Modus: Das Böse aus Übersee

Im ZDF läuft sonntags um 22 Uhr derzeit der Vierteiler Modus. Den konnte ich als interessierte Schwedenkrimi-Konsumentin natürlich nicht auslassen. Zumal Melinda Kinnaman mitspielt, eine der großen Schwestern von Joel Kinnaman, der gerade in Hollywood so richtig durchstartet. Aber zurück nach Schweden – wobei, das Buch Gotteszahl von Anne Holt, das Grundlage für diesen Vierteiler hergenommen wurde, spielt eigentlich in Norwegen. Aber das ist eigentlich auch egal, der Mörder jedenfalls ist ein durchgeknallter US-Amerikaner – die Zuschauer wissen von Anfang an, wer der Mörder ist. In Modus geht es also eher darum, wie lange die Kriminal-Psychologin Inger Johanne Vik (Melinda Kinnaman) brauchen wird, um ihm auf die Spur zu kommen.

Modus Bild: zfd.de

Modus Bild: zfd.de

Es ist kurz vor Weihnachten. Johanne (Melinda Kinnaman) ist mit ihren Töchtern zur Hochzeit ihrer Schwester in Stockholm. Während die Erwachsenen feiern, vertreiben sich die Kinder die Zeit mit Fernsehen und Smartphone-Spielen im Hotelzimmer. Johannes ältere Tochter Stina (Esmeralda Struwe) kann nicht einschlafen – und wie sich noch herausstellen wird, ist sie ohnehin ziemlich eigen: Sie ist autistisch und kann nicht gut mit anderen reden – schon gar nicht, wenn es um Gefühle geht. Und wie es der Zufall in Krimis so will, wird Stina Zeugin eines Mordes, der ganz Schweden noch beschäftigen wird: In jenem Hotel wird nämlich die beliebte TV-Köchin Isabella Levin (Julia Dufvenius) umgebracht. Doch sie ist nur das erste Opfer in einer Serie von rätselhaften Morden.

Der Täter sieht Stina, die daraufhin verstört die Flucht ergreift. Sie rennt im Schlafanzug auf die Straße, wo sie fast von einem Lkw überfahren wird – doch ausgerechnet der Mörder (Marek Oravec als Richard Forrester) rettet das Kind im letzten Augenblick und verschwindet dann unerkannt im Dunkel. Als der Kriminalbeamte Ingvar Nyman (Henrik Norlén) eher zufällig am Unfallort auftaucht, ist er längst verschwunden.

Modus: Forrester (Marek Oravec) und Stina (Esmeralda Struwe) Bild: zfd.de

Modus: Forrester (Marek Oravec) und Stina (Esmeralda Struwe) Bild: zfd.de

Wie sich dann herausstellt, haben Johanne und Ingvar eine gemeinsame Vergangenheit, an die sie im Verlauf der Handlung wieder anknüpfen. Warum auch nicht, Johanne ist von ihrem Mann Isak geschieden, der wiederum eine neue Partnerin hat. Johanne war zwischendurch Profilerin beim FBI, hat diesen Job aber aufgegeben, weil sie zu sehr darin aufgegangen ist und darüber ihre Kinder vernachlässigt hat – das ist ein Konflikt, den ich nur zu gut nachvollziehen kann. Es werden ja nun wirklich unerfüllbare Anforderungen an Mütter gestellt, insbesondere, wenn sie darauf angewiesen sind, selbst für sich und die Kinder Geld verdienen zu müssen. Und gerade wenn sie dann noch einen Job haben, in dem sie richtig gut sind, ist es geradezu unvermeidlich, dass es immer wieder knallt und entweder der Job oder die Kinder zu kurz kommen.

Johanne Vik hat sich schließlich für ihre Kinder entschieden und ist ausgestiegen, um jetzt als freie Autorin mehr freie Zeit zu haben (was für eine naive Idee ist das denn? Aber okay, vielleicht geht das mit Büchern über Mörder) Aber natürlich kommt alles ganz anders. Stina ist offensichtlich traumarisiert von dem, was sie erlebt hat, kann es aber nicht mitteilen. Sie schweigt – zumal der Mörder sie aufsucht und ihr droht – offenbar erkennt er aber auch, dass sie anders ist und er sich deshalb darauf verlassen kann, dass sie nichts sagen wird.

Modus: Inger Johanne Vik (Melinda Kinnaman)  Bild: zfd.de

Modus: Inger Johanne Vik (Melinda Kinnaman) Bild: zfd.de

Johanne und Ingvar können sich Stinas Verhalten nicht erklären, die sich jetzt noch eigenartiger benimmt als zuvor – was ich ehrlich gesagt ziemlich schwach für eine ehemalige FBI-Profilerin finde. Aber natürlich ist es schwierig, einen Vierteiler zu machen, wenn die Heldin der Geschichte alles schon im ersten Teil herausfindet.

Isabella Levins Leiche bleibt deshalb zunächst unentdeckt und der Mörder schlägt wieder zu.  Ausgerechnet an Heiligabend tötet er die beliebte, aber auch umstrittene Bischöfin von Uppsala. Ingvar bittet Johanne, ihn als Profilerin bei der Lösung dieses Falles zu unterstützen. Als die besorgte Partnerin der Köchin herausfindet, dass ihre Freundin gar nicht wie geplant bei ihren Kindern war und nach ihr sucht, wird auch die Leiche der TV-Köchin entdeckt. Gibt es einen Zusammenhang zwischen den beiden Morden?

Modus: Ingvar Nyman (Henrik Norlén) Bild: zfd.de

Modus: Ingvar Nyman (Henrik Norlén) Bild: zfd.de

Außerdem hat Johanne mitgekriegt, dass jener rätselhafte Mann, der Stina in jener Nacht gerettet hat, sie aus welchen Gründen auch immer beobachtet – sie ist nun alarmiert und will schon aus Eigeninteresse bei der Aufklärung der Morde helfen – zumal sich nun ja auch herausstellt, dass sie und ihr Kinder am Abend, an dem Isabella erfordert wurden, in der Nähe des Tatorts waren.

Natürlich bleibt es nicht bei diesen beiden Morden – Forrester, der in einen Wohnwagen im tiefverschneiten nordischen Wald lebt und offenbar über jeweils ein spezielles Smartphone, von denen er insgesamt sechs in einer Kiste hat, mit weiteren Morden beauftragt wird, schlägt wieder zu. Wie Johanne noch herausfinden wird, ist er der bewaffnete Arm einer autoritären Sekte, die im liberalen skandinavischen Gesellschaftsmodell den Grund für alles Übel in der Welt sieht: Gleichgeschlechtliche Beziehungen, Regenbogenfamilien und diese ganze beschissene Toleranz der Skandinavier ist Ausdruck der Verderbtheit dieser Welt und muss entsprechend bestraft werden – der Mörder ist im Auftrag des Herrn unterwegs.

Modus: Erik Lindgren (Krister Henriksson) Bild: zfd.de

Modus: Erik Lindgren (Krister Henriksson) Bild: zfd.de

Das ist einerseits interessant, weil genau dieser Offenheit für alternative Lebensmodelle einen großen Teil der hohen Lebensqualität in skandinavischen Ländern ausmacht. Somit löst auch Modus ein, was das Wesen nordischer Krimis ausmacht: Das sie vor allem Gesellschaftsanalysen, Sozialdramen und Beziehungsgeschichten sind. Und obwohl es von all dem in Modus eine Menge gibt, fand ich den Vierteiler am Ende doch nicht so richtig überzeugend – obwohl für die Drehbücher das dänische Autoren-Paar Mai Brostrøm und Peter Thorsboe zuständig war, das bereits für einige internationale Serienhits verantwortlich ist, etwa für  The Team, Der Adler oder Unit One – Die Spezialisten.

Am Ende fand ich die Geschichte doch ziemlich überkonstruiert – keine Frage, es gibt Typen, die einen Haß auf die Gesellschaft haben, es gibt Schwulen- und Lesbenhasser, und es gibt Menschen, die ausflippen, weil sie wollen, dass alles wieder so wie früher ist, in gottgewollter Ordnung, wo jeder weiß, was er oder sie zu tun hat. Die gibt es in jeder Gesellschaft – da braucht man keinen Rächer aus Amerika. Mir gefallen jene skandinavischen Krimis besser, in denen es darum geht, warum sich jemand in der eigenen, ach so offenen und toleranten Gesellschaft entscheidet, zum Verbrecher zu werden – oder jene, die sich damit beschäftigen, warum eben jene Gesellschaft bestimmte Verbrechen einfach nicht in den Griff kriegt. Insofern ist Modus kein besonders gutes Beispiel für einen gelungenen Schwedenkrimi, auch wenn ich Melinda Kinnaman und Henrik Norlén gern bei der Arbeit zusehe. Aber es halt ist keine der Serien, die man gesehen haben muss.

