Emmy Awards 2016: Diversität und Monokultur

Weil ich ja leider nachts schlafen muss, um tagsüber für meinen Job fit zu sein, konnte ich mir die Verleihung der 68. Emmy Awards heute erst als Feierabend-Event reinziehen – ohne Werbung zwischendurch waren es etwas über zwei Stunden, das kann man schon aushalten, auch wenn sich alle Preisträger bei Cast, Crew und Familie bedanken müssen (immerhin in wechselnder Reihenfolge), was dann irgendwann doch langweilig wird, genau wie die unvermeidlichen Politwitze: Donald Trump hat eine ganze Reihe von RL-Memes gesetzt, denen man einfach nicht entkommen kann. Make the Emmys Great Again. Make Television Great Again. And somehow we make the Mexicans pay for that. And so on.

Nichtsdestotrotz war Jimmy Kimmel gut in Form, und alles in allem ist der Abend ja gut ausgegangen: Rami Malek hat den Emmy als bester Hauptdarsteller in einer Dramaserie gewonnen, was mich natürlich sehr freut, wobei für mich auch okay gewesen wäre, wenn Bob Odenkirk ihn für Better Call Saul bekommen hätte. Und klar, auch die anderen waren alle sehr gut, aber Mr. Robot ist nun mal die beste der hier nominierten Serien, auch wenn Better Call Saul nur knapp dahinter liegt.

68. Primetime Emmy Awards: Rami Malek gewinnt als bester Hauptdarsteller in einer Drama-Serie (Mr. Robot)

68. Primetime Emmy Awards: Rami Malek gewinnt als bester Hauptdarsteller in einer Drama-Serie (Mr. Robot)

Ich denke, dass hier durchaus eine Rolle gespielt haben könnte, dass Rami Malek der einzige nicht eindeutig weiße männliche Schauspieler unter den Nominierten in dieser Kategorie war – was seiner Performance keinen Abbruch tut, denn Rami Malek ist einfach der beste denkbare Elliot Alderson. Aber so betont divers, wie sich die Emmys dieses Mal gegeben haben, liegt der Verdacht nahe – und das kritisiere ich ausdrücklich nicht: Vor wenigen Jahren noch hätte ein arabisch-stämmiger Schauspieler vermutlich gar keine Chance gehabt, eine Hauptrolle in einer stylischen, coolen, sehr ambitionierten US-amerikanischen Primetime-Serie zu spielen.

Unter den Nominierten waren insgesamt durchaus zahlreiche Afroamerikaner, so hat beispielsweise Courtney B. Vance den Emmy als beste Hauptdarsteller in einer Mini-Serie gewonnen oder Sterling K. Brown den als bester Nebendarsteller, die beste weibliche Nebendarstellerin in der Kategorie war Regina King. Und natürlich sind auch die Master-of-None-Autoren (und Darsteller) Aziz Ansar und Alan Yang Vertreter von Minderheiten – wobei der aus Taiwan stammende Alan Young bei seiner Dankesrede für den Emmy als bester Autor einer Comedy-Serie daran erinnert hat, dass es ungefähr genauso viele Amerikaner ostasiatischer wie italienischer Herkunft gibt – was sich aber in der Film- und Fernsehgeschichte der USA bisher nicht niedergeschlagen habe, im Gegensatz zu den Italienern mit ihren ikonischen Mafia-Dramen. Und er forderte die asiatischen Eltern auf, ihren Kindern Kameras statt Geigen in die Hand zu geben – dann hätten sie vielleicht auch mal eine Chance.

Primetime Emmy Awards 2016: Susanne Bier gewinnt für die beste Regie in einer Mini-Serie (The Night Manager)

Primetime Emmy Awards 2016: Susanne Bier gewinnt für die beste Regie in einer Mini-Serie (The Night Manager)

Und insofern geht natürlich auch total in Ordnung, dass Jeffrey Tambor einen Emmy für seine Darstellung von Moira Pfefferman in Transparent wieder eine Auszeichung bekommen hat – und der gleichzeitig betonte, dass es hoffentlich das letzte Mal sei, dass er als Mann für die Darstellung einer Transgenderfrau herhalten musste, lieber solle man doch den echten Transgenders eine Chance geben.

