4 Blocks: Spannende Reportage aus der Parallelgesellschaft

Nachdem ich in der letzten Zeit viel darüber gejammert habe, dass es seit Jahren keine gute deutsche Serie mehr gegeben hat, kann ich jetzt berichten, dass es in diesem Jahr endlich wieder etwas Sehenswertes gibt: TNT Serie hat mit dem Gangster-Drama
4 Blocks tatsächlich etwas hingekriegt, an dem ZDFneo mit seiner Produktion Tempel ja leider kläglich gescheitert ist: Einen spannenden Mehrteiler nämlich, der ästhetisch und inhaltlich auf der Höhe der Zeit ist und tatsächlich etwas Neues über die Berliner Unterwelt erzählt, statt zum x-ten Male ausgelatschte Klischees neu zu bebildern. Hier geht es um den Aufstieg arabischer Klans, die inzwischen in einigen Berliner Bezirken das Sagen haben.

Der Libanese Ali Hamadi (Kida Khodr Ramadan), genannt „Toni“ – ob da wohl jemand an Tony Soprano gedacht hat? – lebt seit 26 Jahren in Berlin. Eigentlich wollen er und noch viel mehr seine treue und gläubige Frau Kalila (Maryam Zaree) nur gute deutsche Staatsbürger werden: Bald sollen sie endlich deutsche Pässe bekommen, und damit auch die entsprechenden Möglichkeiten, legal Geschäfte zu machen. Toni macht offiziell in Immobilien und liebt seine Frau und seine achtjährige Tochter, die er durchaus ermutigt, sich gegen die fiesen Jungs im Kiez zu behaupten. Die zum Beispiel der Ansicht sind, dass arabische Mädchen nicht Fahrrad fahren sollten. Und schon gar nicht unbegleitet.

4 Blocks: Toni Hamady (Kida Khodr Ramadan)

4 Blocks: Toni Hamady (Kida Khodr Ramadan) Bild: 4-blocks.de

Aber Toni wird immer wieder in die kriminellen Geschäfte seines chaotischen Bruders Abbas gezogen, der findet, dass sein großer Bruder, seit er Frau und Kind hat, ein echter Waschlappen geworden ist. Toni hat zwar mit vielen dreckigen Geschäften Geld verdient, aber sein Geschäftsgrundsatz ist klar: „Wir sind keine Mörder!“ Und daran hält er sich. Vor allem bringt man keine Polizisten um, denn das bringt viel zu viel Ärger. Abbas hingegen hält sich nicht daran, er hat einfach zu viel von dem Stolz, den er an seinem großen Bruder vermisst und baut immer wieder scheiße, weshalb Toni sich nicht wie geplant ins legale Familiengeschäft zurückziehen kann. Zum Glück taucht Tonis alter Kumpel Vince auf, den er seit Ewigkeiten nicht gesehen hat.

Vince hat offensichtlich eine kriminelle Neuköllner Kiezvergangenheit – und kehrt nun nach längerer Abwesenheit in sein Heimatrevier zurück. Was Toni nicht weiß: Vince ist ein V-Mann, ein Informant, den die Polizei gezielt auf Toni angesetzt hat, damit er in den inneren Zirkel des abgeschotteten Araber-Klans eindringen kann – denn aus dieser Welt dringen kaum Informationen nach außen, so dass die Ermittlungsbehörden seit Jahren im Dunkeln tappen.

4 Blocks: Toni Hamady (Kida Khodr Ramadan) und sein Bruder Abbas (Veysel Gelin)

4 Blocks: Toni Hamady (Kida Khodr Ramadan) und sein Bruder Abbas (Veysel Gelin)eBild: 4-blocks.d

Und Vince ist ziemlich gut: Er hat einerseits den nötigen Stallgeruch, er kennt Toni und seine Familie von früher, andererseits hat er aber auch ein intaktes Unrechtsbewusstsein, viel Einfühlungsvermögen und gute Nerven – Toni führt Vince zu Abbas Ärger in die engeren Familienkreise ein und Vince bewährt sich, er übernimmt die dreckigen Jobs, die Toni seiner Familie wegen nicht mehr selbst machen will, für die Abbas aber ungeeignet ist. Denn Toni ist sehr daran gelegen, unter dem Radar zu bleiben, er weiß, dass er sich keinen Ärger leisten kann.

Mich erinnert das alles sehr an Undercover, jene bulgarische Serie, in der ein Informant in die bulgarische Mafia eingeschleust wird – diese Serie ist übrigens ebenfalls ein echter Geheimtipp. Aber es gibt auch Anklänge an die italienische Mafia-Serie Gomorrha, das israelische Undercover-Drama Fauda und nicht zuletzt einen Schuss Sons of Anarchy.

4 Blocks ist eine interessante Milieustudie einer gegen Fremde abgeschotteten Parallelgesellschaft, die sich in den bisher vernachlässigten Vierteln von Berlin (und anderen deutschen Großstädten) entwickelt hat und erzählt die Geschichte der Familie Hamady, eines jener berüchtigten arabischen Clans, von denen in letzter Zeit sehr viel die Rede ist: Wie bereits in den Herkunftsländern ist die Familie oft die einzige ökonomische und soziale Absicherung für ihre Mitglieder – und die sind zahlreich. Die Familie ist für diese Menschen die einzige Instanz, die zählt. Gut ist, was das Ansehen und den Reichtum der Familie mehrt, alles andere ist schlecht oder interessiert bestenfalls nicht. Was nicht heißt, dass es innerhalb der Familien keine Konflikte gibt – aber die werden untereinander geregelt. Und gegen alle anderen hält die Familie zusammen.

4 Blocks: Toni Hamady (Kida Khodr Ramadan), Vince Kerner (Frederick Lau) und Abbas (Veysel Gelin)

4 Blocks: Toni Hamady (Kida Khodr Ramadan), Vince Kerner (Frederick Lau) und Abbas (Veysel Gelin) Bild: 4-blocks.de

Diese Parallelgesellschaften sind auch ein Produkt verfehlter Politik im Umgang mit Kriegs- und Wirtschaftsflüchtlingen und komplett misslungener, oder eigentlich eher gar nicht erst versuchter Integration dieser Menschen in das hiesige Gesellschaftssystem: Weil es für die oft nur geduldeten ehemaligen Flüchtlinge extrem schwierig war und ist, an legale Jobs zu kommen, haben sie sich eben mit den illegalen Möglichkeiten der Geldbeschaffung befasst und sind mittlerweile in so ziemlichen allen Bereichen der organisierten Kriminalität vertreten, vom Drogenhandel über Prostitution, Schutzgelderpressung, windige Immobiliengeschäfte, Versicherungsbetrug und dergleichen mehr.

Und so behalten sie oft auch die patriarchalisch geprägten Strukturen ihrer Herkunftsgesellschaften bei: Die Männer haben das Sagen, die Frauen unterstützen ihre Männer. Erstrecht, wenn sie Unterstützung brauchen – als Tonis nicht ganz so heller Schwager Latif ins Gefängnis kommt, ist seine Frau Amara natürlich erstmal sauer auf ihn – aber ihre Schwägerin Kalila überzeugt sie, dass sie nun erstrecht für ihren Mann da sein müsse. Und natürlich nimmt Abbas Amara und ihren Sohn bei sich zu Hause auf – es muss ja alles seine Ordnung haben. Amara ist von der Lösung wenig begeistert, denn Abbas nervt mit seinem Kontrollwahn – aber eine gute arabische Frau fügt sich in ihr Schicksal. Interessanterweise hat Abbas aber eine Frau aus einem anderen Kulturkreis auserwählt – er ist mit der ehemaligen Prostituierten Ewa zusammen, die aus Polen kommt. Und Ewa tut sich schwer damit, die Regeln der Familie Hamady zu akzeptieren – etwa, sich nicht einzumischen, wenn die Männer etwas untereinander zu bereden haben. Und das es beim Shoppen keinen Schampus, ja nicht mal Prosecco gibt.

