Ein großer Schritt für Apple?

Apple macht jetzt auch auf Netflix und wirbt auf seinen Geräten mit einem kostenlosen Probemonat um Kunden für seinen neuen Streaming-Dienst. Weil der Konzern dank seiner teuren iPhones auf einem Haufen Geld sitzt, kann er sich vergleichsweise kostspielige Produktionen leisten und bietet mit For All Mankind ein interessantes Projekt für den Einstieg an. Treue Leserinnen meines Blog wissen, dass ich Joel Kinnaman sehr schätze, insofern ist es keine Überraschung, dass ich mir die ersten drei Folgen der Apple-Serie angesehen habe. Der inzwischen auch in den USA etablierte Schauspieler aus Schweden verkörpert den Astronauten Ed Baldwin, der um ein Haar der erste Mensch auf dem Mond gewesen wäre.

For All Mankind: Joel Kinnaman als Ed Baldwin Bild: Apple

For All Mankind: Joel Kinnaman als Ed Baldwin Bild: Apple

Doch in For All Mankind waren die Sowjets die ersten, die auf dem Mond gelandet sind und der Kosmonaut Alexej Leonow tat den großen Schritt für die Menschheit im Namen der Marxistisch-Leninistischen Lebensweise, mit der die  gesamte Menschheit in eine bessere Zukunft geführt werden soll. Die Schmach für die USA und speziell für die Leute im ambitionierten Apollo-Programm ist schwer zu ertragen. Doch als echte Amis geben sie nicht auf, sondern krempeln die Ärmel hoch, um mit ihrem Weltraumprogramm die UdSSR am Ende doch noch zu übertreffen. Denn selbstverständlich geht es in dieser US-Serie nicht um eine mögliche Überlegenheit eines alternativen Systems, sondern darum, was man alles noch hätte machen können, wenn die US-Regierung nicht irgendwann das Interesse an der (überaus teuren) bemannten Raumfahrt verloren hätte.

Wobei ich ehrlich gesagt noch nicht ergründen konnte, worum es in dieser Serie tatsächlich geht. Die Idee einer alternativen Erzählung historischer Ereignisse finde ich sehr reizvoll, das hat mir beispielsweise an The Man in the High Castle gefallen. Aber diese Serie hat mich nach der beeindruckenden ersten Staffel nicht wirklich gepackt, weil auch hier nicht klar wurde, worauf die Geschichte eigentlich hinaus will. Ein ähnliches Problem zeichnet sich bei For All Mankind ab: Der Wettlauf zwischen den beiden großen Supermächten im All war und ist auch aus heutiger Perspektive spannend, ich habe mir anlässlich des 50. Jahrestags der Mondlandung in diesem Sommer stundenlang entsprechende Dokus angesehen.

For All Mankind: Margo Madison (Wrenn Schmidt) Bild: Apple

For All Mankind: Margo Madison (Wrenn Schmidt) Bild: Apple

Aber es geht hier nicht um eine Doku, sondern um eine Drama-Serie, und die stehen und fallen mit ihren Protagonisten. Und davon gibt es eine ganze Menge, der unglückliche Ed Baldwin hat Frau und Kinder, wie auch die meisten seiner Kollegen und Vorgesetzten, hier zeichnet sich eine Menge Familiendrama ab. Dann gibt es die junge NASA-Angestellte Margo Madison (Wrenn Schmidt), die erste und einzige Frau bei Mission Control, die in der dritten Folge eine Reihe neuer Kolleginnen bekommt, weil plötzlich unbedingt eine Frau mit ins All geschickt werden soll. Also werden ernsthafte Bewerberinnen gesucht, die natürlich einen entsprechenden Hintergrund brauchen und so springt die Geschichte von hier nach dort und spannt eine ganze Reihe unterschiedlichster Handlungs- und Spannungssbögen auf, bei denen noch nicht absehbar ist, wie gut oder schlecht sie sich ins große Ganze einfügen werden. Sexismus, Rassismus, #metoo, Flüchtlinge, die aus Mexiko nachts über die US-Grenze schleichen und gleichzeitig eine Art Make America Great Again, das ist ein reichlich überambitioniertes Serienrezept, das viele Geschmäcker bedienen will und am Ende keinem so richtig schmecken wird.

Apple-Serie For All Mankind: Ed Baldwin und die künftigen Astronautinnen

Apple-Serie For All Mankind: Ed Baldwin und die künftigen Astronautinnen Bild: Apple

Die Faszination anlässlich der ersten Mondlandung wird in der Serie allerdings ziemlich gut rübergebracht, die ganze Welt schaut zu. Und überhaupt die 1960er, For All Mankind sieht so aus wie Mad Men, nur halt mit NASA. Ob die Serie allerdings den Sog entwickeln kann, den Mad Men entwickelt hat, weil sich die Serie ganz klar auf Don Draper und sein ziemlich spezielles Umfeld im New Yorker Werbebusiness der frühen 1960er Jahre konzentriert hat, bleibt abzuwarten. Es gibt viel Potenzial, es kann aber auch viel schief gehen. Ich bin gespannt, was die Serienmacher im Haus Apple noch daraus machen.

Im Zweifel gegen das Opfer

Als Fan von True-Crime-Serien musste ich mir natürlich Unbelievable ansehen, ebenfalls ein Achtteiler, der seit einigen Wochen auf Netflix zu sehen ist. Und was wir zu sehen bekommen, ist tatsächlich unglaublich, im Sinne von unfassbar. Denn es handelt sich um die Erlebnisse einer jungen Frau, die das Pech hat, von einem abgebrühten Serienvergewaltiger in ihrer eigenen Wohnung überfallen und stundenlang missbraucht zu werden. Und als ob das nicht schon schlimm genug ist, wird sie dann ausgerechnet von den Institutionen der Strafverfolgung, an die sie sich nachvollziehbarerweise wendet, aufgrund ihrer schwierigen Vorgeschichte falsch eingeschätzt und im Stich gelassen: Weil die Detectives kaum brauchbare Hinweise auf einen möglichen Täter finden, wird am Ende das Opfer als Täterin denunziert und wegen angeblicher Falschaussage vor Gericht gestellt. So kann man einen rätselhaften Fall natürlich auch lösen.

Unbelievable: Marie (Kaitlyn Dever) Bild: Netflix.com

Unbelievable: Marie (Kaitlyn Dever) Bild: Netflix.com

Zum Glück, und das ist der andere Teil der Geschichte, gibt es auch weibliche Detectives, die vergleichbare Fälle deutlich einfühlsamer bearbeiten und begleiten, als die Polizeibeamten, an die Marie (Kaithyln Dever) geraten ist. Das Leben hat es mit ihr bisher schon nicht gut gemeint. Sie kommt aus prekären Verhältnissen, wurde als Kind mit Hundefutter abgespeist und von den zweifelhaften Freunden ihrer Mutter missbraucht. Sie lebte in zahlreichen Pflegefamilien und versucht gerade, im Rahmen einer Art betreuten Wohnens in ein selbstverantwortliches Erwachsenenleben zu starten. Die Voraussetzungen sind eigentlich ganz gut, sie hat verständnisvolle Betreuer, Freunde, einen Job. Doch dann wird sie das Opfer eines Vergewaltigers, der seine Opfer geduldig ausspäht und keine verwendbaren Spuren am Tatort hinterlässt. Ihr ganzes Leben, das sie mit so viel Mühe für sich aufgebaut hatte, gerät komplett aus den Fugen.

Die Serie zeigt sehr einfühlsam und unaufgeregt, warum eine Ermittlung bei Vergewaltigung für das Opfer, aber auch die Polizei, so schwierig ist. Wenn eine Frau eine Vergewaltigung anzeigt, muss sie eine schier endlose Prozedur an Untersuchungen und Befragungen über sich ergehen lassen. Das ist einerseits nachvollziehbar, denn es müssen Spuren und Beweise gesichert werden. Andererseits ist es furchtbar, gerade nach einer brutalen Verletzung der Intimsphäre genau diese Intimsphäre noch einmal vor mehreren Menschen, die man überhaupt nicht kennt, ausbreiten zu müssen. Und zwar auch körperlich. Und dann immer wieder in Befragungen durch Ermittler, die nicht unbedingt überzeugt sind, dass das Opfer die Wahrheit sagt.