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100 Code: Ein Amerikaner in Stockholm

In der letzten Zeit habe ich die Skandinavier etwas vernachlässigt – wobei ja nun auch nicht jede der erstaunlich vielen schwedischen Krimiserien wirklich gut ist. Diese ganzen Irene-Huss- oder Maria-Wern-Krimis muss ich mir nun wirklich nicht ansehen. Aber auf 100 Code war ich neugierig – eine internationale Serie, die von Sky Deutschland produziert wurde und mit Michael Nyqvist und Dominic Monaghan zwei international bekannte Stars als Ermittler aufbietet.

Michael Nyqvist kennt man aus Kommissar Beck und einer Menge Wallander-Filmen und natürlich aus der Original-Verfilmung der Stig-Larson-Trilogie, in der er den idealistischen Journalisten Michael Blomqvist spielt, der gemeinsam mit der genialen, aber ziemlich gestörten Hackerin Lisbeth Salander sehr vertrackte Verbrechen aufklärt. Dominic Monaghan hingegen kannte ich vor allem aus Lost, wo er das britische One-Hit-Wunder Charlie Pace spielt, Herr-der-Ringe-Fans werden ihn als Hobbit Meriadoc Brandybock kennen.

Thomas Conley (Dominic Monaghan) und Michael Eklund (Michael Nyqvist) in 100 Code

Thomas Conley (Dominic Monaghan) und Michael Eklund (Michael Nyqvist) in 100 Code (Bild via sky.de)

Interessante Mischung, dachte ich mir – ist es tatsächlich auch, natürlich kann der schwedische Kommissar Michael Eklund, der eigentlich den Polizeidienst quittieren will und jetzt noch einen letzten, wie sich herausstellt, überaus komplexen Fall aufgehalst bekommt, seinen Kollegen vom NYPD nicht ausstehen. Und Detective Thomas Conley ist keineswegs der Obersymphat – nicht nur, weil er ständig kotzt, weil ihm vom Fliegen, vom Autofahren und natürlich auch vom übermäßigen Saufen immer schlecht wird.

Er ist auf einer persönlichen Mission und hält sich nicht an die Regeln – als alter Ami lässt er sich von den Schweden nicht entwaffnen, und besonders mitteilsam ist er auch nicht. Eklund muss ihm Details über andere Fälle nach und nach aus der Nase ziehen. Andererseits weiß er auch ein Menge über Fälle, die möglicherweise mit aktuellen Morden in der schwedischen Hauptstadt zu tun haben – so viel, dass Eklund, der Conley nun wirklich nicht leiden kann, seine Chefin überzeugt, dass sie ihn als Experten für Serienmorde in Schweden behalten müssen – denn damit kennen sie sich in Schweden nicht aus.

Und die Morde an jungen, schönen, blonden Mädchen entwickeln sich zu einer schreckliche Serie – vor allem, als sich herausstellt, dass der (oder die) Mörder immer zwei Mädchen töten – eins gleich, brutal und offensichtlich, eins langsam und versteckt. Und immer sind Blumen am Tatort – Affodilgewächse, was die Ermittler auf mythologische Fährten lockt, der Raub Persephones durch den Gott der Unterwelt, Hades.

Das ist alles in allem gar nicht schlecht – Martin Wallström ist übrigens auch dabei, wenn auch nur in einer kleinen Rolle – aber irgendwie auch nicht so richtig gut. Zumindest im Vergleich mit anderen richtig guten Serien – was ich zuvor an Breaking Bad und jetzt an Mr. Robot so gut finde, ist, dass die Handlung wahnsinnig dicht und gut konstruiert ist – es gibt kein überflüssiges Gehampel, um Sendezeit zu schinden. Nicht nur, dass es unglaublich interessante Charaktere, eine spannende Entwicklung und immer wieder tolle Bilder gibt, jeder Satz, jede Geste, jedes Detail hat einen bestimmten Sinn, wie sich im Lauf der Handlung herausstellt.

So genial ist 100 Code nicht, auch wenn sich die Macher durchaus Mühe geben haben, keinen 0/8/15-Krimi abzuliefern. Ich habe jetzt drei Folgen angesehen und bin durchaus gespannt, wie es weiter geht – aber eben nicht völlig hin und weg. Solide Krimikost, wie von Skandinaviern zu erwarten ist – wobei der 100-Code-Autor Bobby Moresco ja US-Amerikaner ist, der für L. A. Crash sogar einen Oscar für das beste Drehbuch bekommen hat. Und einen Haufen anderer Auszeichnungen für andere Drehbücher. Also mal sehen was noch draus wird – es gibt ja immerhin zwölf Teile in der ersten Staffel.

Anno 1790: Historisches Serien-Hightlight aus Schweden

Mit historischen Stoffen ist das immer so eine Sache – eigentlich sehe ich mir so etwas ganz gern an. Die verflossene Pracht, aber auch Kargheit vergangener Zeiten kann faszinieren, ob das nun die harte und blutige Welt der Wikinger in Vikings ist, der nicht weniger brutale und blutige wilde Westen in Deadwood oder die Jugendstil-Dekadenz von Downton Abbey. Natürlich braucht man dann noch eine gute Geschichte, denn die Ausstattung allein tut es nicht – was ja leider das Problem mit Verfilmungen dieser Art im deutschen Fernsehen ist. Da ist die Ausstattung oft fantastisch, aber die Geschichte dazu mehr als dürftig.

Anno 1790 - Bild via kulturdelen.com

Anno 1790 – Bild via kulturdelen.com

Seit dem großartigen Mehrteiler Heimat aus den frühen 80ern fällt mir spontan nichts wirklich Gutes in dieser Richtung mehr ein. Dabei gäbe es doch historische Stoffe ohne Ende, wie beispielsweise die schwedische Serie Anno 1790 aus dem Jahr 2011 zeigt. Das ist eine in jeder Beziehung gelungene Qualitätsproduktion des SVT – ich wünschte, unsere Öffentlich-rechtlichen bekämen wenigstens ab und zu Ähnliches auf die Reihe. Man muss schon ziemlich weit zurück gehen, um vergleichbare Perlen zu finden, wobei es durchaus welche gibt, etwa der historische Mehrteiler Der Winter, der ein Sommer war, den der hessische Rundfunk 1976 produziert hat.

Ich bin auf Anno 1790 gekommen, weil mir Blutsbande gut gefallen hat, insbesondere Joel Spira als Oskar Waldemar – und in Anno 1790 spielt er Simon Freund, den Freund und Gehilfen von Johan Gustav Dåådh, der wiederum von Peter Eggers dargestellt wird. Wieder ein Schwede, den ich mir unbedingt merken muss – anders als Arn, der Kreuzritter ist der Cast von Anno 1790 nicht mit inzwischen international bekannten schwedischen Filmstars gespickt. Was aber gar nicht schlimm ist, denn Anno 1970 ist durchweg toll besetzt. In Schweden gibt es offenbar noch eine ganze Reihe weiterer guter Schauspieler.

Screenshot Anno 1790: Johan Gustav Dåådh (Peter Eggers)

Screenshot Anno 1790: Johan Gustav Dåådh (Peter Eggers)

Leider gibt es die Serie derzeit nur in der schwedischen Originalfassung auf DVD – mit grafisch schlecht aufbereiteten englischen Untertiteln, was die Sache dann etwas anstrengend macht. Ich kann nur hoffen, dass arte bald auf die Idee kommt, dieses Serien-Juwel unbedingt ausstrahlen zu müssen – es wäre ganz hervorragend für den Serien-Donnerstagabend geeignet.

Denn im Jahre 1790 war schließlich schwer was los in Europa: Aufklärung kontra Standesdenken, Glaube gegen Gedankenfreiheit – in Paris hatte das Volk die Bastille gestürmt und die Monarchie gestürzt. Auch wenn vieles nicht gut lief mit der französischen Revolution, so hatte sie doch gezeigt, dass das gemeine Volk eine Macht ist, mit der man rechnen muss: Die gefährliche Idee von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit ging um in Europa.