4 Blocks: Amara (Almila Bagriacik) und Vince (Frederick Lau)  Bild: 4-blocks.de

4 Blocks: Amara (Almila Bagriacik) und Vince (Frederick Lau) Bild: 4-blocks.de

Auch die Welt der Hamadys ist in mehrere Sphären getrennt – nach innen gibt es spießiges Familienglück, nach außen hartes kriminelles Tagesgeschäft. Regisseur Marvin Kren und sein Kameramann Moritz Schultheiß finden dazu die passenden Bilder – allein der Auftakt in der High-Deck-Siedlung nahe der Sonnenallee in Neukölln ist grandios: In der einstmals als progressiven Sozialbau konzipierten Beton-Kulisse eines heruntergekommenen Berliner Slums (hier ist es fast so schön wie in der neapolitanischen Beton-Sünde, die in Gomorrha eine heimliche Hauptrolle spielt) verfolgen überforderte Polizeibeamte einen ausländischen Drogendealer, der einen Trainingsanzug mit den Insignien der deutschen Fußball-Nationalmannschaft trägt. Auf der oberen Ebene rotten sich Jugendliche zusammen – die Fronten sind klar: Alle gegen die Polizei. Die ihren Einsatz angesichts der eindeutigen Übermacht abbrechen muss – dieser Block ist eine NoGo-Area, soviel ist klar, zumindest für die Polizei.

Und nicht nur in der Bildsprache wird viel zitiert und auf anderes verwiesen. Mir gefällt die Art, in der das umgesetzt wird, sehr gut. Nichts ist mariniert, es ist eher augenzwinkerndes Understatement, das die Geschichte illustriert, zum Teil tatsächlich ziemlich komisch ist und mich schon deshalb nicht nervt. Wobei ich weiß, dass das Geschmacksache ist, aber ich hatte bei den drei Folgen, die ich bisher sehen konnte, viel Spaß daran. Die erste Staffel hat sechs Teile und die gute Nachricht ist, dass eine zweite Staffel bereits bestellt ist. Ich bin sehr gespannt.

Bosch: Die 3. Staffel lohnt sich

Hieronymus Bosch, der knurrige Detective von der Mordkommission des LAPD, ist mein derzeitiger Lieblingsermittler aus den USA. Insofern war ich sehr erfreut, dass die dritte Staffel der Serie Bosch in Deutschland zeitnah zur Verfügung stand.  Die neue Staffel setzt 16 Monate nach den Ereignissen der zweiten Staffel ein – hier ging es unter anderem um einen Mordfall, in den die armenische Mafia verwickelt war und den Tod des Sohnes von Deputy Chief Irvin Irving (Lance Reddick), der während eines Einsatzes erschossen wurde. Außerdem konnte Bosch endlich den Mord an seiner Mutter aufklären – der ihn allerdings auch in der dritten Staffel noch nicht wirklich los lässt.

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Während Bosch (Titus Welliver) gemeinsam mit der Staatsanwältin Anita Benitez (Paola Turbay) darum kämpft, dass seine Ermittlungen aus der Staffel zuvor überhaupt zu einem Prozess führen, liegt schon eine neue Leiche in einem schäbigen Wohnmobil. Die Kollegen winken ab – es sieht nach einem Mord im Obdachlosen-Mileu aus, ziemlich aussichtslose Sache. Aber die sind, wie wir wissen, Boschs besondere Spezialität: Entweder zählt jeder oder keiner.

Also fängt Bosch an zu ermitteln. Es dauert gar nicht lange, da fällt Bosch eine zweite Leiche vor die Füße – oder eher auf die Füße, denn der mutmaßliche Mörder Billy Meadows, den Bosch schon seit einiger Zeit rankriegen will, begeht Selbstmord. Die Kollegen, die den Fall übernehmen, kommen schnell darauf, dass hier wohl nachgeholfen wurde – was für Bosch aber blöd ist, denn dadurch kommen sie auch seiner eigenmächtigen Ermittlung auf die Spur: Bosch hatte heimlich Kameras installiert, um den Kerl zu überwachen. Vor allem Boschs Partner Jerry Edgar (Jamie Hector) ist irritiert, als die Kollegen ihm stecken, dass Bosch offenbar in die Sache verwickelt ist.

Und dann ist da auch noch die Presse:  Der umtriebige Reporter Scott Anderson (Eric Ladin) würde zu gern endlich mal wieder eine richtig große Story schreiben – und weil es nicht gut aussieht, wenn jemand intern einen Kollegen verpfeift, kann man ja auch einen Tipp an die Medien geben und drauf vertrauen, dass die interne Ermittlung spätestens dann aufmerksam wird, wenn etwas in der Zeitung steht, was am Image der ohnehin schon nicht beliebten Polizei kratzt.

Harry Bosch (Titus Welliver) und Lieutenant Grace Billets (Amy Aquino)

Harry Bosch (Titus Welliver) und Lieutenant Grace Billets (Amy Aquino)

Bosch schafft es also einmal mehr, gleich mehrfach anzuecken –  und es ist ihm lange nicht klar, wer dieses Mal der fieseste seiner Gegner ist. Denn der selbstverliebte Hollywood-Regisseur Andrew Holland, den Bosch gern wegen des Mordes an einem Callgirl rankriegen würde, aber sonst nicht für voll nimmt, ersinnt einen perfiden Racheplan, der erstmal ganz gut funktioniert – aber am Ende ist Holland von seinem eigenen Drehbuch dermaßen begeistert, dass er über seine Eitelkeit stolpert: Er hätte das alles lieber für schön sich behalten sollen.

Die ehemaligen Special-Forces-Kämpfer, die hinter dem Mord an ihrem gestrauchelten Kumpel ihm Wohnmobil stecken, sind da schon ein anderes Kaliber – aber Bosch kennt sich mit diesen Typen aus, schließlich war er selbst einmal einer von ihnen. Er weiß, wie gefährlich die werden können, was seine Rolle als alleinerziehender Vater einer Teenie-Tochter nicht gerade erleichtert. Denn Maddie (Madison Lintz)  wohnt nun bei ihm, nachdem ihre Mutter Eleanor (Sarah Clarke) als professionelle Pokerspielerin nach Hongkong gezogen ist.

Maddie will ins Auswahl-Team der Volleyballmannschaft ihrer Schule und sie will Autofahren lernen – Bosch muss sich also in Verständnis und Geduld üben, was nicht seine besonderen Stärken sind. Aber er meistert das ganz gut, zumal er seine Tochter überzeugen kann, dass es für alle Beteiligten besser ist, wenn sie eine Weile zu Grace (Amy Aquino) zieht, der manchmal zu verständnisvollen Vorgesetzten von Bosch. Genau das wird Lieutenant Grace Billetts, die gern zum Captain aufsteigen würde, auch zum Verhängnis, obwohl sie, genau wie Bosch, wahnsinnig qualifiziert ist und einfach gute Arbeit macht.

Harry Bosch (Titus Welliver) und Maddie (Madison Lintz) Bild: mfdb.org

Harry Bosch (Titus Welliver) und Maddie (Madison Lintz) Bild: mfdb.org

Genau das ist es, was ich an dieser Serie mag: Wie bei der legendären Serie The Wire sind die Polizisten, (aber auch die Gangster) alle ernsthaft bei der Arbeit, auch wenn die oft aus nervtötender Routine besteht – am Ende ist es eben ein einziger fehlender Eintrag in einer offiziellen Ermittlungsakte, der beim Abgleich mit einer älteren Kopie des Originals auffällt, weil er dort noch vorhanden ist und darauf hinweist, dass hier offenbar etwas vertuscht werden soll.

Es geht bei Bosch nicht darum, immer noch spektakulärere Verbrechen zu inszenieren und die Zuschauer möglichst lange an der Nase herumzuführen, sondern einfach um solides Krimi-Handwerk: Je nach Spurenlage sieht ein Fall so oder anders aus. Insofern ist Bosch schon fast frustrierend realistisch, auch wenn die Serienmacher sich natürlich eine Reihe fernsehtauglicher Charaktere ausgedacht haben, die mehr oder weniger liebenswerte Schrullen haben und für die Serie gut funktionieren. Die Serienmacher geben ihnen Raum, sich zu entfalten, Boschs Kollegen sind allesamt ernstzunehmende Polizisten und nicht einfach nur Stichwortgeber, und auch die Typen auf der anderen Seite haben ihre eigenen Geschichten.

Insofern erinnert Bosch auch ein bisschen an Kommissarin Lund, die sture dänische Ermittlerin, die ihr Privatleben und ihre Karriere ruiniert, um eine ganze ausführliche Staffel lang einen einzigen Fall zu lösen – wobei Bosch zu cool ist, um das dermaßen auf die Spitze zu treiben. Und er ist einfach zu gut, um ihn stillzulegen: „Wollen Sie wirklich einen Detective aus dem Dienst ziehen, der in den letzten zehn Jahren 33 Morde aufgeklärt hat?“ fragt sein Oberboss entsetzt, als die interne Ermittlung ihm genau das nahelegt. Bosch kommt also wieder mit einem blauen Auge davon – aber wir brauchen ihn mindestens für eine Staffel vier noch, denn es ist noch längst nicht alles aufgeklärt.