Passend dazu hat Jill Soloway, die einen Emmy für die beste Regie in einer Comedy-Serie – eben Transparent – bekommen hat, die Kleiderordnung für Frauen souverän missachtet: Die Kombination von Bluse (mit Schleife) und Blazer war gewagt, aber total misslungen, rausgerissen haben das nur die roten Sportschuhe. Vor der Verweigerung der üblichen Highheels habe ich echt Respekt – mir ist ohnehin ein Rätsel wie andere Frauen Folterwerkzeuge mit 8 bis 10 Zentimeter Absatzlänge (oder gar mehr) einen Arbeitstag oder Abend am Fuß ertragen können. Wenn die Schuhe sehr gut gepolstert sind, kann ich das auch mal für ein paar Stunden ab, aber laufen in dem Sinne geht damit einfach nicht. Es gibt so vieles, was Frauen sowieso immer noch aushalten müssen – warum dann auch noch unbequeme Schuhe?! Männer tun sich das doch auch nicht an!

Wo wir aber gerade bei Frauen sind: Mich hat natürlich auch der Emmy für Susanne Bier gefreut, die als beste Regisseurin einer Miniserie den Preis für ihre Arbeit mit The Night Manager bekam. Es gibt ja nun wirklich nicht viele weibliche Regisseurinnen und noch weniger international anerkannte – aber vielleicht ändert sich das ja nun auch langsam mal. Wobei mich dann doch schon wieder ein bisschen genervt hat, dass Veep mit Emmys förmlich überhäuft worden ist. Ja, eine Comedyserie über eine erste weibliche US-Präsidentin ist schon lustig, und die Entschuldigung von Julia Louis-Dreyfus für das eigenartige politische Klima in den USA – eigentlich hätten sie ja eine Comedy-Serie machen wollen, nun sei Veep aber leider eine Dokuserie über den traurigen alltäglichen Wahnsinn – fand ich auch total sympathisch – aber ab und zu hätte in Sachen Comedy auch mal eine andere Serie irgendwas gewinnen können, so ging Silicon Valley komplett leer aus.

Genau wie bei den Dramaserien, wo Game of Thrones wieder so ziemlich alles abgeräumt hat: ja, das ist gewiss eine grandiose Serie, aber für alle, die es nicht so mit Drachen und epischen Schlachten haben, gibt es auch noch ziemlich gutes Fernsehen – so fällt mir gerade auf, dass es nicht eine einzige Nominierung für Halt and Catch Fire gab, was auch eine ziemlich gute Serie ist. Oder für Manhattan. Und tolle Serien wie Fargo oder Better Call Sauldie ebenfalls nominiert waren, konnten dieses Mal keinen Blumentopf gewinnen. Und bei den Mini-Serien war es nicht besser, da hat The People vs. O. J. Simpson fast alles andere platt gemacht.

Wobei, ich muss zugeben, dass es sympathische Ausreißer gab, etwa den Emmy für die beste männliche Gast-Rolle, der an Peter Scolari ging, der in Girls Hannahs Vater spielt oder für Margo Martindale, die sozusagen das weibliche Pendant in The Americans gab. Insofern sind auch die Emmys längst noch nicht so ausgewogen und perfekt, wie sie sich gerade feiern. Aber immerhin schon sehr viel weiter als die Oscars – was auch ständig betont wurde. Jimmy Kimmel hat das in löblich kritischer Selbstanalyse ja während der Show definiert:“Was wir hier in Hollywood noch mehr schätzen als Vielfalt, ist, uns selbst dafür zu feiern, wie sehr wir Vielfalt schätzen.“ Das ist aber genau die Selbstreflexion, zu der das Fernsehen bereits in der Lage ist. Mal sehen, wann das in der Kino-, äh Blockbusterindustrie denn ankommt.

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Der schöne Schein: The Night Manager

Auf die Mini-Serie The Night Manager war ich sehr gespannt – zum einen, weil ich britische Spionage-Serien mag, zum anderen, weil Susanne Bier Regie geführt hat. Die Dänin ist eine der wenigen international anerkannten Regisseurinnen – so hat meines Wissens bisher nur Kathryn Bigelow einen Oscar für die beste Regie gewonnen. Susanne Bier hat für ihren Film In einer besseren Welt immerhin einen Oscar für den besten ausländischen Film abräumen können und war bereits vorher schon einmal mit Nach der Hochzeit für einen Oscar nominiert. In beiden Filmen geht es um Weltverbesserer, die in ihrer Heimat mit den Ansprüchen ihrer bürgerlichen Umgebung nicht besonders gut klar kommen und deshalb versuchen, das Elend der Welt in Afrika bzw. Indien zu lindern – aber dafür eben auch einen Preis zahlen müssen.

