und große Lebenslügen

Am Sonntag lief die letzte Folge von Big Little Lies, einer neuen Mini-Serie von HBO – und ab dem 6. April ist sie auf Sky On Demand, Sky Go und Sky Ticket verfügbar. Wer immer die Möglichkeit hat, sollte sich den Siebenteiler ansehen, es lohnt sich. Inhaltlich und handwerklich ist Big Little Lies absolut auf der Höhe der Zeit, was man von einer HBO-Serie durchaus erwarten kann, auch wenn sich HBO in der letzten Zeit ja auch ein paar spektakuläre Fehlgriffe wie Vinyl geleistet hat. Und auch die zweite Staffel von True Detective war nicht so richtig gut.

Auch wenn ich mich ernsthaft frage, warum diese Serie als Dark Comedy beziehungsweise als Comedy-Drama einsortiert wird. Denn lustig ist daran überhaupt nichts, obwohl ich sie wirklich gut fand. Es ist doch immer wieder erstaunlich, wie gut die Amerikaner darin sind, Beziehungsdramen zu schildern. Denn darum geht es vor allem: Um Beziehungen, und wie verzweifelt die Menschen versuchen, das, was sie für eine gute Beziehung halten, irgendwie hinzukriegen, auch wenn alle Evidenz dagegen spricht, dass genau diese Beziehung, an der sie so verzweifelt festhalten, gut für sie ist.

Celeste, Madeline und Jane Bild: HBO

Celeste, Madeline und Jane Bild: HBO

Und dann geht es natürlich auch um Freundschaft, Eifersucht und Konkurrenz – im Grunde sind die hier erzählten Geschichten universell, auch wenn hier in erster Linie das Leben der gut verdienende Menschen am oberen Ende der weißen Mittelschicht gezeigt wird. Im  kleinen, aber feinen Monterey, das etwa 200 Kilometer südlich des Hightech-Mekkas San Francisco an der Pazifikküste liegt, lassen sich vor allem Familien nieder, die zu Geld gekommen sind und nun ihre Kinder in großzügigen Häusern mit Meerblick aufziehen wollen. Und solche, die nicht ganz so viel Knete haben, um ihre Kinder in San Francisco auf teure Privatschulen schicken zu können – denn die öffentlichen Schulen in Monterey haben ebenfalls einen sehr guten Ruf. Kein Wunder, es gibt ja auch genug finanzstarke Eltern, die für alle möglichen Belange spenden.

Keine Frage, mit diesen meist schon älteren Alphaeltern ist nicht zu spaßen – das wird auch schon am Anfang klar, als es am ersten Schultag der neuen Erstklässler gleich zu einem handfesten Eklat kommt: Amabella, die Tochter der ebenso wohlhabenden wie erfolgreichen Unternehmerin Renata Klein (Laura Dern), wurde von einem Jungen angegriffen. Amabella will aber nicht sagen, wer es gewesen ist. Erst nach massivem guten Zureden zeigt sie zögerlich auf Ziggy. Ausgerechnet – Ziggy ist der Sohn der alleinerziehenden Mutter Jane Chapman (Shailene Woodley), einer frisch zugezogenen Außenseiterin, die weder über die Beziehungen, noch über das Geld verfügt, mit denen die anderen hier in der Community die Dinge regeln. Ein denkbar schlechter Start.

Jane (Shaylene Woodley), Madeline (Reese Witherspoon) und Celeste (Nicole Kidman) Bild: HBO

Jane (Shaylene Woodley), Madeline (Reese Witherspoon) und Celeste (Nicole Kidman) Bild: HBO

Aber Jane hat kurz zuvor die resolute Madeline (Reese Witherspoon) kennengelernt, und Madeline läuft zur Hochform auf, wenn sie für die Zukurzgekommenen und Unterdrückten kämpfen kann. Denn ehemals alternativ und politisch korrekt sind sie hier ja auch. Madeline demonstriert jetzt erst recht Solidarität. Und die kann Jane wirklich gebrauchen. Die dritte im Bunde der sich neu formierenden Freundinnenrunde ist Celeste (Nicole Kidman), die Mutter von zwei niedlichen Zwillingsjungs, mit der Madeline schon länger befreundet ist.

