Mein erstes Jahr mit Netflix

Das erste Jahr mit Netflix ist vorbei – und die Fernsehrevolution hat zumindest bei mir nicht statt gefunden. Aber um fair zu sein muss ich natürlich klar stellen, dass ich auch vor Netflix schon sehr wenig im klassischen Fernsehen angesehen habe – die Sachen, die ich sehen möchte, will ich ohne Werbeunterbrechungen sehen und zwar dann, wenn ich Zeit und Lust dazu habe.

Das bedeutet, dass ich ohnehin fast alle Serien und Filme aufnehme und von Festplatten aus auf meinen noch nicht so richtig smarten, aber streaming-tauglichen Fernseher spiele. Mir zwischen unerträglichen Werbespots eine Serie häppchenweise in den Mund zählen zu lassen ist für mich unvorstellbar. Entsprechend habe ich keine Ahnung, wo in meiner Programmauswahl die Privatsender zu finden sind. Interessiert mich einfach nicht. Und auch die öffentlich-rechtlichen Programme interessieren mich zunehmend weniger, wobei ich ab und zu mal auf Phoenix oder ZDFneo hängen bleibe oder eine Doku auf einem der Dritten ansehe. Gut finde ich vor allem, dass über mein Apple TV neben Netflix jetzt auch die arte-Mediathek abgerufen werden kann. Damit habe ich fast alles, was ich brauche.

Fernsehe - der Imperativ mit der klassischen Note

Fernsehe – der Imperativ mit der klassischen Note


Und nun zu Netflix: Mein Hauptproblem ist, dass ich viele der guten Serien, die es auf Netflix gibt, schon gesehen hatte, bevor Netflix bei uns an den Start gegangen ist. Damit wurde die Sache weniger spannend, auch wenn es natürlich noch einige neue Highlights gibt, etwa Sense8 oder jetzt Narcos. Und ehrlich gesagt finde ich einige der momentan gehypten Netflix-Serien gar nicht so gut – in Orange Is The New Black habe ich mehrfach reingesehen – aber ich finde die Geschichte weder besonders lustig noch sonst bemerkenswert. Auch mit Daredevil oder Hemlock Grove werde ich nicht warm – vielleicht bin ich einfach zu alt dafür. Und die dritte Staffel von Lilyhammer war leider auch enttäuschend, obwohl die ersten beiden Staffeln durchaus ihre Höhepunkte hatten.

Ähnlich geht es mir mit dem Netflix-Flaggschiff House of Cards. Diese Serie finde ich gar nicht schlecht, insbesondere die erste Staffel, aber schon die zweite wurde etwas mühsam und die dritte, nun ja, Lars Mikkelsen als russischer Präsident ist natürlich sehenswert, aber hier wird das Problem, das ich schon mit den ersten beiden Staffeln hatte, nämlich, die Hauptfiguren keine interessante Entwicklung durchmachen, sondern von Anfang an Arschlöcher sind, die nie etwas anderes tun, als sich gegenseitig für die eigenen Ziele zu benutzen, wirklich grundsätzlich: Wie will man die Handlung noch so vorantreiben, dass ein Sog entsteht, wenn die Figuren das nicht leisten können?!

Ich finde Kevin Spacey und Robin Wright toll, aber ihre Charaktere sind einfach nicht so interessant wie Walt und Skyler White in Breaking Bad. Da haben Bryan Cranston und Anna Gunn einfach die besseren Karten gehabt. Da hat mir das andere Flaggschiff Sense8 besser gefallen – obwohl das bestimmt auch nicht jedermanns Sache ist. Aber ich mag nun man die Wachowskis und ich mag Tom Tykwer, und mir gefiel die Idee sehr gut, eine Geschichte mit acht Protagonisten zu machen, die in völlig unterschiedlichen Welten leben, aber auf seltsame Weise miteinander verbunden sind. Auf Narcos bin ich sehr gespannt, aber derzeit habe ich einfach nicht so viel Zeit, weshalb ich derzeit ja auch weniger schreibe.

In der zweiten Reihe gibt es auf Netflix durchaus eine ganze Menge sehenswerter Serien, Luther etwa, The Killing, Broadchurch, Deadwood, Person of Interest, um nur einige zu nennen, ansonsten fand ich einige erfreuliche Überraschungen im Doku-Bereich, etwa Chef’s Table. Bei der Filmauswahl überwiegen eindeutig die Lücken – aber Netflix will nach eigener Aussage ja auch kein Vollsortimenter sein, bei dem es gibt, was es überall sonst auch gibt, sondern Spezialist für besondere Inhalte. Nun ja. Ob das auf Dauer ausreichen wird, um in der Konkurrenz gegen Amazon, Maxdome oder Watchever zu bestehen, bleibt abzuwarten – ich werde mein Netflix-Abo erstmal behalten, zumal ich ja auch Kinder habe, die es intensiv mit nutzen – insofern lohnen sich die 8,99 Euro pro Monat allemal.

Obwohl ich eine Sache ganz schlimm finde: Netflix verweigert hartnäckig den Offline-Modus. Das bedeutet, dass ich mir unterwegs, etwa im Zug, wo die WLAN-Nutzung in absehbarer Zeit ein Glücksspiel mit eher schlechten Chancen bleiben wird, die Sachen, die ich sehen möchte, halt aus anderen Quellen als Netflix besorgen und auf meinen Laptop laden muss – genau, was laut Netflix angeblich zu kompliziert ist. Zu kompliziert für Netflix vielleicht, aber nicht für Serien-Profis, die dann eben auf Alternativen ausweichen. Wenn dann im nächsten Jahr die angekündigte Preiserhöhung auf für Bestandskunden kommt, werde ich gewiss noch einmal drüber nachdenken.

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