Wonder Woman: Leider kein Wunder

Superheldenfilme – oder inzwischen ja auch Superheldinnenfilme – sind nicht gerade mein Lieblingsgenre, auch wenn ich mich gelegentlich dazu hinreißen lasse, mir so etwas anzusehen. Meistens bestätigt das, was ich sehe, meine Vorbehalte gegenüber diesem Genre. Genauso ist das auch bei Wonder Woman. Der Film ist entgegen vieler freundlicher Kritiken, die anderes erwarten ließen, leider auch wieder nur so ein Superheldinnenstreifen mit viel Krawumm und noch mehr Spezialeffekten, also genau das, was mich an diesem Blockbuster-Überwältigungs-Kino so nervt, weil es hauptsächlich um die Optik geht und die Geschichte, die erzählt wird, eigentlich fast keine Rolle mehr spielt. Wobei das jetzt ein bisschen unfair ist, gemessen an anderen Superheldenstreifen gibt es hier vergleichsweise viel Geschichte, wobei die griechische Antike aus der Sicht der Götter, die in den ersten zwanzig Minuten abgehandelt wird, noch der beste Teil ist. Dazu kommt, dass heutzutage jeder Actionfilm versucht, wie ein Computerspiel auszusehen, was mir zusätzlich auf den Keks geht. Nur dass dieses Mal eine Frau auf den Putz hauen darf, statt dem Held nur assistieren zu dürfen oder sich gar retten lassen zu müssen.

Filmplakat Wonder Woman Bild via kadacinemas.com

Filmplakat Wonder Woman Bild via kadacinemas.com

Aber macht das einen Film schon „feministisch“, wie einige der Kritiken behaupteten? Meiner Ansicht nach: nein. Und auch die Tatsache, dass eine Frau Regie geführt hat, hilft da nicht weiter, auch wenn Patty Jenkins hier beweist, dass eine Frau genauso  in der Lage ist, Blockbuster-Produktionen zu dirigieren wie ein Mann. Warum auch nicht. Klar gefällt mir das, und aus Prinzip auch, dass in Wonder Woman gleich reihenweise superstarke Frauen zu bewundern sind. Selbst die matronenhafte Sekretärin (bemerkenswert: Lucy Davis als Etta) in der „realen Welt“ entpuppt sich als extrem patent, auch wenn sie nicht über Superkräfte verfügt, sondern einfach nur so auf Zack ist. Interessant auch, dass Wonder Woman auf dem nordamerikanischen Markt kinokassenmäßig längst an den anderen Superheldenepen aus dem Hause DC vorbeigezogen ist. Aber andererseits auch wieder klar – Man of Steel, Suicide Squad oder Batman vs Superman sind halt eher für Jungs als für Mädchen gemacht.

Und jetzt wird das gleiche Spektakel zur Abwechslung mal so aufgezogen, dass auch die Mädels sich das ansehen wollen, und ihren Freund mit schleppen, der bei Wonder Woman gewiss auch auf seine Kosten kommt. Natürlich geht es wieder mal darum, dass die Welt gerettet werden muss und in diesem Fall wird sie halt von der Wunderfrau Diana/Diane Prince (Gal Gadot) gerettet. Und Diana ist nicht nur wahnsinnig stark und mutig, sondern erkennt schließlich auch, dass die Liebe die allerstärkste Kraft ist. Hach. Da kann am Ende auch der wahnsinnig mächtige Kriegsgott Ares nicht mehr viel ausrichten. Das reicht für satte 92 Prozent auf dem Tomatometer – Suicide Quad kommt nur auf 25 Prozent. Auf imdb erreicht Wonder Woman eine glatte 8, Suicide Squad immerhin eine 6,2.

Wonder Woman: Robin Wright als Generalin Antiope Bild: Warner Bros via moviepilot.de

Wonder Woman: Robin Wright als Generalin Antiope Bild: Warner Bros via moviepilot.de

Aber warum?! Okay, Gal Gadot ist als Wonder Woman ebenso sexy wie schlagkräftig – die Kostüme der Amazonen sind spektakulär und die ehemalige Miss Israel Gal war vor ihrer noch jungen Schauspielkarriere Kampftrainerin bei der israelischen Armee. Insofern sieht sie nicht nur gut aus, sondern ist als Kämpferin ähnlich überzeugend wie Lagertha aus Vikings, deren Darstellerin Kathryn Winnick ebenfalls als Trainerin für verschiedene Kampfsportarten angefangen hat, bevor sie zur Schauspielerei kam. Und mit Connie Nielsen (Königin Hippolyta, Dianas Mutter) und Robin Wright (Generalin Antiope) sind weitere starke Frauen an Bord, überhaupt diese ganzen Amazonen, die alle wahnsinnig gut aussehen, furchteinflößende Kriegerinnen sind und nebenbei auch sämtliche Sprachen sprechen – blöd nur, dass sich die Damen vom Rest der Welt so vollständig abgekapselt haben, dass sie überhaupt nicht mehr mitkriegen, was da eigentlich los ist.

Von den antiken Göttern ist nur noch einer übrig geblieben, ausgerechnet der Kriegsgott Ares (David Thewlis, herrlich perfide auch als Steves Geheimdienstchef Chef Sir Patrick Morgan). Und der flüstert den Menschen eine Menge übler Ideen ein, die sie dann gegeneinander verwenden – Menschen sind bekanntermaßen ziemlich blöd. Und manche dabei auch noch ziemlich böse, wie General Ludendorff (Danny Huston) und die Chemikerin Dr. Isabel Maru (Elena Anaya), die den ersten Weltkrieg mit dem Einsatz eines noch tödlicheren Giftgases, das auch Schutzmasken zerstört, noch für die Deutschen entscheiden wollen. In Wonder Woman ist also auch die Rolle des besessenen Genies, das für die dunklen Mächte schreckliche Waffen entwickelt, mit einer Frau besetzt. Toller Fortschritt, nicht wahr? Wobei es ja nun mal so ist, dass Frauen nicht unbedingt bessere Menschen sind, weil sie zwei X-Gene haben. Ich sag nur Maggie Thatcher, Hillary Clinton, Angela Merkel. Sie sind aber auch keine schlechteren Menschen als beliebige XY-Varianten.

Wonder Woman: Chris Pine als Steve Trevor Bild: Warner Bros via filmstarts.de

Wonder Woman: Chris Pine als Steve Trevor Bild: Warner Bros via filmstarts.de

Was in der Zeit, in der die Handlung des Films spielt, noch nicht öffentliche Meinung war. Damals kämpften die Frauen in Europa noch um Anerkennung als vollwertige Menschen, etwa beim Wahlrecht. Bei gleichem Lohn für gleiche Arbeit kämpfen wir noch immer darum, das nur nebenbei. Die eigentlich recht wenigen lustigen Szenen in dem Film ergeben sich aus dem Unverständnis der unter starken Frauen aufgewachsenen Diana gegenüber den Gepflogenheiten der britischen Gesellschaft, in der Frauen sich unpraktisch kleiden und offenbar nicht in den Kampf ziehen, sondern undankbare Hilfsarbeiten leisten müssen und sonst nichts zu sagen haben. Denn der Bruchpilot Steve Trevor (Chris Pine), der in der Nähe der paradisischen Insel Themyscira abgestürzt ist und von der Amazone Diana gerettet wurde, nimmt Diana mit nach London. Einen furchtbaren Ort, wie Diana findet.