Insbesondere In einer besseren Welt ist ein sehr skandinavisches Beziehungsdrama, das sehr viele sehr hässliche Dinge in verstörend schönen Bildern erzählt – insofern war ich sehr gespannt, was dabei heraus kommt, wenn Susanne Bier auf John Le Carré trifft.

The Night Manager - Bild AMC via Amazon

The Night Manager – Bild AMC via Amazon

Und, ja, The Night Manager ist wirklich gut gemacht, die Geschichte ist spannend, es gibt jede Menge schöner Bilder und Tom Hiddleston und Hugh Laurie sind natürlich auch ganz toll – genau wie Olivia Colman und Elizabeth Debicki. Allein der Vorspann ist schon ein Kunstwerk für sich – und ich bin nun einmal Fan des liebevoll gemachten Vorspanns, selbst als passionierte Binge-Watcherin. Ich sag nur Six Feet Under, Dexter, True Blood, Rectify, The Brink oder Jessica Jones. Vorspann matters!

Aber irgendwie bin ich mit The Night Manager trotzdem nicht richtig zufrieden – letztlich waren mir sowohl das bescheiden-geniale Undercover-Supertalent Jonathan Pine (Hiddleston), als auch der verführerisch-perfide Richard Onslow Roper (Laurie) zu perfekt in ihren jeweiligen Rollen. Das kann auch die herrlich unperfekte Angela Burr (Olivia Colman) nicht ausgleichen, die schwangere Ermittlerin, die sich dem Kampf gegen das Böse und damit gegen Roper verschrieben hat. Mit ihren Ermittlungen eckt sie immer wieder in den höchsten politischen Kreisen an – denn die Leute ganz oben brauchen den smarten und stinkreichen Businesstypen Roper und seine speziellen Verbindungen.

Irgendwie ist die Serie an sich der Verführung durch den schönen Schein erlegen – es wird zwar total zeitgemäß der Arabische Frühling, der Krieg in Syrien und auch die Flüchtlingskrise erwähnt, aber im Gegensatz zu den Susanne-Bier-Filmen, die ich kenne, in denen also die Verzweiflung und die Ohnmacht der Betoffenen tatsächlich in die Handlung einbricht, bleibt das in diesem Fall reine Kulisse. Was ich nicht nur schade, sondern schon wieder ärgerlich finde – es liegt dermaßen auf der Hand, dass die Krisenherde in Afrika, im mittleren Osten und auch sonst auf der Welt vor allem deshalb existieren, weil es in der kapitalistisch organisierten westlichen Welt ein Interesse daran gibt, dass man eigentlich keinen Verschwörungsthriller mit einem charmanten Bösewicht wie Roper bräuchte.

Jonathan Pine (Tom Hiddleston) in Kairo Bild: BBC

Jonathan Pine (Tom Hiddleston) in Kairo Bild: BBC

Im Gegenteil – Roper ist geradezu eine Entschuldigung für die anderen Akteuere, etwa in den Regierungen so genannter Demokratien, die eben nicht nur Freiheit und Menschenrechte, sondern auch alles mögliche andere Zeug in alle Welt exportieren wollen. Natürlich gibt es diese fiesen Geschäftsmänner des Todes, aber sie existieren nur, weil es entsprechende Geschäftsmodelle gibt – mit Krieg, Not und Elend lassen sich halt gute Geschäfte machen. Natürlich ist Roper ein Arschloch – aber er ist kein Diktator, sondern ein Geschäftsmann, dem man sein im Grunde wenig subtiles Theater gern abnimmt, weil – ja genau, warum eigentlich? Genau das wird nicht so richtig klar.

