Liste trauriger Dinge: BCS, Fargo, Mikael Nykvist

Hach, ist das traurig – am Wochenende habe ich jeweils den letzten Teil der dritten Staffel von Better Call Saul und von Fargo gesehen. Und beides geht nicht gut aus, wie man sich denken kann, aber es sind jeweils dermaßen passende und genial gesetzte Schlusspunkte, dass ich meiner Begeisterung hier noch einmal Ausdruck verleihen muss. Auch wenn es Menschen geben soll, die genau diese Art Serien tot langweilig finden. Aber die haben es auch nicht anders verdient.

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Mit der Folge Laterne klärt sich endlich das Verhältnis der McGill-Brüder, wenn auch auf schlimmstmögliche Weise: Chuck gibt endlich zu, dass ihm Jimmy eigentlich total egal ist – Jimmy hat also die ganze vergeblich um die Anerkennung durch seinen großen Bruder gekämpft. Der eigentlich immer nur darauf versessen ist, zu verhindern, dass Jimmy Anwalt wird, weil er ihn charakterlich für völlig ungeeignet hält: Chuck weiß, dass Jimmy ein notorischer Lügner ist, ein begabter Trickbetrüger, ein brillanter Schwindler – und das alles ist Jimmy ja tatsächlich. Der kleine Bruder kann nur mit Betrug und unfairen Tricks besser sein als der große Bruder, das haben wir in der Staffel davor bereits gesehen. Aber Chuck übersieht bei all seinen berechtigten Vorbehalten gegen Jimmys Berufsauffassung, dass Jimmy bei trotzdem ein gutes Herz hat. Und es ist inzwischen klar, dass Chuck der verrücktere und herzlosere von beiden Brüdern ist.

Screenshot Better Call Saul: "Chuck" Charles McGill (Michael McKean)

Screenshot Better Call Saul: „Chuck“ Charles McGill (Michael McKean)

Chuck wird mit einer großzügigen Abfindung aus der von ihm mit gegründeten Kanzlei heraus komplimentiert, während sein kleiner Bruder Jimmy mit seiner Kanzlei-Gründung in so ziemlich jeder Hinsicht scheitert. Und Jimmy fühlt sich auch noch schuldig am Unfall seiner Partnerin Kim, die völlig überarbeitet am Steuer ihres Autos eingenickt ist. Und dann ist da auch noch das Dilemma mit den alten Damen, das Jimmy dann aber in Überwindung seines Egos noch erfolgreich lösen kann – denn wie gesagt, eigentlich hat er ein gutes Herz. Es tut ihm dermaßen leid, dass die von ihm übertölpelte Irene in der Seniorenresidenz wie eine Aussätzige behandelt wird, dass er seinen guten Ruf bei den anderen Ladys ruiniert, um die Sache wieder ins Reine zu bringen. Wie die Sache mit Kim und Jimmy ausgeht, ist hingegen noch immer nicht klar.

Screenshot Better Call Saul: Jimmy McGill (Bob Odenkirk)

Screenshot Better Call Saul: Jimmy McGill (Bob Odenkirk)

Immerhin wissen wir nun, warum sich Gus Frings und Hector Salamanca nicht ausstehen können, und auch warum Hector in Breaking Bad an den Rollstuhl gefesselt ist und seine Sprachfähigkeit eingebüßt hat. Und auch, dass der Verwandlung des betrügerischen, aber letztlich menschenfreundlichen Slipping Jimmy in den aalgatten Kriminellen-Anwalt Saul Goodman irgendwas mit dem überaus grausamen Ende des letzten Teils zu tun haben dürfte. Inzwischen ist eine vierte Staffel von Better Call Saul beauftragt – heute habe ich gelesen, dass Better Call Saul zwar nicht die Quoten der letzten Staffeln von Breaking Bad erreicht, aber doch unter den drei meist gesehenen Serien im US-Kabelfernsehen gehört. Immerhin muss ich sagen, denn Vince Gilligan und Peter Gould haben den doch sehr eigenen Breaking-Bad-Stil in Better Call Saul noch einmal verfeinert und quasi unter die Lupe gelegt: Ich kann nachvollziehen, dass es Serienseher gibt, die bei so etwas einfach aussteigen.