Zuvor wurden zahlreiche Amazonen von den Deutschen getötet, die auf der Suche nach dem britischen Spion ebenfalls nach Themyscira gelangt sind – und moderne Waffen haben. Gegen Gewehre und Kanonen können auch die besten Kämpferinnen mit ihren antiken Schwertern, Lanzen und Bögen nicht viel ausrichten. Einzig Diana ist kugelsicher und somit für die nun anstehende Mission geeignet: Sie will in den Krieg ziehen, um dessen Verursacher Ares zu finden und zu töten, damit das weltweite Schlachten endlich ein Ende hat. So weit, so naiv – das kommt davon, wenn Mama ihr wertvolles Töchterchen der bösen Welt nicht gönnt. Aber immerhin hat Diana, die übrigens direkt von Zeus abstammt, die beste und härteste Ausbildung durchlaufen, die Amazonen zu bieten haben und eben auch das gewisse Etwas, mit dem sie Steve Trevor überzeugen kann, sie mitnehmen. Denn den Krieg beenden, das ist auch seine Mission. Nur hat die wenig mit dem Kriegsgott Ares zu tun, an den er sowieso nicht glaubt.

Wonder Woman: Das historische Foto aus dem ersten Weltkrieg Bild via slashfilm.com

Wonder Woman: Das historische Foto der Chaostruppe aus dem ersten Weltkrieg                        Bild via slashfilm.com

Diana hat immer wieder die Gelegenheit, Steve und seinen Kumpanen das Leben zu retten – und sie ist empört über diese Kriegsführung, die einfach nicht mit ihren altertümlichen Vorstellungen von Ehre und Gerechtigkeit in Übereinstimmung zu bringen ist. So versucht sie, die Bewohner des belgischen Dorfes Veld im Niemandsland zwischen deutschen und französischen Truppen zu retten – was ihr entgegen aller Erwartung tatsächlich gelingt. Allerdings fällt genau dieses Dorf später dann den Giftgasgranaten von Ludendorff und Dr. Maru zum Opfer. Diana glaubt deshalb, Ludendorff sei Ares und will ihn töten. Das tut sie auch, doch dann gibt sich der wahre Kriegsgott zu erkennen, nämlich Sir Morgan. Der will Diana überzeugen, dass die Menschheit schwach und korrupt ist, und dass es sich nicht lohnt, für die Menschen zu kämpfen. Derweil opfert Steve sein Leben, um einen Giftgasangriff auf London zu verhindern. Diana und Steve waren sich nach der Befreiung von Veld näher gekommen, und aus Liebe zum jetzt leider toten Steve wächst Diana über sich hinaus und schafft es schließlich, den mächtigen Ares zu vernichten.

Nun ja, man weiß ja, dass es mit dem Ende des ersten Weltkriegs eigentlich erst richtig angefangen hat – der zweite Weltkrieg war noch grausamer und derzeit sieht es auch nicht gerade toll auf der Welt aus. Ares ist definitiv noch am Ruder und Wonder Woman wäre jetzt eigentlich nötiger denn je. Aber die sortiert ja nun Fotos im Louvre.  Ist das jetzt die feministische Antwort auf Krieg und Konflikt? In sentimentalen Erinnerungen an vergangene Siege und verlorene Liebe schwelgen, während die Welt um einen herum in Stücke fällt? Also ich weiß nicht.

Wonder Woman mag zwar weniger hirnlos als andere Blockbuster aus dem Hause DC sein, aber ich finde nicht, dass man diesen Film unbedingt gesehen haben muss. Aber wenn man sich schon einen Krawumm-Streifen reinziehen will – warum dann nicht diesen. Schlechter als andere Comic-Verfilmungen ist Wonder Woman auf keinen Fall. Aber leider auch nicht besser.

House of Cards: Endlich wieder US-Politik ohne Trump

Inzwischen ist die fünfte Staffel von House of Cards auch in Deutschland angelaufen – und ich musste mir die neuen Folgen auch schon wieder komplett reinziehen, denn huijuijui, es geht ziemlich zur Sache. Wir sind ja von den Underwoods schon einiges gewöhnt, aber seit Frank und Claire sich privat wieder angenähert haben und jetzt auch politisch als Präsident und Vizepräsidentin ein Spitzenteam sind, geht es richtig zur Sache. Das Autoren-Team hat jetzt noch mal eine Schippe drauf gelegt – Kevin Spacey witzelte bei Stephen Colbert neulich, dass House of Cards ja wohl viel bessere Autoren hätte als Donald Trump.

Und klar haben die Underwoods mehr drauf als dieser kindische Cholerik-Milliardär, der noch immer glaubt, dass Politik ein Hobby für verzogene Oberschichtgören wäre. Obwohl – das ist sie ja auch. Aber nur in real-existierenden Bonzokratien im Mittleren Osten und Mittleren Westen. Wobei die aktuellen Videos mit Trump als Präsidentendarsteller ja auch nicht schlecht sind – diese erste Kabinettssitzung, die im Grunde nur aus Lobhudeleien der anwesenden Speichellecker bestand, deren Qualifikation für ihre jeweiligen Ministerposten ganz offensichtlich nicht über unbedingte Loyalität zur größten Knallcharge aller Zeiten hinausreichte, ist dermaßen skurril, dass man fast meinen könnte, James Franco und Seth Rogen hätten eine neue Nordkorea-Satire gedreht. Nur dieses Mal eine gute.

Aber zurück zu House of Cards: In dieser Serie gibt es noch immer eine USA, in der wahnsinnig schlaue, gut vernetzte und abgebrühte Vollblutpolitiker die Fäden ziehen, was in der Konsequenz aber auch nicht besser ist – denn beide Underwoods haben bereits Ende der vierten Staffel erkannt, dass Terror ein hervorragendes Mittel sein kann, um Wahlen zu gewinnen, auch wenn es nicht ganz so gut funktioniert, wie sie sich das vorgestellt hatten.

In Anbetracht der Tatsache, dass es für Normalseher jede Woche nur einen Teil gibt und ich einfach keine Zeit habe, für jeden Teil eine Einzelkritik zu schreiben, obwohl sich das durchaus lohnen würde, versuche ich, meine Staffelreview zur Abwechslung mal etwas spoilerfreier als bei mir sonst üblich zu gestalten.

In den vergangen fünf Jahren haben sich sowohl Frank als auch Claire Underwood weiter entwickelt, sie hatten Krisen und Zerwürfnisse, und sie haben sich gegenseitig nichts geschenkt, sondern einander zum Teil sehr heftig bekämpft, bis sie in der vierten Staffel auf die geniale Idee gekommen sind, als Team anzutreten – statt wie bisher gegeneinander. Nur als Team können sie den charismatischen jungen Hoffnungsträger der Republikaner schlagen – doch auch das erweist sich als wesentlich schwieriger als gedacht. Will Conway ist ein republikanischer John F. Kennedy, der all das hat, was Frank und Claire nicht haben – eine blütenweiße Weste nämlich und eine fotogene Familie, einen Freund im Suchmaschinen-Business und eine Affinität zu Social Media, die sich eben auch nur Leute leisten können, die nicht bis zum Hals in allen möglichen Skandalen stecken.

House of Cards: Claire und Frank Underwood Bild: Netflix

House of Cards: Claire und Frank Underwood Bild: Netflix

Dafür ist Frank Underwood bereits der Präsident der USA und er denkt nicht daran, auch nur ein Quentchen seiner Macht aufzugeben. Und so zieht sich der Wahlkampf noch bis tief in die fünfte Staffel hinein – und natürlich bleibt nicht aus, dass Frank und Claire weiterhin ihre Differenzen haben. Trotzdem wissen sie, dass sie einander brauchen – und irgendwann hat Frank eine Erleuchtung. Die dazu führt, dass Claire endlich ans Ruder kommt – ich denke, dass das jetzt keine allzu große Überraschung sein sollte, denn diese Figur wurde ja über die vergangenen Staffeln sorgfältig aufgebaut. Claire hat immer wieder ein überraschendes Eigenleben entwickelt und in dieser Staffel wächst sie tatsächlich über sich hinaus – oder doch eher über Frank, dem sie eine ebenbürtige Partnerin ist. Mit allen Konsequenzen.