Das wäre meines Erachtens aber eigentlich das Thema gewesen: Warum machen denn alle mit und hofieren Roper, statt ihm das Handwerk zu legen?  Wessen Interessen dient Roper eigentlich, dem man freie Hand für sämtliche Missetaten lässt? Dass er alle relevanten Spieler gekauft hat, ist offensichtlich, aber warum haben sie sich kaufen lassen? Es geht bei diesen ganzen Deals vor allem um Geld, das ist auch klar, um viel Geld, das ist noch klarer – aber Regierungen sind ja eben auch bereit, ihrerseits wahnsinnig viel Geld auszugeben, wenn es um die Wahrung BESTIMMTER Interessen geht – und hier ist meiner Ansicht nach ein blinder Fleck – es geht doch nicht um ein abstraktes Böses, das in Gestalt von Roper über die Welt kommt, sondern ganz konkret um das Prinzip des Kapitalismus, das hier konkret zu kritisieren wäre. Aber das darf ja nicht sein, also wird es nicht gemacht.

Angela Burr (Olivia Colman) Bild: BBC

Angela Burr (Olivia Colman) Bild: BBC

Und so ist es halt der böse Roper, der imstande ist, selbst in einem Giftgas-Anschlag auf kurdische Schulkinder noch ein Geschäftsmodell zu entdecken –  Angela Burr erklärt genau damit, warum sie nicht bei ihrem Mann und dem Vater ihres Kindes ist, sondern weiterhin in ihrem chronisch unterfinanzierten Büro: Sie will diesen Roper zur Strecke bringen, und das ist ja auch verständlich. Aber wenn es nicht Roper wäre, dann würde halt jemand anders das Giftgas liefern – es ist ja nicht so, dass dieses Geschäftsmodell aus der Welt wäre, wenn Roper hinter Gittern sitzt. Dass eine Ermittlerin wie Angela Burr, der immer wieder Knüppel zwischen die Beine geworfen werden, bei der Verfolgung ihres Ziels, Roper ranzukriegen, einen gewissen Tunnelblick entwickelt, finde ich verständlich – aber das die ganze Story diesem Tunnelblick folgt, ist dann doch ärgerlich.

Natürlich ist auch der Zweikampf zwischen Roper und Pine spannend, während bei Roper klar ist, dass er der personifizierte Alptraum ist, der Krieg als reizvollen Zuschauersport bezeichnet und sein humanitäres Engagement bewusst das Tarnung für seine sinistren Geschäfte benutzt, changiert Jonathan Pine zwischen gut und böse: Er will das Richtige tun und natürlich auch den Tod von Sophie Alekan rächen, für den er sich verantwortlich fühlt – aber dafür muss er sich die Hände ziemlich schmutzig machen. Doch als alter Soldat beherrscht er sein Handwerk, nicht nur als diplomatisch versierter Problemlöser in Luxushotels, sondern auch als Doppelagent, der notfalls auch mal wen aus dem Weg räumen muss. Das gefällt wiederum mir ziemlich gut.

Tom Hiddleston as Jonathan Pine, Tom Hollander as Major Corkoran, Elizabeth Debicki as Jed Marshall, Olivia Colman as Angela Burr, and Hugh Laurie as Richard Roper - The Night Manager _ Season 1, Gallery - Photo Credit: Mitch Jenkins/The Ink Factory/AMC

Tom Hiddleston as Jonathan Pine, Tom Hollander as Major Corkoran, Elizabeth Debicki as Jed Marshall, Olivia Colman as Angela Burr, and Hugh Laurie as Richard Roper – The Night Manager _ Season 1, Gallery – Photo Credit: Mitch Jenkins/The Ink Factory/AMC

Wenn man einfach eine elegant gemachte Spionage-Serie sehen will, in der Hugh Laurie und Tom Hiddleston sich einen sehenswerten Schlagabtausch liefern, kann man mit The Night Manager durchaus glücklich werden. Aber mir fehlt der gewisse Susanne-Bier-Touch, den ich bei diesem Thema eigentlich erwartet hätte – aber wir leben nun einmal nicht in einer besseren Welt.