Madeline und Celeste leben genau wie Renata Klein mit ihren Familien in Haus gewordenen Träumen mit Seeblick – auf den ersten Blick haben sie ein perfektes Leben. Doch natürlich knirscht es unter der schönen Oberfläche, insbesondere bei Celeste, deren jüngerer eifersüchtiger Ehemann Perry (Alexander Skarsgård) immer wieder gewaltätig wird. Aber Celeste ist schon so geübt im Übelschminken der blauen Flecken, dass sie sich selbst immer wieder einredet, dass es keinen anderen als Perry für sie geben kann – schließlich hat sie für ihn ihre Karriere als Anwältin aufgegeben und er hat mit ihr so viel durchgestanden, bis sie endlich, endlich die Zwillinge bekommen hat. Denn Nicole Kidman ist ja nicht mehr die Jüngste, wie ich hier anmerken muss – und darf, denn ich bin genauso alt. Aber sie hat sich geradezu verstörend gut gehalten, auch wenn gar nicht gesagt wird, wie alt Celeste eigentlich sein soll.

Ziggy (Iain Armitage) und Jane (Shaylene Woodley) Bild: HBO

Ziggy (Iain Armitage) und Jane (Shaylene Woodley) Bild: HBO

Im Grunde wirkt sie fast jünger als Madeline, auch wenn deren Darstellerin Reese Witherspoon tatsächlich fast zehn Jahre jünger ist. Wobei die auch gut aussieht – aber eher ihrem tatsächlichen Alter entsprechend. Genau wie Renata Klein, deren Darstellerin Laura Dern nur wenige Monate älter als Nicole Kidman ist.

Das ist schon bemerkenswert: Eine Serie mit insgesamt fünf interessanten und mehrdimensionalen weiblichen Hautpfiguren, von denen drei über vierzig sind – eine echte Ausnahme in der schönen Fernsehwelt. Aber Big Little Lies zeigt, dass das Leben von Frauen durchaus spannend genug ist, um eine Serie draus zum machen. Letztlich werden so ziemlich alle Frauen zwischen dem Anspruch, eine gute Mutter zu sein, und eine gute Partnerin für jeweils vorhandene Väter ihrer Kinder, und dem Anspruch, im Leben auch noch für sich selbst etwas zu erreichen, aufgerieben. Und irgendwie scheitern sie alle daran.

Celeste (Nicole Kidman) und Perry (Alexander Skarsgård) Bild: HBO

Celeste (Nicole Kidman) und Perry (Alexander Skarsgård) Bild: HBO

Etwa Celeste: Als Vater ist Perry allerliebst, zumindest, wenn er mal zuhause ist. Denn weil Perry geschäftlich viel unterwegs ist, plagt ihn die Eifersucht ganz besonders – was macht seine Frau eigentlich den ganzen Tag? Er weiß ja, dass sie wunderschön ist, und das sie es total drauf hat – sie könnte selbst Karriere machen, vermutlich war sie in ihrem Job früher sogar besser als er jetzt in seinem ist. Und als sie hilfsweise für ihre Freundin Madeline einspringt, als sie für ihr Theaterprojekt juristischen Beistand braucht, genießt sie das. Und ist natürlich brillant. Was Perry erst recht auf die Palme bringt.

Madeline hingegen arbeitet sich noch immer daran ab, dass ihr erster Ehemann sie für eine deutlich jüngere (Zoë Kravitz als Bonnie) verlassen hat – sie ist ein bisschen eifersüchtig, dass ihr Ex Nathan (Jeffrey Nordling) sich jetzt viel mehr um seine neue Tochter kümmert, die genau wie Madelines zweite Tochter, die sie mit ihrem neuen Mann Ed (Adam Scott) hat, gerade eingeschult wird. Nathan will jetzt alles richtig machen und genau das nimmt Madeline ihm übel – obwohl sie das alles eigentlich gar nichts mehr angeht. Sie hat ja auch einen neuen Partner gefunden – und Ed ist wirklich ein ganz lieber. Er verehrt Madeline und kümmert sich um alles, auch um Madelines älter Tochter Abigail (Kathryn Newton), die inzwischen fortgeschrittener Teenager ist und, wie Madeline feststellen muss, ein ziemlich vertrautes Verhältnis zu Bonnie entwickelt, die für sie eben keine Stiefmutter, sondern eher eine ältere Freundin ist. Die für Abigails Teenager-Probleme deutlich mehr Verständnis aufbringt, als ihre perfektionistische Mutter.