Es ist ohnehin nicht schön, Gegenstand polizeilicher Ermittlungen und juristischer Prozesse zu sein, denn bei der Aufklärung von Verbrechen, der Suche nach der „Wahrheit“, also dem, was tatsächlich vorgefallen ist, kann das Opfer nicht unbedingt mit Zuneigung rechnen. Es geht eben nicht um Verständnis für das Opfer, sondern darum, einen Täter zu finden und gegebenenfalls zu bestrafen. Es geht um Recht und Ordnung, es geht um die Durchsetzung von Gesetzen. Häufig übernehmen die Opfer auch den impliziten Vorwurf, dass sie an dem Gesetzesverstoß ja beteiligt sind, also irgendwie mit schuld sein müssen, dass es überhaupt ein Verbrechen gegeben hat. Warum sind sie auch allein durch den Park gelaufen, warum haben sie sich so und nicht anders gekleidet, warum haben sie das Fenster nicht richtig zu gemacht?

Unbelievable: Marie (Kaitlyn Dever) wird von den Detectives Parker (Eric Lange) und Pruitt (Bill Fagerbakke) befragt Bild: Netflix.com

Unbelievable: Marie (Kaitlyn Dever) wird von den Detectives Parker (Eric Lange) und Pruitt (Bill Fagerbakke) befragt Bild: Netflix.com

Das, was Marie erlebt, ist noch viel schlimmer, denn gerade aufgrund ihrer bisherigen Geschichte mit Vernachlässigung, Gewalt und Missbrauch im familiären Umfeld, gehen einige ihrer Vertrauenspersonen und leider auch die Ermittler bei der Polizei davon aus, dass sie Lüge und Wahrheit nicht unterscheiden kann. Detective Parker (Eric Lange), ist durchaus kein Unmensch. Er ermittelt ernst- und gewissenhaft in diesem Fall, es ist keineswegs so, dass er Marie nicht glauben will. Aber weil es im Grunde keine verwertbaren Spuren gibt, und auch Judith (Elizabeth Marvel), eine von Maries Pflegemüttern, Zweifel an Maries Geschichte hat (gerade weil sie selbst vergewaltigt wurde, aber ganz anders damit umgegangen ist), lässt er Marie spüren, dass auch andere Versionen denkbar sind. Auch die wechselnden Kollegen an Parkers Seite sind nicht unbedingt hilfreich, sie fragen sich, warum man so viel Zeit und Energie in einen vielleicht ausgedachten Kriminalfall investieren sollte, wo doch so viele andere reale Verbrecher zu verfolgen wären?

Für Marie ist dieser Zweifel fatal: Nicht nur, dass ihr nicht geglaubt wird, sie ist plötzlich die Beklagte wegen einer angeblichen Falschaussage. Aber weil sie inzwischen gelernt hat, dass es nichts bringt, aufzubegehren, findet sie sich damit ab, sie zahlt die Strafe, sie unterschreibt die entsprechende Erklärung, sie will, dass es einfach aufhört. Auch wenn es an ihr nagt, dass sie eher in Ruhe gelassen wird, wenn sie lügt, als wenn sie die Wahrheit sagt. Das nimmt sie mit. Sie versteht die Welt nicht mehr. Sie verliert ihren Job, ihre Freunde, die sie nun als Lügnerin bloßstellen und auch sonst fast jeden Halt. Ich denke, dass ist eine Geschichte, die sich viel zu oft ereignet und für deren Opfer wir an dieser Stelle eine Art Gedenkminute einlegen sollten. Denn aus den Geschichten, die hier einfach enden, würde niemand eine Serie machen. So wichtig es auch wäre, sie zu erzählen.

Unbelievable: Die Detectives Karen Duvall (Merritt Wever) und Grace Rasmussen (Toni Colette) Netflix.com

Unbelievable: Die Detectives Karen Duvall (Merritt Wever) und Grace Rasmussen (Toni Colette) Netflix.com

Aber in dieser Geschichte gibt es ja glücklicherweise die Detectives Karen Duvall (Merritt Wever) und Grace Rasmussen (Toni Colette), die ebenfalls an Vergewaltigungsfällen arbeiten, bei denen sich zufällig herausstellt, dass es auffällige Übereinstimmungen gibt. Denn der Täter blieb in diesen Fällen so lange unerkannt, weil er wusste, wie die Polizei arbeitet. Er wusste, dass sich die jeweiligen regionalen Polizeibehörden in solchen Fällen nicht austauschen, weshalb die Serie seiner Verbrechen so lange unerkannt blieb – bis der Mann von Karen, der ebenfalls Polizist ist, von einem ähnlichen Fall in einer anderen Gegend erzählt, und Karen beginnt, systematisch nach vergleichbaren Fällen zu suchen. Gemeinsam mit Grace findet sie eine ganze Reihe davon. Der Rest ist kleinteilige und ausdauernde Polizeiarbeit.

Im Zuge ihrer Ermittlungen stoßen die beiden auch auf Fotos von bisher unbekannten Opfern. Eins davon ist Marie, weshalb dieses Verbrechen schlussendlich auch aufgeklärt werden kann. So gibt es nach den ganzen schwer auszuhaltenden Fehlern und Ungerechtigkeiten doch noch ein versöhnliches Ende.

 

Opfer Nummer Acht

Den schönen warmen Sommer über gab es genügend andere Dinge zu tun, als Serien zu sehen. Doch nachdem das Wetter nach dem letzten heißen Wochenende plötzlich wieder normal geworden ist, gab es einige kühle Abende, so dass ich mich tatsächlich nach einer neuen Serie umgesehen habe. Und ich fand La victima número 8, einen spanischen Achtteiler, den es auf Netflix zu sehen gibt. Ausschlaggebend für meine Wahl war unter anderem, dass die Serie in Bilbao spielt. Da wollte ich schon immer einmal hin. Die Handlung greift die Terroranschläge in Nizza, Berlin und Barcelona auf, bei denen islamistische Attentäter mit Lastwagen zahlreiche Menschen töteten und verletzten. 

In der Serie fährt ein angeblich islamistischer Attentäter mit einem Kleinbus in eine Menschenmenge vor einem bekannten Café in Bilbao. Acht Menschen sterben, darunter auch Gorka Azkárate, der Erbe des Großunternehmers José Maria Azkárate (Alfonso Torrègrosa). Der Täter ist angeblich Omar Jamal Salama (César Mateo), ältester Sohn einer in Bilbao hervorragend integrierten arabischen Familie. Ausgerechnet an dem Abend, an dem seine Freundin Edurne (Maria de Nati)  Omar ihren Eltern vorstellen wollte, kommt er nicht. Das Essen wird kalt, die Eltern ungeduldig, Edurne kann ihren Freund per Handy nicht erreichen. Dann die schreckliche Nachricht im Fernsehen: Es hat einen Anschlag gegeben. Und Omar soll der Täter sein.

La victima número 8 Bild: Telemadrid

La victima número 8 Bild: Telemadrid

Edurne, ein anständiges Mädchen aus gutem Haus, die als Krankenschwester in einer Klinik arbeitet, ist fest von der Unschuld ihres Freundes überzeugt. Genau wie Omars Mutter Adila Salama (Farah Amed). Sie werden beide hart auf die Probe gestellt.

Ja, ich weiß, ich spoilere zu viel. Aber in diesem Fall geht es nicht anders. Denn selbstverständlich handelt es sich bei der schrecklichen Tat nicht um einen weiteren Terroranschlag, sondern um einen gut getarnten Mord, an dessen Vertuschung ein wichtiger Teil der zuständigen Polizeieinheit beteiligt ist. Es geht also nicht um Terrorismus, sondern um Korruption.

Und um problematische Familienverhältnisse in höchsten Kreisen der Bilbao-Society: Der jüngere Sohn Gaizka Azkárate stand immer im Schatten seines großen Bruders Gorka. Aber Gaizka gefällt sich nicht in der Rolle des unfähigen zweiten Sohnes, er ist eifersüchtig auf so ziemlich alles, was der erfolgreiche Gorka hatte: Die Liebe des Vaters, die Achtung der Leute in der Firma und nicht zuletzt die schöne Almundena (Lisi Linder), Gorkas Frau. Gaizka nutzt die guten Verbindungen, die er als Sproß einer einfluss- und auch sonst sehr reichen Familie hat, um seinen Bruder aus dem Weg zu räumen. Gorka ist das Opfer Nr. 8 jenes Anschlags, den Gaizka hat inszenieren lassen.

Alles in allem also eine ziemlich kranke Geschichte, die leider gar nicht so weit hergeholt ist: Immer wieder in der Geschichte haben mächtige Leute zahlreiche Untertanen geopfert, um ihre Interessen durchzusetzen. Über die anderen sieben Opfer erfahren wir wenig bis gar nichts. Aber die Serie folgt dem eigentlichen Opfer Omar und seiner Familie. Und der ebenso eigensinnigen wie hochschwangeren Ermittlerin Koro Olaegi (Verónika Moral), die von Anfang an ahnt, dass an diesem Fall irgendetwas nicht stimmt, aber von interessierter Stelle immer wieder sabotiert wird. Denn das Kind, das sie erwartet, ist ausgerechnet von Gorka, mit dem sie eine Affäre hatte. Allerdings war die vorbei, als Koro beschloss, das Kind zu behalten. 

