Mein erstes Jahr mit Netflix

Das erste Jahr mit Netflix ist vorbei – und die Fernsehrevolution hat zumindest bei mir nicht statt gefunden. Aber um fair zu sein muss ich natürlich klar stellen, dass ich auch vor Netflix schon sehr wenig im klassischen Fernsehen angesehen habe – die Sachen, die ich sehen möchte, will ich ohne Werbeunterbrechungen sehen und zwar dann, wenn ich Zeit und Lust dazu habe.

Das bedeutet, dass ich ohnehin fast alle Serien und Filme aufnehme und von Festplatten aus auf meinen noch nicht so richtig smarten, aber streaming-tauglichen Fernseher spiele. Mir zwischen unerträglichen Werbespots eine Serie häppchenweise in den Mund zählen zu lassen ist für mich unvorstellbar. Entsprechend habe ich keine Ahnung, wo in meiner Programmauswahl die Privatsender zu finden sind. Interessiert mich einfach nicht. Und auch die öffentlich-rechtlichen Programme interessieren mich zunehmend weniger, wobei ich ab und zu mal auf Phoenix oder ZDFneo hängen bleibe oder eine Doku auf einem der Dritten ansehe. Gut finde ich vor allem, dass über mein Apple TV neben Netflix jetzt auch die arte-Mediathek abgerufen werden kann. Damit habe ich fast alles, was ich brauche.

Fernsehe - der Imperativ mit der klassischen Note

Fernsehe – der Imperativ mit der klassischen Note


Und nun zu Netflix: Mein Hauptproblem ist, dass ich viele der guten Serien, die es auf Netflix gibt, schon gesehen hatte, bevor Netflix bei uns an den Start gegangen ist. Damit wurde die Sache weniger spannend, auch wenn es natürlich noch einige neue Highlights gibt, etwa Sense8 oder jetzt Narcos. Und ehrlich gesagt finde ich einige der momentan gehypten Netflix-Serien gar nicht so gut – in Orange Is The New Black habe ich mehrfach reingesehen – aber ich finde die Geschichte weder besonders lustig noch sonst bemerkenswert. Auch mit Daredevil oder Hemlock Grove werde ich nicht warm – vielleicht bin ich einfach zu alt dafür. Und die dritte Staffel von Lilyhammer war leider auch enttäuschend, obwohl die ersten beiden Staffeln durchaus ihre Höhepunkte hatten.

Ähnlich geht es mir mit dem Netflix-Flaggschiff House of Cards. Diese Serie finde ich gar nicht schlecht, insbesondere die erste Staffel, aber schon die zweite wurde etwas mühsam und die dritte, nun ja, Lars Mikkelsen als russischer Präsident ist natürlich sehenswert, aber hier wird das Problem, das ich schon mit den ersten beiden Staffeln hatte, nämlich, die Hauptfiguren keine interessante Entwicklung durchmachen, sondern von Anfang an Arschlöcher sind, die nie etwas anderes tun, als sich gegenseitig für die eigenen Ziele zu benutzen, wirklich grundsätzlich: Wie will man die Handlung noch so vorantreiben, dass ein Sog entsteht, wenn die Figuren das nicht leisten können?!

Ich finde Kevin Spacey und Robin Wright toll, aber ihre Charaktere sind einfach nicht so interessant wie Walt und Skyler White in Breaking Bad. Da haben Bryan Cranston und Anna Gunn einfach die besseren Karten gehabt. Da hat mir das andere Flaggschiff Sense8 besser gefallen – obwohl das bestimmt auch nicht jedermanns Sache ist. Aber ich mag nun man die Wachowskis und ich mag Tom Tykwer, und mir gefiel die Idee sehr gut, eine Geschichte mit acht Protagonisten zu machen, die in völlig unterschiedlichen Welten leben, aber auf seltsame Weise miteinander verbunden sind. Auf Narcos bin ich sehr gespannt, aber derzeit habe ich einfach nicht so viel Zeit, weshalb ich derzeit ja auch weniger schreibe.

In der zweiten Reihe gibt es auf Netflix durchaus eine ganze Menge sehenswerter Serien, Luther etwa, The Killing, Broadchurch, Deadwood, Person of Interest, um nur einige zu nennen, ansonsten fand ich einige erfreuliche Überraschungen im Doku-Bereich, etwa Chef’s Table. Bei der Filmauswahl überwiegen eindeutig die Lücken – aber Netflix will nach eigener Aussage ja auch kein Vollsortimenter sein, bei dem es gibt, was es überall sonst auch gibt, sondern Spezialist für besondere Inhalte. Nun ja. Ob das auf Dauer ausreichen wird, um in der Konkurrenz gegen Amazon, Maxdome oder Watchever zu bestehen, bleibt abzuwarten – ich werde mein Netflix-Abo erstmal behalten, zumal ich ja auch Kinder habe, die es intensiv mit nutzen – insofern lohnen sich die 8,99 Euro pro Monat allemal.

Obwohl ich eine Sache ganz schlimm finde: Netflix verweigert hartnäckig den Offline-Modus. Das bedeutet, dass ich mir unterwegs, etwa im Zug, wo die WLAN-Nutzung in absehbarer Zeit ein Glücksspiel mit eher schlechten Chancen bleiben wird, die Sachen, die ich sehen möchte, halt aus anderen Quellen als Netflix besorgen und auf meinen Laptop laden muss – genau, was laut Netflix angeblich zu kompliziert ist. Zu kompliziert für Netflix vielleicht, aber nicht für Serien-Profis, die dann eben auf Alternativen ausweichen. Wenn dann im nächsten Jahr die angekündigte Preiserhöhung auf für Bestandskunden kommt, werde ich gewiss noch einmal drüber nachdenken.

