Mein erstes Jahr mit Netflix

Das erste Jahr mit Netflix ist vorbei – und die Fernsehrevolution hat zumindest bei mir nicht statt gefunden. Aber um fair zu sein muss ich natürlich klar stellen, dass ich auch vor Netflix schon sehr wenig im klassischen Fernsehen angesehen habe – die Sachen, die ich sehen möchte, will ich ohne Werbeunterbrechungen sehen und zwar dann, wenn ich Zeit und Lust dazu habe.

Das bedeutet, dass ich ohnehin fast alle Serien und Filme aufnehme und von Festplatten aus auf meinen noch nicht so richtig smarten, aber streaming-tauglichen Fernseher spiele. Mir zwischen unerträglichen Werbespots eine Serie häppchenweise in den Mund zählen zu lassen ist für mich unvorstellbar. Entsprechend habe ich keine Ahnung, wo in meiner Programmauswahl die Privatsender zu finden sind. Interessiert mich einfach nicht. Und auch die öffentlich-rechtlichen Programme interessieren mich zunehmend weniger, wobei ich ab und zu mal auf Phoenix oder ZDFneo hängen bleibe oder eine Doku auf einem der Dritten ansehe. Gut finde ich vor allem, dass über mein Apple TV neben Netflix jetzt auch die arte-Mediathek abgerufen werden kann. Damit habe ich fast alles, was ich brauche.

Fernsehe - der Imperativ mit der klassischen Note

Fernsehe – der Imperativ mit der klassischen Note


Und nun zu Netflix: Mein Hauptproblem ist, dass ich viele der guten Serien, die es auf Netflix gibt, schon gesehen hatte, bevor Netflix bei uns an den Start gegangen ist. Damit wurde die Sache weniger spannend, auch wenn es natürlich noch einige neue Highlights gibt, etwa Sense8 oder jetzt Narcos. Und ehrlich gesagt finde ich einige der momentan gehypten Netflix-Serien gar nicht so gut – in Orange Is The New Black habe ich mehrfach reingesehen – aber ich finde die Geschichte weder besonders lustig noch sonst bemerkenswert. Auch mit Daredevil oder Hemlock Grove werde ich nicht warm – vielleicht bin ich einfach zu alt dafür. Und die dritte Staffel von Lilyhammer war leider auch enttäuschend, obwohl die ersten beiden Staffeln durchaus ihre Höhepunkte hatten.

Ähnlich geht es mir mit dem Netflix-Flaggschiff House of Cards. Diese Serie finde ich gar nicht schlecht, insbesondere die erste Staffel, aber schon die zweite wurde etwas mühsam und die dritte, nun ja, Lars Mikkelsen als russischer Präsident ist natürlich sehenswert, aber hier wird das Problem, das ich schon mit den ersten beiden Staffeln hatte, nämlich, die Hauptfiguren keine interessante Entwicklung durchmachen, sondern von Anfang an Arschlöcher sind, die nie etwas anderes tun, als sich gegenseitig für die eigenen Ziele zu benutzen, wirklich grundsätzlich: Wie will man die Handlung noch so vorantreiben, dass ein Sog entsteht, wenn die Figuren das nicht leisten können?!

Ich finde Kevin Spacey und Robin Wright toll, aber ihre Charaktere sind einfach nicht so interessant wie Walt und Skyler White in Breaking Bad. Da haben Bryan Cranston und Anna Gunn einfach die besseren Karten gehabt. Da hat mir das andere Flaggschiff Sense8 besser gefallen – obwohl das bestimmt auch nicht jedermanns Sache ist. Aber ich mag nun man die Wachowskis und ich mag Tom Tykwer, und mir gefiel die Idee sehr gut, eine Geschichte mit acht Protagonisten zu machen, die in völlig unterschiedlichen Welten leben, aber auf seltsame Weise miteinander verbunden sind. Auf Narcos bin ich sehr gespannt, aber derzeit habe ich einfach nicht so viel Zeit, weshalb ich derzeit ja auch weniger schreibe.

