Opfer Nummer Acht

Den schönen warmen Sommer über gab es genügend andere Dinge zu tun, als Serien zu sehen. Doch nachdem das Wetter nach dem letzten heißen Wochenende plötzlich wieder normal geworden ist, gab es einige kühle Abende, so dass ich mich tatsächlich nach einer neuen Serie umgesehen habe. Und ich fand La victima número 8, einen spanischen Achtteiler, den es auf Netflix zu sehen gibt. Ausschlaggebend für meine Wahl war unter anderem, dass die Serie in Bilbao spielt. Da wollte ich schon immer einmal hin. Die Handlung greift die Terroranschläge in Nizza, Berlin und Barcelona auf, bei denen islamistische Attentäter mit Lastwagen zahlreiche Menschen töteten und verletzten. 

In der Serie fährt ein angeblich islamistischer Attentäter mit einem Kleinbus in eine Menschenmenge vor einem bekannten Café in Bilbao. Acht Menschen sterben, darunter auch Gorka Azkárate, der Erbe des Großunternehmers José Maria Azkárate (Alfonso Torrègrosa). Der Täter ist angeblich Omar Jamal Salama (César Mateo), ältester Sohn einer in Bilbao hervorragend integrierten arabischen Familie. Ausgerechnet an dem Abend, an dem seine Freundin Edurne (Maria de Nati)  Omar ihren Eltern vorstellen wollte, kommt er nicht. Das Essen wird kalt, die Eltern ungeduldig, Edurne kann ihren Freund per Handy nicht erreichen. Dann die schreckliche Nachricht im Fernsehen: Es hat einen Anschlag gegeben. Und Omar soll der Täter sein.

La victima número 8 Bild: Telemadrid

La victima número 8 Bild: Telemadrid

Edurne, ein anständiges Mädchen aus gutem Haus, die als Krankenschwester in einer Klinik arbeitet, ist fest von der Unschuld ihres Freundes überzeugt. Genau wie Omars Mutter Adila Salama (Farah Amed). Sie werden beide hart auf die Probe gestellt.

Ja, ich weiß, ich spoilere zu viel. Aber in diesem Fall geht es nicht anders. Denn selbstverständlich handelt es sich bei der schrecklichen Tat nicht um einen weiteren Terroranschlag, sondern um einen gut getarnten Mord, an dessen Vertuschung ein wichtiger Teil der zuständigen Polizeieinheit beteiligt ist. Es geht also nicht um Terrorismus, sondern um Korruption.

Und um problematische Familienverhältnisse in höchsten Kreisen der Bilbao-Society: Der jüngere Sohn Gaizka Azkárate stand immer im Schatten seines großen Bruders Gorka. Aber Gaizka gefällt sich nicht in der Rolle des unfähigen zweiten Sohnes, er ist eifersüchtig auf so ziemlich alles, was der erfolgreiche Gorka hatte: Die Liebe des Vaters, die Achtung der Leute in der Firma und nicht zuletzt die schöne Almundena (Lisi Linder), Gorkas Frau. Gaizka nutzt die guten Verbindungen, die er als Sproß einer einfluss- und auch sonst sehr reichen Familie hat, um seinen Bruder aus dem Weg zu räumen. Gorka ist das Opfer Nr. 8 jenes Anschlags, den Gaizka hat inszenieren lassen.

Alles in allem also eine ziemlich kranke Geschichte, die leider gar nicht so weit hergeholt ist: Immer wieder in der Geschichte haben mächtige Leute zahlreiche Untertanen geopfert, um ihre Interessen durchzusetzen. Über die anderen sieben Opfer erfahren wir wenig bis gar nichts. Aber die Serie folgt dem eigentlichen Opfer Omar und seiner Familie. Und der ebenso eigensinnigen wie hochschwangeren Ermittlerin Koro Olaegi (Verónika Moral), die von Anfang an ahnt, dass an diesem Fall irgendetwas nicht stimmt, aber von interessierter Stelle immer wieder sabotiert wird. Denn das Kind, das sie erwartet, ist ausgerechnet von Gorka, mit dem sie eine Affäre hatte. Allerdings war die vorbei, als Koro beschloss, das Kind zu behalten. 

