100 Code: Ein Amerikaner in Stockholm

In der letzten Zeit habe ich die Skandinavier etwas vernachlässigt – wobei ja nun auch nicht jede der erstaunlich vielen schwedischen Krimiserien wirklich gut ist. Diese ganzen Irene-Huss- oder Maria-Wern-Krimis muss ich mir nun wirklich nicht ansehen. Aber auf 100 Code war ich neugierig – eine internationale Serie, die von Sky Deutschland produziert wurde und mit Michael Nyqvist und Dominic Monaghan zwei international bekannte Stars als Ermittler aufbietet.

Michael Nyqvist kennt man aus Kommissar Beck und einer Menge Wallander-Filmen und natürlich aus der Original-Verfilmung der Stig-Larson-Trilogie, in der er den idealistischen Journalisten Michael Blomqvist spielt, der gemeinsam mit der genialen, aber ziemlich gestörten Hackerin Lisbeth Salander sehr vertrackte Verbrechen aufklärt. Dominic Monaghan hingegen kannte ich vor allem aus Lost, wo er das britische One-Hit-Wunder Charlie Pace spielt, Herr-der-Ringe-Fans werden ihn als Hobbit Meriadoc Brandybock kennen.

Thomas Conley (Dominic Monaghan) und Michael Eklund (Michael Nyqvist) in 100 Code

Thomas Conley (Dominic Monaghan) und Michael Eklund (Michael Nyqvist) in 100 Code (Bild via sky.de)

Interessante Mischung, dachte ich mir – ist es tatsächlich auch, natürlich kann der schwedische Kommissar Michael Eklund, der eigentlich den Polizeidienst quittieren will und jetzt noch einen letzten, wie sich herausstellt, überaus komplexen Fall aufgehalst bekommt, seinen Kollegen vom NYPD nicht ausstehen. Und Detective Thomas Conley ist keineswegs der Obersymphat – nicht nur, weil er ständig kotzt, weil ihm vom Fliegen, vom Autofahren und natürlich auch vom übermäßigen Saufen immer schlecht wird.

Er ist auf einer persönlichen Mission und hält sich nicht an die Regeln – als alter Ami lässt er sich von den Schweden nicht entwaffnen, und besonders mitteilsam ist er auch nicht. Eklund muss ihm Details über andere Fälle nach und nach aus der Nase ziehen. Andererseits weiß er auch ein Menge über Fälle, die möglicherweise mit aktuellen Morden in der schwedischen Hauptstadt zu tun haben – so viel, dass Eklund, der Conley nun wirklich nicht leiden kann, seine Chefin überzeugt, dass sie ihn als Experten für Serienmorde in Schweden behalten müssen – denn damit kennen sie sich in Schweden nicht aus.

Und die Morde an jungen, schönen, blonden Mädchen entwickeln sich zu einer schreckliche Serie – vor allem, als sich herausstellt, dass der (oder die) Mörder immer zwei Mädchen töten – eins gleich, brutal und offensichtlich, eins langsam und versteckt. Und immer sind Blumen am Tatort – Affodilgewächse, was die Ermittler auf mythologische Fährten lockt, der Raub Persephones durch den Gott der Unterwelt, Hades.

Das ist alles in allem gar nicht schlecht – Martin Wallström ist übrigens auch dabei, wenn auch nur in einer kleinen Rolle – aber irgendwie auch nicht so richtig gut. Zumindest im Vergleich mit anderen richtig guten Serien – was ich zuvor an Breaking Bad und jetzt an Mr. Robot so gut finde, ist, dass die Handlung wahnsinnig dicht und gut konstruiert ist – es gibt kein überflüssiges Gehampel, um Sendezeit zu schinden. Nicht nur, dass es unglaublich interessante Charaktere, eine spannende Entwicklung und immer wieder tolle Bilder gibt, jeder Satz, jede Geste, jedes Detail hat einen bestimmten Sinn, wie sich im Lauf der Handlung herausstellt.

So genial ist 100 Code nicht, auch wenn sich die Macher durchaus Mühe geben haben, keinen 0/8/15-Krimi abzuliefern. Ich habe jetzt drei Folgen angesehen und bin durchaus gespannt, wie es weiter geht – aber eben nicht völlig hin und weg. Solide Krimikost, wie von Skandinaviern zu erwarten ist – wobei der 100-Code-Autor Bobby Moresco ja US-Amerikaner ist, der für L. A. Crash sogar einen Oscar für das beste Drehbuch bekommen hat. Und einen Haufen anderer Auszeichnungen für andere Drehbücher. Also mal sehen was noch draus wird – es gibt ja immerhin zwölf Teile in der ersten Staffel.

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Nach der Hochzeit: Ein Däne kehrt zurück

Obwohl ich (den derzeit international wohl bekanntesten dänischen Regisseur) Lars von Trier samt seiner Filme nicht besonders mag, ist das kleine Dänemark für mich ein Filmland der Sonderklasse. Es gibt herrliche dänische Grotesken wie Adams Äpfel (Anders Thomas Jensen) oder Alien Teacher (Ole Bornedal), krasse Drogenthriller wie die Pusher-Trilogie (Nicolas Winding Refn, auch bekannt durch Walhalla Rising), ausgefallene Krimis wie Erbarmen (Mikkel Nørgaard, nach Jussi Adler-Olsen) oder Fräulein Smillas Gespür für Schnee und entlarvende Beziehungs-Dramen wie In einer besseren Welt (Susanne Bier).

Von Susanne Bier ist auch das Drama Nach der Hochzeit, das ich mir in erster Linie angesehen habe, weil ich ihren Film In einer besseren Welt sehr gut fand. Ja, und natürlich auch, weil Mads Mikkelsen eine der Hauptrollen spielt. Aber um das gleich vorwegzunehmen: In einer besseren Welt ist tatsächlich der bessere Film, weil wesentlich komplexer und tiefgründiger. (Und da spielen immerhin Mikael Persbrandt und Kim Bodnia mit.) Nach der Hochzeit ist eher eine Skizze für das spätere Werk, eine Fingerübung quasi für In einer besseren Welt. Es geht auch hier um einen Protagonisten, der seine Heimat, das satte und reiche Dänemark, hinter sich gelassen hat, um den Elenden der Welt zu helfen – und das meine ich gar nicht so ironisch, wie es vielleicht klingt. Ich hege durchaus Sympathie für Menschen, die denken, dass sie die Welt durch ihr persönliches Handeln besser machen können – und das dann auch durchziehen.

