Berlin Station: Amerikaner in Berlin

Als ich vor ein paar Tagen nach Hause kam, standen hinter meinem Wohnblock mehrere Mietlaster. Hinter den Windschutzscheiben Schilder, die darauf schließen ließen, dass Anonymous Content just in meiner Gegend dreht – und weil das ja auch die Produktionsfirma hinter meiner Lieblingsserie Mr. Robot ist, musste ich gleich mal recherchieren, was die hier in Berlin gerade tun. Offenbar wird derzeit die zweite Staffel von Berlin Station hier gedreht – und so setzte ich alles daran, an die erste Staffel dieser Serie zu kommen, die leider noch gar nicht in Deutschland ausgestrahlt wurde. Aber wie ich inzwischen gesehen habe, kommt sie ab dem 18. Juli auch hierzulande auf Netflix. Insofern brandaktuell!

Screenshot Berlin Station: Reichstag in Berlin

Screenshot Berlin Station: Reichstag in Berlin

Berlin Station wurde vom US-Kabelsender Epix in Auftrag gegeben und im Herbst vergangenen Jahres in den USA ausgestrahlt. Von dem Sender hatte ich zuvor noch nie gehört, meinen Recherchen zufolge wurde er erst Ende 2009 gegründet, womit er der jüngste unter den Premium-Kabelsendern der USA sein dürfte. Epix gehört zum Metro-Goldwyn-Mayer-Imperium und hat sein Hauptquartier im Bertelsmann Building in New York. Nun sollte man wissen, dass Bertelsmann ein deutscher Medienkonzern ist, der in Gütersloh sitzt. Zu Bertelsmann gehören die RTL Gruppe, Penguin Random House, Gruner & Jahr, BMG, Arvato und diverse weitere Bertelsmann-Unternehmen. Soviel zur Medienmacht von Bertelsmann und den Verbindungen zu Deutschland – es ist ja schon interessant, dass eine von einem US-Network in Auftrag gegebene und offenbar für ein US-Fernsehpublikum konzipierte Serie komplett in Berlin spielt – und in Berlin bzw. Potsdam Babelsberg produziert wird.

Screenshot Berlin Station: U-Bahnhof Alexanderplatz

Screenshot Berlin Station: U-Bahnhof Alexanderplatz

Okay, wir hatten das schon einmal mit der fünften Staffel von Homeland – wobei Homeland ja nun eine durch und durch amerikanische Serie ist, auch wenn sie CIA-bedingt immer wieder außerhalb der USA spielen muss, schließlich ist die CIA nun einmal der Auslandsgeheimdienst der Staaten. Um die CIA geht es auch in Berlin Station – und Berlin ist ja nun auch ein cooler Ort, es muss nicht immer Teheran, Bagdad oder Abu Dhabi sein. Die Sprachbarriere ist in Berlin auch nicht wirklich ein Problem, zumindest die jüngeren Berliner sprechen sehr viel besser Englisch als ein Durchschnittsamerikaner Deutsch, selbst wenn der in Deutschland arbeitet – was für unsereins eigentlich ein Running Gag solcher Serien ist: Es ist einfach zu putzig, wenn Amerikaner versuchen, Deutsch zu reden. Ja, gewiss ist es auch putzig, wenn Deutsche Englisch reden, aber wir werden hierzulande ja wesentlich häufiger zum Gebrauch von Fremdsprachen gezwungen – zumindest wenn wir auf der Höhe der Zeit bleiben wollen. Schon weil es viel zu lange dauert, bis die interessanten US-Serien hierzulande offiziell verfügbar sind. Da ziehen wir uns das doch lieber gleich in der Originalsprache rein.