Advertisements

Das Spiel mit dem, was sein könnte

Es tut mir ja leid, dass mein Blog derzeit etwas monothematisch und somit eher ein Mr-Robot-Promo-Blog ist, aber das liegt vor allem daran, dass ich erstens momentan gar nicht so viel Zeit zum Seriensehen und -kritisieren habe. Zum anderen ist es natürlich schon so, dass es derzeit außer Mr. Robot auch nichts gibt, was mich wirklich vom Hocker reißt. Zu True Detective muss ich wohl gelegentlich etwas Prinzipielles schreiben, aber diese zweite Staffel zündet bei mir einfach nicht: Auch der vierte Teil war wieder nicht schlecht, aber eben auch nicht so hypnotisch-genial wie die erste Staffel. Obwohl, jetzt wo ich darüber nachdenke, Deutschland 83 gibt es natürlich auch noch.

Elliot (Rami Malek)  und die versprochen letzte, allerletzte Line Morphi

Elliot (Rami Malek) und die versprochen letzte, allerletzte Line Morphin

Doch jetzt erstmal das Wichtigste: Auch in dieser Woche war das lange öde Warten irgendwann endlich vorbei und es gab eine neue neue Folge von meiner neuen Lieblingsserie. Und eps_1.3 da3m0ns.mp4.mp4 war wieder ganz besonders gut. Sie beginnt damit, dass Elliot sich eine letzte, versprochen, allerletzte Line Morphin reinzieht. Schließlich hat er seine Gründe dafür: „Ich habe eine klinische Depression, Sozialphobie, einen Tagjob, einen Nachtjob – und verwirrende Beziehungen. Und ich habe mir das alles so ausgesucht.“

Der arme Kerl hat es nun wirklich nicht leicht – aber er kämpft.

Elliot will über einen Rasberry Pi Steel Moutain hackenElliot will über einen Rasberry Pi Steel Moutain hackenElliot will über einen Rasberry Pi Steel Moutain hackenElliot will über einen Rasberry Pi Steel Moutain hacken

Elliot will über einen Raspberry Pi Steel Moutain hacken

Und dann erklärt er seinen Mitstreitern von der fsociety seinen Plan: Anstatt die Gas-Anlage in der Nähe des Rechenzentrums in Steel Mountain zu sprengen, will Elliot die Klima-Anlage hacken und eine Überhitzung herbeiführen, die sämtliche Datenträger zerstört. Die anderen sind skeptisch, aber die Zeit wird knapp: Aus Sicherheitsgründen will Evil Corps seine Backup-Daten in den nächsten Tagen auf fünf hochsichere Rechenzentren verteilen – völlig ausgeschlossen, sie alle gleichzeitig zu hacken.

Der Steel-Mountain-Hack muss also in den kommenden zwei Tagen statt finden – danach wird eine komplette Zerstörung der Evil-Corp-Daten unmöglich. Insofern sehen alle ein, dass dringender Handlungsbedarf besteht. Elliot schlägt vor, einen Rasberry Pi in der Anlage zu installieren, über den fsociety Zugriff auf das nicht so gut geschützte Netzwerk für die Steuerung der Klimaanlage bekommen könnte. Doch wie bekommt man den Minicomputer in eine solche Festung wie Steel Mountain?

Darlene (Carly Chairkin)  und Trenton (Sunita Mani) von fsociety

Darlene (Carly Chairkin) und Trenton (Sunita Mani) von fsociety

Elliot meint, dass er selbst sich dort einschmuggeln könnte. Jetzt sind die anderen erst echt skeptisch – dass Elliot nicht gerade in Hochform ist, ist ihm deutlich anzusehen. „Ich erkenne einen Junkie, wenn ich einen sehe!“ erklärt Romero, der eigentlich fürs Social Engineering zuständige Hacker. Doch Mr. Robot gibt Elliot freie Hand: Er hat Elliot als zentralen Bestandteil des Plans, Evil Corp zu zerstören, in die fsociety eingeführt, also soll Elliot bestimmen, wie er ausgeführt wird.

Romero (Ron C. Jones) ist von Elliots Plan nicht überzeugt

Romero (Ron C. Jones) ist von Elliots Plan nicht überzeugt

Aber Elliot ist derzeit gar nicht in der Lage dazu, er wird von seine Dämonen verfolgt und gequält. Spätestens jetzt wird klar, wie sehr seine Sucht ihn schon im Griff hat – eps_1.3 da3m0ns.mp4.mp4 ist zu weiten Teilen ein surrealer Drogentrip, was ich ganz großartig finde. Elliot, der seine innere Welt bisher so sorgfältig gegen die äußere Welt abgeschirmt und immer Kontrolle über alles gehabt hat, verliert im entscheidenden Moment die Kontrolle über sich selbst: Er ist einfach nur noch ein zitterndes, schwitzendes Wrack, dem die ganze Zeit schreckliche Dinge zustoßen. Schon ärgerlich, dass er den einzigen Dealer, der sein Entzugsmittel Suboxone dealt, hinter Gitter gebracht hat. Elliot ist jetzt wirklich am Arsch.

Elliot (Rami Malek) wird mit allen seinen Dämonen konfrontiert.

Elliot (Rami Malek) wird mit seinen Dämonen konfrontiert.

Er leidet unter schrecklichen Halluzinationen, sein Fisch QWERTY erklärt ihm, wie beschissen sein kleiner Weltausschnitt in Elliots Zimmer doch ist – später darauf liegt er gebraten in einem Nobelrestaurant auf dem Teller und Angela erklärt, dass er ganz delikat schmecke – Angela erlebt, wie wir wissen derzeit ja einen ganz realen Höllentrip, doch dazu später. Denn Elliots Halluzinationen nehmen einen großen Teil der vierten Folge ein – aber sie sind nur auf den ersten Blick verwirrend, sondern insgesamt sehr assoziativ und aufschlussreich – ganz große Literatur, wenn es denn ein Roman wäre.