Screenshot Nach der Hochzeit - Jacob (Mads Mikkelsen)

Screenshot Nach der Hochzeit – Jacob (Mads Mikkelsen) in Indien

Auch wenn es naiv ist, oft leider im besten Fall sinnlos und im schlimmsten Fall kontraproduktiv – denn gerade weil sie versuchen Gutes zu tun, festigen diese Idealisten die Strukturen, die dazu beitragen, dass es den Menschen, denen sie helfen wollen, schlecht geht. Doch das ist eine politische Diskussion, die für eine Filmbesprechung zu weit führt.

Und sie spielt auch in den Filmen von Susanne Bier keine Rolle – Bier ist keine Politikerin. Die Regisseurin interessiert sich für das Zwischenmenschliche – sie ist also eher Psychologin, im Ansatz vielleicht Soziologin. In In einer besseren Welt werden die Fragen nach dem Sinn des persönlichen Engagements für die Benachteiligten der Welt immerhin angedeutet – vor allem die mitunter grausamen und unbefriedigenden Antworten darauf. In Nach der Hochzeit geht es letztlich eben doch nur um persönliche Verletzungen und Eitelkeiten, die Protagonist dann aber in den Griff bekommt, um sein Projekt in Indien voranzutreiben. Das wird ihm aber auch wirklich sehr leicht gemacht – weshalb ich diesen Film letztlich vergleichsweise schwach finde, wenn ich ganz ehrlich sein soll. Also nach dänischen Maßstäben, die halt andere sind als bei unseren öffentlich-rechtlichen, die seit Jahren eh nur noch hirnerweichenden Drama-Schrott produzieren.

Screenshot Nach der Hochzeit - Jörgen (Rolf Lassgård)

Screenshot Nach der Hochzeit – Jörgen (Rolf Lassgård)

Nach der Hochzeit ist auf jeden Fall ein Film, den man sich mal ansehen kann, wenn man keine Lust auf den 20:15-Schinken in ARD oder ZDF hat. Schlechter ist er keinesfalls. Aber eben auch nicht so viel besser. Obwohl als Familiendrama durchaus okay. Und natürlich sind die Schauspieler toll, nicht nur Mads Mikkelsen als Jacob, auch Sidse Babett Knudsen als Helene (bekannt als dänische Regierungschefin in Borgen), das schwedische Schwergewicht Rolf Lassgård als Jørgen und Stine Fischer Christensen als Jørgens und Helenes Tochter Anna, auf deren Hochzeit Jørgen Jacob einlädt, sind ganz großartig.

Worum es geht: Der Däne Jacob hat in Indien zu sich selbst gefunden und leitet ein Waisenhaus für Jungen. Das Projekt kämpft seit Jahren ums Überleben und steht jetzt vor dem Aus. Jacob wirbt in seiner Heimat Dänemark um Geldgeber – und jetzt taucht ein in Dänemark lebender schwedischer Geschäftsmann auf, der Jacob großzügig unterstützen will. Unter der Bedienung, dass sich Jacob nach Kopenhagen begibt, um seinem potenziellen Gönner persönlich zu treffen. Jacob hat eigentlich keine Lust dazu – er fühlt sich wohl in Indien und einer seiner Schützlinge, den er besonders ins Herz geschlossen hat, feiert in wenigen Tagen seinen achten Geburtstag. Aber eine verdiente Mitarbeiterin überzeugt Jacob, dass er eine solche Möglichkeit nicht ausschlagen darf. Er soll lieber an das denken, was er bewirken könne und sein persönlichen Befindlichkeiten hintenan stellen. Also reist Jacob nach Kopenhagen.

Screenshot Nach der Hochzeit - Helene (Sidse Babett Knudsen)

Screenshot Nach der Hochzeit – Helene (Sidse Babett Knudsen)

Er wird in einem absurd luxuriösen Hotel untergebracht und trifft diesen Gesschäftmann Jørgen, der ihm klar macht, dass er sich noch nicht entschieden hat, ob er Jacobs Projekt wirklich unterstützen will. Jacob ist frustriert, aber immerhin lädt Jørgen ihn zur Hochzeit seiner Tochter ein, die am nächsten Tag heiraten wird. Jacob ist klar, dass er sich dieser Verpflichtung nicht entziehen kann. Er fährt also pflichtschuldig zu der pompösen Feier auf dem Landsitz seines Gönners – und trifft überraschend eine verflossene Liebe wieder.

Als Jørgens Tochter Anna das Wort ergreift, um ihren Eltern ein paar Worte zu sagen, wird klar, dass vermutlich alles gar nicht so zufällig ist, wie es scheint: Anna dankt ihrer Mutter Helene und ihrem Vater Jørgen, dass sie ihr gute Eltern gewesen sind, auch wenn sie inzwischen weiß, dass Jørgen gar nicht ihr leiblicher Vater ist.

Die Lösung liegt auf der Hand und auch Jacob kapiert das natürlich schnell: Anna ist seine Tochter. Helene war schwanger, als sie ihn verließ – und Jørgen war so vernarrt in die schöne Helene, dass er das Kind als seins akzeptiert hat. Er ist Anna (und seinen anderen Kindern) tatsächlich immer ein guter Vater gewesen, und seine angenommene Tochter dankt ihm das ausdrücklich.

Screenshot Nach der Hochzeit - Anna (Stine Fischer Christensen)

Screenshot Nach der Hochzeit – Anna (Stine Fischer Christensen)

Jacob dagegen ist wütend und verletzt – warum hat Helena ihm so lange verschwiegen, dass er eine Tochter hat? Aber wie sich heraus stellt, war er vor 20 Jahren auch nicht unbedingt der ideale Vater – er war ein verantwortungsloser Hallodri, der nicht nur gekifft, sondern auch mit Helenas bester Freundin geschlafen hat – kein Wunder, dass sie sich einen anderen, verlässlicheren Mann gesucht hat, um ein Kind zu bekommen.

Jacob erträgt die Feier nicht länger und sucht das Weite. Er fühlt sich benutzt und will bei dieser Geschichte nicht mehr mitmachen. Aber Jørgens Angebot ist einfach zu verlockend: Er bietet Jacob an, einige Millionen in einen Wohltätigkeits-Fonds zu investieren, für den Jacob gemeinsam mit Anna verantwortlich wäre – mit dem Geld könnten sie in Indien viel Gutes tun. Allerdings ist eine der Bedingungen, dass Jacob seinen Wohnsitz nach Dänemark verlegt. Für Jacob ist das völlig inakzeptabel. Vor allem: Warum tut Jørgen all das?