Ihr Gegenspieler im Polizeiapparat ist Gorostiza (Óscar Zafra), der den Anschlag mit seinen Leuten inszeniert hat. Gorostiza versucht, Olaegi kaltzustellen, was ihm zumindest teilweise immer wieder gelingt. Aber Olaegi ist beharrlich und schlau, sie erinnert mich mit ihrer todesverachtenden Sturheit an die legendäre Kommissarin Lund. Und dann gibt es noch den abgehalfterten Journalisten Juan Echevarría genannt  „Eche“ (Marcia Alvarez), der Edurne aus der Klinik kennt, wohin Eche regelmäßig zur Dialyse muss. Eche wittert eine gute Story, mit der er wieder groß heraus kommen kann und schafft es, Edurnes Vertrauen zu gewinnen: Er will ihr helfen, die Unschuld ihres Freundes zu beweisen. Eche weiß im Gegensatz zu Edurne, dass sie sich mit sehr mächtigen und einflussreichen Gegnern anlegen.

Währenddessen steht Omars Familie unter dem Verdacht, einen islamistischen Terroristen groß gezogen zu haben und wird mit dem entsprechendem Volkszorn überzogen. Nur die alte Dame Maria (Itziar Aizpuru), bei der Omars Mutter Adila als Altenpflegerin arbeitet, lässt sich davon nicht aus der Ruhe bringen. Sie schätzt Alida sehr und besteht gegen den Willen ihrer Kinder darauf, weiterhin von Adila betreut zu werden. Ihr tut auch Adilas kleinster Sohn leid, der nun von Mitschülern und vor allem deren Eltern ausgegrenzt und angefeindet wird. Ob und was die Familie überhaupt mit dem schrecklichen Anschlag zu tun haben könnte, spielt im Zeitalter der öffentlichen Social-Media-Pranger letztlich keine Rolle. 

Mir hat an der Serie gefallen, dass dieser Aspekt gezeigt wird. Auch wenn es in der Geschichte insgesamt einige größere Logiklöcher gibt und mir die Familieneifersüchteleien im Azkárate-Clan auf die Nerven gehen (ich mochte auch schon Dallas und den Denver-Clan nicht, weil ich dick aufgetragene Reiche-Familien-Geschichten blöd finde) fand ich La victima número 8, dann doch spannend und interessant genug, um bis zum Schluss dabei zu bleiben. 

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Tiefer Süden: Queen of the South

Im Universum der Verbrecherserien dominieren männliche Protagonisten. Insbesondere, wenn es um das besonders schmutzige Geschäft des internationalen Drogenhandels geht. Dort kommen Frauen in der Regel nur als Endnutzerinnen oder als Ware vor, oder auch beides, denn Drogen- und Menschenhandel ist oft eng verzahnt und die Mädchen und Frauen, die als Prostituierte verkauft werden, wurden mit Drogen gefügig gemacht. Oder umgekehrt, weil sie die Drogen aus welchen Gründen auch immer brauchen, verkaufen sie sich selbst. Was oft nicht lange gut geht.

Insofern ist Queen of the South von USA Network eine Ausnahmeserie, denn sie handelt vom Aufstieg der mexikanischen Geldwechslerin Teresa Mendoza (Alice Braga) zu einer mächtigen Jefa im Testosteron gesteuerten Drogenbusiness. Obwohl die Serie insgesamt durchaus Schwächen hat und an Meisterwerke wie Breaking Bad (AMC, nicht USA Network) nicht herankommt, so verdient sie meines Erachtens mehr Aufmerksamkeit als ihr, zumindest hierzulande, zuteil wird. Queen of the South ist die US-Adaption der Telenovela La Reina del Sur, die der ebenfalls in den USA operierende Sender Telemundo für die spanischsprachige Community in den USA produziert hat. Der englischsprachige Partnersender der Neuauflage ist USA Network, der auch meine Lieblingsserie Mr. Robot produziert hat. Was erklären dürfte, wie ich auf Queen of The South gekommen bin. Nun ist gewiss nicht jede USA-Serie toll, aber Queen of the South hat was.