Elliot auf Entzug - das Haus seiner Eltern existiert nicht

Elliot auf Entzug – das Haus seiner Eltern existiert nicht

Bezeichnend auch, dass er auf der Suche nach seinem Elternhaus nur eine grasbewachsene Baulücke findet und einen Zettel, der an einen Mast gepinnt ist: 404-Fehler. Auch im wörtlichen Sinne hat Elliot einige Schlüsselerlebnisse – ein kleiner Schlüssel taucht in seinen Traumbildern immer wieder auf, er bekommt ihn, bevor er seine fsociety-Maske aufsetzt. Dann wird ihm ein Stück Rasberry Pie – Pop’s famous Raspberry Pie – ein Gruß von seinem verstorbenen Vater – serviert. Elliot probiert ein Stück, er hat plötzlich wieder diesen Schlüssel im Mund, spukt ihn aus und schaut ihn an – Angela fällt ihm um den Hals und sagt ja, als ob er um ihre Hand angehalten hätte. Sie sagt ihm später, als sie sich in Hochzeitsklamotten in der fsociety-Spielhalle wieder sehen, aber auch, dass sie nur gesagt hätte, was sie Leute von ihr hören wollten. Und dass sie nicht daran glaubt, das er die Welt verändern würde. Er sei ja erst vor einem Monat auf die Welt gekommen.

Mr Robot - ohne Worte

Mr Robot – ohne Worte

Dann gibt sie ihm den Schlüssel zurück und sagt, dass er nicht passt. Also Elliot verwirrt fragt, warum das so sei, erklärt Angela, dass das doch offensichtlich ist: Er sei gar nicht Elliot. Dafür ist aber das Nobelrestaurant, wenn man genau hinsieht, eigentlich das Büro von Allsafe, mit seinen Arbeitsplätzen und dem Serverschrank, in dem die Server im Hintergrund vor sich hin blinken.

Elliot wacht in der Dunkelheit auf und glaubt, dass er ganz allein sei, aber Mr. Robot versichert ihm, dass er bei ihm bleiben wird, sie gingen zusammen durch das alles bis zum Ende. Und jetzt frage ich mich plötzlich, ob Mr. Robot überhaupt real ist…

Elliot bekommt die Lieblingsspeise seines Vaters - Raspberry Pie

Elliot bekommt die Lieblingsspeise seines Vaters – Raspberry Pie

Während Elliot sich in irgendeinem Hotelzimmer durch den Entzug leidet und wir eine ganze Menge über seine verstörende innere Welt erfahren, ohne dabei unterscheiden zu können, was real ist und was nicht, versucht Angela verzweifelt, ihn zu finden. Sie bzw. ihr Freund Ollie werden von unbekannten Hackern gezwungen, das System von Allsafe mit eben jener CD zu infizieren, die auch schon ihren Computer zuhause verseucht hat – ansonsten drohen die Unbekannten, sämtliche persönliche Daten inklusive Konto- und Kreditkartendaten der beiden an den Höchstbietenden zu verkaufen. Aber weil Angela genauso wie Elliot jetzt weiß, dass Evil Corp von der Gesundheitsgefährdung, der ihre Eltern ausgesetzt gewesen sind, gewusst und also ihre Erkrankung und ihren Tod bewusst in Kauf genommen hat, setzen ihre Skrupel aus.

Schlüsselerlebnisse mit Angela (Portia Doubleday)

Schlüsselerlebnisse mit Angela (Portia Doubleday)

Zudem Angela auf ihrer Suche statt Elliot nur Shayla angetroffen und die Angela erstmal zur Beruhigung eine ihrer guten Pillen gegeben hat. Am Ende einer mit Shayla durchgefeierten Nacht geht Angela in die Firma und installiert den Trojaner in System von Allsafe. Dabei beweist sie echte badass-Qualitäten: Angela benutzt dafür nämlich nicht ihre, sondern Ollies Dienstausweis. Den sie schon am Morgen eingesteckt haben muss – offensichtlich hatte sie die ganze Zeit schon vor, zu tun, was die unbekannten Erpresser verlangen.

Wie sich inzwischen auch durch eine andere Sequenz, in der die beiden fsociety-Hackerinnnen Darlene und Trenton auf der Suche nach Darlenes Dark-Army-Kontakt sind, heraus gestellt hat, ist Darlenes (Ex-?)Freund Cisco nicht nur ihr Mann bei der Dark Army, sondern niemand anders der nervige Straßenmusiker, der Angela und Ollie die CD mit dem Trojaner aufgeschwatzt hat. Damit ist Angela also längst ein Teil des Plans – und es drängt sich die Frage auf, ob das am Ende nicht von Anfang an so gewesen ist: War sie es nicht, die Elliot einen Job bei Allsafe verschafft hat..?

Angela sucht Elliot und findet Shayla (Frankie Shaw)

Angela sucht Elliot und findet Shayla (Frankie Shaw)

Man kann natürlich auch unzufrieden sein, dass die eigentliche Handlung – der große Steel-Mountain-Hack – in dieser Folge kaum vorangetrieben wurde. Aber das macht meiner Ansicht nach ja gerade den Unterschied zwischen Mr. Robot und so vielen anderen Serien aus, in denen jede Menge Action abgespult wird, um immer noch einen drauf zu setzen. Diese andere Erzählweise ist gerade das, was mir so gut gefällt: Sind die Dinge wirklich so, wie Elliot sie sieht?

Angela (Portia Doubleday) und Shaykla (Frankie Shaw) kommen sich näher

Angela (Portia Doubleday) und Shaykla (Frankie Shaw) kommen sich näher

Einerseits ist er nun wirklich ein Superchecker, der viel über die Welt und die Menschen weiß, und damit tatsächlich vielen überlegen ist. Aber andererseits ist er ein depressiver Junkie, der furchtbar an der Welt und am Leben leidet, und sich deshalb ständig mit seinen Drogen betäuben muss. Was ich durchaus verstehen kann – es ist unglaublich schwer auszuhalten, dass alles in dieser Welt so schlecht eingerichtet ist und irgendwie keinen Sinn hat. Die Frage ist, was man bzw. Mr. Robot am Ende draus macht. Welchen Sinn wird Elliots Leiden in dieser Episode am Ende haben? Es bleibt mir ja jetzt wieder eine Woche Zeit, um darüber nachzudenken…

Angela ist Teil des Plans...

