Chernobyl: Total verstrahlt

Rechtzeitig nach dem GOT-Debakel hat der US-Sender HBO einen neuen Serien-Hit landen können: Die fünfteilige Mini-Serie Chernobyl. Wie der Name vermuten lässt, geht es um den atomaren Super-GAU im gleichnamigen Kernkraftwerk nahe der ukrainischen Stadt Prypjad. Am 26. April 1986 explodierte der Reaktor von Block 4 und löste damit die erste verheerende atomare Katastrophe ziviler Atomkraftnutzung in der Geschichte aus. An deren Folgen sind bereits zahlreiche Menschen gestorben sind und noch viel mehr Menschen werden noch an den Spätfolgen der radioaktiven Belastung sterben.

Chernobyl Bild: hbo.com

Chernobyl Bild: hbo.com

Es liegt auf der Hand, dass eine solche Serie weder unterhaltsam ist, noch schöne Bilder bietet. Es handelt sich um fünf Stunden Horror, der umso gruseliger ist, weil man ja weiß, dass das alles wirklich statt gefunden hat. Wie man es von einer HBO-Serie erwarten kann, hat der Sender keine Kosten und Mühen gescheut, die schrecklichen Ereignisse möglichst realistisch darzustellen, wobei ich mit „realistisch“ ausdrücklich nicht sagen will, dass sich alles genau so abgespielt hat.

Natürlich hat der Serienschreiber Craig Mazin, der bisher durch eher alberne Filme wie Scary Movie 3 und 4 oder Hangover 2 und 3 aufgefallen ist, die Story gestrafft und einige Hauptpersonen erfunden, mit denen die sonst sehr komplexen Ereignisse einfacher erklärt werden können. Aber viele der Ereignisse, die gezeigt werden, müssen sich nach dem, was über die Katastrophe bekannt ist, tatsächlich so oder so ähnlich abgespielt haben. Aber ich gehe davon aus, dass einiges aus dramaturgischen Gründen erfunden oder abgewandelt wurde – warum auch nicht, es handelt sich ja nicht um eine Dokumentation.

Chernobyl Bild: hbo.com

Chernobyl Bild: hbo.com

Die beiden Protagonisten Waleri Legassow (Jared Harris) und Boris Schtscherbina (Stellan Skarsgård) gab es wirklich, genau wie eine ganze Reihe weiterer Personen des Zeitgeschehens. Der überhaupt nicht fiktive Selbstmord des hochrangigen Wissenschaftlers Legassow, der die Untersuchungskommission zur Aufklärung der Ursachen des GAU leitete, verstörte die Fachwelt und weist darauf hin, dass er damit untermauern wollte, dass alles noch viel schlimmer gewesen ist, als offiziell bekannt wurde. In der Serie hat Legassow die undankbare Rolle der Kassandra, die sich immer wieder mit extrem schlechten Nachrichten unbeliebt macht, aber nun einmal gefürchtete Wahrheiten ausspricht und allmählich unter der übergroßen Verantwortung zusammenbricht.

Man kann sich darüber streiten, ob alles, was Legassow sagt, realistisch ist, vielleicht übertreibt er ein wenig, um den Mächtigen im ZK klar zumachen, dass es sich eben nicht um irgendein dummes Unglück handelt, das man vertuschen oder schön reden kann, um nicht an der propagierten  Überlegenheit der sowjetischen Technik und des sowjetischen Systems zu kratzen, sondern um eins, das einen ganzen Landstrich und darüber hinaus sogar einen erheblichen Teil der Welt nachhaltig zerstören kann, wenn keine geeigneten Maßnahmen zur Eindämmung ergriffen werden. Und, immerhin, das wird auch gezeigt, nachdem Generalsekretär Michail Gorbatschow endlich begriffen hat, wie schlimm das alles wirklich ist, spielen Kosten keine Rolle mehr, Schtscherbina, der die entsprechende Regierungskommission leitet, bekommt, was immer er fordert.

Chernobyl - Walerie Legassow (Jared Harris) Bild: hbo.com

Chernobyl – Walerie Legassow (Jared Harris) Bild: hbo.com

Die Rolle Schtscherbinas ist allerdings weniger eindeutig, einerseits war er ein Apparatschik, der erst auf der Seite der Vertuschen und Abwiegler stand. Er hat sich dann aber von Legassow überzeugen lassen, dass die Lage wirklich katastrophal war. In der Serie geschieht das, als ein Hubschrauber, der zu dicht an die aus dem explodierten Reaktor quellende Rauch- und Strahlungswolke herabgeflogen ist, in Teilen von Himmel fällt. Das mag vielleicht auch ein wenig übertrieben sein, Tatsache ist aber, dass die Strahlung in der unmittelbaren Nähe des explodierten Reaktors so hoch war, dass ferngesteuerte Roboter und Kettenfahrzeuge, die auf dem Dach eingesetzt werden sollten, um die hochradioaktiven Graphitbrocken aus dem Reaktorkern zu entfernen, ihren Dienst nach kurzer Zeit aufgaben. Die Technik kam mit der Strahlung noch weniger klar, als die Bioroboter, die nach dem Versagen der Maschinen eingesetzt wurden.

Nach diesem Erlebnis jedenfalls glänzte Schtscherbina tatsächlich mit logistischen Hochleistungen, etwa die komplette Evakuierung von Prypjat, die zwar viel zu spät kam, dann aber in sehr kurzer Zeit vollzogen wurde oder die Beschaffung von Material und Leuten für die Löschung des Reaktorbrandes und zur Eindämmung von weiteren, noch fataleren Folgen des Reaktorunglücks.

Chernobyl - der brennende Reaktor Bild: hbo.com

Chernobyl – der brennende Reaktor Bild: hbo.com

Die weißrussische Atomphysikerin Ulana Khomyuk (Emily Watson) hingegen ist komplett erfunden, allerdings ist es eben viel einfacher, wenn sie herausfindet, was zu dem Unglück geführt hatte, als eine tatsächlich eingesetzte vielköpfige Untersuchungskommission. Es handelt sich ja eben nicht um eine Doku-, sondern um eine Dramaserie. Insofern finde ich eine solche Vereinfachung akzeptabel, zumal das Drama, das sich abgespielt hat, in ebenso drastischen wie beklemmenden Bildern gezeigt wird.