Ihr Gegenspieler im Polizeiapparat ist Gorostiza (Óscar Zafra), der den Anschlag mit seinen Leuten inszeniert hat. Gorostiza versucht, Olaegi kaltzustellen, was ihm zumindest teilweise immer wieder gelingt. Aber Olaegi ist beharrlich und schlau, sie erinnert mich mit ihrer todesverachtenden Sturheit an die legendäre Kommissarin Lund. Und dann gibt es noch den abgehalfterten Journalisten Juan Echevarría genannt  „Eche“ (Marcia Alvarez), der Edurne aus der Klinik kennt, wohin Eche regelmäßig zur Dialyse muss. Eche wittert eine gute Story, mit der er wieder groß heraus kommen kann und schafft es, Edurnes Vertrauen zu gewinnen: Er will ihr helfen, die Unschuld ihres Freundes zu beweisen. Eche weiß im Gegensatz zu Edurne, dass sie sich mit sehr mächtigen und einflussreichen Gegnern anlegen.

Währenddessen steht Omars Familie unter dem Verdacht, einen islamistischen Terroristen groß gezogen zu haben und wird mit dem entsprechendem Volkszorn überzogen. Nur die alte Dame Maria (Itziar Aizpuru), bei der Omars Mutter Adila als Altenpflegerin arbeitet, lässt sich davon nicht aus der Ruhe bringen. Sie schätzt Alida sehr und besteht gegen den Willen ihrer Kinder darauf, weiterhin von Adila betreut zu werden. Ihr tut auch Adilas kleinster Sohn leid, der nun von Mitschülern und vor allem deren Eltern ausgegrenzt und angefeindet wird. Ob und was die Familie überhaupt mit dem schrecklichen Anschlag zu tun haben könnte, spielt im Zeitalter der öffentlichen Social-Media-Pranger letztlich keine Rolle. 

Mir hat an der Serie gefallen, dass dieser Aspekt gezeigt wird. Auch wenn es in der Geschichte insgesamt einige größere Logiklöcher gibt und mir die Familieneifersüchteleien im Azkárate-Clan auf die Nerven gehen (ich mochte auch schon Dallas und den Denver-Clan nicht, weil ich dick aufgetragene Reiche-Familien-Geschichten blöd finde) fand ich La victima número 8, dann doch spannend und interessant genug, um bis zum Schluss dabei zu bleiben. 

Dark: Zeit ist nur eine Illusion

Als die erste für Netflix produzierte deutsche Serie Dark Ende 2017 erschien, war ich ziemlich enttäuscht. Ich hatte so etwas wie Who Am I erwartet, jenem Hacker-Film von Baran bo Odar, der eine Art Vorläufer für die Ausnahmeserie Mr. Robot von Sam Esmail war. Oder eine vielschichtige Krimiserie wie The Killing. Aber Dark war etwas ganz anderes. Eine sehr deutsche Serie, die in der zwar fiktiven, aber eben auch sehr deutschen Kleinstadt Winden spielt. Und noch schlimmer: Dark war weder eine Krimi-, noch eine Hackerserie, sondern ein Mysterydrama. Und Mystery ist einfach nicht mein Ding. 

Ich habe mir Dark dann aber trotzdem angesehen, weil es schon gut gemacht ist, es gibt stimmungsvolle Bilder von deutschen Waldlandschaften, ein imposantes Kernkraftwerk und auch mit der sonstigen Ausstattung haben sich die Serienmacher große Mühe geben. Und irgendwie ist es auch eine Familienserie, es geht um das Schicksal von vier Familien, die in Winden leben: Die Dopplers, die Nielsens, die Kahnwalds und die Tiedemanns. Sie alle haben ihre Geheimnisse und pflegen die üblichen Lebenslügen. Die Handlung setzt am 21. Juni 2019 mit dem Selbstmord von Michael Kahnwald (Sebastian Rudolph) ein, der einen Brief hinterlässt, der nicht vor den 4. November um 22:13 geöffnet werden soll. Und es verschwinden Kinder. Im Jahr 2019 ist es Erik Obendorf, der vermisst wird.

Poster Netflix-Serie Dark

Poster Netflix-Serie Dark Bild: Netflix

Charlotte Doppler (Karoline Eichhorn) und Ulrich Nielsen (Oliver Masucci) von der örtlichen Polizeieinheit nehmen die Ermittlungen auf. Ulrich Nielsen ist Mikkels Vater, dem kleinen Bruder von Magnus und Martha, der als nächstes verschwindet. Mikkel war mit einer Gruppe Jugendlicher aus dem Ort unterwegs, die nach dem Drogenversteck gesucht hat, das Erik angeblich angelegt hat. Sie suchen in den Windener Höhlen, die eine zentrale Rolle in der Serie spielen.

Das weit verzweigte Höhlensystem birgt allerlei Geheimnisse und soll sogar bis unter das Gelände des Kernkraftwerks reichen, das für den ansonsten unspektakulären Ort der wichtigste Wirtschaftsfaktor ist. Nun ja, geologisch wirft das durchaus Fragen auf, aber Kernkraftwerke wurden auch in Deutschland nicht unbedingt an den dafür geeignetsten Standorten gebaut, sondern dort, wo der Widerstand in der Bevölkerung nicht unüberwindbar hoch war, insofern geht das schon klar. Das Atomkraftwerk spielt in der Serie durchaus eine Rolle, aber eher als geheimnisvoller Ort, an dem rätselhafte Dinge passieren, es geht in der Serie schließlich nicht um das Protokoll einer Atomkatastrophe, sondern um Zeitreisen.

Bei der Suchaktion der Polizei wird die Leiche eines Jungen gefunden, der am Kopf merkwürdige Verbrennungen hat. Es handelt sich allerdings weder um Erik, noch um Mikkel. Die Nervosität in Winden steigt, die Leute sind verunsichert und bekommen Angst. Mikkel hingegen taucht wieder auf und geht nach Hause, dort wohnen allerdings Menschen, denen er noch nie begegnet ist. Mikkel ist im Jahr 1986 gelandet. Danach springt die Handlung zwischen den Jahren 2019 und 1986 hin und her, wir erleben, wie Mikkel im Jahr 1986 fest hängt, während in Winden ein weiterer Junge verschwindet. Michael Kahnwalds Sohn Jonas (Louis Hofmann) bekommt von einem rätselhaften Fremden ein Paket, in dem neben einer coolen Lampe und einem Geigerzähler auch der verloren geglaubte Abschiedsbrief seines Vaters ist. Jonas erfährt, dass sein Vater Michael der kleine Mikkel Nielsen aus dem Jahr 1986 ist, der von Ines Kahnwald aufgezogen wurde. Anhand einer Karte der Windener Höhlen, die Jonas im Atelier seines Vaters gefunden hat, findet er den Durchgang, der die Zeitreisen ermöglicht.

Es kriselt in sämtlichen betroffenen Familien, die irgendwie mit dem Verschwinden ihrer Kinder und Geschwister klar kommen müssen. Da ist beispielsweise Ulrich Nielsen, dessen jüngerer Bruder Mads im Jahr 1986 verschwunden ist. Als sein Sohn Mikkel verschwindet, scheint sich alles zu wiederholen. Charlotte muss ihn schließlich wegen Befangenheit von dem aktuellen Vermissten-Fall abziehen. Aber Ulrich ermittelt auf eigene Faust weiter. Er findet heraus, dass die Kinderleiche, die gefunden wurde, sein Bruder Mads sein muss.

Aufgrund von Notizen in alten Polizeiakten verdächtigt Ulrich den inzwischen dementen Helge Doppler, etwas mit dem Verschwinden von Mads und Mikkel zu tun zu haben. Ulrich folgt Helge, als der aus dem Heim verschwindet und sich zu den Windener Höhlen aufmacht und findet auf diese Weise heraus, wo der Durchgang für die Zeitreisen ist. Allerdings landet Ulrich im Jahr 1953. Dort trifft er tatsächlich auf den kleinen Helge und versucht, ihn zu erschlagen, um zu verhindern, dass er als Erwachsener Mads und Mikkel ermorden kann, was er nicht getan hat, aber Ulrich ist davon überzeugt. Helge überlebt allerdings, auch wenn er für den erst seines Lebens von den schweren Kopfverletzungen gezeichnet bleibt.