Nach der Hochzeit: Ein Däne kehrt zurück

Obwohl ich (den derzeit international wohl bekanntesten dänischen Regisseur) Lars von Trier samt seiner Filme nicht besonders mag, ist das kleine Dänemark für mich ein Filmland der Sonderklasse. Es gibt herrliche dänische Grotesken wie Adams Äpfel (Anders Thomas Jensen) oder Alien Teacher (Ole Bornedal), krasse Drogenthriller wie die Pusher-Trilogie (Nicolas Winding Refn, auch bekannt durch Walhalla Rising), ausgefallene Krimis wie Erbarmen (Mikkel Nørgaard, nach Jussi Adler-Olsen) oder Fräulein Smillas Gespür für Schnee und entlarvende Beziehungs-Dramen wie In einer besseren Welt (Susanne Bier).

Von Susanne Bier ist auch das Drama Nach der Hochzeit, das ich mir in erster Linie angesehen habe, weil ich ihren Film In einer besseren Welt sehr gut fand. Ja, und natürlich auch, weil Mads Mikkelsen eine der Hauptrollen spielt. Aber um das gleich vorwegzunehmen: In einer besseren Welt ist tatsächlich der bessere Film, weil wesentlich komplexer und tiefgründiger. (Und da spielen immerhin Mikael Persbrandt und Kim Bodnia mit.) Nach der Hochzeit ist eher eine Skizze für das spätere Werk, eine Fingerübung quasi für In einer besseren Welt. Es geht auch hier um einen Protagonisten, der seine Heimat, das satte und reiche Dänemark, hinter sich gelassen hat, um den Elenden der Welt zu helfen – und das meine ich gar nicht so ironisch, wie es vielleicht klingt. Ich hege durchaus Sympathie für Menschen, die denken, dass sie die Welt durch ihr persönliches Handeln besser machen können – und das dann auch durchziehen.

Screenshot Nach der Hochzeit - Jacob (Mads Mikkelsen)

Screenshot Nach der Hochzeit – Jacob (Mads Mikkelsen) in Indien

Auch wenn es naiv ist, oft leider im besten Fall sinnlos und im schlimmsten Fall kontraproduktiv – denn gerade weil sie versuchen Gutes zu tun, festigen diese Idealisten die Strukturen, die dazu beitragen, dass es den Menschen, denen sie helfen wollen, schlecht geht. Doch das ist eine politische Diskussion, die für eine Filmbesprechung zu weit führt.

Und sie spielt auch in den Filmen von Susanne Bier keine Rolle – Bier ist keine Politikerin. Die Regisseurin interessiert sich für das Zwischenmenschliche – sie ist also eher Psychologin, im Ansatz vielleicht Soziologin. In In einer besseren Welt werden die Fragen nach dem Sinn des persönlichen Engagements für die Benachteiligten der Welt immerhin angedeutet – vor allem die mitunter grausamen und unbefriedigenden Antworten darauf. In Nach der Hochzeit geht es letztlich eben doch nur um persönliche Verletzungen und Eitelkeiten, die Protagonist dann aber in den Griff bekommt, um sein Projekt in Indien voranzutreiben. Das wird ihm aber auch wirklich sehr leicht gemacht – weshalb ich diesen Film letztlich vergleichsweise schwach finde, wenn ich ganz ehrlich sein soll. Also nach dänischen Maßstäben, die halt andere sind als bei unseren öffentlich-rechtlichen, die seit Jahren eh nur noch hirnerweichenden Drama-Schrott produzieren.

Screenshot Nach der Hochzeit - Jörgen (Rolf Lassgård)

Screenshot Nach der Hochzeit – Jörgen (Rolf Lassgård)

Nach der Hochzeit ist auf jeden Fall ein Film, den man sich mal ansehen kann, wenn man keine Lust auf den 20:15-Schinken in ARD oder ZDF hat. Schlechter ist er keinesfalls. Aber eben auch nicht so viel besser. Obwohl als Familiendrama durchaus okay. Und natürlich sind die Schauspieler toll, nicht nur Mads Mikkelsen als Jacob, auch Sidse Babett Knudsen als Helene (bekannt als dänische Regierungschefin in Borgen), das schwedische Schwergewicht Rolf Lassgård als Jørgen und Stine Fischer Christensen als Jørgens und Helenes Tochter Anna, auf deren Hochzeit Jørgen Jacob einlädt, sind ganz großartig.