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Titelposter Queen of the South: Teresa Mendoza (Alice Braga) Bild: Netflix

Teresa ist ein typisches (also armes) Mädchen aus Sinaloa, einem mexikanischem Bundesstaat, der vor allem für das Sinaloa-Kartell bekannt ist. Teresa verliebt sich in einen Drogenkurier, der ihr eine zeitlang ein vergleichsweise angenehmes Leben ermöglicht. Als ihr Freund ermordet wird, wird ihr klar, wie tödlich dieses Geschäft ist. Sie selbst gerät in die Fänge des Kartells und soll als Frischfleisch verkauft werden, weshalb sie sich spontan als Muli meldet – lieber will sie in ihrem Körper Drogen schmuggeln, als sich serienmäßig vergewaltigen zu lassen.

Teresa ist zäh und kämpft, sie weiß, dass sie eigentlich keine Chance hat, aber sie greift nach jedem Strohhalm und siehe da, ab und zu ist Gott mit den Unverzagten. Gerade weil sie arm war, weiß sie, dass es besser ist, reich zu sein. Und dann hat sie auch noch die Nerven, jede noch so kleine Chance zu nutzen, um genau das zu erreichen, anstatt sich der erdrückenden Übermacht der offensichtlich so viel Mächtigeren zu beugen. Teresa ist cool, berechnend und wenn es sein muss, konsequent: Verräter müssen sterben. Gleichzeitig bekämpft sie aber die in ihren Augen sinnlose Grausamkeit und Brutalität der anderen, männlichen, Kartellchefs.

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Teresa (Alice Braga) mit ihrer Freundin Brenda (Justina Machado)

Sie versucht, ein alternatives Business-Modell zu etablieren: Ihr Stoff ist besonders rein, deshalb ist die Nachfrage danach hoch und die gesundheitlichen Auswirkungen kontrollierbar. Außerdem ist sie eine überaus faire Geschäftspartnerin, die immer hält, was sie verspricht. Und ihr ist es zuwider, abhängige Menschen auszunutzen. Obwohl, oder vielleicht gerade weil, sie unter harten Bedingungen lebt und aufgewachsen ist, will sie es besser machen. Das ist ihre Entscheidung. Sie will nicht so zynisch und brutal sein, wie die Menschen, denen sie ausgeliefert war und ist. Sie entscheidet sich, es anders zu machen. 

Ihre Haltung wird von Gegnern gern als Schwäche verstanden. Aber sie erreicht mit ihrer Art, dass ihre Leute wirklich loyal sind, weil sie gut finden, wie ihre Chefin die Dinge angeht. Während ihre fiesen Gegner immer mehr Angst und Schrecken verbreiten müssen, um ihre Macht zu sichern. Natürlich wird Teresa in ihrer brutalen Sphäre trotzdem noch oft genug gezwungen, Dinge zu tun, die sie nicht tun will, um zu überleben. Und immer wieder stellt sich heraus, dass sie eine Überlebenskünstlerin ist, was im Laufe der Serie dann doch sehr strapaziert wird. Andererseits ist das bei Breaking Bad nicht anders: Immer, wenn man sich fragt, wie denn bitte schön die Protagonisten aus dieser Situation herauskommen sollen, damit die Staffel weiter gehen kann, passiert entsprechend etwas Unerwartetes.

Oder eben doch nicht sooo dermaßen unerwartet, weil die Nummer kennen wir ja schon, muss halt irgendwie klappen, weil sonst wäre ja Schluss. Dabei ist Queen of the South mittlerweile in der verdienten vierten Staffel angekommen, in der Teresa versucht, in New Orleans Fuß zu fassen. Zuvor musste sie schon eine Menge unlösbar scheinender Herausforderungen meistern, sich aus der Abhängigkeit von allmächtigen Kartellchefs befreien, durchgeknallte Produzenten von ihrem Geschäftsmodell überzeugen, skrupellose Konkurrenten aus dem Weg räumen, innovative Transport- und Bezahlmechanismen für ihr eigenes Businessmodell zu etablieren und nicht zuletzt unter dem Radar von nationalen und internationalen Strafverfolgungsbehörden zu bleiben. Was oft bedeutet, entsprechende Menschen in entsprechenden Positionen von sich zu überzeugen, auf welche Art auch immer.

