House of Cards: Endlich wieder US-Politik ohne Trump

Inzwischen ist die fünfte Staffel von House of Cards auch in Deutschland angelaufen – und ich musste mir die neuen Folgen auch schon wieder komplett reinziehen, denn huijuijui, es geht ziemlich zur Sache. Wir sind ja von den Underwoods schon einiges gewöhnt, aber seit Frank und Claire sich privat wieder angenähert haben und jetzt auch politisch als Präsident und Vizepräsidentin ein Spitzenteam sind, geht es richtig zur Sache. Das Autoren-Team hat jetzt noch mal eine Schippe drauf gelegt – Kevin Spacey witzelte bei Stephen Colbert neulich, dass House of Cards ja wohl viel bessere Autoren hätte als Donald Trump.

Und klar haben die Underwoods mehr drauf als dieser kindische Cholerik-Milliardär, der noch immer glaubt, dass Politik ein Hobby für verzogene Oberschichtgören wäre. Obwohl – das ist sie ja auch. Aber nur in real-existierenden Bonzokratien im Mittleren Osten und Mittleren Westen. Wobei die aktuellen Videos mit Trump als Präsidentendarsteller ja auch nicht schlecht sind – diese erste Kabinettssitzung, die im Grunde nur aus Lobhudeleien der anwesenden Speichellecker bestand, deren Qualifikation für ihre jeweiligen Ministerposten ganz offensichtlich nicht über unbedingte Loyalität zur größten Knallcharge aller Zeiten hinausreichte, ist dermaßen skurril, dass man fast meinen könnte, James Franco und Seth Rogen hätten eine neue Nordkorea-Satire gedreht. Nur dieses Mal eine gute.

Aber zurück zu House of Cards: In dieser Serie gibt es noch immer eine USA, in der wahnsinnig schlaue, gut vernetzte und abgebrühte Vollblutpolitiker die Fäden ziehen, was in der Konsequenz aber auch nicht besser ist – denn beide Underwoods haben bereits Ende der vierten Staffel erkannt, dass Terror ein hervorragendes Mittel sein kann, um Wahlen zu gewinnen, auch wenn es nicht ganz so gut funktioniert, wie sie sich das vorgestellt hatten.

In Anbetracht der Tatsache, dass es für Normalseher jede Woche nur einen Teil gibt und ich einfach keine Zeit habe, für jeden Teil eine Einzelkritik zu schreiben, obwohl sich das durchaus lohnen würde, versuche ich, meine Staffelreview zur Abwechslung mal etwas spoilerfreier als bei mir sonst üblich zu gestalten.

In den vergangen fünf Jahren haben sich sowohl Frank als auch Claire Underwood weiter entwickelt, sie hatten Krisen und Zerwürfnisse, und sie haben sich gegenseitig nichts geschenkt, sondern einander zum Teil sehr heftig bekämpft, bis sie in der vierten Staffel auf die geniale Idee gekommen sind, als Team anzutreten – statt wie bisher gegeneinander. Nur als Team können sie den charismatischen jungen Hoffnungsträger der Republikaner schlagen – doch auch das erweist sich als wesentlich schwieriger als gedacht. Will Conway ist ein republikanischer John F. Kennedy, der all das hat, was Frank und Claire nicht haben – eine blütenweiße Weste nämlich und eine fotogene Familie, einen Freund im Suchmaschinen-Business und eine Affinität zu Social Media, die sich eben auch nur Leute leisten können, die nicht bis zum Hals in allen möglichen Skandalen stecken.

