Berlin Station: Amerikaner in Berlin

Als ich vor ein paar Tagen nach Hause kam, standen hinter meinem Wohnblock mehrere Mietlaster. Hinter den Windschutzscheiben Schilder, die darauf schließen ließen, dass Anonymous Content just in meiner Gegend dreht – und weil das ja auch die Produktionsfirma hinter meiner Lieblingsserie Mr. Robot ist, musste ich gleich mal recherchieren, was die hier in Berlin gerade tun. Offenbar wird derzeit die zweite Staffel von Berlin Station hier gedreht – und so setzte ich alles daran, an die erste Staffel dieser Serie zu kommen, die leider noch gar nicht in Deutschland ausgestrahlt wurde. Aber wie ich inzwischen gesehen habe, kommt sie ab dem 18. Juli auch hierzulande auf Netflix. Insofern brandaktuell!

Screenshot Berlin Station: Reichstag in Berlin

Screenshot Berlin Station: Reichstag in Berlin

Berlin Station wurde vom US-Kabelsender Epix in Auftrag gegeben und im Herbst vergangenen Jahres in den USA ausgestrahlt. Von dem Sender hatte ich zuvor noch nie gehört, meinen Recherchen zufolge wurde er erst Ende 2009 gegründet, womit er der jüngste unter den Premium-Kabelsendern der USA sein dürfte. Epix gehört zum Metro-Goldwyn-Mayer-Imperium und hat sein Hauptquartier im Bertelsmann Building in New York. Nun sollte man wissen, dass Bertelsmann ein deutscher Medienkonzern ist, der in Gütersloh sitzt. Zu Bertelsmann gehören die RTL Gruppe, Penguin Random House, Gruner & Jahr, BMG, Arvato und diverse weitere Bertelsmann-Unternehmen. Soviel zur Medienmacht von Bertelsmann und den Verbindungen zu Deutschland – es ist ja schon interessant, dass eine von einem US-Network in Auftrag gegebene und offenbar für ein US-Fernsehpublikum konzipierte Serie komplett in Berlin spielt – und in Berlin bzw. Potsdam Babelsberg produziert wird.

Screenshot Berlin Station: U-Bahnhof Alexanderplatz

Screenshot Berlin Station: U-Bahnhof Alexanderplatz

Okay, wir hatten das schon einmal mit der fünften Staffel von Homeland – wobei Homeland ja nun eine durch und durch amerikanische Serie ist, auch wenn sie CIA-bedingt immer wieder außerhalb der USA spielen muss, schließlich ist die CIA nun einmal der Auslandsgeheimdienst der Staaten. Um die CIA geht es auch in Berlin Station – und Berlin ist ja nun auch ein cooler Ort, es muss nicht immer Teheran, Bagdad oder Abu Dhabi sein. Die Sprachbarriere ist in Berlin auch nicht wirklich ein Problem, zumindest die jüngeren Berliner sprechen sehr viel besser Englisch als ein Durchschnittsamerikaner Deutsch, selbst wenn der in Deutschland arbeitet – was für unsereins eigentlich ein Running Gag solcher Serien ist: Es ist einfach zu putzig, wenn Amerikaner versuchen, Deutsch zu reden. Ja, gewiss ist es auch putzig, wenn Deutsche Englisch reden, aber wir werden hierzulande ja wesentlich häufiger zum Gebrauch von Fremdsprachen gezwungen – zumindest wenn wir auf der Höhe der Zeit bleiben wollen. Schon weil es viel zu lange dauert, bis die interessanten US-Serien hierzulande offiziell verfügbar sind. Da ziehen wir uns das doch lieber gleich in der Originalsprache rein.

Screenshot Berlin Station: Daniel Miller (Richard Armitage) auf den Dächern von Berlin

Screenshot Berlin Station: Daniel Miller (Richard Armitage) auf den Dächern von Berlin

Damit zurück zur Serie – in Berlin Station wird tatsächlich viel Deutsch gesprochen, was durchaus für die Serie spricht. Denn warum sollten Deutsche untereinander nicht deutsch sprechen?! Deutsch mit englischen Untertiteln ist auch mal ganz lustig. Es sind entsprechend eine Reihe deutscher Schauspieler mit dabei, etwa Bernhard Schütz als Hans Richter, der ein hohes Tier beim deutschen Verfassungsschutz ist, Victoria Mayer als Ingrid Hollenbeck, einer Chefredakteurin der Berliner Zeitung, Claudia Michelsen als Patricia Schwarz, der deutschen Kusine von Agent Daniel Miller (Richard Armitage) oder Sabin Tambrea als – nun ja, einer sehr tragischen Figur mit vielen Facetten, die im Grunde der Auslöser der aufsehenserregenden Aktionen des geheimnisvollen Thomas Shaw ist.

Worum es geht: Der CIA-Analyst Daniel Miller entdeckt eine Verbindung zwischen scheinbar zusammenhangslosen Leaks, bei denen äußerst sensible Informationen über die Arbeit der CIA an die Öffentlichkeit gelangten. Es scheint sich dabei immer um den selben Whistleblower zu handeln. Das aktuellste Leck wird ausgerechnet von der Berliner Zeitung veröffentlicht. Also wird Miller nach Berlin geschickt, um den Whistleblower zu enttarnen. Die Ironie dabei: Daniel Miller ist ein geborener Berliner. Seine Mutter wurde brutal ermordet, als er acht Jahre alt war. Weil sein Vater Amerikaner war, wuchs er nach dem Tod der Mutter in den Staaten auf.

Screenshot Berlin Station: Daniel Miller (Richard Armitage) inside Berliner Zeitung

Screenshot Berlin Station: Daniel Miller (Richard Armitage) inside Berliner Zeitung

In Berlin trifft Miller (der übrigens nur noch schlecht Deutsch spricht) zwei sehr unterschiedliche Typen: Den Chef der titelgebenden Berlin Station Steven Frost (Richard Jenkins), der bereits zu Zeiten des Kalten Kriegs bei der CIA angefangen hat und auf Hector DeJean (Rhys Ifans), der ihn in seinen neuen Job einweisen soll. Auch Hector ist ein Veteran, und wie sich herausstellt, gibt es eine alte Geschichte zwischen Hector und Daniel – die dazu führte, dass Daniel sich aus dem Dienst im Feld zurückzog und fortan als Analyst seinen Dienst tat.

Ich will jetzt nicht den Fehler wiederholen, den ich viel zu oft mache – nämlich eine komplette Inhaltsangabe der Serie zu liefern. Nur so viel: Mir gefällt Berlin Station sehr gut – die Handlung ist nicht so hysterisch und an den Haaren herbeigezogen wie bei Homeland. Was ich auf jeden Fall als Plus werte: Hier gibt es keine manisch-depressiven Superagentinnen und auch keine Kriegshelden, die möglicherweise umgedrehte islamistische Selbstmord-Attentäter sind. Die Figuren in Berlin Station sind realistischer, was sie aber nicht weniger interessant macht. Denn alle haben für das, was sie tun, einen guten Grund. Und die Serienmacher nehmen sich die Zeit, um die Motive der jeweiligen Hauptfiguren nachvollziehbar zu erklären.

Screenshot Berlin Station: Der Mann im Hintergrund - Hector DeJean (Rhys Ifans)

Screenshot Berlin Station: Der Mann im Hintergrund – Hector DeJean (Rhys Ifans)

Dadurch wird die Handlung alles in allem ziemlich vorhersehbar – was von Adrenalinjunkies vielleicht als Minus gewertet werden kann. Aber in Berlin Station geht es eben nicht um möglichst abgefahrene Plottwists, sondern um eine vergleichsweise solide Story über den zu enttarnenden Whistleblower, der sich Thomas Shaw nennt (es wird am Ende auch gezeigt, wie er auf genau diesen Namen gekommen ist) und die oberen Chargen der CIA-Station in Berlin ganz schön in Bedrängnis bringt. Denn es werden nicht nur hässliche Details der die Methoden der CIA ausgeplaudert – die ja spätestens seit dem Abu-Ghraib-Folterskandal einer breiten Öffentlichkeit ohnehin bekannt sind – sondern auch über Verbindungen zu den deutschen Geheimdiensten, was die Deutschen ganz schön ärgert. Und die können ziemlich nerven, wenn sie verärgert sind. Wie diese Chefredakteurin der Berliner Zeitung, die sich aus Sicht der CIA in verantwortungslosester Weise von Thomas Shaw instrumentalisieren lässt und seine Leaks veröffentlicht. Doch auch die Leute vom Verfassungsschutz sind nicht glücklich darüber.

Screenshot Berlin Station: Ingrid Hollenbeck (Victoria Mayer), heimlich überwachte Chefredakteurin der Berliner Zeitung

Screenshot Berlin Station: Ingrid Hollenbeck (Victoria Mayer), heimlich überwachte Chefredakteurin der Berliner Zeitung

Und dann sind da noch die Israelis, die dem Chef der Berliner CIA-Station Robert Kirsch (Leland Orser) behilflich sind, weil er doch als Jude einer von ihnen sein sollte, woran sie ihn mehr oder weniger sanft erinnern müssen: Eine Hand wäscht die andere und sowohl gegen die Deutschen, als auch gegen die Islamisten müssen sie doch zusammen halten. Dass es mit den jeweiligen Fronten und Loyalitäten nicht so einfach ist, wird immer wieder und an vielen Stellen gezeigt – insofern ist Berlin Station dann doch wieder komplex genug, um einen fortgeschrittenen Serienjunkie wie mich zufrieden zu stellen. Natürlich geraten hier auch Zivilisten zwischen die Fronten, die eigentlich nur Gutes tun wollten, es gibt eine ganze Reihe bedauerlicher Kollateralschäden.