Worum es geht: Der Däne Jacob hat in Indien zu sich selbst gefunden und leitet ein Waisenhaus für Jungen. Das Projekt kämpft seit Jahren ums Überleben und steht jetzt vor dem Aus. Jacob wirbt in seiner Heimat Dänemark um Geldgeber – und jetzt taucht ein in Dänemark lebender schwedischer Geschäftsmann auf, der Jacob großzügig unterstützen will. Unter der Bedienung, dass sich Jacob nach Kopenhagen begibt, um seinem potenziellen Gönner persönlich zu treffen. Jacob hat eigentlich keine Lust dazu – er fühlt sich wohl in Indien und einer seiner Schützlinge, den er besonders ins Herz geschlossen hat, feiert in wenigen Tagen seinen achten Geburtstag. Aber eine verdiente Mitarbeiterin überzeugt Jacob, dass er eine solche Möglichkeit nicht ausschlagen darf. Er soll lieber an das denken, was er bewirken könne und sein persönlichen Befindlichkeiten hintenan stellen. Also reist Jacob nach Kopenhagen.

Screenshot Nach der Hochzeit - Helene (Sidse Babett Knudsen)

Screenshot Nach der Hochzeit – Helene (Sidse Babett Knudsen)

Er wird in einem absurd luxuriösen Hotel untergebracht und trifft diesen Gesschäftmann Jørgen, der ihm klar macht, dass er sich noch nicht entschieden hat, ob er Jacobs Projekt wirklich unterstützen will. Jacob ist frustriert, aber immerhin lädt Jørgen ihn zur Hochzeit seiner Tochter ein, die am nächsten Tag heiraten wird. Jacob ist klar, dass er sich dieser Verpflichtung nicht entziehen kann. Er fährt also pflichtschuldig zu der pompösen Feier auf dem Landsitz seines Gönners – und trifft überraschend eine verflossene Liebe wieder.

Als Jørgens Tochter Anna das Wort ergreift, um ihren Eltern ein paar Worte zu sagen, wird klar, dass vermutlich alles gar nicht so zufällig ist, wie es scheint: Anna dankt ihrer Mutter Helene und ihrem Vater Jørgen, dass sie ihr gute Eltern gewesen sind, auch wenn sie inzwischen weiß, dass Jørgen gar nicht ihr leiblicher Vater ist.

Die Lösung liegt auf der Hand und auch Jacob kapiert das natürlich schnell: Anna ist seine Tochter. Helene war schwanger, als sie ihn verließ – und Jørgen war so vernarrt in die schöne Helene, dass er das Kind als seins akzeptiert hat. Er ist Anna (und seinen anderen Kindern) tatsächlich immer ein guter Vater gewesen, und seine angenommene Tochter dankt ihm das ausdrücklich.

Screenshot Nach der Hochzeit - Anna (Stine Fischer Christensen)

Screenshot Nach der Hochzeit – Anna (Stine Fischer Christensen)

Jacob dagegen ist wütend und verletzt – warum hat Helena ihm so lange verschwiegen, dass er eine Tochter hat? Aber wie sich heraus stellt, war er vor 20 Jahren auch nicht unbedingt der ideale Vater – er war ein verantwortungsloser Hallodri, der nicht nur gekifft, sondern auch mit Helenas bester Freundin geschlafen hat – kein Wunder, dass sie sich einen anderen, verlässlicheren Mann gesucht hat, um ein Kind zu bekommen.

Jacob erträgt die Feier nicht länger und sucht das Weite. Er fühlt sich benutzt und will bei dieser Geschichte nicht mehr mitmachen. Aber Jørgens Angebot ist einfach zu verlockend: Er bietet Jacob an, einige Millionen in einen Wohltätigkeits-Fonds zu investieren, für den Jacob gemeinsam mit Anna verantwortlich wäre – mit dem Geld könnten sie in Indien viel Gutes tun. Allerdings ist eine der Bedingungen, dass Jacob seinen Wohnsitz nach Dänemark verlegt. Für Jacob ist das völlig inakzeptabel. Vor allem: Warum tut Jørgen all das?

Screenshot Nach der Hochzeit - Helene und Jørgen

Screenshot Nach der Hochzeit – Helene und Jørgen

Es stellt sich heraus, dass Jørgen totkrank ist. Er hat Krebs und weiß, dass er bald sterben wird. Er will nicht, dass seine Familie davon erfährt, aber er will seine Liebsten nach seinem Tod in guten Händen wissen. So ist er auf Jacob gekommen. Natürlich passt Jacob das alles nicht: Er will sich nicht kaufen lassen – was bildet sich dieser reiche Schnösel eigentlich ein? Jacob ist wütend und haut ab. Soll dieser Jørgen doch mal sehen, dass man mit Geld eben doch nicht alles kaufen kann!