Screenshot Anno 1790: Simon Freund (Joel Spira)

Screenshot Anno 1790: Simon Freund (Joel Spira)

Und sie gelangt auch nach Schweden – allerdings wird sie dort von der Obrigkeit nach Kräften unterdrückt. Alle Menschen sollen gleich sein – wo kämen wir denn da hin?! Und am Ende kommen dann auch noch die Frauen an und wollen die gleichen Rechte wie die Männer – das wäre ja nun eindeutig gegen die von Gott gewollte Ordnung. Und der Mensch hat sich nun mal in erster Linie an das zu halten, was Gott und dem König gefällt.

Die Serie beginnt mit dem Ende eines der vielen schwedisch-russische Kriege – der Chirurg Johan Gustav Dåådh hat als Feldarzt zahlreichen Soldaten in diesem für beide Seiten weitgehend nutzlosen Krieg das Leben gerettet und will sich eigentlich auf den Weg nach Göteborg machen, als er auf den letzten Drücker noch ein paar Verletzte zusammenflicken muss. Unter ihnen ist Simon Freund, der Dåådh das Versprechen abringt, ihn zurück nach Stockholm zur Familie Wahlstedt zu bringen. Dåådh lässt sich darauf ein und liefert den genesenden Freund in Stockholm ab. In der Hauptstadt gerät er wegen seiner medizinischen Kenntnisse in eine Morduntersuchung – denn Carl Fredrik Wahlstedt ist der Polizeichef von Stockholm und hat gerade den für sein Quartier zuständigen Inspektor verloren. Weil Doktor Dåådh ganz offensichtlich ein vernünftiger Mensch ist, dazu auch noch gebildet, intelligent und gut erzogen, bietet Wahlstedt ihm kurzerhand den Job als Quartiers-Inspektor an.

Screenshot Anno 1790: Magdalena (Linda Zilliacus) und Carl Fredrik Wahlstedt (Johan H:son Kjellgren)

Screenshot Anno 1790: Magdalena (Linda Zilliacus) und Carl Fredrik Wahlstedt (Johan H:son Kjellgren)

Durch seine medizinischen Kenntnisse ist Dåådh tatsächlich in der Lage, scheinbar rätselhafte Todesfälle kompetent aufzuklären. Aber Dåådh ist nicht nur ein für seine Zeit sehr guter Arzt mit vielseitigen wissenschaftlichen Interessen, sondern auch Republikaner, der für die Ziele der französischen Revolution viel Sympathie empfindet. Überhaupt ist er ein Rationalist, der wenig für den christlichen Glauben und das Branntweintrinken übrig hat. Ganz im Gegensatz zu Simon Freund, der eigentlich Hauslehrer bei der hochangesehenen und einflussreichen Familie Wahlstedt ist.

Screenshot Anno 1790: Johan Gustav Dåådh (Peter Eggers)

Screenshot Anno 1790: Johan Gustav Dåådh (Peter Eggers)

Dåådh wird nun in eine Welt aufgenommen, die gar nicht die seine ist, aber als intelligenter und vernünftiger Mensch macht er das beste daraus. Natürlich spielt die schöne Frau Wahlstedt (Linda Zilliacus) bei seiner Entscheidung, den Job als Quartiers-Inspektor anzunehmen, eine nicht unwesentliche Rolle – auch von Anfang an wenn klar ist, dass diese Schwärmerei niemals Erfüllung finden wird. Dåådh lässt sich überzeugen, dass er in seiner neuen Position Gutes bewirken kann, auch wenn er eigentlich nicht für das Regime arbeiten will, das er als überkommen ablehnt.

Screenshot Anno 1790: Dåådh (Peter Eggers) bei der Arbeit

Screenshot Anno 1790: Dåådh (Peter Eggers) bei der Arbeit

Genauso wie Freund, der als Pietist einem Glauben anhängt, der gerade nicht en vogue ist, sondern verfolgt und unterdrückt wird, begreift, dass er von Dåådh eine Menge lernen kann. Natürlich will er seinem Retter auch etwas zurück geben, also ist er ihm in vielen Dingen behilflich, auch wenn ihn das immer wieder in Gewissenskonflikte bringt. Zwischen den beiden sehr unterschiedlichen Männern entwickelt sich eine eigenwillige, aber tiefe Freundschaft, die immer wieder auf die Probe gestellt wird. So will Dåådh Freund das Trinken abgewöhnen, was dem gar nicht gefällt. Dafür missbilligt Freund die unsittliche Lebenseinstellung von Dåådh, der nicht nur revolutionärem Gedankengut gegenüber aufgeschlossen ist, sondern auch eine schöne französische Revolutionärin nicht abweist, die der Ansicht ist, dass sie als Frau das Recht hat, sich einen Liebhaber zu wählen. Keine Frage, den feschen Dåådh würde so manche Frau gern in ihrem Bett haben. Aber alles in allem ist Dåådh natürlich ein Ehrenmann, der einer Frau nicht zu nahe tritt, wenn sie das nicht wünscht – gleiches Recht für alle.

Screenshot Anno 1790: Obduktion bei Kerzenschein

Screenshot Anno 1790: Obduktion bei Kerzenschein

Im Grunde haben wir hier eine schwedische Sherlock-und-Dr. Watson-Variante – und zwar eine, die sehr gut funktioniert. Dåådh ist zwar intellektuell und technologisch auf der Höhe der Zeit – so besitzt er neben seinem medizinischen Gerät auch ein sehr nützliches Fernglas, aber er ist weder so egozentrisch, noch so arrogant wie Sherlock Holmes. Und Simon Freund ist kein Doktor, sondern ein sehr korrekter und etwas mürrischer Kerl mit erstaunlich vielen Talenten. Sein Schicksal ist es, ewig in der zweiten Reihe zu stehen – während Dåådh dank seiner neuen Position zu den Abendgesellschaften der höheren Kreise eingeladen wird, muss der arme Freund draußen auf ihn warten. Obwohl er die Wahlstedts doch schon viel länger kennt.

Screenshot Anno 1790: Freund und Dåådh recherchieren

Screenshot Anno 1790: Freund und Dåådh recherchieren

Was mir an Anno 1790 besonders gefällt ist, dass es eben nicht nur wieder eine Krimiserie ist, die zur Abwechslung mal in historischem Gewand daher kommt. Es geht zwar auch um die Aufklärung von Verbrechen, aber Anno 1790 bietet sehr viel mehr. Es wird mit viel Aufwand und Liebe zum Detail ein sehr lebendiges Bild dieser Umbruchzeit vermittelt, die einerseits so unendlich weit zurückzuliegen scheint und andererseits die auch heute bekannten typisch menschlichen Probleme beschreibt.

Die meisten Menschen mussten damals unter einfachsten Bedingungen leben und waren schutzlos der Willkür der Herrschenden ausgeliefert – so wird gleich am Anfang ein armer Knirps, der auf dem Markt einen Apfel geklaut hat, in den Kerker geworfen. Dåådhs grausamer Vorgänger lässt den Jungen auspeitschen, um einen anderen Gefangenen zum Reden zu bringen. Dabei hat selbst zu jener Zeit der schwedische König die Folter als Instrument der Wahrheitsfindung schon verboten. Aber wie man inzwischen weiß, befleißigt sich ausgerechnet der Geheimdienst der freiheitlichsten Nation unserer Erde noch immer ähnlicher Methoden, aber das nur am Rande.

Screenshot Anno 1790: Fru Wahlstedt (Linda Zilliacus)

Screenshot Anno 1790: Fru Wahlstedt (Linda Zilliacus)

Dåådh jedenfalls ist kein Freund von Gewalt und versucht deshalb, das System durch seine Arbeit von innen her zu verändern. Obwohl seine Verhör-Methoden bei den Folterknechten alter Schule auf Befremden stoßen. Aber Dåådh geht es nicht darum, einfach einen Schuldigen zu finden, was wesentlich effektiver wäre, denn wenn man einen armen Wicht nur lange genug bedroht, gibt er irgendwann alles zu. Dåådh dagegen will wirklich verstehen, was passiert ist. Das irritiert die alte Garde.

Gleichzeitig wollen seine früheren Freunde aus den klandestinen Freidenker-Zirkeln ihrerseits nicht verstehen, warum Dåådh jetzt auf der anderen Seite steht – schließlich arbeitet er jetzt für die alten Mächte, die sie stürzen wollen. Natürlich ergibt sich daraus noch eine Menge Konfliktpotenzial. Denn der gemäßigte Dåådh setzt nicht auf den blutigen Umsturz, sondern auf Aufklärung und Bildung.