Steven Frost (Richard Jenkins), Chef der Berlin Station

Steven Frost (Richard Jenkins), Chef der Berlin Station

Wie im wahren Leben ist alles ziemlich komplex – so hat der Islamistische Terror auch in Deutschland mitunter ein weibliches Gesicht und die Haltung Deutschlands in der Flüchtlingsfrage wird natürlich nicht nur von deutschen Rechten und Konservativen instrumentalisiert, um Stimmung gegen die Fremden zu machen, sondern auch findige Terrorunterstützer nutzen Institutionen, die angeblich Flüchtlingen helfen sollen, um Unterstützer des IS-Terrors zu rekrutieren. Gute Absichten werden eben auch von genau den Leuten ausgenutzt, die man eigentlich überhaupt nicht unterstützen wollte. Und umgekehrt: Der von den USA ausgerufene Krieg gegen den Terror mit seinem gnadenlosen Repressionssystem von Blacksites außerhalb der USA führt eben auch dazu, dass aus eigentlich harmlosen Verdächtigen, die zufällig in die Folter-Maschinerie geraten sind, am Ende wirklich Täter werden.

Berlin Station: Immer wieder historische Bilder der Mauer

Berlin Station: Immer wieder historische Bilder der Mauer

Insofern ist Berlin Station trotz kleinerer Schwächen in der Story eine der besseren Spionage-Serien – natürlich gibt es von mir auch einen gewissen Berlin-Bonus. Wobei man wirklich einiges von Berlin sieht, die Stadt ist auch nicht so absurd zusammengeschnitten wie man das von anderen Produktionen kennt, und zwar auch von deutschen Serien und Filmen, in denen die Leute in der U-Bahn am Alexanderplatz aussteigen und dann am Potsdamer Platz oder am Ku’damm rauskommen. Obwohl schon interessant ist, dass die geheimen Wohnungen der CIA durchweg schon Jahrzehnte vor der Wende nicht mehr renoviert wurden. Liebe Amerikaner – es stimmt nicht, dass Berliner Wohnungen alle noch im 70er-Jahre-Stil (oder älter) eingerichtet sind, auch wenn das unter Hipstern vielleicht gerade wieder angesagt ist. Und auch noch ein Tipp für Thomas Shaw: Die Berliner Zeitung kennt außerhalb Berlins kaum jemand – vielleicht beim nächsten Mal doch ganz professionell bei Wikileaks leaken? Oder ein Fake-Account bei Facebook einrichten?

Screenshot Berlin Station: Potsdamer Platz

Screenshot Berlin Station: Potsdamer Platz

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Alle Himmel sind gleich – aber manche sind gleicher

Das ZDF wollte mal wieder Geschichte schreiben – und weil die jüngere deutsche Geschichte vor allem eine Geschichte über die deutsche Teilung ist, geht es in dem ZDF-Dreiteiler Der gleiche Himmel um Stasispione und ihre ebenso weiblichen wie westlichen Zielpersonen, denen sie Geheimnisse über die militärische und politische Lage des feindlichen Lagers entlocken sollen. Und darum, dass es im Westen halt schöner, bunter und in jeder Beziehung besser war als im grauen, freudlosen Osten. In dem zwar keiner Not leiden, aber dafür alle den Mund halten mussten. Und um ein dunkle west-östliche Familiengeschichte, die ebenso gnadenlos überkonsturiert wie absurd ist. Doch eins nach dem anderen.

Zu meiner eigenen Überraschung hatte ich nicht, wie sonst oft das Bedürfnis, nach zehn Minuten anzuschalten bzw. das Programm zu wechseln. Was aber nicht daran lag, dass das ZDF plötzlich die Kurve gekriegt hätte und auf einmal Mehrteiler produzieren würde, die tief, subtil und überraschend gut wären. Ich würde es eher mit Faszination des Grauens überschreiben, denn Der gleiche Himmel bietet genau die Holzhammer-Kost, die man von diesem Sender gewohnt ist. Natürlich konnte ich mir nicht alle drei Teile am Stück reinziehen, sondern immer nur einen pro Abend, aber das war ganz gut auszuhalten, schon weil sich das deutsche Fernsehen immer dermaßen viel Mühe mit der Ausstattung gibt – die 70er Jahre sahen tatsächlich ungefähr so aus wie jetzt im Fernsehen. Ich weiß das, denn 1974, dem Jahr, in dem die Agentenoper spielt, bin ich in die erste Klasse gekommen. In der BRD allerdings, also da, wo die Leute VW-Käfer, R4 oder Mercedes fuhren, nicht in Trabbi-Land.

Der gleiche Himmel: Sabine Cutter (Friederike Echt), Lars Weber (Tom Schilling) Laure Faber (Sofia Helen) Ralf Müller (Ben Becker) Bild: zdf

Der gleiche Himmel: Sabine Cutter (Friederike Becht), Lars Weber (Tom Schilling) Laure Faber (Sofia Helen) Ralf Müller (Ben Becker) Bild: zdf

Der Anfang der Handlung so holzhammermäßig, dass es schon fast Richtung Satire geht, und da bin ich ja gleich dabei. Leider ging es nicht so lustig weiter. Aber wenn der Stasiausbilder seinen Stasischülern, die alle brav wie Erstklässler an ihren hölzernen Pulten sitzen, erklärt, wie eine Frau tickt, präziser: Wie das weibliche Hirn funktioniert, dann weiß er, wovon er spricht. Denn die Frauen werden sich später netterweise genau an dieses Drehbuch halten, womit die Mission des aufstrebenden Stasischülers dann irgendwie auch erfolgreich ist, wobei mir gerade auffällt, dass für die Geschichte erstaunlich egal ist, was da an Informationen eigentlich abgeschöpft werden soll.

Aber zurück auf die Schulbank für angehende Ost-Spione. Gute Sozialisten wissen: Frauen haben durchaus ein Gehirn! Aber auch die bestausgebildetsten Datenanalystinnen der westlichen Welt sind eben Frauen. Und die werden, so ist das bei Frauen nun einmal,  von ihren Emotionen gesteuert, also rechte Hirnhälfte, die wiederum für das linke Auge zuständig ist. Über das linke Auge der jeweiligen Frau hat der findige Romeo-Agent quasi den direkten Zugriff auf das westliche Datencenter. Jetzt gilt es also nur noch die richtigen Passwörter zu finden, mit denen die jeweilige Alte zu knacken ist.

Das ist tatsächlich so schlecht, dass es schon wieder gut ist, nur ist dieser Scheiß kein Privileg sozialistischer Ideologie, auch die Westler befleißigen sich bis heute idiotischer Modelle aller Art, um die Welt zu erklären und zu beherrschen – aber ich schweife schon wieder ab. Tatsächlich habe ich mit das alles auch deshalb angesehen, weil ich Tom Schilling als Schauspieler wirklich gut finde, auch wenn ich ihn für diese Rolle inzwischen doch zu alt fand – aber, wie er als Agent erklärt: „Vielleicht bin ich eine alte Seele.“ Wie ein 25jähriger sieht er tatsächlich nicht mehr aus.

Der erste Schritt für Lars Weber (Tom Schilling) ist getan: Er hat seine

Der erste Schritt für Lars Weber (Tom Schilling) ist getan: Er hat seine „West-Wohnung“ bezogen. Wird er seinen Auftrag erfolgreich abschließen können? Bild: zdf

Und ich mag auch Sofia Helin, die seine Zielperson Lauren Faber spielt. Als leicht autistische Kommissarin hat sie mir in Die Brücke wirklich gut gefallen. Natürlich ist sie auch als Lauren Faber überzeugend – eine alleinerziehende Mutter eines 17jährigen, ziemlich missratenen Sohnes, die für den britischen Geheimdienst arbeitet. Der sie wiederum auf dem Teufelsberg einsetzt, einer US-Abhörstation in Westberlin, mit der die NSA nicht nur den Osten, sondern auch den Westen belauscht.

Für ihre Figur haben sich die Serienmacher wenigstens eine halbwegs glaubhafte Legende ausgedacht – Lauren ist schwedisch-britischer Herkunft und hat einen Deutschen geheiratet. Das erklärt, warum sie sowohl perfekt Englisch, als auch Deutsch spricht – Deutsch allerdings mit leichtem schwedischen Akzent. Ihr Mann hat sie aber mit dem Kind sitzen lassen und sich wieder nach Westdeutschland verdrückt, ihr Sohn pubertiert wüst vor sich hin.

Lauren macht ihren Job natürlich gut, sie ist erfahren, umsichtig und pflichtbewusst – genau deshalb fühlt sie sich als Mutter als Versagerin. Was ihr Sohn natürlich ausnutzt: Er beklaut sein Mutter und verkifft das Geld, hört gern laut Musik und sperrt sich in sein Zimmer ein, das mit RAF-Fahndungsplakaten geschmückt ist – ziemlich normaler 70er-Jahre-Teenie würd ich mal sagen, aber für eine Frau wie Lauren ist das alles wirklich schlimm. Zumal sie ziemlich einsam ist: Außer ihrer jungen Kollegin Sabine Cutter (Frederike Becht) hat sie eigentlich niemand, mit dem sie reden oder sonst irgendwas unternehmen kann. Ein ideales Opfer also für Romeo-Agenten Lars Weber.

Der gleiche Himmel: Lauren (Sofia Helin) und Lars (Tom Schilling) Bild: zfd

Der gleiche Himmel: Lauren (Sofia Helin) und Lars (Tom Schilling) Bild: zfd

Aber die Sache läuft aus dem Ruder – Lauren überlebt die Mission nicht. Und Lars wird jetzt auf Sabine angesetzt, die ihm von Anfang an viel besser gefallen hat als die deutlich ältere und weniger attraktive Lauren, die aber genau deshalb ja auch das leichtere Opfer war. Aber Sabine ist praktischerweise die Adoptiv-Tochter eines ranghohen NSA-Offiziers, der mit einer Deutschen verheiratet ist – vermutlich ist das auch der Grund, warum die vergleichsweise junge Sabine schon so einen verantwortungsvollen Job hat. Sie ist das weibliche, westliche Gegenstück zum Erfolgsossi Lars Weber – ja, und es ist tatsächlich so, wie man jetzt ahnen soll, aber wünscht, dass es eine andere Erklärung geben möge:  Immer wieder wird ein Bild von einer Frau gezeigt, die zwei Säuglinge im Arm hält.