In der zweiten Reihe gibt es auf Netflix durchaus eine ganze Menge sehenswerter Serien, Luther etwa, The Killing, Broadchurch, Deadwood, Person of Interest, um nur einige zu nennen, ansonsten fand ich einige erfreuliche Überraschungen im Doku-Bereich, etwa Chef’s Table. Bei der Filmauswahl überwiegen eindeutig die Lücken – aber Netflix will nach eigener Aussage ja auch kein Vollsortimenter sein, bei dem es gibt, was es überall sonst auch gibt, sondern Spezialist für besondere Inhalte. Nun ja. Ob das auf Dauer ausreichen wird, um in der Konkurrenz gegen Amazon, Maxdome oder Watchever zu bestehen, bleibt abzuwarten – ich werde mein Netflix-Abo erstmal behalten, zumal ich ja auch Kinder habe, die es intensiv mit nutzen – insofern lohnen sich die 8,99 Euro pro Monat allemal.

Obwohl ich eine Sache ganz schlimm finde: Netflix verweigert hartnäckig den Offline-Modus. Das bedeutet, dass ich mir unterwegs, etwa im Zug, wo die WLAN-Nutzung in absehbarer Zeit ein Glücksspiel mit eher schlechten Chancen bleiben wird, die Sachen, die ich sehen möchte, halt aus anderen Quellen als Netflix besorgen und auf meinen Laptop laden muss – genau, was laut Netflix angeblich zu kompliziert ist. Zu kompliziert für Netflix vielleicht, aber nicht für Serien-Profis, die dann eben auf Alternativen ausweichen. Wenn dann im nächsten Jahr die angekündigte Preiserhöhung auf für Bestandskunden kommt, werde ich gewiss noch einmal drüber nachdenken.

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Better Call Jimmy – zurück im Breaking-Bad-Universum

Inzwischen geht mir die penetrante Werbung auf die Nerven, mit der Netflix für Better Call Saul wirbt – man hat das Gefühl, dass nicht nur ganz Berlin, sondern auch das ganze Internet damit zugekleistert ist. Wobei die Kampagne natürlich gut ist: „Dein One-Night-Stand war hässlich? Verklag die Brauerei!“, „Das Wetter nervt? Verklag deine Wetter-App!“ oder „Kriminelle sind Menschen wie du und ich!“ – das ist Saul Goodman.

Dabei ist Better Call Saul gar keine Netflix-Serie, auch wenn Netflix so tut – aber immerhin wird sie hierzulande zuerst auf Netflix gezeigt, wenn auch nicht im üblichen Netflix-Modell für Binge-Watcher. Nach der Doppelfolge, die am 11. Februar veröffentlicht wurde, darf auch Netflix nur eine Folge pro Woche zeigen – genau wie AMC das tut. Denn genau wie das geniale Breaking Bad ist Better Call Saul natürlich eine AMC-Serie.

Better Call Saul - Noch heit Saul Jimmy McGill (Bob Odenkirk)

Better Call Saul – Noch heißt Saul Jimmy McGill (Bob Odenkirk) – Bild: amctv.com

Ich war schon skeptisch, ob das funktionieren kann: Aus einer Kultserie, bei der ein Ensemble sehr markanter, eigenwilliger Figuren eine wendungsreiche, aber gnadenlos auf ein böses Ende zugespitzte Handlung durchexerziert, eine wichtige Nebenfigur zu nehmen, und einfach eine weitere Serie daraus zu machen. Aber genau das ist erstaunlich gut gelungen – und mir fällt jetzt erst richtig auf, was diesen einzigartigen Breaking-Bad-Stil ausmacht: Diese unglaubliche Detailverliebtheit! Jedes noch so kleine Ding ist wichtig. Jede Einstellung wird wie ein Gemälde durchkomponiert, jedes Geräusch mit Bedeutung aufgeladen – und jede noch so nachvollziehbare, vielleicht sogar liebenswerte Marotte kann verhängnisvoll werden.