Sneaky Pete: Das Doppelleben des Marius J.

Mit der Geschichte eines Trickbetrügers, der sich in eine fremde Familie einschleicht, indem er sich als der lange vermisste Enkelsohn ausgibt, hatte ich gewisse Anlaufschwierigkeiten: Zu unwahrscheinlich und überkonstruiert, um richtig gut sein zu können. Dachte ich.

Aber Marius Josipovic (Giovanni Ribisi) ist tatsächlich dermaßen überzeugend, dass mich die Sache dann doch gepackt hat. Nicht nur, weil er sich drei Jahre lang die Kindheitsgeschichten seines Zellengenossen Pete Murphy anhören musste, die Marius mittlerweile besser kennt, als Pete selbst, der noch ein paar Jahre absitzen muss. Marius hat ein fantastisches Gedächtnis, ein erstaunliches Einfühlungsvermögen, einen Blick für die wichtigen Details und wirklich gute Nerven. Und er ist ein begnadeter Spieler – Pete ist so gut, dass er jeden austricksen kann. Nun ja, fast jeden.

Beim Unterweltboss Vince Lonigan (Bryan Cranston) hat er es auch versucht – was aber schief gegangen ist. Jetzt hat Marius zwar seine Strafe abgesessen, schuldet Vince aber noch immer 100 000 Dollar, die er natürlich nicht hat. Aus dem Grund muss er unbedingt abtauchen – er weiß, was ihm blüht, wenn die Leute von Vince ihn erwischen. Also braucht er am besten gleich ein neues Leben.

Sneaky Pete: Marius Josipovic (Giovanni Ribisi) Bild: Amazon

Sneaky Pete: Marius Josipovic (Giovanni Ribisi) Bild: Amazon

Deshalb überzeugt Marius den Busfahrer, der die frisch Freigelassenen in die Stadt bringt, ihn schon ein paar Ecken früher rauszulassen und macht sich auf den Weg zur Farm von Petes Großeltern. Die haben ihren Enkel seit 20 Jahren nicht gesehen und daher keine Ahnung, wie der Junge jetzt aussieht. Was praktisch ist, denn Marius sieht Pete keineswegs ähnlich.

Natürlich sind Otto (Peter Gerety) und Audrey (Margo Martingale) total überrascht, als Pete vor ihrer Haustür steht, aber sie sind ausgesprochene Familienmenschen. Natürlich schicken sie den verloren geglaubten Enkel nicht weg – zumal sich schnell herausstellt, dass er mit seinen speziellen Talenten doch prima ins lokale Familiengeschäft integrieren lässt. Pete behauptet, als Versicherungsagent gearbeitet zu haben. Familie Bernhardt ist im Kautionsgeschäft: In den USA können sich Angeklagte gegen die Zahlung einer vom Gericht festgesetzten Kaution die Untersuchungshaft ersparen – die Kaution soll sicherstellen, dass sie tatsächlich zur Hauptverhandlung erscheinen.

Weil aber viele Kleinkriminelle eine solche Kaution nicht selbst aufbringen können, gibt es eben jene Kautionsbüros, die ihren Klienten – in der Regel gegen zusätzliche Sicherheiten – eine Kaution fürs Gericht leihen. Eine normale Bank würde das wegen des doch recht hohen Risikos nicht tun. Eben wegen dieses Risikos haben Kautionsagenten allerdings einige Befugnisse, die Bankangestellte nicht haben – sie dürfen beispielsweise ihre Kunden, wenn sie sich verdrücken wollen, verfolgen und verhaften, notfalls auch mit Waffengewalt.

Sneaky Pete: Julia (Marin Ireland) und

Sneaky Pete: Julia (Marin Ireland) und „Pete“ (Giovanni Ribisi) Bild: Amazon

Erscheint der Vorgeladene nicht vor Gericht, fällt die Kaution nach einer bestimmten Frist an den Staat. Der Kautionsagent muss dann bis zu diesem Termin zahlen. Natürlich haben Kautionsbüros ein außerordentliches Interesse daran, dass ihre Kunden vor Gericht erscheinen. Wenn das ordentliche Gerichtsverfahren abgeschlossen ist, wird die hinterlegte Kaution zurück erstattet – dabei spielt keine Rolle, zu welchem Urteil das Gericht gekommen ist. In diesem Business also sind Otto, Audrey und Petes „Cousine“ Julia Bernhardt (Marin Ireland) tätig – und sie können gerade jetzt gut Hilfe brauchen.

Und Pete, vielmehr Marius erweist sich als ziemlich geschickt, er weiß ja, wie Kriminelle ticken. Allerdings hat er ganz andere Pläne – im Kautionsbüro steht ein massiver Safe, in dem eine ziemlich große Bargeldsumme liegen soll. Da will Marius ran, denn Vince hat Marius kleinen Bruder Eddie (Michael Drayer) in seiner Gewalt – und wenn Marius nicht bald mit den noch ausstehenden 100 000 rüberkommt, wird Eddie das nicht überleben.

Insofern ist Petes Doppelleben wirklich aufreibend, zumal er auch immer mal wieder als Marius Josipovic auftreten muss, schließlich gibt es da noch seinen enervierend engagierten Bewährungshelfer, ein ehemaliger Marine, der es mit den geltenden Regeln sehr genau nimmt. Ach ja, und Petes „Cousin“ Taylor (Shane McRae)  ist ausgerechnet Cop geworden. Zum Glück kein besonders guter.

Sneaky Pete: Familie Bernhardt Julia, Taylor, Audrey und Otto Bild: Amazon

Sneaky Pete: Familie Bernhardt Julia, Taylor, Audrey und Otto Bild: Amazon

Da erweist sich die kleine „Cousine“ Carly immer wieder als gewitzer und damit auch gefährlicher für Pete – denn, so doof sind die Bernhardts dann doch nicht, sie fragen sich schon, warum Pete ausgerechnet jetzt wieder auftaucht und was er eigentlich von ihnen will. Aber wie sich herausstellt, hat jeder in dieser Familie etwas zu verbergen – insofern besteht dann doch eine gewisse „Familienähnlichkeit“. Leider auch in Sachen Geld – es ist nämlich keins da. Nicht nur zu Petes großer Verzweiflung ist der Safe nämlich leer, als er nach langem Hin-und-Her endlich geöffnet wird. Aber wo ist die Kohle hin, die offenbar jemand anders noch dringender gebraucht hat als Pete selbst?

Die Serie nimmt erst nach ein paar Teilen so richtig an Fahrt auf – aber dann wird sie immer besser. Breaking-Bad-Veteran Bryan Cranston war sowohl an der Entwicklung der Serie als auch an der Produktion beteiligt, und vermutlich war es ein Glücksfall, dass Amazon sich interessiert zeigte, nachdem CBS nach der eben noch nicht so richtig zündenden Pilotfolge kalte Füße bekommen hatte. Denn in den neun restlichen Folgen wird es dann noch richtig gut: Für Marius geht so ziemlich alles schief, was schief gehen kann – aber dieses Prinzip kennt man ja schon aus Breaking Bad: Was auch immer als großer Befreiungsschlag geplant ist, geht am Ende nach hinten los und macht alles noch viel schlimmer.

Sneaky Pete: Eddie (Michael Drayer) Bild: Amazon

Sneaky Pete: Eddie (Michael Drayer) Bild: Amazon

Auch wenn in Sneaky Pete eine ganz andere Geschichte erzählt, kämpft sich ihr Held durch ein episches Dilemma, das mit jeder neuen Lüge noch fatalere Konsequenzen nach sich zieht. So ist der arme Eddie bald nur noch deshalb am Leben, weil die schöne Karolina (Karolina Wydra) immer wieder ein gutes Wort für den ihn einlegt. Vor allem aber, weil Vince einen Falschspieler entlarven will, der in seinem illegalen Kasino einfach zu oft gewinnt.  Dazu bracht Vince nämlich einen eigenen Falschspieler, und Eddie ist zwar nicht Marius, aber der beste, den Vince im Augenblick bekommen kann.

Otto hingegen ist so verzweifelt, dass er einen Auftragskiller beauftragt, ihn umzubringen, damit seine geliebte Audrey wenigstens das Geld für die Lebensversicherung bekommt. Audrey nun wieder hat sich von Julias schmierigen Ex-Mann Lance (Jacob Pitts) in windige Immobiliengeschäfte ziehen lassen – hierhin ist nämlich das Geld verschwunden, das jetzt an allen Ecken und Enden so dermaßen fehlt. Und dann sind da auch noch kriminelle Klienten, die ihr Geld zurückhaben wollen, das sie als Sicherheit für ihre Kaution hinterlegt haben und vor Gewalt nicht zurückschrecken. Alles ziemlich verzwickt. Und nicht alle kommen unversehrt aus dieser Sache raus.