Wobei es einem US-Sender wie HBO sicherlich leichter fällt, eine Katastrophe kritisch aufzubereiten, die sich beim ehemaligen Klassenfeind und Weltmachtkonkurrenten UdSSR ereignet hat. Natürlich wird UdSSR-Bashing betrieben, einmal mehr wird zelebriert, dass in der nicht kapitalistisch organisierten UdSSR alles heruntergekommen, grau und vom KGB überwacht war. Der Alltag in der Sowjetunion in den 80ern wird ungefähr so dargestellt, wie es in den 50er und 60er-Jahre-Serien der USA ausgesehen hat. Nur eben noch armseliger, was die Ausstattung von Wohnungen und so weiter angeht. Das nervt mich schon, der Zustand der Gebäude wird kurz nach dem Umglück und der Evakuierung schon so dargestellt, wie er erst Jahrzehnte später war. Aber egal, wir kapieren ja, dass es auch darum geht, abzubilden, dass die Todeszone um den Unglücksort herum noch immer unbewohnbar ist.

Chernobyl - Ulana Khomyuk (Emily Watson) Bild: hbo.com

Chernobyl – Ulana Khomyuk (Emily Watson) Bild: hbo.com

Das Unglück an sich und das, was in den ersten Stunden und Tagen danach geschehen oder eben nicht geschehen ist, dermaßen haarsträubend, dass ich es gut finde, dass genau diese Fehleinschätzungen und Versäumnisse überhaupt thematisiert und für ein mehr oder auch weniger interessiertes Publikum aufbereitet werden. Es geht auch darum, zu zeigen, was passieren kann, wenn man sich zu sicher ist, dass eigentlich nichts passieren kann: Die Reaktor-Mannschaft in Tschernobyl war ja tatsächlich dermaßen von der Sicherheit ihrer Technik überzeugt, dass sie den GAU aus einer fatalen Mischung aus Fahrlässigkeit (Missachtung grundlegender Sicherheitsregeln) und Fehleinschätzung der tatsächlichen Situation (Konstruktionsfehler des Reaktortyps) selbst herbeigeführt hat. Ein RBMK-Reaktor kann nicht explodieren, das wollten die Verantwortlichen auch noch glauben, als er schon explodiert war. Was nicht sein darf, kann auch nicht sein. Dieser Irrglaube fordert immer wieder zahlreiche Opfer. (Es gibt keinen Klimawandel. Es gibt keine Luftverschmutzung. Es gibt kein Waldsterben. Es gibt kein Mikroplastik überall dort, wo es nicht hingehört. Es gibt kein…)

Da kann man natürlich mit dem Finger auf die Sowjetunion zeigen und sich freuen, dass westliche Technik ja so viel besser ist. Aber der Super-GAU in Fukushima zeigt, dass auch das technologische Musterland Japan nicht besser ist. Und auch in den USA kam es schon zu einer Reihe von Atomreaktor-Unfällen, der bekannteste dürfte Three Mile Island gewesen sein. Und natürlich wurde die Öffentlichkeit immer belogen und es wurde und wird immer verharmlost. Keine Regierung und kein Konzern liebt schlechte Nachrichten. Blöd nur, dass sich Radioaktivität (wie so vieles andere, was die Umwelt vergiftet) sich nicht an nationale Grenzen hält. Der Unfall von Tschernobyl wurde der Weltöffentlichkeit bekannt, als ein Atomkraftwerk in Schweden zwei Tage später Alarm auslöste, weil erhöhte Strahlung gemessen wurde.

Chernobyl - die Katastrophe aus der Sicht der Feuerwehr  Bild: hbo.com

Chernobyl – die Katastrophe aus der Sicht der Feuerwehr Bild: hbo.com

Mag sein, dass der GAU von Tschernobyl der entscheidende Nagel im Sarg des sozialistischen Blocks war. Aber wenn – aus welchen Gründen auch immer – ein vergleichbarer Unfall in einem französischen, britischen, chinesischen oder US-Atomkraftwerk geschehen sollte – es würde mindestens genauso teuer, die Verluste an Leben, Gesundheit und Vermögen wären vermutlich noch viel höher, vor allem, wenn es im dichtbesiedelten Westeuropa oder Asien geschehen würde. Ich habe im Zuge einer anderen Recherche vor Jahren einmal versucht, herauszufinden, wie das mit aktuellen Evakuierungsplänen und Kriseninterventionsmaßnahmen im unmittelbaren Einzugsgebiet von deutschen Atomkraftwerken im Falle einer Havarie ist. Verstörendes Ergebnis: Nicht einmal die Zuständigkeiten von entsprechenden Institutionen und Behörden sind bekannt. Es gibt wohl Lager mit Jodtabletten. Aber wer die bekommt und wie die verteilt werden – keine Ahnung. Wer für eine Evakuierung zuständig wäre, und wo die ganzen Leute dann hin sollen – Fragezeichen über Fragezeichen.

Fazit: Keine Regierung und kein Konzern sind auf den Ernstfall vorbereitet. Was passiert, wenn der Ernstfall trotzdem eintritt, zeigt diese Serie. Das ist nicht schön. Und irgendwie behagt mir diese Art von Faszination des Grauens nicht. So etwas sollte nicht Stoff von Unterhaltungsserien sein müssen. Es widert mich an, wenn das Unglück von Menschen (und Tieren) auf diese Weise ausgeschlachtet wird. Aber wir leben nun mal in einer Gesellschaft, in der alles, was man zum Leben braucht, einem Geschäftsmodell unterworfen ist. Essen, Wohnung, Kleidung, Gesundheit, Transport, alles kostet.