Und dann gibt es auch noch Familie, wie immer die definiert wird. Für Teresa spielen Loyalitäten eine größere Rolle als ein gemeinsamer Genpool, ihre Herkunftsfamilie spielt im Grunde keine Rolle, Teresa kommt quasi aus dem Nichts. Aber sie muss ständig mit den komplizierten mexikanischen Familien- und Machtverhältnissen umgehen, die für andere in ihrem Business so wichtig sind. Wobei, mafiöse Strukturen sind auch in anderen Gesellschaften zu finden, Teresa arbeitet sich überall daran ab, egal, wohin sie geht.

Queen of the South gibt es nicht nur bei Netflix, sondern auch bei Amazon, Google Play, maxdome, Videoload, iTunes und magenta-TV, die Erstausstrahlung in Deutschland fand im Sommer 2017 bei DMAX statt.

Dark: Zeit ist nur eine Illusion

Als die erste für Netflix produzierte deutsche Serie Dark Ende 2017 erschien, war ich ziemlich enttäuscht. Ich hatte so etwas wie Who Am I erwartet, jenem Hacker-Film von Baran bo Odar, der eine Art Vorläufer für die Ausnahmeserie Mr. Robot von Sam Esmail war. Oder eine vielschichtige Krimiserie wie The Killing. Aber Dark war etwas ganz anderes. Eine sehr deutsche Serie, die in der zwar fiktiven, aber eben auch sehr deutschen Kleinstadt Winden spielt. Und noch schlimmer: Dark war weder eine Krimi-, noch eine Hackerserie, sondern ein Mysterydrama. Und Mystery ist einfach nicht mein Ding. 

Ich habe mir Dark dann aber trotzdem angesehen, weil es schon gut gemacht ist, es gibt stimmungsvolle Bilder von deutschen Waldlandschaften, ein imposantes Kernkraftwerk und auch mit der sonstigen Ausstattung haben sich die Serienmacher große Mühe geben. Und irgendwie ist es auch eine Familienserie, es geht um das Schicksal von vier Familien, die in Winden leben: Die Dopplers, die Nielsens, die Kahnwalds und die Tiedemanns. Sie alle haben ihre Geheimnisse und pflegen die üblichen Lebenslügen. Die Handlung setzt am 21. Juni 2019 mit dem Selbstmord von Michael Kahnwald (Sebastian Rudolph) ein, der einen Brief hinterlässt, der nicht vor den 4. November um 22:13 geöffnet werden soll. Und es verschwinden Kinder. Im Jahr 2019 ist es Erik Obendorf, der vermisst wird.

Poster Netflix-Serie Dark

Poster Netflix-Serie Dark Bild: Netflix

Charlotte Doppler (Karoline Eichhorn) und Ulrich Nielsen (Oliver Masucci) von der örtlichen Polizeieinheit nehmen die Ermittlungen auf. Ulrich Nielsen ist Mikkels Vater, dem kleinen Bruder von Magnus und Martha, der als nächstes verschwindet. Mikkel war mit einer Gruppe Jugendlicher aus dem Ort unterwegs, die nach dem Drogenversteck gesucht hat, das Erik angeblich angelegt hat. Sie suchen in den Windener Höhlen, die eine zentrale Rolle in der Serie spielen.

Das weit verzweigte Höhlensystem birgt allerlei Geheimnisse und soll sogar bis unter das Gelände des Kernkraftwerks reichen, das für den ansonsten unspektakulären Ort der wichtigste Wirtschaftsfaktor ist. Nun ja, geologisch wirft das durchaus Fragen auf, aber Kernkraftwerke wurden auch in Deutschland nicht unbedingt an den dafür geeignetsten Standorten gebaut, sondern dort, wo der Widerstand in der Bevölkerung nicht unüberwindbar hoch war, insofern geht das schon klar. Das Atomkraftwerk spielt in der Serie durchaus eine Rolle, aber eher als geheimnisvoller Ort, an dem rätselhafte Dinge passieren, es geht in der Serie schließlich nicht um das Protokoll einer Atomkatastrophe, sondern um Zeitreisen.

