Ein Land mit freien Medien braucht keine Zensur

Mit dem Fernsehen ist es wie mit dem Internet: Eigentlich ist es ein wunderbares Werkszeug, um Wissen zu vermitteln, mehr Bildung und Kultur zu verbreiten, Menschen Zugang zu schaffen, zu Welten, in die sie sonst nicht vordringen könnten. Tatsächlich ist oft das Gegenteil festzustellen: Fernsehen bedient primitivste Instinkte, macht dumm und hilft einem die Zeit totzuschlagen, weil man auch sonst nichts Sinnvolles mehr zu tun hat. Warum sonst ziehen sich sieben bis acht Millionen Menschen regelmäßig abends voyeuristische Ekel-Shows wie das Dschungelcamp rein? Und das völlig freiwillig? Okay, weil man dort mit entsprechendem Vorwissen und der Bereitschaft, unfreiwillige (meist verbale) Selbstentblößungen der oft ehemaligen Stars als ironische Brechung wahrzunehmen auch als Akademiker noch auf seine Kosten kommen kann. Wem das zu subtil ist, dem bleibt Schadenfreude und die Gewissheit, auch morgen wieder mitreden zu können.

Immerhin: Wenn es zu schlimm wird, muckt das noch nicht völlig abgestumpfte Publikum auf, wie es seit einigen Monaten bei der Berichterstattung über die Krise, äh, den Krieg in der Ukraine der Fall ist. Denn die Menschen sehen sich auch Nachrichtensendungen an, um mitreden zu können. Wenn hier das Niveau bedenklich sinkt, kommt es immerhin noch zu Protesten. Auch wenn sich die Verantwortlichen daraufhin nur bedingt selbstkritisch zeigen und lieber darauf verweisen, dass die einschlägigen Foren von aus Moskau gesteuerten Trollen geflutet würden. Ist das denn die Möglichkeit?! Ein paar Dutzend Forenschreiber, die angeblich von der russischen Regierung bezahlt werden, sollen einen größeren Einfluss auf die öffentliche Meinung in Deutschland haben als sämtliche deutschen Qualitätsmedien zusammen?!

Wenn das zuträfe, müssten man das vollständige Versagen unserer Medien in Sachen Meinungsbildung konstatieren. Tatsächlich muss man den deutschen Medien aber zugestehen, dass sie immerhin nicht verhindern konnten, dass die Bundesbürger noch ein gewisses Gespür für den Wahrheitsgehalt in der täglichen Propaganda gewahrt haben. Genau wie die Menschen während des zweiten Weltkriegs zumindest ahnen konnten, dass je schriller die Siegesmeldungen und später die Durchhalteparole im Radio klangen, die tatsächliche Lage für das dritte Reich tatsächlich immer hoffnungsloser wurde. Und auch die staatlichen Medien in der DDR konnten nicht verhindern, dass die Leute auf die Segnungen des real existierenden Sozialismus zugunsten des verheißungsvollen Kapitalismus samt glänzender D-Mark gepfiffen haben: Wenn Propaganda als solche erkannt wird, dann geben die Leute nicht mehr viel auf das, was der Staat sagt. Vor allem, wenn die alltägliche Erfahrung ständig das Gegenteil beweist.

Mit der staatlichen Propaganda ist es also gar nicht so einfach – zumal es in Deutschland gar keine staatlich gelenkte Propaganda in den Massenmedien gibt, auch wenn das immer wieder behauptet wird. Warum sage ich dann trotzdem „Propaganda“? Weil es ja offensichtlich eine bestimmte Meinung gibt, die hergestellt werden soll – und darin sind sich die Medienmacher auch einig, denn sie sind Bestandteil der ganzen Veranstaltung Staat und Gesellschaft, die eben nicht vom Volk, also von den Menschen wie du und ich, sondern von bestimmten Interessengruppen veranstaltet wird – ohne dass sich die Leute darüber im Klaren wären. Unsere Medien geben sich ja immer wieder auch kritisch und decken Skandale und Missstände auf, und natürlich kommen Vertreter mit unterschiedlichen Meinungen zu diesem und jenem zu Wort. Aber wenn man Tagesschau, heute jourmal, den Spiegel, den Süddeutsche, die FAZ und die ganzen Springerbätter sowieso mal genauer anschaut: Sie schreiben alle genau das, was sie dem Großen und Ganzen, also dem Standort Deutschland und allem was dazu gehört, zuträglich halten. Das ist aber nicht immer das, was sie berichten müssten, wenn sie ihren angeblichen Job unabhängige und objektive Information der Bürger ausüben würden.