Es tauchen auch interessante und zum Teil recht rätselhafte neue Figuren auf – etwa Jane Davis, die stellvertretende Untersekretärin für den Internationalen Handel, die außergewöhnlich gut vernetzt und die den Underwoods, insbesondere Claire, bei der einen oder anderen Sache erstaunlich hilfreich ist. Dafür werden andere verdiente Hauptfiguren wie Doug Stamper überraschend kaltschnäuzig abserviert – selbst wenn sie es am Ende doch irgendwie verdient haben. Das schlimmste an der fünften Staffel ist, dass sie zum Finale hin so viel Spannung auf die nächste Staffel aufbaut – und wir jetzt wieder ewig auf die Fortsetzung warten müssen. Noch gibt es keine offizielle Verlängerung – aber Netflix kann ja nicht alle Serien absetzen. Liebes Netflix – lass uns nicht mit Trump allein!

Buster’s Mal Heart: Schicksal ist ein Arschloch

Ein Film, auf den ich lange gewartet habe, ist Buster’s Mal Heart – einer von diesen „kleinen“ US-Indipendet-Filmen, die hierzulande nie ins Kino kommen, auch wenn sie auf zahlreichen Indipentent-Festivals erfolgreich gelaufen sind. Erfreulicherweise erscheint der Film jetzt auf Amazon Video und iTunes – und ich habe keine Kosten und Mühen gescheut, den Film schon einmal vorab zu sichten. Und es gleich vorweg zu nehmen: Ein Publikumsrenner wird dieser Film vermutlich nicht, dazu ist der Plot viel zu verschroben.

Aber – schlecht finde ich ihn wirklich nicht, Buster’s Mal Heart erinnert mich sehr an die eigenartigen Filme von Herbert Achternbusch – es geht um Identität, kosmische Missgeschicke, Liebe, Schicksal, Pflichterfüllung, das Elend mit der Freiheit und der Frage, wie man denn leben soll, wenn man die meiste Zeit damit beschäftigt ist, einen blöden Job machen zu müssen, weshalb man das eigentliche Leben verpasst. Daraus lässt sich schon ein sehenswerter Film stricken – und die Autorin-Regisseurin Sarah Adina Smith macht aus einem vergleichsweise schmalen Budget und wenigen Drehtagen eine ganze Menge.

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Der eine oder die andere wird sich Buster’s Mal Heart ohnehin schon allein deshalb ansehen, weil Mr. Robot mitspielt – der fleißige Rami Malek war zwar schon in einer ganzen Reihe von zum Teil durchaus bekannten Filmen als Nebendarsteller zu sehen, aber hier hat er seine erste Hauptrolle in einem Spielfilm – und er ist auch fast in allen Szenen zu sehen.

Und erstaunlich viel erinnert dann doch an Mr. Robot – der Protagonist Jonah ist nämlich zwei Männer: Zum einen ein mexikanischer Seemann, der nach einem Sturm 1000 Tage in einem winzigen Rettungsboot auf dem Meer treibt, zum anderen ein junger Familienvater, der endlose Nachtschichten in einem Hotel am Arsch der Welt – der sich in diesem Fall in Montana befindet – schiebt, um seine Familie zu ernähren. Die da sind seine junge Frau Marty (Kate Lyn Shell) und ihre niedliche kleine Tochter Roxanne (Sukha Belle Potter).

Marty und Jonah lieben sich, soviel wird klar, und Roxanne ist ein wirklich süßes kleines Kind. Die drei leben bei Martys Eltern, die es mit dem Christentum haben – keine Ahnung, welche der unzähligen Spielarten amerikanischer christlicher Sekten das ist, aber die tatkräftigen Christen haben Marty geholfen, von ihrer Drogensucht wieder loszukommen, und sie haben irgendwie auch Jonah akzeptiert, diesen Latino, den ihre Tochter angeschleppt hat. Über dessen Herkunft erfahren wir nicht viel, außer, dass er Spanisch spricht, was er auch versucht, seiner Tochter beizubringen – was die Schwiegereltern gar nicht so gut finden, das Kind soll doch lieber erstmal richtig Englisch lernen.

Und auch Jonah scheint keine astreine Vergangenheit zu haben – als sein Kollege, der die Tagschicht machen darf, Jonah fragt, wie er denn an diesen Job gekommen sei, wenn er nicht mal einen Highschool-Abschluss habe, antwortet Jonah, dass er dem Chef (der natürlich auch zu dieser christlichen Gemeinde gehört) sein Vorstrafenregister gezeigt hätte.

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Wir erfahren nicht, was Jonah verbrochen hat, aber wir sehen dabei zu, wie er sich redlich bemüht, seinen Job zu machen und gleichzeitig auch noch ein liebender Familienvater zu sein. Und er wie er daran scheitert – mechanisch wie ein Roboter erledigt er seine Arbeit, um dann völlig übermüdet zu Frau und Kind heimzukehren. Jonah träumt von einem ganz anderen Leben, er will ein Stück Land kaufen, ein Haus bauen und dort das eigentliche, richtige Leben verwirklichen, von dem er träumt. Aber Marty holt ihn auf den Boden der Tatsachen zurück: „Du weißt doch überhaupt nicht, wie man ein Haus baut!“

Und es stellt sich im Lauf der Geschichte heraus, dass Jonah auch keine Ahnung davon hat, wie man in der Natur überlebt. Was ihm sein mexikanisches Alter Ego auf See voraus hat – der überlebt, er trinkt seinen eigenen Urin und fängt Fische, auch wenn er Gott verflucht und bittet, ihn jetzt endlich sterben zu lassen, weil man so ja auf Dauer nicht leben kann. Jonah hingegen überlebt, in dem er in luxuriöse Ferienhäuser einbricht, die reiche Leute in den Bergen von Montana haben. So richtig autark ist das nicht, immerhin er genießt den vorübergehenden Luxus sichtlich. In seinem jeweiligen Quartieren dreht er alle Familienbilder auf den Kopf und telefoniert mit Sex- und Radiohotlines, um seine Botschaft zu verkünden: Das Ende der Welt ist nah – also der Welt, die wir so kennen, wie sie ist. Die zweite Inversion steht bevor, bei der sich alles auf den Kopf stellt.

Das entspricht ziemlich genau der Hysterie, die vor der Jahrtausend-Wende grassierte, Y2K, das Jahr-2000-Problem. An das kann ich mit gut erinnern, schließlich war ich damals in meinen sehr frühen Dreißigern. Ich hatte das damals nicht dermaßen ernst genommen, schließlich stamme ich aus einer Generation, die in der Hochzeit des kalten Krieges mit der Angst aufgewachsen ist, dass ihre Welt innerhalb von Minuten von einem Atomkrieg pulverisiert wird.  Davor hatten wir die ganze Zeit Angst, und das war keineswegs unrealistisch. In Deutschland lebten wir schließlich auf dem wahrscheinlichst anzunehmenden Schlachtfeld einer solchen Auseinandersetzung. Da war Y2K ein Klacks gegen. Was ja auch zutraf.

Aber das hat in Buster’s Mal Heart eher eine anekdotische Funktion. Immerhin, die Geschichte spielt in den späten 90ern, also kurz vor Y2K, und während einer dieser quälend endlosen Nachtschichten im Hotel taucht ein rätselhafter Typ (DJ Qualls) auf, der Jonah seinen Namen nicht verraten will, aber behauptet, der letzte freie Mensch der Welt zu sein. Und nebenbei ist er ein Computer-Spezialist. Und als solcher habe er Sachen gesehen – CIA, FBI, Pentagon, da läuft eine ganz, ganz üble Scheiße und die Menschen werden alle verarscht. Immer.