Sowohl in der Plattenbau-Wohnung, die Lars mit seinem Vater Gregor (Jörg Schüttauf) teilt, der ebenfalls bei der Stasi ist, aber sich damit begnügt die Nachbarschaft zu überwachen, als auch in der Villa der Familie Cutter gibt es dieses einen Abzug dieses Fotos. Dagmar Cutter (Claudia Michelsen) ist also Lars’ Mutter, die damals in den Westen abgehauen ist und von der Lars nichts weiß, genau wie er auch nichts von einer Zwillingsschwester weiß. Und Vater Gregor ist zwar der einzige, der von Lars geheimer Mission weiß, aber er weiß offensichtlich auch nicht viel mehr. Dafür ist Gregor der Prototyp des überzeugten Sozialisten, der an den Sieg der guten Sache glaubt und seinen Sohn zu einem guten Staatsbürger erzogen hat – deshalb macht er ja auch den Blockwart (dafür hängt er sich auch gut sichtbar einen großen Feldstecher um den Hals – die Leute sollen durchaus sehen, was er tut) und ermahnt die Menschen, sich nicht vom Westfernsehen verblenden zu lassen. Und er päppelt liebevoll ein Vögelchen auf, das sich den Flügel verletzt hat – schaut ihm aber doch recht nachdenklich hinterher, als es davon fliegt.

Der gleiche Himmel: Gregor Weber (Jörg Schütthauf) Bild: zdf

Der gleiche Himmel: Gregor Weber (Jörg Schütthauf) Bild: zdf

Einerseits ist die Geschichte nicht wirklich schlecht. Wobei die Komplexität dann doch wieder arg gekünstelt ist: Weil Der gleiche Himmel ja mehr sein soll als ein einfach nur weiterer Agententhriller, wird ein Panorama der Zeit aufgespannt – was eigentlich eine gute Idee ist, 1974 war ein interessantes Jahr. Schon wegen der Fußball-WM, in der die DDR die BRD zwar besiegte, die BRD aber trotzdem Weltmeister wurde.

Genau das ist ja das Thema:  Der Osten hat zwar ab und zu mit ach und krach einen Punkt gegen den Westen geholt – aber im Prinzip ist der Westen eben hoffnungslos überlegen, egal wie die Ossis sich abzappeln. Sie haben halt auf das falsche System gesetzt und das wird auch hier wieder ausgiebig in Filmform zelebriert. Einmal mehr wird all das gezeigt, was im Osten so richtig schlecht war: Die Bespitzelung der eigenen Bevölkerung  – was an der DDR zwar ununterbrochen kritisiert wird, im Westen aber, wenn man die Zeichen richtig deutet, ja endlich mal hoffähig werden soll, nur dass es jetzt nicht die Stasi oder der KBG ist, die alle unsere Daten sammeln und auswerten, sondern gute kapitalistische Großkonzerne wie Google, Facebook und Amazon. Deshalb gibt es in Der gleiche Himmel auch die ganzen anderen hässlichen Sachen, Romeo-Agenten für den Westen, Doping von Staats wegen, Fahnenappell und Fahnenflucht, in diesem Fall eine versuchte Republikflucht durch den Bau eines Tunnels vom Osten in den Westen.

Schon irre, was sich die Menschen einfallen lassen, um in den vermeintlich goldenen Westen zu gelangen. In dem aber auch nur mit Wasser gekocht wird – zumindest einer der Agenten sieht das so, der herrlich schmierige, kettenrauchende und Junk-Food fressende Macho Ralf Müller (Ben Becker), der zwar Westberliner ist, aber für die Stasi arbeitet. Weil er halt irgendwie so eine subversive Ader hat, wie er Lars erklärt, als der ihn danach fragt. Besonders nachvollziehbar ist das zwar nicht, aber einer muss den Job ja machen.

Der gleiche Himmel: Sabine Cutter (Frederike Echt) und Lars (Tom Schilling) Bild: zfd

Der gleiche Himmel: Sabine Cutter (Frederike Becht) und Lars (Tom Schilling) Bild: zfd

Andere legen sich lieber krumm oder animieren ihre Kinder, das zu tun – etwa die ehrgeizige Gita Weber (Anja Kling), die Frau von Gregors Bruder Conrad (Godehard Giese), die im Plattenbau gleich nebenan wohnen. Mutter Gita ist so stolz auf ihre Töchter – die ältere soll Medizin studieren, die jüngere, Klara (Stefanie Amarell), schafft die Aufnahme in den Olympia-Kader der Schwimmerinnen. Dort bekommen die Mädchen von ihrem fiesen Trainer Doping-Medikamente, die sie zwar schneller machen, von denen ihnen aber auch Haare auf der Brust wachsen. Aber das Training ist Trainer-Sache, das wird den vielleicht dann doch besorgten Eltern eingetrichtert. Um die Überlegenheit des Sozialismus zu demonstrieren braucht es eben Opferbereitschaft und Goldmedallien.

Ich finde solche Methoden absolut nicht okay und total kritikwürdig – aber interessanterweise ist das Doping-Problem im Leistungssport mit dem Zerfall des Ostblocks nicht verschwunden, es dopen ja bekannterweise auch Athleten des freiheitlichen Westens, nur vermutlich nicht, weil der Trainer es empfiehlt, sondern aufgrund ihrer frei getroffenen Entscheidung, besser als die anderen sein zu wollen. Das ist natürlich etwas ganz anders. Obwohl, das kann und muss man der DDR ankreiden, sie war ja der Staat, der es doch eigentlich besser machen wollte als die auf Ausbeutung abzielenden Kapitalisten, um die Konkurrenz der Einzelnen untereinander zugunsten einer Orientierung auf das Gemeinwohl abzuschaffen. Epic Fail heißt ein solche Versagen heutzutage wohl – in dieser Hinsicht war die DDR tatsächlich ein Failed State. Und überhaupt: Wenn ein Staat glaubt, seine Bürger einsperren zu müssen, damit sie ihm nicht weglaufen und dann nicht selbstkritisch genug ist, zu analysieren warum das der Fall ist und wie man das abstellen kann, dann verdient er eben auch nichts anderes. Das blöde ist nur, dass wir heute keine überhaupt keine Alternative mehr haben.

Axel Lang (Hannes Wegener, r.) erklärt seinen Schülern im Physikunterricht die Auftriebskräfte. Bild: zdf

Axel Lang (Hannes Wegener, r.) erklärt seinen Schülern im Physikunterricht die Auftriebskräfte. Bild: zdf

Und das merkt man eben auch dieser Produktion an: Sie bebildert im Grunde dieses ganze alternativlose Weiter so!, das in Deutschland seit der Jahrtausendwende die Maxime deutscher Politik und damit irgendwie auch gesellschaftlich relevante Handlungsanweisung für uns alle ist. Durch die Demontage wichtiger sozialer Errungenschaften in Ost UND West wurde Deutschland für den Weltmarkt und die Weltpolitik zugerichtet, wir sind wieder wer, nicht nur Fußball- sondern auch Exportweltmeister, verlässlicher NATO-Partner und informelle Führungskraft der EU. Und es ist eigentlich egal, wie „wir“ das geschafft haben – Hauptsache, es geht irgendwie so weiter. Genau so funktioniert das Drehbuch dieser Geschichte hier.

Und da drängen sich Fragen auf, etwa: Wozu das alles, wenn es den meisten Menschen im Lande damit gar nicht gut geht? Der aktuelle Armutbericht der Bundesregierung war ja wieder so desillusionierend, dass er umfassend frisiert werden musste, damit die dafür zuständige SPD-Ministerin damit noch irgendwie leben kann. Interessant natürlich, dass genau dieses Gefühl wieder nur anhand der üblichen Klischees über die untergegangenen DDR gezeigt wird, während im Westen zwar nicht alles gut, aber doch vieles besser ist. Weil es hier Kapitalismus, also Freiheit und Demokratie gibt. Wobei, die DDR hat das „Demokratisch“ sogar in ihrem Namen. Aber das war die falsche Sorte Demokratie, die nämlich ohne Alternative. Oder habe ich da was verwechselt?

Immerhin wird angedeutet dass die NSA mit ihren schicken Lauschantennen auf dem Teufelsberg auch ihre westlichen Verbündeten abhört – auch die Amis verlassen sich auf ihren Lenin: „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser!“

Da sind sich letztlich Stasi-Agent Lars und NSA-Vater Cutter gar nicht so unähnlich. Aber das ist eben auch wieder ein Beispiel für die allgemeine Beliebigkeit an der die ganze Sache krankt: Die Motivation der Charaktere ist jeweils mehr als schematisch. Wir haben den guten Sozialisten Gregor, die verzweifelt um Anerkennung ringende kleine Schwester einer erfolgreichen älteren Tochter und eine auf materielle Vergünstigungen geifernde Mama. Ach ja, einen schwulen Ossi-Lehrer und dessen ebenso schwulen, aber weniger coolen dicken Freund haben wir auch noch, dazu noch ein paar Verschwörer, die abhauen wollen und einen schwulen Ausländer, der irgendwie auf schwule Ossis steht und einfach nur helfen will, aber missverstanden wird.