Screenshot Better Call Saul: Jimmy McGill (Bob Odenkirk) und Kim (Rhea Seehorn)

Screenshot Better Call Saul: Jimmy McGill (Bob Odenkirk) und Kim (Rhea Seehorn)

Aber das ist genau das, was mir besonderes Vergnügen bereitet – wir haben doch jetzt hochauflösende Bilder und riesige Bildschirme, also ist es doch super, wenn es akribische Bildkompositionen zu analysieren gibt. Und wir kennen bereits so viele Stereotypen aus anderen Serien, da muss man einfach mit vielschichtigen, widersprüchlichen Charakteren aufwarten, die so genervt kucken können wie Mike Ehrmantraut oder so verächtlich wie Hector Salamanca. Oder so zerknirscht wie Jimmy McGill. Mich erinnert das an die zweite Staffel der Serienhits Heimat – statt des lustig-volkstümlichen Heimattheaters der ersten Staffel (und das meine ich jetzt nich so, wie es vielleicht klingt, denn ich fand das wirklich gut) kam dann so ein manieriertes Kunstprodukt mit eigenartiger Musik zu eigenwilligen Schwarzweißbildern – aber dass die sich das getraut haben! Genau das ist es, was Kunst ausmacht. Better Call Saul ist hohe Serienkunst und wird von Staffel zu Staffel besser.

Michael Nyqvist

Und jetzt muss ich eine Gedenkminute für Michael Nyqvist einlegen – die Nachricht von seinem Tod trifft mich hart.

Meinen Eindruck von der dritten Fargo-Staffel gibt es dann beim nächsten Mal.

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Nachlese: Better Call Saul (2. Staffel)

Leider bin ich seit einiger Zeit in meinem Brotjob viel zu gefordert, um meine Lieblingsserien in diesem Blog Folge für Folge beschreiben zu können – immerhin habe ich meistens aber Zeit genug, sie mir wenigstens anzusehen. Wobei ich beim Highlight des diesjährigen Frühlings für eine Kritik schon wieder viel zu spät dran bin – selbstverständlich rede ich von der 2. Staffel des Breaking-Bad-Spin-offs Better Call Saul.

Auch die zweite Staffel habe ich Folge für Folge zelebriert und mir dann den Luxus geleistet, erstmal gar nicht darüber zu schreiben – dass Breaking Bad als Gesamtkunstwerk noch immer die beste Serie der Welt ist, steht ja wohl außer Zweifel, genauso wie ganz klar ist, dass auf die Breaking-Bad-Erfinder Vince Gilligan und Peter Gould Verlass ist: Sie laufen auch in der Fortsetzung von Better Call Saul zu Hochform auf. Wobei sie auch anders können, wie ich mit einem Blick in Battle Creek festgestellt habe. Doch das ist eine andere Kritik, die ich ein andermal schreiben werde.

Better Call Saul - Jimmy (Bob Odenkirk) entspannt sich. Bild: Netflix.com

Better Call Saul – Jimmy (Bob Odenkirk) entspannt sich. Bild: Netflix.com

Wie ich zur ersten Staffel bereits schrieb, findet sich in Better Call Saul genau das wieder, was ich an Breaking Bad so großartig fand: Der Mut zum großen Wurf, gepaart mit der Liebe zum Detail. Die Serie leistet sich den Luxus, skurrile Szenen nicht als Beiwerk zur Auflockerung, sondern als völlig ernsthafte Hauptsache aufzubereiten: Allein die Eingangssequenzen zu jeder weiteren Folge sind mit ihren, oft aus dem sonstigen Zusammenhang des eigentlichen Handlungsverlaufs gerissenen, rätselhaften Binnenhandlungen schon kleine Kunstwerke für sich.

