Retrokritik: Ein Mann will nach oben

In Sachen Serie tut sich das deutsche Fernsehen seit einiger Zeit nicht mehr mit Innovationen hervor und selbst solide Standardkost (also Serien, die nicht total peinlich sind) ist mittlerweile ziemlich rar geworden. Das war nicht immer so, selbst das ZDF, das in den vergangenen Jahren außer KDD – Kriminaldauerdienst nichts Bemerkenswertes hervor gebracht hat – und KDD kam bei den typischen ZDF-Zuschauern ja leider nicht besonders gut an, obwohl das meiner Ansicht nach eines der wenigen interessanten deutschen Serienprojekte der letzten zehn Jahre war – hat ab und zu mal ein blindes Korn gefunden. Sozusagen. Ich trau mich das kaum zu sagen, aber früher war schon ab und zu mal etwas besser, es gab vor Jahrzehnten sogar mal brauchbare Serien im ZDF. Nein, ich meine nicht Die Schwarzwaldklinik. Sondern Projekte wie den Dreizehnteiler Ein Mann will nach oben nach dem Roman von Hans Fallada.

Nun ist eine Romanverfilmung natürlich nichts besonders Innovatives – aber mir ist die gelungene Serienadaption einer interessanten Geschichte, die sich bereits in der Buchvorlage bewährt hat, deutlich lieber als ein schlechtes Serienkonzept, das irgendwie innovativ sein will, aber tatsächlich nur teuerer Schrott ist. Viele erfolgreiche Fernseh-Serien beruhen auf Romanen, Game of Thrones, 13 Reasons Why, Dexter, Bosch – und eben auch Ein Mann will nach oben aus dem Jahr 1977.

Screenshot: Ein Mann will nach oben (Deutschland 1977)

Screenshot: Ein Mann will nach oben (Deutschland 1977)

Ich habe keins der diesen Serien zugrunde liegenden Bücher gelesen, weshalb ich nicht sagen kann, wie gut oder schlecht die Romanvorlage jeweils umgesetzt wurde, aber das ist ja auch egal, solange die jeweilige Serie als Serie funktioniert. Und das ist bei den genannten Beispielen der Fall. Ein Mann will nach oben war natürlich auch 1977 schon eine Retroserie, in der mit viel Liebe zum Detail eine längst vergangene Epoche wieder heraufbeschworen wurde. Wenn man das jetzt sieht, ist es quasi ein doppelter Retroeffekt, weil die Zehnerjahre des 20. Jahrhunderts aus der Perspektive der 70er Jahre gezeigt werden, was nun auch schon wieder 40 Jahre her ist – und da war schon einiges anders.

Mal davon abgesehen, dass mit sehr viel längeren Einstellungen, viel weniger Schnitten und dafür oft ziemlich ausführlichen Dialogen gearbeitet wurde, was den Erzählfluß recht gemächlich macht und für heutige Sehgewohnheiten erst einmal ziemlich altbacken und ein bisschen langweilig wirkt, ist auch viel mehr von dem damaligen Anliegen des öffentlich-rechtlichen Staatsfernsehens zu spüren, die Zuschauer eben nicht nur zu unterhalten, sondern auch zu informieren, ja sogar zu bilden – im Sinne von Ausbildung eines kritischen bürgerlichen Bewusstseins und natürlich guter Allgemeinbildung.

Screenshot: Karl Siebrecht (Mathieu Carrière) Ein Mann will nach oben (Deutschland 1977)

Screenshot: Karl Siebrecht (Mathieu Carrière) Ein Mann will nach oben (Deutschland 1977)

Gut, was die Leute denken sollen, spielt im heutigen Fernsehen natürlich auch eine enervierend wichtige Rolle, weshalb viele Leute inzwischen auch so genervt von den „Lügenmedien“ sind und lieber formal unprofessionelleren Lügnern auf den Leim gehen, aber das ist hier jetzt nicht mein Thema. Was ich meine, ist, dass es mich geradezu gerührt hat, das sogar im ZDF gelegentlich sozialkritische Töne angeschlagen wurden, wobei Hans Fallada, mit bürgerlichem Namen Rudolf Ditzen ja nicht unbedingt ein besonders linker oder sozialkritischer Schriftsteller war. Sondern ein unglücklicher Sohn aus einer großbürgerlichen Familie, der zeitlebens unter seiner Alkohol- und Morphiumsucht litt und als junger Mann nur knapp einen als Duell getarnten Doppelselbstmordversuch überlebte.

Fallada schlug sich ähnlich wie sein Held Karl Siebrecht aus Ein Mann will nach oben mit allen möglichen Hilfsjobs durch, in denen er dank seiner guten Schul- und Allgemeinbildung oft schnell reüssieren konnte. Bildung ist wichtig, das wird auch in der Serie klar, wer schreiben, lesen und rechnen kann, ist klar im Vorteil. Und natürlich braucht es auch „jenügend Vastehste im Koppe“, wie Rieke sagen würde, die Berliner Jöre aus dem Wedding, die nicht nur ein flottes Mundwerk, sondern auch das Herz auf dem richtigen Fleck hat. Und Karl Siebrecht hat nicht nur genügend Verstand, sondern er ist im Gegensatz zu seinen Freunden Rieke und Kalli auch ehrgeizig und hart genug, um Karriere zu machen.

Screenshot: Rieke Busch (Ursula Monn) und Tilda Ein Mann will nach oben (Deutschland 1977)

Screenshot: Rieke Busch (Ursula Monn) und Tilda Ein Mann will nach oben (Deutschland 1977)

Im Jahr 1909 verlässt der sechzehnjährige Karl (Mathieu Carrière), der früh seine Eltern verloren hat, sein Heimatdorf in der Uckermark, um in Berlin sein Glück zu machen. In jener Zeit war es tatsächlich möglich, vom Tellerwäscher zum Millionär aufzusteigen – Rieke wird später zu ihrem Sohn sagen, dass alle amerikanischen Präsidenten mit Zeitungen austragen angefangen hätten. Wir wissen zwar, dass das nicht stimmt, der aktuelle US-Präsident hat vermutlich nicht mal Zeitung gelesen, sondern einfach eine Hotelkette geerbt, aber das spielt für die hier behandelte Berliner Variante des amerikanischen Traums keine Rolle.

Im Zug trifft Karl auf die noch etwas jüngere Rieke (Ursula Monn), die Karl gleich in ihre Unternehmung einspannt: Sie war bei einer Tante auf dem Land, um sich einen Anteil vom Schlachtfest zu sichern und braucht jemanden, der ihr mit den schweren Körben und der kleinen Schwester hilft. Karl hilft – und hat mit Rieke auch eine treue Seele gefunden, die ihm in der fremden großen Stadt weiterhelfen kann. Karl zieht mit in die enge Arbeiterwohnung der Familie Busch, Küche und Stube teilt sich Rieke fortan mit ihrem Vater, der sich nach dem Tod seiner Frau vor allem dem Schnaps widmet, der kleinen Tilda und Karl, bald kommt auch noch Kalli Flau (Reiner Hunold) hinzu, der schlagkräftige Seemann, der ebenfalls in Berlin auf eine bessere Zukunft hofft.

Screenshot: Vater Busch ((Walter Buschhoff), Rieke (Ursula Monn) und Karl (Mathieu Carrière) Ein Mann will nach oben (Deutschland 1977)

Screenshot: Vater Busch ((Walter Buschhoff), Rieke (Ursula Monn) und Karl (Mathieu Carrière) Ein Mann will nach oben (Deutschland 1977)

Rieke versorgt ihre Familie, so gut sie kann und geht nebenher noch in die Schule – wie so viele Frauen arbeitet sie praktisch rund um die Uhr, denn Haushalt ist Frauensache und zu jener Zeit noch ein echter Knochenjob, außerdem geht sie putzen und lernt nähen, denn das Leben ist teuer und Geld immer knapp.

Karl schlägt sich mit Gelegenheitsarbeiten durch – gleich am ersten Tag heuert er auf einer Baustelle an, von denen es viele gibt im der Berliner Gründerzeit. Sein Job ist es, Koks für die Trockenwohner in die Wohnungen zu schleppen. Arme Familien, die sich keine Mietwohnung leisten können, entgehen mit dem Trockenwohnen der feuchten Neubauten der Obdachlosigkeit – auf Kosten der Gesundheit natürlich, aber so ist das eben. Als der naive Karl sich gegenüber seinem Arbeitgeber, dem Immobilienhai Kalubrigkeit empört über diese Zustände zeigt, ist er seinen Job gleich wieder los: So einen roten Bubi will der nicht in seinen Diensten. Karl muss feststellen, dass es offenbar nicht nur darauf ankommt, gute Arbeit leisten zu wollen, sondern auch darauf, gegenüber Höhergestellten Demut und Gehorsam zu zeigen. Das fällt ihm schwer, denn Karl hat seinen Stolz. An dem er auch stur festhält.

Screenshot:  Ein Mann will nach oben (Deutschland 1977)

Screenshot: Ein Mann will nach oben (Deutschland 1977)

Karl, Rieke und Kalli müssen sich immer wieder etwas Neues einfallen lassen, denn viele ihrer Versuche, mit ehrlicher Arbeit Geld zu verdienen, scheitern daran, dass Karl und Rieke einfach noch zu jung sind, um Verträge zu schließen, weshalb sie immer wieder betrogen und über den Tisch gezogen werden. Schließlich versuchen Karl und Kalli sich als Gepäckträger, was einerseits ein einträgliches Geschäft ist, denn Berlin hat, wie viele Großstädte zu jener Zeit, eine ganze Reihe großer Kopfbahnhöfe, die am Rand des Zentrums liegen, aber jeweils nicht durch Bahnstrecken miteinander verbunden sind. S- und U-Bahnen waren zu jener Zeit noch in Planung bzw. im Bau. Passagiere und Gepäck müssen also jeweils durch die Innenstadt zum nächsten Bahnhof befördert werden. Doch weil im preußischen Berlin alles seine Ordnung hat, braucht man dafür eine Lizenz als Dienstmann.