House of Cards: Claire und Frank Underwood Bild: Netflix

House of Cards: Claire und Frank Underwood Bild: Netflix

Dafür ist Frank Underwood bereits der Präsident der USA und er denkt nicht daran, auch nur ein Quentchen seiner Macht aufzugeben. Und so zieht sich der Wahlkampf noch bis tief in die fünfte Staffel hinein – und natürlich bleibt nicht aus, dass Frank und Claire weiterhin ihre Differenzen haben. Trotzdem wissen sie, dass sie einander brauchen – und irgendwann hat Frank eine Erleuchtung. Die dazu führt, dass Claire endlich ans Ruder kommt – ich denke, dass das jetzt keine allzu große Überraschung sein sollte, denn diese Figur wurde ja über die vergangenen Staffeln sorgfältig aufgebaut. Claire hat immer wieder ein überraschendes Eigenleben entwickelt und in dieser Staffel wächst sie tatsächlich über sich hinaus – oder doch eher über Frank, dem sie eine ebenbürtige Partnerin ist. Mit allen Konsequenzen.

Es tauchen auch interessante und zum Teil recht rätselhafte neue Figuren auf – etwa Jane Davis, die stellvertretende Untersekretärin für den Internationalen Handel, die außergewöhnlich gut vernetzt und die den Underwoods, insbesondere Claire, bei der einen oder anderen Sache erstaunlich hilfreich ist. Dafür werden andere verdiente Hauptfiguren wie Doug Stamper überraschend kaltschnäuzig abserviert – selbst wenn sie es am Ende doch irgendwie verdient haben. Das schlimmste an der fünften Staffel ist, dass sie zum Finale hin so viel Spannung auf die nächste Staffel aufbaut – und wir jetzt wieder ewig auf die Fortsetzung warten müssen. Noch gibt es keine offizielle Verlängerung – aber Netflix kann ja nicht alle Serien absetzen. Liebes Netflix – lass uns nicht mit Trump allein!

Advertisements

Lost – reif für die Insel

Zu den ganz dicken Brocken in Sachen Serie gehört zweifelsohne die US-Serie Lost. Aber wie so viele Serien, die zuerst im deutschen Privatfernsehen gelaufen sind, habe ich Lost bei der Erstausstrahlung nicht gesehen. Als ernsthafte Serien-Seherin kann ich es einfach nicht ertragen, wenn mir in von unendlich langen Werbeunterbrechungen unterbrochene Mini-Häppchen irgendeiner Handlung serviert werden. Deshalb schaue ich prinzipiell nichts im Privatfernsehen – und auch das Vorabendprogramm der Öffentlich-Rechtlichen findet ohne mich statt. Abgesehen von Kulturzeit auf 3sat. Über „wichtige“ Fernsehevents wie Dschungelcamp, DSDS oder GNTM wird man ja ohnehin per Google News und so weiter „informiert“, ob es einen nun interessiert oder nicht. Notfalls kann man auch auf dwdl.de nachlesen, ob man irgendwas verpasst hat.

Nun hat aber Netflix seit einiger Zeit Lost im Programm und zwar alle sechs Staffeln. Das ist natürlich ein Anlass für mich gewesen, mal in Lost reinzusehen – und ja, ich konnte nicht mehr aufhören und habe mir inzwischen sämtliche Staffeln bis zum bittersüßen Ende reingezogen. Das ist zwar nicht immer das reine Vergnügen, als Serien-Expertin sehe ich mir das alles schließlich nicht zum Spaß an. Sondern aus rein wissenschaftlichem Interesse. Da kann man dann abends eine zeitlang halt nicht mehr weggehen: Die Pflicht ruft.

Denn wenn viele Menschen meinen, dass es sich bei Lost um eine der besten Serien überhaupt handelt, muss ja schon irgendwas dahinter stecken. Zumal es mit Lostpedia auch ein beeindruckend ein umfangreiches Nachschlagewerk rund um das Lost-Universum gibt.