Screenshot Anno 1790: Dåådh und seine heimliche Liebe

Screenshot Anno 1790: Dåådh und seine heimliche Liebe

Aber sonst geht es ziemlich zur Sache, Dåådh hat eine Menge Verbrechen aufzuklären. Es gibt politische Morde, Morde aus Habgier und Eifersucht, es gibt windige Scharlatane, die ihren Opfern unter Hypnose Geheimnisse entlocken, um sie später zu berauben, es gibt arme, elternlose Kinder, die erst für krumme Geschäfte missbraucht und dann tot auf den Misthaufen geworfen werden, es gibt Pfaffen, die ihre Schützlinge missbrauchen und ihnen dann wegen angeblicher Gewissensbisse die versprochene Belohnung vorenthalten und verzweifelte Mädchen, die sich nach einer Vergewaltigung umbringen wollen, weil sie ja niemandem erklären können, warum sie schwanger sind. Und natürlich gibt es auch den brutalen Säufer, der seine Familie drangsaliert, bis sie ihn irgendwann quasi in Notwehr beiseite schafft.

Ja, das waren schlimme Zeiten – und besonders erschreckend ist, wie wenig sich letztlich geändert hat. Global gesehen. Nicht nur, dass Habgier und Eifersucht nicht auszurotten sind. Vor allem gibt noch immer Mädchen, auf die Attentate verübt werden, nur weil sie in die Schule gehen wollen. Und auch hierzulande nimmt die Ungleichheit nicht ab, sondern weiter zu. Es gibt wenige sehr Reiche und immer mehr Arme. Gerichtsurteile noch immer nach dem Geldbeutel des Angeklagten gefällt: Das mehrfache Klauen von einem Stück Käse oder einer Tafel Schokolade im Supermarkt wird ähnlich hart bestraft wie Hinterziehung von Millionen an Steuergeldern. Hierzulande müssen Frauen nicht mehr ihr Leben für eine Abtreibung riskieren – aber wo anders auf der Welt sterben weiterhin viele Frauen im Kindbett oder an einer Abtreibung, weil entweder das Geld für eine vernünftige medizinischen Versorgung fehlt oder weil die Gesellschaft noch immer frauen- (und damit menschenfeindlich) ist. Seit dem Jahr 1790 hat sich in dieser Hinsicht erschreckend wenig getan.

Screenshot Anno 1790: Simon Freund

Screenshot Anno 1790: Simon Freund

Gut, das geht jetzt weit über diese Serie hinaus – aber genau das ist es, was ich so gut daran finde. Dass in Laufe der Handlung all diese Fragen aufgeworfen werden. Anno 1790 ist nicht explizit politisch. Es werden einfach Dinge gezeigt, die zu der Zeit so stattgefunden haben könnten. Aber genau weil wir heute vergleichen können, was sich inzwischen geändert hat und was nicht, ist es so ernüchternd. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – was haben Revolution und Aufklärung tatsächlich gebracht?

Okay, Freiheit ist inzwischen durchgesetzt: Die meisten Menschen sind frei, und zwar von allem, was sie zum Leben brauchen. Gleich sind die Menschen theoretisch vor dem Gesetz, praktisch sind die Reichen aber gleicher, und das in jeder Hinsicht: Sie haben tatsächlich, was sie zum Leben brauchen. Damit sind wenigstens sie frei, zu tun was ihnen beliebt. Und Brüderlichkeit? Oder gender-konformer: Geschwisterlichkeit? Nix da. Nicht nur, dass jeden Tag mehr Menschen im Mittelmeer ersaufen, auch innerhalb der Festung Europa ist Solidarität Mangelware.

Anno 1790 - bei den Dreharbeiten (Bild: svt)

Anno 1790 – bei den Dreharbeiten (Bild: svt)

Insofern sind Dåådh und seine Freunde trotz ihrer oft harten Lebensumstände wirklich zu beneiden – sie konnten wenigstens noch daran glauben, dass sich die Gesellschaft mit mehr Aufklärung, Bildung und Demokratie tatsächlich zum Besseren wandeln würde. Heute erleben wir, wie die Errungenschaften von mehr als zweihundert Jahren oft blutigem Kampf um bessere Lebensbedingungen fürs Volk von den Herrschenden einfach wieder zusammengetreten werden.

Hauptdarsteller Peter Eggers über Anno 1790 (auf Englisch)

Exit – Wirtschaftskrimi trifft Psychopathenthriller

Es gibt immer wieder Filme, bei denen ich sehr erstaunt bin, dass sie der allgemeinen Aufmerksamkeit bisher entgangen sind – genau wie ich mich wundere, dass niemand in Deutschland I skuggan av värmen kennt, wundere ich mich, dass der schwedische Thriller Exit nicht einmal einen englischen Wikipedia-Eintrag hat – und selbst der schwedische Eintrag ist ziemlich dürftig. Dabei spielen mit Mads Mikkelsen und Alexander Skarsgård gleich zwei international bekannte Schauspieler mit, die auch in den USA mittlerweile Kultstatus erreicht haben.

Mads Mikkelsen ist spätestens seit seiner Rolle als Hannibal Lector in der Serie Hannibal einem internationalen Millionenpublikum ein Begriff und Alexander Skarsgård dürfte einer der Erfolgsfaktoren sein, denen True Blood ein vergleichsweise langes Leben über sieben Staffeln verdankt – der zum Kapitalismus konvertierte Wikingerfürst Erik Northman ist gewiss einer der populärsten Vampire derzeit. Interessant übrigens, dass im gleichen Jahr, in dem Casino Royale mit Mads Mikkelsen als Bösewicht neu verfilmt wurde, auch Exit entstand. Es handelt sich ebenfalls um einen Action-Thriller, allerdings ziemlich viele Nummern kleiner als der traditionell sehr bombastische Bond, allerdings ebenfalls sehr spannend. Exit beginnt als Wirtschaftskrimi und endet im Grunde, wie er angefangen hat – diese Art von Lakonie schätze ich sehr: Trotz der dramatischen Ereignisse in der Zwischenzeit geht alles wieder seinen gewohnten Gang.

Cover DVD Exit via http://www.cineasten.de

Cover DVD Exit
via http://www.cineasten.de

Der Geschäftsmann Thomas Skepphult (Mads Mikkelsen) hat den Höhepunkt seiner Karriere erreicht: Seine Investmentfirma Nova Investment bereitet den Verkauf ihrer Beteiligung an der Softwareschmiede Cataegis vor – denn wie Thomas weiß, soll man verkaufen, wenn alles richtig gut läuft: Dann kann man den höchsten Preis erzielen. Und scheinbar läuft alles ganz prima. Aber der weißrussische Käufer macht plötzlich Zicken: Er deutet an, dass er auf Unregelmäßigkeiten gestoßen ist, die im Zusammenhang mit dem vermeintlichen Selbstmord eines wichtigen Cataegis-Managers stehen. Das ist zwar schon eine Weile her, aber sehr ärgerlich – zumal es tatsächlich Unregelmäßigkeiten gab, von denen Thomas zumindest gewusst haben muss. Denn der Zuschauer weiß, dass Thomas dabei war, als Morgan Nordenstråle sich den Kopf weggeschossen hat. Und man kann davon ausgehen, dass Nordenstråle entsprechend unsaubere Geschäfte gemacht hat.

Zur gleichen Zeit offenbart Thomas Partner und Mentor Wilhelm Rahmberg ihm, dass er sich zur Ruhe setzen will. Für Thomas kommt das überraschend – er will die Firma nicht allein leiten. Doch bevor es zu einer geregelten Übergabe kommt, wird Wilhelm brutal ermordet. Und nach Ansicht der Polizei ist Thomas hochgradig verdächtig: Weil die beiden Partner sich ihre Anteile an der Firma gegenseitig zu sehr günstigen Konditionen überschrieben haben, falls einem von beiden etwas passiert, profitiert Thomas vom Tod seines Partners. Für die Polizei ist die Sache damit ziemlich klar – zumal die Tatwaffe eine Brechstange aus Thomas Garage ist, auf der sich natürlich auch seine Fingerabdrücke befinden. Andererseits finde ich aber schon, dass die Polizei schon darauf kommen könnte, dass wenn einer wie Thomas seinen Partner loswerden wollte, bestimmt nicht so blöd sein würde, ein solches Werkzeug mit Fingerabdrücken darauf zu benutzen und dann auch noch am Tatort zurückzulassen.

Aber geschenkt – der Film entwickelt einen großen Teil seiner Dynamik gerade daraus, dass sich die Ermittler relativ schnell auf Thomas als Täter einschießen, und weil sie ihn für den Mörder halten und genervt sind, dass er nicht wie gewünscht kooperiert, sondern auf seine Unschuld beharrt und seinen Anwalt anrufen will, sind sie auch nicht besonders kooperativ. Als Thomas endlich telefonieren darf, wird der Anruf zu einem Unbekannten umgeleitet, der Thomas droht, seiner Frau Anna und seiner Tochter Ebba etwas anzutun, wenn er ihm nicht die Zugangsdaten zu seinem eigentlich geheimen Bankkonto gibt, auf dem er Geld für schlechte Zeiten zurückgelegt hat.