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Jonah saugt die Worte dieses zweifelhaften Propheten auf, sei es, weil ihm einfach sterbenslangweilig ist, sei es, weil er tatsächlich an diesen Scheiß glauben will, weil er sich ein anderes Leben und eine andere Welt wünscht, auch wenn er nicht so richtig kapiert, was eigentlich falsch läuft – Jonah beschäftigt sich mit diesem ganzen Zeug und lässt es sich einleuchten. Und er versucht weiterhin ein guter Mensch zu sein, was sein Chef irgendwann auch honoriert, in dem er Jonah zwar nicht von der ungeliebten Nachtschicht befreit, aber ihm immerhin anbietet, dass seine Frau und Tochter eine Weile in dem ohnehin nicht besonders frequentierten Hotel wohnen können, damit Jonah sie ab und zu auch mal im wachen Zustand sehen kann.

Das ist erst einmal ganz nett – für Marty und Roxanne fühlt es sich wie ein Ferienaufenthalt an und Jonah ist auch ganz happy, die drei vergnügen sich (sittsam!!!) im Hotelpool, Jonah kann zumindest theoretisch endlich Job und Familie unter einen Hut bringen – doch dann taucht dieser Fremde wieder auf. Er sieht ziemlich ramponiert aus, und der gutmütige Jonah gibt ihm unerlaubterweise eine Schlüsselkarte, obwohl der Fremde nach wie vor keine ID vorweisen will. Klar, das hätte Jonah besser nicht getan.

Okay, für diesen Spoiler würden mich meine Kinder auch schon wieder killen, aber die lesen ja meinen Blog nicht. Vermutlich. Für Jonah geht die Sache nicht gut aus, auch wenn er tapfer gegen das Unausweichliche ankämpft und versucht, später selbst als gesuchter Schwerverbrecher und Outlaw noch ein netter Mensch zu sein. Aber das ganze Universum scheint sich gegen ihn verschworen zu haben – letztlich erweist sich seine Existenz als epischer Fehler im kosmischen System: Irgendwo ist irgendetwas kolossal schief gelaufen. Aber weder der verzweifelte, aber doch zäh an seinem Leben hängende Schiffbrüchige auf dem Meer, noch der zum verrückten Buster mutierte Jonah geben auf, sie kämpfen bis zum Schluss – und am Ende gibt es zumindest für einen von ihnen eine versöhnliche Wendung.

Wer auf Filme mit ausgefeilten Plots steht, in denen am Ende immer alles erklärt wird, wird mit diesem Film vermutlich nicht glücklich. Womit ich nicht sagen will, dass dieser Film keinen ausgefeilten Plot hätte – die Geschichte an sich gefällt mir ziemlich gut, allerdings gleicht der Film einem Puzzle, dessen Teile sich der Zuschauer beim Ansehen selbst zusammensetzen muss. Liebhaber von mehrdeutigen, diffusen Geschichten werden hier viel besser bedient – wobei ich das alles gar nicht dermaßen rätselhaft finde. Es gibt eine Menge Andeutungen und Querverweise, der Film verlangt allerdings eine gewisse Aufmerksamkeit. Was mir gefällt ist, dass es keine dieser abgefuckten Hollywoodgeschichten ist, in denen mit viel Ironie und noch mehr Zynismus eine klassische Heldengeschichte auf den Kopf gestellt wird – das ist ja dieses ganze nervige Antihelden-Helden-Kino, das in den aktuellen Blockbustern abgefeiert wird.

Jonah ist einfach ein Mensch, der versucht, das Beste aus einer Situation zu machen, in die man besser nicht geraten will – die man aber doch wieder erkennt: Die allermeisten von uns müssen mit einem Job klar kommen, den sie eigentlich gar nicht machen wollen, aber machen müssen, weil auf allem, was man zum Leben braucht, ein verdammtes Preisschild klebt. Und das ist ja noch die freundliche Variante, die das Arschloch von Schicksal bereit hält – Jonahs Alter Ego auf hoher See würde wahrscheinlich nur zu gern mit Jonah und seinen Nachtschichten tauschen, wenn er nur die Gelegenheit dazu hätte.

Aber dann schlägt diese Bitch von Schicksal Jonah doch wieder dermaßen, dass vielleicht der mexikanische Seemann doch noch besser dran ist – mir fällt da spontan die Geschichte von diesem Rabbi ein, der über Land wanderte und bei einem freundlichen Bauern-Pärchen einkehrte. Die Bauersleute bewirteten ihn gut, aber am nächsten morgen lag ihre beste Kuh tot im Stall. Und als der Bauer fragte, womit er das verdient hätte, wo er doch die Regeln der Gastfreundschaft so vorbildlich eingehalten hätte, gab ihm der Rebbe die Antwort, dass eigentlich beschieden war, dass seine Frau hätte sterben sollen. Aber weil sie so gut zu dem Fremden gewesen waren, hätte es nur die Kuh getroffen. busters-mal-heart-movie-trailer-images-stills-rami-malek4

Diese Geschichte habe ich immer gehasst, genau wie das Buch Hiob und alle diese anderen üblen Geschichten aus der Bibel, in denen es darum geht, wie Gott uns Menschen prüft. Was für ein grausames, zynisches Arschloch. Das Leben ist unendlich beschissen. Aber wir haben nur dieses eine, beschissene Leben, insofern lohnt es sich daran festzuhalten und zu versuchen, auf dieser Erde das Beste draus zu machen. Auch wenn man keine Ahnung hat, wie man das anstellen soll.

Bosch: Die 3. Staffel lohnt sich

Hieronymus Bosch, der knurrige Detective von der Mordkommission des LAPD, ist mein derzeitiger Lieblingsermittler aus den USA. Insofern war ich sehr erfreut, dass die dritte Staffel der Serie Bosch in Deutschland zeitnah zur Verfügung stand.  Die neue Staffel setzt 16 Monate nach den Ereignissen der zweiten Staffel ein – hier ging es unter anderem um einen Mordfall, in den die armenische Mafia verwickelt war und den Tod des Sohnes von Deputy Chief Irvin Irving (Lance Reddick), der während eines Einsatzes erschossen wurde. Außerdem konnte Bosch endlich den Mord an seiner Mutter aufklären – der ihn allerdings auch in der dritten Staffel noch nicht wirklich los lässt.

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Während Bosch (Titus Welliver) gemeinsam mit der Staatsanwältin Anita Benitez (Paola Turbay) darum kämpft, dass seine Ermittlungen aus der Staffel zuvor überhaupt zu einem Prozess führen, liegt schon eine neue Leiche in einem schäbigen Wohnmobil. Die Kollegen winken ab – es sieht nach einem Mord im Obdachlosen-Mileu aus, ziemlich aussichtslose Sache. Aber die sind, wie wir wissen, Boschs besondere Spezialität: Entweder zählt jeder oder keiner.

Also fängt Bosch an zu ermitteln. Es dauert gar nicht lange, da fällt Bosch eine zweite Leiche vor die Füße – oder eher auf die Füße, denn der mutmaßliche Mörder Billy Meadows, den Bosch schon seit einiger Zeit rankriegen will, begeht Selbstmord. Die Kollegen, die den Fall übernehmen, kommen schnell darauf, dass hier wohl nachgeholfen wurde – was für Bosch aber blöd ist, denn dadurch kommen sie auch seiner eigenmächtigen Ermittlung auf die Spur: Bosch hatte heimlich Kameras installiert, um den Kerl zu überwachen. Vor allem Boschs Partner Jerry Edgar (Jamie Hector) ist irritiert, als die Kollegen ihm stecken, dass Bosch offenbar in die Sache verwickelt ist.