Dann soll halt HBO aus der Notwendigkeit, die Folgen einer atomaren Katastrophe für ein hoffentlich großes Publikum begreifbar zu machen, auch Gewinn erzielen. Ist halt eine Scheißwelt. Aber die Bewohner dieser Scheißwelt brauchen halt ihre Serien, um sich in ihrer Freizeit vom Stress des Lebens und damit des Geld-verdienen-müssens abzulenken. Chernobyl ist dafür nur bedingt geeignet. Umso bemerkenswerter, dass die Serie auf imdb und Rotten Tomatoes so gut bewertet wird. Ich werte das als Indiz dafür, dass viele Menschen sich durchaus Gedanken machen wollen: Chernobyl ist nun wirklich keine Heile-Welt-Serie. Sondern eine, die zeigt, was passiert, wenn eine vermeintlich heile Welt buchstäblich zerfällt. Und es ist eben nicht nur Faszination des Grauens, sondern der Versuch, zu überlegen, was denn ein in einer solchen Situation angemessenes Verhalten wäre. Die Antwort fällt schwer, weil es keine eindeutige Antwort gibt.

Chernobyl: Boris Schtscherbina (Stellan Skarsgård, Mitte) Bild: hbo.com

Chernobyl: Boris Schtscherbina (Stellan Skarsgård, Mitte) Bild: hbo.com

Insofern finde ich gut, dass eine solche Serie und eben nicht ein neues Game of Thrones Furore macht. Also nichts gegen Game of Thrones. Aber mir ist lieber, wenn sich die Menschen nicht mit den Storylines fiktiver Charaktere beschäftigen, sondern damit, was mit unserer Welt passiert, wenn man bornierten Technologen glaubt. Es gibt ja gar nicht so wenige, die wieder laut über Atomkraft nachdenken, weil die Atomkraftwerke kein CO2 in die Atmosphäre blasen, im Gegensatt zu Kohle-, Öl- und Gaskraftwerken. Ja klar, das stimmt. Mit den fossilen Klimakillern muss Schluss sein.

Aber: Es gibt noch immer keine wirklich sicheren Endlager für den Atommüll, der in den Kernkraftwerken weltweit anfällt. In Deutschland steht der Atommüll in Castoren in irgendwelchen Hallen rum, die weder gegen Flugzeugabstürze noch sonst wie besonders gut gesichert sind. Die erste Generation der Castor-Behälter hat ihre genehmigte Laufzeit im kommenden Jahr erreicht. Und dann? Keine Ahnung.

Gut, es ist vermutlich besser, die Castoren mit hochradioaktivem Atommüll da rumstehen zu lassen, wo man sehen kann, in welchem Zustand sie sind, statt sie einfach in die Asse zu kippen. Was wiederum ein ehemaliges Salzbergwerk in Niedersachsen ist, das früher einmal für die Endlagerung von radioaktiven Müll vorgesehen war, ohne sich dafür irgendwie zu eignen. Seit einiger Zeit ist bekannt, dass Radioaktivität aus den verrottenden Fässern ins Grundwasser gelangt. Auch wenn das Bundesinstitut für Strahlenschutz keine Kontamination des Geländes feststellen konnte (oder wollte), so gibt es doch eine auffällige Häufung bestimmter Krebsarten in der Gegend. Das ist kein Vergleich zu dem, was in Tschernobyl passiert ist. Aber ich bin gespannt, ob und wann es eine Serie über Fukushima geben wird.

River: Ein Schwede in London

Für die Freunde britischer Krimiserien steht auf Netflix seit einigen Tagen der BBC-Sechsteiler River zur Verfügung, den ich mir am Wochenende zu Gemüte geführt habe. So richtig weiß ich noch nicht, was ich davon halten will – auf diese Serie war ich aus drei Gründen sehr neugierig: Erstens gehören britische Krimiserien zu den besten überhaupt, die Briten haben den Fernsehkrimi quasi erfunden. Zweitens hat Abi Morgan das Drehbuch für River geschrieben – aus ihrer Feder stammt unter anderem The Hour, eine BBC-Serie, die ich ganz fantastisch finde, obwohl es keine Krimiserie ist, sondern von den Anfängen der Fernseh-Berichterstattung in Großbritannien handelt. Und drittens spielt Stellan Skårsgard die Titelrolle.

Und Stellan Skårsgard stellt diesen DI John River natürlich auch so vielschichtig und überzeugend dar, wie man es von einem Weltklasseschauspieler erwartet. Verschrobene Ermittlertypen mit Ecken und Kanten sind ja ohnehin eine Spezialität der Briten, etwa DCI Alan Banks (Stephen Tompkinson) in der ITV-Serie DCI Banks oder DCI John Luther (Idris Elba) in der BBC-Serie Luther, die ich beide sehr gut finde.

John River ist ebenfalls ein brillanter Polizist, aber er hat eine ziemliche Macke: Er redet mit Menschen, die gar nicht mehr da sind. Das hat er schon immer getan und es hilft ihm dabei, seine überdurchschnittliche Aufklärungsquote zu erreichen. Deshalb haben sowohl Kollegen als auch Vorgesetzte seine skandinavische Verschrobenheit bislang toleriert.

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Jackie Stevenson (Nicola Walker) und John River (Stellan Skarsgard)

Aber seit seine Kollegin Jackie Stevenson (genannt Stevie, Nicola Walker) vor einigen Wochen erschossen wurde, geht es bergab mit ihm: Für ihn ist Stevie noch am Leben. Gemeinsam verfolgen sie einen Verdächtigen, der aus einem Auto steigt, das River von einem seiner Fälle her zu kennen meint. Doch die Verfolgungsjagd endet tödlich: Der junge Mann, hinter dem River her war, springt aus dem Fenster seiner Wohnung in einer der schlechteren Londoner Gegenden – eigentlich will er sich nicht umbringen, sondern nur abhauen. Doch er rutscht ab, als er sich an einer Satellitenantenne festhalten will und stürzt in die Tiefe – die schwangere Freundin ist verzweifelt. Das sieht nach Ärger für River aus, und genauso kommt es natürlich auch.