Kindergeburtstag: In der Mitte Amabella (Ivy George), links Bonnie (Zoë Kravitz), daneben Renata (Laura Dern) Bild: HBO

Kindergeburtstag: In der Mitte Amabella (Ivy George), links Bonnie (Zoë Kravitz), daneben Renata (Laura Dern) Bild: HBO

Doch dafür kann Madeline selbst die ältere Freundin für Jane sein, die Madeline mit der Zeit auch ein dunkles Geheimnis anvertraut. Als die Kinder für die Schule ihren Familienstammbaum gestalten sollen, weigert sich Jane hartnäckig, den Namen von Ziggys Vater zu nennen. Und wie sich heraus stellt, weiß sie ihn auch gar nicht. Denn wer weiß schon, ob der Kerl, der erst so charmant und nett war, dass sie sich von ihm hat abschleppen lassen, wirklich so heißt, wie er behauptet hat.

Jane liebt ihre Sohn, auch wenn er nicht das Produkt von erwachsener Liebe ist, sondern die Folge einer Vergewaltigung. Aber sie befürchtet, dass er den Rest seines Lebens unter diesem Stigma leiden wird – und es sieht ja erstmal auch so aus. Auch wenn Ziggy eigentlich ein sehr freundliches und mitfühlendes Kind ist, wie Jane weiß und auch die Psychologin bestätigt, die hinzugezogen wird. Die Therapeutin vermutet eher, dass Ziggy auch ein Opfer und nicht  der Täter ist, was sich später noch bestätigen wird.

Die Frage nach Opfer und Täter zieht sich ohnehin durch die ganze Serie: Von Anfang an wird in zwischengeschnittenen Szenen darauf angespielt, dass auf einer schicken Foundrainsing-Veranstaltung für die lokale  Schule ein schreckliches Verbrechen geschehen ist – aber wer Opfer und wer Täter ist, wird nicht verraten. Dafür gibt es allerlei Klatsch und Tratsch zu hören, den die Leute bei den Befragungen durch die Polizei absondern. Damit wird klar: Monterey ist ein Schlangennest. Und jeder verdächtigt jeden, Dreck am Stecken zu haben. Und die meisten haben das wohl auch, auf die eine oder andere Weise. Was auch kein Wunder ist an einem Ort, an dem schon eine ausgebliebene Einladung zum Kindergeburtstag eine Krise im Maßstab eines NATO-Bündnisfalls auslösen kann.

Ed (Adam Scott) und Madeleine (Reese Witherspoon) Bild: HBO

Ed (Adam Scott) und Madeleine (Reese Witherspoon) Bild: HBO

Der Kriminalfall an sich ist allerdings nicht so wichtig und spielt keine große Rolle, wichtiger ist die Dynamik der Beziehungen, in denen die Protagonisten mehr oder weniger festhängen – ein wichtiges Thema ist natürlich häusliche Gewalt, die auch in Familien anzutreffen ist, in denen die materielle Existenz mehr als gesichert ist und nach außen hin geordnete Verhältnisse herrschen – Ordnung kann eben auch Terror sein. Aber Celeste will ihren goldenen Käfig gar nicht verlassen – was sind schon ein paar blaue Flecke, wenn ansonsten alles ganz prima aussieht?

Aber je verzweifelter sie darum kämpft, den schönen Schein zu waren, desto brutaler werden ihre Auseinandersetzungen mit Perry, der schließlich einwilligt, gemeinsam mit ihr zur Therapie zu gehen, weil er selbst natürlich auch merkt, dass mit ihm etwas nicht stimmt. Was die Therapeutin natürlich auch bemerkt, vor allem aber, wie sehr Celeste damit ringt, ihr gegenüber – und damit erstmal auch sich selbst – einzugestehen, wie schlimm es wirklich um ihre Beziehung und ihr Verhältnis zu Perry steht. Auch hier bleibt sie in ihrer selbst gewählten Rolle als loyale Ehefrau gefangen: Celeste entschuldigt Perry und gibt sich selbst die Schuld, erst die behutsamen, aber bestimmten Nachfragen der erfahrenden Psychologin machen ihr nach und nach klar, dass von Perry eine Gefahr ausgeht, vor der sie sich selbst und die Kinder schützen muss. Diese Szenen sind die beklemmensten und besten Momente der Serie.