Und Karl und Kalli sind auch dafür noch zu jung, und dann muss man sich auch noch mit der Innung gut stellen, um eine Lizenz als Dienstmann übernehmen zu können, wenn etwa einer aus Altersgründen ausscheidet. Also arbeiten sie als Haifische – so werden die Gepäckbeförderer ohne Lizenz genannt, die denen mit Lizenz die Fuhren wegschnappen, weil sie schwarz arbeiten und ihre Dienste entsprechend billiger anbieten. Diese illegale Konkurrenz ist natürlich keineswegs beliebt, und die Rotmützen drohen dem alten Kürass, der sich von Karl und Kalli helfen lässt, an, seine Karre zu zerstören, weil die drei natürlich mehr wegschaffen können, als jeweils einer allein.

Screenshot: Kalle Flau (Rainer Hunold) und Karl Siebrecht Ein Mann will nach oben (Deutschland 1977)

Screenshot: Kalle Flau (Rainer Hunold) und Karl Siebrecht Ein Mann will nach oben (Deutschland 1977)

Ganz aus ist es dann, als Karl auch noch auf die Idee kommt, die Gepäckbeförderung mit einem Pferdefuhrwerk zu rationalisieren – damit lässt sich mit einer Fuhre noch viel mehr transportieren. Karl leiht sich bei dem windigen Fuhrunternehmer Wagenseil (Harald Juhnke in einer Vorstudie zu seiner Rolle in Der Trinker) Pferde und Wagen und bietet den Dienstmännern an, ihr Gepäck zu befördern – für die Hälfte ihrer Taxe. Das sorgt für Empörung: So ein grüner Junge macht ihnen das Geschäft kaputt! Denn natürlich sehen die ehrbaren Dienstmänner Karls Initiative nicht als Arbeitserleichterung und Win-Win-Situation an, wie Karl sich das eigentlich vorgestellt hat: Da kommt einer, der was Neues ausprobieren will – und das ist erstmal ein Ärgernis.

Aber der sture Karl hält tatsächlich durch und kann mit Kallis schlagkräftiger Unterstützung seinen Hauptfeind Kiesow schließlich zur Aufgabe des für alle beteiligten destruktiven Boykotts zwingen: Die Gepäckbeförderungsfirma Siebrecht & Flau entwickelt sich schnell zu einem erfolgreichen Unternehmen. Jetzt stellt sich allerdings auch heraus, dass der gerissene Wagenseil Karl einen ungünstigen Vertrag angedreht hat – vor allem die Klausel, dass Karl die Gespanne ausschließlich bei Wagenseil beschaffen muss, wird zum Klotz am Bein. Außerdem macht Karl es zunehmend zu schaffen, dass Wagenseil einen erheblichen Anteil seiner Einnahmen kassiert, ohne selbst einen Finger krumm zu machen und beschließt, in die Offensive zu gehen: Er bewirbt sich um eine Generallizenz für die Einrichtung von Gepäckaufgabestellen in allen Berliner Bahnhöfen und bootet Wagenseil aus, der sich ebenfalls darum beworben hat.

Screenshot:  Wagenseil (Harald Juhnke) und Karl Siebrecht  Ein Mann will nach oben (Deutschland 1977)

Screenshot: Wagenseil (Harald Juhnke) und Karl Siebrecht Ein Mann will nach oben (Deutschland 1977)

Doch Wagenseils Rache ist bitter: Er stellt Karl nur noch die schwächsten Klepper und die brüchigsten Wagen – die Gepäckbeförderung bricht schnell zusammen. Karl, Rieke und Kalli müssen einen neuen Rückschlag verkraften. Doch es zeichnet sich eine neue Chance ab: Die Stammkneipe von Vatern Busch steht zum Verkauf. Wenn sie ihre Ersparnisse zusammenschmeißen, können sie Die Funzel kaufen – das wäre zumindest Riekes und Kallis Lebenstraum. Doch sie müssen sich schnell entscheiden, der Verkäufer will am nächsten Morgen in sein neues Leben aufbrechen. Auch wenn Karl nicht wirklich überzeugt ist, macht er mit – und es stellt sich schnell heraus, dass die drei schon wieder auf einen Betrüger hereingefallen sind. Nur weniger Stunden zuvor ging das Objekt an einen Architekten, der Vertrag, den die drei gegen ihr Bargeld bekommen haben, ist wertlos, sämtliche Ersparnisse futsch.

Doch nun auf dem Tiefpunkt hysterischer Verzweiflung kommt Karl die rettende Eingebung: Wozu Pferdewagen mieten, wenn man Automobile haben kann? Karl setzt alles auf eine Karte und fährt zur Villa des Autohändlers Ernst Gollmer. Dessen Tochter Ilse hält Karl für den erwarteten Gärtner und lässt ihn hinein – die beiden hatten sich schon einmal kurz zuvor zufällig getroffen. Karl erklärt, dass er nicht der erwartete Gärtner sei, stellt sich aber durch seine Jugend auf dem Land als patent genug heraus, den von ihm erwarteten Job zu erledigen. Damit hat er das Interesse von Ilse und ihrem Vater geweckt – Karl darf sein Projekt pitchen, wie man heute sagen würde, und er präsentiert dermaßen überzeugend, dass der alte Gollmer gleich einen Businessplan aufstellt und Karl zu seinem Geschäftspartner in Sachen Hauptstadtgepäckbeförderung macht. Gollmer liefert fünf Lastwagen an Siebrecht &Flau und Karl fängt an, sein Unternehmen zu professionalisieren – er stellt einen Buchhalter ein, womit er seine bisherige Sekretärin Fräulein Palude tief kränkt, und auch Rieke und Kalli sind mit den Entwicklungen überfordert und beschließen, stattdessen die Funzel zu pachten. Deren Käufer hat den beiden ein entsprechendes Angebot gemacht, weil sie ja offenbar mit Herzblut bei der Sache sind.

Screenshot:  Die missgünstigen Dienstmänner  Ein Mann will nach oben (Deutschland 1977)

Screenshot: Die missgünstigen Dienstmänner Ein Mann will nach oben (Deutschland 1977)

Damit bricht die jahrelange Wohn- und Schicksalsgemeinschaft der drei Freunde auseinander – Rieke und Kalli richten sich mit der Funzel ein, Karl hingegen pendelt zwischen der Grunewald-Villa seiner neuen Freundin Ilse und dem proletarischen Wedding. Aber in keiner dieser Welten ist er wirklich zuhause. Und dann kommt der erste Weltkrieg – sowohl Karl als auch Kalli werden einberufen und müssen an die Front. Und weil man ja nicht weiß, was kommt, verbringt Rieke sowohl mit Karl als auch mit Kalli jeweils eine Liebesnacht – dabei ist Rieke eigentlich nicht so eine, und die Freunde hatten sich vor Jahren auch gegenseitig versprochen, dass sie sich bei Rieke zurückhalten wollen, um sie nicht in Schwierigkeiten zu bringen. Aber Rieke wird natürlich prompt schwanger – und sie ist ganz sicher, dass Karl der Vater ist. Was auch zutrifft. Kalli aber stört das nicht, als er als Kriegsversehrter nach Hause kommt – er hat an der Ostfront seine linke Hand verloren.

Karl hingegen ist an der Westfront gelandet und hat prompt wieder Ärger mit einem Vorgesetzten, was in diesem Fall lebensgefährlich ist, denn er wird auf ein Himmelfahrtskommando geschickt. Aber auch hier kann er sich mit kühlem Kalkül, Mut und etwas Glück wieder aus der Affäre ziehen – allerdings erblindet er nach einem Giftgasangriff vorübergehend und gerät in französische Kriegsgefangenschaft. Er gilt als verschollen. Rieke und Kalli schlagen sich Zuhause mit Vater, Kind und der heranwachsenden Tilda in der Funzel durch die Kriegs- und Nachkriegszeit. Die beiden beschließen, endlich zu heiraten. Doch ausgerechnet da kommt der langvermisste Karl zurück.

Screenshot:  Karl und Kalli  Ein Mann will nach oben (Deutschland 1977)Screenshot:  Karl und Kalli  Ein Mann will nach oben (Deutschland 1977)

Screenshot: Karl und Kalli Ein Mann will nach oben (Deutschland 1977)

Rieke ist überglücklich und heiratet ihren Karl, auch wenn der schon wieder mit anderen Dingen beschäftigt ist – er ist in Schiebergeschäfte mit Freikorpssoldaten verwickelt, denn sowohl das Taxigeschäft, als auch die Kneipe werfen einfach nicht genug Gewinn ab. Natürlich geht die Sache mit Rieke und ihm nicht gut, sie lassen sich schließlich einvernehmlich scheiden. Jetzt hat endlich der geduldige Kalli seine Chance und natürlich nimmt er Rieke – er hat ja nie etwas anderes gewollt.

Karl hingegen trifft Ilse Gollmer wieder, die mit ihrem Vater ein Fluggeschäft in Tempelhof aufbaut. Der alte Gollmer stellt Karl natürlich ein, er weiß ja, dass Karl ein tüchtiger Geschäftsmann ist. Und er hätte zu gern, dass Karl Ilse heiratet, eine Familie gründet und den Betrieb übernimmt. Doch die jungen Leute haben heutzutage andere Pläne…

Alles in allem erzählt Ein Mann nach oben also von der Sehnsucht nach Glück und den unterschiedlichen Definitionen davon – während Rieke und Kalli schon selig sind, wenn sie sich zum Frühstück warme Schrippen mit Honig und echten Bohnenkaffee leisten können, hastet Karl schon zum nächsten Geschäftstermin weiter. Mit gutem Essen und edlem Schampus ist er nicht zufrieden, auch wenn ihm das natürlich gefällt, genau wie ein maßgeschneiderter Anzug mit einem elegantem Hut. Karl will beeindrucken, und er will immer noch mehr, er will besser sein, cleverer, er ist einer, der sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen kann, jedenfalls fast, aber er ist kein Betrüger, im Gegenteil, er ist für diese Welt eigentlich zu ehrlich. Wenn er ab und zu mal fünfe grade sein lassen könnte, ginge es ihm und seinen Freunden sicherlich besser.