Das war es, was das Besondere an Breaking Bad war und Vince Gilligan und Peter Gould schaffen es tatsächlich, eben dieses Breaking-Bad-Universum gleich mit der ersten Folge wieder zu erschaffen. Das fängt schon mit der nur wenige Minuten langen Vorspann-Sequenz an, die erst einmal nichts mit der danach einsetzenden Handlung zu tun haben scheint – aber irgendwann später einen Sinn bekommen wird.

Und dann sehen wir Saul Goodman (Bob Odenkirk), der allerdings noch Jimmy McGill heißt und als schlecht bezahlter Pflichtverteidiger dumme Jungs aus dummen Situationen herausholen muss, in die sie sich selbst gebracht haben. Obwohl er sich auf dem Klo auch auf diesen Auftritt so vorbereitet, als wäre es der große Auftritt eines Staranwaltes. Erstaunlicherweise vergisst man so fort, dass man Saul Goodman als gerissenen Winkeladvokaten und skrupellosen Geldwäscher kennengelernt hat – Jesse hat ihn in Breaking Bad entsprechend eingeführt: „Wir brauchen keinen Anwalt, wir brauchen einen Kriminellen!“

Better Call Saul

Better Call Saul – Jimmy McGills Büro ist überall – Bild: amctv.com

Und ein bisschen kriminell war Jimmy McGill schon immer – ob er nun als „Slipping Jim“ in seiner kalten Heimatstadt Cicero darauf gelauert hat, dass sich Menschen auf Glatteis die Knochen brechen, um an Schadensersatzklagen zu verdienen oder jetzt zwei nicht allzu intelligent erscheinende Skateborder für ähnliche Zwecke rekrutiert, nachdem sie versucht haben, eben jene Masche bei Jimmy abzuziehen. Dumm nur, dass seine neuen Partner ihre Skateboard-Nummer ausgerechnet mit dem falschen Wagen ausprobieren: Darin sitzt nämlich nicht die besorgte Familienmama, die Jimmy eigentlich als potenzielles Opfer auserkoren hatte, sondern die Abuelita von einem alten Bekannten aus Breaking Bad – dieser Cliffhanger funktioniert natürlich nur für Breaking-Bad-Kenner. Ich fand es jedenfalls großartig, dass Jimmy so schnell von seiner Zukunft eingeholt wird.

Jetzt muss Jimmy nämlich sein ganzes Verhandlungstalent aufbieten, um sich selbst und den beiden Skaterjungs, die er in eine dermaßen prekäre Situation gebracht hat, den Kopf zu retten. Natürlich will der Totalpsychopath Tuco die beiden umbringen, weil sie seine Abuelita beleidigt haben. Und Jimmy, der Anwalt, soll die angemessene Strafe bestimmen – und schon haben wir wieder eine Breaking-Bad-Standardsituation: Eine ausweglos scheinende Konfrontation in der Wüste um Albuquerque, bei der McGill zu Hochform auflaufen muss und das auch tut – über Erschießen, Blenden und den Verlust von Gliedmaßen handelt er die Strafe schließlich aufs Beinbrechen herunter: Eine beträchtliche Leistung, auch wenn die beiden Jungs das natürlich anders sehen.

Better Call Saul: Zurück im Breaking-Bad-Universum - Bild amc.com

Better Call Saul: Zurück im Breaking-Bad-Universum – Bild amctv.com

Jimmy ist tatsächlich meilenweit entfernt von seiner späteren Form – allein schon sein fensterloses Büro im Hinterzimmer eines asiatischen Kosmetik-Salons, in dem er auf der Couch schlafen muss, die tagsüber zum Empfang der Mandanten dient, ist so deprimierend, wie seine ganze erbärmliche Existenz. Um Mandanten von sich zu überzeugen, muss er ganz tief in die Trickkiste greifen. Gleichzeitig zeigt er aber noch Skrupel – die ihm dann aber auch wieder zum Verhängnis werden. Abseits dessen bahnt sich in der dritten Folge so etwas wie eine Annäherung von Jimmy und Mike (Jonathan Banks) an.