Lost: Die Hauptmannschaft der ersten Staffel. Bild: Netflix

Lost: Claire mit Aaron, Ana Lucia, Sawyer, Hurley, Michael, John, Sayid, Jack, Kate, Sun, Jin, Charlie, Libby, Shannon, Mr. Eko. Bild: Netflix

Mein Fazit: Bei Lost handelt es sich tatsächlich um ein sehr ambitioniertes Serien-Projekt, das leider nicht immer einlöst, was es verspricht. Aber alles in allem ist das natürlich schon eine gute Serie, auch wenn ich persönlich nicht so auf Mystery-Serien stehe. Einzige Ausnahme: True Blood. Aber das ist ja auch viel mehr Mystery-Satire als Mystery an sich. Lost dagegen hätte es streckenweise ganz gut getan, sich selbst nicht ganz so ernst zu nehmen – gerade weil die Macher im Verlauf der Serie immer stärker auf den Mystery-Part gesetzt haben. Das hat mich dann doch etwas genervt.

Zum Anfang der Handlung ist dieser Anteil noch vergleichsweise gering, sonst hätte ich vermutlich aufgegeben, bevor ich mich vom Sog der Handlung habe überwältigen lassen. Aber wenn das erstmal passiert ist, gibt es kein Zurück – es werden dann sehr viele interessante Geschichten erzählt, deren Erzählstränge teils sehr geschickt, zum Teil aber auch etwas unmotiviert miteinander verknüpft sind. Für mich war es auf jeden Fall die Vielseitigkeit, die mich veranlasst hat, mir auch nach ein, zwei schwächeren Folgen dann doch noch die nächste anzusehen, die dann wieder so spannend war, dass ich danach unbedingt weiterkucken musste.

In der ersten Staffel ist Lost tatsächlich vor allem eine Robinsonade, in der die anfangs noch 48 Überlebenden eines Flugzeugabsturzes im südlichen Pazifik ihr weiteres Überleben organisieren müssen, nachdem ihnen langsam dämmert, dass niemand kommen wird, um sie zu retten. Dank der heterogenen Zusammensetzung der Menschen an Bord von Flug Oceanic 815 ist das Ganze vor allem ein gruppendynamisches Experiment der Sonderklasse: Die Leute auf der Insel müssen sich miteinander arrangieren, so unterschiedlich sie auch sind, und ihren Anteil zum Überleben aller beitragen. Das leuchtet natürlich nicht allen ein, und so ergeben sich Konflikte, an denen sich die Figuren abarbeiten müssen – das ist natürlich ein geschicktes Setting für einen Dauerbrenner.

Auf diese Weise kristallisieren sich Helden, Antihelden und Mitläufer heraus, die im Verlauf der Handlung noch die eine oder andere Metamorphose durchlaufen. Zwar ist das alles noch nicht so konsequent auf die Spitze getrieben wie in Breaking Bad, wo sich der anfangs etwas trottelige, aber zweifellos in seinem Fach brillante und ansonsten gutwillige Familienvater Walter White zum skrupellosen Drogen-Boss entwickelt, der gnadenlos auf den eigenen Vorteil optimiert und unliebsame Gegner reihenweise abräumt. Aber es gibt eine ganze Reihe ambivalenter Charaktere, die im Lauf der Handlung eine bemerkenswerte Entwicklung durchmachen. Das war für mich das Interessante an Lost.

Die Figur mit den meisten Auftritten über alle Lost-Folgen ist das freundliche Dickerchen Hugo Reyes (Jorge Garcia), genannt Hurley. Hurley gewann mit Hilfe der mysteriösen Zahlenreihe 4 8 15 16 23 42 114 Millionen US-Dollar in einer Lotterie – eigentlich eine Supersache, von der jeder heimlich träumt. Aber irgendwie ging seit diesem sagenhaften Gewinn auch eine Menge schief in seinem Leben. Hurleys Beitrag ist es, für Entspannung zu sorgen – er ist weder ein Macher, noch ein Könner. Aber er ist einfach ein netter Typ, auf den man sich bei all seinen Schwächen verlassen kann. Als alle dabei sind, vor Anspannung durchzudrehen, weil die Organisation des Überlebens auf einer einsamen Insel eben anstrengend ist, kommt er auf die absurde Idee, mit einer zufällig gefundenen Ausrüstung ein Golf-Turnier zu organisieren. Aber siehe da: Die meisten haben Spaß und entspannen sich wirklich.