Klara Weber (Stephanie Amarell, l.), Gita Weber (Anja Kling, M.) und Juliane Weber (Muriel Wimmer, r.) Bild: zdf

Klara Weber (Stephanie Amarell, l.), Gita Weber (Anja Kling, M.) und Juliane Weber (Muriel Wimmer, r.) Bild: zdf

Aber was ist mit den Hauptfiguren? Warum tut Lars das, was er tut? Einerseits wird in dem, was er vor sich hinfaselt, ja eine gewisse Tiefe angedeutet, aber dann entpuppt er sich doch immer wieder als gnadenloser Opportunist, der seine Erfolge genießt und erstaunlich wenig darunter leidet, dass seine erste Zielperson einen frühen und rätselhaften Tod stirbt. Aber dafür kriegt er ja dann auch die schnittige Sabine. Was noch irgendwie okay gehen würde, wenn sie nicht seine Schwester wäre.

Es ist ja nicht so, dass ich gewagte Plotwists prinzipiell ablehnen würde. Elliot Anderson kann sich in Mr. Robot ja auch nicht an seine Schwester Darlene erinnern – die sich aber schon an ihren verrückten Bruder, der halt immer mal wieder wichtige Dinge vergisst. Letztlich erklärt diese Sache ja auch, WIE verrückt Elliott ist und ist insofern wichtig für die Handlung an sich. Aber in Der gleiche Himmel sehe ich das nicht – Lars ist nicht verrückt, er ist einfach gut in seinem Job, und er könnte jede Frau rumkriegen. Warum dann also seine Schwester? Um auszudrücken wie pervers das alles mit der Mauer war? DAS wissen wir doch ohnehin.

Trotzdem liegt Mauerbau im Trend. Liebes ZDF, mach doch mal was Perverses über die USA. Mit Mauer, Sex und NSA. Sollte so schwierig nicht sein.

Homeland: Wieder zuhause

Es gibt so Serien, die sehe ich eher aus Gewohnheit – eine davon ist Homeland. Hier ist die mittlerweile sechste Staffel schon recht weit fortgeschritten und natürlich bin ich wieder dabei, auch wenn ich bisher noch keine Lust hatte, darüber zu schreiben. Homeland fand ich ja nie so richtig gut, aber eben auch nicht so richtig schlecht, vor allem die ersten beiden Staffeln, die noch auf der israelischen Vorlage Hatufim beruhten, waren ziemlich okay, wenn auch oft überspannt, aber das ist ja im Grunde das Merkmal dieser Serie: Einerseits erscheint alles ganz schön weit hergeholt. Aber dank engagierter Whistleblower und dem Trumpschen Knallchargenteam, das sich nun in Washington um einen Platz im Führerhäuschen der einzigen verbliebenen Weltmacht rangelt, wissen wir, dass alles noch viel schlimmer ist als Serienschreiber sich ausdenken könnten.

Homeland Staffel 6: Reda Hashem (Patrick Sabongui) und Carrie Mathison (Claire Danes)

Homeland Staffel 6: Reda Hashem (Patrick Sabongui) und Carrie Mathison (Claire Danes)

Nachdem ich die fünfte Staffel eigentlich nur gesehen habe, weil sie in Berlin spielt – und ich finde, das ist einen Bonus wert: die erste Staffel einer US-Mainstream-Serie, die fast komplett in Deutschland spielt, das hat doch was! Allein schon das putzige Deutsch, mit dem sich die US-Elite-Agenten zu verständigen suchen – wobei die deutschen Protagonisten, die konsequenterweise auch von bekannten deutschen Schauspielern dargestellt wurden, natürlich alle fließen Englisch sprachen, während die arabischen Terroristen, die es zu stoppen galt, interessanterweise hauptsächlich deutsch untereinander reden (also im Original, die Synchronfassung ist mal wieder total unlustig und lohnt sich nicht).

Auch wenn das Ende der fünften Staffel doch eher durchwachsen war – Carrie Mathison (Claire  Danes) kann gerade so einen verheerenden Anschlag im Berliner Hauptbahnhof verhindern, dafür wird ihr langjähriger Kollege und ja – was eigentlich? Seelenverwandter in Sachen Geheimdienst? – Peter Quinn (Rupert Friend) von den bösen Islamisten als Versuchstier für ihr Giftgas-Gemisch und als Warnung für die Amis hingerichtet. Jedenfalls fast, womit ich natürlich schon wieder überspoilert habe, aber ich schreibe ja kein Werbeblog für Serien, sondern eins über individuelle Nutzererfahrungen.

Homeland Staffel 6: Dar Adal (F. Murray Abrahams) und Saul Berenson (Mandy Patinkin)

Homeland Staffel 6: Dar Adal (F. Murray Abrahams) und Saul Berenson (Mandy Patinkin)

Zum Anfang der 6. Staffel, die wieder New York spielt, erfahren wir, dass Quinn dank des Gegenmittels, das ihm ein nicht ganz so überzeugtes Mitglied der deutsch-islamistischen Terrorzelle gespritzt hat, zwar überlebt, aber schwere Nervenschäden erlitten hat.

Entsprechend mies ist Quinn auch drauf – vor allem aber scheint ihm auf die Nerven zu gehen, dass Carrie sich ständig um ihn kümmern will. Als ob sie mit ihrem neuen Job bei einer NGO ihres deutschen Gönners Otto Düring (Sebstian Koch) und ihrer Tochter Frannie nicht ohnehin schon genug zu tun hätte! Carrie wohnt ganz solide in Brooklyn und hilft jetzt Menschen, die aufgrund ihrer Herkunft Probleme mit dem US-Strafverfolgungsapparat haben. Was auch dringend nötig ist, denn inzwischen reicht ja der bloße Verdacht, irgendwas mit islamistischem Terror zu tun haben zu können, um den Rest des Lebens hinter Gittern zu verschwinden. Als einer von Carries Schützlingen, der muslimisch-nigerianisch-stämmige Sekou (J. Mallory McCree) in seinem Videoblog Videos veröffentlicht, die er an Orten historischer Attentate aufgenommen hat, gerät er ins Visier der Geheimdienste, die in dem Fall natürlich sehr gut funktionieren und den Blogger umgehend mit einer absurden Freiheitsstrafe in den Knast befördern. Carrie und ihr Mitstreiter Reda Hashem (Patrick Sabongui), ein muslimischer Jura-Professor, werden aktiv und schaffen es mit viel Mühe, Sekou wieder aus dem Knast zu holen und ihm einen Job als Fahrer für eine Firma zu verschaffen, die mit mediterranen Spezialitäten handelt. Doch ärgerlicherweise explodiert wenig später ausgerechnet der Transporter mitten in Manhattan, in dem Sekou sitzt. Die Aufregung ist natürlich gigantisch: Carrie und ihr Verein haben einen Terrorattentäter vom Knast wieder auf die Straße geholt!

Homeland Staffel 6: Sekou (J. Mallory McCree)

Homeland Staffel 6: Sekou (J. Mallory McCree)

Doch wir wären ja nicht bei Homeland, wenn die Sache so einfach wäre. Inzwischen hat nämlich auch Quinn, den Carrie bei sich aufgenommen hat, nachdem er wegen Fehlverhaltens aus seiner behandelnden Einrichtung geflogen ist, wieder fast zu alten Form gefunden – zwar nicht körperlich, worunter er nach wie vor sehr leidet, aber seine hochtrainierten Agenteninstinke haben ihn spüren lassen, dass Carries Haus überwacht wird. Die Frage ist nur, von wem. Obwohl Quinn nicht auf der Höhe ist, gelingt es ihm doch, einige Fotos zu machen, die Carrie später hoffentlich auf die richtige Spur bringen können. Doch zwischendurch überschlagen sich die Ereignisse – die andere Seite ist auch aktiv. Oder die anderen Seiten. Denn nicht mal mehr innerhalb der CIA gilt eine Linie – Dar Adal (F. Murray Abraham) spielt ein anderes Spiel als Saul Berenson (Mandy Patinkin), auch wenn sie gemeinsam dazu abgestellt wurden, die frisch gewählte Präsidentin Elizabeth Keane (Elizabeth Marvel) geheimdienstlich zu beraten.

Ich finds ganz witzig, dass Elizabeth Marvel jetzt doch als US-Präsidentin auftreten darf – in House of Cards wurde sie als Heather Dunbar und Gegenkandidatin von Frank Underwood ja auf fiese Weise ausmanövriert. Wobei hier bestätigt wird, dass auch die fantasiebegabten Schreiber von Homeland sich nicht vorstellen konnten, dass ein Donald Trump ernsthaft als US-Präsident gewählt würde. Wobei, die ganze Welt kann es ja bis heute nicht wirklich glauben, auch wenn es tatsächlich passiert ist.

Homeland Staffel 6: Elizabeth Marvel (rechts) als Elizabeth Keane, Mrs. President-elect.

Homeland Staffel 6: Elizabeth Marvel (rechts) als Elizabeth Keane, Mrs. President-elect.

Saul Berenson jedenfalls versucht jedenfalls weiterhin mit seinen sehr weit angelegten Geheim-Operationen die Weltlage im Griff zu behalten – konkret die notorisch störrischen Iraner dazu zu bewegen, der neuen Präsidentin zu versichern, dass es kein paralleles Atomprogramm in Kooperation mit Nordkorea gibt, während Dar hinter seinem Kollegen herschnüffelt, weil er offenbar eine ganz andere Agenda hat. Jedenfalls stellt sich heraus, dass Dar sowohl mit den Israelis als auch mit den Deutschen kungelt, weil er irgendwas im Schilde führt und ihm Sauls Aktionen nicht in den Kram passen. Und nicht nur das – er zieht auch Strippen, um Quinn und Carrie auszuschalten – wobei das ja nichts Neues ist. Aber es zeichnet sich ab, dass da im Hintergrund eine ganz, ganz üble Sache läuft, wenn auch noch nicht so richtig klar ist, wer gegen wen und was überhaupt. Aber wir haben ja noch ein paar Folgen.