Sneaky Pete: Maris (Giovanni Ribisi) und Vince (Bryan Cranston) Bild: Amazon

Sneaky Pete: Maris (Giovanni Ribisi) und Vince (Bryan Cranston) Bild: Amazon

Zum nervenzerfetzenden Finale hin trumpft die Serie auch noch mit einer Der-Clou-mäßigen Supernummer im Kasino auf, mit der sich Marius und seine Freunde grandios an Vince rächen wollen. Aber der hat geahnt, dass er abgezockt werden soll, nur noch nicht von wem und wie – ein alter Gangster wie Vince ist halt wirklich kaum reinzulegen. Da braucht es auch noch deutlich mehr als den besten Falschspieler der Welt – aber Marius weitere Stärke ist, dass er immer wieder in der Lage ist, die jeweiligen Interessen der anderen in seine eigenen Pläne einzubeziehen. Natürlich werden die Nummern, die er abzieht, damit immer komplexer und auch für die Beteiligten nicht mehr durchschaubar – aber das ist eben auch der Witz daran.

Auf jeden Fall ist Sneaky Pete eins der derzeit interessantesten Serienprojekte von Amazon – eine zweite Staffel wurde bereits angekündigt. Ich bin auf jeden Fall gespannt, zu sehen, wie es mit Pete/Marius und der Familie Bernhardt weiter geht – die nicht nur Marius irgendwie ans Herz gewachsen ist.

Modus: Das Böse aus Übersee

Im ZDF läuft sonntags um 22 Uhr derzeit der Vierteiler Modus. Den konnte ich als interessierte Schwedenkrimi-Konsumentin natürlich nicht auslassen. Zumal Melinda Kinnaman mitspielt, eine der großen Schwestern von Joel Kinnaman, der gerade in Hollywood so richtig durchstartet. Aber zurück nach Schweden – wobei, das Buch Gotteszahl von Anne Holt, das Grundlage für diesen Vierteiler hergenommen wurde, spielt eigentlich in Norwegen. Aber das ist eigentlich auch egal, der Mörder jedenfalls ist ein durchgeknallter US-Amerikaner – die Zuschauer wissen von Anfang an, wer der Mörder ist. In Modus geht es also eher darum, wie lange die Kriminal-Psychologin Inger Johanne Vik (Melinda Kinnaman) brauchen wird, um ihm auf die Spur zu kommen.

Modus Bild: zfd.de

Modus Bild: zfd.de

Es ist kurz vor Weihnachten. Johanne (Melinda Kinnaman) ist mit ihren Töchtern zur Hochzeit ihrer Schwester in Stockholm. Während die Erwachsenen feiern, vertreiben sich die Kinder die Zeit mit Fernsehen und Smartphone-Spielen im Hotelzimmer. Johannes ältere Tochter Stina (Esmeralda Struwe) kann nicht einschlafen – und wie sich noch herausstellen wird, ist sie ohnehin ziemlich eigen: Sie ist autistisch und kann nicht gut mit anderen reden – schon gar nicht, wenn es um Gefühle geht. Und wie es der Zufall in Krimis so will, wird Stina Zeugin eines Mordes, der ganz Schweden noch beschäftigen wird: In jenem Hotel wird nämlich die beliebte TV-Köchin Isabella Levin (Julia Dufvenius) umgebracht. Doch sie ist nur das erste Opfer in einer Serie von rätselhaften Morden.

Der Täter sieht Stina, die daraufhin verstört die Flucht ergreift. Sie rennt im Schlafanzug auf die Straße, wo sie fast von einem Lkw überfahren wird – doch ausgerechnet der Mörder (Marek Oravec als Richard Forrester) rettet das Kind im letzten Augenblick und verschwindet dann unerkannt im Dunkel. Als der Kriminalbeamte Ingvar Nyman (Henrik Norlén) eher zufällig am Unfallort auftaucht, ist er längst verschwunden.

Modus: Forrester (Marek Oravec) und Stina (Esmeralda Struwe) Bild: zfd.de

Modus: Forrester (Marek Oravec) und Stina (Esmeralda Struwe) Bild: zfd.de

Wie sich dann herausstellt, haben Johanne und Ingvar eine gemeinsame Vergangenheit, an die sie im Verlauf der Handlung wieder anknüpfen. Warum auch nicht, Johanne ist von ihrem Mann Isak geschieden, der wiederum eine neue Partnerin hat. Johanne war zwischendurch Profilerin beim FBI, hat diesen Job aber aufgegeben, weil sie zu sehr darin aufgegangen ist und darüber ihre Kinder vernachlässigt hat – das ist ein Konflikt, den ich nur zu gut nachvollziehen kann. Es werden ja nun wirklich unerfüllbare Anforderungen an Mütter gestellt, insbesondere, wenn sie darauf angewiesen sind, selbst für sich und die Kinder Geld verdienen zu müssen. Und gerade wenn sie dann noch einen Job haben, in dem sie richtig gut sind, ist es geradezu unvermeidlich, dass es immer wieder knallt und entweder der Job oder die Kinder zu kurz kommen.

Johanne Vik hat sich schließlich für ihre Kinder entschieden und ist ausgestiegen, um jetzt als freie Autorin mehr freie Zeit zu haben (was für eine naive Idee ist das denn? Aber okay, vielleicht geht das mit Büchern über Mörder) Aber natürlich kommt alles ganz anders. Stina ist offensichtlich traumarisiert von dem, was sie erlebt hat, kann es aber nicht mitteilen. Sie schweigt – zumal der Mörder sie aufsucht und ihr droht – offenbar erkennt er aber auch, dass sie anders ist und er sich deshalb darauf verlassen kann, dass sie nichts sagen wird.

Modus: Inger Johanne Vik (Melinda Kinnaman)  Bild: zfd.de

Modus: Inger Johanne Vik (Melinda Kinnaman) Bild: zfd.de

Johanne und Ingvar können sich Stinas Verhalten nicht erklären, die sich jetzt noch eigenartiger benimmt als zuvor – was ich ehrlich gesagt ziemlich schwach für eine ehemalige FBI-Profilerin finde. Aber natürlich ist es schwierig, einen Vierteiler zu machen, wenn die Heldin der Geschichte alles schon im ersten Teil herausfindet.

Isabella Levins Leiche bleibt deshalb zunächst unentdeckt und der Mörder schlägt wieder zu.  Ausgerechnet an Heiligabend tötet er die beliebte, aber auch umstrittene Bischöfin von Uppsala. Ingvar bittet Johanne, ihn als Profilerin bei der Lösung dieses Falles zu unterstützen. Als die besorgte Partnerin der Köchin herausfindet, dass ihre Freundin gar nicht wie geplant bei ihren Kindern war und nach ihr sucht, wird auch die Leiche der TV-Köchin entdeckt. Gibt es einen Zusammenhang zwischen den beiden Morden?

Modus: Ingvar Nyman (Henrik Norlén) Bild: zfd.de

Modus: Ingvar Nyman (Henrik Norlén) Bild: zfd.de

Außerdem hat Johanne mitgekriegt, dass jener rätselhafte Mann, der Stina in jener Nacht gerettet hat, sie aus welchen Gründen auch immer beobachtet – sie ist nun alarmiert und will schon aus Eigeninteresse bei der Aufklärung der Morde helfen – zumal sich nun ja auch herausstellt, dass sie und ihr Kinder am Abend, an dem Isabella erfordert wurden, in der Nähe des Tatorts waren.

Natürlich bleibt es nicht bei diesen beiden Morden – Forrester, der in einen Wohnwagen im tiefverschneiten nordischen Wald lebt und offenbar über jeweils ein spezielles Smartphone, von denen er insgesamt sechs in einer Kiste hat, mit weiteren Morden beauftragt wird, schlägt wieder zu. Wie Johanne noch herausfinden wird, ist er der bewaffnete Arm einer autoritären Sekte, die im liberalen skandinavischen Gesellschaftsmodell den Grund für alles Übel in der Welt sieht: Gleichgeschlechtliche Beziehungen, Regenbogenfamilien und diese ganze beschissene Toleranz der Skandinavier ist Ausdruck der Verderbtheit dieser Welt und muss entsprechend bestraft werden – der Mörder ist im Auftrag des Herrn unterwegs.