Andererseits weiß River natürlich, dass Stevie tot ist, sie ist quasi vor seinen Augen auf offener Straße mit einem Schuss in den Kopf niedergestreckt worden. Schon deshalb fühlt sich River dazu verpflichtet, diesen Fall unbedingt aufzuklären. Aber nach diesem Vorfall mit dem toten Kleindealer ziehen seine Vorgesetzten die Notbremse: River muss sich psychologisch begutachten lassen und wird von dem für ihm so wichtigen Fall abgezogen – schließlich gibt es genug anderes zu tun. Und was ist, wenn er sich am Ende als dauerhaft dienstunfähig erweisen sollte?

Seine Vorgesetzte DCI Chrissie Read übergibt den Fall Stevenson an DS Ira King (Adeel Akhtar), der sich selbst als den personifizierten Gazastreifen beschreibt, weil er arabisch-jüdischer Herkunft ist. River ist über diese seiner Ansicht nach völlig überflüssigen Maßnahmen beleidigt, er brauche kein Kindermädchen, erklärt er seiner Chefin. Aber mit der Zeit lernt River seinen geduldigen Kollegen zu schätzen, der sich als überaus gewissenhaft und loyal erweist.

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Ira King (ADEEL AKHTAR) – (C) Kudos – Photographer: Nick Briggs

Genau wie er sich irgendwann damit abfindet, dass er zu den vorgeschriebenen Therapiesitzungen gehen muss: Mit der Zeit findet er Gefallen an der attraktiven Polizei-Psychologin Rosa Fallows (Georgina Rich) und akzeptiert, dass sie ihm helfen will. Hilfe hat er auch dringend nötig, aber wenn er das nicht recht einsehen will. Es ist ja nicht nur Stevie, die ihm immer wieder erscheint und ihn an seine ganzen Versäumnisse erinnert.

Da ist auch noch Dr. Thomas Neill Cream (Eddie Marsan), der Lambeth Piosoner, ein Serienkiller aus einem Buch, das River liest. Dr. Cream ist ein echter Quälgeist, der River in den Wahnsinn treiben würde, wenn er nicht ohnehin schon verrückt wäre. Dr. Cream konfrontiert River mit seinen eigenen Abgründen, er ist eine Art negatives Über-Ich. Gibt es den Begriff Unter-Ich eigentlich? Der wäre zutreffend. Wobei das Motiv der abgespaltenen negativen Persönlichkeit durchaus kein neues ist – das Doppelgängermotiv ist in der Literaturgeschichte ja seit längerer Zeit etabliert. Wobei Dr. Cream kein Doppelgänger im eigentlichen Sinne ist, er ist ein Teil von Rivers schlechtem Gewissen, wobei Stevie eindeutig einen größeren Teil davon einnimmt.

Und dann gibt es noch Erin Fielding, eine junge Studentin, die angeblich von ihrem Freund ermordet wurde – aber noch hat niemand ihre Leiche gefunden, obwohl der Junge den Mord sogar gestanden hat. Aber dank seiner ungewöhnlichen Eingebungen kommt River darauf, dass Erin sich selbst umgebracht haben muss – und ihr Freund sich die Schuld daran gibt, aber kein Mörder ist.

Stevies Familie ist aber auch nicht ohne – diese Figuren sind alle ganz real und wollen nichts mit River und der Polizei überhaupt zu tun haben: Stevie war eine Nestbeschmutzerin, eine, die ihrer kriminellen Familie Ärger gemacht hat, in dem sie sich für die andere Seite entschied und ihren eigenen Bruder für lange Zeit hinter Gitter brachte. Und es stellt sich auch hier wieder heraus, dass Mord zumeist in der eigenen Familie statt findet, auch wenn man Ende alles anders ist als eigentlich erwartet.

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Tom (Michael Maloney) und DCI Chrissie Read (Lesley Manville)

Also ja, einerseits schon klassisch britisch – üble Familiengeschichten und natürlich auch eine ordentliche Prise Gesellschaftskritik: Eine Zeit lang sieht es so aus, als hätte Stevie einen heimlichen Freund gehabt, einen illegalen Einwanderer aus Somalia. River und King ermitteln deshalb auch in diese Richtung, was gar nicht so einfach ist, denn in diesen Kreisen haben sowieso alle Angst vor der Polizei und sagen nichts. Als die beiden endlich heraus bekommen, um wen es sich bei dem mysteriösen schwarzen Mann handelt und wo er sich versteckt, kommen sie zu spät: Ihr möglicherweise hilfreicher Zeuge wird in einer öffentlichen Bibliothek umgebracht.

Stevie schien kurz vor ihrem Tod einer richtig großen Sache auf der Spur zu sein, in die nicht nur die Firma eines ihrer Verwandten, sondern auch der Mann von Stevies und Rivers Chefin verwickelt sein könnte: Tom Read ist Richter, der über Einwanderungsfälle entscheidet und erstaunliche viele seiner Fälle werden positiv beschieden. Und viele dieser lautlos legalisierten Einwanderer arbeiten für den Paten Michael Bennigan.

In den sechs Folgen, die jeweils knapp eine Stunde lang sind, gibt es auch noch andere Fälle, die es zu lösen gilt, etwa einen toten Bauarbeiter, der an einem Stromschlag gestorben ist – ein tragischer Unfall, wie sich herausstellt, aber gleichzeitig kommt auch heraus, dass der verheiratete Familienvater offenbar eine Affäre mit einem ukrainischen Kollegen gehabt hat. Und dann gibt es eine weitere schwere Krise, weil sich herausstellt, dass der Ehemann von DCI Read nicht nur eine Schwäche für die Dolmetscherin bei der Einwanderungsbehörde hatte, sondern auch noch bestechlich war.