Ich muss aber sagen, dass ich diese Staffel bisher tatsächlich wieder deutlich besser finde, als die letzten zwei, drei Staffeln zuvor – in den USA kennen sich die Amis eben besser aus als in Berlin oder Islamabad, auch wenn sie das ungern zugeben. Gut finde ich auch, dass diese Staffel vergleichsweise bedächtig erzählt wird und sich nicht von Knalleffekt zu Knalleffekt hangelt – wobei es an Überraschungen nicht mangelt, etwa als sich herausstellt, dass der mutmaßliche V-Mann, mit dem Sekou vor seinem Tod Kontakt hatte, offenbar nicht von einer staatlichen Institution eingeschleust wurde, sondern aus dem Privatsektor kommt, wie der FBI-Mann Conlin herausfindet, nachdem Carrie ihn dazu bringen konnte, entsprechende Recherchen anzustellen. Die beiden können sich nicht ausstehen, aber brauchen einander – und es stellt sich ja immer wieder heraus, dass Carrie gerade dann richtig liegt, wenn sie einen besonders absurd scheinenden Verdacht hat. Und dass sie auf der richtigen Spur sein muss, zeigt sich spätestens, als sie Conlin mit einem Loch im Kopf in seinem Haus vorfindet – wer immer hier der Feind ist, er ist gut organisiert und handelt schnell.

Homeland Staffel 6: Quinn (Rupert Friend) und Carrie

Homeland Staffel 6: Quinn (Rupert Friend) und Carrie

Und schafft es, die gefährliche Agentin Carrie in der Folge darauf komplett zu demontieren – hier wird – wie in jeder Staffel – die Carrie-ist-verrückt-Karte gespielt, dieses Mal in einer besonders perfiden Variante, nämlich in Form einer erstaunlich kompetenten und engagierten Jugendschutz-Mitarbeiterin, die Carrie ihre Tochter wegnimmt, weil diese Mutter offensichtlich eine Gefahr für das Kind darstellt – eine manisch-depressive Ex-Agentin mit einem ausgewachsen Verfolgungswahn und Zugriff auf scharfe Waffen, eine explosive Mischung, die keinem Kind zugemutet werden kann! Nicht ganz zu Unrecht, muss ich anmerken. Aber es ist ja gut zu wissen, dass Frannie in Sicherheit ist, während ihre Mutter in den kommenden Folgen sich selbst und die Welt retten muss. Oder doch wenigstens die USA. Noch fünf Folgen, dann wissen wir, wie sie es geschafft hat.

Einer der besseren Oliver-Stone-Filme: Snowden

Mit Oliver-Stone-Filmen ist das so eine Sache, es gibt schon welche, die ich richtig gut finde, U Turn beispielsweise ist ein meiner Ansicht nach total unterschätztes Meisterwerk, und Savages ist alles in allem auch ein guter Film, in dem ein paar freundliche und geniale Freaks versuchen, ausgerechnet im knallharten Drogengeschäft eine Art alternativen Kapitalismus einzuführen. Aber so funktioniert diese Welt halt nicht, wie sie brutalstmöglich erfahre müssen. Und dass Stone die Fidel-Castro-Doku Comandante gemacht hat, finde ich in Zeiten eines irrationalen Antikommunismus, der das realsozialistische, aber noch immer real existentierende Kuba als Zielscheibe hat, mehr als beachtlich – zumal Stone Fidel als nachdenklichen und durchaus sympathischen Landesvater porträtiert, dem vor allem am Wohlergehen der Leute in seinem Land gelegen ist – was gewiss auch zutrifft. Über Donald J. Trump könnte man einen ähnlichen Film unmöglich machen.

Aber dann gibt es auch wieder Filme, die ich schrecklich finde, gerade diese Patrioten-Filme über den Vietnam-Krieg, die ja auch irgendwie kritisch sein wollen, aber eigentlich vor allem zeigen, wie übel den armen Männern mitgespielt wird, die sich für ihr Land und ihre Sache opfern.  Anstatt zu hinterfragen, was das denn für eine bescheuerte Einstellung ist, die sie überhaupt in dieses Schlamassel gebracht hat – damit habe ich echt ein Problem. Denn hier wird letztlich ja bestätigt, dass das irgendwie eine gute Sachen gewesen ist, die sämtliche Opfer irgendwie rechtfertigen würde, wenn man nur mit den eigenen Jungs korrekt umgegangen wäre – was aber die böse US-Regierung nicht getan hat. Insofern habe ich natürlich auch ein Problem mit Snowden. Also nicht, weil ich annehmen würde, dass die US-Regierung eigentlich total menschenfreundlich wäre – das ist übrigens keine Regierung auf der Welt, und gerade die demokratisch gewählten können dabei besonders übel drauf sein, denn sie wurden ja vom Volk gewählt und exekutieren somit Volkes Willen, was per se gut sein muss, auch wenn die Leute das nicht so empfinden.

Und das macht die Causa Snowden auch so krass: Hier wird ein Mann als Verräter an die Wand gestellt, der ja nun wirklich ein hoffnungsloser Patriot ist und sich für die gute Sache opfert – das ist einerseits unglaublich bescheuert, weil es ihm von den entscheidenden Leuten nicht gedankt wird, im Gegenteil. Andererseits ist das aber auch wieder irgendwie – ja, ich weiß gar nicht, wie ich das nennen soll, aber es bewegt mich, und ich bewundere Menschen, die sich in vollem Bewusstsein der schrecklichen Konsequenzen trotzdem hinstellen und sich sagen, einer muss es ja tun. Und es tun, weil sie es können. NSA-Geheimnisse zum Beispiel kann ja nur einer verraten, der sie kennt.

Wobei ich aber auch sagen muss, dass ich den Film als Film ziemlich gut fand – ich hatte im Vorfeld ziemlich viel Negatives gehört und gelesen, insofern war ich jetzt positiv überrascht. Was erwartet man denn von einem Spielfilm über einen solchen Typen? Natürlich wird da eine Story nach dramaturgisch interessanten Gesichtspunkten aufbereitet – nur so funktioniert ein Spielfilm, mit dem man Menschen ins Kino locken will. Wenn man wissen will, wie das mit Snowden denn jetzt wirklich gewesen ist, kann man sich Citizenfour ansehen. Was ich auch ausdrücklich empfehle, das ist die Doku dazu – und zwar eine ziemlich gute. Nebenbei setzt Oliver Stone ja auch Laura Poitras (gespielt von Melissa Leo) ein Denkmal, die Citizenfour gemacht hat.

Der Film von Oliver Stone allerdings ist schon eine Art aktualisierter Neuauflage von Geboren am 4. Juli, was nicht unbedingt für diesen Film spricht – aber andererseits wird eben auch gezeigt, dass es in dieser Welt beim besten Willen keinen Grund gibt, der rechtfertigen würde, die Geheimdienste tun zu lassen, was sie tun können: Nämlich alle und jeden auf der Welt ständig zu überwachen. Und genau deswegen wird der konservative Patriot Edward Snowden auch zum Verräter. Oder zum Freiheitshelden, je nach Betrachtungsweise.

Edward Snowden (Joseph Gordon-Levitt) Bild: http://www.snowden-film.de

Edward Snowden (Joseph Gordon-Levitt) Bild: http://www.snowden-film.de

Meiner Ansicht nach hat Stone Edward Snowden nicht mal übertrieben glorifiziert – er beschreibt einen cleveren jungen Mann, der seinem Land dienen will, was ich persönlich ziemlich fragwürdig finde. Ich finde es gut, Menschen zu helfen und dafür einzutreten, die Lebensumstände aller zu verbessern.  Aber für einen Staat einzutreten, der – und das muss einem intelligenten Menschen wie Snowden doch auch klar sein, in allererster Linie versucht, dem Rest der Welt seine eigenen Interessen aufzuzwingen – das ist bornierter Patriotismus und das lehne ich ab. Da kann man sich ja auch gleich „Make Germany Great Again“ aufs T-Shirt drucken. Und leider gibt es mehr als genug Dumpfbacken, die sich das endlich wieder trauen wollen. Aber ich schweife ab.

Wer ist also Edward Snowden? Zuallererst einmal ein blasser Streber, der sich unter dem Eindruck von 9/11 freiwillig zur Army meldet, er will zu den Special Forces und sein Land verteidigen. Doch Ed ist einfach zu schwach – während des harten Trainings erleidet er Ermüdungsbrüche in den Beinen, weshalb er gegen seinen Willen ausgemustert wird. Aber es gäbe da noch andere Möglichkeiten, seinem Land zu dienen, erklärt ihm ein Kontaktmann der CIA – er sei doch ganz gut mit Computern? Ed macht also einen Eignungstest für die CIA – und eigentlich würde er den nicht bestehen, wie sein Prüfer ihm andeutet – aber sie bräuchten jetzt genau solche Typen wie ihn. Also bekommt Ed eine Chance.

Und die nutzt er und löst die Aufgabe, die den Prüflingen gestellt wird, nicht in den dafür vorgesehenen fünf bis acht Stunden, sondern in 38 Minuten. „Sie haben nicht gesagt, in welcher Reihenfolge ich das bearbeiten soll, da habe ich schon mal…“ – keine Frage, Ed bekommt den Job, und er ist wirklich gut darin. Offenbar ist Ed ein begnadeter Programmierer, der Spaß daran hat, alles, was er tut, so effizient wie möglich zu erledigen – und das stellt sich dann auch als fatal heraus, als er später feststellen muss, dass ein Programm, das von ihm eigentlich als Backup-Lösung entworfen wurde, dazu benutzt wird, um das Überwachen beliebiger Menschen einfacher zu machen. Das gefällt ihm nicht.