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Screenshot: Die „Dreier-WG“ Karl, Rieke und Kalli Ein Mann will nach oben (Deutschland 1977)

Aber Karl Siebrecht kann eben nicht raus aus seiner Haut. Das macht ihn dann doch wieder sympathisch, weil er eben nicht einer dieser modernen Strebertypen ist, die für ihren Erfolg über Leichen gehen, sondern einfach ein pfiffiger junger Mann mit Ambitionen und Prinzipien. Überhaupt sind die Typen in Ein Mann will nach oben alle herrlich menschlich – Hans Fallada hatte ein Herz für Verlierer, soviel steht fest. Aber er hat auch nichts dagegen, wenn seine Helden ab und zu ein bisschen Glück haben – vor allem der großherzigen Rieke würde man noch ein bisschen mehr davon gönnen. Aber die gehört ja zu denen, die nicht rumjammern, sondern die Ärmel hochkrempeln und aus allem das Beste machen. Rieke würde definitiv Limonade machen, wenn das Leben ihr Zitronen gäbe, wie es in This Is Us so schön heißt. This Is Us ist ja ein aktuelles Beispiel dafür, dass man aus dem Leben an sich noch immer serientaugliche Geschichten machen kann – man braucht nur jemand, der es wagt, sie zu erzählen.

Erzählungen wie Ein Mann will nach oben sind in diesen Zeiten natürlich nicht mehr zeitgemäß – aber irgendwie dann wieder doch, einfach um sich klar zu machen, dass wir derzeit einen unglaublichen und ärgerlichen gesellschaftlichen Rückschritt erleiden: Vor gut hundert Jahren bedeutete es einen ungeheuren Aufstieg, wenn man sich aus der engen Hinterhofwohnung in die Belle Etage im Vorderhaus hocharbeiten konnte. Aber der war mit Fleiß und Bildung möglich. Heute ist es eher so, dass man sich trotz guter Ausbildung und einer Menge Einsatz dem ständig drohenden Abstieg gegenüber sieht, der erfolgt, sobald man einen halbwegs vernünftig bezahlten Job verliert und das eigene Haus oder die zentral gelegene Wohnung nicht mehr bezahlen kann. Heute wäre das Thema also eher: Ein Mensch will nicht nach unten. Eine solche Geschichte sollte es doch auch wert sein, erzählt zu werden. Aber vermutlich macht heutzutage kein Sender dafür Produktionsgelder locker – heute soll das Volk nicht mehr ausgebildet und aufgeklärt, sondern eingelullt werden. Die da oben wissen schon, was gut für uns ist. Wir haben ja Freiheit und Demokratie, wenn jetzt alle die die Hände spucken und ranklotzen, wird alles gut.

Wers gloobt, dem vakoof ick nen Jebrauchtwagen.

Alle Himmel sind gleich – aber manche sind gleicher

Das ZDF wollte mal wieder Geschichte schreiben – und weil die jüngere deutsche Geschichte vor allem eine Geschichte über die deutsche Teilung ist, geht es in dem ZDF-Dreiteiler Der gleiche Himmel um Stasispione und ihre ebenso weiblichen wie westlichen Zielpersonen, denen sie Geheimnisse über die militärische und politische Lage des feindlichen Lagers entlocken sollen. Und darum, dass es im Westen halt schöner, bunter und in jeder Beziehung besser war als im grauen, freudlosen Osten. In dem zwar keiner Not leiden, aber dafür alle den Mund halten mussten. Und um ein dunkle west-östliche Familiengeschichte, die ebenso gnadenlos überkonsturiert wie absurd ist. Doch eins nach dem anderen.

Zu meiner eigenen Überraschung hatte ich nicht, wie sonst oft das Bedürfnis, nach zehn Minuten anzuschalten bzw. das Programm zu wechseln. Was aber nicht daran lag, dass das ZDF plötzlich die Kurve gekriegt hätte und auf einmal Mehrteiler produzieren würde, die tief, subtil und überraschend gut wären. Ich würde es eher mit Faszination des Grauens überschreiben, denn Der gleiche Himmel bietet genau die Holzhammer-Kost, die man von diesem Sender gewohnt ist. Natürlich konnte ich mir nicht alle drei Teile am Stück reinziehen, sondern immer nur einen pro Abend, aber das war ganz gut auszuhalten, schon weil sich das deutsche Fernsehen immer dermaßen viel Mühe mit der Ausstattung gibt – die 70er Jahre sahen tatsächlich ungefähr so aus wie jetzt im Fernsehen. Ich weiß das, denn 1974, dem Jahr, in dem die Agentenoper spielt, bin ich in die erste Klasse gekommen. In der BRD allerdings, also da, wo die Leute VW-Käfer, R4 oder Mercedes fuhren, nicht in Trabbi-Land.

Der gleiche Himmel: Sabine Cutter (Friederike Echt), Lars Weber (Tom Schilling) Laure Faber (Sofia Helen) Ralf Müller (Ben Becker) Bild: zdf

Der gleiche Himmel: Sabine Cutter (Friederike Becht), Lars Weber (Tom Schilling) Laure Faber (Sofia Helen) Ralf Müller (Ben Becker) Bild: zdf

Der Anfang der Handlung so holzhammermäßig, dass es schon fast Richtung Satire geht, und da bin ich ja gleich dabei. Leider ging es nicht so lustig weiter. Aber wenn der Stasiausbilder seinen Stasischülern, die alle brav wie Erstklässler an ihren hölzernen Pulten sitzen, erklärt, wie eine Frau tickt, präziser: Wie das weibliche Hirn funktioniert, dann weiß er, wovon er spricht. Denn die Frauen werden sich später netterweise genau an dieses Drehbuch halten, womit die Mission des aufstrebenden Stasischülers dann irgendwie auch erfolgreich ist, wobei mir gerade auffällt, dass für die Geschichte erstaunlich egal ist, was da an Informationen eigentlich abgeschöpft werden soll.

Aber zurück auf die Schulbank für angehende Ost-Spione. Gute Sozialisten wissen: Frauen haben durchaus ein Gehirn! Aber auch die bestausgebildetsten Datenanalystinnen der westlichen Welt sind eben Frauen. Und die werden, so ist das bei Frauen nun einmal,  von ihren Emotionen gesteuert, also rechte Hirnhälfte, die wiederum für das linke Auge zuständig ist. Über das linke Auge der jeweiligen Frau hat der findige Romeo-Agent quasi den direkten Zugriff auf das westliche Datencenter. Jetzt gilt es also nur noch die richtigen Passwörter zu finden, mit denen die jeweilige Alte zu knacken ist.

Das ist tatsächlich so schlecht, dass es schon wieder gut ist, nur ist dieser Scheiß kein Privileg sozialistischer Ideologie, auch die Westler befleißigen sich bis heute idiotischer Modelle aller Art, um die Welt zu erklären und zu beherrschen – aber ich schweife schon wieder ab. Tatsächlich habe ich mit das alles auch deshalb angesehen, weil ich Tom Schilling als Schauspieler wirklich gut finde, auch wenn ich ihn für diese Rolle inzwischen doch zu alt fand – aber, wie er als Agent erklärt: „Vielleicht bin ich eine alte Seele.“ Wie ein 25jähriger sieht er tatsächlich nicht mehr aus.

Der erste Schritt für Lars Weber (Tom Schilling) ist getan: Er hat seine

Der erste Schritt für Lars Weber (Tom Schilling) ist getan: Er hat seine „West-Wohnung“ bezogen. Wird er seinen Auftrag erfolgreich abschließen können? Bild: zdf

Und ich mag auch Sofia Helin, die seine Zielperson Lauren Faber spielt. Als leicht autistische Kommissarin hat sie mir in Die Brücke wirklich gut gefallen. Natürlich ist sie auch als Lauren Faber überzeugend – eine alleinerziehende Mutter eines 17jährigen, ziemlich missratenen Sohnes, die für den britischen Geheimdienst arbeitet. Der sie wiederum auf dem Teufelsberg einsetzt, einer US-Abhörstation in Westberlin, mit der die NSA nicht nur den Osten, sondern auch den Westen belauscht.

Für ihre Figur haben sich die Serienmacher wenigstens eine halbwegs glaubhafte Legende ausgedacht – Lauren ist schwedisch-britischer Herkunft und hat einen Deutschen geheiratet. Das erklärt, warum sie sowohl perfekt Englisch, als auch Deutsch spricht – Deutsch allerdings mit leichtem schwedischen Akzent. Ihr Mann hat sie aber mit dem Kind sitzen lassen und sich wieder nach Westdeutschland verdrückt, ihr Sohn pubertiert wüst vor sich hin.

Lauren macht ihren Job natürlich gut, sie ist erfahren, umsichtig und pflichtbewusst – genau deshalb fühlt sie sich als Mutter als Versagerin. Was ihr Sohn natürlich ausnutzt: Er beklaut sein Mutter und verkifft das Geld, hört gern laut Musik und sperrt sich in sein Zimmer ein, das mit RAF-Fahndungsplakaten geschmückt ist – ziemlich normaler 70er-Jahre-Teenie würd ich mal sagen, aber für eine Frau wie Lauren ist das alles wirklich schlimm. Zumal sie ziemlich einsam ist: Außer ihrer jungen Kollegin Sabine Cutter (Frederike Becht) hat sie eigentlich niemand, mit dem sie reden oder sonst irgendwas unternehmen kann. Ein ideales Opfer also für Romeo-Agenten Lars Weber.

Der gleiche Himmel: Lauren (Sofia Helin) und Lars (Tom Schilling) Bild: zfd

Der gleiche Himmel: Lauren (Sofia Helin) und Lars (Tom Schilling) Bild: zfd

Aber die Sache läuft aus dem Ruder – Lauren überlebt die Mission nicht. Und Lars wird jetzt auf Sabine angesetzt, die ihm von Anfang an viel besser gefallen hat als die deutlich ältere und weniger attraktive Lauren, die aber genau deshalb ja auch das leichtere Opfer war. Aber Sabine ist praktischerweise die Adoptiv-Tochter eines ranghohen NSA-Offiziers, der mit einer Deutschen verheiratet ist – vermutlich ist das auch der Grund, warum die vergleichsweise junge Sabine schon so einen verantwortungsvollen Job hat. Sie ist das weibliche, westliche Gegenstück zum Erfolgsossi Lars Weber – ja, und es ist tatsächlich so, wie man jetzt ahnen soll, aber wünscht, dass es eine andere Erklärung geben möge:  Immer wieder wird ein Bild von einer Frau gezeigt, die zwei Säuglinge im Arm hält.