Alles in allem gibt es also eine Menge starker Szenen und insgesamt finde ich die Geschichte doch ziemlich gut – andererseits hoffe ich, dass es jetzt nicht zur Masche wird, Serienplots nur noch aus den psychischen Störungen des Protagonisten zu generieren: Bei Mr. Robot fand ich das noch ziemlich genial, wobei mich gegen Ende immer mehr gestört hat, dass der gesellschaftskritische Ansatz aus den ersten drei Teilen wegen der ganzen Psychospielchen in den Teilen danach ziemlich unter die Räder gekommen ist. Okay, das wundert mich nicht wirklich, denn es ist schlicht und einfach verboten, ernsthafte Kritik am herrschenden System zu äußern, also den Kapitalismus als solchen infrage zu stellen. Die Hauptfigur Elliot Alderson tut das zwar, aber Elliot ist ja auch verrückt. Und auf einmal wird nur noch seine Verrücktheit thematisiert, aber nicht die des Systems, das er zerstören will.

So weit geht das bei River nicht – River stellt ja auch gar nicht das System infrage, sondern nur seine eigene mentale und sonstige Verfassung. River hat ein Ideal von Wahrheit und Gerechtigkeit, für das er sich aufreibt, womit er aber eigentlich erfolgreich ist: Er klärt die Verbrechen auf, auch wenn die Hinterbliebenen über die Wahrheiten, die er herausfindet, nicht besonders glücklich sind. River selbst ist auch nicht besonders glücklich.

Und wo ich schon mal dabei bin: Es gibt durchaus Parallelen zwischen John River und Elliot Anderson – das ist es, was mich gerade nervt, auch wenn das vermutlich etwas ungerecht ist, denn ich nehme nicht an, dass Sam Esmail oder Abi Morgan von einander abgeschrieben haben. Dieses Psychoding scheint eher ein Zeitgeist-Phänomen zu sein. Es ist ja nicht so, dass ich Hauptcharaktere, den einen an der Waffel haben, nicht mögen würde, im Gegenteil. Eigentlich habe ich sogar sehr viel für Psychodrama übrig. Aber dann soll eine Serie nicht so tun, also ob sie etwas anderes sei.

Also: Sowohl der kleine John als auch der kleine Elliot wurden von ihren Müttern schlecht behandelt und im Stich gelassen (warum sind eigentlich immer die Mütter schuld?!). Beide leiden an einer gewissen Unfähigkeit, zu lieben oder besser: auf persönlicher Ebene mit anderen Menschen umzugehen. Sie sind beide nicht gern in Gesellschaft und nicht gut darin, ihre Gefühle zu kommunizieren. Denn Gefühle haben sie: River hat Stevie irgendwie geliebt und er verliebt sich auch ein bisschen in Rosa. Elliot mag Angela und Darlene und verliebt sich sogar in Shayla, obwohl er immer wieder sagt, dass er nicht weiß, wie das geht. Und sie können auch wütend oder auch traurig werden, sehr traurig sogar – auch wenn sie dann wieder total rationale Typen sind, die alles analysieren und einordnen.  Gerade weil sie derart gestört sind, können sie sich so gut in andere hineinversetzen – River löst auf diese Weise seine Fälle. Elliot auch, gewissermaßen, er bringt andere dazu, zu tun, was er von ihnen will. Und natürlich setzen die beiden ihre besonderen Fähigkeiten nicht dazu ein, persönliche Vorteile zu erlangen, sondern tun das für andere: River ist Polizist und sorgt für Ordnung und Gerechtigkeit, auch wenn das nicht immer gut ausgeht. Elliot ist zwar auf der anderen Seite des Gesetzes unterwegs, aber er will gleich die ganze Welt retten.

Aber letztlich kämpfen sie doch vor allem darum, irgendwie normal zu sein. Aber was ist schon normal in verrückten Welt?

Einer nach dem anderen: Spitzenprodukt skurrilen Humors

Im Rahmen der Berlinale lief Anfang Februar der norwegische Film Einer nach dem anderen (Originaltitel Kraftidioten, genial auch der englische Titel In Order of Disappearance) – allerdings hatte ich weder die nötige Energie, noch die Beziehungen, um an eine der begehrten Berlinale-Karten zu kommen. Dafür hatte ich jetzt die Gelegenheit, den Film des Regisseurs Hans Petter Moland anzusehen. Und ja, es handelt sich dabei eines dieser unaufgeregten, aber sehr pointierten skandinavischen Meisterwerke, in denen nicht viel geredet wird, aber am Ende fast alle tot sind.

Ausschnitt Filmplakat Einer nach dem anderen. Foto: Marie-Anne Winter

Ausschnitt Filmplakat Einer nach dem anderen. Mit Stellan Skårsgard und Bruno Ganz.
Foto: Marie-Anne Winter

Man muss diese Art Film schon ausdrücklich mögen, um etwas damit anfangen zu können – „Keine Angst vor weißen Flächen!“ sagte mein Kunstlehrer früher. Und dort, wo Schnee und Eis das Leben den größten Teil des Jahres fest im Griff haben, sind riesige weiße Flächen selbstverständlich. Doch wenn das Auge sich an die weiße Leere gewöhnt hat, fängt es an, die Nuancen wahrzunehmen – denn die Schneelandschaft ist keineswegs tot und leer: Sie lebt, es gibt zackige Bergrücken und weiche Täler, schroffe Grate und sanfte Schneewehen, die Kristalle glitzern in der Sonne, werden verweht, verschwimmen in der Dämmerung, die über unendlich viele Blautöne schließlich zu schwarzer Nacht wird – nur der Schnee leuchtet, knirscht, man kann den Frost riechen, förmlich spüren, wie er in der Nase beißt. Und durch all dieses beeindruckende Schwarz-Weiß-Blau der nordnorwegischen Landschaft fräst sich die Maschine von Nils Dickman (in ewiger Höchstform: Stellan Skårsgard).