Screenshot Berlin Station: Daniel Miller (Richard Armitage) auf den Dächern von Berlin

Screenshot Berlin Station: Daniel Miller (Richard Armitage) auf den Dächern von Berlin

Damit zurück zur Serie – in Berlin Station wird tatsächlich viel Deutsch gesprochen, was durchaus für die Serie spricht. Denn warum sollten Deutsche untereinander nicht deutsch sprechen?! Deutsch mit englischen Untertiteln ist auch mal ganz lustig. Es sind entsprechend eine Reihe deutscher Schauspieler mit dabei, etwa Bernhard Schütz als Hans Richter, der ein hohes Tier beim deutschen Verfassungsschutz ist, Victoria Mayer als Ingrid Hollenbeck, einer Chefredakteurin der Berliner Zeitung, Claudia Michelsen als Patricia Schwarz, der deutschen Kusine von Agent Daniel Miller (Richard Armitage) oder Sabin Tambrea als – nun ja, einer sehr tragischen Figur mit vielen Facetten, die im Grunde der Auslöser der aufsehenserregenden Aktionen des geheimnisvollen Thomas Shaw ist.

Worum es geht: Der CIA-Analyst Daniel Miller entdeckt eine Verbindung zwischen scheinbar zusammenhangslosen Leaks, bei denen äußerst sensible Informationen über die Arbeit der CIA an die Öffentlichkeit gelangten. Es scheint sich dabei immer um den selben Whistleblower zu handeln. Das aktuellste Leck wird ausgerechnet von der Berliner Zeitung veröffentlicht. Also wird Miller nach Berlin geschickt, um den Whistleblower zu enttarnen. Die Ironie dabei: Daniel Miller ist ein geborener Berliner. Seine Mutter wurde brutal ermordet, als er acht Jahre alt war. Weil sein Vater Amerikaner war, wuchs er nach dem Tod der Mutter in den Staaten auf.

Screenshot Berlin Station: Daniel Miller (Richard Armitage) inside Berliner Zeitung

Screenshot Berlin Station: Daniel Miller (Richard Armitage) inside Berliner Zeitung

In Berlin trifft Miller (der übrigens nur noch schlecht Deutsch spricht) zwei sehr unterschiedliche Typen: Den Chef der titelgebenden Berlin Station Steven Frost (Richard Jenkins), der bereits zu Zeiten des Kalten Kriegs bei der CIA angefangen hat und auf Hector DeJean (Rhys Ifans), der ihn in seinen neuen Job einweisen soll. Auch Hector ist ein Veteran, und wie sich herausstellt, gibt es eine alte Geschichte zwischen Hector und Daniel – die dazu führte, dass Daniel sich aus dem Dienst im Feld zurückzog und fortan als Analyst seinen Dienst tat.

Ich will jetzt nicht den Fehler wiederholen, den ich viel zu oft mache – nämlich eine komplette Inhaltsangabe der Serie zu liefern. Nur so viel: Mir gefällt Berlin Station sehr gut – die Handlung ist nicht so hysterisch und an den Haaren herbeigezogen wie bei Homeland. Was ich auf jeden Fall als Plus werte: Hier gibt es keine manisch-depressiven Superagentinnen und auch keine Kriegshelden, die möglicherweise umgedrehte islamistische Selbstmord-Attentäter sind. Die Figuren in Berlin Station sind realistischer, was sie aber nicht weniger interessant macht. Denn alle haben für das, was sie tun, einen guten Grund. Und die Serienmacher nehmen sich die Zeit, um die Motive der jeweiligen Hauptfiguren nachvollziehbar zu erklären.

Screenshot Berlin Station: Der Mann im Hintergrund - Hector DeJean (Rhys Ifans)

Screenshot Berlin Station: Der Mann im Hintergrund – Hector DeJean (Rhys Ifans)

Dadurch wird die Handlung alles in allem ziemlich vorhersehbar – was von Adrenalinjunkies vielleicht als Minus gewertet werden kann. Aber in Berlin Station geht es eben nicht um möglichst abgefahrene Plottwists, sondern um eine vergleichsweise solide Story über den zu enttarnenden Whistleblower, der sich Thomas Shaw nennt (es wird am Ende auch gezeigt, wie er auf genau diesen Namen gekommen ist) und die oberen Chargen der CIA-Station in Berlin ganz schön in Bedrängnis bringt. Denn es werden nicht nur hässliche Details der die Methoden der CIA ausgeplaudert – die ja spätestens seit dem Abu-Ghraib-Folterskandal einer breiten Öffentlichkeit ohnehin bekannt sind – sondern auch über Verbindungen zu den deutschen Geheimdiensten, was die Deutschen ganz schön ärgert. Und die können ziemlich nerven, wenn sie verärgert sind. Wie diese Chefredakteurin der Berliner Zeitung, die sich aus Sicht der CIA in verantwortungslosester Weise von Thomas Shaw instrumentalisieren lässt und seine Leaks veröffentlicht. Doch auch die Leute vom Verfassungsschutz sind nicht glücklich darüber.