Sowohl in der Plattenbau-Wohnung, die Lars mit seinem Vater Gregor (Jörg Schüttauf) teilt, der ebenfalls bei der Stasi ist, aber sich damit begnügt die Nachbarschaft zu überwachen, als auch in der Villa der Familie Cutter gibt es dieses einen Abzug dieses Fotos. Dagmar Cutter (Claudia Michelsen) ist also Lars’ Mutter, die damals in den Westen abgehauen ist und von der Lars nichts weiß, genau wie er auch nichts von einer Zwillingsschwester weiß. Und Vater Gregor ist zwar der einzige, der von Lars geheimer Mission weiß, aber er weiß offensichtlich auch nicht viel mehr. Dafür ist Gregor der Prototyp des überzeugten Sozialisten, der an den Sieg der guten Sache glaubt und seinen Sohn zu einem guten Staatsbürger erzogen hat – deshalb macht er ja auch den Blockwart (dafür hängt er sich auch gut sichtbar einen großen Feldstecher um den Hals – die Leute sollen durchaus sehen, was er tut) und ermahnt die Menschen, sich nicht vom Westfernsehen verblenden zu lassen. Und er päppelt liebevoll ein Vögelchen auf, das sich den Flügel verletzt hat – schaut ihm aber doch recht nachdenklich hinterher, als es davon fliegt.

Der gleiche Himmel: Gregor Weber (Jörg Schütthauf) Bild: zdf

Der gleiche Himmel: Gregor Weber (Jörg Schütthauf) Bild: zdf

Einerseits ist die Geschichte nicht wirklich schlecht. Wobei die Komplexität dann doch wieder arg gekünstelt ist: Weil Der gleiche Himmel ja mehr sein soll als ein einfach nur weiterer Agententhriller, wird ein Panorama der Zeit aufgespannt – was eigentlich eine gute Idee ist, 1974 war ein interessantes Jahr. Schon wegen der Fußball-WM, in der die DDR die BRD zwar besiegte, die BRD aber trotzdem Weltmeister wurde.

Genau das ist ja das Thema:  Der Osten hat zwar ab und zu mit ach und krach einen Punkt gegen den Westen geholt – aber im Prinzip ist der Westen eben hoffnungslos überlegen, egal wie die Ossis sich abzappeln. Sie haben halt auf das falsche System gesetzt und das wird auch hier wieder ausgiebig in Filmform zelebriert. Einmal mehr wird all das gezeigt, was im Osten so richtig schlecht war: Die Bespitzelung der eigenen Bevölkerung  – was an der DDR zwar ununterbrochen kritisiert wird, im Westen aber, wenn man die Zeichen richtig deutet, ja endlich mal hoffähig werden soll, nur dass es jetzt nicht die Stasi oder der KBG ist, die alle unsere Daten sammeln und auswerten, sondern gute kapitalistische Großkonzerne wie Google, Facebook und Amazon. Deshalb gibt es in Der gleiche Himmel auch die ganzen anderen hässlichen Sachen, Romeo-Agenten für den Westen, Doping von Staats wegen, Fahnenappell und Fahnenflucht, in diesem Fall eine versuchte Republikflucht durch den Bau eines Tunnels vom Osten in den Westen.

Schon irre, was sich die Menschen einfallen lassen, um in den vermeintlich goldenen Westen zu gelangen. In dem aber auch nur mit Wasser gekocht wird – zumindest einer der Agenten sieht das so, der herrlich schmierige, kettenrauchende und Junk-Food fressende Macho Ralf Müller (Ben Becker), der zwar Westberliner ist, aber für die Stasi arbeitet. Weil er halt irgendwie so eine subversive Ader hat, wie er Lars erklärt, als der ihn danach fragt. Besonders nachvollziehbar ist das zwar nicht, aber einer muss den Job ja machen.

Der gleiche Himmel: Sabine Cutter (Frederike Echt) und Lars (Tom Schilling) Bild: zfd

Der gleiche Himmel: Sabine Cutter (Frederike Becht) und Lars (Tom Schilling) Bild: zfd

Andere legen sich lieber krumm oder animieren ihre Kinder, das zu tun – etwa die ehrgeizige Gita Weber (Anja Kling), die Frau von Gregors Bruder Conrad (Godehard Giese), die im Plattenbau gleich nebenan wohnen. Mutter Gita ist so stolz auf ihre Töchter – die ältere soll Medizin studieren, die jüngere, Klara (Stefanie Amarell), schafft die Aufnahme in den Olympia-Kader der Schwimmerinnen. Dort bekommen die Mädchen von ihrem fiesen Trainer Doping-Medikamente, die sie zwar schneller machen, von denen ihnen aber auch Haare auf der Brust wachsen. Aber das Training ist Trainer-Sache, das wird den vielleicht dann doch besorgten Eltern eingetrichtert. Um die Überlegenheit des Sozialismus zu demonstrieren braucht es eben Opferbereitschaft und Goldmedallien.

Ich finde solche Methoden absolut nicht okay und total kritikwürdig – aber interessanterweise ist das Doping-Problem im Leistungssport mit dem Zerfall des Ostblocks nicht verschwunden, es dopen ja bekannterweise auch Athleten des freiheitlichen Westens, nur vermutlich nicht, weil der Trainer es empfiehlt, sondern aufgrund ihrer frei getroffenen Entscheidung, besser als die anderen sein zu wollen. Das ist natürlich etwas ganz anders. Obwohl, das kann und muss man der DDR ankreiden, sie war ja der Staat, der es doch eigentlich besser machen wollte als die auf Ausbeutung abzielenden Kapitalisten, um die Konkurrenz der Einzelnen untereinander zugunsten einer Orientierung auf das Gemeinwohl abzuschaffen. Epic Fail heißt ein solche Versagen heutzutage wohl – in dieser Hinsicht war die DDR tatsächlich ein Failed State. Und überhaupt: Wenn ein Staat glaubt, seine Bürger einsperren zu müssen, damit sie ihm nicht weglaufen und dann nicht selbstkritisch genug ist, zu analysieren warum das der Fall ist und wie man das abstellen kann, dann verdient er eben auch nichts anderes. Das blöde ist nur, dass wir heute keine überhaupt keine Alternative mehr haben.

Axel Lang (Hannes Wegener, r.) erklärt seinen Schülern im Physikunterricht die Auftriebskräfte. Bild: zdf

Axel Lang (Hannes Wegener, r.) erklärt seinen Schülern im Physikunterricht die Auftriebskräfte. Bild: zdf

Und das merkt man eben auch dieser Produktion an: Sie bebildert im Grunde dieses ganze alternativlose Weiter so!, das in Deutschland seit der Jahrtausendwende die Maxime deutscher Politik und damit irgendwie auch gesellschaftlich relevante Handlungsanweisung für uns alle ist. Durch die Demontage wichtiger sozialer Errungenschaften in Ost UND West wurde Deutschland für den Weltmarkt und die Weltpolitik zugerichtet, wir sind wieder wer, nicht nur Fußball- sondern auch Exportweltmeister, verlässlicher NATO-Partner und informelle Führungskraft der EU. Und es ist eigentlich egal, wie „wir“ das geschafft haben – Hauptsache, es geht irgendwie so weiter. Genau so funktioniert das Drehbuch dieser Geschichte hier.

Und da drängen sich Fragen auf, etwa: Wozu das alles, wenn es den meisten Menschen im Lande damit gar nicht gut geht? Der aktuelle Armutbericht der Bundesregierung war ja wieder so desillusionierend, dass er umfassend frisiert werden musste, damit die dafür zuständige SPD-Ministerin damit noch irgendwie leben kann. Interessant natürlich, dass genau dieses Gefühl wieder nur anhand der üblichen Klischees über die untergegangenen DDR gezeigt wird, während im Westen zwar nicht alles gut, aber doch vieles besser ist. Weil es hier Kapitalismus, also Freiheit und Demokratie gibt. Wobei, die DDR hat das „Demokratisch“ sogar in ihrem Namen. Aber das war die falsche Sorte Demokratie, die nämlich ohne Alternative. Oder habe ich da was verwechselt?

Immerhin wird angedeutet dass die NSA mit ihren schicken Lauschantennen auf dem Teufelsberg auch ihre westlichen Verbündeten abhört – auch die Amis verlassen sich auf ihren Lenin: „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser!“

Da sind sich letztlich Stasi-Agent Lars und NSA-Vater Cutter gar nicht so unähnlich. Aber das ist eben auch wieder ein Beispiel für die allgemeine Beliebigkeit an der die ganze Sache krankt: Die Motivation der Charaktere ist jeweils mehr als schematisch. Wir haben den guten Sozialisten Gregor, die verzweifelt um Anerkennung ringende kleine Schwester einer erfolgreichen älteren Tochter und eine auf materielle Vergünstigungen geifernde Mama. Ach ja, einen schwulen Ossi-Lehrer und dessen ebenso schwulen, aber weniger coolen dicken Freund haben wir auch noch, dazu noch ein paar Verschwörer, die abhauen wollen und einen schwulen Ausländer, der irgendwie auf schwule Ossis steht und einfach nur helfen will, aber missverstanden wird.

Klara Weber (Stephanie Amarell, l.), Gita Weber (Anja Kling, M.) und Juliane Weber (Muriel Wimmer, r.) Bild: zdf

Klara Weber (Stephanie Amarell, l.), Gita Weber (Anja Kling, M.) und Juliane Weber (Muriel Wimmer, r.) Bild: zdf

Aber was ist mit den Hauptfiguren? Warum tut Lars das, was er tut? Einerseits wird in dem, was er vor sich hinfaselt, ja eine gewisse Tiefe angedeutet, aber dann entpuppt er sich doch immer wieder als gnadenloser Opportunist, der seine Erfolge genießt und erstaunlich wenig darunter leidet, dass seine erste Zielperson einen frühen und rätselhaften Tod stirbt. Aber dafür kriegt er ja dann auch die schnittige Sabine. Was noch irgendwie okay gehen würde, wenn sie nicht seine Schwester wäre.