Diese Diskrepanz fällt meistens gar nicht auf, aber ab und zu ist sie dann doch so offensichtlich, dass auch sonst weniger aufmerksame Bürger plötzlich misstrauisch werden: Wenn sogar Institutionen wie die Tagesschau ungeprüft Behauptungen übernehmen, von denen sich später ganz klar beweisen lässt, dass es für diese Behauptung eben keine Beweise gab, werden die Zuschauer völlig zu recht sauer. Schließlich zahlen wir alle unsere Zwangspauschale, damit wir vernünftig recherchierte und richtige Informationen bekommen, anstatt zufällig zusammengepusselte Falschmeldungen. Wenn inzwischen Analysen von seriösen westlichen Institutionen wie dem Council on Foreign Affairs zu dem Schluss kommen, dass der Westen den Bürgerkrieg in der Ukraine provoziert und eskaliert hat, während sämtliche Leitmedien in Deutschland noch das Gegenteil behaupten, dann muss man einfach mal konstatieren, dass es keine unabhängige Presse und keine objektive Berichterstattung in den deutschen Massenmedien gibt. Wie Peter Hacks vor 25 Jahren sagte: Ein Land mit freien Medien braucht keine Zensur.

Ich weiß, wie schwierig es ist, die wirklich wichtigen Nachrichten aus der Flut der einströmenden Meldungen heraus zu filtern und angemessen aufzubereiten. Ich arbeite selbst in einer Redaktion: Der ewige Zeitdruck, die knappen Ressourcen, für gründliche Recherchen braucht es Ruhe und Zeit, ständig muss man sich fragen: wieviel Aufwand muss man hier und kann man dort investieren? Kann ich mich auf die Quelle verlassen oder ist das eine Falschmeldung? Aber wenn das nicht einmal die mit öffentlichen Mitteln vergleichsweise komfortabel ausgestatteten Redaktionen von ARD und ZDF auf die Reihe kriegen – wer soll es denn sonst tun?! Besonders peinlich übrigens der Hinweis „Quelle: Internet“, den ich schon mehrfach in der Tagesschau sehen musste: So kann man es auch sein lassen! Man schreibt ja auch nicht „Quelle: Bibliothek“, sondern verrät zumindest um welches Buch es sich handelt! Obwohl sich inzwischen ja herausgestellt hat, dass auch prominente Politiker bei ihren Doktor-Arbeiten nicht mehr gewusst haben, wie das mit den korrekten Quellenangaben geht. Und das sind die Leute, die uns regieren…

Fernsehen: Zuschauer werden zu Terroristen

Der Focus ist ja sozusagen das RTL unter den Nachrichten-Magazinen, nichts destotrotz muss man da immer mal wieder vorbei schauen. Denn es gibt ab und zu ja doch interessante Sachen, etwa diese Umfrage über die Zufriedenheit mit den deutschen Fernsehsendern. Natürlich ist die auch ziemlich aggressiv getitelt: „Einfach katastrophal: Zwei Drittel der ARD-Zuschauer sind unzufrieden“ und Kategorien wie „Fan“, „Sympathisant“, „Söldner“, „Gefangener“ oder „Terrorist“ sprechen für sich. Aber schön für mich, dann hab ich auch Stoff für einen reißerischen Titel – et voilà.

Als Söldner wird jemand bezeichnet, der sofort den Sender wechseln würde, wenn ihm denn ein besseres Programm geboten würde (das es aber offenbar wo anders auch nicht gibt), ein Gefangener ist einer, der das auch tun würde, aber nicht kann (auch interessant, gibt es so viele Leute, bei denen die Fernbedienung kaputt ist?) und Terroristen ärgern sich nicht nur über das schlechte Programm, sondern schimpfen auch noch laut darüber. Weitere Erklärungen in der Grafik:

Grafik: focus.de

Anteil der verschiednen Zuschauer-Gruppen.
Grafik: focus.de

arte ist übrigens der Sender mit den meisten Fans und den wenigsten Terroristen, die ARD hat die wenigsten Fans und die meisten Terroristen. Und nur bei arte und 3sat gibt es mehr Fans als Terroristen, sonst ist das Verhältnis umgekehrt. Auch wenn man nicht weiß, wie Fanfocus gefragt hat („Sind Sie etwa auch so unzufrieden mit dem aktuellen Fernsehprogramm?“ – „nee, eigentlich nicht, denn ich sehe arte!“ oder „Finden Sie nicht auch, dass sich die Rundfunkpauschale bei dem Programm gar nicht mehr lohnt?“ – „Stimmt, die Tagesschau ist inzwischen so schlecht wie der Tatort danach!“) müssen die Fernsehsender wohl mal über ihre künftige Programmgestaltung nachdenken. In Zeiten von Internet und immer zahlreicheren Video-on-Demand-Diensten, bei denen man sich sein Programm selbst gestalten kann, ist eigentlich niemand mehr gezwungen, sich schlechtes Fernsehen anzutun. Notfalls kann man auch sinnfreie Videoclips auf Youtube ansehen oder sich einfach vom Nachrichtenstrom in seinem asozialen Lieblingsnetzwerk davon tragen lassen – die Zeit kriegt man auch ohne Fernsehen rum.

Sofern man einen brauchbaren Breitbandanschluss an das Netz der Netze hat, versteht sich. Ich glaube ich kapiere doch, wie die Gefangenen zustande kommen…

Grafik: focus.de

Grafik: focus.de
Verteilung der Zuschauer-Gruppen nach Sendern.