Bevor Ulrich zurück in seine Zeit reisen kann, wird der vom jungen Polizist Egon Tiedemann aufgegriffen und verhaftet. Kurz zuvor wurden die Leichen von Erik Obendorf und Yasin Friese auf der Baustelle des künftigen Atomkraftwerks gefunden. Die Polizei kann sich keinen rechten Reim auf die merkwürdige Kleidung der Kinder machen, aber sie sind tot und der blutbeschmierte Ulrich ist mehr als verdächtig. Ulrich wird als verrückter Kindermörder für den Rest seines Lebens eingesperrt.

Am Ende der ersten Staffel landet Jonas in einer düsteren Zukunft, um das offensichtlich zerstörte Atomkraftwerk wurde eine Sperrzone errichtet. Jonas wird von einer Gruppe zerlumpter, bewaffneter Gestalten gefangen genommen, die junge Anführerin schlägt ihn mit den Worten „Willkommen in der Zukunft“ ohnmächtig.

In der zweiten Staffel wird die Figur von Jonas noch wichtiger, er glaubt, dass er derjenige ist, der alles, was durch die Fehler in der Zeit schief gegangen ist, wieder in Ordnung bringen kann. Er ist allerdings nicht der einzige, der alte Fehler ausbügeln will. So kommen Egon Jahrzehnte später (also 1986) Zweifel, ob er damals richtig gehandelt hat. Seine überaus intelligente Tochter Claudia (Julika Jenkins) ist die inzwischen erste Chefin eines Atomkraftwerks in Deutschland, worauf Egon sehr stolz ist, auch wenn das Verhältnis zu seiner Tochter und seiner Enkelin Regina sonst eher kühl ist. Egon will, bevor er in Rente geht, das Verschwinden von Mads Nielsen aufklären und erinnert sich an den Fall von 1953.

Claudia hingegen verschwindet in gewisser Weise ebenfalls, sie streift als Zeitreisende durch die Epochen. Sie hat sich zur Aufgabe gemacht, die Sic-Mundus-Organisation zu bekämpfen, ein Geheimbund von Zeitreisenden, den es bereits seit 1921 gibt. Claudia lässt auch die Zeitmaschine bauen, sie bringt dem Uhrmacher H. G. Tannhaus im Jahr 1953 die Pläne für eine komplizierte mechanische Maschine, die erst 33 Jahre später fertig sein wird. Die Zeitmaschine wird mit Cäsium-137 betrieben. Cäsium ist das Element, dessen Frequenz für die Atomuhren genutzt wird, mit denen die gültige Weltzeit bestimmt wird. Als Chefin eines Kernkraftwerks kommt sie natürlich an eine solche Substanz, die bei der Kernspaltung entsteht.

Gleich am ersten Tag als Nachfolgerin des bisherigen Chefs des Windener Atomkraftwerks, Bernd Doppler, dem Vater von Helge Doppler, hat sie herausbekommen, dass kurz zuvor ein atomarer Störfall vertuscht wurde. Claudia will damit an die Öffentlichkeit, lässt sich aber vom alten Doppler überzeugen, dass ein Aus für das AKW den wirtschaftlichen Niedergang für die ganze Region bedeuten würde. Als es einen weiteren Zwischenfall gibt, wertet Claudia die Daten aus und entdeckt darin den Nachweis für die Existenz des so genannten Gottesteilchens, des Higgs-Bosons. Leider kann sie diese sensationelle Entdeckung nicht veröffentlichen, ohne die Störfälle bekannt zu machen. Also hält sie ihre Entdeckung geheim, stellt aber weitere Nachforschungen an. Sie will ihre Erkenntnisse ebenfalls dazu nutzen, um die Dinge in Winden wieder in Ordnung zu bringen. Mit ihren älteren Ich nimmt sie in unterschiedlichen Zeiten zu verschiedenen Windenern Kontakt auf, um ihr Wissen mit ihnen zu teilen, damit sie in ihrer jeweiligen Zukunft richtig handeln können. Allerdings muss sie dabei erkennen, dass sie dadurch genau die Ereignisse erst verursacht, die sie eigentlich verhindern wollte.

Es bleibt nicht aus, dass immer mehr Menschen in Winden von der Existenz der Zeitreisen und der Zeitmaschine erfahren. Das macht die Sache aber noch viel komplizierter, weil es immer mehr Interaktionen in den unterschiedlichen Zeitebenen gibt, die wiederum Konsequenzen auf das künftige Leben aller anderen haben können. Wer auf derartige Mindfuck-Geschichten steht, kann mit Dark ziemlich glücklich werden. Ich liebte in den 80ern Zurück in die Zukunft, allerdings war gerade der erste Film der Trilogie sehr viel lustiger als Dark. Das ist auch eins der Probleme dieser Serie, die sich überaus philosophisch und total ernst gemeint gibt und deshalb leider vollkommen humorfrei ist. Ab und zu mal ein Augenzwinker-Moment und dafür weniger schwülstiges Geschwurbel aus dem Off, und Dark wäre eine richtig gute Serie geworden, der man das eine oder andere schwarze Logik-Loch verzeihen kann, weil sie wenigstens gut unterhält. So macht es Dark einem aber schwerer als nötig, den ganzen Handlungssprüngen, Zeitschleifen und Paradoxien zu folgen. Wobei ich auch sagen muss, dass ich die zweite Staffel besser fand als die erste. Vielleicht hatte ich mich jetzt auch einfach darauf eingelassen, dass Dark eben so ist, wie es ist. Vielleicht reißt es die dritte Staffel ja endgültig heraus, nach der dann für immer Schluss sein wird.

GOT: Schwache Staffel, versöhnliches Ende

So, vorbei. Immerhin hat der letzte Teil diese letzte, insgesamt tatsächlich eher schwachen Staffel von Game of Thrones zu einem aus meiner Sicht durchaus befriedigenden Ende geführt. Dass die großen Aufregerthemen, die durch die Medien gegangen sind, ein vergessener Kaffeebecher und schlecht versteckte Wasserflaschen aus Plastik waren, zeigt, wie es um die inhaltliche Qualität der letzten Staffel bestellt war. Dabei gehöre ich noch nicht mal zu den enttäuschten Fans, die vor Frust schier Amok gelaufen sind und eine Petition für eine Neuverfilmung der achten Staffeln „mit kompetenten Schreibern“ gestartet haben, die bereits von fast 1,5 Millionen Unterstützern unterschrieben wurde.

Game of Thrones: Daenerys im Angesicht ihres verheerenden Sieges Bild: hbo.com

Game of Thrones: Daenerys im Angesicht ihres verheerenden Sieges Bild: hbo.com

Aber ja, es stimmt schon: Aus dem gigantischen Budget, das für die letzte Staffel verbraten wurde, hätte man durchaus mehr machen können. Laut Variety hat jede der sechs Folgen 15 Millionen Dollar verschlungen – üblicherweise kostet eine Highend-Drama-Serie etwa 2 Millionen Dollar pro Folge. Da wäre es schon gut gewesen, mehr in die konsequente Entwicklung der Charaktere und damit in eine bessere Handlung zu investieren, statt in überbordende Spezialeffekte. Klar sind riesige feuerspeiende Drachen cool, und es ist teuer, mal eben eine komplette Stadt kulissenmäßig in Schutt und Asche zu legen. Aber nach dem es eine besondere Qualität der ersten Staffeln war, die Handlung auf verschlungenen Wegen vor sich hin mäandern zu lassen und statt dessen die Entwicklung von interessanten und eigenwilligen Charakteren und ihren komplizierten Beziehungen untereinander in Fokus zu stellen, zeichnete sich bereits vor der siebten Staffel ein Paradigmenwechsel ab: Jetzt ging es nicht mehr um subtile Charakterzeichnung, sondern um visuelle Überwältigung. Genau das also, was mir am aktuellen Blockbuster-Kino ohnehin schon auf die Nerven geht.

Wobei jeder der sechs Teile durchaus seine Höhepunkte hatte. Dass Arya sich Gendry ausgesucht hat, um herauszufinden, wie das mit dem Sex so geht, beispielsweise. Oder der hoch verdiente Ritterschlag für Brienne, ausgeführt von Jaime Lannister, der sie ganz offenbar zu schätzen (und vielleicht sogar zu lieben?) gelernt hat. Aber alle diese hoffnungsfrohen Momente, die letztlich auch zu sentimental für die sonst so brutale Handlung sind, führen nur wieder zu neuen Enttäuschungen. Was einerseits konsequent für die bisherige Grundlinie der Serie ist.