Angela ist Teil des Plans…

Под Прикритие – Undercover

Bisher hatte ich Bulgarien als Fernsehland nicht auf dem Schirm und schon gar nicht als Herkunftsort besonderer Krimi-Serien. Aber mit Undercover (Pod Prikritie/Под Прикритие) haben die Bulgaren eine wirklich bemerkenswerte Krimi-Serie ins Rennen geschickt. Die Geschichte erinnert ein bisschen an GSI Göteborg – es geht auch um einen verdeckten Ermittler, der sich in Verbrecherkreise einschleust und in ständiger Gefahr lebt, entdeckt und umgebracht zu werden. Aber anders bei der GSI handelt es sich hier um einen echten Ein-Fall-Mehrteiler, in dem sich ein großer Handlungsbogen durch eine komplette Staffel zieht und nicht wie bei der GSI um jeweils abgeschlossene Teile, die zwar aufeinander aufbauen, die man aber auch einzeln ansehen kann.

Ivaylo Zahariev als Martin Hristov in Undercover, Bulgaria 2011

Ivaylo Zahariev als Martin Hristov in Undercover, Bulgaria 2011

Und im Gegensatz zum schwedischen Frank Wagner, der als ehemaliger Kleinganove eher zufällig in sein Doppelleben als Gang-Mitglied und Polizei-Informant gerutscht ist, wurde der junge bulgarische Polizist Martin Hristov (Ivaylo Zahariev) von seinem Mentor und Führungsoffizier Emil Popov (Vladimir Penev) – sozusagen der Johan Falk in Undercover – jahrelang für diese heikle Mission ausgebildet. Popov arbeitet bereits seit mehr als 10 Jahren daran, die Machenschaften der bulgarischen Mafia aufzudecken.

Allerdings stammt auch Martin aus einem zweifelhaften Milieu – Emil Popov hat ihn als Jungen aus einem Heim für Schwererziehbare rausgeholt und auf eine Sportschule geschickt, dort hat Martin neben Disziplin auch Boxen gelernt. Vermutlich auch aus Dankbarkeit gegenüber Popov hat sich Martin danach für eine Karriere bei der Polizei entschieden – und zwar für eine sehr spezielle. Er wird für seine Ausbildung sogar nach Frankreich geschickt.

Screenshot Undercover: Martin und Emil

Screenshot Undercover: Martin (Ivaylo Zahariev) und Emil (Vladimir Penev)

Popov hat Großes mit seinem Zögling vor: Er will an den einflussreichen Mafiaboss Petyr „Jaro“ Tudjarov (Mihail Bilalov) heran, der in allen dreckigen Geschäften des Landes seine Finger hat. Jaro war selbst einmal Polizist, und zwar einer der intelligentesten. Er hat beste Verbindungen in die höchsten Kreise, er geht gern in die Oper, trainiert Aikido und kocht vorzüglich. Er ist sehr vorsichtig, sehr nachtragend und eiskalt.

Es gelingt Martin, sich in Jaros Gang einzuschleichen – schließlich ist er ein geübter Schläger mit soliden Nehmerqualitäten – das „Bewerbungsgespräch“ bei der Mafia endet damit, dass er sich furchtbar verprügeln lassen muss. Wobei das absolut sachgerecht ist, denn Martin begibt sich jetzt in eine Welt aus Verbrechen und Gewalt – wer da nicht hart ist, kann nicht überleben. Die logische Frage von Jaro ist also: Ist Martin hart genug für einen Job bei ihm?

Emil Popov (Vladimir Penev) wartet auf Martin Hristov (Ivaylo Zahariev

Emil Popov (Vladimir Penev) wartet auf Martin Hristov (Ivaylo Zahariev

Augenscheinlich ja: Martin kriegt den Job und kann auf diese Weise Insider-Informationen beschaffen, die er seinem Chef zukommen lässt. Um die Mission nicht zu gefährden, ist sie natürlich so geheim, dass außer Martin nur Emil Popov weiß, dass sie überhaupt statt findet – was beiden eine Menge Schwierigkeiten bereitet, denn Popov muss seine übereifrigen Kollegen bei der Polizei immer wieder daran hindern, den vermeintlichen Verbrecher Martin aus dem Verkehr zu ziehen, bevor sie genügend Informationen über Jaros Geschäfte und stichhaltige Beweise für seine illegalen Machenschaften beisammen haben. Woraufhin sich die Kollegen mitunter schon fragen, was denn eigentlich mit diesem Popov los ist – so ganz auf der Höhe scheint ihr Chef nicht mehr zu sein.

Vladimir Penev als Inspector Emil Popov. Undercover, Bulgaria 2011

Vladimir Penev als Inspector Emil Popov. Undercover, Bulgaria 2011

Der hat natürlich auch private Probleme, etwa seine pubertierende Tochter, die mit einem Freund ankommt, der nicht nur nicht weiß, wann man seine Mütze abnehmen muss, sondern auch staats- und polizeifeindliche Lieder rappt, wobei wenn er sich selbst eher als politischen Lyriker denn als Staatsfeind und zukünftigen Kriminellen sieht.

Martin selbst hat zum Glück kein Privatleben im eigentlichen Sinne, jedenfalls hat er keine Freundin und auch keine Familie. Aber es bleibt nicht aus, dass er gelegentlich romantische Gefühle entwickelt – und das ausgerechnet für Sunny (Irena Miliankova), die schöne Freundin von seinem Brutalo-Boss Jaro, die er eines Abends vor einem zudringlichen Verehrer rettet.