Bei der Suchaktion der Polizei wird die Leiche eines Jungen gefunden, der am Kopf merkwürdige Verbrennungen hat. Es handelt sich allerdings weder um Erik, noch um Mikkel. Die Nervosität in Winden steigt, die Leute sind verunsichert und bekommen Angst. Mikkel hingegen taucht wieder auf und geht nach Hause, dort wohnen allerdings Menschen, denen er noch nie begegnet ist. Mikkel ist im Jahr 1986 gelandet. Danach springt die Handlung zwischen den Jahren 2019 und 1986 hin und her, wir erleben, wie Mikkel im Jahr 1986 fest hängt, während in Winden ein weiterer Junge verschwindet. Michael Kahnwalds Sohn Jonas (Louis Hofmann) bekommt von einem rätselhaften Fremden ein Paket, in dem neben einer coolen Lampe und einem Geigerzähler auch der verloren geglaubte Abschiedsbrief seines Vaters ist. Jonas erfährt, dass sein Vater Michael der kleine Mikkel Nielsen aus dem Jahr 1986 ist, der von Ines Kahnwald aufgezogen wurde. Anhand einer Karte der Windener Höhlen, die Jonas im Atelier seines Vaters gefunden hat, findet er den Durchgang, der die Zeitreisen ermöglicht.

Es kriselt in sämtlichen betroffenen Familien, die irgendwie mit dem Verschwinden ihrer Kinder und Geschwister klar kommen müssen. Da ist beispielsweise Ulrich Nielsen, dessen jüngerer Bruder Mads im Jahr 1986 verschwunden ist. Als sein Sohn Mikkel verschwindet, scheint sich alles zu wiederholen. Charlotte muss ihn schließlich wegen Befangenheit von dem aktuellen Vermissten-Fall abziehen. Aber Ulrich ermittelt auf eigene Faust weiter. Er findet heraus, dass die Kinderleiche, die gefunden wurde, sein Bruder Mads sein muss.

Aufgrund von Notizen in alten Polizeiakten verdächtigt Ulrich den inzwischen dementen Helge Doppler, etwas mit dem Verschwinden von Mads und Mikkel zu tun zu haben. Ulrich folgt Helge, als der aus dem Heim verschwindet und sich zu den Windener Höhlen aufmacht und findet auf diese Weise heraus, wo der Durchgang für die Zeitreisen ist. Allerdings landet Ulrich im Jahr 1953. Dort trifft er tatsächlich auf den kleinen Helge und versucht, ihn zu erschlagen, um zu verhindern, dass er als Erwachsener Mads und Mikkel ermorden kann, was er nicht getan hat, aber Ulrich ist davon überzeugt. Helge überlebt allerdings, auch wenn er für den erst seines Lebens von den schweren Kopfverletzungen gezeichnet bleibt.

Bevor Ulrich zurück in seine Zeit reisen kann, wird der vom jungen Polizist Egon Tiedemann aufgegriffen und verhaftet. Kurz zuvor wurden die Leichen von Erik Obendorf und Yasin Friese auf der Baustelle des künftigen Atomkraftwerks gefunden. Die Polizei kann sich keinen rechten Reim auf die merkwürdige Kleidung der Kinder machen, aber sie sind tot und der blutbeschmierte Ulrich ist mehr als verdächtig. Ulrich wird als verrückter Kindermörder für den Rest seines Lebens eingesperrt.

Am Ende der ersten Staffel landet Jonas in einer düsteren Zukunft, um das offensichtlich zerstörte Atomkraftwerk wurde eine Sperrzone errichtet. Jonas wird von einer Gruppe zerlumpter, bewaffneter Gestalten gefangen genommen, die junge Anführerin schlägt ihn mit den Worten „Willkommen in der Zukunft“ ohnmächtig.

In der zweiten Staffel wird die Figur von Jonas noch wichtiger, er glaubt, dass er derjenige ist, der alles, was durch die Fehler in der Zeit schief gegangen ist, wieder in Ordnung bringen kann. Er ist allerdings nicht der einzige, der alte Fehler ausbügeln will. So kommen Egon Jahrzehnte später (also 1986) Zweifel, ob er damals richtig gehandelt hat. Seine überaus intelligente Tochter Claudia (Julika Jenkins) ist die inzwischen erste Chefin eines Atomkraftwerks in Deutschland, worauf Egon sehr stolz ist, auch wenn das Verhältnis zu seiner Tochter und seiner Enkelin Regina sonst eher kühl ist. Egon will, bevor er in Rente geht, das Verschwinden von Mads Nielsen aufklären und erinnert sich an den Fall von 1953.