Celeste (Nicole Kidman) in ihrem Element Bild: HBO

Celeste (Nicole Kidman) in ihrem Element Bild: HBO

Schlimm steht es auch um Jane, die sich im Gegensatz zu den anderen allein durchschlagen muss – auch wenn sie sich mit ihrem Leben als alleinstehende Mutter arrangiert hat und gut für ihren Sohn Ziggy sorgt. Sie schreckt immer wieder aus Albträumen von jenem Unbekannten auf, der sie erst brutal benutzt und dann allein gelassen hat. Jane hat sich eine Waffe besorgt und geht immer wieder zum Schießtraining – sie fühlt sich dann mächtiger, erklärt sie ihren entsetzten neuen Freundinnen, die Waffengewalt selbstverständlich ablehnen. Jane träumt davon, sich irgendwann an jenem Mann zu rächen.

Das wiederum verstehen Madeline und Celeste sehr gut, Madeline fängt sogar an, nach ihm zu suchen und meint irgendwann, ihn gefunden zu haben. Was, wie man sich denken kann, nicht die beste Idee war. Schon weil sich noch herausstellen wird, dass alles ganz anders war. Genau wie die Sache mit dem Mobbing in der Schule ganz anders war. Der Twist ist am Ende dann wieder naheliegend und erklärt letztlich auch das Verbrechen – aber zum Glück lebt Big Little Lies eben nicht von überraschenden Twists und der nervenzehrenden Spannung, wer denn nun der Mörder war, sondern von der schonungslosen Aufdeckung der ganzen Lebenslügen, an denen alle, die noch immer glauben wollen, dass ein wohl geordnetes Familienleben der Schlüssel zum Lebensglück wäre, scheitern müssen. Und genau das gefällt mir daran.

Z – The Beginning of Everything

Der Wettstreit um immer neue Inhalte, mit denen Streaming-Kunden gefüttert werden können, bringt derzeit eine ganze Reihe Serien hervor, die vielleicht nicht unbedingt das neue Breaking Bad sind, aber doch durchaus sehenswert. Amazon hat sich jetzt an einer Art neuem Downton Abbey versucht – allerdings geht es hier nicht um die Geschichte einer britischen Adelsfamilie, die mit den Umbrüchen während und nach dem ersten Weltkrieg klar kommen muss, sondern um die Lebensgeschichte zweier Kultfiguren der goldenen 20er des vorherigen Jahrhunderts, die in den USA gelebt haben: Zelda und F. Scott Fitzgerald.

In Z – The Beginning of Everything wird das Leben der jungen Zelda Sayre (Christina Ricci) erzählt. Die jüngste von drei Töchtern eines strengen Richters wächst in Montgomery, Alabama, auf. Das Klima ist warm, aber die Menschen dort sind langweilig und konservativ – und alles ist irgendwie alt, wie Zelda findet. Sie weiß zwar noch nicht, was sie stattdessen will, ist sich aber sicher, dass es überall besser sein muss als in Montgomery.

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Z – The Beginning Of Everything: Zelda (Christina Ricci)

Zelda ist jung, schön und pfeift auf die Konventionen – und kommt mit ihrer Frechheit auch immer wieder durch. Zwar nicht beim strengen Papa, aber in ihrer Mutter hat sie eine heimliche Verbündete, die ihr allerlei durchgehen lässt. Mama will doch nur, dass ihr Mädchen glücklich ist. Also sorgt sie dafür, dass Zelda nicht nur zu zweifelhaften Tanzvergnügen geht, sondern auch mit einem seriösen Ballett-Auftritt für die jungen Soldaten glänzen kann, die in Kürze nach Europa in den Krieg ziehen werden. Darunter auch der schneidige Leutnant F. Scott Fitzgerald (David Hoflin), der nach dem Krieg ein berühmter Schriftsteller werden will.

Scott verliebt sich sofort in die hübsche Tänzerin, doch die hat einen ganzen Schwarm von Verehrern und lässt sich zwar von Scott den Hof machen, lehnt seinen Antrag aber ab – obwohl er witzig und gebildet ist. Aber er ist eben auch ein Angeber, er trinkt und es ist völlig unklar, ob er von seinen Schriftsteller-Träumen jemals eine Familie unterhalten können wird. Insofern ist Zelda dann doch weniger durchgeknallt, als ihr Vater denkt, offensichtlich legt sie doch Wert auf Solidität und bandelt mit einem lokalen Langweiler aus einer guten Familie an.