Screenshot Undercover: Mafia-Boss Jaro (Mihail Bilalov) und seine rechte Hand Ivo (Zahary Baharov)

Screenshot Undercover: Mafia-Boss Jaro (Mihail Bilalov) und seine rechte Hand Ivo (Zahary Baharov)

Sunny ist eigentlich Tänzerin und kreuzunglücklich mit ihrem dominanten Freund, für den sie in erster Linie ein schönes Schmuckstück ist, das er gern herumzeigt und eifersüchtig überwacht. Sie lebt im goldenen Käfig und leidet darunter, deshalb versucht sie immer wieder auszubrechen – was Jaro aber unnachgiebig bestraft. Illoyalität ist für den Mafia-König das Schlimmste überhaupt.

Natürlich wird das Leben für Sunny und Martin deutlich komplizierter, nachdem sie miteinander im Bett gelandet sind. Andererseits wollen sie sich nicht gegenseitig in Schwierigkeiten bringen und gehen sehr diskret mit der Sache um, sie halten gegen Jaro zusammen und helfen sich gegenseitig immer wieder aus brenzligen Situationen heraus. Es gibt allerdings noch genügend brenzlige Situationen, in denen Sunny Martin nicht helfen kann.

 Martin Hristov (Ivaylo Zahariev) und Sunny (Irena Miliankova)

Martin Hristov (Ivaylo Zahariev) und
Sunny (Irena Miliankova)

Zumal sie auch nicht damit klar kommt, dass Martin sich dieses Leben in der Gang von Jaro offenbar freiwillig ausgesucht hat. Als sie ihn irgendwann einmal darauf anspricht, erklärt er ihr, dass er gern tue, was er da mache. Die Zuschauer wissen natürlich, was er eigentlich meint, aber Sunny kann das nicht wissen – was Martin durchaus klar ist. Aber er weiß eben auch, dass sie sich nicht zu nahe kommen dürfen. Also ist er auch für Sunny lieber der bad guy, der er ja für die anderen ohnehin sein muss.

Wobei er durchaus darunter leidet. Er erweist sich zwar immer wieder als findiger Ganove – wobei er es hasst, wenn Emil ihn „Gauner“ nennt, wenn er Martin ebenfalls mit sachdienlichen Hinweisen versorgt, so dass Martin sich als Verbrecher profilieren kann. Aber zuzusehen, wie Sunny oder andere misshandelt oder gar umgebracht werden, das fällt Martin schwer. Noch schwerer wird es, wenn er selbst Leute misshandeln oder umbringen soll – er ist durchaus ein harter Bursche, aber kein Killer. Noch nicht.

Screenshot Undercover: Die Jungs von Jaros Gang.

Screenshot Undercover: Die Jungs von Jaros Gang.

Undercover ist eine wirklich gut gemachte Krimiserie, die absolut mit skandinavischen und US-Produktionen mithalten kann, sehr realistisch und mit einer eigenen, markanten Bildsprache – in dem Punkt erinnert mich die Serie durchaus an Gomorrha, wobei man der Fairness halber sagen muss, dass die erste Staffel von Undercover (Pod Prikritie) schon 2011 entstanden ist, also deutlich vor Gomorrha. Auch Undercover zeigt die hässlichen Seiten des Lebens, geschmacklose Neureichen-Domizile und herunterbekommende Wohnblocks, leerstehende Fabrikgebäude und trostlose Landschaften. Für alle Freunde des realisitisch-harten Mafia-Krimis ein absolutes Muss.

Screenshot Undercover / Под Прикритие

Screenshot Undercover / Под Прикритие

Medientage: Konkurrenz belebt das Geschäft? Schön wärs!

Zur Zeit finden die 28. Medientage in München statt. Dort trifft sich die Medienbranche – das sind sowohl die Chefs großer Medienkonzerne, Profis aus Fernsehen, Hörfunk und Printmedien, Fachleute aus den Bereichen Internet, Multimedia und Telekommunikation ebenso wie Werbefuzzis, Medienpolitiker und auch Filmemacher – um die großen Trends zu analysieren und zu diskutieren. Einst war es ein Treffen privater Rundfunkpioniere – heute ist es einer der ganz großen Branchentreffs in Europa.

Trotzdem klingen die Verlautbarungen dieser Veranstaltung für mich in erster Linie so, als komme die Szene dort zusammen, um sich gegenseitig auf die Schultern zu klopfen und sich Mut zuzusprechen.

Denn eins ist klar: Auch wenn die Mediennutzung über alle Medien hinweg ständig zunimmt – und zwar so sehr, dass Pädagogen und Ärzte Alarm schlagen, weil nicht nur junge Menschen heutzutage ständig mit dem Blick aufs Handydisplay unterwegs sind (zu meiner Zeit machte man sich Sorgen, weil plötzlich alle Kopfhörer trugen, der Walkman war gerade erfunden) – hat der Tag nur 24 Stunden. Und selbst Arbeitslose können nicht den ganzen Tag Fernsehen, Radio hören und nebenbei noch im Internet surfen – auch sie müssen irgendwann mal schlafen. Also ist ganz klar, dass in der zunehmenden Konkurrenz von Radio- und Fernsehsendern, Mediatheken, Zeitschriften, Streaming-Diensten, E-Book-Flatrates, der Interaktion auf sogenannten sozialen Netzwerken und so weiter nicht jeder der Gewinner sein kann.