Es ist ja nicht so, dass ich gewagte Plotwists prinzipiell ablehnen würde. Elliot Anderson kann sich in Mr. Robot ja auch nicht an seine Schwester Darlene erinnern – die sich aber schon an ihren verrückten Bruder, der halt immer mal wieder wichtige Dinge vergisst. Letztlich erklärt diese Sache ja auch, WIE verrückt Elliott ist und ist insofern wichtig für die Handlung an sich. Aber in Der gleiche Himmel sehe ich das nicht – Lars ist nicht verrückt, er ist einfach gut in seinem Job, und er könnte jede Frau rumkriegen. Warum dann also seine Schwester? Um auszudrücken wie pervers das alles mit der Mauer war? DAS wissen wir doch ohnehin.

Trotzdem liegt Mauerbau im Trend. Liebes ZDF, mach doch mal was Perverses über die USA. Mit Mauer, Sex und NSA. Sollte so schwierig nicht sein.

Modus: Das Böse aus Übersee

Im ZDF läuft sonntags um 22 Uhr derzeit der Vierteiler Modus. Den konnte ich als interessierte Schwedenkrimi-Konsumentin natürlich nicht auslassen. Zumal Melinda Kinnaman mitspielt, eine der großen Schwestern von Joel Kinnaman, der gerade in Hollywood so richtig durchstartet. Aber zurück nach Schweden – wobei, das Buch Gotteszahl von Anne Holt, das Grundlage für diesen Vierteiler hergenommen wurde, spielt eigentlich in Norwegen. Aber das ist eigentlich auch egal, der Mörder jedenfalls ist ein durchgeknallter US-Amerikaner – die Zuschauer wissen von Anfang an, wer der Mörder ist. In Modus geht es also eher darum, wie lange die Kriminal-Psychologin Inger Johanne Vik (Melinda Kinnaman) brauchen wird, um ihm auf die Spur zu kommen.

Modus Bild: zfd.de

Modus Bild: zfd.de

Es ist kurz vor Weihnachten. Johanne (Melinda Kinnaman) ist mit ihren Töchtern zur Hochzeit ihrer Schwester in Stockholm. Während die Erwachsenen feiern, vertreiben sich die Kinder die Zeit mit Fernsehen und Smartphone-Spielen im Hotelzimmer. Johannes ältere Tochter Stina (Esmeralda Struwe) kann nicht einschlafen – und wie sich noch herausstellen wird, ist sie ohnehin ziemlich eigen: Sie ist autistisch und kann nicht gut mit anderen reden – schon gar nicht, wenn es um Gefühle geht. Und wie es der Zufall in Krimis so will, wird Stina Zeugin eines Mordes, der ganz Schweden noch beschäftigen wird: In jenem Hotel wird nämlich die beliebte TV-Köchin Isabella Levin (Julia Dufvenius) umgebracht. Doch sie ist nur das erste Opfer in einer Serie von rätselhaften Morden.

Der Täter sieht Stina, die daraufhin verstört die Flucht ergreift. Sie rennt im Schlafanzug auf die Straße, wo sie fast von einem Lkw überfahren wird – doch ausgerechnet der Mörder (Marek Oravec als Richard Forrester) rettet das Kind im letzten Augenblick und verschwindet dann unerkannt im Dunkel. Als der Kriminalbeamte Ingvar Nyman (Henrik Norlén) eher zufällig am Unfallort auftaucht, ist er längst verschwunden.

Modus: Forrester (Marek Oravec) und Stina (Esmeralda Struwe) Bild: zfd.de

Modus: Forrester (Marek Oravec) und Stina (Esmeralda Struwe) Bild: zfd.de

Wie sich dann herausstellt, haben Johanne und Ingvar eine gemeinsame Vergangenheit, an die sie im Verlauf der Handlung wieder anknüpfen. Warum auch nicht, Johanne ist von ihrem Mann Isak geschieden, der wiederum eine neue Partnerin hat. Johanne war zwischendurch Profilerin beim FBI, hat diesen Job aber aufgegeben, weil sie zu sehr darin aufgegangen ist und darüber ihre Kinder vernachlässigt hat – das ist ein Konflikt, den ich nur zu gut nachvollziehen kann. Es werden ja nun wirklich unerfüllbare Anforderungen an Mütter gestellt, insbesondere, wenn sie darauf angewiesen sind, selbst für sich und die Kinder Geld verdienen zu müssen. Und gerade wenn sie dann noch einen Job haben, in dem sie richtig gut sind, ist es geradezu unvermeidlich, dass es immer wieder knallt und entweder der Job oder die Kinder zu kurz kommen.

Johanne Vik hat sich schließlich für ihre Kinder entschieden und ist ausgestiegen, um jetzt als freie Autorin mehr freie Zeit zu haben (was für eine naive Idee ist das denn? Aber okay, vielleicht geht das mit Büchern über Mörder) Aber natürlich kommt alles ganz anders. Stina ist offensichtlich traumarisiert von dem, was sie erlebt hat, kann es aber nicht mitteilen. Sie schweigt – zumal der Mörder sie aufsucht und ihr droht – offenbar erkennt er aber auch, dass sie anders ist und er sich deshalb darauf verlassen kann, dass sie nichts sagen wird.

Modus: Inger Johanne Vik (Melinda Kinnaman)  Bild: zfd.de

Modus: Inger Johanne Vik (Melinda Kinnaman) Bild: zfd.de

Johanne und Ingvar können sich Stinas Verhalten nicht erklären, die sich jetzt noch eigenartiger benimmt als zuvor – was ich ehrlich gesagt ziemlich schwach für eine ehemalige FBI-Profilerin finde. Aber natürlich ist es schwierig, einen Vierteiler zu machen, wenn die Heldin der Geschichte alles schon im ersten Teil herausfindet.

Isabella Levins Leiche bleibt deshalb zunächst unentdeckt und der Mörder schlägt wieder zu.  Ausgerechnet an Heiligabend tötet er die beliebte, aber auch umstrittene Bischöfin von Uppsala. Ingvar bittet Johanne, ihn als Profilerin bei der Lösung dieses Falles zu unterstützen. Als die besorgte Partnerin der Köchin herausfindet, dass ihre Freundin gar nicht wie geplant bei ihren Kindern war und nach ihr sucht, wird auch die Leiche der TV-Köchin entdeckt. Gibt es einen Zusammenhang zwischen den beiden Morden?

Modus: Ingvar Nyman (Henrik Norlén) Bild: zfd.de

Modus: Ingvar Nyman (Henrik Norlén) Bild: zfd.de

Außerdem hat Johanne mitgekriegt, dass jener rätselhafte Mann, der Stina in jener Nacht gerettet hat, sie aus welchen Gründen auch immer beobachtet – sie ist nun alarmiert und will schon aus Eigeninteresse bei der Aufklärung der Morde helfen – zumal sich nun ja auch herausstellt, dass sie und ihr Kinder am Abend, an dem Isabella erfordert wurden, in der Nähe des Tatorts waren.

Natürlich bleibt es nicht bei diesen beiden Morden – Forrester, der in einen Wohnwagen im tiefverschneiten nordischen Wald lebt und offenbar über jeweils ein spezielles Smartphone, von denen er insgesamt sechs in einer Kiste hat, mit weiteren Morden beauftragt wird, schlägt wieder zu. Wie Johanne noch herausfinden wird, ist er der bewaffnete Arm einer autoritären Sekte, die im liberalen skandinavischen Gesellschaftsmodell den Grund für alles Übel in der Welt sieht: Gleichgeschlechtliche Beziehungen, Regenbogenfamilien und diese ganze beschissene Toleranz der Skandinavier ist Ausdruck der Verderbtheit dieser Welt und muss entsprechend bestraft werden – der Mörder ist im Auftrag des Herrn unterwegs.

Modus: Erik Lindgren (Krister Henriksson) Bild: zfd.de

Modus: Erik Lindgren (Krister Henriksson) Bild: zfd.de

Das ist einerseits interessant, weil genau dieser Offenheit für alternative Lebensmodelle einen großen Teil der hohen Lebensqualität in skandinavischen Ländern ausmacht. Somit löst auch Modus ein, was das Wesen nordischer Krimis ausmacht: Das sie vor allem Gesellschaftsanalysen, Sozialdramen und Beziehungsgeschichten sind. Und obwohl es von all dem in Modus eine Menge gibt, fand ich den Vierteiler am Ende doch nicht so richtig überzeugend – obwohl für die Drehbücher das dänische Autoren-Paar Mai Brostrøm und Peter Thorsboe zuständig war, das bereits für einige internationale Serienhits verantwortlich ist, etwa für  The Team, Der Adler oder Unit One – Die Spezialisten.

Am Ende fand ich die Geschichte doch ziemlich überkonstruiert – keine Frage, es gibt Typen, die einen Haß auf die Gesellschaft haben, es gibt Schwulen- und Lesbenhasser, und es gibt Menschen, die ausflippen, weil sie wollen, dass alles wieder so wie früher ist, in gottgewollter Ordnung, wo jeder weiß, was er oder sie zu tun hat. Die gibt es in jeder Gesellschaft – da braucht man keinen Rächer aus Amerika. Mir gefallen jene skandinavischen Krimis besser, in denen es darum geht, warum sich jemand in der eigenen, ach so offenen und toleranten Gesellschaft entscheidet, zum Verbrecher zu werden – oder jene, die sich damit beschäftigen, warum eben jene Gesellschaft bestimmte Verbrechen einfach nicht in den Griff kriegt. Insofern ist Modus kein besonders gutes Beispiel für einen gelungenen Schwedenkrimi, auch wenn ich Melinda Kinnaman und Henrik Norlén gern bei der Arbeit zusehe. Aber es halt ist keine der Serien, die man gesehen haben muss.