Screenshot Nach der Hochzeit - Helene und Jørgen

Screenshot Nach der Hochzeit – Helene und Jørgen

Es stellt sich heraus, dass Jørgen totkrank ist. Er hat Krebs und weiß, dass er bald sterben wird. Er will nicht, dass seine Familie davon erfährt, aber er will seine Liebsten nach seinem Tod in guten Händen wissen. So ist er auf Jacob gekommen. Natürlich passt Jacob das alles nicht: Er will sich nicht kaufen lassen – was bildet sich dieser reiche Schnösel eigentlich ein? Jacob ist wütend und haut ab. Soll dieser Jørgen doch mal sehen, dass man mit Geld eben doch nicht alles kaufen kann!

Aber als seine Tochter heulend bei Jacob im Hotel auftaucht, weil ihr frisch angetrauter Ehemann sie betrogen hat, beginnt Jacob darüber nachzudenken, dass es vielleicht auch eine Aufgabe sein könnte, für seine Tochter da zu sein. Schließlich kann er auf diese Weise zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen – er bekommt genug Geld für seine Projekte in Indien und kann für Anna (und für Helene) da sein. Also unterschreibt er schließlich den Vertrag mit Jørgen, auch wenn er damit den kleinen Pramod enttäuscht, der in Indien auf ihn wartet.

Screenshot Nach der Hochzeit - Jacob (Mads Mikkelsen)

Screenshot Nach der Hochzeit – Jacob (Mads Mikkelsen) in Dänemark

Jørgen stirbt bald darauf und schon auf seiner Beerdigung deutet sich an, dass sein Plan funktionieren wird – Jacob ist für Anna und Helene da. Und in Indien geht nun auch alles voran – nur der kleine Pramod will nicht zu Jacob nach Dänemark kommen, sondern lieber in Indien bleiben. Im Gegensatz zu Jacob ist der Kleine tatsächlich nicht korrumpierbar. Aber geschenkt.

Varg Veum – der Wolf aus Norwegen

Für alle Freunde des Skandinavian Noir, denen die ständigen Wiederholungen einschlägiger schwedischer Krimi-Serien allmählich auf die Nerven gehen, gibt es heute einen echten Geheimtipp: Den norwegischen Privatermittler Varg Veum. Wie der Name schon sagt, handelt es sich bei diesem Kerl um einen einsamen Wolf, erfunden von dem norwegischen Schriftsteller Gunnar Staalesen. Die Varg-Veum-Reihe liegt gewissermaßen noch nördlicher als die herkömmlichen Schwedenkrimis – sie ist dunkler, kälter, härter.

Varg (überzeugend verkörpert von Trond Espen Seim) weiß, dass die Welt schlecht ist. Er war mal Sozialarbeiter, jetzt ist er in seiner Heimatstadt Bergen so etwas wie ein Privatdetektiv. Er erinnert ein wenig an Philip Marlowe von Raymond Chandler – er säuft, ist wortkarg, ständig unrasiert, neigt zu Gewaltausbrüchen und nimmt die geltenden Gesetze nicht allzu wörtlich. Deshalb gerät er immer wieder in Konflikt mit der Polizei, insbesondere mit Kommissar Hamre, der Varg einerseits für eine entsetzliche Nervensäge hält, andererseits aber doch widerwillig anerkennen muss, dass er immer wieder Dinge herausfindet, die eigentlich die Polizei hätte herausfinden sollen.

Varg Veum (Trond Espen Seim) Bild: zdf

Der norwegische Privatermittler Varg Veum (Trond Espen Seim) Bild: zdf

Allerdings arbeitet Varg oft nach eigener Methode – das heißt, er tut Dinge, die ein Polizist gar nicht tun darf. Damit bringt er sich natürlich auch immer wieder selbst in Gefahr – ich kenne keinen anderen Ermittler, der so viel Prügel (und schlimmeres) einstecken muss wie der arme Varg: Er ist ein harter Typ, aber eben kein Superheld. Er hat keine Sammlung von schwarzen Gürteln und spricht auch kein Dutzend Fremdsprachen, aber er kennt natürlich den einen oder anderen, wie es in einem dünn besiedelten Land wie Norwegen kaum zu vermeiden ist, und er schreckt nicht davor zurück, die Dinge zu tun, die getan werden müssen – erst recht nicht, wenn es gefährlich wird. Sein notorisches Misstrauen gegen „die da oben“ und die daraus resultierende Respektlosigkeit gegenüber großen Tieren treiben ihn an – zu gern fährt er denen an den Karren, die auf Kosten anderer leben. Das ist etwas, dass er einfach nicht ertragen kann.

Varg Veum (Trond Espen Seim) und Kommissar Hamre Bild: zdf

Varg Veum (Trond Espen Seim) und Kommissar Hamre (Bjørn Floberg) Bild: zdf

Und er kann einfach nicht wegsehen, insbesondere, wenn junge Menschen betroffen sind. Irgendwie ist er tief im Herzen halt immer noch Sozialarbeiter und will jede und jeden retten – unter der harten Schale schlägt ein heißes, großes Herz. Deshalb kämpft er leidenschaftlich gegen Missbrauch, Drogendealer und gegen scheinbar übermächtige Feinde in den Chefetagen großer Konzerne und in der Politik an. Varg hat keine Berührungsängste – er kennt nicht nur die gescheiterten Existenzen seiner Stadt, seine Fälle reichen auch bis in die höchsten Kreise. Natürlich gerät er dabei oft zwischen die Fronten, aber zäh und hartnäckig wie er nun mal ist, deckt Varg immer wieder haarsträubende Skandale auf. Wie in allen ordentlichen skandinavischen Krimis geht es oft um dunkle Familiengeheimnisse und beklemmende Beziehungsdramen. Oft genug ist Varg selbst involviert – mal trifft er auf eine alte Liebe, mal entpuppt sich ein alter Freund als Mörder. Und natürlich sehnt sich auch ein einsamer Wolf nach Liebe. Es gibt durchaus Frauen in Vargs Leben – aber das ist alles auch nicht so einfach.

Varg Veum (Trond Espen Seim) und Elise (Ane Dahl Torp) in Geschäft mit dem Tod - Bild: zdf

Varg Veum (Trond Espen Seim) und Elise (Ane Dahl Torp) in Geschäft mit dem Tod – Bild: zdf

Ähnlich wie bei der schwedischen Serie GSI Göteborg gibt es zwei Staffeln mit sechs Teilen, die jeweils etwa 90 Minuten lang sind. (Ja, ich weiß, von Johan Falk gibt es noch drei Spielfilme, die man als erste Staffel zählen könnte – die sind auch gut, die zähle ich hier aber nicht mit). Und wie bei der GSI in Schweden sind von Varg Veum in Norwegen einige Teile auch im Kino gelaufen – der erste und der vierte Teil der ersten und sämtliche Filme der zweiten Staffel. Derzeit läuft die zweite Staffel von Varg Veum endlich im deutschen Fernsehen, konkret im ZDF zu nachtschlafender Zeit von 00:30 bis 02:00 (jeweils im Rahmen der Filmnacht von Samstag auf Sonntag). Übrigens habe ich Varg Veum nicht in der zdf-Mediathek entdeckt – aber Sendungen zum späteren Ansehen aufnehmen ist ja nichts Illegales.