Edward Snowden (Joseph Gordon-Levitt) und Lindsay Mills (Shaylene Woolley) Bild: http://www.snowden-film.de

Edward Snowden (Joseph Gordon-Levitt) und Lindsay Mills (Shailene Woodley) Bild: http://www.snowden-film.de

Und dann lernt Ed auch noch ein Mädchen kennen. Lindsay (Shailene Woodley) ist sexy, liberal und offen, all das, was Ed nicht ist, aber so gern wäre – und weil er ja ein intelligenter junger Mann ist, der vielleicht ein bisschen blass ist – sein Spitzname im Job ist Schneewittchen – aber eigentlich nicht hässlich, interessiert sich Lindsay für ihn, sie verliebt sich sogar in ihn – und er sich in sie. Ich erinnere mich, einige Kritiken gelesen zu haben, die gerade diesen Teil der Geschichte irgendwie blöd fanden „Im Bett mit Edward Snowden“ – „wollen wir ihm wirklich beim Sex zusehen?“

Aber die haben meines Erachtens nicht kapiert, worum es dabei eigentlich geht – natürlich ist es eigentlich gar nicht dermaßen spannend, wie das Sexleben des vermutlich bekanntesten Whistleblowers der Welt aussieht, und ich nehme an, dass es tatsächlich eher unspektakulär ist, wobei ich es Ed total gönne, überhaupt eins zu haben. Die Sexszene ist wichtig, weil ein offenbar inaktiver Laptop aufgeklappt auf dem Tisch steht und Ed weiß, dass die Kamera aktiv sein könnte, auch wenn das Kameralicht nicht leuchtet – er weiß eben auch, dass das ein Trick ist: Die Menschen fühlen sich unbeobachtet und genau das macht die Überwachung so effektiv.

Und er ist ein Teil dieser Überwachungsmaschinerie und fühlt sich zunehmen schuldig – vor allem, weil er irgendwann eifersüchtig wird und anfängt, seine eigene Freundin zu überwachen – was er gegenüber der internen Untersuchungskommission auch gesteht: Ja, er hat die NSA-Programme tatsächlich für sich selbst genutzt, über die vorgesehen Zwecke hinaus. Aber genau deshalb weiß er auch, wie groß die Versuchung ist. Und er ist ja einer der Gewissenhaften. Was, wenn ein weniger mit Skrupeln belasteter Mensch anfängt, die Maschinerie für seine Zwecke zu nutzen?

Es gibt eine Szene in der vierten Staffel von House of Cards, in der genau diese Frage gestellt wird – da noch für den vergleichsweise harmlosen Zweck die US-Präsidentschaftswahlen zu gewinnen. (Hahaha) Frank Underwoods Gegenkandidat hat gute Beziehungen zum Chef einer Suchmaschine – zwar nicht Google, aber immerhin: Mit der Auswertung der Suchdaten kann Will Conway seine Kampagne auf das, was die Leute wollen, optimieren. Natürlich kotzt Frank das an – aber er ist ja bereits Präsident der USA. „Was ist schon eine Suchmaschine gegen die NSA?“ fragt er und fängt an, eine Bedrohung zu konstruieren, die es ihm erlaubt, auf die schier unendlichen Möglichkeiten des Überwachungsapparates zurückzugreifen, die unter anderem der engagierte Programmierer Edward Snowden mit geschaffen hat.

Edward Snowden (Joseph Gordon-Levitt) Bild: http://www.snowden-film.de

Edward Snowden (Joseph Gordon-Levitt) Bild: http://www.snowden-film.de

In der Serie ist das noch eine coole Wendung, bei der einem die Gänsehaut über den Rücken läuft. Im Film Snowden macht das überhaupt keinen Spaß, weil man weiß, dass es eben keine Fiktion ist, sondern die schreckliche Realität. Die Botschaft ist nicht, dass auch ein blasser Nerd wie Ed tatsächlich auch eine Freundin haben kann, die mit ihm schläft – die Botschaft ist, dass Sex quasi ungeschützt vor den Geheimdiensten stattfindet, wenn ein Computer im Raum ist, dessen integrierte Kamera und Mikrofone nicht extra blockiert werden, damit die Überwachung nicht so einfach ist. Und dass Ed damit ein Problem hat. Bestimmt ist das nicht der entscheidende Punkt, warum er irgendwann tut, was er zu tun hat. Aber genau damit wird gezeigt, wie wenig Privatsphäre heute noch wert ist: Sie ist im Grunde nicht mehr vorhanden, wenn man sie sich nicht extra erschafft.

Die Art, wie Snowden mit diesen Dingen an die Öffentlichkeit gegangen ist, zeigt auch, dass er intensiv darüber nachgedacht haben muss, was danach passieren wird. Und dass er zu dem Schluss gekommen ist, dass er die ganzen Daten, die er aus dem System geschmuggelt hat, eben nicht einfach Wikileaks zuspielen kann, damit sie unkommentiert veröffentlicht werden, weil das zu gefährlich ist. Das ist übrigens auch, was ich an Wikileaks ausdrücklich kritisiere – man kann bestimmte Informationen nicht einfach veröffentlichen. Transparenz ist gut, aber nicht, wenn sie Menschenleben bedroht. Der Glaube, dass alles gut würde, wenn nur jeder über alles informiert wäre, ist bestenfalls naiv, tatsächlich aber vollkommen bescheuert.

Snowden hat sich stattdessen einer Auswahl von in diesen Dingen besonders qualifizierten Journalisten anvertraut – was definitiv für ihn spricht. Das ist es auch, was ein Assange nicht kapiert: Quellenschutz ist wichtig, ja, geradezu existenziell. Genau deshalb gibt es ja eben auch Journalisten – Menschen, die sich, wenn sie ihren Job ernst nehmen, eben einen Kopf machen, was man veröffentlichen kann und was nicht. Und die auch darüber nachdenken, wie man was veröffentlicht. Was nicht heißen soll, dass es tatsächlich eine unabhängige Presse gibt als vierte Gewalt im Staat gibt, die zu unrecht als Lügenpresse diffamiert wird: Natürlich folgen auch Journalisten Interessen – es hat sich gerade bei der US-Präsidentschaftwahl gezeigt, dass „die Presse“ auch komplett versagen kann: Die Vorstellung, ein Donald Trump könne US-Präsident werden, schien den maßgeblichen Redakteuren einfach zu absurd.

Und genau das zeigt eben auch die Grenzen dieser vierten Gewalt: So einfach geht das nicht mit der Propaganda. Aber zurück zu Snowden: Der hat sich auf die Kernkompetenzen ausgewählter Profis verlassen und ich denke, dass das gut war – und das kommt im Film meiner Ansicht nach auch gut rüber.

Genau wie die Überraschung der ehemaligen Förderer, die feststellen müssen, dass ihr Schützling sich ganz anders als erwartet entwickelt hat. Und ich finde es erbärmlich, dass sich der Friedensnobelpreisträger Barack Obama nicht dazu durchringen konnte, den Landesverräter Edward Snowden zu begnadigen – damit hätte er nun wirklich mal ein Zeichen setzen können. Aber ein Obama ist eben auch nur so ein US-Politfunktionär, der die Interessen seiner Nation zu verteidigen hat, auch wenn das gegen das Interesse von so ziemlich allen Menschen im Rest der Welt geht.

Ich persönlich finde es extrem gruselig, dass ein Donald Trump als Präsident Zugriff auf den mächtigsten Überwachungsapparat der Welt haben wird – vermutlich wird er den nicht wie Frank Underwood nur dazu benutzen, um politische Gegner aus dem Weg zu räumen. Man kann nur hoffen, dass sich noch ein paar Snowdens finden, um das Schlimmste zu verhindern. Aber andererseits ist Trump ein dermaßen gnadenloser Populist, dass er seine Sicht von Snowden möglicherweise noch komplett revidiert. Wie auch immer – meiner Ansicht nach lohnt es sich durchaus, den Film anzusehen: Man kann sich gar nicht oft genug klar machen, wie engmaschig und ausführlich jede und jeder heute bereits überwacht wird.

Bridge of Spies

Das Beste an Steven-Spielberg-Filmen ist in der Regel der Anfang – und das gilt auch für Bridge of Spies, zu deutsch Der Unterhändler. Der sowjetische Meisterspion Rudolf Abel (Mark Rylance), der demnächst verhaftet werden muss, damit die Handlung ihren durch die Geschichtsschreibung vorgezeichneten Verlauf nehmen kann, wird als etwas pedantischer Maler eingeführt, der um den Zustand seiner Palette besorgter zu sein scheint als um seine eigene Zukunft. Womit auch ein Running Gag des Films etabliert ist: Der Versicherungsanwalt James Donovan (Tom Hanks) wird Abel künftig immer wieder fragen, ob er nicht besorgt sei. Und der stoische Abel wird jedes Mal zurückfragen, ob das denn helfen würde. Was selbstverständlich nicht der Fall ist.

Und, das kann schon mal verraten werden, weil der Fall im Film nicht anders ausgehen kann, als er vor Jahrzehnten tatsächlich ausgegangen ist: James Donovan schafft es als inoffizieller Unterhändler in Ostberlin tatsächlich, einen Gefangenenaustausch einzufädeln, bei dem Abel gegen den US-Piloten und CIA-Agenten Francis Gary Powers ausgetauscht wird. Der geschickte Donovan erreicht gleichzeitig auch, dass der von der Stasi als angeblicher Republikflüchtling verhaftete Wirtschaftsstudent Frederic Pryor ebenfalls freigelassen wird. Doch bis dahin gibt es ein nervenzermürbendes Tauziehen zwischen den beiden Supermächten, in das sich die um internationale Anerkennung ringende DDR auch immer wieder einmischen will.

Bridge of Spies - Bild: fox.de

Bridge of Spies – Bild: fox.de

Es ist nicht ganz einfach, den Film einem Genre zuzuordnen, er ist Gerichtsdrama (auch ein Verräter verdient einen fairen Prozess), Spionagethriller (Agentenaustausch in Ostberlin), Historienschinken (Kalter Krieg) und Charakterstudie (der standhafte Mr. Donovan) zugleich. Was in meinen Augen nicht unbedingt ein Vorteil ist – wobei natürlich auch extrem schwierig wäre, aus einer Geschichte, deren Ende bekannt ist, einen spannenden Thriller zu machen. Insofern ist halt ein typischer Spielberg dabei herausgekommen: Eine Hommage an den standhaften Mann, der auch unter widrigsten Umständen seinen edlen Prinzipien treu bleibt und damit am Ende einen Sieg erringen kann – auch wenn nicht ganz klar ist, ob das wirklich für alle gut ausgeht.