Und so wirkt schon fast ein wenig putzig, wenn man in den Meldungen über die Medientage jetzt liest „das Fernsehen wird immer schlechter, meinen manche, die aufwuchsen, als es nur drei Programme gab. Doch die Experten bei den Medientagen München halten dagegen: Das Fernsehen wird angesichts der großen Online-Konkurrenz immer besser. Qualität setzt sich durch.“

Schön wärs! Und es ist ja auch nicht wirklich falsch: Fernsehen wird tatsächlich besser. Aber nicht in Deutschland. In den vergangenen Jahren gab es eine ganze Reihe wirklich guter Fernseh-Serien, die Fernsehen geradezu neu definiert haben – die großen Erzählungen der Gegenwart, die früher in bedeutenden Romanen ihre Form fanden, gibt es jetzt in der Glotze: Sopranos, The Wire, Six Feet Under, Breaking Bad, Treme, Fargo (ich stehe ja nicht auf Comedy-Serien, aber vermutlich muss ich auch How I Met Your Mother oder Sex and The City erwähnen) und wenn wir den historischen Roman dazu nehmen, Mad Men, The Hour, Deadwood, The Tudors, Boardwalk Empire und so weiter und so fort, da gibt es Qualitätsserien, über die man geradezu euphorisch werden kann, wie schön, grandios und fantastisch Fernsehen doch sein kann!

Sein könnte. Denn ich muss leider immer wieder sagen: Im deutschen Fernsehen gab es da seit Heimat nicht viel. Mit Tatort und der Tagesschau allein ist es halt nicht getan – und auch wenn Tatort-kucken Kult und Tagesschau Pflicht ist: Der Tatort hat nun wirklich schon bessere Tage gesehen und was sich die Tagesschau so leistet – Stichwort Ukraine – darüber will man eigentlich gar nicht reden. Staatsfernsehen hin oder her: Allein die Tatsache, dass möglich ist, in der Tagesschau Videos mit Quellenangabe „Internet“ zu zeigen, ist so unter aller Kanone, dass ich schon gar keine Lust mehr habe, mit dem Kritisieren überhaupt anzufangen.

Erstaunlich ist ja die Resilienz, die unsere Medien seit Monaten unter Beweis stellen – ihnen ist schlicht scheißegal, dass ihr Publikum langsam keine Lust mehr hat, jeden Scheiß zu fressen. Ich würde nicht mal behaupten, dass es schlimmer geworden sei – die Medien haben nun mal in erster Linie den Auftrag, den Leuten beizubringen, dass das, was unsere Regierung so macht, gut für sie ist. Ob das nun stimmt oder nicht. Natürlich gibt es auch kritische Sendungen, Ausgewogenheit muss sein, Meinungsfreiheit und so weiter, das steht auch im Grundgesetz. Und so lange man nicht zur Revolution aufruft, ist es durchaus erwünscht, dass man auf Missstände hinweist. Schließlich ist der mündige Bürger gefordert – deshalb gibt es Monitor, Panorama und Frontal. Und die ganzen Quasselsendungen, in denen auch mal ein Quasselimam unbeliebt machen darf.

Aber Quote bringen unsägliche Formate wie Germanys next Topmodell, das Dschungelcamp oder DSDS. Ich sage nicht, dass es so etwas nicht geben dürfe – natürlich darf und muss es das alles geben. Aber es darf nicht die Messlatte für das sein, was im deutschen Fernsehen geht oder halt nicht.

Früher hat man den Leuten zur Hauptsendezeit auch mal Romanverfilmungen wie Die Buddenbrooks oder Der eiserne Gustav zugemutet. Ich will nicht behaupten, dass früher alles besser war. Aber eigentlich sollten doch die Leute vom Fernsehen lernen und nicht umgekehrt! In der Schule hatte auch keiner Bock auf Einmaleins, Rechtschreibung und Vokabeln lernen. Nützlich ist es aber doch. Warum haben die Fernsehmacher dann nicht endlich den Mumm, nicht dem Massengeschmack hinterher zulaufen und machen endlich mal wieder was Vernünftiges, statt ständig zu versuchen, hirnlose Youtube-Videos von totalen Amateuren noch zu unterbieten?

Netflix kommt nach Deutschland

Heute ist Netflix in Deutschland an den Start gegangen – ich bin mal gespannt, ob der Anbieter die hohen Erwartungen erfüllen kann. Vom Preis her hat Netflix jedenfalls keine neuen Maßstäbe gesetzt. Aber die Netflix-Serien sind ja schon ganz ordentlich – wobei die geschätzten Leser meines Blogs ja wissen, dass ich gerade das vielgelobte House of Cards gar nicht dermaßen gut finde, während ich ein großer Fan von Lilyhammer bin. Und natürlich von The Killing – insbesondere der dritten und vierten Staffel, bei Hemlock Grove bin ich noch unentschieden. Ich werde natürlich auch in Orange is the New Black reinsehen müssen – und in Fargo habe ich schon reingesehen, dazu gibt es demnächst eine Kritik, das ist ganz großes Fernsehen!

Hier ein paar Bilder von der Netflix-Party heute in Berlin:

Netflix, Deutschland Start, Berlin

Netflix, Deutschland Start, Komische Oper, Berlin

Netflix, Deutschland Start, Berlin

Netflix, Deutschland Start, Berlin


Netflix, Deutschland Start, Berlin

Netflix, Deutschland Start, Komische Oper, Foyer

Netflix, Deutschland Start, Berlin

Netflix, Deutschland Start, Berlin

Netflix, Deutschland Start, Berlin

Netflix, Deutschland Start, Berlin

Netflix, Deutschland Start, Berlin

Netflix, Deutschland Start, Berlin – Hemlock Grove

Netflix, Deutschland Start, Berlin

Netflix, Deutschland Start, Berlin – Lilyhammer

Netflix, Deutschland Start, Berlin

Netflix, Deutschland Start, Berlin – OistNB

Netflix, Deutschland Start, Berlin

Netflix, Deutschland Start, Berlin – House of Cards

Netflix, Deutschland Start, Berlin

Netflix, Deutschland Start, Berlin

Emmy-Inflation: Was trotzdem fehlte

Ach ja, Anfang der Woche gab es einmal mehr die Emmy-Awards. Und wieder keine Überraschungen. Und obwohl ich absolut der Meinung bin, dass Breaking Bad die derzeit beste Serie überhaupt ist – und die einzige, die ihr Niveau über sämtliche fünf Staffeln nicht nur gehalten, sondern zum Finale hin noch gesteigert hat – wird es langsam doch ein bisschen langweilig, dass es immer noch und noch und noch einen Emmy für Breaking Bad gibt. Wobei natürlich alle hochverdient – Bryan Cranston war als Walter White absolut grandios, genau wie Aaron Paul als Jesse Pinkman und Anna Gunn als Skyler White. Wobei ich Anna Gunn auch schon in Deadwood super fand.