Und dann ist da auch noch die Presse:  Der umtriebige Reporter Scott Anderson (Eric Ladin) würde zu gern endlich mal wieder eine richtig große Story schreiben – und weil es nicht gut aussieht, wenn jemand intern einen Kollegen verpfeift, kann man ja auch einen Tipp an die Medien geben und drauf vertrauen, dass die interne Ermittlung spätestens dann aufmerksam wird, wenn etwas in der Zeitung steht, was am Image der ohnehin schon nicht beliebten Polizei kratzt.

Harry Bosch (Titus Welliver) und Lieutenant Grace Billets (Amy Aquino)

Harry Bosch (Titus Welliver) und Lieutenant Grace Billets (Amy Aquino)

Bosch schafft es also einmal mehr, gleich mehrfach anzuecken –  und es ist ihm lange nicht klar, wer dieses Mal der fieseste seiner Gegner ist. Denn der selbstverliebte Hollywood-Regisseur Andrew Holland, den Bosch gern wegen des Mordes an einem Callgirl rankriegen würde, aber sonst nicht für voll nimmt, ersinnt einen perfiden Racheplan, der erstmal ganz gut funktioniert – aber am Ende ist Holland von seinem eigenen Drehbuch dermaßen begeistert, dass er über seine Eitelkeit stolpert: Er hätte das alles lieber für schön sich behalten sollen.

Die ehemaligen Special-Forces-Kämpfer, die hinter dem Mord an ihrem gestrauchelten Kumpel ihm Wohnmobil stecken, sind da schon ein anderes Kaliber – aber Bosch kennt sich mit diesen Typen aus, schließlich war er selbst einmal einer von ihnen. Er weiß, wie gefährlich die werden können, was seine Rolle als alleinerziehender Vater einer Teenie-Tochter nicht gerade erleichtert. Denn Maddie (Madison Lintz)  wohnt nun bei ihm, nachdem ihre Mutter Eleanor (Sarah Clarke) als professionelle Pokerspielerin nach Hongkong gezogen ist.

Maddie will ins Auswahl-Team der Volleyballmannschaft ihrer Schule und sie will Autofahren lernen – Bosch muss sich also in Verständnis und Geduld üben, was nicht seine besonderen Stärken sind. Aber er meistert das ganz gut, zumal er seine Tochter überzeugen kann, dass es für alle Beteiligten besser ist, wenn sie eine Weile zu Grace (Amy Aquino) zieht, der manchmal zu verständnisvollen Vorgesetzten von Bosch. Genau das wird Lieutenant Grace Billetts, die gern zum Captain aufsteigen würde, auch zum Verhängnis, obwohl sie, genau wie Bosch, wahnsinnig qualifiziert ist und einfach gute Arbeit macht.

Harry Bosch (Titus Welliver) und Maddie (Madison Lintz) Bild: mfdb.org

Harry Bosch (Titus Welliver) und Maddie (Madison Lintz) Bild: mfdb.org

Genau das ist es, was ich an dieser Serie mag: Wie bei der legendären Serie The Wire sind die Polizisten, (aber auch die Gangster) alle ernsthaft bei der Arbeit, auch wenn die oft aus nervtötender Routine besteht – am Ende ist es eben ein einziger fehlender Eintrag in einer offiziellen Ermittlungsakte, der beim Abgleich mit einer älteren Kopie des Originals auffällt, weil er dort noch vorhanden ist und darauf hinweist, dass hier offenbar etwas vertuscht werden soll.

Es geht bei Bosch nicht darum, immer noch spektakulärere Verbrechen zu inszenieren und die Zuschauer möglichst lange an der Nase herumzuführen, sondern einfach um solides Krimi-Handwerk: Je nach Spurenlage sieht ein Fall so oder anders aus. Insofern ist Bosch schon fast frustrierend realistisch, auch wenn die Serienmacher sich natürlich eine Reihe fernsehtauglicher Charaktere ausgedacht haben, die mehr oder weniger liebenswerte Schrullen haben und für die Serie gut funktionieren. Die Serienmacher geben ihnen Raum, sich zu entfalten, Boschs Kollegen sind allesamt ernstzunehmende Polizisten und nicht einfach nur Stichwortgeber, und auch die Typen auf der anderen Seite haben ihre eigenen Geschichten.

Insofern erinnert Bosch auch ein bisschen an Kommissarin Lund, die sture dänische Ermittlerin, die ihr Privatleben und ihre Karriere ruiniert, um eine ganze ausführliche Staffel lang einen einzigen Fall zu lösen – wobei Bosch zu cool ist, um das dermaßen auf die Spitze zu treiben. Und er ist einfach zu gut, um ihn stillzulegen: „Wollen Sie wirklich einen Detective aus dem Dienst ziehen, der in den letzten zehn Jahren 33 Morde aufgeklärt hat?“ fragt sein Oberboss entsetzt, als die interne Ermittlung ihm genau das nahelegt. Bosch kommt also wieder mit einem blauen Auge davon – aber wir brauchen ihn mindestens für eine Staffel vier noch, denn es ist noch längst nicht alles aufgeklärt.

Rückblick Homeland Staffel 6

So, die sechste Staffel von Homeland ist auch schon wieder durch – und ich fand sie gar nicht so schlecht. Ich fand sie sogar besser als die meisten Staffeln zuvor – wobei das ja nicht so schwer ist. In dieser Staffel war es endlich wieder so spannend und vertrackt wie am Anfang der Serie, als ja auch nicht klar war, ob der einst vermisste, nach langer Gefangenschaft im Nahen Osten befreite US-Soldat Nicolas Brody ein endlich heimgekehrter Kriegsheld ist oder nicht vielleicht doch ein gefährlicher Terrorist.

Dieses Mal ging es um eine Verschwörung innerhalb des auch durch den massiven Ausbau in den Jahren nach 9/11 ziemlich unübersichtlich Geheimdienstapparates der USA, ein Thema, das durch Serien wie Quantico oder Designated Survivor derzeit ziemlich überstrapaziert wird, aber ich muss sagen, dass mir die Homeland-Variante dann doch deutlich besser gefallen hat. Schon weil diese Serie die derzeit coolste Titelmusik hat und auch sonst der Soundtrack viel weniger nervt als eben bei den anderen genannten Beispielen, wo eben alles fürchterlich brachial ist, leider vor allem die Musik.

Homeland: Carrie Mathison (Claire Danes) und Mrs President-elect Elizabeth Keane (Elizabeth Marvel)

Homeland: Carrie Mathison (Claire Danes) und Mrs President-elect Elizabeth Keane (Elizabeth Marvel) Bild: JoJo Whilden/SHOWTIME

Nun glänzt auch Homeland sonst nicht gerade mit Subtilität, aber immerhin trauen sich die Macher was, mir hat das fiese Katz-und-Maus-Spiel zwischen den Geheimdienst-Veteranen Saul Berenson und Dar Adal gut gefallen, und auch, dass das Team um den Produzenten Alex Gansa genau wie so ziemlich alle anderen Kreativen in den USA bei den Präsidentschaftswahlen aufs falsche Pferd gesetzt hat – eine Mrs. President-elect war nun mal für das, was in der Staffel passiert, in jeder Hinsicht passender als eine Trump-Variante, die ohnehin nie so knallchargenhaft darstellbar wäre, wie der echte Trump agiert.