Andererseits teile ich insgesamt den Eindruck, dass es den Autoren in erster Linie nur noch darum zu gehen schien, mit der Geschichte endlich abzuschließen. Insofern klaffen zum Teil ganz erhebliche Logiklöcher weit offen, da werden im dritten Teil die Dothraki weitgehend ausgelöscht, zum Schluss sehen wir aber wieder eine beeindruckende Reiterarmee, bereit die ganze Welt für ihre Königin zu erobern. Was auch für die Unbefleckten gilt. Oder wir sehen, wie der Drache Rhaegal von Euron Greyjoy spektakulär vom Himmel geschossen wird, während die Skorpion-Speere Drogon nur eine Folge später schon nichts mehr anhaben können. Oder dass sich Arya, die seit langer Zeit das Ziel verfolgt, Cersei zu töten, sich in letzter Minute ausgerechnet vom Hound wie ein kleines Mädchen nach Hause schicken lässt, wo sie doch zuvor schon den den viel gefährlicheren und mächtigen Nachtkönig getötet hat – eine unglaubwürdigere Wendung kann man sich kaum ausdenken.

Dass Cersei und Jaime ganz unspektakulär unter den Trümmern der Roten Feste begraben werden, geht für mich in Ordnung, allerdings ist es völlig unwahrscheinlich, dass Tyrion später ausgerechnet über die goldene Hand seines Bruders stolpert und seine Geschwister tot auffindet, nachdem er ein paar Brocken beiseite geräumt hat. Die Burg ist im Teil zuvor mit dermaßen beeindruckenden Effekten (Drachenfeuer!) und entsprechendem Sachschaden zerstört worden, so dass eigentlich unvorstellbar ist, dass man von den Leichen überhaupt noch erkennbare Teile finden kann, selbst wenn man mit viel Aufwand danach suchen würde. Noch unbefriedigender finde ich allerdings den Umstand, dass die Gefahr des ewigen Winters mit dem Tod des Nachtkönigs mal eben komplett und für immer gebannt ist, insofern bräuchte es ja tatsächlich keine Nachtwache mehr, zu der Jon für den Rest seines Lebens verbannt werden könnte. Aber wie Tyrion erklärt, man braucht sie eben doch als Zufluchtsstätte für gescheiterte Existenzen. Nun ja. Immerhin kann Jon am Ende genau das tun, was er sein Leben lang tun wollte: Mann der Nachtwache sein und das Reich beschützen, vor was auch immer.

Den Job hat er bisher schon immer wieder ganz gut erledigt, auch wenn nicht auf die Art und Weise, die er selbst oder das Publikum erhofft hat: Oft genug stolpert er in der letzten Staffel mit dem Schwert in der Hand durch die Gegend, ohne wirklich etwas ausrichten zu können. Die größte Tat begeht er ausgerechnet mit dem Verrat an seiner geliebten Königin, nachdem Jon erkennen musste, dass Daenerys nicht die gerechte und gütige Herrscherin sein wird, die sie werden wollte. Es hatte sich allerdings schon in den vergangenen Staffeln abgezeichnet, dass Daenerys berechnend und grausam sein kann. Wer immer sich ihr in den Weg stellte, wurde niedergemetzelt oder verbrannt, nur traf es am Anfang immer die Bösen. Inzwischen ist Daenerys dermaßen davon überzeugt, dass der Zweck die Mittel heiligt, dass sie wahl- und zahllos Unschuldige tötet, weil sie damit ja ihr gutes Ziel verfolgt: Die ganze Welt von Fremdherrschaft zu befreien und ihre eigene, ihrer Ansicht nach ideale, Herrschaft zu zementieren. Natürlich musste sie sterben und es konnte nur Jon sein, weil er der einzige war, der bis zum Schluss ihr Vertrauen besaß und dicht genug an sie heran kam.

Game of Thrones: Die Stark-Geschwister Arya, Bran und Sansa. Bild: hbo.com

Game of Thrones: Die Stark-Geschwister Arya, Bran und Sansa. Bild: hbo.com

Als idealere Herrschaft wird danach eine Art aufgeklärte Monarchie mit Wahlkönigtum eingeführt, Sam sorgt noch für ein paar Lacher, als er vorschlägt, dass alle Menschen in Westeros eine Wahl haben sollten. Doch für dermaßen radikale Vorstellungen von Basisdemokratie sind die anderen noch nicht reif. Stattdessen sollen Vertreter der bisherigen sieben Königreiche und sonst durch verdienstvolle Taten aufgefallene Edelleute den neuen König wählen. Auch hier wird nicht erklärt, wie das Sammelsurium mehr oder weniger bekannter Figuren zustande kommt, das offenbar auf die Initiative von Grauer Wurm zusammengerufen wurde, um die künftigen Herrschaftsverhältnisse in Westeros zu klären.

Die Verräter Jon Snow und Tyrion Lannister gehören aus naheliegenden Gründen nicht dazu. Um so erstaunlicher, dass der in Ketten vorgeführte Zwerg überhaupt angehört wird. Und der macht natürlich von seinem Talent, alle anderen an die Wand zu quatschen, gebrauch und überrascht mit dem Vorschlag, ausgerechnet den Krüppel Bran zum König zu wählen. Wobei natürlich auch vieles dafür spricht, den Dreiäugigen Raben zu wählen, denn er weiß ja tatsächlich mehr als alle anderen.

Und der frisch gekürte König Bran, erster seines Namens, macht in seiner Weisheit Tyrion zu seiner Hand, damit der den Rest seines Lebens seine Fehler wieder gut machen kann. Doch, das geht okay. Und auch, dass Sansa durchsetzt, dass der Norden unabhängig bleibt, mit ihr als Königin des Nordens. Wobei man sich dann natürlich schon fragen könnte, warum die anderen dann nicht auf die Idee kommen, dass auch Dorne oder die Eiseninseln oder was auch immer unabhängige Reiche bleiben könnten. Aber egal, wir müssen ja irgendwie mal zum Ende kommen.

Als eine Winter habe ich überhaupt nichts gegen den Mehrfach-Triumph der Starks, mit Sansa als Königin des Nordens, Jon jenseits der Mauer und Bran auf dem Thron kann nichts mehr schief gegen, und wer weiß, was Abenteuerin Arya im Westen noch entdecken mag. Das ist ein versöhnliches Ende nach so viel Blutvergießen, Hass und Zerstörung. Ich kann gut damit leben und freue mich auf neue Serien. Gern auch ohne Drachen.

Seven Seconds: Kein Handy am Steuer

Für Fans der leider nicht mehr auf Netflix verfügbaren Krimiserie The Killing hat die Plattform einen würdigen Ersatz im Programm: Den Zehnteiler Seven Seconds. Auch hier war Veena Sud für Drehbuch und Produktion verantwortlich. Wie schon bei The Killing  (und der großartigen dänischen Vorlage Forbrydelsen) geht es in der Krimi-Handlung nicht nur darum, einen Schuldigen zu finden, sondern auch zu zeigen, was der gewaltsame Tod eines geliebten Menschen für Auswirkungen auf die Überlebenden hat. Auf die Familie des Opfers, aber auch auf den Täter und sein Umfeld, und nicht zuletzt auf die Menschen, die ein solches Verbrechen als Angehörige von Ermittlungs- und Strafverfolgungsbehörden aufzuklären und zu ahnden haben.

Serienposter seven seconds Bild: Netflix

Serienposter seven seconds Bild: Netflix

Genau wie bei The Killing es handelt es sich um ein Remake – in diesem Fall war es allerdings keine komplette Serie, deren Handlung in die USA verlegt wurde. Als Inspiration diente der russische Film Майор, der im Jahr 2013 sowohl in Cannes als auch auf den Filmfestival in Toronto vorgestellt wurde. In dem Film von Yuri Bykow überfährt der russische Polizist Sergei Sobolev versehentlich ein Kind, als er auf dem Weg zu seiner Frau ist, bei der die Wehen eingesetzt haben. Aus Korpsgeist vertuschen die Kollegen das Verbrechen, in dem sie die einzige Zeugin des Vorfalls, die Mutter des Jungen, in Misskredit bringen. Im Laufe der Zeit bereut Sobolev seine Entscheidung und beschließt, zu gestehen und die Strafe dafür in Kauf zu nehmen, doch seine Kollegen sind damit nicht einverstanden, denn jetzt hängen sie ja alle mit drin. Alles in allem handelt es sich um einen ziemlich brutalen Film über Korruption innerhalb der russischen Polizei, den ich mir schon deshalb angesehen habe, weil es auffallend wenig Filme aus Russland überhaupt auf westliche Filmfestivals schaffen.