Screenshot Berlin Station: Ingrid Hollenbeck (Victoria Mayer), heimlich überwachte Chefredakteurin der Berliner Zeitung

Screenshot Berlin Station: Ingrid Hollenbeck (Victoria Mayer), heimlich überwachte Chefredakteurin der Berliner Zeitung

Und dann sind da noch die Israelis, die dem Chef der Berliner CIA-Station Robert Kirsch (Leland Orser) behilflich sind, weil er doch als Jude einer von ihnen sein sollte, woran sie ihn mehr oder weniger sanft erinnern müssen: Eine Hand wäscht die andere und sowohl gegen die Deutschen, als auch gegen die Islamisten müssen sie doch zusammen halten. Dass es mit den jeweiligen Fronten und Loyalitäten nicht so einfach ist, wird immer wieder und an vielen Stellen gezeigt – insofern ist Berlin Station dann doch wieder komplex genug, um einen fortgeschrittenen Serienjunkie wie mich zufrieden zu stellen. Natürlich geraten hier auch Zivilisten zwischen die Fronten, die eigentlich nur Gutes tun wollten, es gibt eine ganze Reihe bedauerlicher Kollateralschäden.

Steven Frost (Richard Jenkins), Chef der Berlin Station

Steven Frost (Richard Jenkins), Chef der Berlin Station

Wie im wahren Leben ist alles ziemlich komplex – so hat der Islamistische Terror auch in Deutschland mitunter ein weibliches Gesicht und die Haltung Deutschlands in der Flüchtlingsfrage wird natürlich nicht nur von deutschen Rechten und Konservativen instrumentalisiert, um Stimmung gegen die Fremden zu machen, sondern auch findige Terrorunterstützer nutzen Institutionen, die angeblich Flüchtlingen helfen sollen, um Unterstützer des IS-Terrors zu rekrutieren. Gute Absichten werden eben auch von genau den Leuten ausgenutzt, die man eigentlich überhaupt nicht unterstützen wollte. Und umgekehrt: Der von den USA ausgerufene Krieg gegen den Terror mit seinem gnadenlosen Repressionssystem von Blacksites außerhalb der USA führt eben auch dazu, dass aus eigentlich harmlosen Verdächtigen, die zufällig in die Folter-Maschinerie geraten sind, am Ende wirklich Täter werden.

Berlin Station: Immer wieder historische Bilder der Mauer

Berlin Station: Immer wieder historische Bilder der Mauer

Insofern ist Berlin Station trotz kleinerer Schwächen in der Story eine der besseren Spionage-Serien – natürlich gibt es von mir auch einen gewissen Berlin-Bonus. Wobei man wirklich einiges von Berlin sieht, die Stadt ist auch nicht so absurd zusammengeschnitten wie man das von anderen Produktionen kennt, und zwar auch von deutschen Serien und Filmen, in denen die Leute in der U-Bahn am Alexanderplatz aussteigen und dann am Potsdamer Platz oder am Ku’damm rauskommen. Obwohl schon interessant ist, dass die geheimen Wohnungen der CIA durchweg schon Jahrzehnte vor der Wende nicht mehr renoviert wurden. Liebe Amerikaner – es stimmt nicht, dass Berliner Wohnungen alle noch im 70er-Jahre-Stil (oder älter) eingerichtet sind, auch wenn das unter Hipstern vielleicht gerade wieder angesagt ist. Und auch noch ein Tipp für Thomas Shaw: Die Berliner Zeitung kennt außerhalb Berlins kaum jemand – vielleicht beim nächsten Mal doch ganz professionell bei Wikileaks leaken? Oder ein Fake-Account bei Facebook einrichten?