Arne Dahl – Misterioso: Das A-Team auf schwedisch

Eine Serie von Attentaten, bei denen gezielt Männer aus der schwedischen Wirtschaftselite ermordet werden, erschüttert das Land. Die schwedische Polizei richtet eine Sonderermittlungsgruppe ein, in der sehr unterschiedliche Ermittler die Verbrechen mit offensichtlich internationalen Verwicklungen aufklären und weitere Anschläge verhindern sollen. Das in aller Eile zusammengewürfelte Team muss sich aber selbst erst einmal zusammen raufen, denn die Mitglieder sind zwar alle auf ihre Weise hervorragende Polizisten, aber nicht unbedingt die geborenen Teamplayer.

Screenshot Arne Dahl - Misteroso: Gunnar und Jorge.

Screenshot Arne Dahl – Misteroso: Gunnar und Jorge.

Da ist zum einen der durch einen eigenmächtigen Einsatz mit Schusswaffengebrauch in Ungnade gefallene Paul Hjelm (Shanti Roney). Er hat einen verzweifelten Asylbewerber niedergeschossen, der seinerseits in der dafür zuständigen Behörde Mitarbeiter mit einem Gewehr bedroht hatte, um die drohende Abschiebung seiner Familie zu verhindern. Allerdings wird sich später bei der üblichen internen Untersuchung des Falles noch herausstellen, dass sein Verhalten als angemessen beurteilt wird – er hat den Mann nicht umgebracht und Gefahr von weiteren Personen abgewendet. Aber das weiß Hjelm noch nicht, was seine neue Chefin Jenny Hultin (Irene Lindh) durchaus für ihre Zwecke ausnutzt.

Screenshot Arne Dahl - Misteroso: Jenny Hultin

Screenshot Arne Dahl – Misteroso: Jenny Hultin

Außerdem sind da noch die Verhörspezialistin Kerstin Holm (Malin Arvidsson), der alte Haudegen Viggo Norlander (Claes Ljungmark), der sich noch nicht zum alten Eisen abschieben lassen will und wild darauf ist, dem öden Innendienstleben zu entfliehen, der pragmatische Gunnar Nyberg (Magnus Samuelsson), der arrogante, aber brillante Aarto Söderstedt (Niklas Åkerfelt), der seine vielen Kinder der Einfachheit halber durchnummeriert („Papa, du hast die Nummer fünf vergessen!“) und der Computer- und Mafiaspezialist Jorge Chavez (Matias Varela), der sich außerdem noch als kenntnisreicher Jazzmusiker entpuppt. Mich hat allerdings anfangs sehr irritiert, dass Jorge Chavez ausgerechnet mit der Stimme von Frank Wagner aus GSI Göteborg spricht – Matias Varela ist nun mal ein ganz anderer Typ als Joel Kinnaman, den ich durch GSI mit der Stimme von Konstantin Graudus verbinde, obwohl ich die eigentlich etwas zu hoch und zu glatt für den oft zweifelnden und zunehmend verzweifelten Frank fand. Jetzt muss ich immer an Frank denken, wenn Jorge spricht.

Screenshot Arne Dahl - Misteroso: Paul, Kerstin und Jorge

Screenshot Arne Dahl – Misteroso: Paul, Kerstin und Jorge

Die Idee, einen Fall über organisierte Kriminalität und internationale Verbrechen an einer Jazzrarität aufzuhängen, bekommt von mir einen ganzen Haufen Bonuspunkte – denn die an einem der Tatorte gefundene CD mit einem Stück von Thelonius Monk liefert am Ende die entscheidende Spur. Aber bis dahin gibt es eine Menge anderer Verwicklungen – da war zum Beispiel noch der rätselhafte Überfall auf eine Kleinstadt-Bank, bei dem einer der Bankräuber durch einen sehr speziellen Dartpfeil zu Tode kam, und natürlich haben die Ermittler auch Familien und entsprechende Beziehungsprobleme – oder leiden im Fall von Gunnar Nyberg darunter, dass sie keinen Kontakt mehr zur Familie haben.

Screenshot Arne Dahl - Misteroso: Kerstin, Aarto, Viggo und Jorge

Screenshot Arne Dahl – Misteroso: Kerstin, Aarto, Viggo und Jorge

Alles in allem also wieder schwedische Krimikost vom Feinsten – mir gefällt, dass die unterschiedlichen Ermittler alle ihre Chance bekommen, auf ihre Weise zur Klärung des Falles beizutragen – auch wenn das nicht immer gut ausgeht. So hat Viggo („Das ist das altdänische Wort für Kämpfer!“) durchaus den richtigen Riecher, als er Jenny überzeugt, dass er unbedingt nach Estland fahren muss, um dort eine entsprechende Spur zu verfolgen. Allerdings nageln ihn die Verbrecher, denen er folgt, an eine altestnische Fabrikhallenwand – ein Glück nur, dass sein Freund und Kollege von der estnischen Polizei so etwas schon vorausgesehen hat, und ihn mit einem Polizeikommando da wieder rausholt, bevor noch Schlimmeres passiert.

Screenshot Arne Dahl - Misteroso: Das A-Team im Einsatz

Screenshot Arne Dahl – Misteroso: Das A-Team im Einsatz

Mir gefällt auch, dass – wie in skandinavischen Serien generell – auch interessante Rollen für reifere Frauen gibt. Jenny Hultin ist nicht nur eine mit allen Wassern gewaschene, sondern auch eine extrem coole Polizei-Chefin – die im Laufe der weiteren Folgen noch sagen wird: „Polizeipräsidentin? Für den Job bin ich doch viel zu kompetent!“ Außerdem zeigt sie ihrem alten Freund vom FBI, wie ihre raffinierte kleine schwedische Sonderermittlungsgruppe mal eben einen Fall löst, an dem sich das FBI jahrzehntelang die Zähne ausgebissen hat.