Ich kapiere allerdings immer weniger, warum welche Serie für welchen Emmy nominiert wird – nicht nur, weil es eine verwirrende Vielzahl an Preisen gibt, sondern auch, weil die Abgrenzung der Genres doch ziemlich willkürlich erscheint: Wann ist eine Serie eine Mini-Serie? Die Unterscheidung Drama/Comedy kann ich ja irgendwie noch nachvollziehen, aber warum gibt es nicht auch eine Rubrik Crime? Dann müssten sich nicht so viele Serien unter „Drama“ drängeln, dass man die dann Richtung Mini-Serie schieben muss, denn Mini-Serie wird ja eh von Crime dominiert (Sherlock, Luther, Fargo…). Wobei ich True Detective in der Logik ja auch eher in der Mini-Serien-Abteilung gesehen hätte, wo ja auch Fargo vertreten ist, die sogar noch zwei Teile mehr hat als True Detective – statt dessen ging diese auch ganz großartige Serie angesichts der übermächtigen Drama-Konkurrenz leider unter. Aber wie gesagt, ich durchschaue das ohnehin nicht – und warum wird bei den herausragenden Schauspielern Film und Mini-Serie zusammengefasst – da gäbe es doch auch genug Stoff für zwei Preise? Auf noch einen mehr käme es doch wirklich nicht an!

Dafür könnte man meinetwegen bei Comedy ein bisschen aufräumen – dass insgesamt doch ziemlich mittelmäßige Serien wie Big Bang Theory oder House of Lies genauso für Emmys antreten (und gewinnen können) wie Breaking Bad, Mad Men, True Detektive oder House of Cards erschließt sich mir nicht. Wobei Comedy-Serien auch nicht mein Ding sind – ich mag Humor lieber anspruchsvoll verpackt. Auch die Sopranos, Breaking Bad oder Mad Men sind streckenweise wirklich witzig, aber dank ihrer interessanten Handlung sehr viel weniger langweilig.

Ja, ich habe Game of Thrones außen vor gelassen, irgendwie ist das mal eine der angeblich ganz tollen Serien, mit der ich einfach nicht warm werde – vielleicht sollte man einfach noch eine Fantasy-Rubik einführen, da hätte dann vielleicht auch True Blood eine Chance, was ja weder Drama noch Comedy ist, sondern irgendwie beides. Und so sehr mich gefreut hat, dass dieses mal neben Downton Abbey auch die britische Serie Luther dabei ist, die ich ebenfalls richtig gut finde, so sehr frage ich mich, warum andere Serien, die auch sehr gut sind, völlig außen vor bleiben?

Da wäre ja nicht nur True Blood, sondern beispielsweise noch The Bridge America – und wenn schon nicht die ganze Serie, dann hätten doch wenigstens Demian Bichir als Marco Ruiz und Diane Kruger als Sonya Cross eine Nominierung verdient. Das gilt natürlich auch für Mireille Enos als Sarah Linden und Joel Kinnaman als Stephen Holder in The Killing – die vierte Staffel mit ihren sechs Teilen hätte doch auch gut in die Mini-Serien gepasst. Und nicht nur ich bin der Meinung, dass diese Staffel so ziemlich das beste ist, was Netflix bisher produziert hat. Denn meiner Ansicht nach ist House of Cards zwar schon gut gemacht, aber am Ende doch ziemlich eindimensional, die Charaktere sind zu glatt, zu eindeutig, zu vorhersehbar. Klar, Kevin Spacey ist ein toller Schauspieler und sein Frank Underwood ein überzeugend brillantes Arschloch, wobei mir Robin Wright als Claire Underwood besser gefällt: Sie verfolgt ihre Interessen ebenfalls knallhart und letztlich fast noch raffinierter als ihr Mann. Aber sie ist – im Gegensatz zu ihm – trotzdem gelegentlich zu menschlichen Regungen fähig. Sie bricht auch mal in Tränen aus, nachdem sie einer Freundin telefonisch eine Falle gestellt hat, weil sie keineswegs gern tut, was sie tun muss, um ihre Ziele zu erreichen. Insofern gibt es wenigstens hier ein bisschen Spannung. Bei Frank ist ja immer völlig klar, dass er tut, was getan werden muss – und dass er am Ende kriegt, was er will.

Dass Homeland oder The Newsroom dieses Mal nicht so richtig zum Zug gekommen sind, finde ich nicht unberechtigt, die waren schon gut, aber halt auch nicht so richtig super. Fargo als beste Mini-Serie dagegen geht klar – ich muss zugeben, dass ich gerade erst angefangen habe, mir Fargo anzusehen, aber schon die ersten beiden Teile versprechen eine richtig gute Serie, die ich unbedingt weiter sehen muss – und nach all den Serien, die im schwülen oder auch wüstenartigen Süden der USA spielen ist so eine Handlung im tiefverschneiten Minnesota mal was anderes. Und nicht nur Martin Freeman als Lester Nygaard ist sehenswert, sondern vor allem Billy Bob Thornton als Auftragskiller Lorne Malvo. Bob Odenkrik aus Breaking Bad spielt übrigens auch mit, allerdings nicht als krimineller Anwalt, sondern als Polizist.

Insofern kann man sich vielleicht schon ein bisschen auf die nächsten Emmys vorfreuen – da gibt es hoffentlich auch mal was anderes.

Gutes Fernsehen, schlechtes Fernsehen

Auch in diesem Jahr werden wieder Emmys verliehen – und der Spiegel brachte im Vorfeld folgende Meldung: Das Fernsehen, das wir verdienen
Und prompt muss ich ausrufen: Nee, so isses aber nicht!