Screenshot Berlin Station: Potsdamer Platz

Screenshot Berlin Station: Potsdamer Platz

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Olive Kitteridge

Gerade unter den Miniserien gibt es immer wieder kostbare Perlen zu entdecken – und eine davon ist Olive Kitteridge. Der HBO-Vierteiler von Jane Anderson (Drehbuch) und Lisa Cholodenko (Regie) beruht auf einem Roman von Elizabeth Strout, der das Leben der Bewohner des Küstenständchens Crosby in US-Bundesstaat Maine beschreibt. Im Mittelpunkt steht die schrullige Olive Kitteridge (Frances McDormand). Bereits nach wenigen Minuten ist klar, dass Olive des Lebens überdrüssig ist, sie breitet eine Decke aus, hört im mitgebrachten Radio klassische Musik und lädt einen Revolver. Doch bevor sie abdrückt, springt die Handlung um Jahrzehnte zurück: Olive ist Mathematiklehrerin an der Mittelschule, ihr Mann Henry ist der örtliche Apotheker.

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Der freundliche Henry (Richard Jenkins) nimmt regen Anteil am Leben seiner Mitmenschen – er gibt ihnen die Medizin, die sie brauchen und tut sein Möglichstes, zu verhindern, dass sie die falschen Mittel nehmen und schon gar nicht zu viel davon. Henry und Olive haben einen Sohn, Christopher – der sich in den kommenden Teilen noch ausführlich an seiner schwierigen Mutter abarbeiten wird.

Olive hält nämlich nichts von menschelndem Getue – Religion ist etwas für Dummköpfe, Psychologie ist für Schwächlinge und von dem, was andere für höfliche Umgangsformen halten, ist Olive einfach nur genervt. Genau wie ihr auf die Nerven geht, dass Henry immer allen Menschen helfen will. Henry ist ein Meister der freundlichen kleinen Geste – auch seiner spröden Frau bringt er immer wieder Blumen und Postkarten mit – und ist enttäuscht, wenn sie die Karte nach dem Lesen in den Mülleimer wirft. Aber Olive hat nichts übrig für Sentimentalitäten: Sie weiß doch, was auf der Karte steht und muss sich das nicht an den Küchenschrank pinnen. Natürlich weiß sie auch, dass ihr Henry ein guter Mann ist.

Deshalb bleibt sie bei ihm – auch wenn sie heimlich in ihren Kollegen verliebt ist, der Literatur unterrichtet. Außerdem ist Olive am Schicksal ihrer Schüler interessiert, so kümmert sie sich um ihren Schüler Kevin, dessen Mutter unter Depressionen leidet. Olive tut, was getan werden muss.

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Mit ihrem eigenen Sohn kommt sie weniger gut klar – einerseits ist Olive eine gnadenlose Realistin, die ihren Sohn auf keinen Fall verzärteln will, andererseits hat sie ebenso genaue wie fragwürdige Vorstellungen davon, was gut für ihn ist und was nicht. Und natürlich sucht sich Christopher immer die falschen Frauen aus – was Olive ihm auch klar macht.

Genau wie ihrem Mann, der zu viele Gefühle für seine junge Angestellte Denise (Zoe Kazan) entwickelt, die auf den ersten Blick zwar ein naives Dummerchen zu sein scheint, sich aber als patente junge Frau erweist, die viele gute Ideen hat. Was ihr aber langfristig auch nicht viel nützt, denn erst kommt ihr Mann bei einem Jagdunfall ums Leben und dann lässt sie sich auf den Falschen ein –  ihr neuer Verehrer Jerry (Jesse Plemons) erweist sich später als ziemliches Arschloch.

Das Leben in Crosby ist keine Idylle, alle sind hier auf ihre Weise unglücklich – auch Olive, die vom Leben ganz offensichtlich nichts anderes erwartet. Oder eigentlich erwartet sie das doch – warum sonst kämpft sie so verbissen gegen die Erwartungen der anderen an? Und warum rettet sie immer wieder andere, die unter der Last ihres Lebens zusammenbrechen? Weil sie nur zu genau weiß, wie sich das anfühlt. Aber Olive erwartet von sich selbst, dass sie damit klar kommt, auch wenn ihr das schwer fällt. Von den anderen erwartet sie letztlich auch, was sie von sich selbst erwartet.