Ich fand ja schon Genosse Petersen und Ein Mann von Welt sehr gut, aber mit Einer nach dem anderen hat Hans Petter Moland neue Maßstäbe gesetzt. Der Film ist alles in allen sehr kaurismäkiesk – und ich will damit weder Hans Petter Moland, noch dem zwei Jahre jüngeren, aber international vermutlich doch bekannteren Finnen Aki Kaurismäki zu nahe treten – es ist jeweils als dickes Lob gemeint.

In den skurril-lakonischen Filmen von Aki Kaurismäki spielen gesellschaftliche Außenseiter eine Hauptrolle – und das ist in auch bei Moland so. Nur dass Molands Außenseiter keine schrägen Randfiguren, sondern meistens gute Bürger sind, die formal total in die Gesellschaft integriert sind. Ob das nun der Gymnasiallehrer Petersen ist, der eine Schwäche für den Kommunismus hat (Genosse Petersen), oder der Mörder Ulrik (Ein Mann von Welt) , der sich nach einer langen Zeit im Gefängnis wieder in die norwegische Gesellschaft integrieren will bzw. muss. Auch der Schwede Nils Dickman ist in ein Außenseiter, aber eben auch einer, dem es gelungen ist, sich vorbildlich in die norwegische Gesellschaft zu integrieren.

Am Anfang des Films wird der pflichtbewusste Schneepflugfahrer Nils als „Bürger des Jahres“ für seine Verdienste an seiner neuen nordnorwegischen Heimat ausgezeichnet. Denn er erfüllt vorbildlich die wichtige und verantwortungsvolle Aufgabe, mit seinem Schneepflug eine „Schneise der Zivilisation“ durch den norwegischen Schnee zu pflügen, oder wie Nils auch sagt „Ich war immer gern Pfadfinder. Nur dass ich immer den gleichen Pfad finde.“ Aber er findet ihn, und dank seiner Zuverlässigkeit tun das seine Mitbürger auch. Ein dreifaches Hurra auf die gelungene Integration! Das zieht auch gleich konservative norwegische Politiker auf den Plan, die mit dem „vorbildlich integrierten Ausländer“ Nils punkten wollen. Aber Nils macht halt lieber sein eigenes Ding. Demokratie ist etwas für die anderen.

Ausschnitt Filmplakat Einer nach dem anderen. Foto: Marie-Anne Winter

Ausschnitt Filmplakat Einer nach dem anderen.
Foto: Marie-Anne Winter

Aber dann wird Nils von eine Katastrophe aus der Bahn geworfen: Sein Sohn Ingvar wird tot aufgefunden: Überdosis Heroin sagen die Ermittler. Und für die Polizei ist der Fall damit auch gleich abgehakt: Natürlich sind die Eltern immer fassungslos, wenn so etwas passiert. Alle Eltern sind überzeugt, dass ihre Kinder niemals so etwas tun würden, erklären die Polizisten. „Wir kannten unseren Sohn nicht“, heult die Mutter. Natürlich geht später auch die Ehe daran in die Brüche. Aber bevor sich Nils eine Kugel in den Kopf jagen kann, wird er vom tatsächlich drogenabhängigen Freund seines Sohnes gestört. Finn hat sich verletzt in Nils Firma gerettet. Es täte ihm total leid, dass Ingvar ermordet worden sei, beteuert Finn. Der hätte mit der ganzen Sache eigentlich nichts zu tun – und er war kein Junkie. Ingvar hätte das alles einfach nicht verdient.

Nils sieht daraufhin davon ab, sich eine Kugel in den Kopf zu schießen und sich bestätigt: Sein Sohn Ingvar ist Opfer von Verbrechern geworden! Und weil die Polizei das anders sieht, nimmt Nils als alter Pfadfinder die Sache selbst in die Hand – er ist halt am Besten, wenn er sein eigenes Ding macht. Er schafft es, drei Mitglieder der Mafia ausfindig zu machen, die seinen Sohn getötet haben und vernichtet deren geschmuggeltes Kokain. Die Leichen wirft er fachgerecht mit Hühnerdraht umwickelt in den großen Wasserfall hinter dem Dorf. Das wiederum ruft den Chef der norwegischen Mafia auf den Plan, die jetzt vergeblich auf den Nachschub wartet. Der „Graf“ (herrlich: Pål Sverre Valheim Hagen) vermutet, dass die albanische – tatsächlich ist es aber die serbische Konkurrenz – für den ganzen Schlamassel verantwortlich ist. Er lässt einen von diesen Balkan-Typen umbringen und mit der geografischen Höhenangabe „1389 Meter“ an ein Hinweisschild hängen. Insider wissen, dass mit dieser Jahreszahl die Schlacht auf dem Amselfeld gemeint ist. Ob Pål das gewusst hat, spielt keine Rolle, denn ihn interessiert letztlich nur, dass er in Norwegen der Chef ist.

Die Adressanten dieser Nachricht erkennen die Botschaft wohl: Bei dem Toten handelt es sich um den einzigen Sohn des serbischen Klanchefs Papa (auch nicht schlecht: Bruno Ganz). Der erklärt nun folgerichtig der norwegischen Mafia den Krieg.

Besser konnte es für Nils kaum laufen – jetzt machen sich seine Gegner gegenseitig die Hölle heiß. Außerdem hat der Graf auch so schon genug Probleme – etwa mit seiner Ex Marit (Brigitte Hjort Sørensen, muss man als engagierte TV-Journalistin Katrine Fønsmark aus der dänischen Serie Borgen kennen) im Streit um seinen einzigen Sohn, der mit biodynamischen Obst und Gemüse (mindestens fünf Sorten pro Tag!) gefüttert werden sollte und stattdessen mit zuckrigen Frühstückscerealien und pädagogisch zweifelhaften Mafia-Tipps für den Umgang mit unliebsamen Mitschülern mit dem fetten Mafia-Dienstwagen in die Schule kutschiert wird. Der Graf findet es nicht immer so einfach, er zu sein, wie er seine Leute irgendwann anbrüllt, als sich die Dinge für ihn zunehmend ungünstig entwickeln. Dagegen wäre man lieber Nils Dickman, der mit seinem Schneepflug später die verbliebenen Fahrzeuge der Mafia-Klans platt macht.