Modus: Erik Lindgren (Krister Henriksson) Bild: zfd.de

Modus: Erik Lindgren (Krister Henriksson) Bild: zfd.de

Das ist einerseits interessant, weil genau dieser Offenheit für alternative Lebensmodelle einen großen Teil der hohen Lebensqualität in skandinavischen Ländern ausmacht. Somit löst auch Modus ein, was das Wesen nordischer Krimis ausmacht: Das sie vor allem Gesellschaftsanalysen, Sozialdramen und Beziehungsgeschichten sind. Und obwohl es von all dem in Modus eine Menge gibt, fand ich den Vierteiler am Ende doch nicht so richtig überzeugend – obwohl für die Drehbücher das dänische Autoren-Paar Mai Brostrøm und Peter Thorsboe zuständig war, das bereits für einige internationale Serienhits verantwortlich ist, etwa für  The Team, Der Adler oder Unit One – Die Spezialisten.

Am Ende fand ich die Geschichte doch ziemlich überkonstruiert – keine Frage, es gibt Typen, die einen Haß auf die Gesellschaft haben, es gibt Schwulen- und Lesbenhasser, und es gibt Menschen, die ausflippen, weil sie wollen, dass alles wieder so wie früher ist, in gottgewollter Ordnung, wo jeder weiß, was er oder sie zu tun hat. Die gibt es in jeder Gesellschaft – da braucht man keinen Rächer aus Amerika. Mir gefallen jene skandinavischen Krimis besser, in denen es darum geht, warum sich jemand in der eigenen, ach so offenen und toleranten Gesellschaft entscheidet, zum Verbrecher zu werden – oder jene, die sich damit beschäftigen, warum eben jene Gesellschaft bestimmte Verbrechen einfach nicht in den Griff kriegt. Insofern ist Modus kein besonders gutes Beispiel für einen gelungenen Schwedenkrimi, auch wenn ich Melinda Kinnaman und Henrik Norlén gern bei der Arbeit zusehe. Aber es halt ist keine der Serien, die man gesehen haben muss.

Secrets and Lies

Ganz in der britischen Tradition verstörender Miniserien steht der australische Sechsteiler Secrets and Lies: Ein Familienvater findet morgens beim Joggen ein schwer verletztes Kind im Wald. Es handelt sich um den vierjährigen Sohn der  alleinerziehenden Nachbarin Jess (Adrienne Pickering). Ben Gundelach (Martin Henderson) rennt panisch nach Hause, um Rettungskräfte und Polizei zu alarmieren. Natürlich ist er voller Blut, denn er wollte ja sehen, ob er dem Jungen noch helfen kann: Doch es stellt sich schnell heraus, dass hier nicht mehr zu machen ist: Der kleine Thom wurde brutal erschlagen.

Schnell fällt der Verdacht auf Ben – schließlich war er allein am Tatort und er hat für die fragliche Zeit kein Alibi. Ben ist fassungslos: Nur weil er den Jungen zufällig gefunden hat, ist er doch nicht der Mörder! Aber es stellt sich schnell heraus, dass dieser blöde Zufall das Potenzial hat, sein ganzes Leben zu ruinieren – und das seiner Familie dazu. Denn so einfach, wie Ben die Sache auch vor sich selbst gern darstellen würde, ist es nicht. Nicht umsonst lautet der Titel der Miniserie „Geheimnisse und Lügen“.

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Davon werden nach und nach eine ganze Menge ans Tageslicht gezerrt und wie so oft stellt sich vieles plötzlich anders dar, als es anfangs aussah. Und auch Ben beginnt, an seiner eigenen Version der Dinge zu zweifeln – denn er kann sich nämlich kaum noch an die Nacht vor jenem grauenhaften Morgen erinnern, weil er mit einem Kumpel etwas trinken war und einen Filmriss hatte.

Dazu kommen noch einige blöde Zufälle, die ihn schlecht aussehen lassen. So ist Bens Taschenlampe verschwunden – die smarten Forensiker finden natürlich heraus, mit was für einem Gegenstand der Junge erschlagen wurde: Es handelt sich genau um das Modell, das in Bens Werkzeugkiste fehlt.

Warum in aller Welt hätte er dem Jungen etwas tun sollen, fragt er den ermittelnden Detective Ian Cornielle (Anthony Hayes) entnervt. „Genau das werde ich herausfinden“, sagt Cornielle. Tatsächlich ermittelt die Polizei zwar in viele Richtungen, Cornielle kommt aber immer wieder auf Ben zurück, der seinerseits versucht, zu beweisen, dass er nicht der Mörder des kleinen Jungen sein kann.

Screenshot Secrets and Lies - Ben  Gundelach (Martin Henderson) und Eva (Piper Morrissey)

Screenshot Secrets and Lies – Ben Gundelach (Martin Henderson) und Eva (Piper Morrissey)

Aber wie das so ist: Wird man erst einmal verdächtigt, dann bleibt auch etwas hängen, ganz gleich, ob man der Täter ist oder nicht: Bens Frau Christy (Diana Glenn) hat nun einen willkommenen Grund mehr, aus der kriselnden Ehe auszubrechen. Ben erfährt jetzt, dass Christy schon länger einen Freund hat und ihn ohnehin verlassen wollte. Und inzwischen ist Christy sogar egal, dass sie eigentlich wegen der Kinder mit Ben zusammen Weihnachten feiern wollte – sie reicht die Scheidung ein und zieht mit den Töchtern Tasha (Philippa Coulthard) und Eva (Piper Morrissey) aus.

Auch die Nachbarn wenden sich von Ben ab, die meisten wollen nicht mal mehr mit ihm sprechen und werfen ihn Zettel in den Briefkasten, wenn sie etwas von ihm wollen. Es dauert auch nicht lange, bis jemand „Kindermörder“ an seinen Gartenzaun schmiert. Schlimmer noch: Auch seine Kunden ziehen ihre Aufträge zurück, denn die Medien berichten natürlich über das Verbrechen und spekulieren über mögliche Täter.  Von einem mutmaßlichen Kindermörder möchte man das Haus nicht frisch gestrichen kriegen. Zumal Ben Zusagen gegenüber Kunden, die nach viel Überzeugungsarbeit weiterhin auf ihn setzen, nicht einhalten kann: Entweder wird er wieder zu einer Befragung geholt, die länger als erwartet dauert, oder Ben verrennt sich in eigene Ermittlungen – was ist beispielsweise mit dem gewalttätigen Ehemann von Jess? Kann nicht er der Mörder sein?

Screenshot Secrets and Lies - Tasha Gundelach (Philippa Coulthard)

Screenshot Secrets and Lies – Tasha Gundelach (Philippa Coulthard)

Ben findet heraus, dass der Berufssoldat Paul heimlich Kontakt zu seinem Sohn Thom hatte – und zwar ausgerechnet mit der Hilfe von Bens älterer Tochter Tasha, die häufig auf Thom aufgepasst hat. Bens Verhältnis zu seiner störrischen Teenager-Tochter ist ohnehin nicht das Beste, ihm passt nicht, dass sie einen Freund hat, und noch weniger, dass sie mit diesem Freund auf Partys geht. Und dass Tasha offenbar Kontakt zu Paul hatte, schlägt dem Fass endgültig den Boden aus.

Eigentlich hält nur noch die jüngere Tochter Eva zu Ben – sie läuft ihrer Mutter weg, um Zeit mit ihrem Vater zu verbringen und bringt Ben damit zusätzlich in Schwierigkeiten. Davon hat er eigentlich so schon genug – Ben entdeckt zufällig, dass sein Arzt und Nachbar Tim Turner (Hugh Parker), vor einigen Jahren in Großbritannien verdächtigt wurde, sich an einem Jungen vergangen und ihn ermordet zu haben. Man konnte ihm nichts nachweisen, aber wie Ben ja selbst erfahren muss: Allein eine solche Verdächtigung reicht aus, um Karrieren und Leben zu zerstören.

Screenshot Secrets and Lies - Ben (Martin Henderson) und Christy Gundelach (Dianna Glenn)

Screenshot Secrets and Lies – Ben (Martin Henderson) und Christy Gundelach (Dianna Glenn)

Der verzweifelte Ben ist so versessen darauf, seine Unschuld zu beweisen, dass er einen Fehler nach dem anderen macht und dabei ohne Rücksicht auf Verluste auch andere schädigt, etwa Dr. Turner, der im Gegensatz zu Ben tatsächlich ein solides Alibi für die Tatzeit hat und somit tatsächlich als möglicher Täter ausscheidet – was die Polizei auch schon längst korrekt ermittelt hat.