Doch Scott gibt nicht auf. Er nimmt einen Brotjob in einer New Yorker Werbeagentur an und schreibt einen Roman (This Side of Paradise), der tatsächlich ein grandioser Erfolg wird. Scott holt Zelda nach New York, wo sie in so schnell heiraten, dass eine der eigens angereisten Schwestern die Zeremonie verpasst. Die anschließende Party in der Hotelsuite, in der Scott sich eingemietet hat, ist sogar für Zelda verstörend – da benehmen sich lauter Menschen daneben, die sie überhaupt nicht kennt.

Hier zeichnet sich schon ab, dass das wilde, aufregende Leben an der Seite des schillernden Scott vielleicht doch nicht das ist, was Zelda sich erhofft hat. Trotzdem lügt sie ihrer Mutter am Telefon die Hucke voll, damit die sich keine Sorgen macht. Zelda schafft es auch, sich in dieser Bohème-Szene eine gewisse Aufmerksamkeit zu verschaffen, aus der sie Kapital zu schlagen versucht – doch stellt sich heraus, dass Scott sich zwar damit abfinden kann, dass Zelda kein Heimchen am Herd ist, und haushaltstechnisch Hilfe braucht, die er ihr auch verschafft, aber gleichzeitig verwehrt er ihr das, was er für sich selbst als völlig selbstverständlich empfindet: Karriere zu machen.

Scott hat überhaupt keine Skrupel, Zeldas Aufzeichnungen für seine eigenen Werke zu benutzen – nach meinen Recherchen stammen eine ganze Reihe von Geschichten, die unter seinem Namen veröffentlicht wurden, tatsächlich von ihr – doch Zeldas Bestrebungen, sich selbst einen Namen als Künstlerin zu machen, findet er lächerlich: Das ist etwas für Männer. Vermutlich fürchtet er sich nicht zu unrecht davor, dass Zelda ihm Konkurrenz in seiner Profession machen könnte.

Doch er unterminiert auch ihre Anstrengungen, sich in anderen Bereichen einen Namen zu machen – als Zelda das Angebot bekommt, nach Hollywood zu gehen und eine Karriere als Schauspielerin zu beginnen, ist Scott dagegen: „Ohne Ausbildung, Erfahrung und Beziehungen? Die fragen dich doch nur, weil du meine Frau bist?!“ Und auch mit dem Ballett klappt es nicht, obwohl Zelda in dem Bereich ja durchaus eine Ausbildung hat und ihr Training wieder aufnimmt. So gern sich Scott mit Zelda schmückt – ihm ist es wichtig, dass sie als seine originelle und geistreiche Frau wahrgenommen wird, aber nicht als eigenständige Größe.

Insofern ist kaum verwunderlich, dass Zelda einen viel zu großen Anteil ihrer relativ wenigen Jahre in psychiatrischen Einrichtungen verbracht hat – das war früher sehr oft die Antwort auf Nonkonformität: wer sich gesellschaftlichen Gepflogenheiten nicht unterwerfen will, muss verrückt sein. Und eine Frau, die einen erfolgreichen Künstler heiratet und dann auch noch selbst Erfolg haben will, muss ja wohl doppelt verrückt sein. Auch wenn das verrückte Genie von Ehemann nicht mit Geld umgehen kann und lieber trinkt als schreibt. Das haben Frauen halt zu erleiden – sie können gern aus dem Hintergrund das Schlimmste verhindern, aber wehe, sie wollen dafür auch noch Anerkennung.

Zwar har sich inzwischen einiges geändert, aber leider noch längst nicht genug. Insofern ist Z – The Beginning of Everything eine interessante gesellschaftliche Studie der 20er Jahre des vorherigen Jahrhunderts, die daran erinnert, dass es noch einiges zu tun gibt. Weshalb ich sie unbedingt empfehle, auch wenn die Handlung vielleicht doch ein bisschen zu sehr vom einstigen Ruhm ihrer Protagonisten zehrt und nicht von einem originellen und überraschendem Drehbuch. Aber weil Amazon Serien gern im praktischen 27-Minuten-Format produziert, ist der Zeitaufwand für die 10 Teile durchaus überschaubar.