Ausgerechnet der mürrische Mike, der in den ersten beiden Folgen nichts anderes getan hat, als Jimmy immer wieder wegen der nicht korrekten Anzahl von Parkmarken auflaufen zu lassen, glaubt Jimmy in einem scheinbar abstrusen Fall über das Verschwinden einer Familie, der für die ermittelnden Polizisten eine klare, aber falsche Lösung hat. Und wir erfahren, dass Mike auch einmal Polizist war, gleichzeitig ist deutlich zu spüren, dass Mike für den ganzen Polizeiapparat nur noch Verachtung übrig hat. Hier wird es gewiss noch spannend, auch wenn es in der vierten Folge erst einmal um ganz andere Dinge geht.

Hier legt sich Jimmy nämlich mit der übermächtigen Konkurrenz an, die er nicht nur mit Frisur und Kleidungsstil, sondern auch dem kompletten Logo frech kopiert – was zu einem David-gegen-Goliath-Prozess führt, für den sich die Medien aber leider gar nicht interessieren wollen. Das ändert sich erst, als er sich auf schmierigste Weise als Retter in höchster Not inszeniert – mich würde sehr wundern, wenn ihm dieser Stunt später nicht wieder auf die Füße fällt.

Wir treffen uns im Waschsalon - Bild:  http://www.kolle-rebbe.de

Wir treffen uns im Waschsalon – Bild: http://www.kolle-rebbe.de

Tucos Kumpel Nacho Varga ist mit Jimmys Performance jedenfalls noch nicht so richtig zufrieden, obwohl der ihn dank der wiedergefundenen Familie Kettleman aus dem Knast geholt hat. Und die Kettlemans selbst wollen nicht Jimmys Klienten werden, weil er ja so ein Anwalt ist, den sich die Leute nehmen, die schuldig sind. Und sie wollen nicht schuldig aussehen. Lieber nötigen die Kettlemans Jimmy ein Schweigegeld auf, das er in seinen Feldzug gegen die Kanzlei Hamlin investiert.

Und die Frage, auf welche Weise Jimmys Bruder Chuck (Michael McKean) eigentlich zu dem neurotischen Wrack geworden ist, das sich nun nur noch einer abschirmenden Rettungsfolie aus dem Haus traut und ansonsten Elektrizität und alles, was damit zusammenhängt hysterisch vermeidet, ist auch noch nicht geklärt… es lohnt sich also, dran zu bleiben. Eigentlich ist es doch ganz schön, jetzt wieder ein paar Wochen dieses alte Serien-Gefühl zu genießen, bis man endlich, endlich den nächsten Teil sehen kann…

Medientage: Konkurrenz belebt das Geschäft? Schön wärs!

Zur Zeit finden die 28. Medientage in München statt. Dort trifft sich die Medienbranche – das sind sowohl die Chefs großer Medienkonzerne, Profis aus Fernsehen, Hörfunk und Printmedien, Fachleute aus den Bereichen Internet, Multimedia und Telekommunikation ebenso wie Werbefuzzis, Medienpolitiker und auch Filmemacher – um die großen Trends zu analysieren und zu diskutieren. Einst war es ein Treffen privater Rundfunkpioniere – heute ist es einer der ganz großen Branchentreffs in Europa.

Trotzdem klingen die Verlautbarungen dieser Veranstaltung für mich in erster Linie so, als komme die Szene dort zusammen, um sich gegenseitig auf die Schultern zu klopfen und sich Mut zuzusprechen.