Homeland: Peter Quinn (Rupert Friend), Frannie (Claire McKenna) und Carrie Mathison (Claire Danes) Bild: Showtime

Homeland: Peter Quinn (Rupert Friend), Frannie (Claire McKenna) und Carrie Mathison (Claire Danes) Bild: Showtime

Elizabeth Keane als eine Präsidentin der vereinigten Minderheiten hingegen, die angetreten ist, um die Bürgerrechte zu stärken und Kriege zu beenden und deshalb ja auch mit knapper Mehrheit gewählt wurde, ist da für erfahrene Polit-Serien-Zuschauer doch viel glaubwürdiger, wenn sie sich am Ende als eiserne Lady entpuppt, die genau das Gegenteil von dem tut, was sie versprochen hat – hier gibt es eine Menge Parallelen zu Präsident Obama. Es ist ja nicht so, dass Keane sich nicht gegen die ihr vorgesetzten Lösungen des Staatsapparates auflehnen würde – sie versucht durchaus, eigene Akzente zu setzen. Mir hat vor allem die Folge nach dem Attentat gefallen, das Carries Schützling Sekou in die Schuhe geschoben wurde, in der sie mithilfe einer Haushälterin aus dem supersicheren Versteck entflieht, in das sie nach dem Anschlag routinemäßig gebracht wird, und nach New York zurückkehrt, um der Öffentlichkeit zu zeigen, dass sie sich eben nicht verstecken will.

Homeland: Saul Berenson (Mandy Patinkin), Bild: Showtime

Homeland: Saul Berenson (Mandy Patinkin), Bild: Showtime

Hier wird klar, dass es gewiss US-Kräfte sein müssen, die Keane unglaubwürdig machen und demontieren wollen, weil ihnen diese Präsidentin nicht passt. Natürlich wird auch hier dick aufgetragen, aber wie wir inzwischen aus dem wahren Leben wissen – manchmal ist die Realität noch schlimmer. Und dieser Brett O’Keefe (Jake Weber), ein selbsternannter Wahrheitsfanatiker, der eine provokante TV-Show betreibt, in der er „Lügen der Regierung“ aufdeckt, womit er natürlich nichts anderes als alternative Fakten produziert, die die Realität ebensowenig abbilden, wie andere fake news auch, ist leider eine Figur, die geradezu ekelhaft realistisch ist. Insofern ist es wirklich bitter, dass er am Ende dann auch noch irgendwie recht behält, weil die von ihm kritisierte Präsidentin Keane sich einmauert und knallhart ihr Ding durchzieht – natürlich bekommt sie nun von keiner Seite Lob, auch nicht von denen, die ihr unterstellt haben, dass sie genau dazu nicht fähig wäre.

Homeland: Elizabeth Keane (Elizabeth Marvel), Dar Adal (F. Murray Abraham) und Rob Emmons (Hill Harper) Bild: JoJo Whilden/SHOWTIME

Homeland: Elizabeth Keane (Elizabeth Marvel), Dar Adal (F. Murray Abraham) und Rob Emmons (Hill Harper) Bild: JoJo Whilden/SHOWTIME

Für Carries langjährigen Vertrauten Peter Quinn geht die Staffel auch nicht besser aus – er hat dank Carrie die fünfte Staffel ja ohnehin nur knapp überlebt und hadert nun mit seinen körperlichen Einschränkungen nach seiner Beinahe-Exekution als Versuchskaninchen für einen Giftgas-Anschlag des IS. Dass Carrie sich schuldig fühlt und ihn nach einigen Eskapaden bei sich zuhause aufnimmt, wird natürlich von Dar Adal auch ausgenutzt – aber eigentlich wollte ich auf etwas anderes hinaus: Peter Quinn ist natürlich trotz allem noch Peter Quinn, der erfahrene und selbst mit seinen Einschränkungen noch handlungsfähige, hochtrainierte CIA-Agent. Er kriegt heraus, was Carrie nur ahnt: Sekou war kein Attentäter, sondern nur ein Werkzeug.

Homeland: Astrid  (Nina Hoss) Bild: JoJo Whilden/SHOWTIME

Homeland: Astrid (Nina Hoss) Bild: JoJo Whilden/SHOWTIME

Peter setzt Carrie auf die richtige Spur, allerdings gerät er damit auch ins Fadenkreuz der Ermittler: Kann nicht auch ein verbitterter Veteran, dem übel mitgespielt wurde, hinter dem Attentat auf die US-Präsidentin stecken? Ironischerweise ist aber auch Peter nur ein Werkzeug in diesem bösen Ränkespiel, was Peter leider erst klar wird, als seine Freundin Astrid umgebracht wird, jene BND-Agentin, die er von früher kennt und die ihn jetzt eigentlich sanft aus dem Verkehr ziehen sollte, damit er den Keane-Gegnern nicht in die Quere kommt. Aber Quinn war ja schon immer die tragische Figur der Serie , daran ändert sich auch nichts.

Und Mrs Cry-Face Carrie? Die darf endlich einmal die richtigen Prioritäten setzen: Sich für ihre Tochter entscheiden und gegen den Job. Das wird ihr naturgemäß schwer gemacht, am Ende knickt sie aber ein, weil sie kapiert, dass Dar Adal hinter der Jugendamt-Sache steckt, mit der ihr ihre Tochter weggenommen wurde. Und weil Carrie irgendwie doch etwas gelernt hat, will sie nicht gegen Dar Adal gewinnen, sondern einfach ihr Kind wieder haben. Was am Ende sogar belohnt wird, denn Dar Adal erkennt schließlich auch, dass ihm die Sache, die er angezettelt hat, aus dem Ruder läuft und gibt Carrie den entscheidenden Tipp, der das Leben von Präsidentin Keane rettet.

Alles in allem also eine typische Homeland-Staffel, die sich auch meiner Sicht dieses Mal wirklich gelohnt hat. Und die siebte Staffel kommt – ich freu mich schon fast ein bisschen drauf.

Homeland: Brett O'Keefe (Jack Weber) Bild: SHOWTIME

Homeland: Brett O’Keefe (Jack Weber) Bild: SHOWTIME

Homeland: Wieder zuhause

Es gibt so Serien, die sehe ich eher aus Gewohnheit – eine davon ist Homeland. Hier ist die mittlerweile sechste Staffel schon recht weit fortgeschritten und natürlich bin ich wieder dabei, auch wenn ich bisher noch keine Lust hatte, darüber zu schreiben. Homeland fand ich ja nie so richtig gut, aber eben auch nicht so richtig schlecht, vor allem die ersten beiden Staffeln, die noch auf der israelischen Vorlage Hatufim beruhten, waren ziemlich okay, wenn auch oft überspannt, aber das ist ja im Grunde das Merkmal dieser Serie: Einerseits erscheint alles ganz schön weit hergeholt. Aber dank engagierter Whistleblower und dem Trumpschen Knallchargenteam, das sich nun in Washington um einen Platz im Führerhäuschen der einzigen verbliebenen Weltmacht rangelt, wissen wir, dass alles noch viel schlimmer ist als Serienschreiber sich ausdenken könnten.

Homeland Staffel 6: Reda Hashem (Patrick Sabongui) und Carrie Mathison (Claire Danes)

Homeland Staffel 6: Reda Hashem (Patrick Sabongui) und Carrie Mathison (Claire Danes)

Nachdem ich die fünfte Staffel eigentlich nur gesehen habe, weil sie in Berlin spielt – und ich finde, das ist einen Bonus wert: die erste Staffel einer US-Mainstream-Serie, die fast komplett in Deutschland spielt, das hat doch was! Allein schon das putzige Deutsch, mit dem sich die US-Elite-Agenten zu verständigen suchen – wobei die deutschen Protagonisten, die konsequenterweise auch von bekannten deutschen Schauspielern dargestellt wurden, natürlich alle fließen Englisch sprachen, während die arabischen Terroristen, die es zu stoppen galt, interessanterweise hauptsächlich deutsch untereinander reden (also im Original, die Synchronfassung ist mal wieder total unlustig und lohnt sich nicht).