Das ist natürlich eine weitere Paraderolle für Tom Hanks, der zweifelsohne wahnsinnig gut darin ist, diese bodenständigen Allerweltshelden zu spielen. Nichts wird dem Anwalt Donovan leicht gemacht, für die öffentliche Meinung ist er gestorben, schon weil er sich überhaupt bereit erklärt, den Vaterlandsverräter Abel zu verteidigen. Aber Donovan macht immer alles so gut wie er eben kann – und weil er ein guter Anwalt ist, schafft er es, seinen Mandanten vor der fast sicheren Todesstrafe zu bewahren. Er kann den Richter überzeugen, dass ein lebender Spitzenspion der Feindseite unter Umständen hilfreich sein kann, falls ein US-Spion einmal in eine ähnliche Situation geraten sollte. Schon bald stellt sich heraus, dass Donovan damit recht behalten wird.

Bridge of Spies - Rudolf Abel (Mark Rylance, Mitte) und James Donovan (Tom Hanks) Bild: fox.de

Bridge of Spies – Rudolf Abel (Mark Rylance, Mitte) und James Donovan (Tom Hanks) Bild: fox.de

Nachdem der Pilot Gary Powers mit seinem Super-Spionage-Flugzeug über der Sowjetunion abgeschossen wurde, wird Donovan von CIA-Chef Allan Dulles mit einem Geheimauftrag nach Ostberlin geschickt, um den Austausch Abel gegen Powers zu verhandeln. Natürlich nicht als offizieller Vertreter der Vereinigen Staaten, sondern total inoffiziell. Denn offiziell würden beide Supermächte niemals über solche Dinge reden. Und schon gar nicht miteinander.

Donovans Reise ins Herz der Finsternis, durch das gerade eine Mauer gebaut wird, gleitet daraufhin stark in Richtung Farce ab: Im vom Krieg noch immer schwer gezeichneten Berlin erlebt Donovan allerlei haarsträubende Absurditäten. Das beginnt damit, dass er von der CIA in einem ungeheizten, heruntergekommenen, aber total geheimen Loch in Westberlin einquartiert wird, das man eher in Ostberlin erwarten würde, um dann mit einem Stadtplan in den Osten geschickt zu werden: „Sie sind auf sich gestellt. Von uns geht keiner mehr in den Osten. Viel zu gefährlich!“ erklären die wackeren CIA-Leute.

Bridge of Spies - James Donovan (Tom Hanks) Bild: fox.de

Bridge of Spies – James Donovan (Tom Hanks) Bild: fox.de

Aber Donovan tut natürlich, was er tun muss. Er macht sich im Schneegestöber auf dem Weg in den Osten, zur sowjetischen Botschaft, bei der er schließlich auch ankommt, nachdem ihn ein paar Berliner Jungs abgezogen haben, wie man das heute nennen würde: Sie waren scharf auf seinen schönen warmen Mantel. In der Botschaft wartet schon Abels deutsche Familie auf den Anwalt aus Amerika – irritierend genug: War Abel nicht mit einer Musikerin aus Moskau verheiratet?

Aber Donovan behält die Nerven, auch wenn er sich eine solide Erkältung geholt hat. Mit den Sowjets ist er vergleichsweise schnell einig. Aber da ist ja noch das Problem mit diesem Studenten – für das er mit einem  Vertreter der DDR verhandeln muss. Und diesem Anwalt Vogel (Sebastian Koch) ist mehr an der Anerkennung für seine Deutsche Demokratische Republik gelegen als an irgendwelchen humanitären Lösungen für dumme Jungs, die zur falschen Zeit am falschen Ort waren. Außerdem hat Donovan ein Problem mit der korrekten, aber viel zu langen Bezeichnung für die UdSSR. Ständig „Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken“ wiederholen zu müssen ist ihm zu kompliziert: „Können wir nicht einfach die Russen sagen?“ Ab und an schillert tatsächlich die Beteiligung der Coen-Brüder durch – für meinen Geschmack aber viel zu selten.

Bridge of Spies - James Donovan (Tom Hanks) Bild: fox.de

Bridge of Spies – James Donovan und die neu gebaute Mauer (Tom Hanks) Bild: fox.de

Dafür wurden keine Mühen gescheut, das Berlin der frühen 60er Jahre so trostlos aussehen zu lassen, wie es gewiss auch ausgesehen hat – zwar sieht die echte Sowjetbotschaft ganz anders aus, aber geschenkt, es gibt genügend echte S-Bahnbögen, alte S-Bahnwaggons und so weiter, auch der hässliche Mauerstreifen ist leider kein bisschen übertrieben und die herzzerreißenden Szenen, wie die Menschen aus den Fenstern in den Westen springen, bevor diese vermauert werden, gab es damals tatsächlich.

Von der S-Bahn aus sieht Donovan auch, wie Menschen bei dem Versuch, den Todesstreifen zu überwinden, erschossen werden – natürlich ist er angemessen entsetzt. Später wird diese Szene spielberg-typisch noch einmal wiederholt – aber die Jugendlichen, die im sonnigen Brooklyn über die Zäune klettern, werden natürlich nicht erschossen, denn man befindet sich ja im goldenen Westen, in dem Freiheit, Freiheit und Doppelfreiheit über alles geht.

Bridge of Spies: Berlin Tempelhof Bild: fox.de

Bridge of Spies: Berlin Tempelhof Bild: fox.de

Das ist einer dieser Missgriffe, die mich mittlerweile wirklich ärgern – mag sein, dass weiße Jugendliche in den 60er Jahren so etwas unbehelligt tun durften. Aber mittlerweile sollte auch ein Spielberg wissen, dass man in seinem Land durchaus erschossen werden kann, wenn man sich als Teenager in Nachbars Garage am Bier vergreift. Denn bedeutet Freiheit nämlich eigentlich: Dass jeder mit seinem Hab und Gut machen kann, was er will und dass die Menschenwürde eines jeden dabei scheißegal ist.

Aber darum geht es in dem Film gar nicht, hier geht es um Prinzipientreue und Aufrichtigkeit, was, das muss der Fairness halber gesagt werden, auch für den Antihelden Rudolf Abel gilt. Abel bleibt ebenfalls seinen Prinzipien treu und lässt sich trotz harter Verhöre und verlockender Angebote nicht dazu verleiten, sein Land zu verraten, nämlich die Sowjetunion. Insofern wird es Donovan trotz aller nachvollziehbaren Professionalität auch zu einem persönlichen Anliegen, diesen aufrechten Kerl Rudolf Abel zu retten. Ihm imponiert die Unerschütterlichkeit, mit der Abel sein Schicksal trägt – letztlich sind die beiden sich ziemlich ähnlich. Aber auch das ist typisch Spielberg: Das Lob des bescheidenen Helden, dessen Größe sich gerade darin zeigt, dass seine heroische Grundhaltung von jeweiligen Umfeld nicht gewürdigt (oder ihm gar zum Verhängnis) wird.

Bridge of Spies: Abel (Mark Rylance) und Donovan (Tom Hanks) Bild: fox.de

Bridge of Spies: Abel (Mark Rylance) und Donovan (Tom Hanks) Bild: fox.de

Und das gleich auf verschiedenen Ebenen – als Donovan am Ende zu Frau und Kind zurückkehrt, hat er sogar die versprochene Marmelade dabei: Er hat seiner Frau nämlich gesagt, er sei zu einem Angelausflug in England, damit sie sich keine Sorgen macht. Aber so spielverderberisch wie Ehefrauen nun mal sind, sieht sie am Preisschild, dass die Marmelade aus dem Laden an der Ecke und nicht aus London kommt. Aber dank der Nachrichten, die bald darauf im Fernsehen zu sehen sind, erahnt sie, was ihr Mann tatsächlich getan hat, der oben vollständig angezogen aufs Bett gesunken ist. Natürlich verzeiht sie nun und ist, wie der Rest der Nation, die Donovan zuvor zu gern als Ketzer auf dem Scheiterhaufen verbrannt hätte, nun mächtig stolz auf ihren Helden.

Wenn man auf so etwas steht, ist Bridge of Spies ein sehr gelungener Film.

Fun Fact: In diesem Film darf die Glienicker Brücke tatsächlich sich selbst spielen und wird nicht etwa von der Swinemünder Brücke dargestellt, wie das sonst oft der Fall ist. Aber für Steven Spielberg kann man das schon mal machen – kommt ja auch besser mit dem echten Wasser unter der echten Brücke statt der Bahngleise, die unter der Swinemünder verlaufen.

A Most Wanted Man

Allmählich könnte ich eine neue Rubrik „Lieblingsfilme mit Philip Seymour Hoffman“ einführen – aber leider ist die Anzahl dieser Filme ja endlich, weil Philip Seymour Hoffman definitiv keinen Film mehr machen wird, was extrem schade ist. Nach Capote, Before the Devil Knows You’re Dead oder The Master, die ich alle ziemlich gut fand habe ich nun auch A Most Wanted Man gesehen, den letzten Film mit Hoffman – und der hat mir besonders gut gefallen. Obwohl ich gar kein ausdrücklicher Fan von John-le-Carré-Verfilmungen bin. Dame, König As, Spion (von 2011) zum Beispiel fand ich ehrlich gesagt ziemlich langweilig, obwohl ich Gary Oldman, Colin Firth und Tom Hardy sehr mag.