Better Caul Saul - Mike (Jonathan Banks) Bild: Netflix.com

Better Caul Saul – Mike (Jonathan Banks) Bild: Netflix.com

Und in der zweiten Staffel wird das Skurrile auf die Spitze getrieben: Ob nun Mike, der inzwischen eine Rechnung mit Hector Salamanca offen hat, seiner Enkelin die Schutzbrille aufsetzt, um sie in akribisch ausgemessenen Abständen Löcher in einen Gartenschlauch bohren zu lassen, oder ob Jimmy (Bob Odenkirk) sich eine Auswahl seiner schon in Breaking Bad zu bewundernden farbenfrohen Kombinationen unmöglicher Krawatten mit nicht weniger unmöglichen Hemden und Anzügen zulegt und dann anfängt, im Büro Dudelsack zu üben, damit sein Chef ihn endlich rauswirft – das sind nun wirklich nicht die Dinge, mit denen herkömmliche Drehbuchschreiber die Handlung vorantreiben, um Zuschauer zu fesseln. Aber es wirkt genau so: Ich will einfach immer mehr davon.

Und natürlich gibt es wirklich spannende Handlungstränge: Wir erfahren, auf welche Weise Mike (Jonathan Banks) in diese fiese Sache mit dem Salamanca-Clan geraten ist und natürlich auch mehr über Jimmys Kampf, sich aus dem gigantischen Schatten seines großen Bruders zu  befreien. Charles „Chuck“ McGill (Michael McKean), der vernünftige, der ebenso korrekte wie geniale Anwalt, der zwar einen komplett-Knall hat – an seine totale Elektrosensibilität ist zwar nur eine eingebildete, wie wir in der ersten Staffel bereits erfahren haben, aber trotzdem ist sie für ihn erschöpfende Realität. Chuck versucht zwar immer wieder, Jimmy vor sich selbst zu bewahren, aber er ist zum Scheitern verdammt, schon weil es ihm gar nicht zusteht, seinem Bruder beibringen zu wollen, was gut für ihn ist und was nicht.

Better Caul Saul - Jimmy (Bob Odenkirk) und Kim Wexler (Rhea Seehorn) Bild: netlix.com

Better Caul Saul – Jimmy (Bob Odenkirk) und Kim Wexler (Rhea Seehorn) Bild: netlix.com

Chuck weiß, dass Jimmy es war, der mit seinem wiederholten Griff in die Ladenkasse ihres Vaters letztlich für den Ruin des kleinen elterlichen Geschäfts verantwortlich war: Ihr Vater war einfach ein ehrlicher, etwas naiver Mann, der an das Gute im Menschen glauben wollte. Obwohl der kleine Jimmy, der im Laden aushelfen und sein Taschengeld auf diese Weise verdienen musste, ihn vor ausdrücklich Betrügern gewarnt hatte. Aber weil sein Vater nicht auf ihn hören wollte, hat Jimmy dann dessen Glauben an das Gute in den falschen Menschen halt für auch sich selbst genutzt.

Noch bitterer der Tod ihrer Mutter: Sterbend fragt sie nach Jimmy, der sich gerade irgendwas zur Erfrischung holt, während der gute, ehrliche Chuck an ihrem Sterbebett mit ihr aushält. Das ist nicht schön. Das ist frustrierend. Doch die zweite Staffel offenbart, dass auch Chuck es faustdick hinter den Ohren hat: Vielleicht ist er seinem missratenen Bruder ähnlicher, als er es selbst wahrhaben will.

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Better Call Saul – Jimmy lässt seinen Charme spielen – Bild: Netflix.com

Natürlich hat er eine eigene Agenda, als er Kim Wexler (Rhea Seehorn), zu verstehen gibt, was der Partner, mit dem sie sich selbstständig machen will für ein Typ ist. Kim ihrerseits ist ja auch eine engagierte, begabte, aber eben auch ehrliche Anwältin, die mit den Geschäftsgebaren von Jimmy überhaupt nicht einverstanden ist. Andererseits will sieht sie, dass Jimmy auf seine sehr spezielle Weise ein gutes Herz hat.  Und sie will ihr eigenes Ding machen – deshalb willig sie ein, mit Jimmy, der nichts sehnlicher wünscht, als dass sie seine Partnerin würde – aber eben auch im Privatleben – mitteilt, sie würde es tun. Aber nur unter der Bedingung, dass sie beide nur die Räumlichkeiten und die Ressourcen teilen, und ansonsten komplett ihr eigenes Ding durchziehen würden. Jimmy auf seine Art und sie eben auf ihre. Das ist nicht das, was Jimmy sich vorgestellt hatte, aber als flexibler Pragmatiker nimmt er lieber den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach.