Es ist kein schöner, sondern ein alles in allem sehr unangenehmer Film, der aber genau deshalb wieder gut ist, weil er genau das Übel, das sein Thema ist, schonungslos offenlegt. Ich kann mir vorstellen, dass die offiziellen russischen Behörden, um die es unter anderem geht, Probleme damit haben. Was wiederum auch erklärt, warum dieser Film im Westen gelaufen ist: Hier wird ja gern gezeigt, was in Russland nicht funktioniert und einfach nur schlimm ist.

Insofern ist es ein besonderes Verdienst von Veena Sud und ihrer Serie, dass sie dieses Übel überaus glaubwürdig in den US-Polizeiapparat verlegt hat: In den USA ist die Korruption im System nicht weniger schlimm. Ich persönlich fände ja auch mal eine Serie gut, in der die Korruption und der Korpsgeist innerhalb der deutschen Polizei einmal kritisch aufgearbeitet würde, die Mordserie des NSU beispielsweise wäre da ein schier unerschöpfliches Thema. Dafür könnte man gern ein paar Millionen aus dem Rundfunkbeitrag abzweigen, den ich jeden Monat zahlen muss, obwohl ich inzwischen lieber Netflix und Amazon kucke. Die ja letztlich auch nur böse Konzerne sind, die Geld scheffeln wollen.

Seven Seconds: Peter Jablonski (Beau Knapp), Felix Osorio (Raúl Castillo) und Mike DiAngelo (David Lyons) Bild: Netflix

Seven Seconds: Peter Jablonski (Beau Knapp), Felix Osorio (Raúl Castillo) und Mike DiAngelo (David Lyons) Bild: Netflix

Zurück zu Seven Seconds: Anders als in The Killing steht hier nicht eine Ermittlerin der Polizei im Vordergrund, die für die Aufklärung des titelgebenden Verbrechens nicht nur ihr Privatleben, sondern auch ihre berufliche Karriere ruiniert, sondern eine Schicksalsgemeinschaft aus sehr unterschiedlichen Menschen, deren Lebenswege sich durch einen tragischen Unfall kreuzen: Als der junge Drogenfahnder Peter Jablonski (Beau Knapp)  an einem kalten Wintermorgen auf dem Weg zu seiner schwangeren Frau ist, die wegen Blutungen ins Krankenhaus musste, telefoniert er mit dem Handy und achtet ein paar Sekunden nicht auf die Straße. Er kollidiert plötzlich mit etwas, was sich wenig später als ein Radfahrer herausstellt – unter dem Fahrzeug ragt der Hinterreifen eines teueren BMX-Rads hervor, in dem eine Pappmaché-Möwe steckt.

Voller Panik informiert der junge Polizist seinen Vorgesetzten Mike DiAngelo (David Lyons), der sich mit seinen Team sofort an den Unfallort begibt. Dem abgebrühten Cop ist gleich klar, dass das nicht gut aussehen wird – ein weißer Bulle überfährt ein schwarzes Kind. Und weil das teure Fahrrad darauf hinweist, dass der Junge zu einer in Jersey City berüchtigten Gang gehört, trifft Captain DiAngelo die folgenschwere Entscheidung, die Sache zu vertuschen. Eigentlich will der ehrliche Cop Jablonski sich stellen, doch DiAngelo überredet ihn, ins Krankenhaus zu seiner Frau zu fahren und ihm und den beiden Kollegen den Rest zu überlassen. Damit nimmt das Verhängnis seinen Lauf.

Wie in der russischen Vorlage Майор sind die handelnden Personen gezwungen, im Verlauf der Handlung immer schlimmere Dinge zu tun, um ihre Story glaubwürdig erscheinen zu lassen. Und weil eine Serie sehr viel mehr Zeit für Nebenhandlungen hat, gibt es in Seven Seconds noch zwei bemerkenswerte Antagonisten: Die ermittelnde Staatsanwältin KJ Harper (Claire-Hope Ashitey) und den skeptischen Bullen Joe „Fish“ Rinaldi (Michael Mosley).

Das schwarze Waisenkind KJ wurde von weißen Eltern in einem komfortablen Vorort von New York aufgezogen, konnte von einer erstklassigen Ausbildung profitieren und ist doch ein Wrack, sie hat eine verhängnisvolle Beziehung zu Gin und zu Karaoke-Bars. Im Verlauf der Handlung kommt ihre verstörende Geschichte ans Licht; in ihrer Funktion als Vollstreckerin der Staatsgewalt muss sie Dinge anordnen, die mitunter fatale Auswirkungen auf Unbeteiligte haben. Das musste KJ auf die harte Tour lernen und sie ist daran zerbrochen.

Insofern ist es nicht unbedingt ein Glück für die Eltern von Brenton Butler, dass ihr Fall ausgerechnet bei KJ landet. Aber – wie wir als ausgebufftes Serienpublikum ahnen – KJ wird diesen Fall zu ihrer persönlichen Definition von Sieg oder Niederlage machen und damit dann entweder mit wehenden Fahnen untergehen, oder einen unerwarteten Sieg einfahren. Oder auch keins von beiden, denn das Justizsystem der USA ist, nun ja, kompliziert.

Seven Seconds: Die Eltern Latrice Butler (Regina King) und Isaiah Butler (Russell Hornsby) Bild: Netflix

Seven Seconds: Die Eltern Isaiah Butler (Russell Hornsby) und Latrice (Regina King) Bild: Netflix

 

Der Fall erweist sich für alle Beteiligten als harte Nuss. Das Umfeld von Brenton Butler ist nicht unbedingt ideal: Auch wenn seine Mutter eine Mittelschullehrerin ist und sein Vater ein hart arbeitender Mann, der immer seine Schulden bezahlt und beide Eltern in ihrer Kirchengemeinde gut integriert sind: Der kleine Bruder des Vaters ist Mitglied einer berüchtigten Gang in New Jersey, und dieses teure Fahrrad, mit dem Brenton zum Zeitpunkt des Unfalls unterwegs war, unterstützt die These seiner Gangzugehörigkeit. Und klar, das ist rassistisch, aber dennoch ein Umstand, der gegen ihn spricht: Mitglieder von kriminellen Gangs kommen nun mal schneller unter ungeklärten Umständen zu Tode als unbescholtene Bürger. Angesichts der Faktenlage ist es also naheliegend, Brenton Butler als Opfer eines Konfliktes unter rivalisierenden Gangs zu deklarieren.

Natürlich sind Brentons Eltern mit dieser Erklärung nicht zufrieden. Ihr Junge war ein guter Junge, und sie bekommen starken Rückhalt in der Black-Lives-Matter-Bewegung. Mit der hat Detective Rinaldi zwar nichts am Hut, aber auch ihm fällt auf, dass hier irgendwas nicht stimmen kann. Er gehört nicht zur eingeschworenen Bruderschaft in seinem Polizeirevier, er ist ein streitbarer Außenseiter, der seinen Job ernst nimmt. Entsprechend hartnäckig ermittelt er in diesem unbefriedigenden Fall, den seine Vorgesetzten nur zu gern zu den Akten legen würden.

Seven Seconds: KJ Harper (Claire-Hope Ashitey) und Joe "Fish" Rinaldi (Michael Mosley) Bild: Netflix

Seven Seconds: KJ Harper (Claire-Hope Ashitey) und Joe „Fish“ Rinaldi (Michael Mosley) Bild: Netflix

Wie in der Vorlage führt der Ermittlungsdruck dazu, dass die Polizisten zu immer extremeren Maßnahmen greifen müssen, um ihre Version des Vorfalls zu stützen. Natürlich bleibt es auch Jablonskis Frau Marie nicht verborgen, dass etwas passiert sein muss: Ihr Peter ist nicht mehr derselbe. Nach und nach gerät das Leben sämtlicher Beteiligten aus den Fugen.

Insgesamt handelt es sich also um eine reichlich düstere Geschichte, in der am Ende alle verlieren. Aber genau das macht die Qualität dieser Serie aus: Die handelnden Personen haben alle vermeintlich gute Gründe, für das, was sie tun. Oder lassen. Ihren persönlichen Maßstäben nach wollen sie einfach das Richtige tun, was sich dann aber als falsch herausstellt. Und auch die Eltern des Opfers Brendon Butler müssen erkennen, dass sie ihren Sohn nicht wirklich gekannt haben. Seven Seconds ist eine mutige und wichtige Serie über soziale und rassistische Vorurteile und gleichzeitig eine Reflexion über Schuld und Sühne. 

Game of Thrones: Endlich Finale

Nachdem ich dem Hype lange Jahre widerstanden habe, haben mich meine Kinder im vergangenen Winter hartnäckig (und mit Erfolg) bearbeitet: Als bekennender Serienfan dürfe ich nicht einfach die Serie aller Serien links liegen lassen. Wobei das ja keine böse Absicht war: Zuvor hatte ich schon mehrfach versucht, mit Game of Thrones warm zu werden. Aber die Serie macht es einem wirklich nicht leicht, wenn man die Bücher nicht kennt: Auch beim dritten oder vierten Versuch bin ich irgendwann im Verlauf der ersten Folge ausgestiegen – diese rätselhaften Toten im düsteren Winterwald waren einfach nicht mein Ding.