Und natürlich kommt es noch schlimmer – ein DNA-Abgleich fördert zu Tage, dass Thom Bens Sohn gewesen ist. Jess und Ben hatten vor einigen Jahren also ein Affäre. Ben hatte zwar beteuert, dass es ein einmaliger Ausrutscher gewesen sei – aber Christy ist sich da nicht so sicher. Hat sie am Ende etwas mit Thoms Tod zu tun? Oder gar die labile Jess selbst?

Screenshot Secrets and Lies - Brisbane

Screenshot Secrets and Lies – Brisbane

Es stellt sich heraus, dass Jess manisch-depressiv ist und ihre Medikamente nicht nimmt, weshalb sie mitunter gewalttätig wird – sie hat ihren Mann Paul schon mal mit einem Messer schwer verletzt. Und dann ist da auch noch Jess‘ undurchsichtige Schwester Nicole, die keinen Hehl daraus macht, dass sie Ben nicht leiden kann.

Alles in allem also eine ganz schlimme Geschichte mit einer schrecklichen Auflösung, die ich an dieser Stelle nicht natürlich nicht verraten kann, weil ich hoffe, dass der eine oder die andere meiner Empfehlung folgt und sich Sercrets und Lies noch ansehen wird. Natürlich gibt es von der Serie inzwischen auch ein US-Remake, das ich mir allerdings noch nicht angehen habe, mich interessierte gerade die australische Version von 2014 (geschrieben von Stephen M. Irwin) die in Brisbane spielt.

Quantico – unterhaltsamer Terror-Trash

Quantico ist eine dieser Serien, mit denen ich prinzipiell ein Problem habe, weil sie von Menschen handelt, die sich ganz klar auf die Seite eines „Guten“ schlagen, das ich durchaus fragwürdig finde: Armee, Polizei, FBI, BKA, CIA, SEK, irgendeine Institution jedenfalls, die schon deshalb „gut“ sein soll, weil sie den Staat (und dessen Gewaltmonopol) repräsentiert. Und damit die Werte, die gemeinhin damit verbunden werden, Recht und Ordnung, Demokratie, Freiheit und so weiter – Dinge eben, für die es sich angeblich zu kämpfen lohnt. Und zwar mit allen Mitteln.

Gekämpft wird ständig in Quantico – auch wenn immer wieder reichlich unklar ist, wer gegen wen und warum. Aber eigentlich ist Quantico ein kleiner Ort in Virginia, der hauptsächlich aus einer Kaserne des Marine Corps besteht, auf dessen Gelände auch die FBI-Akademie liegt, um die es in der Serie geht. Hier werden neue FBI-Agenten ausgebildet – und wie man sich denken kann, landen hier nur die besten der besten, also wahnsinnig begabte, ehrgeizige junge Menschen, die den unwiderstehlichen Drang haben, Menschen, die USA und am besten gleich die ganze Welt zu retten.

Quantico Bild: prosieben.deQuantico Bild: prosieben.de

Quantico Bild: prosieben.de

Die talentierteste Anwärterin ihres Jahrgangs ist Alex Parrish (gespielt von der Bollywood-Schönheit Priyanka Chopra), die aber gleich am Anfang der Serie in eine ungeheure Verschwörung gerät, so dass sie als Hauptverdächtige für ein Attentat auf das Grand Central Terminal in New York gilt und ihre Fähigkeiten erstmal dazu einsetzen muss, zu beweisen, dass sie es nicht gewesen sein kann, indem sie die tatsächlichen Attentäter findet.

Das ist ziemlich dick aufgetragen und es gibt natürlich reichlich Verwicklungen und mehr oder weniger überraschende Wendungen, weil so ziemlich alle der hoffnungsvollen FBI-Anwärter dunkle Geheimnisse verbergen, die eigentlich beim üblichen Backgroundcheck hätten auffallen müssen. Die aber aus Gründen erst ans Licht kommen, wenn es dramaturgisch gerade passt. Die Serienmacher sind hier nicht gerade zimperlich – natürlich könnte es am Ende eigentlich jede und jeder gewesen sein. Und nach und nach entpuppt sich das ganze FBI als verlogene und ziemlich verrottete Institution – was in der Realität vermutlich stimmt, innerhalb der Serienlogik aber unglaubwürdig ist, denn trotz aller schlimmen Dinge, die passieren, retten die besseren unter den FBI-Leuten ja trotzdem ständig die Welt oder zumindest sich gegenseitig.

Am Ende wird ein ehemaliger FBI-Anwärter, der als Analyst gearbeitet hat, als Attentäter überführt – der behauptet aber, zu dieser Tat gezwungen worden zu sein und begeht Selbstmord. Kurz danach gibt es einen weiteren Anschlag – genau, wie Alex, die mittlerweile von allen für verrückt gehalten wird, vorausgesagt hat: Es gibt mindestens noch eine weitere Bombe. Und damit weitere mögliche Attentäter.

Quantico: Liam O'Connor (Josh Hopkins), Miranda Shaw (Aunjanue Ellis), Alex Parrish (Priyanka Chopra), Ryan Booth (Jake McLaughlin), Raina Amin (Yasmine Al Massri), Simon Asher (Tate Ellington), Caleb Haas (Graham Rogers) und Shelby Wyatt (Johanna Braddy)

Quantico: Liam O’Connor (Josh Hopkins), Miranda Shaw (Aunjanue Ellis), Alex Parrish (Priyanka Chopra), Ryan Booth (Jake McLaughlin), Raina Amin (Yasmine Al Massri), Simon Asher (Tate Ellington), Caleb Haas (Graham Rogers) und Shelby Wyatt (Johanna Braddy)

Das erinnert alles ziemlich an Homeland, nur eben mit FBI statt CIA – allerdings gleicht die Machart eher der ebenfalls klischeegetriebenen und krawalligen Anwaltsserie How To Get Away With Murder: Es gibt verschiedene Zeitebenen, wodurch die Handlung rasanter vorangetrieben werden kann. Einerseits wird rückblickend die Geschichte der FBI-Anwärter erzählt, die eine harte, aber gründliche Ausbildung durchlaufen, andererseits gibt es den Terror-Anschlag, der nach dem Dienstantritt des neuen FBI-Jahrgangs stattfindet. Mir geht diese Konstruktion allerdings zunehmend auf die Nerven, zumal ich es nicht leiden kann, wenn immer wieder längere Sequenzen in Ermangelung intelligenterer Einfälle einfach mit zu lauter und nicht mal guter Musik unterlegt werden. Wobei die Dialoge auch nicht besonders brillant sind – dabei sollte man doch eigentlich annehmen, dass es, wenn sich hochbegabte Alleskönner treffen, eine Menge interessanter Gesprächsthemen geben sollte, die über das übliche Wer-mit-wem- und Ich-bin-besser-Geschwätz hinausgehen. Oder zieht das FBI tatsächlich in erster Linie ehrgeizige Anti-Intellektuelle an? Dann verwundert es allerdings nicht, dass die Terroristen immer ein paar Schritte voraus sind.

Insbesondere in den ersten Teilen der Serie liegt der Focus allerdings auf der Ausbildung und dem Teambuilding in Quantico, wo sich die neuen FBI-Azubis erstmal zusammenraufen müssen. Da wären neben Alex Parrish Ryan Booth (Jake McLaughlin), mit dem Alex auf dem Weg nach Quantico schon ein heißes Date hatte, obwohl oder eher weil er gar nicht ihr Typ ist. Dann gibt es die sehr blonde, sehr reiche und sehr begabte Shelby Wyatt (Johanna Braddy), deren Eltern am 11. September 2001 umgekommen sind, den angeblich schwulen Juden Simon Asher (Tate Ellington), der verheimlicht, dass er schon in der israelischen Armee gedient hat, die moslemischen Zwillingen Nimah und Raina Amin (Yasmine Al Massri), die als eine Person auftreten sollen, die ehrgeizige Ex-Polizistin Natalie Vazquez (Annabelle Acosta) und Caleb Haas (Graham Rogers), der nur aufgenommen wurde, weil seine Eltern beide schon beim FBI waren – der sich am Ende aber als weniger doof heraus stellt, als er den Anschein erweckt.