Dass die schwedischen Krimis oft sehr international sind, ist auch etwas, das mir gut gefällt – in Deutschland haben wir ja eher den Trend zu Regionalisierung – es gibt inzwischen zum Teil gar nicht mal so schlechte Eifelkrimis – „Mord mit Aussicht“ ist nicht zufällig eine der meistgesehenen deutschen Fernsehserien überhaupt, auch wenn mir das alles viel zu beschaulich ist. Und es gibt mittlerweile eine kaum mehr zu überschauende Auswahl an Nordseekrimis, Allgäukrimis, Spreewaldkrimis und so weiter – selbst das alte Krimi-Flaggschiff Tatort wird immer provinzieller. Dabei sollte man doch annehmen, dass die Globalisierung eben auch zu Internationalisierung von Verbrechen führt – das kommt im deutschen Krimi aber immer weniger vor. Mir fällt seit dem leider ja nicht so wahnsinnig erfolgreichen, weil eben auch nicht so richtig guten, aber trotzdem doch ganz ordentlichen Zehnteiler Im Angesicht des Verbrechens von 2010 keine deutsche Krimi-Serie ein, in der internationales organisiertes Verbrechen eine Rolle spielen würde – wobei das doch genau die Verbrechen sind, bei den es zum einen ums ganz große Geld geht und zum anderen eben auch um richtig schlimme Dinge: Drogenhandel, Waffenhandel, Menschenhandel, Zwangsprostitution, Missbrauch aller Art, Geldwäsche und so weiter – aber offenbar will sich kein deutscher Serienproduzent an solchen Dingen die Finger verbrennen. Das ist einerseits sehr schade, andererseits gibt es ja die Schweden.

Screenshot Arne Dahl - Misteroso: Paul Hjelm.

Screenshot Arne Dahl – Misteroso: Paul Hjelm.

Die Verhältnisse, die sind nicht so: Noch einmal I skuggan av värmen

Nachdem ich den Film noch einmal gesehen habe, muss ich einfach diese Schlüsselszene posten, in der Erik endlich kapiert, dass Eva nicht von ihrer Sucht lassen will, weil sie das Leben, so wie es ist, sonst einfach nicht aushält. Das Leben macht keinen Spaß, es ist alles furchtbar sinnlos, und sie kann es eben nur ertragen, wenn sie high ist.

Es ist kein blöder Betriebsunfall, dass sie ein Junkie ist, wie Erik gern geglaubt hätte, sie will es eben so. Wobei man natürlich auch wieder diskutieren kann, warum sie das will. Bestimmt nicht, weil Eva so ein tolles Leben hat. Aber so ist das eben mit dem freien Willen – man kann ihn auch nutzen, um sich zu ruinieren.

Nachdem Erik viel ausgehalten und viel riskiert hat, um Eva durch den Entzug zu helfen, erwartet er, dass es ihr jetzt endlich besser geht. Aber es geht ihr nicht besser, im Gegenteil – jetzt fühlt sie wieder, warum sie süchtig sein will: Ihr Leben ist leer und öde, sie weiß einfach nicht, was sie damit anfangen soll. Sie hat nichts gelernt, sie denkt, dass sie dumm ist, überflüssig, eine Last für jeden. Sie nimmt sich selbst übel, dass sie Erik, den sie doch liebt, in so eine blöde Situation gebracht hat und will einfach nicht mehr darüber nachdenken müssen – damit ist völlig klar, dass die ganze Sache nicht gut ausgehen kann. Geht sie auch nicht. Aber eben nicht, weil es an gutem Willen gemangelt hatte, sondern weil die Verhältnisse halt nicht so sind.

Screenshot - I skuggan av värmen, Sweden 2009

Screenshot – I skuggan av värmen, Sweden 2009

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Screenshot – I skuggan av värmen, Sweden 2009

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Screenshot - I skuggan av värmen, Sweden 2009Screenshot - I skuggan av värmen, Sweden 2009

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Screenshot - I skuggan av värmen, Sweden 2009

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Screenshot – I skuggan av värmen, Sweden 2009

Screenshot - I skuggan av värmen, Sweden 2009

Screenshot – I skuggan av värmen, Sweden 2009

Dunkles Drogendrama: I skuggan av värmen

Drogenfilme gibt es eine ganze Menge – angefangen mit Wir Kinder von Bahnhof Zoo über Trainspotting, Fear and Loathing in Las Vegas, Grasgeflüster, Spun oder Lammbock bis hin zu Pusher, Savages oder Breaking Bad. Die meisten sind sehr drastisch, oft auch lustig, falls man diese Art Humor mag. Es geht aber auch völlig ernsthaft und humorfrei – was ich bei diesem Thema durchaus angemessen finde, denn Sucht ist für alle, die damit leben müssen, kein bisschen lustig. Ein ernsthafter und sehr realistischer Film über Drogenmissbrauch ist das schwedische Drama I skuggan av värmen von 2009. Ich habe keine Ahnung, warum es ausgerechnet dieser Film nicht in das deutsche Fernsehen geschafft hat, obwohl hier ja sonst so ziemlich jeder Schweden-Krimi läuft. Dieser Film hätte es nämlich absolut verdient.

i Skuggan av värmen - Eva (malin Crépin)

i Skuggan av värmen – Eva (Malin Crépin)

Wobei es sich hier ausdrücklich nicht um einen Krimi handelt, sondern um ein Drama, genauer um die Verfilmung eines autobiografischen Romans von Lotta Thell. Er erzählt die Geschichte der heroinsüchtigen Eva, die versucht, trotz ihrer Abhängigkeit ein Leben auf die Reihe zu kriegen. Eva fixt, seit sie 14 Jahre alt ist, sie war bereits jahrelang in Therapie und hat auch mal eine Zeitlang lang geschafft, clean zu bleiben. Sie hat einen Job bei einer Sicherheitsfirma, die Gebäude bewacht, einen Schäferhund und eine Regel: Wenn sie nicht arbeitet, versucht sie, keinen Stoff zu nehmen, weshalb es ihr dann meistens schlecht geht. Aber weil sie ziemlich einsam ist, merkt das niemand.

i Skuggan av värmen - Eva (malin Crépin)

i Skuggan av värmen – Eva (Malin Crépin)

Aber den Job erträgt sie nur, wenn sie auf Droge ist – natürlich dürfen die Kollegen und der Chef nichts merken. Diese Art von Doppelleben ist ziemlich anstrengend, weshalb Eva sehr zurückgezogen lebt – sie ist völlig damit ausgelastet, ihre Sucht und ihr Arbeitsleben auf die Reihe zu kriegen. Eines Nachts bemerkt sie, dass jemand im Gebäude ist und ruft Verstärkung – es stellt sich dann aber heraus, dass es sich bei dem vermeintlichen Einbrecher nur um ihre Fixerfreundin Mia handelt, zu der sie in letzter Zeit nicht mehr viel Kontakt hatte. Natürlich will Eva nicht, dass Mia Ärger bekommt und versteckt sie in ihrem Auto. Inzwischen ist die Polizei eingetroffen und Eva versucht, die Streifenpolizisten abzuwimmeln – aber der junge Kollege nimmt seinen Job ernst und will lieber selbst noch einmal nachsehen.