Blöd nur, dass ihm auch das niemand glaubt – Thomas hat seinen Anwalt nicht erreicht, aber jede Mengen Stress, weil er seine Frau warnen will, aber nicht mehr telefonieren darf. Für ihn ist klar, er muss sofort hier raus! Kurze Zeit später gelingt Thomas die Flucht aus dem Polizeigewahrsam. Nun beginnt ein verzweifelter Wettlauf gegen die Zeit – Thomas will seine Familie und sein Geld schützen, hat aber nicht nur einen durchgeknallten Psychopathen am Hals, der sich offenbar sehr gut in Thomas Privatleben auskennt, sondern wird auch im ganzen Land als flüchtiger Verbrecher gesucht. Er muss untertauchen und hat letztlich nur noch seinen dänischen Cousin Preben Smed, der für seine Hilfe ein gepfeffertes Honorar verlangt und seinen jungen Mitarbeiter Fabian von Klerking, der ganz offensichtlich viel von Thomas hält.

Als Thomas heraus bekommt, dass Morgan Nordenstråle offenbar noch lebt, versucht er, ihn zu finden – was einerseits keine schlechte Idee ist, denn Nordenstråle steckt tatsächlich sowohl hinter dem Mord an Wilhelm Rahmberg als auch der Erpressung. Allerdings stellt sich schnell heraus, dass Thomas seinen Gegner ein wenig unterschätzt hat und gerät in immer haarsträubendere Situationen, aus denen er sich nun mit viel Glück und Geschick herauswinden kann – und so schleppt er sich zunehmend ramponiert immer weiter, einem mir dann doch wieder zu quälend ausgewalztem Finale entgegen, bei dem der altehrwürdige Landsitz der Familie seiner Frau in Flammen aufgeht, die Thomas natürlich in aller-allerletzter Sekunden retten kann, während der fiese Nordenstråle dann doch endlich mal sein verdammtes Leben aushaucht.

Mads Mikkelsen als Thomas Skepphult in Exit, Schweden 2006

Mads Mikkelsen als Thomas Skepphult in Exit, Schweden 2006 via cinema.de

Fabian unterdessen musste auch einiges riskieren, um an die gesuchte Videokassette zu kommen, auf der zu sehen ist, wie Nordenstråle den Manager ermordet, der sich angeblich umgebracht hat. Fabian ist nämlich kein Verbrecher und völlig damit überfordert, dass der schon ziemlich mitgenommene Thomas ihm eine Waffe in die Hand drückt, und ihm aufträgt, unbedingt diese Aufnahme aufzutreiben. Aber Fabian kriegt das dann doch irgendwie hin und entdeckt anhand einer Spiegelung gegen Ende der Aufnahme, dass Thomas ebenfalls anwesend gewesen sein muss, als die Aufnahme entstand…

Alles in allem also solide schwedische Thrillerkost, bei der sich ein Mann den Schatten seiner Vergangenheit stellen muss und dabei fast alles verliert – sich aber am Ende dann doch behaupten kann. Aber etwas anderes hätte man von einem Mads Mikkelsen auch nicht erwartet. Besonders wenn er einen Freund wie Alexander Skarsgård hat. Ja, besonderen Spaß macht natürlich, den tollen Hauptdarstellern bei ihrer Arbeit zuzusehen. Ansonsten auch hier wieder wunderbar durchexerziert, dass die Handlung meistens die denkbar schlechteste Wendung nimmt, und Thomas Skepphult seine Lage über weite Strecken des Films konsequent verschlechtert – aber am Ende darf er sein neues altes Leben zurück. Das geht okay.

Weitere Eindrücke gibt es hier: mariberlyn.tumblr.com

Kommissar Winter: Feinsinniger Snob auf Verbrecherjagd

Ein echter Geheimtipp ist Sachen Schweden-Krimi ist meiner Ansicht nach Kommissar Winter. Nein – das hat nichts mit meinem eigenen Nachnamen zu tun, das ist selbstverständlich reiner Zufall. Der Erfinder von Erik Winter, der Journalist und Autor Åke Edwardson, gehört in seiner Heimat Schweden neben Henning Mankell, Stieg Larson, Liza Marklund, Arne Dahl oder Jens Lapidus zu den erfolgreichsten Krimi-Autoren. Wie ich finde, auch völlig zu recht – literarisch gefällt er mir nach Sjöwall/Wahlöö am besten – ja, auch besser als Mankell. Wobei die Bücher von Mankell durchaus zu den besseren der Krimi-Literatur gehören, die diese Bezeichnung verdient. Aber mir geht der Weltschmerz des Kurt Wallander gelegentlich schon auf die Nerven, und auch, dass Mankell bei der Plot-Konstruktion und auch actiontechnisch manchmal doch sehr dick aufträgt. Noch mehr auf die Nerven geht mir allerdings, dass gefühlt jeder zweite in Deutschland ausgestrahlte Schweden-Krimi ein Wallander ist – inzwischen dürften sämtliche Mankell-Krimis mindestens drei Mal verfilmt worden sein und wenn in den Öffentlich-Rechtlichen gerade die Tatort-Wiederholungen durch sind, wiederholt man halt Wallander.

Aber nun zurück zu Kommissar Winter. Meine Recherchen haben ergeben, dass die ersten sechs Bücher bereits in zwei Staffeln für das schwedische Fernsehen verfilmt wurden, aber die Filme bisher nicht nach Deutschland vorgedrungen sind. Die Verfilmungen der darauf folgenden vier Bücher der Kommissar-Winter-Reihe mit Magnus Krepper als Erik Winter wurden auf arte ausgestrahlt – daher kenne ich sie. Und weil sie mir gefallen haben, musste ich mir dann auch sämtliche Bücher bestellen – was sich beim Lesen als absolut lohnende Investition herausgestellt hat.

Screenshot Kommissar Winter

Screenshot Kommissar Winter

Edwardson ist dezenter als Mankell – er geht mehr in die Details. Und er investiert viel Zeit in die Zeichnung seiner Charaktere – die Geschichten dümpeln immer wieder vor sich hin, wenn Erik Winter darüber sinniert, wie er gerne leben würde – oder wie man eigentlich leben sollte. Oder wie der oder diejenige lieber hätte leben wollen oder sollen, um die gerade seine Gedanken kreisen, weil er einen Fall zu lösen hat. Ich kann verstehen, dass gerade Liebhabern der sonst üblichen Krimis (Action!) das auf die Nerven gehen kann – aber für mich macht gerade das den Reiz an den Kommissar-Winter-Büchern aus. Edwardson benutzt viele Metaphern, auch Bilder, die auf den ersten Blick nicht ganz zusammen passen, aber genau deshalb um so präziser ausdrücken, was seine Figuren fühlen und denken – Erik Winter ist ein sehr intuitiver Mensch. Er kann sich in andere Menschen einfühlen – diese Fähigkeit hilft ihm oft weiter als die rein rationale Analyse von Fakten. Die überlässt er den Kollegen von der Spurensicherung. Genau wie der Autor selbst ist sein Kommissar Winter ein Meister der freien Assoziation. Gerade, wenn man mit herkömmlichen Mitteln nicht mehr weiter kommt, legt Winter eine Jazz-CD auf und lässt seinen Gedanken freien Lauf – und siehe da, plötzlich bekommt alles einen Sinn, wenn auch oft einen ganz anderen.

Screenshot Kommissar Winter

Screenshot Kommissar Winter: Rotes Meer – der Tatort

Anders als in vielen Kritiken beschrieben, die ganz offensichtlich von Autoren verfasst wurden, die weder die Bücher gelesen, noch die Filme wirklich gesehen hatten, ist Erik Winter eben kein ungewaschener Einzelgänger, der überaus brutale Fälle im Alleingang löst, sondern ein sehr zivilisierter, überaus sozialer Snob, der nicht nur mit seinen Leuten von der Göteburger Kripo (nein, nicht Stockholm, wie gelegentlich zu lesen ist) ein gutes, meist freundschaftliches Verhältnis pflegt, sondern auch internationale Freundschaften unterhält, etwa mit seinem schottisch-stämmigen Londoner Kollegen Steve MacDonald, der in den Romanen immer wieder auftaucht. Denn Erik Winter kennt sich gut aus in London – schon weil er sich seine Schuhe dort anfertigen lässt. Er spricht perfekt Englisch, trägt gern teure Anzüge und kann den Jahrgang eines guten Whiskys am Geschmack erkennen. Und er raucht Zigarillos – was mit der Zeit zum echten Problem wird, weil es seine Sorte irgendwann in Schweden nicht mehr zu kaufen gibt. Und: Er fährt Mercedes, nicht Volvo. Und das in der alten Volvo-Stadt!