Better Call Saul - Mike (Jonathan Banks) und Hector Salamanca (Mark Margolis) - Bild: Netflix.com

Better Call Saul – Mike (Jonathan Banks) und Hector Salamanca (Mark Margolis) – Bild: Netflix.com

Chuck läuft daraufhin zur Hochform auf, um Kim ihren wichtigsten Kunden wegzuschnappen – indem er einfach nur den staubtrockenen Aktenfresser gibt, der er ja auch tatsächlich ist. Und siehe da: Die auf Sicherheit versessenen Großkunden wählen die etablierte Kanzlei samt ihren schier unendlichen Ressourcen und nicht die engagierte Newcomerin. Doch Chuck hat die Rechnung ohne Jimmy gemacht – und seinem Bruder ist bekanntlich jedes Mittel recht, um Erfolg zu haben: Jimmy fälscht in einer groß angelegten Aktion eine wichtige Adresse in den Gerichtsakten, die er bei seinem Bruder vorfindet, um die Sache noch in Kims, also seinem, Sinn zu drehen.

Natürlich kommt Chuck im Verlaufe des völlig misslingenden Gerichtstermins darauf – und so haben wir in bester Breaking-Bad-Manier wieder einen Cliffhanger, der die Wartezeit zur nächsten Staffel unerträglich macht. Gut nur, dass es mittlerweile so viele andere Serien gibt, mit denen sich die Wartezeit überbrücken lässt. Aber es bleibt weiterhin schwer, an Breaking Bad und Better Call Saul heranzukommen.

Better Call Saul - Charles "Chuck" McGill (Michael McKean) - Bild: Netflix.com

Better Call Saul – Charles „Chuck“ McGill (Michael McKean) – Bild: Netflix.com

Einen Tipp habe ich aus aktuellem Anlass aber doch: Bei Netflix ist seit heute London Spy verfügbar. Das ist zwar keine Serie, die in der Breaking-Bad-Liga spielt, aber ein solider Tipp für die Freunde des britischen Spionage-Thrillers. Und Ben Whishaw, Charlotte Rampling und Jim Broadbent sind auch an Bord.

Better Call Jimmy – zurück im Breaking-Bad-Universum

Inzwischen geht mir die penetrante Werbung auf die Nerven, mit der Netflix für Better Call Saul wirbt – man hat das Gefühl, dass nicht nur ganz Berlin, sondern auch das ganze Internet damit zugekleistert ist. Wobei die Kampagne natürlich gut ist: „Dein One-Night-Stand war hässlich? Verklag die Brauerei!“, „Das Wetter nervt? Verklag deine Wetter-App!“ oder „Kriminelle sind Menschen wie du und ich!“ – das ist Saul Goodman.

Dabei ist Better Call Saul gar keine Netflix-Serie, auch wenn Netflix so tut – aber immerhin wird sie hierzulande zuerst auf Netflix gezeigt, wenn auch nicht im üblichen Netflix-Modell für Binge-Watcher. Nach der Doppelfolge, die am 11. Februar veröffentlicht wurde, darf auch Netflix nur eine Folge pro Woche zeigen – genau wie AMC das tut. Denn genau wie das geniale Breaking Bad ist Better Call Saul natürlich eine AMC-Serie.