Ku’damm 56 – verdammt lang her

Wer meinen Blog bereits länger kennt, weiß, dass ich mit aktuellen ZDF-Mehrteilern ernsthafte Probleme habe – so schrecklich überkonstruierte, von hinten bis vorn verschwurbelte Geschichten, die politisch streng auf der Linie des deutschen Regierungsfernsehens nach Adenauer-Art verharren wie Tannbach oder Unsere Mütter unsere Väter sind einfach nicht mein Ding. Obwohl ich ansonsten wirklich Fan historischer Stoffe bin. Und nebenbei: Die ARD-Produktionen Das Adlon oder Weißensee (in dem Fall leider noch deutlich mehr als drei Teile) sind auch kein Ruhmesblatt für neuere deutsche Fernsehgeschichte.

Insofern hatte ich es nicht besonders eilig, mir Ku’damm 56 anzusehen. Ich habe das inzwischen nachgeholt – vor allem, weil die Tage durch die Presse ging, dass Ku’damm 56 wegen Erfolgs verlängert und als Ku’damm 59 wieder zu sehen sein wird. Und ja, ich hab jetzt keine Geschichte zum Niederknien gesehen, aber ich fand Ku’damm 56 doch deutlich besser als das, was ich erwartet hatte.

Die Schöllacks: Helga (Maria Ehrich), Caterina (Claudia Michelsen), Monika (Sonja Gerhardt) und Eva (Emilia Schüle)

Die Schöllacks: Helga (Maria Ehrich), Caterina (Claudia Michelsen), Monika (Sonja Gerhardt) und Eva (Emilia Schüle)

Wobei – dass deutsche Fernsehproduktionen gut darin sind, Zeitgeschichte nachzuempfinden, ist ja kein Geheimnis und ich weiß das durchaus zu schätzen – in dem Punkt waren auch die bisher genannten Mehrteiler allesamt nicht schlecht: Perfektionistisch, wie wir Deutschen angeblich so sind, können wir Elend und Ruinen, Reichsparteitage, Rock’N’Roll, die DDR, Wirtschaftswunder, das Kaiserreich oder die morbiden 20er Jahre wiederauferstehen lassen, und allet passt – Recherche und Ausstattung ist in der Regel erste Sahne.

Unter anderem in Potsdam-Babelsberg wurde schließlich der Kinofilm erfunden – was die Sache ja eigentlich noch trauriger macht: Hierzulande wurde tatsächlich Film- und Kinogeschichte geschrieben. Aber was derzeit dabei raus kommt, ist weder solides Handwerk, noch innovative Filmkunst. Dabei schafft es sogar ein Hungerleider-Ostbalkan-Land wie Bulgarien mit Undercover eine Krimiserie zu produzieren, die international zu recht Aufsehen erregt. Während eine bestimmt sehr viel teurere und aufwendige Produktion wie Im Angesicht des Verbrechens einfach mal wieder vor die Wand fährt.

Ku'damm 56: Freddy (Trystan Pütter) und Monika (Sonja Gerhardt) in ihrem Element

Ku’damm 56: Freddy (Trystan Pütter) und Monika (Sonja Gerhardt) in ihrem Element

Wobei, mir kann es ja eigentlich egal sein – als international orientiertem Menschen ist mir die Nation egal, ich bin zufällig Deutsche, das habe ich mir nicht ausgesucht und somit ist das auch nichts, worauf ich mir etwas einbilde. Und ich habe ein Problem damit, wenn andere sich auf ihre Nationalität etwas einbilden – das ist das Letzte. Weil es nun mal das Letzte ist, was man verdient hätte – das ist etwas, wofür man nun wirklich gar nichts kann. Wenn jemand sich auf nichts anders etwas einbilden kann, ist er eine echt arme Sau, was nicht entschuldigt, dass er oder sie am Ende ein Scheißrassist ist. Oder nur ein Scheißnationalist. Was auch nicht besser ist. Aber das nur am Rande.

Weil Deutsch nun einmal meine Sprache ist, und ich eine deutsche Schul- und Universitätsausbildung erleiden musste (weniger ehrliche Menschen würden jetzt schreiben „genossen habe“, aber das habe ich nicht, von wenigen Ausnahmen abgesehen, ich hatte tatsächlich einige, wenige, Lehrer und später Professoren, bei denen ich wirklich das Gefühl hatte, dass die mir was beibringen wollten, das ich erleichtert und herzlich erwiedert habe, in dem ich auch etwas lernte, sonst wäre ich gar nicht imstande diesen Blog zu schreiben) sind eben auch deutsche Filme und Serien Gegenstand meines allgemeinen Interesses an Filmen und Serien.

Eva (Emilia Schüle) und ihr Professor (Heino Frech)

Eva (Emilia Schüle) und ihr Professor (Heino Frech)

Und es gab und gibt ja auch immer Künstler auch in Deutschland – wobei das nicht unbedingt Deutsche waren – hier haben die USA, die ich sonst gern in vielerlei Hinsicht in Grund und Boden argumentieren möchte, Deutschland vieles voraus – vor allem, dass die dort Abstammung eine nicht ganz so große Rolle spielt – es sei denn, ein Halbschwarzer mit „Hussein“ als Binnennamen will Präsident werden. Noch ein Detail am Rande – Donald Trump ist sehr stolz darauf, deutscher Abstammung zu sein: Er ist mit den Ketchup-Heinzens verwandt und seine Großeltern sollen aus Bayern sein. Da sollte einen doch schon sehr viel weniger wundern, denn Trumps rustikales Verhalten kennt man doch von der CSU. Und wenn man Trumpsens Verhalten mit dem von Strauß, Stoiber, Seehofer und Söder abgleicht, wird es doch gleich viel normaler. Zumindest, wenn man ab etwa fünf Maß intus hat.

Aber jetzt muss ich mich wieder zusammen reißen, denn ich schreibe eigentlich nicht den großen neuen deutschen Roman, auf den die Fachwelt hoffentlich lange gewartet hat, sondern nur einen Blogeintrag über Ku’damm 56. Und ja, da wird es schwierig.

Helga (Maria Erich) und ihr schwuler Rechtsassessor Wolfgang van Boost (August Wittgenstein)

Helga (Maria Erich) und ihr schwuler Rechtsassessor Wolfgang van Boost (August Wittgenstein)

Denn einerseits fand ich die Geschichte gar nicht dermaßen schlecht. Was mir vor allem gefallen hat, war, dass die giftige Verlogenheit der unmittelbaren Nachkriegszeit voll ausgespielt wurde: Die Mutter der Geschichte, Caterina Schöllack, ist eine ebenso arrogante wie verlogene Sau.

Claudia Michels spielt sie mit einer glaubwürdig fragilen Grandezza, das allein ist wirklich preiswürdig: Diese Frau hat sich in ihrer Lebenslüge eingerichtet und terrorisiert ihre drei Töchter mit deutscher Gründlichkeit. Die Töchter sind Helga (Maria Ehrich), die einen homosexuellen Rechtsassessor heiratet, der hoffentlich bald Staatsanwalt wird, das Nesthäkchen Eva (Emilia Schüle), das Krankenschwester in einer psychiatrischen Klinik ist, und den für sie viel alten Professor heiraten soll (Heino Ferch als Prof. Dr. Jürgen Fassbender), auch nicht schlecht übrigens, und dann gibt es schließlich die mittlere Tochter Monika (Sonja Gerhardt), die eigentlich zu gar nichts taugt, aber ein gutes Herz hat.

Mit solchen Kindern ist kein Staat zu machen – auch wenn Helga und Eva das Programm ihrer Mutter komplett verinnerlicht haben und es über die Selbstverleugnung hinaus knallhart durchexerzieren: Das ist, was mir an diesem Dreiteiler gefällt. Sie befolgen das Programm, das ihnen die Mutter als den Weg zum Glück vorgeschrieben hat, und es endet für alle komplett desaströs: Helga bringt sich schier um in der Rolle der guten Hausfrau für ihren strengen, aber lustlosen Ehemann – sehr zum Missfallen ihres Gatten wird sie sogar eine Werbeikone für die verlorenen Ideale der 50er Jahre. Eva verleugnet ihre Liebe zu der netten Ossi-Sportkanone und lässt sich auf den für sie viel zu alten Professor ein – selbst nachdem er ihr zu dem von ihm selbst gekochten mongolischen Reiterfleisch gesteht, dass er als junger Assistenzarzt in den Nazi-KZs an Menschenversuchen beteiligt war.

Fabrikantensohn Frank (Sabin Tambrea), Mama Schöllack (Claudia Michels) und Monika (Sonja Gerhardt)

Fabrikantensohn Frank (Sabin Tambrea), Mama Schöllack (Claudia Michels) und Monika (Sonja Gerhardt)

Und Monika – sie gibt den von ihr Mutter ausgeheckten Plan auf, den reichen Fabrikantensohn wegen ihrer Schwangerschaft zur Heirat zu zwingen – schließlich hat er sie tatsächlich vergewaltigt, weil er sich irgendwie gelangweilt und missverstanden fühlte, dann aber doch irgendwie Gefallen an diesem schrägen Mädchen gefunden hat, das mit dieser Gesellschaft einfach nicht funktionieren will. Natürlich kann auch das nicht gut ausgehen – und wenigstens gibt es hier keine falsche Hoffnung.

Monika weiß, dass beide Männer für sie nicht taugen, weder der Musiker Freddy (Trystan Pütter), von dem sie ein tatsächlich ein Kind erwartet, noch der Kapitalistenspross Frank (Sabin Tambrea), der eigentlich lieber Romanautor als Ingenieur im Werk seines verhassten Vaters sein will, der mit den Waffen, mit denen sein älterer Sohn Harald erschossen wurde, weiterhin viel Geld verdienen will.

Frank (Sabin Tambrea) und Monika (Sonja Gerhardt)

Frank (Sabin Tambrea) und Monika (Sonja Gerhardt)

Ich mag die in Ku’damm 56 thematisierten Widersprüche – der echte Vater der Schöllack-Kinder, der als im Krieg vermisst gilt, lebt eigentlich noch – was die drei Töchter, die ja allesamt nicht blöd, aber eben gehorsam sind, doch irgendwann herausfinden. Genau wie den Umstand, dass die Tanzschule, die angeblich seit ihrer Gründung in Familienbesitz ist, im Rahmen der Arisierung ihren Eltern zugeschlagen würde – und der nette Onkel Fritz (Uwe Ochsenknecht), der nun Tanzlehrer im Institut ist und sich hingebungsvoll um Caterina kümmert, als hohes Tier im Reichssportministerium seine Hand im Spiel gehabt hat.