Einer nach dem anderen ist auf jeden Fall ein Spitzenprodukt der nordischen Variante skurrilen schwarzen Humors, der es auf Anhieb in meine Kategorie Lieblingsfilme geschafft hat.

Weitere Eindrücke gibt es in meinem Tumblr:
http://mariberlyn.tumblr.com/tagged/Kraftidioten

Arn, der Kreuzritter: Schweden in Farbe

Ich komme nicht weg von den Roman-Trilogien, dieses Mal wieder schwedisch: Allerdings kommt Arn – Der Kreuzritter als sechsteilige Miniserie. Es handelt sich um die Verfilmung einer Roman-Trilogie des schwedischen Schriftstellers Jan Guillou, die ursprünglich in zwei Spielfilmen angelegt war, dann aber auf Miniserienformat von sechs Teilen mit jeweils 45 Minuten umgeschnitten wurde.

Dieses Historiendrama ist eine der teuersten Produktionen der schwedischen Filmindustrie, denn die Bücher über den Tempelritter Arn erreichten in Schweden schnell Kultstatus. Arn Magnusson spielte wohl historisch tatsächlich eine wichtige Rolle für die schwedische Reichsgründung im Hochmittelalter. Weil es sich also um so etwas wie ein Nationalepos handelt, machen auch eine Menge bekannter schwedischer Stars mit, etwa Sofia Helin, die Kommissarin Saga aus Die Brücke, die beiden Universal-Haudegen Mikael Nyqvist und Stellan Skarsgård, Gustaf Skarsgård ist als König Knut mit dabei, und auch Bill Skarsgård taucht als Sohn und Nachfolger von Knut auf, wie auch Joel Kinnaman als Sverker Karlsson, gegen den Arn (Joakim Nätterquist) seine letzte Schlacht gewinnen muss. Gut gefiel mir auch Milind Soman als Saladin.

Birger Brosa (Stellan Skarsgård) und Magnus Folkesson (Mikael Nykvist)

Birger Brosa (Stellan Skarsgård) und Magnus Folkesson (Mikael Nykvist) -Screenshot


Arn - der Mönch kann kämpfen

Arn (Joakim Nätterqvist): Zum Erstaunen aller kann der Mönch kämpfen – Screenshot

Arn Magnusson wächst als Sohn einer einflussreichen Familie der Folkunger in Västergötland auf. Als er nach einem Unfall zu sterben droht, geloben seine Eltern, ihn ins Kloster zu geben, falls Gott ihren Sohn rettet. Das Wunder geschieht – Arn wird wieder gesund. Schweren Herzens müssen seine Eltern nun ihr Gelübde einlösen und geben Arn in ein Zisterzienser-Kloster. Dort wird der Junge von Bruder Guilbert ausgebildet, der selbst als Tempelritter im Heiligen Land gekämpft hat. Es stellt sich heraus, dass Arn ein begabter Junge ist, er lernt nicht nur schnell lesen, schreiben und Latein, sondern ist auch ein sehr guter Kämpfer. Bruder Guilbert und Pater Henry, der Abt des Klosters, erkennen schließlich, dass Arn kein guter Priester, dafür aber ein guter Krieger werden wird und lassen ihn als jungen Mann wieder nach Hause. Das ist eine gute Entscheidung, denn in seiner Heimat hat sich der Konflikt mit den verfeindeten Sverkern zugespitzt, so dass seine Kampfkünste dort bald dringend benötigt werden.

Die schöne Cecilia (Sofia Heldin)

Die schöne Cecilia (Sofia Heldin) – Screenshot


Arn und sein Pferd Chamsin

Arn: Auch sein Pferd Chamsin sieht gut aus – Screenshot

Aber keine gute Geschichte ohne unlösbaren Konflikt: Arn verliebt sich in die schöne Cecilia. Deren Vater hat aber zwei Töchter, von denen nur eine heiraten kann, die andere muss ins Kloster. Cecilias Schwester Katarina hat ebenfalls ein Auge auf Arn geworfen, der lässt sie aber abblitzen. Als Cecilia ihrer Schwester anvertraut, dass sie von Arn schwanger ist, verrät Katarina sie an die Oberin des Klosters, in dem die beiden Mädchen abwechseln erzogen wurden. Riesenskandal, vor allem, da Katarina behauptet Arn habe auch mit ihr geschlafen.

Knut (Gustaf Skarsgård) ist zurück und will um seine Krone kämpfen.

Knut (Gustaf Skarsgård) ist zurück und will um seine Krone kämpfen.

Arn und Cecilia werden hart bestraft, weil sich Arn gerade auf die Seite von Knut geschlagen hat, den Sohn von König Erik, den die Sverker einige Jahre zuvor erschlagen hatten. Knut ist aus Norwegen zurückgekehrt, um sich seine Krone zurückzuholen. Als er loszieht, um den Mörder seines Vaters zu töten, ist Arn dabei, der hofft, dass er Cecilia heiraten kann, wenn sein alter Freund Knut erst einmal König ist und entsprechenden Einfluss hat. Knut kann ihm allerdings nicht helfen, im Gegenteil, die Kirche steht unter Einfluss der Sverker. Deshalb wird Arn aus dem Weg geräumt, in dem er für 20 Jahre als Tempelritter im Heiligen Land dienen muss, Cecilia wird für die nächsten 20 Jahre ins Kloster gesperrt.