Dann gibt es den begnadeten Chirurg Jack Shepard (Matthew Fox), der davon besessen ist, jeden seiner Patienten zu retten. Er wird gleich als Held und Macher eingeführt – es ist für alle Überlebenden ja auch ein großes Glück, dass er an Bord war, denn ohne seine medizinischen Kenntnisse hätten viele die erste Zeit auf der Insel kaum überlebt. Entsprechend wird Jack von den meisten gleich als ihr Anführer akzeptiert. Er ist als Mediziner ja auch ein vernünftiger Mensch, der eine gewisse Autorität ausstrahlt. Das erwarten die Menschen ja schließlich auch von einem guten Arzt: Er soll nicht nur ein hervorragender Wissenschaftler und Handwerker, sondern auch ein (spiritueller) Heiler sein. Aber die Verhältnisse auf der Insel bringen ihn an seine Grenzen: Auch Jack kann keine Wunder tun. Selbst wenn es alle von ihm erwarten.

Auch der begabte Jäger John Locke (Terry O’Quinn) wird als bald Führungsfigur anerkannt – kaum jemand hat mitbekommen, dass er vor dem Absturz im Rollstuhl saß. John Locke wird anders als Jack nicht als Mann der Wissenschaft, sondern als Mann des Glaubens charakterisiert. John hat seinen Glauben – wobei der nicht ausdrücklich spezifiziert wird: „Sagen Sie mir nicht, was ich nicht tun kann!“ ist sein Mantra. Im Verlauf der Serie stellt sich heraus, dass John tatsächlich ein Medium ist, das auf besondere Weise mit dem Schicksal der Insel verknüpft ist. Aber ist das wirklich der echte John Locke?

Außerdem ist da noch die schöne und willensstarke Kate (Evangeline Lilly), von der eine Zeit lang nicht klar ist, ob sie wirklich eine gesuchte Killerin ist. Sie ist eine Überlebenskünstlerin, was ihr auf der Insel natürlich zugute kommt – aber sie setzt ihre Fähigkeiten auch zugunsten von anderen ein. Im Verlauf der Handlung stellt sich heraus, dass Kate tatsächliche eine Mörderin ist – aber sie hat ihren fiesen Stiefvater nur umgebracht, um ihre Mutter aus einer schrecklichen Beziehung zu erlösen und der Tod eines Freundes auf der Flucht war ein blöder Unfall. Tatsächlich ist Kate sehr am Wohl ihrer Mitmensch gelegen, auch wenn ihr das nicht immer gedankt wird.

Etwa von der schwangeren Claire (Emilie de Ravin), die eigentlich auf dem Weg war, ihr Kind zur Adoption frei zu geben. Kate hilft Claire auf der Insel bei der Geburt ihres Sohnes Aaron und kümmert sich nach ihrer Rettung um ihn – ja, sie kehrt später in erster Linie wegen Claire und Aaron auf die Insel zurück, damit Mutter und Sohn in einer alternativen Zukunft zusammen sein können. Aber vielleicht hat Kate ihre Vorstellung von einer heilen Familie nur zu sehr idealisiert?