Claudia hingegen verschwindet in gewisser Weise ebenfalls, sie streift als Zeitreisende durch die Epochen. Sie hat sich zur Aufgabe gemacht, die Sic-Mundus-Organisation zu bekämpfen, ein Geheimbund von Zeitreisenden, den es bereits seit 1921 gibt. Claudia lässt auch die Zeitmaschine bauen, sie bringt dem Uhrmacher H. G. Tannhaus im Jahr 1953 die Pläne für eine komplizierte mechanische Maschine, die erst 33 Jahre später fertig sein wird. Die Zeitmaschine wird mit Cäsium-137 betrieben. Cäsium ist das Element, dessen Frequenz für die Atomuhren genutzt wird, mit denen die gültige Weltzeit bestimmt wird. Als Chefin eines Kernkraftwerks kommt sie natürlich an eine solche Substanz, die bei der Kernspaltung entsteht.

Gleich am ersten Tag als Nachfolgerin des bisherigen Chefs des Windener Atomkraftwerks, Bernd Doppler, dem Vater von Helge Doppler, hat sie herausbekommen, dass kurz zuvor ein atomarer Störfall vertuscht wurde. Claudia will damit an die Öffentlichkeit, lässt sich aber vom alten Doppler überzeugen, dass ein Aus für das AKW den wirtschaftlichen Niedergang für die ganze Region bedeuten würde. Als es einen weiteren Zwischenfall gibt, wertet Claudia die Daten aus und entdeckt darin den Nachweis für die Existenz des so genannten Gottesteilchens, des Higgs-Bosons. Leider kann sie diese sensationelle Entdeckung nicht veröffentlichen, ohne die Störfälle bekannt zu machen. Also hält sie ihre Entdeckung geheim, stellt aber weitere Nachforschungen an. Sie will ihre Erkenntnisse ebenfalls dazu nutzen, um die Dinge in Winden wieder in Ordnung zu bringen. Mit ihren älteren Ich nimmt sie in unterschiedlichen Zeiten zu verschiedenen Windenern Kontakt auf, um ihr Wissen mit ihnen zu teilen, damit sie in ihrer jeweiligen Zukunft richtig handeln können. Allerdings muss sie dabei erkennen, dass sie dadurch genau die Ereignisse erst verursacht, die sie eigentlich verhindern wollte.

Es bleibt nicht aus, dass immer mehr Menschen in Winden von der Existenz der Zeitreisen und der Zeitmaschine erfahren. Das macht die Sache aber noch viel komplizierter, weil es immer mehr Interaktionen in den unterschiedlichen Zeitebenen gibt, die wiederum Konsequenzen auf das künftige Leben aller anderen haben können. Wer auf derartige Mindfuck-Geschichten steht, kann mit Dark ziemlich glücklich werden. Ich liebte in den 80ern Zurück in die Zukunft, allerdings war gerade der erste Film der Trilogie sehr viel lustiger als Dark. Das ist auch eins der Probleme dieser Serie, die sich überaus philosophisch und total ernst gemeint gibt und deshalb leider vollkommen humorfrei ist. Ab und zu mal ein Augenzwinker-Moment und dafür weniger schwülstiges Geschwurbel aus dem Off, und Dark wäre eine richtig gute Serie geworden, der man das eine oder andere schwarze Logik-Loch verzeihen kann, weil sie wenigstens gut unterhält. So macht es Dark einem aber schwerer als nötig, den ganzen Handlungssprüngen, Zeitschleifen und Paradoxien zu folgen. Wobei ich auch sagen muss, dass ich die zweite Staffel besser fand als die erste. Vielleicht hatte ich mich jetzt auch einfach darauf eingelassen, dass Dark eben so ist, wie es ist. Vielleicht reißt es die dritte Staffel ja endgültig heraus, nach der dann für immer Schluss sein wird.