I skuggan av värmen: Eva (Malin Crépin)

I skuggan av värmen: Eva (Malin Crépin)

Eva passt das alles gar nicht, und sie ist genervt – und dann findet dieser Typ auch noch, dass sie gar nicht wie eine typische Wächterin aussieht und erlangt erstmal ihren Ausweis. Wobei er ja irgendwie recht hat, eine ätherische Schönheit wie Eva ist keine typische Sicherheitsdienstleisterin. Insofern hat Eriks Instinkt durchaus funktioniert, auch wenn es noch eine Weile dauern wird, bis er herausfindet, was mit ihr nicht stimmt. Aber natürlich ist mit ihrem Ausweis alles in Ordnung und Eva ist so souverän, Eriks Dienstausweis zu verlangen, weil sie findet, dass er auch nicht wie ein typischer Polizist wirkt.

Erik versucht später, mit Eva Kontakt aufzunehmen, was sie erstmal abblockt. Aber er bekommt natürlich raus, wo Eva anzutreffen ist. Er wartet, bis sie mit ihrem Hund vorbei kommt und lädt sie zum Abendessen ein. Sie ist nicht begeistert, nimmt aber immerhin die Karte an, auf der er seine Adresse notiert hat, falls sie es sich anders überlegt. Zu beider Erstaunen taucht sie am verabredeten Abend dann doch auf. Sie nimmt zwar weder Bier, noch Wein, sondern trinkt nur ein Glas Wasser, aber die beiden landen ziemlich schnell im Bett.

I skuggan av värmen - Eva (Malin Crépin) und Erik (Joel Kinnaman)

I skuggan av värmen – Eva (Malin Crépin) und Erik (Joel Kinnaman)

Erik verliebt sich total in die schöne Eva. Sie versucht zwar, ihn irgendwie auf Distanz zu halten, damit er nicht mitbekommt, dass sie eigentlich ein Junkie ist, aber das ist natürlich nicht so einfach – denn sie hat sich ihrerseits in diesen offenbar doch ganz netten Erik verliebt. Andererseits braucht sie ihren Stoff. Blöd, dass sie sich ausgerechnet mit einem Polizisten eingelassen hat, der durch seinen Job keine sehr freundliche Sicht auf Süchtige hat. Als sie gemeinsam schwimmen gehen, entdeckt sie blaue Flecke auf Eriks Rücken: Da ist so ein Scheißjunkie auf ihn drauf gesprungen. Er ahnt nicht, dass sich Eva auf dem Klo gerade einen Schuss gesetzt hat. Natürlich bekommt Erik schon mit, dass Eva nicht ganz richtig tickt, aber Liebe macht bekanntlich blind.

Eines nachts liegt sie mit Erik im Bett und jemand klingelt Sturm. Evas Freundin Mia steht vor der Tür. Mia ist schwanger und hat Streit mit ihrem gewalttägigen Freund. Mia sieht furchtbar aus, aber Eva lässt sie nicht in die Wohnung, weil sie nicht will, dass Erik sieht, wer ihre Freundin ist. Erik weiß nämlich, dass Mia und ihr Freund Drogen nehmen, und er weiß auch, dass der Kerl Mia verprügelt – Erik ist frustriert darüber, dass Mia sich weigert, diesen Schläger wegen häuslicher Gewalt anzuzeigen. Erik versteht das alles nicht und Eva will auch nichts erklären müssen. Sie gibt Mia Geld und schickt sie weg.

I skuggan av värmen - Eva (Malin Crépin)

I skuggan av värmen – Eva (Malin Crépin)

Später gehen Eva und Erik aus, sie treffen einige Kollegen, mit denen er befreundet ist. Sie unterhalten sich über einen Einsatz, der sie ziemlich mitgenommen hat: Wie krank muss denn einer sein, der seiner schwangeren Freundin den Bauch aufschlitzt? Eva kapiert, dass es sich nur um Mia handeln kann. Sie läuft weg und fährt mit Eriks Auto nach Hause – dort muss sie sich auf diesen Schock hin erst einmal einen Schuss setzen. Als Erik nach Hause kommt, findet er Eva im Bad auf dem Boden – die Nadel noch in der Vene. Er ist natürlich entsetzt, aber wild entschlossen, Eva zu helfen. Eva macht es ihm keineswegs leicht – nachdem sie sich in Erik verliebt hatte, war sie von sich aus auf die Idee gekommen, heimlich einen Entzug zu machen, aber sie hat durch die schrecklichen Ereignisse den verabredeten Termin verpasst.

I skuggan av värmen - Eva (Malin Crépin) and Erik (Joel Kinnaman)

I skuggan av värmen – Eva (Malin Crépin) and Erik (Joel Kinnaman)

Jetzt weigert sich die Suchthilfe, sie aufzunehmen, was Erik wahnsinnig aufregt, aber es gibt nun einmal Regeln. Er beschließt, auf eigene Faust einen Entzug mit Eva durchzuziehen und bringt sie in einem abgelegenen Sportheim der Polizei unter. Hauptsache, weit weg von den einschlägigen Dealern. Eva geht es natürlich so schlecht, wie es einem Junkie beim kalten Entzug nur gehen kann, Erik muss eine ganze Menge ertragen, was ihn durchaus an die Grenze bringt, aber irgendwie kriegt Eva sich wieder ein und bittet ihn um Verzeihung für all das, was sie ihm antut. Und als echter Junkie hat sie ihm einiges angetan, mehr, als er bisher mitbekommen hat. Sie hat ihn unter anderem beklaut, um sich Stoff kaufen zu können, denn inzwischen hat sie auch ihren Job verloren, weil ein Kollege dann doch gemerkt hat, dass sie Drogen nimmt. Eine weitere Katastrophe, von der sie sich kaum erholen wird.