Weiterhin gibt es den heroinsüchtigen britischen Rockstar Charlie Pace (Dominic Monaghan), der eine Schwäche für Claire entwickelt, das eigenartige koreanische Pärchen Jin (Daniel Dae Kim) und Sun (Kim Yoon-Jin) Kwon, die immer für sich bleiben wollen – wobei es anfangs eher der eifersüchtige Jin ist, der für sich bleiben will, und Sun, die heimlich schon Englisch gelernt hat, weil sie Jin verlassen wollte, führt ihn quasi in die Insel-Gemeinschaft ein. Aber als Sohn eines Fischers hat er Fähigkeiten, von denen die anderen profitieren können, während ihm diese Herkunft in Korea zuvor geschadet hat, als er sich in die Tochter eines sehr (einfluss-)reichen Vaters verliebte. Im Verlauf der Serie lernen die beiden sich neu lieben und schätzen, weshalb ihre Geschichte mit dem tragischen Ende dann auch wieder sehr berührend ist.

Natürlich gibt es auch das erklärte Arschloch der Serie, James Ford (Josh Holloway), genannt Sawyer. Der besteht auch in dieser Extremsituation nach dem Absturz noch auf die Regeln des Kapitalismus: Während alle anderen das, was sie in den Trümmern und auch sonst finden, für alle zur Verfügung stellen, damit jeder bekommt, was er oder sie zum Überleben braucht, hortet Sawyer systematisch Dinge, die er als wertvoll erkannt hat, um sich damit später Vorteile zu erkaufen. Er ist auch im wahren Leben ein selbstsüchtiger Betrüger. Allerdings ist sein Hauptantrieb, an dem Mann Rache zu nehmen, der seine Eltern, als er neun Jahre alt war, in den Tod getrieben hat. Aber so rüde und arrogant Saywer auch ist, um Laufe der Zeit erweist er sich immer wieder als hilfreich, wenn es um das Überleben der Gruppe geht, eben weil er erkennt, wo der tatsächliche Vorteil einer Aktion liegt. Außerdem hat er eine Schwäche für Kate.

Deutlich sympathischer ist dagegen der Iraki Sayid Jarrah (Naveen Andrews), auch wenn er, eben weil er als Araber schließlich ein Terrorist sein muss, von der Gruppe auf der Insel erstmal für den Absturz der Maschine verantwortlich gemacht wird – mit dem er tatsächlich überhaupt nichts zu tun hatte. Er ist einer der engagiertesten Leute auf der Insel: Sayid kommt als erster auf die Idee, ein Signalteuer zu entzünden und er versucht mit seinen Kenntnissen als ehemaliger Nachrichtenoffizier, aus den vorgefundenen elektronischen Geräten einen Funkapparat zu basteln. Doch auch Sayid hat eine dunkle Seite: Als Offizier der Republikanischen Garde war er Spezialist für Verhöre – ein begabter Folterknecht also. Allerdings einer, der weiß, dass er dadurch seine Menschlichkeit verloren hat und er leidet darunter. Auf der Insel handelt er immer wieder einfühlsam und selbstlos, auch wenn er aufgrund seiner Kenntnisse und Erfahrungen zu schrecklichen Dingen gezwungen wird.

Die Geschichte von Sayid hat mir über sämtliche Staffeln hinweg am besten gefallen – meiner Ansicht nach ist er die tragischste Figur von allen: Er ist der einzige, der auch in den alternativen Handlungssträngen der späteren Staffeln immer einen reingewürgt bekommt: Er trifft seine geliebte Nadia wieder, die er im Irak um den Preis des eigenen Lebens hat entkommen lassen, heiratet sie – und sie wird ermordet. Er trifft Nadia wieder – als Frau seines Bruders – und muss auf sie verzichten und eine Reihe andere Menschen umbringen. Er wird Profikiller und muss seine Geliebte erschießen. Er wird erschossen, wieder ins Leben geholt und kann nichts mehr fühlen, aber genau das qualifiziert ihn für das, was er tun muss: Ganz am Schluss ist er es, der die anderen rettet, in dem er sich in die Luft sprengt – Sayid ist definitiv ein Held. Aber einer, der keine Chance hatte.