Letztlich stellt sich sogar heraus, dass die einzige der drei Töchter, die zu ihrem Vater steht, der nach seiner Kriegsgefangenschaft in Ostberlin Lehrer geworden ist, weil er sich für die Verbrechen des Dritten Reiches schämt und etwas gut machen will, nämlich Monika, das Kind von Fritz Assmann ist, und eben nicht von Gerd Schöllack. Auch das mag irgendwie überkonstruiert sein, aber es hat diese Ironie, die ich mag.

Genau wie Wolfgang, der schwule Sproß einer preußischen Gutherrenfamilie, einen in meinen Augen symphatischen Zug an den Tag legt, als er sich weigert, das von der Adenauerregierung durchgedrückte KPD-Verbot in seinem Job bei der Staatsanwaltschaft umzusetzen: Er will die Haftbefehle für führende Kommunisten nicht ausstellen. Dafür riskiert er seinen Ernennung zum Staatsanwalt. Einer von ihnen war ein Freund seines liberalen Vaters und überhaupt: „Diese Männer waren im Widerstand gegen die Nazis!“ erklärt er seiner konsternierten Frau Helga.

Aber die reagiert total pragmatisch, genau wie Mutter Schöllack ihr ein Leben lang eingeimpft hat: „In deinem Job als Staatsanwalt wirst du noch oft Dinge tun müssen, die dir persönlich nicht gefallen!“ Und Helga gefällt es persönlich ja auch nicht, dass ihr Mann sich sexuell so gar nicht für sie interessiert, auch wenn sie honoriert, dass er es wenigstens versucht und beim Professor ihrer kleinen Schwester um eine Therapie ersucht hat – er will von seinem Fehlverhalten, das er selbst als abnormal empfindet, geheilt werden. Auch wenn der Professor am Ende nicht viel tun kann: Es gibt einfach auch unheilbar Schwule. Und Wolfgang stellt die Haftbefehle schließlich aus – wenn er seine Frau sonst schon nicht zufrieden stellen kann, dann doch wenigstens in ihrem Karrierebedürfnis – er will kein völlig untauglicher Mann sein.

 

Der Ku'damm 1956 - in Ku'damm 56 Bild: http://d-facto-motion.de

Der Ku’damm 1956 – in Ku’damm 56 Bild: http://d-facto-motion.de

Und natürlich mag ich auf den nostalgischen Blick auf Berlin – die 50er Jahre wurden überzeugend rekonstruiert – und es war eine schlechte Zeit, eine giftige, verlogene, völlig zu recht untergegangene Zeit. Außerehelicher Geschlechtsverkehr war verboten. Abtreibung war an der Tagesordnung – was sollten die Frauen denn sonst gegen ungewollte Kinder tun – aber genauso verboten. Schwul sein war verboten. Jung sein und Spaß haben war verboten. Dass Frauen selbst Geld verdienten war letztlich auch verboten, sofern sie verheiratet waren.

Eigentlich war alles irgendwie verboten, aber es fand trotzdem statt. Es lohnt sich durchaus, daran zu erinnern: Es war eben nicht alles besser. Vieles war schlechter. Sehr viel schlechter. Und ich will das auf keinen Fall wieder haben.

Tannbach: Deutsch-deutscher Mainstreamschrott

Man kann sich wirklich drauf verlassen, dass keiner der deutschen Fernsehsender fähig und willens ist, einen sehenswerten Mehrteiler über deutsche Geschichte zustande zu bringen. Ich hatte natürlich nicht ernsthaft erwartet, dass ausgerechnet ein neuer ZDF-Mehrteiler wie Tannbach an großartige Produktionen wie den Heimat-Zyklus von Edgar Reitz heranreichen würde – es ist ja nicht so, dass es noch nie gute deutsche Filme oder Serien über deutsche Geschichte gegeben hätte. Aber die Zeiten sind vorbei.

Und dass es dermaßen schlimm kommen könnte, hatte ich auch nicht gedacht, obwohl ich ja durch das Quersehen von Unsere Mütter, unsere Väter vor einiger Zeit durchaus vorgewarnt war.

Tannbach - Schicksal eines Dorfes Bild: zdf.de

Tannbach – Schicksal eines Dorfes Bild: zdf.de

Noch ist Tannbach – Schicksal eines Dorfes in der ZDF-Mediathek verfügbar, und weil auch der beste Serienvorrat irgendwann einmal zu Neige geht, habe ich in diesen Dreiteiler sozusagen aus wissenschaftlichem Interesse einmal reingesehen. Aber was ich gesehen habe, hat leider wieder bestätigt, dass auch ein großzügiges Produktionsbudget und ein beeindruckendes Aufgebot an tollen Schauspielern (Martina Gedeck, Nadja Uhl, Ronald Zehrfeld, Martin Held, Ludwig Trepte, Heiner Lauterbach und viele mehr) es halt nicht rausreißen, wenn das Drehbuch schrott ist.

Dabei ist die Grundidee ja gar nicht schlecht, die Geschichte eines geteilten Dorfes an der Grenze zwischen den beiden deutschen Staaten, in dem die Systemgegensätze aufeinanderprallen. Die Menschen müssen sich damit arrangieren – in Ost und West. Eine solche Geschichte bietet eine Menge Potenzial für die Entwicklung von ambivalenten und komplexen Charakteren, und eine schonungslose Analyse, was in beiden Systemen alles schief gelaufen ist. Zumal es das geteilte Dorf Mödlareuth, das die Vorlage für das fiktive Tannbach ist, tatsächlich gab.

Aber die Macher von Tannbach haben das komplett verschenkt und suhlen sich stattdessen in peinlichen Klischees, die sämtliche Stereotypen wiederholen, die man aus anderen deutschen Filmen dieser Art schon zur Genüge kennt – vor allem, dass die menschenverachtende Nazi-Herrschaft im Osten von einer kaum weniger brutalen kommunistischen Diktatur abgelöst wurde, während der Westen dank der Demokratisierung durch die Besatzer zu Wohlstand in Freiheit gekommen ist.

Dieses verlogene Muster wiederholt sich in den Figuren – da haben wir die ebenso zupackende wie aufopferungsvolle Gutsherrin, die gleich am Anfang schon ihren Auftritt als Märtyrerin bekommt, weil sie ihren Mann, den Grafen Georg von Striesow nicht verraten will, der sich als desillusionierter Deserteur in der Nähe versteckt, den ewigen Nazi, der sich wieder nach oben windet, weil er den neuen Herrschern nützlich ist, die heldenhafte Flüchtlingsmutter, die neben dem eigenen Sohn noch einen jüdischen Jungen rettet, fanatische Pimpfe, die noch an den Endsieg glauben wollen, die schöne Tochter des Grafen, die sich in den Arbeitersohn aus Berlin verliebt und so weiter und so fort.

Natürlich sind die amerikanischen Besatzer, die zuerst in Tannbach einmarschieren, erstmal auch nicht nett zu den deutschen, die für sie in erster Linie Nazis sind, aber sie sind natürlich nicht so schlimm wie die Russen, die vergewaltigen und plündern und allesamt gewalttätige Unmenschen sind – was ja wohl eher auf die Nazis zuträfe, die zuvor ihr Land erst geplündert und dann platt gemacht und dabei jede Menge Menschen ermordet haben, aber okay, das war hier ja nicht das Thema.

Und natürlich findet der Graf die Enteignung, die in der sowjetischen Besatzungszone statt findet, total ungerecht – er hatte halt das Pech, dass sein Gut auf der östlichen Seite von Tannbach liegt. Dabei könnte man ja auch mal fragen, auf welche Weise die Landjunker eigentlich an ihr Land gekommen sind – legal erworben hat ja wohl keine Adelsfamilie ihren Besitz, sondern der wurde irgendwann irgendwem mit Gewalt weg genommen. Ein Paradies war die Grundherrschaft für die Untergeben keineswegs – deshalb wollten die Kommunisten es auch ja mal anders machen. Aber über solche Dinge zu reflektieren ist natürlich zu viel verlangt, lieber hält man sich an die bewährte Mainstream-Ideologie.

Das Land wird an so genannte Neubauern verteilt, darunter auch Friedrich und Anna, die Gutstochter, die den Arbeitersohn inzwischen geheiratet hat. Aber klar, das Leben der Jungbauern ist hart und entbehrungsreich – gut dass Lothar, der jüdische Stiefbruder von Friedrich, als Schmuggler zum Lebensunterhalt beiträgt. Klar, der Jude ist halt besser im Schwarzmarktbusiness, während der Arier eben Bauerngene hat. Warum merken die Autoren eigentlich nicht selbst, wie peinlich sie sind?

Die Mutter der beiden ungleichen Brüder ist in die USA ausgewandert und kommt später zu Besuch, als ein Grenzzaun durch das Dorf geht und die Menschen im Osten strengen Sicherheitsbestimmungen unterworfen sind. Natürlich schwärmt sie von den USA als Hort von Frieden und Freiheit – und bleibt später im Westen. Zwar gibt es auch gute Kommunisten in Tannbach, aber die haben letztlich nicht viel zu melden. Ihr Glaube an einer bessere und gerechtere Gesellschaft wird als naiv und unhaltbar vorgeführt – schließlich hat die Geschichte ja bewiesen, dass der Kapitalismus nun einmal das überlegene System ist. Da hilft auch nicht, dass Anna ihrem niedergeschlagenen Friedrich am Schluss sagen darf, dass sie stolz auf ihn sei und das, was sie inzwischen aufgebaut haben. Irgendein gutes Haar muss man schließlich auch an den Ossis lassen, die ja eben auch fleißige Menschen waren, nur eben in der falschen Hälfte Deutschlands.

Wer irgendetwas über die Zeit der deutsch-deutschen Teilung wissen will, kann Tannbach getrost auslassen, denn hier gibt es nichts Neues zu erfahren, sondern nur ZDF-typischen Mainstreamschrott der Sonderklasse. Stattdessen lohnt es sich eher, sich die vom DDR-Fernsehen Polizeiruf-110-Folgen anzusehen. Da erfährt man wesentlich mehr über das Leben in der DDR.