Was man besser nicht googeln sollte

Netflix hat eine weitere deutsche Serie produziert, und dieses Mal ist es tatsächlich gut gegangen – bekanntlich sind alle guten Dinge drei: Nach der ambitionierten, aber irgendwie dann doch enttäuschenden Mysterieserie Dark und dem gründlich misslungenen Versuch, mit Dogs of Berlin eine coole Verbrecherserie im Gang-Milieu von Berlin abzuliefern, die tatsächlich einfach nur eine manchmal alberne, oft aber ärgerliche Aneinanderreihung dämlicher Klischees war, ist How to Sell Drugs Online (Fast) eine erstaunlich unterhaltsame Teenager-Serie, an der auch Erwachsene Spaß haben können.

Die Serienidee beruht auf der wahren Geschichte eines Schülers, der unter dem Alias Shiny Flakes aus seinem Kinderzimmer heraus einen illegalen Drogenhandel im Darknet betrieb, der mehrere Millionen Euro Umsatz machte. Die Serienmacher haben die Handlung von Leipzig in die fiktive Kleinstadt Rinseln im Umland von Köln verlegt, deren beeindruckende Trostlosigkeit es locker mit Niederkaltenkirchen aufnehmen kann, der hässlichsten (ebenfalls fiktiven) Stadt in Niederbayern, bekannt aus den Eberhofer-Krimis. Für die Serie verantwortlich zeichnet übrigens die bildundtonfabrik aus Köln-Ehrenfeld, die unter anderem auch das Neo Magazin Royale produziert. How to Sell Drugs Online (Fast) ist die erste fiktionale Serie der Ehrenfelder.

How To Sell Drugs Online (Fast): Serienposter Bild: Netflix

How To Sell Drugs Online (Fast): Serienposter Bild: Netflix

Es geht um den siebzehnjährigen Moritz (Maximilian Mundt), der sehnsüchtig darauf wartet, dass seine Freundin Lisa (Lena Klenke) wieder nach Hause kommt. Sie war für ein Austauschjahr in den USA und es kommt, wie es kommen muss, sie interessiert sich nun für andere Dinge und Menschen. Sie macht zwar nicht gleich komplett mit Moritz Schluss, aber will erstmal auf die Pausetaste drücken. Wie man das heute so nennt, wenn man eigentlich nicht mehr will, aber keine Lust auf den Stress einer richtigen Trennung hat.

Natürlich kapiert Moritz das und leidet fortan unter unerträglichem Liebeskummer, sein Lebenssinn ist nun dahin und darunter wiederum leiden in der Folge andere. Lenny (Danilo Kamperidis) zum Beispiel, der beste (und offenbar einzige) Freund von Moritz, der aufgrund einer schweren Erkrankung im Rollstuhl sitzt. Er teilt Moritz Begeisterung für Computerspiele und alles, was sonst mit Computern zu tun hat. Die beiden Nerds planen, ein Start-Up für virtuelle Computerspielausrüstung aufzuziehen, die man für echtes Geld kaufen kann. Doch der Pitch für MyTems geht gründlich schief, weil Moritz nicht bei der Sache ist.

Dafür entwickelt er eine andere Idee: Als er mitbekommt, dass der gut aussehende Dan (Damian Hardung) epische Parties im Haus seiner Eltern schmeißt, auf denen es Ecstasy-Pillen gibt, beschließt er, selbst ins Dealergewerbe einzusteigen, damit er endlich auch cool ist und Einladungen zu den wichtigen Events bekommt, mit denen er Lisa beeindrucken kann, die er um so ziemlich jeden Preis zurück gewinnen will.

Dabei verstrickt er sich in allerlei Schwierigkeiten, natürlich klappt alles nicht so wie geplant, vor allem ist mit Buba (Bjarne Mädel) nicht zu spaßen, dem brutalen Teilzeit-Dealer, der hauptamtlich einen Pferdehof betreibt. Doch Nerd Moritz, ein bekennender Steve-Jobs-Fan, denkt inzwischen in größeren Kategorien und  knüpft internationale Kontakte mit Drogenherstellern. Und er benutzt die hauptsächlich von Lenny entwickelte Verkaufsplattform für Gaming-Zubehör als Onlineshop für seine illegalen Geschäfte. Businessmäßig ist er auf dem Erfolgstrip, zwischenmenschlich entpuppt er sich immer wieder als selbstbezogenes Arschloch, das andere ausnutzt, um dann aber doch im richtigen Moment wieder sein Gewissen und sein Herz zu entdecken. Wie sonst ist denn ein Typ gestrickt, der seiner Angebeteten eine Gehirnzelle als Kuschelltier schenkt?!