Natürlich führt es zu weit, eine Serie wie Lost in einem einzigen Artikel abzuhandeln, weil sie dazu einfach zu vielschichtig ist. Wer ein Freund von klassischen, opulenten Romanen ist und Freude daran hat, weit verästelten Handlungen zu folgen, wird mit Lost gewiss nicht enttäuscht. Hier gibt es viele, durchaus liebevoll ausgearbeitete Figuren, die alle eine interessante Entwicklung erleben. Eine andere meiner Lieblingsfiguren ist Desmond Hume, der erst in der dritten Staffel auftaucht, dann aber einen entscheidenden Teil der Handlung an sich reißt. Auch Desmond ist letztlich immer am Wohl der andern orientiert, auch wenn er sein eigenes Leben nie so richtig in den Griff kriegt.

Andere Nebenfiguren, die plötzlich total wichtig werden, sind Benjamin Linus (Michael Emerson), Ana Lucia Cortez (Michelle Rodridues), Mr. Eko (Adewale Akinnuoye-Agbaje), Dr Daniel Farraday (Jeremy Davis) oder Dr. Juliet Burke (Elisabeth Mitchell) – und es gib so viele andere! Doch, man kann Lost durchaus Schwächen vorwerfen, aber alles in allem ist das eine starke Serie. Und wer ohnehin ein Netflix-Abo hat, sollte sich Lost ansehen. Lost ist ein Klassiker in Sachen Serie. Und da können sich die aktuellen Netflix-Produktionen die eine oder andere Scheibe abscheiden.

Hannibal – eine Kochshow ganz neuen Typs

Zugegeben – ich habe eine ganze Weile gezögert, bevor ich mich an Hannibal gewagt habe. Denn gruselige Psychothriller wie Das Schweigen der Lämmer gehören nicht zu meinen Lieblingsfilmen. Auch wenn das vielleicht überraschend klingt, wo ich doch die ganze Palette skandinavischer Krimis hoch und runter sehe. Aber genau deshalb: Die US-Versionen von Psycho-Schockern sind mir oft zu abgedreht, zu grausam. Übertriebene Special Effects – ich will mir nicht jedes Mordopfer en detail auch noch von innen ansehen. Ich liebe Thriller, aber ich hab ein Problem mit Horror, um die Sache auf den Punkt zu bringen.

Und ich habe etwas gegen Psychopathen-Filme, die in den USA ja sehr beliebt sind. Je durchgeknallter und perverser der Psychopath ist, der in dem jeweiligen Film zur Strecke gebracht werden muss, desto besser: Der Psychopath als unmenschlicher Antiheld, der wegen seiner Raffinesse und Intelligenz dann doch wieder bewundert werden muss, obwohl (oder weil?) er ohne schlechtes Gewissen serienmäßig furchtbarste Verbrechen begeht – es wäre auch mal eine Untersuchung wert, was das eigentlich über den geistigen Zustand der Leute sagt, die solche Filme machen und ansehen. Kleiner Exkurs: Mir fällt gerade ein französischer Thriller (Six Pack, aus dem Jahr 2000) ein, dessen Plot sich genau darum dreht: Perverse Serien-Killer sind ein Phänomen aus den USA, in Europa heutzutage eher unüblich. Also muss der Serien-Killer, der in Paris sein Unwesen treibt, ein Amerikaner sein…

Dabei werden die meisten Morde eben nicht von raffinierten Serien-Killern begangen, sondern von ganz gewöhnlichen Menschen – das alltägliche Drama eben: Beziehungsstress, verhängnisvolle Affären, Rache und Eifersucht, aber auch materielle Not, zur falschen Zeit am falschen Ort, die falschen Freunde, fatale Entscheidungen – das ist der Stoff aus dem meine Lieblingskrimis sind. Aber natürlich gibt es Ausnahmen.