Better Call Saul - Noch heit Saul Jimmy McGill (Bob Odenkirk)

Better Call Saul – Noch heißt Saul Jimmy McGill (Bob Odenkirk) – Bild: amctv.com

Ich war schon skeptisch, ob das funktionieren kann: Aus einer Kultserie, bei der ein Ensemble sehr markanter, eigenwilliger Figuren eine wendungsreiche, aber gnadenlos auf ein böses Ende zugespitzte Handlung durchexerziert, eine wichtige Nebenfigur zu nehmen, und einfach eine weitere Serie daraus zu machen. Aber genau das ist erstaunlich gut gelungen – und mir fällt jetzt erst richtig auf, was diesen einzigartigen Breaking-Bad-Stil ausmacht: Diese unglaubliche Detailverliebtheit! Jedes noch so kleine Ding ist wichtig. Jede Einstellung wird wie ein Gemälde durchkomponiert, jedes Geräusch mit Bedeutung aufgeladen – und jede noch so nachvollziehbare, vielleicht sogar liebenswerte Marotte kann verhängnisvoll werden.

Das war es, was das Besondere an Breaking Bad war und Vince Gilligan und Peter Gould schaffen es tatsächlich, eben dieses Breaking-Bad-Universum gleich mit der ersten Folge wieder zu erschaffen. Das fängt schon mit der nur wenige Minuten langen Vorspann-Sequenz an, die erst einmal nichts mit der danach einsetzenden Handlung zu tun haben scheint – aber irgendwann später einen Sinn bekommen wird.

Und dann sehen wir Saul Goodman (Bob Odenkirk), der allerdings noch Jimmy McGill heißt und als schlecht bezahlter Pflichtverteidiger dumme Jungs aus dummen Situationen herausholen muss, in die sie sich selbst gebracht haben. Obwohl er sich auf dem Klo auch auf diesen Auftritt so vorbereitet, als wäre es der große Auftritt eines Staranwaltes. Erstaunlicherweise vergisst man so fort, dass man Saul Goodman als gerissenen Winkeladvokaten und skrupellosen Geldwäscher kennengelernt hat – Jesse hat ihn in Breaking Bad entsprechend eingeführt: „Wir brauchen keinen Anwalt, wir brauchen einen Kriminellen!“

Better Call Saul

Better Call Saul – Jimmy McGills Büro ist überall – Bild: amctv.com

Und ein bisschen kriminell war Jimmy McGill schon immer – ob er nun als „Slipping Jim“ in seiner kalten Heimatstadt Cicero darauf gelauert hat, dass sich Menschen auf Glatteis die Knochen brechen, um an Schadensersatzklagen zu verdienen oder jetzt zwei nicht allzu intelligent erscheinende Skateborder für ähnliche Zwecke rekrutiert, nachdem sie versucht haben, eben jene Masche bei Jimmy abzuziehen. Dumm nur, dass seine neuen Partner ihre Skateboard-Nummer ausgerechnet mit dem falschen Wagen ausprobieren: Darin sitzt nämlich nicht die besorgte Familienmama, die Jimmy eigentlich als potenzielles Opfer auserkoren hatte, sondern die Abuelita von einem alten Bekannten aus Breaking Bad – dieser Cliffhanger funktioniert natürlich nur für Breaking-Bad-Kenner. Ich fand es jedenfalls großartig, dass Jimmy so schnell von seiner Zukunft eingeholt wird.

Jetzt muss Jimmy nämlich sein ganzes Verhandlungstalent aufbieten, um sich selbst und den beiden Skaterjungs, die er in eine dermaßen prekäre Situation gebracht hat, den Kopf zu retten. Natürlich will der Totalpsychopath Tuco die beiden umbringen, weil sie seine Abuelita beleidigt haben. Und Jimmy, der Anwalt, soll die angemessene Strafe bestimmen – und schon haben wir wieder eine Breaking-Bad-Standardsituation: Eine ausweglos scheinende Konfrontation in der Wüste um Albuquerque, bei der McGill zu Hochform auflaufen muss und das auch tut – über Erschießen, Blenden und den Verlust von Gliedmaßen handelt er die Strafe schließlich aufs Beinbrechen herunter: Eine beträchtliche Leistung, auch wenn die beiden Jungs das natürlich anders sehen.