Auch wenn das Ende der fünften Staffel doch eher durchwachsen war – Carrie Mathison (Claire  Danes) kann gerade so einen verheerenden Anschlag im Berliner Hauptbahnhof verhindern, dafür wird ihr langjähriger Kollege und ja – was eigentlich? Seelenverwandter in Sachen Geheimdienst? – Peter Quinn (Rupert Friend) von den bösen Islamisten als Versuchstier für ihr Giftgas-Gemisch und als Warnung für die Amis hingerichtet. Jedenfalls fast, womit ich natürlich schon wieder überspoilert habe, aber ich schreibe ja kein Werbeblog für Serien, sondern eins über individuelle Nutzererfahrungen.

Homeland Staffel 6: Dar Adal (F. Murray Abrahams) und Saul Berenson (Mandy Patinkin)

Homeland Staffel 6: Dar Adal (F. Murray Abrahams) und Saul Berenson (Mandy Patinkin)

Zum Anfang der 6. Staffel, die wieder New York spielt, erfahren wir, dass Quinn dank des Gegenmittels, das ihm ein nicht ganz so überzeugtes Mitglied der deutsch-islamistischen Terrorzelle gespritzt hat, zwar überlebt, aber schwere Nervenschäden erlitten hat.

Entsprechend mies ist Quinn auch drauf – vor allem aber scheint ihm auf die Nerven zu gehen, dass Carrie sich ständig um ihn kümmern will. Als ob sie mit ihrem neuen Job bei einer NGO ihres deutschen Gönners Otto Düring (Sebstian Koch) und ihrer Tochter Frannie nicht ohnehin schon genug zu tun hätte! Carrie wohnt ganz solide in Brooklyn und hilft jetzt Menschen, die aufgrund ihrer Herkunft Probleme mit dem US-Strafverfolgungsapparat haben. Was auch dringend nötig ist, denn inzwischen reicht ja der bloße Verdacht, irgendwas mit islamistischem Terror zu tun haben zu können, um den Rest des Lebens hinter Gittern zu verschwinden. Als einer von Carries Schützlingen, der muslimisch-nigerianisch-stämmige Sekou (J. Mallory McCree) in seinem Videoblog Videos veröffentlicht, die er an Orten historischer Attentate aufgenommen hat, gerät er ins Visier der Geheimdienste, die in dem Fall natürlich sehr gut funktionieren und den Blogger umgehend mit einer absurden Freiheitsstrafe in den Knast befördern. Carrie und ihr Mitstreiter Reda Hashem (Patrick Sabongui), ein muslimischer Jura-Professor, werden aktiv und schaffen es mit viel Mühe, Sekou wieder aus dem Knast zu holen und ihm einen Job als Fahrer für eine Firma zu verschaffen, die mit mediterranen Spezialitäten handelt. Doch ärgerlicherweise explodiert wenig später ausgerechnet der Transporter mitten in Manhattan, in dem Sekou sitzt. Die Aufregung ist natürlich gigantisch: Carrie und ihr Verein haben einen Terrorattentäter vom Knast wieder auf die Straße geholt!

Homeland Staffel 6: Sekou (J. Mallory McCree)

Homeland Staffel 6: Sekou (J. Mallory McCree)

Doch wir wären ja nicht bei Homeland, wenn die Sache so einfach wäre. Inzwischen hat nämlich auch Quinn, den Carrie bei sich aufgenommen hat, nachdem er wegen Fehlverhaltens aus seiner behandelnden Einrichtung geflogen ist, wieder fast zu alten Form gefunden – zwar nicht körperlich, worunter er nach wie vor sehr leidet, aber seine hochtrainierten Agenteninstinke haben ihn spüren lassen, dass Carries Haus überwacht wird. Die Frage ist nur, von wem. Obwohl Quinn nicht auf der Höhe ist, gelingt es ihm doch, einige Fotos zu machen, die Carrie später hoffentlich auf die richtige Spur bringen können. Doch zwischendurch überschlagen sich die Ereignisse – die andere Seite ist auch aktiv. Oder die anderen Seiten. Denn nicht mal mehr innerhalb der CIA gilt eine Linie – Dar Adal (F. Murray Abraham) spielt ein anderes Spiel als Saul Berenson (Mandy Patinkin), auch wenn sie gemeinsam dazu abgestellt wurden, die frisch gewählte Präsidentin Elizabeth Keane (Elizabeth Marvel) geheimdienstlich zu beraten.

Ich finds ganz witzig, dass Elizabeth Marvel jetzt doch als US-Präsidentin auftreten darf – in House of Cards wurde sie als Heather Dunbar und Gegenkandidatin von Frank Underwood ja auf fiese Weise ausmanövriert. Wobei hier bestätigt wird, dass auch die fantasiebegabten Schreiber von Homeland sich nicht vorstellen konnten, dass ein Donald Trump ernsthaft als US-Präsident gewählt würde. Wobei, die ganze Welt kann es ja bis heute nicht wirklich glauben, auch wenn es tatsächlich passiert ist.

Homeland Staffel 6: Elizabeth Marvel (rechts) als Elizabeth Keane, Mrs. President-elect.

Homeland Staffel 6: Elizabeth Marvel (rechts) als Elizabeth Keane, Mrs. President-elect.

Saul Berenson jedenfalls versucht jedenfalls weiterhin mit seinen sehr weit angelegten Geheim-Operationen die Weltlage im Griff zu behalten – konkret die notorisch störrischen Iraner dazu zu bewegen, der neuen Präsidentin zu versichern, dass es kein paralleles Atomprogramm in Kooperation mit Nordkorea gibt, während Dar hinter seinem Kollegen herschnüffelt, weil er offenbar eine ganz andere Agenda hat. Jedenfalls stellt sich heraus, dass Dar sowohl mit den Israelis als auch mit den Deutschen kungelt, weil er irgendwas im Schilde führt und ihm Sauls Aktionen nicht in den Kram passen. Und nicht nur das – er zieht auch Strippen, um Quinn und Carrie auszuschalten – wobei das ja nichts Neues ist. Aber es zeichnet sich ab, dass da im Hintergrund eine ganz, ganz üble Sache läuft, wenn auch noch nicht so richtig klar ist, wer gegen wen und was überhaupt. Aber wir haben ja noch ein paar Folgen.

Ich muss aber sagen, dass ich diese Staffel bisher tatsächlich wieder deutlich besser finde, als die letzten zwei, drei Staffeln zuvor – in den USA kennen sich die Amis eben besser aus als in Berlin oder Islamabad, auch wenn sie das ungern zugeben. Gut finde ich auch, dass diese Staffel vergleichsweise bedächtig erzählt wird und sich nicht von Knalleffekt zu Knalleffekt hangelt – wobei es an Überraschungen nicht mangelt, etwa als sich herausstellt, dass der mutmaßliche V-Mann, mit dem Sekou vor seinem Tod Kontakt hatte, offenbar nicht von einer staatlichen Institution eingeschleust wurde, sondern aus dem Privatsektor kommt, wie der FBI-Mann Conlin herausfindet, nachdem Carrie ihn dazu bringen konnte, entsprechende Recherchen anzustellen. Die beiden können sich nicht ausstehen, aber brauchen einander – und es stellt sich ja immer wieder heraus, dass Carrie gerade dann richtig liegt, wenn sie einen besonders absurd scheinenden Verdacht hat. Und dass sie auf der richtigen Spur sein muss, zeigt sich spätestens, als sie Conlin mit einem Loch im Kopf in seinem Haus vorfindet – wer immer hier der Feind ist, er ist gut organisiert und handelt schnell.