Denn eins ist klar: Auch wenn die Mediennutzung über alle Medien hinweg ständig zunimmt – und zwar so sehr, dass Pädagogen und Ärzte Alarm schlagen, weil nicht nur junge Menschen heutzutage ständig mit dem Blick aufs Handydisplay unterwegs sind (zu meiner Zeit machte man sich Sorgen, weil plötzlich alle Kopfhörer trugen, der Walkman war gerade erfunden) – hat der Tag nur 24 Stunden. Und selbst Arbeitslose können nicht den ganzen Tag Fernsehen, Radio hören und nebenbei noch im Internet surfen – auch sie müssen irgendwann mal schlafen. Also ist ganz klar, dass in der zunehmenden Konkurrenz von Radio- und Fernsehsendern, Mediatheken, Zeitschriften, Streaming-Diensten, E-Book-Flatrates, der Interaktion auf sogenannten sozialen Netzwerken und so weiter nicht jeder der Gewinner sein kann.

Und so wirkt schon fast ein wenig putzig, wenn man in den Meldungen über die Medientage jetzt liest „das Fernsehen wird immer schlechter, meinen manche, die aufwuchsen, als es nur drei Programme gab. Doch die Experten bei den Medientagen München halten dagegen: Das Fernsehen wird angesichts der großen Online-Konkurrenz immer besser. Qualität setzt sich durch.“

Schön wärs! Und es ist ja auch nicht wirklich falsch: Fernsehen wird tatsächlich besser. Aber nicht in Deutschland. In den vergangenen Jahren gab es eine ganze Reihe wirklich guter Fernseh-Serien, die Fernsehen geradezu neu definiert haben – die großen Erzählungen der Gegenwart, die früher in bedeutenden Romanen ihre Form fanden, gibt es jetzt in der Glotze: Sopranos, The Wire, Six Feet Under, Breaking Bad, Treme, Fargo (ich stehe ja nicht auf Comedy-Serien, aber vermutlich muss ich auch How I Met Your Mother oder Sex and The City erwähnen) und wenn wir den historischen Roman dazu nehmen, Mad Men, The Hour, Deadwood, The Tudors, Boardwalk Empire und so weiter und so fort, da gibt es Qualitätsserien, über die man geradezu euphorisch werden kann, wie schön, grandios und fantastisch Fernsehen doch sein kann!

Sein könnte. Denn ich muss leider immer wieder sagen: Im deutschen Fernsehen gab es da seit Heimat nicht viel. Mit Tatort und der Tagesschau allein ist es halt nicht getan – und auch wenn Tatort-kucken Kult und Tagesschau Pflicht ist: Der Tatort hat nun wirklich schon bessere Tage gesehen und was sich die Tagesschau so leistet – Stichwort Ukraine – darüber will man eigentlich gar nicht reden. Staatsfernsehen hin oder her: Allein die Tatsache, dass möglich ist, in der Tagesschau Videos mit Quellenangabe „Internet“ zu zeigen, ist so unter aller Kanone, dass ich schon gar keine Lust mehr habe, mit dem Kritisieren überhaupt anzufangen.

Erstaunlich ist ja die Resilienz, die unsere Medien seit Monaten unter Beweis stellen – ihnen ist schlicht scheißegal, dass ihr Publikum langsam keine Lust mehr hat, jeden Scheiß zu fressen. Ich würde nicht mal behaupten, dass es schlimmer geworden sei – die Medien haben nun mal in erster Linie den Auftrag, den Leuten beizubringen, dass das, was unsere Regierung so macht, gut für sie ist. Ob das nun stimmt oder nicht. Natürlich gibt es auch kritische Sendungen, Ausgewogenheit muss sein, Meinungsfreiheit und so weiter, das steht auch im Grundgesetz. Und so lange man nicht zur Revolution aufruft, ist es durchaus erwünscht, dass man auf Missstände hinweist. Schließlich ist der mündige Bürger gefordert – deshalb gibt es Monitor, Panorama und Frontal. Und die ganzen Quasselsendungen, in denen auch mal ein Quasselimam unbeliebt machen darf.