HANNIBAL: SEASON ONE (Photo: Robert Trachtenberg/Sony Pictures Television/NBC via 1777.de)

HANNIBAL: SEASON ONE
(Photo: Robert Trachtenberg/Sony Pictures Television/NBC via 1777.de)

Hannibal ist eine solche. Hannibal ist Dexter für Intellektuelle – Dexter hab ich mir ja auch gern angesehen, der sympathische Serienkiller von nebenan, das fand ich durchaus mal eine erfrischende Idee für eine Serie – und die Macher von Dexter haben sich ja große Mühe gegeben, Dexters Verbrechen als moralisch vertretbar hinzudrehen: Dexter bringt ja nur üble Verbrecher um, die der Justiz durchs Netz gegangen sind und rettet damit jede Menge Menschenleben. Denn eigentlich ist Dexter bei all seiner Brillanz, die er als genialer Forensiker des Miami PD an den Tag legen darf, ein wirklich netter Kerl, der nur aufgrund eines schrecklichen Traumas den Drang zum Töten hat. Und den muss er ständig im Zwiegespräch mit seinem toten Adoptivvater rechtfertigen, der ihm beigebracht hat, diesen Drang zu kanalisieren, in dem er nur die Bösen umbringt. Dexter kann durchaus zwischen Gut und Böse unterscheiden und ist letztlich sehr moralisch unterwegs, auch wenn er eine, sagen wir – etwas alternative Moral hat.

Hannibal geht da noch weiter: Er hat keine Moral im herkömmlichen Sinne. Ihm ist völlig egal, ob seine Opfer gute oder schlechte Menschen sind, Hauptsache er bekommt von ihnen, was er gerade braucht: Eine Leber, die Nieren, das Herz oder auch eine schöne Beinscheibe für das nächste Festmal, das er für sich selbst oder auch für Freunde zubereitet – Dr. Hannibal Lecter ist nämlich ein leidenschaftlicher Koch und Feinschmecker mit ausgeprägtem Sinn für das Besondere. Überhaupt ist Dr. Lecter unendlich kultiviert – stets im edlen Dreiteiler mit perfekt abgestimmter Krawatte legt er Wert auf Höflichkeit und gute Manieren. Er war früher Chirurg, jetzt ist er Psychiater und er räumt ein, dass alle Psychiater selbst geistesgestört sind – er hat ebenfalls eine Therapeutin, Dr. Bedelia Du Maurier, die ihre Praxis eigentlich aufgeben hat, nachdem sie von einem ihrer Patienten angegriffen wurde. Sie empfängt nur noch ihren Kollegen Dr. Lecter, weil dieser beharrlich darauf besteht – und ja, weil er ebenso charmant wie unterhaltsam ist. Sie mag ihn, daran besteht kein Zweifel, auch wenn sie im Laufe der Zeit noch einen gewissen Verdacht entwickeln wird…

Natürlich braucht es für eine spannende Serie noch einen genialen Gegenpart – und den bekommt Hannibal mit Will Graham. Will Graham ist Dozent für Kriminal-Psychologie, der Vorlesungen für angehende FBI-Agenten hält und ebenfalls ein bisschen gestört – er hat Probleme mit sozialer Interaktion und lebt ganz anders als der sozial kompetente Dr. Lecter völlig zurückgezogen in einem einsamen Haus im Wald. Seine Freunde sind ein Rudel Hunde, Streuner, denen er ein neues Zuhause geschaffen hat. Mit Tieren kommt er besser klar, die wollen keine komplizierten Beziehungen. Wills liebstes Hobby ist das Fliegenfischen und er bastelt mit Hingabe Köder dafür.