Arn und Sultan Saladin (Milind Soman) respektieren sich

Arn und Sultan Saladin (Milind Soman) respektieren sich

Arn als guter Ritter fügt sich in sein Schicksal und macht sich auf den Weg nach Jerusalem, wo er als guter Kämpfer natürlich auch sehr willkommen ist. Allerdings lernt Arn auch Arabisch und studiert den Koran, er ist halt ein kluger Mann. Als er einem arabischen Edelmann, der von Räubern überfallen wird, das Leben rettet, erfährt er, dass es sich um niemanden andern als den gefürchteten Sultan Saladin handelt, den erbitterten Gegner der Tempelritter. Saladin ist sowohl von der Ritterlichkeit als auch von der Gelehrsamkeit dieses Al Gouthi, wie Arn bei den Arabern genannt wird, so beeindruckt, dass er ihn ebenfalls mit höchstem Respekt behandelt und ihm später ebenfalls das Leben retten wird.

Birger und Knut - im Film allerdings nicht Vater und Sohn

Birger und Knut – im Film allerdings nicht Vater und Sohn

Zuhause in Schweden ergeht es Cecilia weniger gut, die Äbtissin des Klosters nimmt ihr nicht nur das Kind gleich nach der Geburt weg, sondern misshandelt sie so sehr, dass der Bischof einschreiten muss, weil Knut inzwischen König ist und es möglicherweise nicht gut aussehen würde, wenn Cecilia in Obhut des Klosters umkäme. Etwas besser wird es, als Blanca im Kloster auftaucht. Blanca wird ebenfalls schikaniert, aber Cecilia hat eine Verbündete. Blanca ist die künftige Königin, die Knut im Kloster in Sicherheit gebracht hat, bis seine Macht gefestigt ist und er sie heiraten kann. Das geschieht auch bald, allerdings haben Knut und Blanca nicht die Macht, Cecilia vor dem Ende ihrer 20 jährigen Strafe zu erlösen, denn die Kirche ist mächtiger. Außerdem weigert sich Cecilia, einen anderen als Arn zu heiraten, auf den sie noch immer wartet.

Arn muss gegen Sverker Karlsson (Joel Kinnaman) in die Schlacht ziehen

Arn muss gegen Sverker Karlsson (Joel Kinnaman) in die Schlacht ziehen

Arn hat unterdessen nicht nur mit Feinden der Christenheit, sondern auch mit einem neuen Großmeister zu kämpfen, der ihn nicht, wie sein Vorgänger, nach allen Verdiensten in Kampf um das Heiligen Land in Ehren entlassen will, sondern ihn zwingt, mit ihm in eine aussichtslose Schlacht zu ziehen. Dabei werden die Tempelritter vernichtend geschlagen, Arn überlebt nur knapp, weil Saladin ihn findet und ihn gesund pflegen lässt. Der neue Herrscher in Jerusalem finanziert schließlich auch die Rückkehr seines geschätzten Feindes in dessen Heimat.

Arn ( Joakim Nätterqvist)  in Aktion

Arn ( Joakim Nätterqvist) in Aktion – Screenshot

Natürlich gibt es noch die eine oder andere Verwicklung, aber am Ende kann Arn endlich seine geliebte Cecilia wieder in die Arme schließen, obwohl sie erst kurz zuvor erfahren musste, dass sämtliche Kreuzritter umgekommen seien. Am Leben hielt sie eigentlich nur die gute Nachricht, dass ihr Sohn lebt und bei Birger Brosa aufwächst, einem einflussreichen Mann, der ein guter Freund von Arns Vater ist. Jetzt ist Arn wieder da, die beiden können endlich heiraten und bekommen sogar noch eine Tochter. Allerdings stirbt Knut und die Sverker wollen die Krone zurück. Zwar gelingt es Birger Brosa, als Kompromiss auszuhandeln, dass Sverker Karlsson König wird, wenn er Knuds Sohn Erik als Thronfolger akzeptiert, aber es dauert nicht lange, bis sich heraus stellt, dass Sverker nicht die Absicht hat, sich an diese Abmachung zu halten und versucht, Knud Söhne aus dem Weg zu räumen. Arn muss also einmal wieder kämpfen, jetzt gegen Sverker Karlsson und die mit ihm verbündeten Dänen.

Erik (Bill Skarsgård) will Rache - Arn plädiert für Frieden

Erik (Bill Skarsgård) will Rache – Arn plädiert für Frieden

Trotz der dramatischen zahlenmäßigen Unterlegenheit gelingt es den Folkungern, die Sverker zu schlagen. Vor allem schafft Arn es, Erik davon abzuhalten, Sverker Karlsson zu töten, und damit nicht nur die Kette der ständigen Rachemorde zu durchbrechen, sondern auch einen Grundstein für die kurze Zeit später erfolgte Einigung des schwedischen Reiches zu legen. Allerdings wird Arn selbst bei den Kämpfen so schwer verwundet, dass er es zwar noch schafft, wie versprochen zu Cecilia heimkehren, aber dann stirbt.

Sverker Karlsson ist geschlagen

Sverker Karlsson ist geschlagen

Alles in allem also ein opulentes Historiendrama, das sich hervorragend eignet, einen regnerischen Karfreitag interessant zu gestalten. Es geht alles in allem weniger um die Kreuzzüge und die Schlacht um Jerusalem, als um schwedische Geschichte – wobei ich nicht sagen kann, wie gut die historischen Bezüge dargestellt wurden. Allerdings gibt es bei Ereignissen, die so lange her sind, ohnehin niemanden mehr, der mit Gewissheit sagen kann, wie es sich denn nun wirklich zugetragen hat.

Was mich ein bisschen gestört hat, war, dass Arn und vor allem Cecilia in den zwanzig Jahren ewigen Wartens kaum altern – mit Ende Dreißig sahen die Menschen im Mittelalter nicht mehr so frisch aus wie heute im gleichen Alter. Der einzige, der realistisch altert, ist König Knut. Aber geschenkt, alles in allem fand ich Arn weit weniger ärgerlich als die fürs deutsche Fernsehen üblichen Historiendramen à la Wanderhure. Und die ganze Riege der schwedischen Großdarsteller mal nicht im üblichen skandinavischen Krimi-Anthrazit, sondern in opulenten Farben und auch mal in Rüstung – das ist absolut sehenswert.

Die Folkskunger nach der Schlacht.

Die Folkunger nach der Schlacht.