Screenshot Kommissar Winter - Rotes Meer: Erik (Magnus Krepper) und Bertil Ringmar (Peter Andersson)

Screenshot Kommissar Winter – Rotes Meer: Erik (Magnus Krepper) und Bertil Ringmar (Peter Andersson)

Mit den Jahren wird Erik solider – er hatte mal ein Verhältnis mit der Gerichtsmedizinerin, die ja irgendwie auch seine Kollegin ist, entscheidet sich dann für die Ärztin Angela Hoffman (Amanda Ooms), die mit ihrem Vater, einem Arzt, aus der DDR nach Schweden gekommen ist. Aber natürlich ist Angela durch und durch Schwedin, genau wie seine Kollegin Aneta Djanali (Sharon Dyall), deren Eltern aus Obervolta, jetzt Burkina Faso, eingewandert sind. Ja, Aneta ist noch viel schwedischer, schließlich ist sie in Göteborg zur Welt gekommen, wie sie immer wieder betont. Dass die schwarze Aneta ausgerechnet mit Fredrik Halders zusammen, später irgendwann auch wieder auseinander kommen wird, ist eine typische Ironie der Erik-Winter-Romane. Denn Fredrik Halders ist ein klassischer weißer Bulle, randvoll mit Vorurteilen und Aggressionen – und wird in den aktuellen Verfilmungen von Jens Hultén gespielt, der in GSI Göteborg den brutal-schlitzohrigen Gangsterchef Seth Rydell darstellt.

Screenshot Kommissar Winter - Rotes Meer: Fredrik Halders (Jens Hultén) und Aneta Djanali (Sharon Dyall)

Screenshot Kommissar Winter – Rotes Meer: Fredrik Halders (Jens Hultén) und Aneta Djanali (Sharon Dyall)

Fredrik hat beispielsweise lebenslänglichen Spielverbot in der Fussball-Liga der schwedischen Polizei, weil er einen Schiri zusammengetreten hat, nachdem der sich mal zu Ungunsten seiner Mannschaft geirrt hat. Außerdem hat er ein Abo auf rassistische und sexistische Witze – aber eigentlich ist er gar nicht so übel. Er hat zwei halbwüchsige Kinder, die den Tod ihrer Mutter nicht verkraftet haben – sie wurde am helllichten Tag auf dem Bürgersteig von irgendeinem Arschloch überfahren, das es offenbar sehr eilig hatte. Auch Fredrik verkraftet das nicht, obwohl sie sich zuvor getrennt hatten. Ausgerechnet Aneta findet Zugang zu Fredrik und seinen Kindern. Natürlich geht das auf Dauer auch nicht gut – aber was ist schon von Dauer in einem Menschenleben. Es kommt auf die Zeit an, in der etwas geht. Das Leben geht weiter. Menschen verändern sich – das ist eins der großen Themen bei Åke Edwardson und genau das gefällt mir.

Screenshot Kommissar Winter - Rotes Meer: Schwierige Befragung der Familie eines Opfers

Screenshot Kommissar Winter – Rotes Meer: Schwierige Befragung der Familie eines Opfers

Erik Winter entwickelt sich vom brillanten Überflieger – der jüngste Kriminalkommissar in ganz Schweden! – zum feinsinnigen Snob, der sich nicht binden will, entdeckt später aber das Familienleben, auch wenn das Grundstück am Meer, wo irgendwann einmal das Familienheim gebaut werden soll, ewig brach liegt. Der Weg ist das Ziel. Denn eigentlich ist die Stadtwohnung im Zentrum von Göteborg doch sehr praktisch und groß genug für ihn, Angela und ihre beiden gemeinsamen Töchter Elsa und Lilly. Oder sollen sie gleich nach Spanien gehen? Eriks Eltern sind vor Jahren schon vor der schwedischen Steuer und dem schwedischen Winter an die Costa del Sol geflohen. Angela könnte dort im Krankenhaus sogar Chefärztin werden – Eriks Mutter Siv wäre so glücklich darüber, wenn ihre Enkelinnen in der Nähe wären.

Aber irgendwie ist es ja auch an der Costa del Regen ganz nett, wie Erik Göteborg irgendwann einmal nennt. Als er zur Beerdigung seines Vaters, mit dem er sich vor Jahren überworfen hatte, nach Marbella fährt, entdeckt er, dass er eigentlich ein Nordmann ist: Dieser ewige Sommer, diese ewige Sonne, das ist auf Dauer nichts für ihn. Man kann zwar zum Frühstück schon harte Drinks bestellen – aber es reicht auch, wenn man in der sanften Abenddämmerung von Göteborg trinkt. Die ja früh genug fällt, zumindest im Winter – und es ist mindestens ein halbes Jahr lang Winter, auch wenn in es Göteborg selbst gar nicht so viel Schnee gibt – was Erik manchmal bedauert. Weil er dort besser denken kann, richtet er eine Außenstelle seines Büros in seiner Lieblingsbar ein – in die er später dann auch seine inzwischen-Frau samt Tochter einlädt, wenn ihm danach ist. Denn auf sein gewohntes Leben verzichten will er auch nicht völlig – „du willst den Kuchen essen und ihn gleichzeitig behalten“, sagt ein alter Bekannter irgendwann.

Screenshot Kommissar Winter - Rotes Meer: Familie Winter am Meer.

Screenshot Kommissar Winter – Rotes Meer: Familie Winter am Meer.

Der erste Fall der mit Magnus Krepper verfilmten Bücher ist Rotes Meer – von der Romanreihenfolge her kommt davor eigentlich Zimmer Nr. 10 – vermutlich wollte man aber nicht mit einem dermaßen mysteriösen Fall einsteigen, sondern erstmal was Handfesteres bringen, wobei auch in den Bänden davor sehr harte Fälle zu lösen sind. In Rotes Meer (Vänaste Land) findet ein Taxifahrer in den frühen Morgenstunden in einem Kiosk drei Leichen, denen mit Schrotmunition die Gesichter weggeschossen wurden – es stellt sich heraus, dass es sich um den nigerianischen Ladenbesitzer Jimmy Foro, seine kurdische Aushilfe Hiwa Aziz und den Iraner Said Rezaid handelt. Als Winter Rezaids Frau mitteilen will, dass ihr Mann tot ist, stellt sich heraus, dass sie ebenfalls ermordet wurde. Die Ermittlungen gestalten sich schwierig, zum einen, da immer wieder ein Dolmetscher nötig ist, um die betroffenen Familien zu befragen, zum anderen, weil in dem verslumten Vorort ohnehin keiner das Bedürfnis hat, mit der Polizei zu reden. Die kriminelle Szene, die sich dort breit gemacht hat, lässt den feinen Kommissar deutlich spüren, dass er dort nicht erwünscht ist.

Screenshot Kommissar Winter - Rotes Meer:

Screenshot Kommissar Winter – Rotes Meer: Der Informant ist tot.

Winters Intuition sagt ihm, dass es sich nicht um ein Hatecrime mit rassistischem Hintergrund handelt, wie Fredrik Halders sofort vermutet, sondern um etwas Komplizierteres. Und es wird kompliziert – bis zur Lösung des Falls werden Winter und sein Team an ihre Grenzen gebracht – dabei wollte sie eigentlich gemeinsam mit den Familien das Mittsommerfest feiern, was neben Weihnachten das wichtigste Fest in Schweden ist. Aber wie soll man feiern, wenn einer der wenigen Informanten aus der Göteborger Szene mit durchgeschnittener Kehle aufgefunden wird? Erik Winter musste seinen Kollegen von der Drogenfahnung mühsam überzeugen, ihm diesen Kontakt zu vermitteln und jetzt ist der Mann tot. Jetzt kommt es auf den einzigen Zeugen an, von dem Winter vermutet, dass er in jener Nacht etwas gesehen hat – ein kleiner Junge, der ständig auf seinem Fahrrad unterwegs ist und immer dann verschwindet, wenn Winter auftaucht…

Screenshot Kommissar Winter - Rotes Meer: Der einzige Zeuge

Screenshot Kommissar Winter – Rotes Meer: Der einzige Zeuge

Der Hypnotiseur: Erstaunliche Parallelen

Es ist nicht leicht, immer eine neue Geschichte zu erfinden und ich habe wirklich nichts dagegen, wenn eine gute Geschichte noch einmal erzählt wird: Eine bereits bekannte Geschichte kann in einer neuen Variante durchaus wieder gut werden. Wie an anderer Stelle schon gesagt, bin ich gegenüber Remakes, durchaus aufgeschlossen – es gibt ja nun wirklich gelungene Neuverfilmungen. Man muss das Rad nicht immer wieder neu erfinden, es reicht, wenn man es gelegentlich verbessert.