Ganz anders aber A Most Wanted Man – der zwar auch weitgehend auf sinnlose Action verzichtet, was für mich durchaus ein Plus ist, aber trotzdem überaus fesselnd ist. Was vor allem Philip Seymour Hoffman alias Günther Bachmann zu verdanken ist. Bachmann ist der Leiter einer kleinen und sehr geheimen deutschen Anti-Terror-Einheit, die in Hamburg operiert. Aus der hamburgischen Islamisten-Szene kamen bekanntlich einige der Attentäter und Unterstützer der Attentate vom 11. September 2001, insofern ist der Standort Hamburg durchaus plausibel.

A Most Wanted Man: Michael Axelrod (Herbert Grönemeyer), Erna Frey (Nina Hoss) und Günther Bachmann (Philip Seymour Hoffman)

A Most Wanted Man: Michael Axelrod (Herbert Grönemeyer), Erna Frey (Nina Hoss) und Günther Bachmann (Philip Seymour Hoffman)

Meiner Ansicht nach spielt Hamburg seine Rolle als Stadt der Gestrandeten und Hoffnungslosen so gut wie Philip Seymour Hoffman jenen routinierten, weitgehend desillusionierten, aber dennoch sehr effektiven Spion, der sich hauptsächlich von Schnaps, Kaffee und Zigaretten ernährt und durch jahrelange Wühl- und Überzeugungsarbeit ein kleines Netzwerk an Informanten aufgebaut hat, über die er hofft, an die großen Fische in der internationalen Islamisten-Szene zu kommen, vor allem an diejenigen, die den Terror finanzieren. Dieses Hamburg ist düster, dreckig und trotzdem erstaunlich fotogen – was natürlich auch an dem ganz speziellen Kamerablick von Benoît Delhomme liegt. Ja, und die reichen Hamburger Pfeffersäcke haben natürlich auch eine ganze Reihe schicker Gebäude zustande gekriegt, damit man nicht vergisst, dass es in Hamburg auch eine Menge Geld gibt.

Unterstützt wird Bachmann bei seiner klandestinen Arbeit von Erna Frey (Nina Hoss), Maximilian (Daniel Brühl), Racheed (Kostja Ullmann) und Jamal (Mehdi Dehbi), der, wie sich herausstellt, auch noch der Sohn von Dr. Faisal Abdullah ist, von dem Bachmann annimmt, dass er zu dem Netzwerk gehört, das den IS finanziell unterstützt. Bachmann ist bei seinen Recherchen auf ein Logistik-Unternehmen mit Sitz in Zypern gestoßen, über das ein Teil der Spenden für anerkannte arabische Hilfsorganisationen abgezweigt und in dunkle Kanäle geleitet werden.

A Most Wanted Man - Günther Bachmann (Philip Seymour Hoffman)

A Most Wanted Man – Günther Bachmann (Philip Seymour Hoffman)

Als eines Tages der tschetschenische Flüchtling Issa Karpov (Gregori Dobrygin) in Hamburg auftaucht, wittert Bachmann seine große Chance. Karpov wird verdächtigt, ein radikaler, gewaltbereiter Islamist zu sein – und deshalb sind auch gleich eine Menge konkurrierender Dienste hinter dem Mann her, der Verfassungsschutz etwa und natürlich auch die CIA. Karpov versucht, den Bankier Tommy Brue (Willem Dafoe) zu kontaktieren. Das macht ihn für Bachmann und sein Team interessant: Möglicherweise ist er tatsächlich der Sohn eines russischen Militärs und Geschäftsmanns namens Karpov, der ein beträchtliches Vermögen bei eben jener Bank deponiert hat.

Issa kommt bei einer gläubigen türkischen Witwe unter, die mit ihrem Sohn in einer schäbigen Wohnung lebt, aber bereit ist, dem mittellosen Glaubensbruder zu helfen. Ihr Sohn stellt den Kontakt zu der Menschenrechtsanwältin Annabel Richter (Rachel McAdams) her – sie arbeitet für eine Initiative, die Flüchtlinge bei ihren Asylanträgen unterstützt. Und Issa ist eindeutig gefoltert worden, Annabel ist schockiert, als er ihr seine Narben zeigt und verspricht, ihm zu helfen.

A Most Wanted Man: Annabel Richter (Rachel McAdams) und Issa Karpov (Gregori Dobrygin)

A Most Wanted Man: Annabel Richter (Rachel McAdams) und Issa Karpov (Gregori Dobrygin)

Issa hat keine Papiere bei sich, aber er ist im Besitz eines Briefs seines Vaters, den er an einen Freund geschrieben hat – den Vater von Tommy Brue. Und er hat den passenden Tresorschlüssel. Annabel überzeugt den Bankier, sich mit Issa zu treffen. Issa hingeben will das blutige Geld seines Vaters gar nicht. Er will in Deutschland ein ehrbares Leben führen, wie er Annabel erklärt.

Das wiederum passt auch nicht gut zu dem, was Bachmann und seinem Team vorhaben: Der Plan ist es, mit Hilfe des Geldes – es handelt sich immerhin um 10 Millionen Euro – die Aufmerksamkeit von Dr. Faisal Abdullah zu erregen, damit Bachmann ihn endlich überführen kann. Dazu ist einiges an Überzeugungsarbeit nötig – zuerst müssen Bachmann und sein Team die störrische Annabel Richter überzeugen, dass sie Issa dazu bringen muss, dass Erbe einzufordern, damit Issa es dann großmütig an islamische Wohltätigkeitsorganisationen abgeben kann.

Annabel gibt unter dem Druck des erfahrenen Manipulators ziemlich schnell auf – immerhin ist ihr klar, dass sie allein Issa nicht retten kann. Und dann müssen die Jungs vom Verfassungsschutz ruhig gestellt werden, genau wie auch die Amerikaner, die in Form der CIA-Residentin Martha Sullivan (Robin Wright) auftreten. Sie alle finden sehr eigenartig, dass Bachmann den mutmaßlichen Terroristen erstmal in Ruhe lassen will.

A Most Wanted Man: Marthe Sullivan (Robin Wright) und Bachmann (Philip Seymour Hoffman)

A Most Wanted Man: Marthe Sullivan (Robin Wright) und Bachmann (Philip Seymour Hoffman)

Es stellt sich heraus, dass Bachmann und Sullivan zuvor schon aneinandergeraten sind – die CIA hat schon einmal eine von Bachmanns Missionen in Beirut vermasselt, bei der er wichtige Quellen verloren hat – was Sullivan später sogar zugibt, um Bachmann versöhnlich zu stimmen, denn sie ist schließlich auch auf gute Zusammenarbeit angewiesen. Und so verspricht sie, still zu halten, damit Bachmann seinen Plan durchziehen kann. Der hat inzwischen auch Tommy Brue überzeugt, bei der ganzen Sache mitzumachen. Letztlich funktioniert der auch, wie Bachmann das geplant hat – Issa spendet das Geld und Dr. Abdullah wird quasi als Treuhänder eingesetzt, der das Geld an die zuvor überprüften unverdächtigen Wohltätigkeitsorganisationen überweist. Im letzten Augenblick ändert Dr. Abdullah eine der Anweisungen und lässt statt dessen eben jene Reederei als Empfänger einsetzen – Bachmann hat jetzt den Beweis, auf den er solange hin gearbeitet hat.

Doch er kann seinen Triumph nicht auskosten, als er als Taxifahrer getarnt Issa und Dr. Abdullah vor der Brue-Bank abholen will, werden die beiden von einem CIA-Team entführt – und die Leute vom Verfassungsschutz schauen seelenruhig dabei zu. Resigniert fährt Bachmann davon – in seinem beige-braunen Schrammelbenz. Das ist alles frustrierend unspektakulär, genau wie Bachmanns ganzer Job, der nun durch das Eingreifen der Amis an die Wand gefahren wurde – aber genau das gefällt mir so gut.

A Most Wanted Man - Günther Bachmann (Philip Seymour Hoffman)

A Most Wanted Man – Günther Bachmann (Philip Seymour Hoffman)

A Most Wanted Man ist ein subtil in Szene gesetzter Spionagefilm über einen Spion alter Schule, der kein bisschen an James Bond erinnert, aber mindestens genauso viel drauf hat. Gut hat mir auch Grigori Dobrygin als Issa Karpov gefallen, Daniel Brühl als Maximilian ist dagegen etwas untergegangen – aber das lag natürlich auch an seiner Rolle als braver Teamplayer. Natürlich freue ich mich auch immer Nina Hoss zu sehen, aber es ist ein bisschen schade, dass sie für die internationalen Casting-Agenturen offenbar die perfekte deutsche Agentin ist – in Homeland spioniert sie für den BND, jetzt halt für ein anderes deutsches Team. Genau wie wir Robin Wright aus House of Cards als durchsetzungsstarke First Lady kennen – jetzt setzt sie halt für die CIA US-Interessen durch. Tja und Rachel MacAdams – die fand ich in der zweiten Staffel von True Detective eigentlich ganz gut, aber als deutsche Menschenrechtsaktivistin? Okay, hier muss ich auch gerecht sein, genau wie Daniel Brühl farblos blieb, fand ich Rachel McAdams etwas schwach – aber die Figur war halt auch so angelegt.

A Most Wanted Man - Hamburg

A Most Wanted Man – Hamburg

Was ich aus plottechnischen Gründen zwar nachvollziehen kann, aber nicht sehr überzeugend finde – so eine echte überzeugte deutsche Menschenrechtsfanatikerin lässt sich nicht so schnell brechen. Nie und nimmer. Aber was solls – Willem Dafoe ist als Tommy Brue ja auch nicht so richtig zum Zuge gekommen, aber hat seinen Part ordentlich abgeliefert. Niedlich fand ich auch Kostja Ullmann als Rasheed – dadurch war zu verkraften, dass Rami Malek gar nicht mitgespielt hat. Ach ja, für Herbert Grönemeyer gab es auch eine kleine Rolle und er hat die Musik für den Film geliefert, die mich streckenweise ziemlich an House of Cards erinnert hat. Aber das passte ja auch besser als das, was Grönemeyer sonst macht.