Homeland Staffel 6: Quinn (Rupert Friend) und Carrie

Homeland Staffel 6: Quinn (Rupert Friend) und Carrie

Und schafft es, die gefährliche Agentin Carrie in der Folge darauf komplett zu demontieren – hier wird – wie in jeder Staffel – die Carrie-ist-verrückt-Karte gespielt, dieses Mal in einer besonders perfiden Variante, nämlich in Form einer erstaunlich kompetenten und engagierten Jugendschutz-Mitarbeiterin, die Carrie ihre Tochter wegnimmt, weil diese Mutter offensichtlich eine Gefahr für das Kind darstellt – eine manisch-depressive Ex-Agentin mit einem ausgewachsen Verfolgungswahn und Zugriff auf scharfe Waffen, eine explosive Mischung, die keinem Kind zugemutet werden kann! Nicht ganz zu Unrecht, muss ich anmerken. Aber es ist ja gut zu wissen, dass Frannie in Sicherheit ist, während ihre Mutter in den kommenden Folgen sich selbst und die Welt retten muss. Oder doch wenigstens die USA. Noch fünf Folgen, dann wissen wir, wie sie es geschafft hat.

Z – The Beginning of Everything

Der Wettstreit um immer neue Inhalte, mit denen Streaming-Kunden gefüttert werden können, bringt derzeit eine ganze Reihe Serien hervor, die vielleicht nicht unbedingt das neue Breaking Bad sind, aber doch durchaus sehenswert. Amazon hat sich jetzt an einer Art neuem Downton Abbey versucht – allerdings geht es hier nicht um die Geschichte einer britischen Adelsfamilie, die mit den Umbrüchen während und nach dem ersten Weltkrieg klar kommen muss, sondern um die Lebensgeschichte zweier Kultfiguren der goldenen 20er des vorherigen Jahrhunderts, die in den USA gelebt haben: Zelda und F. Scott Fitzgerald.

In Z – The Beginning of Everything wird das Leben der jungen Zelda Sayre (Christina Ricci) erzählt. Die jüngste von drei Töchtern eines strengen Richters wächst in Montgomery, Alabama, auf. Das Klima ist warm, aber die Menschen dort sind langweilig und konservativ – und alles ist irgendwie alt, wie Zelda findet. Sie weiß zwar noch nicht, was sie stattdessen will, ist sich aber sicher, dass es überall besser sein muss als in Montgomery.

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Z – The Beginning Of Everything: Zelda (Christina Ricci)

Zelda ist jung, schön und pfeift auf die Konventionen – und kommt mit ihrer Frechheit auch immer wieder durch. Zwar nicht beim strengen Papa, aber in ihrer Mutter hat sie eine heimliche Verbündete, die ihr allerlei durchgehen lässt. Mama will doch nur, dass ihr Mädchen glücklich ist. Also sorgt sie dafür, dass Zelda nicht nur zu zweifelhaften Tanzvergnügen geht, sondern auch mit einem seriösen Ballett-Auftritt für die jungen Soldaten glänzen kann, die in Kürze nach Europa in den Krieg ziehen werden. Darunter auch der schneidige Leutnant F. Scott Fitzgerald (David Hoflin), der nach dem Krieg ein berühmter Schriftsteller werden will.

Scott verliebt sich sofort in die hübsche Tänzerin, doch die hat einen ganzen Schwarm von Verehrern und lässt sich zwar von Scott den Hof machen, lehnt seinen Antrag aber ab – obwohl er witzig und gebildet ist. Aber er ist eben auch ein Angeber, er trinkt und es ist völlig unklar, ob er von seinen Schriftsteller-Träumen jemals eine Familie unterhalten können wird. Insofern ist Zelda dann doch weniger durchgeknallt, als ihr Vater denkt, offensichtlich legt sie doch Wert auf Solidität und bandelt mit einem lokalen Langweiler aus einer guten Familie an.

Doch Scott gibt nicht auf. Er nimmt einen Brotjob in einer New Yorker Werbeagentur an und schreibt einen Roman (This Side of Paradise), der tatsächlich ein grandioser Erfolg wird. Scott holt Zelda nach New York, wo sie in so schnell heiraten, dass eine der eigens angereisten Schwestern die Zeremonie verpasst. Die anschließende Party in der Hotelsuite, in der Scott sich eingemietet hat, ist sogar für Zelda verstörend – da benehmen sich lauter Menschen daneben, die sie überhaupt nicht kennt.

Hier zeichnet sich schon ab, dass das wilde, aufregende Leben an der Seite des schillernden Scott vielleicht doch nicht das ist, was Zelda sich erhofft hat. Trotzdem lügt sie ihrer Mutter am Telefon die Hucke voll, damit die sich keine Sorgen macht. Zelda schafft es auch, sich in dieser Bohème-Szene eine gewisse Aufmerksamkeit zu verschaffen, aus der sie Kapital zu schlagen versucht – doch stellt sich heraus, dass Scott sich zwar damit abfinden kann, dass Zelda kein Heimchen am Herd ist, und haushaltstechnisch Hilfe braucht, die er ihr auch verschafft, aber gleichzeitig verwehrt er ihr das, was er für sich selbst als völlig selbstverständlich empfindet: Karriere zu machen.

Scott hat überhaupt keine Skrupel, Zeldas Aufzeichnungen für seine eigenen Werke zu benutzen – nach meinen Recherchen stammen eine ganze Reihe von Geschichten, die unter seinem Namen veröffentlicht wurden, tatsächlich von ihr – doch Zeldas Bestrebungen, sich selbst einen Namen als Künstlerin zu machen, findet er lächerlich: Das ist etwas für Männer. Vermutlich fürchtet er sich nicht zu unrecht davor, dass Zelda ihm Konkurrenz in seiner Profession machen könnte.

Doch er unterminiert auch ihre Anstrengungen, sich in anderen Bereichen einen Namen zu machen – als Zelda das Angebot bekommt, nach Hollywood zu gehen und eine Karriere als Schauspielerin zu beginnen, ist Scott dagegen: „Ohne Ausbildung, Erfahrung und Beziehungen? Die fragen dich doch nur, weil du meine Frau bist?!“ Und auch mit dem Ballett klappt es nicht, obwohl Zelda in dem Bereich ja durchaus eine Ausbildung hat und ihr Training wieder aufnimmt. So gern sich Scott mit Zelda schmückt – ihm ist es wichtig, dass sie als seine originelle und geistreiche Frau wahrgenommen wird, aber nicht als eigenständige Größe.

Insofern ist kaum verwunderlich, dass Zelda einen viel zu großen Anteil ihrer relativ wenigen Jahre in psychiatrischen Einrichtungen verbracht hat – das war früher sehr oft die Antwort auf Nonkonformität: wer sich gesellschaftlichen Gepflogenheiten nicht unterwerfen will, muss verrückt sein. Und eine Frau, die einen erfolgreichen Künstler heiratet und dann auch noch selbst Erfolg haben will, muss ja wohl doppelt verrückt sein. Auch wenn das verrückte Genie von Ehemann nicht mit Geld umgehen kann und lieber trinkt als schreibt. Das haben Frauen halt zu erleiden – sie können gern aus dem Hintergrund das Schlimmste verhindern, aber wehe, sie wollen dafür auch noch Anerkennung.

Zwar har sich inzwischen einiges geändert, aber leider noch längst nicht genug. Insofern ist Z – The Beginning of Everything eine interessante gesellschaftliche Studie der 20er Jahre des vorherigen Jahrhunderts, die daran erinnert, dass es noch einiges zu tun gibt. Weshalb ich sie unbedingt empfehle, auch wenn die Handlung vielleicht doch ein bisschen zu sehr vom einstigen Ruhm ihrer Protagonisten zehrt und nicht von einem originellen und überraschendem Drehbuch. Aber weil Amazon Serien gern im praktischen 27-Minuten-Format produziert, ist der Zeitaufwand für die 10 Teile durchaus überschaubar.