Aber Quote bringen unsägliche Formate wie Germanys next Topmodell, das Dschungelcamp oder DSDS. Ich sage nicht, dass es so etwas nicht geben dürfe – natürlich darf und muss es das alles geben. Aber es darf nicht die Messlatte für das sein, was im deutschen Fernsehen geht oder halt nicht.

Früher hat man den Leuten zur Hauptsendezeit auch mal Romanverfilmungen wie Die Buddenbrooks oder Der eiserne Gustav zugemutet. Ich will nicht behaupten, dass früher alles besser war. Aber eigentlich sollten doch die Leute vom Fernsehen lernen und nicht umgekehrt! In der Schule hatte auch keiner Bock auf Einmaleins, Rechtschreibung und Vokabeln lernen. Nützlich ist es aber doch. Warum haben die Fernsehmacher dann nicht endlich den Mumm, nicht dem Massengeschmack hinterher zulaufen und machen endlich mal wieder was Vernünftiges, statt ständig zu versuchen, hirnlose Youtube-Videos von totalen Amateuren noch zu unterbieten?

Fernsehen ist Steinzeit

Inzwischen ist es schon wieder einen Monat her, da las ich auf moviepilot, dass ausgerechnet die aktuellen qualitativ hochwertigen US-Serien in Deutschland gnadenlos untergehen, wenn sich endlich ein Sender entschließt, sie auszustrahlen. Der Artikel war deshalb launig, aber treffend mit US-Serien in Deutschland – Perlen vor die Säue überschrieben.

Nun ist es ist natürlich ein Unterschied, ob ein Intellektuellen-Sender wie arte auf seinem etablierten Serien-Sendeplatz am Donnerstagabend zuverlässig hochklassige Serien wie Breaking Bad, Borgen, Hatufim, Top of The Lake, The Hour oder Real Humans ausstrahlt, die ein kleines, aber feines Spartenpublikum mit entsprechender Sachkenntnis genießt, schon weil es dabei nicht mit lästiger Werbung behelligt wird, oder ob ein Privatsender wie Sat 1 am Sonntagabend in Konkurrenz zum Tatort versucht, mit einer komplexen Serie wie Homeland ein Publikum zu erreichen, dem weitgehend egal ist, was es sich reinzieht, denn sonst würde es ja die ganzen Werbeunterbrechungen nicht ertragen. Ich gehöre zu den Menschen, die bei einer Werbeunterbrechung einen Nervenzusammenbruch bekommen, sofern sie eine Sendung wirklich sehen wollen – deshalb meide ich Privatsender. Mir würde gar nicht auffallen, wenn die von heute auf morgen ihren Betrieb einstellen würden – außer, dass die lästigen Pseudo-Skandal-Nachrichten über das Dschungelcamp oder DSDS endlich aus Google News verschwänden, was auch kein Verlust wäre.

Schon deshalb warte ich nicht, bis ich Homeland oder was auch immer in Deutschland endlich einmal häppchenweise im Privatfernsehen ansehen darf, sondern besorge mir meinen Stoff anders. Und zwar am Stück und werbefrei. Das ist auch der Punkt, warum das mit den hochkarätigen Serien in Deutschland so nicht funktioniert. Ich kenne eine ganze Menge Leute, die Serien kucken – und zwar die guten. Aber von denen kuckt keiner SAT 1. Nun mag ja sein, dass ich mich durch meine Ausbildung, meinen Job und meine sonstigen Interessen unter Menschen bewege, die nicht unbedingt das deutsche Durchschnittspulblikum repräsentieren. Ich kenne bis auf wenige Ausnahmen eigentlich nur Menschen mit Hochschulabschluss, die in typischen Akademikerberufen tätigt sind. Das heißt nicht, dass alle auch überdurchschnittlich viel Geld hätten – heute muss man ja oft schon einen guten Uniabschluss haben, um irgendeinen Affenjob in irgendeiner Multimedia-Klitsche machen zu dürfen. Aber es sind natürlich Leute, die überdurchschnittlich gut informiert sind, sowohl was die aktuellen Dinge angeht, die gerade in sind, als auch, was die technischen Möglichkeiten angeht. Und das, obwohl ich mich in meinem Bekanntenkreis jetzt in dem Alterssegment zwischen 35 und 60 bewege – ich war ziemlich betroffen über den Tod von Philip Seymour Hoffman, weil das mein Jahrgang ist.