Quantico - Alex in Aktion Bild: prosieben.de

Quantico – Alex in Aktion Bild: prosieben.de

Und dann gibt es noch Assistant Director Miranda Shaw (Aunjanue Ellis), die sich um ihren vorbestraften Sohn Charly sorgt, der plötzlich verschwindet sowie den Ausbilder Liam O’Connor (Josh Hopkins), der, wie eine Reihe anderer FBI-Agents auch, darunter leidet, vor Jahren einen verheerenden Anschlag nicht verhindert zu haben. Und wie sich herausstellt, einer der wenigen Menschen ist, die die wahre Identität von Alex Vater kennen: Der war nämlich früher Liams Chef und kam noch weniger mit dem Versagen seiner Institution klar als Liam. Ach ja, fast vergessen, Alex hatte eine traumatische Kindheit mit einem saufenden Vater, der ihre Mutter verprügelte – bis Alex ihn erschoss, um ihre Mutter zu beschützen. Die, wie Alex in Quantico herausfindet, möglicherweise mit dem pakistanischen Geheimdienst in Verbindung stand.

Subtil ist an dieser Serie gar nichts – und das Grande Finale der ersten Staffel ist so brachial spektakulär, dass man sich gar nicht mehr fragt, was der echte Attentäter, der im Laufe der vielen Folgen so ziemlich alle von Alex Mitbewerbern zu irgendwelchen schrecklichen Handlungen gezwungen hat, eigentlich für ein Motiv für eine dermaßen grauenhafte Tat haben könnte – immerhin kann man sich merken, dass die größte Gefahr für das FBI vom FBI selbst ausgeht. Was man unter Ironie verbuchen könnte, wenn man den Serienmachern so etwas unterstellen möchte und das tue ich definitiv nicht. Ich halte sie eher für schizophren: Diese schweinecoolen FBI-Leute sind so gut, dass sie sogar mit sich selbst fertig werden, wenns drauf ankommt. Und es kommt eigentlich immer drauf an.

Bleibt die Frage, warum ich mir das eigentlich angesehen habe? Vielleicht, weil Quantico plakativer Terror-Trash ist, den man sich einfach aus Spaß reinziehen kann, wenn man gerade nichts besseres vor hat. Und Priyanka Chopra als unkaputtbare Super-Agentin ist natürlich auch ein Argument.

Gomorrha 2: Der Anfang im Ende

Nach einigen Anläufen habe ich nun auch die zweite Staffel von Gomorrha gesehen – schon der erste Teil war dermaßen deprimierend, dass ich danach erstmal ein paar andere Serien sehen musste, um darüber hinweg zu kommen. Denn genau wie bei der ersten Staffel muss man sich wirklich darauf einlassen, sich in eine sehr düstere und freudlose Welt zu begeben, um dann unbedingt wissen zu wollen, wie schlimm alles noch kommen wird – und es kommt natürlich alles auch mindestens so schlimm wie man erwartet hat.

Nach dem blutigen Ende der ersten Staffel ist Genny Savastano damit beschäftigt, um sein Leben zu kämpfen, während sein Vater aus dem Gefängnis ausbricht und nach Deutschland flieht. Ciro hingegen lässt sich in einem Haus am Ende der Welt wieder, wo er sich mit seiner Familie vor den zahlreichen Feinden versteckt, die er sich gemacht hat – und pragmatisch wie er ist, versucht er nun, sich mit seinem Erzfeind Salvatore Conte zu verbünden: Beide müssen sie die Rache der Savastanos fürchten – warum dann nicht einfach zusammenarbeiten? Schließlich sind die Reihen ihrer Leute nach dem finalen Gemetzel deutlich reduziert, nur gemeinsam haben sie eine Chance gegen den noch immer einflussreichen Savastano-Clan.

Screenshot Gomorrha, Staffel 2: Die umkämpften Wohnblocks von Scampi, Neapel.

Screenshot Gomorrha, Staffel 2: Die umkämpften Wohnblocks von Scampi, Neapel.

Ciro schlägt Conte vor, als Großhändler für alle verbliebenen Dealerfamilien zu fungieren – dafür müsse er im Gegensatz zu den anderen keine Abgaben leisten: Den Profit aus seinem eigenen Territorium kann er allein einsacken. Und die anderen können dank der guten Qualität von Contes Stoff mehr verdienen – eine echt Win-Win-Situation. Conte lässt sich davon überzeugen.

Weniger gut läuft es für Ciro in privaten Dingen – seine Frau Deborah will dieses Leben in Angst und Unsicherheit nicht länger ertragen und macht ihm heftige Vorwürfe. Und Ciro stellt frustriert fest, dass ihm die ganzen Anstrengungen der letzten Jahre gerade mal eine Tasche mit 60.000 Euro eingebracht haben – ein lausiger Lohn für die ganzen schrecklichen Dinge, die er dafür auf sich genommen hat. Ciro beschließt, es damit nicht bewenden zu lassen: Er will zum neuen Mafiaboss von Neapel aufsteigen, koste es, was es wolle. Und weil seine Frau dabei nicht mitspielen will, erwürgt er sie in einem Anfall von Wut und Paranoia. Jetzt bleibt ihm nur noch seine Tochter, der er gerade die Mutter genommen hat. Typisch Gomorrha – und natürlich wird das auch noch schreckliche Konsequenzen haben.

Screenshot Gomorrha, Staffel 2: Waffengeschäfte in Deutschland

Screenshot Gomorrha, Staffel 2: Waffengeschäfte in Deutschland

Doch erstmal räumt der nun völlig abgestumpfte Ciro alle aus dem Weg, die ihm irgendwie in die Quere kommen, etwa die Wachen für den Geldtransporter, den er ausrauben muss, um das nötige Kleingeld für seine Geschäfte mit Conte zu beschaffen.

Derweil richtet sich Don Pie in Köln ein – in jenem kalten Scheißland, in dem Mafiabosse sich gern vor der italienischen Strafverfolgung verstecken. Der inzwischen genesene Genny stattet seinem Vater dort einen Besuch ab – aber es wird schnell klar, dass die beiden sich einander gründlich entfremdet haben und nicht mehr miteinander klar kommen. Während Genny inzwischen gelernt hat, selbst wie ein Anführer aufzutretenund zu handeln, verlangt sein Vater noch immer Gehorsam und Gefolgschaft von seinem Sohn, Pietro Savastano ist und bleibt ein knallharter Mafiaboss, dessen einziges Interesse ist, der einzige Boss zu sein.

Deshalb hört er auch nicht auf seinen Sohn, der ihn warnt, dass die konkurrierende N’Drangheta nicht zufrieden mit der Arbeit von Don Pies Kontaktmann Mico ist und ihn nach Mafiaart entsorgen will. Bei einem Waffengeschäft mit den Leuten kommt zum Eklat – Mico und seine Leute werden alle erschossen, den beiden Savastnos gelingt nur knapp die Flucht – hier erweist sich Genny als guter Sohn, der seinem verletztem Vater das Leben rettet. Was der Alte aber dermaßen selbstverständlich findet, dass er sich nicht mal bedankt und sich, während Genny in dem improvisierten Versteck ausschläft, von seinen Leuten abholen lässt: Don Pie lässt seinen Sohn einfach liegen und begibt sich auf den Heimweg: Auch in Deutschland ist ihm der Boden nun zu heiß geworden.

Screenshot Gomorrha, Staffel 2: Ciro, Conte und Scianel.

Screenshot Gomorrha, Staffel 2: Ciro, Conte und Scianel.

Für Genny ist die Botschaft klar: Er wird zuhause in Italien jetzt auf jeden Fall sein eigenes Ding machen. In Neapel werden die Dinge derweil immer unübersichtlicher – das Zweckbündnis von Ciro und Conte ist keineswegs von Harmonie geprägt, sondern es kommt immer wieder zu Reibereien, weil sich insbesondere die Leute von Ciro über den Tisch gezogen fühlen. Dazu kommt, dass die örtliche Gemeinde nicht froh über  die Entwicklung der Dinge ist, ein Priester bittet den strenggläubigen Conte sogar, etwas gegen die Dealer zu unternehmen, die rund um die Kirche ihren zerstörerischen Geschäften nachgehen. Natürlich unternimmt Conte nichts, denn er verdient zu gut an diesem Geschäft, er schlägt aber vor, dass der Padre eine Demo organisieren könne. Das tut der auch, was dazu führt, dass die Position von Ciros Leuten, die dort ja ebenfalls ihren Geschäften nachgehen weiter geschwächt wird. Ciro durchschaut Contes Taktik und ermahnt seine Leute, sich nicht provozieren zu lassen: Sie müssen auf einen Fehler von Conte warten, um ihn dann fertig zu machen.