I skuggan av värmen - Eva (Malin Crépin) and Erik (Joel Kinnaman)

I skuggan av värmen – Eva (Malin Crépin) and Erik (Joel Kinnaman)

Als Erik glaubt, dass es ihr besser geht, fährt er zur Arbeit und lässt sie allein. Eva hält es nicht lange aus und haut ab. Erik sucht nach ihr und hat inzwischen auch Nachforschungen angestellt, er lässt sich aus dem Archiv alles kommen, was über Eva vorliegt. Bevor er die Akte bekommt, ist er zufällig dabei, als Eva zugedröhnt von Kollegen aufgegriffen wird. Auf der Polizeiwache wird Eva in eine Arrestzelle gesperrt. Als Eva versucht, Erik zu umarmen, schlägt er sie – natürlich ist er über diesen Impuls auch wieder entsetzt, aber Eva meint, dass das okay geht, jetzt seien sie quitt. Aber sie wirft ihm auch wieder vor, was sie ihm die ganze Zeit immer wieder sagt: Dass er verdammt naiv sei und alles keinen Sinn habe. Erik begreift langsam, dass er nichts mehr für Eva tun kann, andererseits lässt ihn die Sache auch nicht los.

I skuggan av värmen - Erik (Joel Kinnaman)

I skuggan av värmen – Erik (Joel Kinnaman)

Während Eva durch die Stadt irrt und immer tiefer in ihrer Sucht versinkt, hört Erik ein Tonbandprotokoll, das aufgenommen wurde, als Eva sechs Jahre alt war. Sie erzählt in kindlichen Bildern vom Alltag mit ihren gewalttätigen Alkoholiker-Eltern, von ihren Ängsten und dass sie sich wünscht, dass irgendwann jemand da sei, der an sie denken würde. Erik begreift, dass das im Grunde alles ist, was er tun kann: Ab und zu an Eva denken – aber ihre Verletzungen und ihr kaputtes Leben kann er nicht reparieren. In der letzten Szene des Films sieht Eva Erik im Schwimmbad, Erik bemerkt Eva und sie betrachten sich gegenseitig durch die Glasscheibe – jeder bleibt in seiner Welt.

In skuggar av värmen ist ein sehr trauriger und realistischer Film über Sucht und was sie mit den Menschen macht – mit Liebe und Idealismus ist ihr nicht beizukommen. Im Gegenteil: Je mehr sich Erik reinhängt, um Eva zu helfen, desto größer wird das Gefälle zwischen beiden – es ist ja nicht so, dass Eva nicht wüsste, was sie sich selbst und Erik antut. Sie ist unendlich traurig darüber und hat damit noch mehr Grund, sich elend zu fühlen. Aber das ist ja genau der Unterschied zwischen den Nichtsüchtigen und den Süchtigen – dass es den Süchtigen halt unheimlich schwer fällt, einfach vernünftig zu sein und den Scheiß zu lassen. Dass man es nicht lassen kann, ist ja das Wesen der Sucht. Aber das kapiert ein Nichtsüchtiger nicht. Das ist auch nicht unbedingt eine Frage von Selbstdisziplin und so weiter – Süchtige müssen eine ganze Menge auf die Reihe kriegen, um ihre Sucht zu befriedigen. Sie setzen halt andere Schwerpunkte als die anderen.

I skuggan av värmen - Eva (Malin Crépin)

I skuggan av värmen – Eva (Malin Crépin)

Eva kann es nicht lassen und versucht, trotzdem zu funktionieren, was ihr eine Zeitlang auch halbwegs gelingt – aber als sie sich in Erik verliebt, gibt es plötzlich zu viele Dinge in ihrem Leben, die sich nicht kontrollieren kann und alles geht schief. Erik kann seinerseits nicht wissen, was er anrichtet, als er sich in Eva verliebt. Er ist glücklich und glaubt, dass er die Frau fürs Leben gefunden hat – er ahnt nicht, dass es Eva vor unglaubliche logistische Herausforderungen stellt, wenn er bei ihr übernachtet und sie sich heimlich neuen Stoff besorgen muss. Ein romantischer Ausflug mit dem Auto gerät beinahe zur Katastrophe, als der Wagen liegen bleibt und sie stundenlang auf den Abschleppdienst warten müssen – Eva will unbedingt nach Hause, sie leidet unter Entzug und wird entsprechend unausstehlich – Erik versteht nicht, was plötzlich mit ihr los ist.

Und letztlich versteht er es auch nicht, nachdem er entdeckt hat, dass seine Freundin ein Junkie ist – zumindest nicht, so lange er daran glaubt, dass er sie retten kann. Er ist fassungslos darüber, dass Eva nach all dem, was er für sie getan hat, sofort wieder wegläuft, um sich den nächsten Schuss zu besorgen. Aber Evas Leben ist nun mal eine einzige sinnlose und immer schrecklichere Unordnung – sie sieht für sich keine Perspektive außer dem nächsten Schuss. Mit Eriks Vorstellung von der Welt und dem Leben kann Eva nichts anfangen. Immerhin findet Erik heraus, dass Evas Leben von Anfang an durch Abhängigkeit und Gewalt geprägt wurde und sie deshalb keine Ahnung hat, wie ein normales Leben überhaupt funktioniert.

I skuggan av värmen - Eva (Malin Crépin) and Erik (Joel Kinnaman)

I skuggan av värmen – Eva (Malin Crépin) and Erik (Joel Kinnaman)

Erik muss einsehen, dass sein eigenes Handeln mit dem, was Eva tut, nichts zu tun hat. Es hat keinen Sinn, einem Süchtigen zu helfen, in dem man etwas für ihn oder sie tut, und darauf setzt, dass er oder sie sich dann mehr Mühe gibt, weil es jetzt ja um etwas Größeres geht, ein gemeinsames Ziel, die große Liebe, eine Beziehung oder was auch immer, auf jeden Fall um mehr als um einen selbst, denn genau damit hat der Süchtige ja ein Problem: Mit sich selbst.

Aber genau das ist auch der Punkt – wenn man für sich selbst und nur aus sich heraus entscheidet, das alles nicht mehr zu wollen, hat man vielleicht eine Chance, sein Leben wieder auf die Reihe zu kriegen. Alles andere funktioniert nicht. Und das müssen auch alle lernen, die mit Süchtigen zu tun haben. Ach was, nicht nur die, es ist im ganzen Leben so, auch wenn die Gesellschaft immer wieder anderes behauptet: In der Liebe, in Beziehungen ist man von vorn herein zum Scheitern verurteilt, wenn man nicht kapiert, dass es sich eben nicht um ein Geschäft handelt: Ich gebe dir und du gibst mir. Okay, wenn beide Partner so drauf sind, kann es doch funktionieren. Vermutlich ist das sogar in einem großen Teil der länger währenden Beziehungen in unserer Gesellschaft so.

Aber wenn man mit einem Süchtigen zu tun hat, dann funktioniert das nicht. Da muss man einfach begreifen, dass es die eigene Entscheidung ist, wieviel man gibt und man darf in keinem Fall erwarten, dass man etwas zurück bekommt. Was übrigens für alle (Liebes-)Beziehungen gelten sollte.