Varg Veum – der Wolf aus Norwegen

Für alle Freunde des Skandinavian Noir, denen die ständigen Wiederholungen einschlägiger schwedischer Krimi-Serien allmählich auf die Nerven gehen, gibt es heute einen echten Geheimtipp: Den norwegischen Privatermittler Varg Veum. Wie der Name schon sagt, handelt es sich bei diesem Kerl um einen einsamen Wolf, erfunden von dem norwegischen Schriftsteller Gunnar Staalesen. Die Varg-Veum-Reihe liegt gewissermaßen noch nördlicher als die herkömmlichen Schwedenkrimis – sie ist dunkler, kälter, härter.

Varg (überzeugend verkörpert von Trond Espen Seim) weiß, dass die Welt schlecht ist. Er war mal Sozialarbeiter, jetzt ist er in seiner Heimatstadt Bergen so etwas wie ein Privatdetektiv. Er erinnert ein wenig an Philip Marlowe von Raymond Chandler – er säuft, ist wortkarg, ständig unrasiert, neigt zu Gewaltausbrüchen und nimmt die geltenden Gesetze nicht allzu wörtlich. Deshalb gerät er immer wieder in Konflikt mit der Polizei, insbesondere mit Kommissar Hamre, der Varg einerseits für eine entsetzliche Nervensäge hält, andererseits aber doch widerwillig anerkennen muss, dass er immer wieder Dinge herausfindet, die eigentlich die Polizei hätte herausfinden sollen.

Varg Veum (Trond Espen Seim) Bild: zdf

Der norwegische Privatermittler Varg Veum (Trond Espen Seim) Bild: zdf

Allerdings arbeitet Varg oft nach eigener Methode – das heißt, er tut Dinge, die ein Polizist gar nicht tun darf. Damit bringt er sich natürlich auch immer wieder selbst in Gefahr – ich kenne keinen anderen Ermittler, der so viel Prügel (und schlimmeres) einstecken muss wie der arme Varg: Er ist ein harter Typ, aber eben kein Superheld. Er hat keine Sammlung von schwarzen Gürteln und spricht auch kein Dutzend Fremdsprachen, aber er kennt natürlich den einen oder anderen, wie es in einem dünn besiedelten Land wie Norwegen kaum zu vermeiden ist, und er schreckt nicht davor zurück, die Dinge zu tun, die getan werden müssen – erst recht nicht, wenn es gefährlich wird. Sein notorisches Misstrauen gegen „die da oben“ und die daraus resultierende Respektlosigkeit gegenüber großen Tieren treiben ihn an – zu gern fährt er denen an den Karren, die auf Kosten anderer leben. Das ist etwas, dass er einfach nicht ertragen kann.

Varg Veum (Trond Espen Seim) und Kommissar Hamre Bild: zdf

Varg Veum (Trond Espen Seim) und Kommissar Hamre (Bjørn Floberg) Bild: zdf

Und er kann einfach nicht wegsehen, insbesondere, wenn junge Menschen betroffen sind. Irgendwie ist er tief im Herzen halt immer noch Sozialarbeiter und will jede und jeden retten – unter der harten Schale schlägt ein heißes, großes Herz. Deshalb kämpft er leidenschaftlich gegen Missbrauch, Drogendealer und gegen scheinbar übermächtige Feinde in den Chefetagen großer Konzerne und in der Politik an. Varg hat keine Berührungsängste – er kennt nicht nur die gescheiterten Existenzen seiner Stadt, seine Fälle reichen auch bis in die höchsten Kreise. Natürlich gerät er dabei oft zwischen die Fronten, aber zäh und hartnäckig wie er nun mal ist, deckt Varg immer wieder haarsträubende Skandale auf. Wie in allen ordentlichen skandinavischen Krimis geht es oft um dunkle Familiengeheimnisse und beklemmende Beziehungsdramen. Oft genug ist Varg selbst involviert – mal trifft er auf eine alte Liebe, mal entpuppt sich ein alter Freund als Mörder. Und natürlich sehnt sich auch ein einsamer Wolf nach Liebe. Es gibt durchaus Frauen in Vargs Leben – aber das ist alles auch nicht so einfach.

Varg Veum (Trond Espen Seim) und Elise (Ane Dahl Torp) in Geschäft mit dem Tod - Bild: zdf

Varg Veum (Trond Espen Seim) und Elise (Ane Dahl Torp) in Geschäft mit dem Tod – Bild: zdf

Ähnlich wie bei der schwedischen Serie GSI Göteborg gibt es zwei Staffeln mit sechs Teilen, die jeweils etwa 90 Minuten lang sind. (Ja, ich weiß, von Johan Falk gibt es noch drei Spielfilme, die man als erste Staffel zählen könnte – die sind auch gut, die zähle ich hier aber nicht mit). Und wie bei der GSI in Schweden sind von Varg Veum in Norwegen einige Teile auch im Kino gelaufen – der erste und der vierte Teil der ersten und sämtliche Filme der zweiten Staffel. Derzeit läuft die zweite Staffel von Varg Veum endlich im deutschen Fernsehen, konkret im ZDF zu nachtschlafender Zeit von 00:30 bis 02:00 (jeweils im Rahmen der Filmnacht von Samstag auf Sonntag). Übrigens habe ich Varg Veum nicht in der zdf-Mediathek entdeckt – aber Sendungen zum späteren Ansehen aufnehmen ist ja nichts Illegales.

Morgen hör‘ ich auf

Seit bekannt wurde, dass das ZDF ein deutsches Breaking Bad produzieren möchte, wird auf den einschlägigen auf Serien- und Film- und Medienseiten im Internet reichlich gelästert.

Und ich muss gestehen, dass ich die dort geäußerten Befürchtungen teile, dass das ZDF selbst aus einem so starken und faszinierenden Stoff wie der Verwandlung des im Leben bisher mäßig erfolgreichen Chemielehrers Walter White in einen skrupellosen Drogenbaron eine höchstens mittelmäßige Serie machen wird. Es reicht hat nicht, eine gute Vorlage zu nehmen, und die einfach nachzumachen oder schlimmer noch – sie zu „schlanden“. Denn auf deutsche Fernsehverhältnisse übertragene Serien funktionieren in der Regel nicht, egal wie originell und schmissig die Vorlage war. Was hatte beispielsweise Kanzleramt noch mit The West Wing zu tun? Genau, gar nichts. Das war wieder deutsches Fernsehen in all seinem Elend, das irgendwie kritisch und pädagogisch wertvoll sein will, gleichzeitig aber vergisst, dass es eigentlich unterhalten soll, was durchaus auf eine intelligente Art geschehen darf, die man dem deutschen Publikum aber nicht zutraut. Warum sonst fehlen in keinem Tatort diese minutenlangen Sequenzen, in denen der eine Ermittler dem anderen noch einmal erklärt, was wir gerade über den Fall wissen?

Das muss nicht sein – die geschulten Serienseher, die sich den guten echten Stoff aus dem Internet saugen, sind sogar in der Lage, komplexe, intelligente Serien in Fremdsprachen zu verfolgen, wenn man sie ihnen im deutschen Fernsehen vorenthält. Insofern ist es mehr als überfällig, diesem Publikum, das ja ebenfalls jeden Monat fast 18 Euro Rundfunkbeitrag abdrückt, zur Abwechslung auch mal mit einer guten Serie zu überraschen. Und nein, wir wollen nicht noch eine SOKO und noch ein starkes Team und auf keinen Fall noch eine Kommissarin mit oder ohne Babybauch. Insofern ist Morgen hör‘ ich auf schon ein brauchbarer Ansatz, und allzu eng an die Vorlage soll sich der als Mini-Serie angelegte Versuch ja auch nicht halten. Beim ZDF wird es ein arbeitsloser Grafiker sein, der Falschgeld druckt, um seine Familie über Wasser zu halten und nicht mehr aussteigen kann, nachdem die Mafia auf ihn aufmerksam geworden ist.

Mal sehen – vielleicht wird es ja gar nicht so schlimm. Ein Remake muss nicht zwingend schlecht sein. In der letzten Zeit habe ich einige US-Versionen skandinavischer Serien gesehen, etwa The Bridge America oder The Killing, die erstaunlich gut funktioniert haben. Wobei die in den USA natürlich wissen, wie man gute Serien macht, deshalb schaffen sie es auch, aus guten Vorlagen richtig gute US-Versionen zu machen.

Wobei mir natürlich besser gefallen würde, wenn man sich nicht mit der Neuverfilmung einer guten Vorlage begnügen würde – man kann auch das beste Pferd zuschanden reiten, wenn man es zu oft laufen lässt: Beim dritten Brücke-Remake The Tunnel war dann zumindest bei mir als Zuschauer die Luft raus, irgendwann ist auch die ambitionierteste Neuverfilmung einer altbekannten Geschichte nicht mehr spannend.

Es ist ja nicht so, dass es hierzulande keine interessanten Stoffe gäbe. Im Gegenteil, es gibt Stoffe ohne Ende. Und selten, leider viel zu selten, wagen sich die deutschen Fernsehsender auch mal an eine zeitgemäße Umsetzung solcher Stoffe heran, wie der SWR im Jahr 2010 mit der Mini-Serie Alpha 0.7 – Der Feind in dir, die davon handelt, wie der Staat in die Köpfe der Menschen schauen will. Leider war die Serie alles in allem dann doch nicht so gut, wie ich nach dem durchaus gelungenen ersten Teil erwartet hatte. Ich hatte halt tatsächlich davon geträumt, dass das deutsche Fernsehen mal so etwas auf die Reihe kriegen würde wie die Kanadier mit der Sci-Fi-Serie Regenesis geschafft haben – aber das war natürlich zu viel verlangt. Doch gemessen an dem, was einem von den Öffentlich-Rechtlichen sonst zugemutet wird, war das vergleichsweise ordentlich. Auf jeden Fall hat der SWR mit Alpha 0.7 einen großen Schritt in die richtige Richtung gemacht, mal etwas Anderes auszuprobieren. Wenn man sich das öfter trauen würde, kämen sicherlich irgendwann auch gute und vielleicht sogar richtig gute Serien dabei heraus.