Aber als seine Tochter heulend bei Jacob im Hotel auftaucht, weil ihr frisch angetrauter Ehemann sie betrogen hat, beginnt Jacob darüber nachzudenken, dass es vielleicht auch eine Aufgabe sein könnte, für seine Tochter da zu sein. Schließlich kann er auf diese Weise zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen – er bekommt genug Geld für seine Projekte in Indien und kann für Anna (und für Helene) da sein. Also unterschreibt er schließlich den Vertrag mit Jørgen, auch wenn er damit den kleinen Pramod enttäuscht, der in Indien auf ihn wartet.

Screenshot Nach der Hochzeit - Jacob (Mads Mikkelsen)

Screenshot Nach der Hochzeit – Jacob (Mads Mikkelsen) in Dänemark

Jørgen stirbt bald darauf und schon auf seiner Beerdigung deutet sich an, dass sein Plan funktionieren wird – Jacob ist für Anna und Helene da. Und in Indien geht nun auch alles voran – nur der kleine Pramod will nicht zu Jacob nach Dänemark kommen, sondern lieber in Indien bleiben. Im Gegensatz zu Jacob ist der Kleine tatsächlich nicht korrumpierbar. Aber geschenkt.

In einer besseren Welt

Für nicht-US-Filme gibt es bekanntlich ziemlich wenige Oscars, nämlich exakt immer nur einen pro Jahr. Insofern finde ich ziemlich spannend, dass das kleine Dänemark immer mal wieder dabei ist, zuletzt 2011 mit In einer besseren Welt, den ich inzwischen endlich auch einmal gesehen habe. Ein wirklich guter Film, keine Frage.

Es geht um Anton (Mikael Persbrandt), der ein echter Gutmensch ist, wie man in Deutschland inzwischen ja durchaus abfällig über Menschen sagt, die noch immer daran glauben, dass man die Welt durch das eigene Handeln besser machen könnte. Anton ist Arzt und arbeitet mehrere Monate im Jahr in einem afrikanischen Flüchtlingscamp in Darfur. Dort wird er immer wieder mit furchtbarsten Dingen konfrontiert, beispielsweise schlitzt einer der lokalen Warlords gern schwangeren Frauen die Bäuche auf, um nachzusehen, ob das Baby das Geschlecht gehabt hätte, auf das er gewettet hat. Anton gibt alles, um diese Frauen zu retten.

In einer besseren Welt

In einer besseren Welt – Screenshot von http://www.2501.eu/

Zu Hause in Dänemark steht seine Ehe mit Marianne (Trine Dyrholm), die ebenfalls Ärztin ist, vor dem Aus. Marianne will die Scheidung. Ihr zehnjähriger Sohn Elias (Markus Rygaard) hat aber noch ganz andere Probleme, er wird von seinen Mitschülern regelmäßig gemobbt. Dann kommt ein neuer in die Schule, Christian (William Jøhnk Nielsen), der mit seinem Vater aus London nach Dänemark zurückgekehrt ist. Christians Mutter ist gerade an Krebs gestorben und er gibt seinem Vater die Schuld daran. Christian ist einer, der sich immer wehrt, schon aus Prinzip. Als er mitbekommt, dass Elias drangsaliert wird, folgt er dem Angreifer, verprügelt ihn mit seiner Fahrradpumpe und droht ihm mit vorgehaltenem Messer noch Schlimmeres an, falls er sich wieder an Elias vergreifen sollte. Natürlich sorgt dieser Vorfall an der der dänischen Schule für große Aufregung. Gegenüber der Polizei bestreiten beide Jungs, dass ein Messer im Spiel gewesen sei. Christian schenkt Elias das Messer als Zeichen seiner Freundschaft.