I skuggan av värmen - Eva (Malin Crépin) and Erik (Joel Kinnaman)

I skuggan av värmen – Eva (Malin Crépin) and Erik (Joel Kinnaman)

Auch ästhetisch ist die Umsetzung sehr gelungen: Eva ist meistens nachts unterwegs, überhaupt ist es fast immer dunkel. Es schneit, die Welt ist kalt, wir sehen leere Gebäude, Industriegelände, Gänge mit kaltem Neonlicht und U-Bahn-Tunnel. Evas Welt ist einsam und öde. Der Film zeigt in gewisser Weise ihren Tunnelblick.

Und selbst wenn es hell ist, gibt es selten schöne Bilder, es gibt hässliche Sozialbau-Betonblöcke, Autobahnbrücken, leere Landschaft, etwa um den Polizeisportplatz. Naturbilder tauchen gelegentlich auf, haben dann aber etwas Surreales – in einigen kurzen Augenblicken, in denen Eva und Erik zusammen sind, scheint die Sonne, aber auch hier ist nicht klar, ob die Liebenden auf weißem Sand oder im Schnee liegen. Und während des Ausflugs, bei dem das Auto nicht mehr anspringt, sieht man kurz die Wintersonne durch die Bäume scheinen, aber auch dieser Tag endet dunkel.

Mir hat an dem Film gefallen, dass Eva weder Opfer noch Monster ist – sie ist ein Mensch, der in dieser Gesellschaft wenig Optionen hatte und auf H. hängen geblieben ist. Und als sie einen ernsthaften Versuch unternimmt, da raus zu kommen, macht sie fatale, aber nachvollziehbare Fehler. Und der gute Cop Erik muss erkennen, dass Liebe nicht alles heilt und dass er sein Weltbild noch einmal überarbeiten muss. Das ist schon ziemlich viel für einen Film.

Die Brücke – Transit in den Tod Staffel 2:

Nach dem ich als echter Die-Brücke-Fan ja nicht nur das Original, sondern sämtliche Remakes (The Bridge – America bzw. The Tunnel) gesehen habe, freue ich mich jetzt natürlich sehr, dass es endlich wieder los geht: Die zweite Staffel der dänisch-schwedischen Krimi-Serie läuft endlich im ZDF. Und auch dieses Mal ist die spektakulär lange Öresund-Brücke, die Kopenhagen und Malmö verbindet, der Ort, an dem das Verbrechen seinen Anfang nimmt.

Und das, nachdem dieses eigentlich sehr triste Ding, das nichts als eine lange Straße bzw. Schienenstrecke über die Ostsee ist, der Ort war, an dem nicht nur das rätselhafte erste Verbrechen der ersten Staffel inszeniert wurde, sondern auch das letzte Verbrechen des fanatischen Täters scheiterte: Der dänische Kommissar Martin Rohde (Kim Bodnia) sollte die Geisel erschießen, um das Leben seines Sohnes zu retten. Aber der Wahrheitsterrorist log: August war schon tot. Und die schwedische Kommissarin Saga Norén (Sofia Helin), die das als einzige schon wusste, streckte Martin nieder, um zu verhindern, dass er zum Mörder würde.

Screenshot Die Brücke 2: Sage weiß, dass mehr dran ist

Screenshot Die Brücke 2: Sage weiß, dass mehr dran ist

Ein Jahr und einen Monat später läuft ein Frachtschiff gegen einen Pfeiler der Brücke. An Bord sind fünf junge Menschen, angekettet im Laderaum und in gesundheitlich schlechtem Zustand. Weil zwei der Jugendlichen aus Dänemark stammen, setzt Saga sich in ihren alten Porsche und fährt nach Kopenhagen. Sie ahnt, dass es sich um mehr als um einen Vermissten-Fall handelt und erinnert sich offenbar gern an die Zusammenarbeit mit Martin. Denn sie hätte ihn auch einfach anrufen können. Oder eine E-Mail schreiben. Aber zwischenmenschliche Kommunikation ist nicht so ihr Ding. Jedenfalls nicht so, wie andere kommunizieren würden.

Screenshot Die Brücke 2: Martin freut sich, Saga zu sehen.

Screenshot Die Brücke 2: Martin freut sich, Saga zu sehen.

Martin ist nach dem Tod seines Sohnes grau geworden, freut sich aber, Saga zu sehen. Und nicht nur das, er will ihr bei ihren Ermittlungen helfen. Man hat ihn nach dem schrecklichen Ereignissen im vergangenen Jahr auf einen ruhigen Posten versetzt, damit er sich erholen kann. Aber als Martin Saga sieht, wird ihm klar, dass er eigentlich viel lieber wieder ins richtige Leben zurück will. Er will nicht geschont werden, er will einfach wieder behandelt werden wie jeder andere auch, und genau das beginnt er, jetzt einzufordern. Und Sagas spröde Art hilft ihm dabei, auch wenn sie inzwischen versucht, Martins Ratschläge aus der ersten Staffel zu befolgen – was Martin natürlich merkt: „Nur weil Sie inzwischen das Lügen gelernt haben, heißt das nicht, dass Sie gut darin sind!“ quittiert er ihre nett gemeinten Versuche.

Screenshot Die Brücke 2: Saga und Martin in Aktion.

Screenshot Die Brücke 2: Saga und Martin in Aktion.

Aber der Fall lässt auch wenig Raum für Nettigkeiten: Eine Gruppe von Umweltterroristen hat die Jugendlichen auf dem Frachter mit Lungenpest infiziert und ist dabei, eine Menge Menschen zu vergiften: Menschen sterben nach dem Verzehr von unkorrekt produziertem Obst, von ökologisch zweifelhaften Riesengarnelen oder Rindfleisch. Alles, was eine schlechte Öko- und Korrektness-Bilanz hat, wird potenziell gefährlich. Keine Frage, das Ganze erinnert doch sehr an The East. Ich vermisse schon jetzt Figuren wie den Sozialarbeiter Stefan, der im Wunsch, den Schwachen und Benachteiligten zu helfen, zum Mörder wird oder den zwielichtigen karrieregeilen Journalisten Daniel.

Die Jungs und Mädels von der Ökoterror-Front haben mich noch nicht so richtig überzeugt – sie sind auch viel weniger nett zueinander als die Anarchos aus The East. Natürlich sind so richtige Terroristen, die über Leichen gehen, nie nette Menschen – aber hier wird ja nicht mal der Versuch gemacht, die Terroristen auch nur ambivalent zu zeichnen. Das ist schon ziemlich enttäuschend, obwohl ich durchaus guten Willens bin, mir anzusehen, wie es weiter geht.