Game of Thrones: Ned Stark (Sean Bean)

Game of Thrones: Ned Stark (Sean Bean), die Hand des Königs auf dem Eisernen Thron Bild: hbo.com

Obwohl ich ja selbst Winter heiße. Meine  (mittlerweile erwachsenen) Kinder haben mir sogar eine GoT-Tasse geschenkt, die mit dem Wolfskopf der Starks und dem Motto: „Winter is coming“. Die Tasse mag ich tatsächlich, und auch wenn dieser Winter nun vorbei ist, fühle ich mich verpflichtet, meinen Teil zum Serienerlebnis beizutragen. Denn in einigen Tagen kommt die allerletzte Staffel raus und danach ist GoT für immer Geschichte.

Was bisher geschah: Ich war krank und hatte meine ganzen aktuellen Lieblingsserien schon ausgesehen. Meine Kinder veranstalteten in dieser Situation eine Art betreutes GoT-Watching mit mir: Ich durfte nicht ausschalten, bekam aber, wenn ich die Pausetaste drückte, umfangreiche Erklärungen zum gerade Gesehenen. Mit derartiger Nachhilfe kam ich über die ersten vier, fünf Teile hinweg langsam in die Handlung mit den am Anfang ja noch unübersichtlich vielen Hauptfiguren hinein – und dann wollte ich natürlich irgendwann von ganz allein wissen, wie es weiter geht.

Game of Thrones: Waren die mal süß! Bran, Arya und Sansa Stark. Im Hintergrund Thron Greyjoy und Jon Snow. Bild: hbo.com

Game of Thrones: Waren die mal süß! Bran, Arya und Sansa Stark. Im Hintergrund Theon Greyjoy und Jon Snow. Bild: hbo.com

In den vergangenen Monaten habe ich mir die bisherigen Staffeln von Game of Thrones in einer konzentrierten Nachhol-Aktion angesehen – auch wenn ich noch immer darauf bestehe, das Breaking Bad die bisher beste aller Serien ist, und dann kommen erstmal die Sopranos, The Wire und natürlich Mad Men. Langsam kann ich aber nachvollziehen, warum GoT einen Rekord nach dem anderem bricht: Die Serie ist wirklich spannend und bietet eine Menge Drama, Sex und Wahnsinn, so dass man kein ausgesprochener Fantasy-Fan sein muss, um Spaß daran zu finden.

Es ist wie damals, Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre mit dem Herrn der Ringe – auch den fand ich, ehrlich gesagt, ziemlich zäh, aber den musste man als junger Mensch einfach gelesen haben. Und für Vielleserinnen war das halt so eine Etappe, die man einfach durchhalten musste, wie die Bergwertung bei der Tour de France. Ich bin bis heute kein Fan von Mittelerde, aber manches muss man einfach mal durchgemacht haben, schon aus Gründen umfassender Allgemeinbildung. Ähnlich erging es mir mit Game of Thrones.

Game of Thrones: Cersei Lannister und Margaery Tyrell Bild: hbo.com

Game of Thrones: Cersei Lannister und Margaery Tyrell Bild: hbo.com

Wenn man Historienserien wie Vikings, The Last Kingdom oder Borgia mag, dann ist diese Geschichte eines fiktiven mitteleuropäischen Mittelalters ein unerwartetes Vergnügen. Denn sie ist eigentlich noch besser, weil hier eben nicht Geschichte, oder vielmehr das, was man heute vermeint, darüber zu wissen, nachgestellt wird, sondern anhand dessen, was aus der Geschichte bekannt ist, spannende Dinge über Menschen und ihre Beziehungen zueinander erzählt werden. Gerade Vikings ist eine reichlich brutale, aber sehr stylisch inszenierte Fantasyserie, die mythische Figuren aus nordischen Sagas zum Leben erweckt. Viele der Vikings-Charaktere haben zwar einen historischen Hintergrund, sind aber doch in erster Linie Personifizierungen neu interpretierter Legenden. In Game of Thrones ist halt auch die historische Vorlage erfunden, aber das stört letztlich nicht, weil sich George R.R. Martin das GoT-Universum überaus akkurat und detailreich ausgedacht hat. 

Das Setting von A Song of Ice and Fire ist realistisch enervierend, denn in Westeros gelten die üblichen patriarchalischen Regeln, die nicht nur hierzulande vor ewigen Zeiten etabliert wurden: Der Mann ist das Familienoberhaupt, es gibt Ritter (die „Ser“ heißen) und gelehrte Männer (die „Maester“ genannt werden), Frauen sollen nur hübsch und folgsam sein, Kinder gebären und ihren Familien keine Schande bereiten – während die Männer, nun ja, die haben oft andere Dinge im Kopf als gerade angebracht wäre. Insofern finde ich besonders interessant, dass sich in dieser Serie über eine wiedermal von starken Männern dominierte Welt eine Reihe ihnen mindestens ebenbürtige weiblicher Hauptcharaktere profilieren können: Allen voran Cersei Lannister (Lena Headey), die von Anfang an die Königin der sieben Königreiche ist, auch wenn ihr Ehemann Robert Baratheon (Mark Addy) offiziell auf dem Eisernen Thron sitzt. Robert ist ein Hitzkopf, ihm liegt das Regieren nicht, er geht lieber auf die Jagd oder ins Bordell, als sich um die Festigung seiner Macht zu kümmern. Deshalb holt er seinen alten Freund zur Hilfe, Eddard Stark (Sean Bean), den Wächter des Nordens an seinen Hof und macht ihn zur Hand des Königs.

Game of Thrones: Brienne of Tarth und Jaime Lannister Bild: hbo.com

Game of Thrones: Brienne of Tarth und Jaime Lannister Bild: hbo.com

Ned, wie er von seinen Freunden und seiner Familie genannt wird, ist ein Ehrenmann alter Schule, er erfüllt all die lästigen Pflichten, die er als Hand des Königs zu erfüllen hat. Und gerade weil er ein klassischer Ritter ist und mit Politik nichts am Hut hat, überlebt er in dieser heiklen Position auch nicht allzu lange. Ned hat gemeinsam mit seiner Frau Catelyn (Michelle Fairley), die ebenfalls aus einer alten und angesehen Familien stammt, eine Menge Kinder, von denen es einige in der grausamen Welt von Westeros ziemlich weit bringen. Auch wenn es das Schicksal ausgerechnet mit dem erstgeborenen Sohn Robb (Richard Madden), der in den frühen Staffeln als junger Wolf glänzt, nicht allzu gut meint.

Übles widerfährt auch den anderen Stark-Kindern, etwa dem kleinen Bran (Isaac Hempstead Wright), der früh in Folge eines Sturzes zum Krüppel wird, später allerdings übernatürliche Kräfte erlangt. Die älteste Stark-Tochter Sansa (Sophie Turner) hingegen erhofft, durch Heirat Königin zu werden – doch der Thronfolger Joffrey (Jack Gleeson), der Sohn von Cersei Bannister und Robert Baratheon, entpuppt sich als sadistisches Arschloch, das schließlich einer anderen den Vorzug gibt und Sansa damit unbeabsichtigt ein besseres Schicksal ermöglicht.

Game of Thrones: Lord Varys und Tyrion Lannister Bild: hbo.com

Game of Thrones: Lord Varys und Tyrion Lannister Bild: hbo.com

Sansa hat über die bisher sieben Staffeln der Serie eine bemerkenswerte Entwicklung vollzogen, von der naiven Prinzessin, die es allen recht machen wollte, und entsprechend ausgenutzt und missbraucht wurde, zu einer selbstbewussten jungen Frau, die menschliche Abgründe kennt und ebenso umsichtig wie mutig ihre Interessen verteidigt. Im Rennen um den Eisernen Thron sind allerdings noch einige andere, Sansas kleine Schwester Arya (Maisie Williams) etwa, die von Anfang an eine Vorliebe für Kampf und Konflikt gezeigt hat, und mittlerweile nicht nur eine talentierte Schwertkämpferin, sondern auch eine vielgesichtige Rachegöttin ist.