Elias hat noch einen kleinen Bruder. Als Anton nach Dänemark zurückgekehrt, geht er mit den Jungs auf den Spielplatz. Der kleine Bruder streitet sich mit einem anderen Jungen, Anton greift ein. Daraufhin wird Anton vom Vater des anderen Jungen (Kim Bodnia) angegriffen, der ihm eine runterhaut, weil er seinen Sohn angefasst hat. Anton ist total auf Deeskalationskurs und zieht sich zurück, was die beiden großen Jungs nicht fassen können und als Schwäche empfinden. Anton lässt sich sogar darauf ein, diesen Lars noch einmal zu besuchen und zur Rede zu stellen, was auch wieder nicht gut aus geht, denn Lars kapiert gar nichts und haut Anton sicherheitshalber noch mal eine rein, schon weil er aus Schweden ist und den Namen Lars nicht korrekt ausspricht. Anton schafft es nicht, den Jungs klar zu machen, dass es besser ist, sich nicht provozieren zu lassen und deshalb Lars der moralische Verlierer ist. Vor allem Christian findet, dass Anton diese Schmach nicht auf sich sitzen lassen kann und beschließt stellvertretend für Anton Rache zu nehmen.

Als Christian und Elias für ein Schulprojekt in Opas Scheune basteln, finden sie eine Reihe Feuerwerkskörper. Christian kommt auf die Idee, daraus eine Bombe zu bauen. Elias hat Skrupel, lässt sich am Ende aber doch darauf ein, weil er Christians Freund beleihen möchte. Als die beiden an einem frühen Sonntagmorgen die Bombe unter Lars Auto zur Explosion bringen wollen, kommen zufällig eine Mutter mit ihrer Tochter vorbei. Elias rennt den beiden in den Weg, um sie vor der Explosion zu warnen, als die Bombe hoch geht.

Unterdessen ist Anton wieder in Afrika, wo ihn der allseits verhasste Big Man, jener sadistische Warlord, auffordert, sein Bein zu retten. Anton als Arzt akzeptiert die Forderung unter der Bedingung, dass alle Bewaffneten und alle Fahrzeuge das Lager verlassen. Bei den Opfern von Big Man stößt Antons Handeln auf Unverständnis. Sie verweigern jegliche Unterstützung für den Sadisten. Allerdings hat auch Antons Duldsamkeit Grenzen. Als der inzwischen genesende Big Man zynische Witze über eine junge Frau macht, die gerade gestorben ist, wirft Anton ihn aus dem Camp und lässt zu, dass die aufgebrachte Menge den verhasste Quälgeist lyncht.

Elias ist bei der Explosion schwer verletzt worden. Christian versucht, seinen Freund im Krankenhaus zu besuchen, aber Marianne hindert ihn daran. Sie hat Angst um ihren Sohn und ist wütend. Sie beschimpft Christian als kranken Psychopathen, der ihren Sohn umgebracht habe. Christian glaubt daraufhin, dass Elias gestorben sei und beschließt, sich selbst ebenfalls umzubringen. Er fährt zu dem Silo, zu dem er Elias immer mitgenommen hat. Inzwischen ist Anton wieder in Dänemark angekommen, um seinen Sohn zu sehen. Er erfährt zum einen, dass Elias wieder gesund wird, zum anderen, dass Christian verschwunden ist. Er ahnt, wo der Junge ist, weil er Elias zuvor verboten hat, auf das hohe Silo zu klettern. Er kommt gerade noch rechtzeitig, um Christian daran zu hindern, in den Tod zu springen.

Meiner Ansicht nach hat der Film zu recht viele positive Kritiken bekommen – es handelt sich um ein überzeugend konstruiertes Drama über Gewalt, Freundschaft, Rache und Tod, das in schönen Bildern erzählt wird – die Bilder sind im Grunde immer wieder viel zu schön für die hässlichen Dinge, die passieren. Aber genau das ist es ja, was einen so rat- und fassungslos und den Film für mich so gelungen macht: Dass das Leben und diese Welt trotz der ganzen schrecklichen Dinge, die passieren, immer noch schön sein können. Und dass es für vieles keine befriedigende Erklärung gibt. Menschen treffen falsche Entscheidungen, die verhängnisvolle Entwicklungen auslösen, manchmal aber auch richtige. Menschen tun einander die schrecklichsten Dinge an, aber manchmal retten sie einander auch. Und nicht immer führt eine gute Absicht zum Guten, aber es kommt drauf an, es wenigstens versucht zu haben.