Die meisten sehen nicht mal mehr klassisch fern – das sind ja alles Menschen, die ihren Zeitplan nach ihren Bedürfnissen gestalten, und nicht nach dem aktuellen Fernsehprogramm. Das ist der nächste Punkt. Das Fernsehprogramm in Deutschland ist halt nur gut, wenn man sich mit zusätzlichen Angeboten versorgt, die halt extra kosten. Aber auch hier kenne ich eine ganze Menge Menschen, die dann doch lieber ein paar Fernsehkanäle extra buchen, Angebote wie Entertain nutzen, bestimmte Sachen bei iTunes kaufen, ein Lovefilm oder Watchever-Abo haben und was es inzwischen an Möglichkeiten mehr gibt – niemand ist mehr darauf angewiesen, eine Serie oder einen Film dann anzusehen, wenn sie oder er gnädigerweise von einem deutschen Sender ausgestrahlt wird.

Und wie ich immer wieder feststelle, gibt es auch erstaunlich viele Sachen auf youtube, wenn man sich einfach nur einen Eindruck verschaffen will, ob sich eine weitere Investition lohnt – gerade Dokumentationen gibt es oft in voller Länge oder Originalfassungen weniger bekannter ausländischer Serien – das ganze Zeug, was man hier halt eh nicht verkaufen kann.

Ein anderer Aspekt, der aber in die gleiche Richtung geht, ist die Tatsache, dass man heute, wo man eh das ganze Leben um seinen Job herum planen muss, seine Serie halt ansehen will, wenn man gerade mal Zeit dafür hat. Und wenn es am Wochenende regnet, kann man sich auch mal fünf, sechs oder mehr Teile der aktuellen Lieblingsserie reinziehen, statt von Woche zu Woche auf das nächste Häppchen zu fiebern, das am Ende genau dann gesendet wird, wenn man gerade nicht kann. Diese Zeiten sind vorbei. Die Zukunft gehört Streaming-Diensten wie Netflix, wo man eine Serie einfach am Stück wegglotzen kann, wenn einem danach ist.

Und Netflix hat noch einen anderen großen Vorteil: Weil dieser Dienst weder von Rundfunkgebühren, noch von Werbeeinnahmen, sondern von seinen Abonnenten lebt, gibt Netflix sich große Mühe, diese entsprechend zufriedenzustellen – inzwischen produziert Netflix selbst hochkarätige Serien wie House of Cards, von dem in den nächsten Tagen endlich die zweite Staffel heraus kommt.

Und noch viel besser: Netflix rettet auch alle The-Killing-Fans, die das doch irgendwie unbefriedigende Ende der dritten Staffel zu recht nicht verkraftet haben und entsprechend sauer darüber waren, dass AMC keine vierte Staffel produzieren will. Dank Netflix wird es zumindest eine kurze vierte Staffel geben, um die Geschichte vernünftig zu Ende zu erzählen. Schade, dass es noch keine entsprechenden Rettungspläne für die BBC-Serie The Hour gibt – da wird die dritte Staffel von den Fans ja auch bitter vermisst. Aber was nicht ist, kann vielleicht noch werden.