Trotzdem bin ich andererseits immer wieder erstaunt, wie wenig wirklich neue Geschichten es zu geben scheint. Genauso ist es mit Charakteren – wenn man mal eine richtig gute Figur aufgebaut hat, muss man sie nicht immer wieder neu erfinden, sondern kann sie einfach immer wieder was Neues erleben lassen. Und es kommt auch vor, dass man einer Figur aus der einen Geschichte in einer anderen wieder begegnet – und je mehr man sich damit beschäftigt, desto mehr erkennt man wieder.

Screenshot: Der Hypnotiseur - winterliches Stockholm.

Screenshot: Der Hypnotiseur – winterliches Stockholm.

Das geht nicht nur mir so. Neulich las ich irgendwo in einem Blog, wie sich jemand darüber wunderte, wie viel von Detective Holder aus The Killing doch in diesem Frank Wagner aus GSI Göteborg stecken würde – was ich ziemlich lustig fand, denn es ging um die erste Staffel von GSI Göteborg, die in den USA zwar nicht sehr bekannt sein dürfte, die aber von 2009 ist und gewiss eine Visitenkarte für Joel Kinnaman war, der daraufhin im US-Remake von Forbrydelsen eben jenen Stephen Holder spielen durfte.

Insofern wurde eher Frank Wagner in The Killing importiert als umgekehrt. Andererseits – im Frank Wagner der zweiten GSI-Staffel von 2012 steckt vermutlich dann doch einiges von Stephen Holder, den Kinnaman seit 2010 verkörpert hat. Holder wiederum ist eine Neuauflage von Jan Meyer aus der dänischen Serie Forbrydelsen (Bei uns als Kommissarin Lund – das Verbrechen bekannt) nur dass die Autoren des Remakes dem zweiten Ermittler eine interessantere Rolle zugedacht haben als im Original. In Staffel 3 und 4 emanzipierte sich The Killing von der dänischen Vorlage – diese Staffeln waren durchaus etwas eigenes, auch wenn die Serienschreiber die Charaktere und die Stimmung der beiden vorangegangenen Staffeln übernommen und weiter entwickelt haben – die Markenzeichen von The Killing blieben erhalten: Sarah Linden und ihre Strickpullover, Stephen Holder mit den in den Kniekehlen hängenden Jeans und sein Kaputzenpulli, was dazu passt, dass Holder fließend Hiphop spricht. Und das düstere, regnerische, durch und durch deprimierende Seattle, in dem rätselhafte Verbrechen geschehen.

Screenshot: Der Hypnotiseur - Mikael Persbrandt als gescheiterter Psychiater.

Screenshot: Der Hypnotiseur – Mikael Persbrandt als gescheiterter Psychiater.

Als Fan sowohl des Originals als auch des Remakes war ich durchaus glücklich mit der vierten Staffel, in der die Serie um Sarah Linden und Steppen Holder mit einem neuen, finalen Fall einen vernünftigen Abschluss fand, auch wenn ich nicht in jeder Hinsicht mit dem Staffelende einverstanden war. Um so überraschter war ich jedoch, als ich jetzt den schwedischen Thriller Der Hypnotiseur aus dem Jahr 2012 sah. Auch wenn in diesem Fall natürlich vieles anders als war in der vierten Staffel von The Killing, verblüffen doch die Parallelen: Eine Familie wird auf brutale Weise von einem offenbar total durchgeknallten Täter ausgelöscht – nur der Sohn überlebt schwer verletzt.

Die Ermittler, in Falle von The Killing Linden und Holder, im Fall des Hypnotiseurs sind es der Stockholmer Kommissar Joona Linna (Tobias Zilliacus) und der titelgebende Psychologe Erik Maria Bark (Mikael Persbrandt), stehen vor einem Rätsel: Wo ist bitte das Motiv für ein solches Blutbad? Andererseits liegt auf der Hand, dass die Lösung des Falls in der Familiengeschichte der Opfer zu finden sein muss. Und natürlich haben die Ermittler jeweils auch einen Haufen privater Probleme – hier liegen die größten Unterschiede zwischen den Geschichten in Seattle und der in Stockholm.

Screenshot: Der Hypnotiseur - Tobias Zilliacus als Kommissar Joona Linna.

Screenshot: Der Hypnotiseur – Tobias Zilliacus als Kommissar Joona Linna.

Während Holder und Linden in erster Linie damit beschäftigt sind, zu vertuschen, wie der Fall in der Staffel zuvor ausgegangen ist, weil sie den Rest ihres Lebens nicht im Knast zu verbringen wollen, haben wir beim Hypnotiseur wieder eine Paraderolle für Mikael Persbrandt, dieses Mal als genialen, aber dennoch gescheiterten Psychiater, der ohne starke Schlafmittel keine Ruhe mehr findet, sonst aber sehr vieler Dinge müde ist. Ich muss gleich dazu sagen, dass es nicht der beste Persbandt-Film ist, den ich je gesehen hätte. Und auch nicht beste Lasse-Hallström-Film, denn kein anderer hat beim Hypnotiseur Regie geführt. Gilbert Grape – Irgendwo in Iowa oder Schiffsmeldungen fand ich deutlich besser.

Genzugenommen handelt es sich um einen eher durchschnittlichen Schweden-Thriller, wobei ein durchschnittlicher Schweden-Thriller in der Regel aber auch schon deutlich besser ist, als ein durchschnittlicher Deutschland-Thriller. Was mich einmal mehr zu der Frage bringt, warum das eigentlich so ist. Ja, es ist düster und kalt in Schweden, der Hypnotiseur spielt im verschneiten Stockholm, da muss man gar nicht viel Aufwand treiben, um eine entsprechende Stimmung herzustellen. Aber das ist es nicht allein: Während mir die privaten Probleme deutscher Ermittler unglaublich auf die Nerven gehen, gehören sie bei den Schweden selbstverständlich dazu. Im Grunde ist jeder ordentliche Schweden-Krimi in erster Linie ein Familiendrama, und zwar immer gleich auf mehreren Ebenen: Die Familienprobleme der Ermittler, die Familienprobleme der Kollegen, und natürlich die Familienprobleme, die bei Opfern und Tätern ans Licht kommen, menschliches Drama, wo man nur hinschaut, da ist doch ganz klar, dass die ganze Zeit schreckliche Dinge passieren müssen.

Screenshot: Der Hypnotiseur - die Ärztin Daniela (Helena af Sandberg) mit Linna und Bark

Screenshot: Der Hypnotiseur – die Ärztin Daniela (Helena af Sandberg) mit Linna und Bark

Deutsche Ermittler dagegen sind in der Regel keine Familienmenschen – sie leben nur für die Arbeit. Man muss nur die Liste der Tatort-Kommissare mal durchgehen. Mir fällt da bei den Dutzenden von Ermittlern außer Freddy Schenk keiner ein, der eine richtige Familie hätte – es gibt einige wenige Teilzeit-Eltern mit Kind, aber ohne Lebenspartner. Und manchmal hat einer auch eine Freundin, aber das wars dann schon. Familie und Beruf sind in Deutschland halt schwer vereinbar, das gilt auch für den Krimi. Für Familienprobleme gibt es hierzulande andere Genres – das ist halt die deutsche Art, alles muss schön ordentlich in Schubladen sortiert werden. Und Familie und Verbrechen gehören nicht in die selbe Schublade, auch wenn man eigentlich wissen müsste, dass das im wahren Leben ganz anders ist. Da sind die Schweden und (auch die Amis) einfach ehrlicher: Die meisten Verbrechen finden innerhalb von Familien statt, wenn es nicht gerade um organisierte Kriminalität im globalen Maßstab geht.