So belauern sich einmal mehr alle gegenseitig und warten darauf, dass der Gegner zuerst zuckt, um dann um so heftiger zurückzuschlagen. Und Conte hat tatsächlich eine Schwäche: Seine geheime Liebe zu einer transsexuellen Sängerin. Das geht in Mafiakreisen überhaupt nicht, deshalb hat Conte noch eine Zweitfreundin, die er bei offiziellen Anlässen vorzeigen kann. Aber im Grunde weiß jeder Bescheid. Bei einer Feier, mit der Conte mit seiner Vorzeigefreundin erschienen ist, tritt auch seine echte Flamme als Sängerin auf – und sie wird von einem sehr unfreundlichem Publikum überaus anzüglich beleidigt. Conte ist natürlich nicht so blöd, gleich auszurasten, allerdings auch nicht so beherrscht, die Sache einfach auszusitzen. Schließlich wartet er, bis alle versammelt sind und rammt seinem vorlauten Vorarbeiter das Tortenmesser in die Hand. Außerdem nimmt er ihm seinen Verkaufsplatz weg und gibt ihn an einen Kollegen weiter – daraus ergibt sich für Ciro die Chance, den Frust von Contes Mann zu nutzen, um ihn auf seine Seite zu ziehen.

Screenshot Gomorrha, Staffel 2: Genny Savastano kämpft um angestammtes Territorium

Screenshot Gomorrha, Staffel 2: Genny Savastano kämpft um angestammtes Territorium

Am Ende ist Ciro damit erfolgreich – nach einer kirchlichen Prozession, an der Conte teilnimmt und sich gemeinsam mit anderen selbst geißelt, bis das Blut fließt, ist Conte eigentlich davon überzeugt, dass er Ciro in eine Falle gelockt hat. Doch es stellt sich heraus, dass Conte das Opfer des aktuellsten Komplotts ist – er wird in der Kirche ermordert, der er ein Madonnenbild geschenkt hat, das die Züge seiner Freundin trägt. So ist das eben: Nicht mal mehr die Kirche ist der Mafia noch heilig.

Auch sonst zeigt sich, dass über die Folgen der neuen Staffel so ziemlich alle Prinzipien alter Mafia-Ehre inzwischen außer Kraft gesetzt wurden – nicht nur die Kirche ist nicht mehr heilig, auch Familie zählt nicht mehr, weder die eigene und schon gar nicht die der anderen. Waren Frauen und Kinder früher tabu, so ist das nun vorbei. Vorbei ist es aber auch mit dem Glanz und der Herrlichkeit der Savastanos: Don Pie muss sich in einem kleinen Apartment in einem der vernachlässigten Wohnblocks in Scampi verstecken, jener heruntergekommenen Vorstadt von Neapel, deren Hässlichkeit und Elend die Serienmacher nutzen, um das traurige Innenleben ihrer Protagonisten mit ebenso treffenden wie ausdrucksstarken Bildern zu untermalen: Die Leute, die in diesem vergessenen Hinterhof von Europa ihr Leben fristen, haben keine andere Wahl, sie sind gezwungen, sich irgendwie durchzuschlagen und sich dabei mit der Mafia zu arrangieren. So auch das Rentnerpaar, das einen Teil seiner Wohnung für Don Pie abzweigen muss, der quasi eingemauert wird, um ihn vor seinen immer zahlreicheren Feinden zu schützen. Sein einziger Zugang zur Welt ist eine kleine Klappe, die hinter der Waschmaschine versteckt ist.

Screenshot Gomorrha, Staffel 2: Don Pietro und Patricia

Screenshot Gomorrha, Staffel 2: Don Pietro und Patricia

Durch diese Klappe muss Patricia kriechen, um den Don täglich mit Nahrung und Nachrichten zu versorgen, sie ist die Nichte eines der wenigen Getreuen, die Don Pie noch hat. Patricia tut es, um ihre jüngeren Geschwister abzusichern – ihr ist klar, dass das ein gefährlicher Job ist: Wenn jemand im Viertel dahinter kommt, was sie neben ihrem eigentlichen Job in einer kleinen Modeboutique noch tut, ist sie tot. Ironischerweise hat Patricia noch Glück, nach anfänglicher Skepsis findet Don Pie Gefallen an der intelligenten, jungen Frau, er bittet sie später sogar, bei ihm zu bleiben, als er wieder in sein luxuriöses Haus zurück zieht. Natürlich ist ein Leben mit Don Pietro nicht unbedingt etwas, wovon Frauen träumen – aber ein goldener Käfig ist immer noch besser als eine Gefängniszelle oder ein Grab.

Aber ich greife schon wieder viel zu weit vor – da wäre beispielsweise noch Genny, der sich mittlerweile in Rom eingerichtet hat. Er nutzt das Geld, das er mit dem Drogenhandel verdient, nun für solidere Geschäftsmodelle und steigt über seinen künftigen Schwiegervater in die Immobilienbranche ein: Dieses Geschäft ist um einiges ertragreicher und dabei auch noch viel weniger gefährlich für Leib und Leben: Genny wird nun selbst Vater und muss an die Sicherheit und Zukunft seiner eigenen Familie denken. Und der aufstrebende Mafioso demonstriert während der Hochzeit mit der Tochter seines neuen Förderers auch gleich, dass er sein Handwerk längst in Perfektion beherrscht – er liefert seinen Schwiegervater wegen Korruption ans Messer, weil er der alleinige Herrscher über das Imperium sein will: Ganz der Papa.

Screenshot Gomorrha, Staffel 2: Genny und Azzurra

Screenshot Gomorrha, Staffel 2: Genny und Azzurra

Der Papa stiftet unterdessen Unfrieden in Neapel – sein Ziel ist es, die brüchige Waffenruhe, die Ciro unter den konkurrierenden Dealer-Familien in seinem Territorium ausgehandelt hat, zu zerstören, damit er das Ruder wieder in die Hand nehmen kann: Die Leute sollen erkennen, dass nur er, der große Pietro Savastano für Ordnung und Ruhe sorgen kann. Und die Front bröckelt.

Das gibt reichlich Raum für interessante Nebenstränge – da ist beispielsweise die Patin Scianel – benannt nach dem Modelabel Chanel, deren Sohn Raffaele im Knast sitzt, weshalb sie sorgsam über dessen Frau wacht, die sie in der Wohnung gegenüber einsperrt, damit sie angemessen sehnsüchtig auf ihren Raffaele wartet. Hier haben wir eine weitere junge Frau im goldenen Käfig – und je eifersüchtiger Scianel über die Schritte ihrer Schwiegertochter wacht, desto vehementer versucht diese aus ihrem Käfig auszubrechen. Sie lässt sich mit dem Fahrer von Scianel ein, was natürlich kein gutes Ende nimmt. Scianel ist nämlich eine Hyäne, wie sie selbst erklärt: „denn bei den Hyänen herrschen die Frauen“.

Screenshot Gomorrha, Staffel 2: Ciro und Genny

Screenshot Gomorrha, Staffel 2: Ciro und Genny

Für die Männer läuft es tatsächlich nicht so gut in dieser Staffel, vor allem für die alten Patriarchen nicht: Auch wenn Don Pie einen weiteren Krieg anzettelt, der zahlreiche Opfer fordert, unter anderem Scianels Sohn Raffaele, als der endlich aus dem Knast kommt und schließlich sogar Ciros kleine Tochter Maria Rita – das ist eine der härtesten unter den zahlreichen harten Szenen dieser Serie – so ist seine Zeit längst abgelaufen: Der völlig desillusionierte Ciro und sein eigener Sohn Genny, den er so lange Zeit nicht für voll genommen und schlecht behandelt hat, verbünden sich gegen ihn. Am Ende erscheint nicht der erwartete Gennaro am verabredeten Ort auf dem Friedhof, sondern Ciro.

Als der alte Savastano realisiert, dass sein Sohn ihn verraten hat, stellt er fest: „Am Ende des Tages sind wir als hier!“ Dann schießt Ciro ihn nieder. Doch damit ist die Serie noch nicht vorbei – denn Gennys Sohn kommt zur Welt und bekommt einen Namen – Pietro. Es gibt also einen neuen Pietro Savastano, auch wenn der erstmal ein Baby ist. Warum nur habe ich das Gefühl, dass dem kleinen keine hoffnungsvolle Zukunft beschieden sein wird, obwohl seine Eltern stinkreich sind?!

Eine dritte und sogar ein vierte Staffel des Mafiadramas sind bereits beauftragt.

Screenshot Gomorrha, Staffel 2: Don Pie und Ciro

Screenshot Gomorrha, Staffel 2: Don Pie und Ciro