Deutschland hat keine gewachsene Filmindustrie die keine Serien im Format von „True Detective“ produzieren kann?! Wenn ein Land in Europa eine gewachsene Filmindustrie hat, dann ja wohl Deutschland! Klar, die Briten haben die auch – und die haben den Vorteil, dass der englischsprachige Markt sehr viel größer ist. Und auch die Franzosen, die Italiener, die Spanier haben ganz großartige Filmleute (und auch einen riesigen Markt), keine Frage – aber Deutschland hat immerhin einen Markt mit etwa 100 Millionen potenziellen Zuschauern, deren Muttersprache Deutsch ist. Und die Kino-Großproduktion wurde ja quasi in Potsdam-Babelsberg erfunden.

Was sollen denn da die anderen sagen, deren heimischer Markt gerade mal 10 oder 5 Millionen Einwohner erreicht?! Die kriegen ja auch bemerkenswerte Serien hin, die Schweden etwa, die nicht nur reihenweise brauchbare Wallander- und Johan-Falk-Filme machen, sondern auch innovative Serien wie Real Humans. Oder die Dänen, die ja noch weniger sind, die kriegen bemerkenswerte Qualitätsserien wie Das Verbrechen oder Borgen zustande – und die Norweger haben neben Varg Veum auch so etwas wie Lilyhammer im Programm. Oder die Israelis, die mit minimalem Budget so ein tiefschürfendes Serien-Erlebnis wie Hatufim drehen. Gute Serien brauchen keine gigantische Filmindustrie, sondern einfach nur gute Ideen und jemand, der den Mumm hat, die umzusetzen, ohne dass dabei allzu viele, die keine Ahnung, aber was zu sagen haben, den Künstlern reinreden können.

Darin sehe ich das eigentliche Problem in Deutschland – die Öffentlich-Rechtlichen machen abseits ihrer Spartenkanäle nur Feiglingfernsehen, das auf möglichst hohe Quoten schielt und sich deshalb an das Niveau der Privaten annähert, deren Businessmodell von vorn herein quotenträchtiges Primitiv-Programm gewesen ist – was konsequent durchgezogen wird. Und wenn ausnahmsweise mal was mit Niveau versucht wird, dann ist das schnell überladen und will zu viel auf einmal – die Öffentlich-Rechtlichen müssen sich einfach mal davon verabschieden, mit jeder Produktion jeden erreichen zu wollen. Auf diese Weise kriegt man nichts Vernünftiges hin. Ich glaube nämlich nicht, dass der deutsche Fernsehzuschauer keine Serienkunst wolle. Es will nur nicht jeder Dominik Graf, genauso wie nicht jeder Rosamunde Pilcher will.

Wobei ich, obwohl ich Dominik Graf will, von „Im Angesicht des Verbrechens“ durchaus enttäuscht war – auch wenn ich diesen Mehrteiler nicht dermaßen schlecht fand. Aber das Ganze war zu pathetisch, zu klischeegetrieben und dafür dann wieder zu humorlos. Man kann sich ja gern in Klischees suhlen – das tun die Macher der Sopranos schließlich auch. Aber die nehmen genau das dann wieder auf die Schippe, in dem etwa der Gangsterboss Tony Soprano heimlich zur Therapie geht. Aber zwischendurch regelt er seine Mafia-Geschäfte mit der nötigen Brutalität. Die Ostmafiosi bei Dominik Graf sind nicht weniger brutal – aber leider kein bisschen lustig.

Wobei es nicht der Humormangel allein ist – Das Verbrechen, Die Brücke oder auch Borgen sind ja ebenfalls völlig humorfrei, entwickeln aber trotzdem einen erstaunlichen Sog, weil die Geschichten einfach gut sind und man merkt, dass es hier eben nicht darum geht, jedem etwas zu bieten, sondern dass einfach eine Linie durchgezogen wird, die einem entweder gefallen kann oder eben auch nicht – aber wenn sie einem gefällt, für entsprechende Begeisterung sorgt. Das vermisse ich an den zeitgenössischen deutschen Produktionen. Es gibt keine künstlerische Handschrift mehr wie die eines Rainer Werner Fassbinder, eines Edgar Reitz, oder auch auch eines Wolfgang Menge. Ja, es gibt einige Sachen von Dominik Graf, die ich gut finde, aber die neueren Filme sind mir eigentlich alle zu martialisch und Im Angesicht des Verbrechens ist halt auch kein Meisterwerk – wobei es mit dem getätigten Einsatz durchaus hätte eins werden können. Aber entweder hätte man ein paar Sachen weglassen müssen oder halt noch deutlich dicker auftragen, je nachdem, welche Zielgruppe man lieber ansprechen möchte. Aber für die einen wars zu hart, für die anderen nicht hart genug. Genau diese Art von faulen Kompromissen sorgt dafür, dass die Zuschauer hinterher alle irgendwie nicht zufrieden sind und die Quoten erst recht sinken.

Die deutsche Serienmacher müssen sich endlich mal wieder trauen, ein paar Millionen weniger zu begeistern, die dann aber nicht genug kriegen können, als mit ihrem Kompromiss-Mischmasch eine latent unzufriedene Masse zu versorgen, die, sobald sie die technischen Möglichkeiten entdeckt, ihren Stoff dann halt aus dem Internet bezieht. Es ist nämlich nicht so, dass die Leute schlechtes Fernsehen wollen – sie kriegen nur nichts anderes. Und wenn man besseres Fernsehen machen will, sollte man nicht, wie weiter oben schon angedeutet, nur auf den US-Markt und die Emmy-Nominierungen schielen, es gibt auf der ganzen Welt gutes und schlechtes Fernsehen – und wenn man sich anschaut, wie gutes Fernsehen geht, kann man feststellen, dass das überhaupt nicht teuer sein muss.