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Und so erträgt sie Schicksalsschläge einerseits stoisch – andererseits hadert sie dann doch wieder damit. Und sie kann ganz schön gemein sein – auf der Hochzeitsfeier ihres Sohnes benimmt sie sich nicht nur gewohnt schlecht, sondern klaut ihrer Schwiegertochter ein Paar Ohrringe und ein Paar Schuhe, die sie später in einen Abfalleimer wirft. Aber natürlich geschieht genau das, was sie vorausgesagt hat: Der ehrgeizigen kalifornischen Ärztin Suzanne ist Christopher auf Dauer nicht gut genug. Aber diese neue, die Christopher nun in New York hat, ist irgendwie zwar ganz anders, aber in Olives Augen auch nicht besser.

Trotzdem nimmt Olive ihre Pflichten als künftige Großmutter an, als ihr Sohn sie bittet, seiner schwangeren Freundin, die schon mehrere Kinder hat, beizustehen. Aber natürlich gefällt es ihr in der Quasi-Kellerwohnung in einem der unendlichen Vororte von New York nicht, in der sie damit landet. Während sie in New York ist, stirbt Henry, der nach einem Schlaganfall in einem Pflegeheim ist – Olive hat dem Personal zwar spezifische Anweisungen erteilt, für die Zeit, in der sie nicht selbst kommen und sich um alles kümmern kann, aber man weiß ja, wie das in Pflegeheimen so ist. Olive findet das heraus, als sie nach einem weiteren bitteren Streit mit ihrem Sohn nach Hause fährt. Jetzt gibt es eigentlich nichts mehr, das sie in dieser Welt hält – abgesehen von ihrem Hund Clancy, um den sie sich kümmern muss. Wenn Clancy tot ist, will sie ihrem Leben ein Ende setzen.

Während eines Spaziergangs mit dem altersschwachen Clancy finde Olive ihren entfernten Nachbarn Jack (Bill Murray), den sie eigentlich nicht leiden kann. Aber Jack braucht Hilfe – und Olive hilft. Wie immer. Auch wenn eine Einladung zum Abendessen endet, wie man erwarten kann: Olive macht sich für ihre Verhältnisse schick und geht hin, lässt Jack aber nach einem weiteren Streit sitzen. Trotzdem ist irgendwas passiert.

Als der Hund dann schließlich eingeschläfert ist und Olive ihren Plan ausführen will, kommen ein paar Kinder in die Quere, denen Olive den Anblick einer Leiche ersparen möchte. Statt sich zu erschießen, fährt sie zu Jack, der allein und depressiv in seinem Bett liegt. Olive erzählt ihm, dass sie Großmutter geworden ist – Ann hat sie heimlich angerufen, denn ihr Sohn spricht ja nicht mehr mit ihr. Sie legt sich zu Jack ins Bett. Gemeinsam schauen sie aus dem Fenster – Jack hat auch ein Haus mit Meerblick, ein schickes sogar. „Diese Welt verblüfft mich“, sagt Olive. „Ich will sie noch nicht verlassen!“

Olive Kitterigde hat eine feine, sehr eigenartige Melancholie – aber es ist eine sehr reflektierte Traurigkeit, die keine Wehleidigkeit zulässt, sondern trotzig dagegen ankämpft. Sie weiß, dass das Leben hart und ungerecht ist – genau deshalb verachtet sie diese ganze verlogene Scheiße, mit der sich ihre Mitmenschen ihr beschissenes Leben erträglich machen wollen. Ich spüre sehr viel Olive Knitterige in mir.

Aber das ist nicht der einzige Grund, aus dem ich diese Serie empfehle – sie ist einfach gut. Es gibt nicht sehr viele Serien (oder Filme) über das ganz alltägliche Leben, die nicht öde und banal sind. Es geht hier nicht um Mord und Verbrechen und es ist auch kein bisschen lustig. Olive Knitterige besticht mit komplexen Charakteren, die ausnahmslos wahnsinnig gut dargestellt werden – und einer unspektakulären Geschichte, die eben genau so ist, wie das Leben selbst: Es kommt immer anders, als man denkt, aber es wird nicht unbedingt besser. Aber manchmal eben doch. Wenn man sich drauf einlässt.