Screenshot: Der Hypnotiseur - Erik und seine Frau Simone (Lena Olin)

Screenshot: Der Hypnotiseur – Erik und seine Frau Simone (Lena Olin)

Zurück zu den ermordeten Familien in Stockholm und in Seattle: In beiden Fällen stellt sich im Laufe der Ermittlungen heraus, dass der überlebende Sohn der Täter sein muss. Denn es handelt sich gar nicht um einen leiblichen Sohn der Familie, sondern um ein adoptiertes Kind. Und in beiden Fällen spielt die leibliche Mutter des Sohnes eine nicht gerade vorteilhafte Rolle bei der ganzen Sache – wobei ich Colonel Margaret Rayne, die immerhin noch versucht hat, ihren Sohn nach seiner Wahnsinnstat zu beschützen, insgesamt deutlich glaubwürdiger fand als das durchgeknallte Psychowrack von Mutter, die den Sohn des Hypnotiseurs entführt, um sich an dem Arzt rächen, der sie – wie man sieht, auch völlig zu recht – als verrückt in die Klapse eingewiesen hat. Insofern muss ich sagen: Lasse Hallström hin und Mikael Persbrandt her – in diesem Fall hat das Team von The Killing die bessere Version der Geschichte erzählt.

Arne Dahl – Misterioso: Das A-Team auf schwedisch

Eine Serie von Attentaten, bei denen gezielt Männer aus der schwedischen Wirtschaftselite ermordet werden, erschüttert das Land. Die schwedische Polizei richtet eine Sonderermittlungsgruppe ein, in der sehr unterschiedliche Ermittler die Verbrechen mit offensichtlich internationalen Verwicklungen aufklären und weitere Anschläge verhindern sollen. Das in aller Eile zusammengewürfelte Team muss sich aber selbst erst einmal zusammen raufen, denn die Mitglieder sind zwar alle auf ihre Weise hervorragende Polizisten, aber nicht unbedingt die geborenen Teamplayer.

Screenshot Arne Dahl - Misteroso: Gunnar und Jorge.

Screenshot Arne Dahl – Misteroso: Gunnar und Jorge.

Da ist zum einen der durch einen eigenmächtigen Einsatz mit Schusswaffengebrauch in Ungnade gefallene Paul Hjelm (Shanti Roney). Er hat einen verzweifelten Asylbewerber niedergeschossen, der seinerseits in der dafür zuständigen Behörde Mitarbeiter mit einem Gewehr bedroht hatte, um die drohende Abschiebung seiner Familie zu verhindern. Allerdings wird sich später bei der üblichen internen Untersuchung des Falles noch herausstellen, dass sein Verhalten als angemessen beurteilt wird – er hat den Mann nicht umgebracht und Gefahr von weiteren Personen abgewendet. Aber das weiß Hjelm noch nicht, was seine neue Chefin Jenny Hultin (Irene Lindh) durchaus für ihre Zwecke ausnutzt.

Screenshot Arne Dahl - Misteroso: Jenny Hultin

Screenshot Arne Dahl – Misteroso: Jenny Hultin

Außerdem sind da noch die Verhörspezialistin Kerstin Holm (Malin Arvidsson), der alte Haudegen Viggo Norlander (Claes Ljungmark), der sich noch nicht zum alten Eisen abschieben lassen will und wild darauf ist, dem öden Innendienstleben zu entfliehen, der pragmatische Gunnar Nyberg (Magnus Samuelsson), der arrogante, aber brillante Aarto Söderstedt (Niklas Åkerfelt), der seine vielen Kinder der Einfachheit halber durchnummeriert („Papa, du hast die Nummer fünf vergessen!“) und der Computer- und Mafiaspezialist Jorge Chavez (Matias Varela), der sich außerdem noch als kenntnisreicher Jazzmusiker entpuppt. Mich hat allerdings anfangs sehr irritiert, dass Jorge Chavez ausgerechnet mit der Stimme von Frank Wagner aus GSI Göteborg spricht – Matias Varela ist nun mal ein ganz anderer Typ als Joel Kinnaman, den ich durch GSI mit der Stimme von Konstantin Graudus verbinde, obwohl ich die eigentlich etwas zu hoch und zu glatt für den oft zweifelnden und zunehmend verzweifelten Frank fand. Jetzt muss ich immer an Frank denken, wenn Jorge spricht.

Screenshot Arne Dahl - Misteroso: Paul, Kerstin und Jorge

Screenshot Arne Dahl – Misteroso: Paul, Kerstin und Jorge

Die Idee, einen Fall über organisierte Kriminalität und internationale Verbrechen an einer Jazzrarität aufzuhängen, bekommt von mir einen ganzen Haufen Bonuspunkte – denn die an einem der Tatorte gefundene CD mit einem Stück von Thelonius Monk liefert am Ende die entscheidende Spur. Aber bis dahin gibt es eine Menge anderer Verwicklungen – da war zum Beispiel noch der rätselhafte Überfall auf eine Kleinstadt-Bank, bei dem einer der Bankräuber durch einen sehr speziellen Dartpfeil zu Tode kam, und natürlich haben die Ermittler auch Familien und entsprechende Beziehungsprobleme – oder leiden im Fall von Gunnar Nyberg darunter, dass sie keinen Kontakt mehr zur Familie haben.

Screenshot Arne Dahl - Misteroso: Kerstin, Aarto, Viggo und Jorge

Screenshot Arne Dahl – Misteroso: Kerstin, Aarto, Viggo und Jorge

Alles in allem also wieder schwedische Krimikost vom Feinsten – mir gefällt, dass die unterschiedlichen Ermittler alle ihre Chance bekommen, auf ihre Weise zur Klärung des Falles beizutragen – auch wenn das nicht immer gut ausgeht. So hat Viggo („Das ist das altdänische Wort für Kämpfer!“) durchaus den richtigen Riecher, als er Jenny überzeugt, dass er unbedingt nach Estland fahren muss, um dort eine entsprechende Spur zu verfolgen. Allerdings nageln ihn die Verbrecher, denen er folgt, an eine altestnische Fabrikhallenwand – ein Glück nur, dass sein Freund und Kollege von der estnischen Polizei so etwas schon vorausgesehen hat, und ihn mit einem Polizeikommando da wieder rausholt, bevor noch Schlimmeres passiert.

Screenshot Arne Dahl - Misteroso: Das A-Team im Einsatz

Screenshot Arne Dahl – Misteroso: Das A-Team im Einsatz

Mir gefällt auch, dass – wie in skandinavischen Serien generell – auch interessante Rollen für reifere Frauen gibt. Jenny Hultin ist nicht nur eine mit allen Wassern gewaschene, sondern auch eine extrem coole Polizei-Chefin – die im Laufe der weiteren Folgen noch sagen wird: „Polizeipräsidentin? Für den Job bin ich doch viel zu kompetent!“ Außerdem zeigt sie ihrem alten Freund vom FBI, wie ihre raffinierte kleine schwedische Sonderermittlungsgruppe mal eben einen Fall löst, an dem sich das FBI jahrzehntelang die Zähne ausgebissen hat.

Dass die schwedischen Krimis oft sehr international sind, ist auch etwas, das mir gut gefällt – in Deutschland haben wir ja eher den Trend zu Regionalisierung – es gibt inzwischen zum Teil gar nicht mal so schlechte Eifelkrimis – „Mord mit Aussicht“ ist nicht zufällig eine der meistgesehenen deutschen Fernsehserien überhaupt, auch wenn mir das alles viel zu beschaulich ist. Und es gibt mittlerweile eine kaum mehr zu überschauende Auswahl an Nordseekrimis, Allgäukrimis, Spreewaldkrimis und so weiter – selbst das alte Krimi-Flaggschiff Tatort wird immer provinzieller. Dabei sollte man doch annehmen, dass die Globalisierung eben auch zu Internationalisierung von Verbrechen führt – das kommt im deutschen Krimi aber immer weniger vor. Mir fällt seit dem leider ja nicht so wahnsinnig erfolgreichen, weil eben auch nicht so richtig guten, aber trotzdem doch ganz ordentlichen Zehnteiler Im Angesicht des Verbrechens von 2010 keine deutsche Krimi-Serie ein, in der internationales organisiertes Verbrechen eine Rolle spielen würde – wobei das doch genau die Verbrechen sind, bei den es zum einen ums ganz große Geld geht und zum anderen eben auch um richtig schlimme Dinge: Drogenhandel, Waffenhandel, Menschenhandel, Zwangsprostitution, Missbrauch aller Art, Geldwäsche und so weiter – aber offenbar will sich kein deutscher Serienproduzent an solchen Dingen die Finger verbrennen. Das ist einerseits sehr schade, andererseits gibt es ja die Schweden.

Screenshot Arne Dahl - Misteroso: Paul Hjelm.

Screenshot Arne Dahl – Misteroso: Paul Hjelm.