Allerdings hat er ein für das FBI interessantes Talent: Er kann sich in Serienmörder einfühlen und auf diese Weise Morde exakt rekonstruieren – und somit wertvolle Hinweise auf die jeweiligen Eigenarten des Mörders liefern, was wiederum weitere Ermittlungen entscheidend voranbringt. Deshalb stellt der Direktor der Behavioral Analysis Unit des FBI, Jack Crawford, Will Graham als Profiler ein, obwohl er den strengen Auswahlkriterien des FBI nicht entspricht. Will selbst hält nicht so viel davon, weil er unter diesem Job leidet: Es ist ja auch wirklich verstörend, ständig die Verbrechen von anderen erleben zu müssen. Will ist so intelligent zu begreifen, dass sein Talent gefährlich ist und er fürchtet, dass er irgendwann nicht mehr zwischen dem, was er selbst tut und dem, was er durch seine ungewöhnliche Vorstellungskraft erlebt, unterscheiden kann. Auch die Psychologin Dr. Alana Bloom, die einerseits eine ehemalige Schülerin und gute Bekannte von Dr. Lecter ist, und andererseits schnell mehr als ein professionelles Interesse an Will Graham entwickelt, warnt Crawford davor, Will einzusetzen, weil er psychisch zu labil sei.

Für ein stets auf das Ungewöhnliche und Besondere begieriges, höchst manipulatives Superhirn wie Hannibal ist Will Graham also ein Leckerbissen, den er sich nicht entgehen lassen kann: Auf Alanas Vorschlag hin wird er so etwas wie Wills Psychiater – und Hannibal entwickelt durchaus freundschaftliche Gefühle für Will, weil er endlich jemanden gefunden hat, der ihm intellektuell ebenbürtig ist. Deshalb macht er Will klar, dass Jack Crawford ihn benutzt und damit psychisch zugrunde richtet. Andererseits fängt Hannibal an, Will die Verantwortung für seine eigenen Verbrechen, die er als Chesapeake-Ripper begeht, in die Schuhe zu schieben. Denn wie nicht anders zu erwarten war, kommt Will Hannibal allmählich auf die Schliche. Also zieht Hannibal die Notbremse und sorgt dafür, dass Will für Verbrechen, die Hannibal begangen hat, eingesperrt wird. Und der arme Will ist mittlerweile dermaßen verwirrt, dass er sich nicht mal sicher ist, dass er diese Verbrechen nicht begangen hat – und er bittet die wenigen Kolleginnen, die ihn noch besuchen kommen, darum, neue, nicht manipulierte Beweise zu finden – entweder für seine Schuld oder seine Unschuld. Natürlich kann Hannibal auch da nicht tatenlos zusehen…

Alles in allem ist die Handlung ein perfides Katz-und-Maus-Spiel mit zum Teil wirklich verstörenden, aber originellen Mordfällen – man muss erstmal auf die Idee kommen, Menschen an Pilze zu verfüttern. Gleichzeitig ist sie aber auch eine Satire auf die gehobene Kochsendung. Insgesamt ästhetisch dermaßen gut angerichtet, dass es tatsächlich ein gehobenes Vergnügen war, mir die erste Staffel quasi am Stück anzusehen und als Nachtisch auch gleich die zweite Staffel draufzulegen. Was natürlich vor allem einem fantastischen Mads Mikkelsen als Dr. Hannibal Lecter und einem nicht weniger beeindruckenden Hugh Dancy als Will Graham zu verdanken ist. Ausdrücklich loben muss ich auch die Musik – es gibt viel Klassik, natürlich liebt Hannibal die italienische Oper, aber er spielt auch Cembalo und Theremin. Insofern wird nicht nur kulinarisch, sondern auch musikalisch allerhand geboten – die Serie ist tatsächlich ein ästhetisches Meisterwerk, in dem alles stimmt: Immer wieder mit Liebe zum Detail komponierte Bilder, mit Sorgfalt arrangierte Interieurs, großartige Schauspieler, eine verzwickte Geschichte mit überraschenden Arabesken, eine perfekt darauf abgestimmte Musikuntermalung – doch, wenn Psychopathen auf eine solche Weise präsentiert werden, werde ich doch noch Fan des Psychopathenthrillers.

Weitere Eindrücke auf mariberlyn.tumlr.com.