Und dann ist da natürlich das extrem problematische Traumpaar bestehend aus Jon Snow (Kit Harrington) und Daenerys Targaryen (Emilia Clarke), die wenn ich die Familienverhältnisse richtig verstanden habe, Tante und Neffe sind, aber das eben (noch?) nicht realisiert haben. Jon glaubt ja noch immer, ein Bastard-Kind von Ned Stark zu sein, auch wenn wir mittlerweile wissen, dass er der Sohn von Neds heißgeliebter Schwester Lyanna Stark und Rhaegar Targaryen und somit ein heißer Aspirant auf den Eisernen Thron ist. Wobei derartige Familienverhältnisse bei Targaryens nicht ungewöhnlich sind, ähnlich die ägyptischen Pharaonen haben die den Knall, innerhalb der Familie zu heiraten, damit die Blutlinie rein bleibt. Aus biologischer Sicht extrem problematisch, aber egal, so ist das mit Royals nun einmal. Daenerys jedenfalls ist ebenfalls eine extrem starke und sendungsbewusste Frau, die bisher sämtliche Anschläge auf ihr Leben überstanden und dazu noch eine vergleichsweise menschenfreundliche Art der Herrschaft entwickelt hat: Sie sieht sich nicht als Unterdrückerin, sondern als Befreierin. Ähnliches lässt sich über Jon berichten, der nach diversen Abenteuern nördlich der großen Mauer von seinen Leuten zum König des Nordens gewählt wurde, weil sie in ihm einen geeigneten Anführer sehen, der den Gefahren des anstehenden langen Winters trotzen kann.

Eis und Feuer: Jon Snow und Daenerys Targaryen Bild: hbo.com

Eis und Feuer: Jon Snow und Daenerys Targaryen Bild: hbo.com

Das Verhältnis von Cersei Lannister und ihrem Bruder Jaime (Nikolaj Coster-Waldau) ist nicht weniger anrüchig. Inzwischen sind alle drei Kinder tot, die aus dieser inzestuösen Verbindung hervorgegangen sind und es zeichnet sich ab, dass Jaime sich von seiner intriganten und machthungrigen Schwester losgesagt. Und dann ist da auch noch ihr kleiner Bruder Tyrion (Peter Dinklage), der Gnom. Auch Tyrion Lannister hat eine interessante Entwicklung erfahren: Vom dekadenten Adelsspross, der seine Tage versoffen und verhurt hat, zum verantwortungsvollen und klugen Berater der (vermeintlich) letzten Überlebenden aus dem Haus Targaryen, Daenerys, der Sturmgeborenen, der rechtmäßigen Erbin des Eisernen Throns, der Herrscherin über die Andalen und die ersten Menschen, der Khaleesi des Großen Grasmeeres, der Unverbrannten, der Sprengerin der Ketten, der Mutter der Drachen. Auch Tyrion ist mit jeder Herausforderung gewachsen und stärker geworden. Er hat beschlossen, die weniger selbstsüchtige und grausame Daenerys im Kampf um den Eisernen Thron zu unterstützen, zumal er begreift, dass nur eine breite Allianz sämtlicher Häuser in der Lage sein wird, gegen den Nachtkönig und die Weißen Wanderer zu bestehen, die mit dem anstehenden langen Winter in die sieben Königreiche einfallen.

Game of Thrones: Die Last der Bildung. Sam in der Zitadelle der Maester. Bild: hbo.com

Game of Thrones: Die Last der Bildung. Sam in der Zitadelle der Maester. Bild: hbo.com

Das alles ist schon ziemlich cool, und man sehe mir an dieser Stelle nach, dass ich unmöglich die vielen bemerkenswerten Charaktere des Game-of-Thrones-Universums in einem einzigen Artikel unterbringen kann. Unbedingt muss ich erwähnen das nette Dickerchen Samwell Tarly (John Bradley), der zwar auf den ersten Blick keineswegs zum Ritter oder auch nur zu einem Mann der Nachtwache taugt, sich aber doch immer wieder als mutig und vor allem klug entpuppt. Seine Weisheit bezieht er in der Regel aus alten Büchern, Sam mag zwar schwach und feige erscheinen, aber er ist ein Mann der Weisheit, der zeigt, dass Bildung ebenso wichtig und nützlich sein kann, wie die Fähigkeit, im Kampf zu bestehen.

Der intrigante Littlefinger (Aidan Gillen) ist zwar mittlerweile Geschichte, aber die Figur des Petyr Baelish war streckenweise durchaus wegweisend für den Fortgang der Serie, ebenso wie die des Lord Varys (Conleth Hill), der noch immer seine Fäden spinnt. Wesentlich zupackender ist Brienne of Tarth (Gwendoline Christie), die zumindest körperlich stärkste Frau im Game-of-Thrones-Universum, die im Zweikampf sogar The Hound Sandor Clegane (Rory McCann) schlagen konnte, der nun keinesfalls ein Schwächling, sondern im Gegenteil ein überaus gefürchteter Gegner ist. Sie zieht die Aufmerksamkeit des ebenfalls nicht gerade schwächlichen Wildlings Tormund (Kristofer Hivju) auf sich. Mal sehen, ob draus noch etwas wird. Und wo wir bei den Wildlingen sind, muss ich unbedingt Gilly (in der deutschen Version Goldie, Hannah Murray) erwähnen, die Wildlingsfrau, in die Sam sich verliebt und weshalb er sie und ihren neugeborenen Sohn vor den weißen Wanderern rettet, und natürlich die wilde Ygritte (Rose Leslie), an die Jon Snow seine Umschuld verliert. Auch die beiden sind starke und eigenwillige Frauen, genau wie Osha (Natalia Tena), die gemeinsam mit den Halbriesen Hodor (Kristian Nairn) Bran auf seinem Weg zum dreiäugigen Raben beschützt.

Game of Thrones: Die Wildlinge Ygritte und Tormund. Bild: hbo.com

Game of Thrones: Die Wildlinge Ygritte und Tormund. Bild: hbo.com

Doch, wenn ich die Charaktere so durchgehe, stelle ich fest, dass GoT durchaus auch eine Frauenserie ist, was sicherlich einen Argument für den durchschlagenden Erfolg liefert: Da wäre noch die rote Priesterin des Lichts Melisandre (Carice van Houten) und natürlich Margaery Tyrell (Natalie Dorner), die in der Lage ist, dem Ekel Joffrey Baratheon einige menschliche Gesten abzutrotzen, damit er gut vor seinem Volk da steht. Noch besser gefiel mir allerdings ihre Großmutter Oleanna Tyrell (die von keiner geringeren als der Emma-Peel-Darstellerin Diana Rigg verkörpert wird. Als kleines Mädchen war sie mein erstes Idol), die als alte Dame in gehobener Position das Privileg hat, endlich zu sagen, was sie denkt. Und dann sind da natürlich noch die vielsprachige Missandei (Natalie Emmanuel) im Gefolge von Daenerys Targaryen,  die lustige Hure Shae (Sibel Kekilli), Yara Greyjoy (Gemma Whelan), die starke Schwester des nicht so wahnsinnig starken Theon Greyjoy (Alfie Allen) last but not least Talisa (Oona Chaplin), die unerschrockene Schönheit aus dem Süden, für die der junge Wolf Robb Stark sein Schicksal herausgefordert hat.

Game of Thrones: Die Stark-Kinder sind erwachsen geworden. Sansa, Bran und Arya in der 7. Staffel Bild: hbo.com

Game of Thrones: Die Stark-Kinder sind erwachsen geworden. Sansa, Bran und Arya in der 7. Staffel Bild: hbo.com

Natürlich gibt es auch noch ein paar erwähnenswerte Jungs, die zum Auftakt der letzten Staffel noch im Rennen sind, abgesehen von Jon Snow, Jaime und Tyrion Lannister etwa Robert Baratheons Bastard Gendry (Joe Dempsie), den schlagkräftigen Schmied, den alten Kämpen Ser Jorah Mormond (Iain Glen) oder den Zwiebelritter Davos Seaworth (Liam Cunningham). Die Reihen haben sich im Verlauf der vergangenen acht Staffeln ziemlich gelichtet, was die Sache inzwischen sehr viel übersichtlicher macht. Was allerdings nicht unbedingt ein Pluspunkt ist: Gerade die siebte Staffel hat für meinen Geschmack viel zu sehr auf überwältigende visuelle Effekte, als auf die vorher zwar nicht immer überzeugende, aber doch spannende Entwicklung der Charaktere und ihrer Beziehungen untereinander gesetzt. Insofern ist schon zu befürchten, dass die letzte Staffel in ein sehr teures Splatter-Movie mit viel Blut, Feuer und Massen von halbverwesten Untoten abkippt. Aber wie sollte nach all dem, was wir mit GoT schon erleiden und ertragen mussten, ein gutes Ende denn überhaupt aussehen? Am 20. Mai, wenn die letzte Folge vorbei ist, werden wir schlauer sein.