Better Call Saul: Zurück im Breaking-Bad-Universum - Bild amc.com

Better Call Saul: Zurück im Breaking-Bad-Universum – Bild amctv.com

Jimmy ist tatsächlich meilenweit entfernt von seiner späteren Form – allein schon sein fensterloses Büro im Hinterzimmer eines asiatischen Kosmetik-Salons, in dem er auf der Couch schlafen muss, die tagsüber zum Empfang der Mandanten dient, ist so deprimierend, wie seine ganze erbärmliche Existenz. Um Mandanten von sich zu überzeugen, muss er ganz tief in die Trickkiste greifen. Gleichzeitig zeigt er aber noch Skrupel – die ihm dann aber auch wieder zum Verhängnis werden. Abseits dessen bahnt sich in der dritten Folge so etwas wie eine Annäherung von Jimmy und Mike (Jonathan Banks) an.

Ausgerechnet der mürrische Mike, der in den ersten beiden Folgen nichts anderes getan hat, als Jimmy immer wieder wegen der nicht korrekten Anzahl von Parkmarken auflaufen zu lassen, glaubt Jimmy in einem scheinbar abstrusen Fall über das Verschwinden einer Familie, der für die ermittelnden Polizisten eine klare, aber falsche Lösung hat. Und wir erfahren, dass Mike auch einmal Polizist war, gleichzeitig ist deutlich zu spüren, dass Mike für den ganzen Polizeiapparat nur noch Verachtung übrig hat. Hier wird es gewiss noch spannend, auch wenn es in der vierten Folge erst einmal um ganz andere Dinge geht.

Hier legt sich Jimmy nämlich mit der übermächtigen Konkurrenz an, die er nicht nur mit Frisur und Kleidungsstil, sondern auch dem kompletten Logo frech kopiert – was zu einem David-gegen-Goliath-Prozess führt, für den sich die Medien aber leider gar nicht interessieren wollen. Das ändert sich erst, als er sich auf schmierigste Weise als Retter in höchster Not inszeniert – mich würde sehr wundern, wenn ihm dieser Stunt später nicht wieder auf die Füße fällt.

Wir treffen uns im Waschsalon - Bild:  http://www.kolle-rebbe.de

Wir treffen uns im Waschsalon – Bild: http://www.kolle-rebbe.de

Tucos Kumpel Nacho Varga ist mit Jimmys Performance jedenfalls noch nicht so richtig zufrieden, obwohl der ihn dank der wiedergefundenen Familie Kettleman aus dem Knast geholt hat. Und die Kettlemans selbst wollen nicht Jimmys Klienten werden, weil er ja so ein Anwalt ist, den sich die Leute nehmen, die schuldig sind. Und sie wollen nicht schuldig aussehen. Lieber nötigen die Kettlemans Jimmy ein Schweigegeld auf, das er in seinen Feldzug gegen die Kanzlei Hamlin investiert.

Und die Frage, auf welche Weise Jimmys Bruder Chuck (Michael McKean) eigentlich zu dem neurotischen Wrack geworden ist, das sich nun nur noch einer abschirmenden Rettungsfolie aus dem Haus traut und ansonsten Elektrizität und alles, was damit zusammenhängt hysterisch vermeidet, ist auch noch nicht geklärt… es lohnt sich also, dran zu bleiben. Eigentlich ist es doch ganz schön, jetzt wieder ein paar Wochen dieses alte Serien-Gefühl zu genießen, bis man endlich, endlich den nächsten Teil sehen kann…

Breaking Bad: Gut, dass alles immer noch schlimmer werden kann

Die beste Serie derzeit ist selbstverständlich Breaking Bad von Vince Gilligan. Sie handelt von der Verwandlung eines besorgten Familienvaters, der sich bislang als unterbezahlter Chemielehrer durchgeschlagen hat, in einen knallharten und skrupellosen Drogenboss.

Walter White (genial verkörpert von Bryan Cranston) wird 50 und leidet daran, dass er eine fatale Fehlentscheidung getroffen hat: Er hat  vor vielen Jahren für ein paar Tausend Dollar seine Anteile an einem gemeinsam mit zwei Studienfreunden gegründeten Unternehmen verkauft. Er brauchte das Geld, weil er eine Familie gründen wollte. Später waren seine Freunde mit der Firma sehr erfolgreich und scheffelten Millionen, während Walter nach seinem Lehrerjob noch Autos waschen muss, um seine Familie durchzubringen. Doch weil es ja immer noch schlimmer kommen kann, wird seine Frau Skyler (Anna Gunn) noch einmal schwanger. Kurz danach fällt Walt bei der Arbeit um: Lungenkrebs. Als nicht gerade Gutverdiener ist Walter wie viele US-Bürger schlecht versichert – er wird sich die Behandlung nicht leisten können.

Ausgerechnet sein Schwager Hank (Dean Norris), der für die Anti-Drogenbehörde DEA arbeitet, bringt ihn auf die Idee, dass sich mit Crystal Meth ein Haufen Geld verdienen lässt. Als Walter dann auch noch ein ehemaliger, eigentlich mäßig begabter Schüler über den Weg läuft, der sich seinen Drogenkonsum mit dem Verticken von selbstgekochten Stoff verdient, kommt es, wie es kommen muss: Walter sorgt dafür, dass die Szene einen Stoff in nie gekannter Qualität bekommt, Jesse (Aaron Paul) soll den Vertrieb regeln. Natürlich kann das nicht gut gehen, weil sowohl die lokalen Dealer als auch das mexikanische Drogenkartell die neue Konkurrenz keineswegs willkommen heißen, sondern mit aller Gewalt bekämpfen.

Walt begreift, dass er größer denken muss und baut sich selbst zur einer mythischen Überfigur auf: Als Heisenberg mit schwarzem Hut und Sonnenbrille erledigt er selbst die brutalsten mexikanischen Lokalmatadore in seinem Revier. Nicht nur das Kartell, auch die DEA wird aufmerksam: Wer ist dieser Heisenberg, der die Szene mit dem geilstem blauen Zeug aller Zeiten in Aufruhr versetzt?!

Natürlich sorgt Walters Doppelleben für allerlei Komplikationen im Familienalltag. Nicht nur, dass er sich ständig neue Ausreden für seine Abwesenheiten ausdenken muss, wenn er mit Jesse tagelang in der Wüste Meth kocht. Wie soll er seiner Frau erzählen, woher plötzlich das ganze Geld kommt? Walt verstrickt sich immer tiefer in sein selbstgeschaffenes Lügengespinst und weil Skyler White ja nicht blöd ist, kriegt sie die schreckliche Wahrheit schließlich heraus. Und so wird alles schlimmer und schlimmer, weil jede Lösung eines Problems immer noch viel größere Probleme nach sich zieht. Wunderbar durchexerziert mit immer neuen bitteren Höhepunkten notwendiger, aber absehbar fataler Entscheidungen.

Alles in allem nicht nur mutiges, großartiges Fernsehen, sondern ganz großes Kino: Aus Budgetgründen spielt Breaking Bad nicht im teuren Kalifornien, sondern im sehr viel günstigeren New Mexico, wo es eigentlich nichts außer einer grandiosen Wüstenlandschaft gibt. Auf diese Weise wird aus der ohnehin sehr vielschichtigen Serie – einerseits ein beklemmendes bürgerliches Beziehungsdrama, in dem die jeweiligen Hauptfiguren über verschiedenste Abhängigkeiten mit einander verstrickt sind, changiert die Handlung andererseits zwischen Thriller, Gangsterepos und rabenschwarzer Drogenfilmsatire – auch noch ein klassischer Western. Allein wie Licht und Schatten wechseln, wenn sich die Protagonisten in der Wüste neuen Herausforderungen stellen müssen, rechtfertigt, sich diese Szenen mehr als einmal anzusehen.

Ich bin unglaublich gespannt auf die sechste und leider letzte Staffel. Okay Klugscheißer werden jetzt mokieren, dass es sich um die zweite Hälfte der fünften Staffel handelt: Meinetwegen auch das. Schlimm ist so oder so, dass das Ende nah ist.