How To Sell Drugs Online (Fast): Buba (Bjarne Mädel), Lenny (Danilo Kamperidis) und Moritz (Maximilian Mundt) Bild: Netflix

How To Sell Drugs Online (Fast): Buba (Bjarne Mädel), Lenny (Danilo Kamperidis) und Moritz (Maximilian Mundt) Bild: Netflix

Die Serie mag inhaltlich vielleicht nicht super originell sein, aber sie ist flott und verspielt gemacht. Es gibt eine Menge eingeblendeter Chats inklusive albernster Emojis, aber so kommunizieren die jungen Menschen heutzutage nun einmal. Und nebenbei gibt Moritz immer wieder Tipps, was man besser nicht online stellen sollte. How to Sell Drugs Online (Fast) spielt mit dem Selbstinszenierungszwang der Generation Social Media, dem leider nicht nur bei BWLern äußerst beliebten Bullshit-Bingo aus Motivations- und Coaching-Seminaren und der abgefuckten Business-Denke aktueller und bereits verblichener Silicon-Valley-Ikonen.

Zusätzlich gibt es unzählige Zitate und Querverweise aus anderen Filmen und Serien und eine ganze Reihe illustrer  Gastauftritte, etwa Ulrike Folkerts als Mutter von Lenny, Olli Schulz als Onkel einer Freundin oder Florentin Will als Polizist. Selbst die 90er-Ikone Jonathan Frakes ist dabei, der im besten X-Factor-Stil auftritt – alles in allem ein Riesenspaß, der leider schon allzu bald vorbei ist, denn HTSDO(F) besteht nur aus sechs halbstündigen Teilen.

Aber klar, besser eine gute Serie, die schnell weg gebinged ist, als ein zäher Brocken mit gefühlt unendlicher Laufzeit. Liebes Netflix, bitte mehr davon! Da sind doch noch ein paar weitere Staffeln drin! Und liebes deutsches Fernsehen, schau dir das mal an: So geht Serie Made in Germany. Man kann sich an die Sehgewohnheiten junger Menschen auch heranwanzen, ohne die intellektuellen Bedürfnisse der etwas älteren und nicht völlig ungebildeten Zuschauer komplett zu vernachlässigen. Ich meine jetzt die, die nicht der Hauptzielgruppe des ZDF entsprechen. Wobei, die ARD hat auch ihre Schwächen und ZDFneo ist manchmal sogar ganz hipp. Aber Netflix ist hipper. Leider. Denn den bekloppten Rundfunkbetrag muss ich ja trotzdem zahlen. Netflix zahl ich freiwillig.

Chernobyl: Total verstrahlt

Rechtzeitig nach dem GOT-Debakel hat der US-Sender HBO einen neuen Serien-Hit landen können: Die fünfteilige Mini-Serie Chernobyl. Wie der Name vermuten lässt, geht es um den atomaren Super-GAU im gleichnamigen Kernkraftwerk nahe der ukrainischen Stadt Prypjad. Am 26. April 1986 explodierte der Reaktor von Block 4 und löste damit die erste verheerende atomare Katastrophe ziviler Atomkraftnutzung in der Geschichte aus. An deren Folgen sind bereits zahlreiche Menschen gestorben sind und noch viel mehr Menschen werden noch an den Spätfolgen der radioaktiven Belastung sterben.

Chernobyl Bild: hbo.com

Chernobyl Bild: hbo.com

Es liegt auf der Hand, dass eine solche Serie weder unterhaltsam ist, noch schöne Bilder bietet. Es handelt sich um fünf Stunden Horror, der umso gruseliger ist, weil man ja weiß, dass das alles wirklich statt gefunden hat. Wie man es von einer HBO-Serie erwarten kann, hat der Sender keine Kosten und Mühen gescheut, die schrecklichen Ereignisse möglichst realistisch darzustellen, wobei ich mit „realistisch“ ausdrücklich nicht sagen will, dass sich alles genau so abgespielt hat.

Natürlich hat der Serienschreiber Craig Mazin, der bisher durch eher alberne Filme wie Scary Movie 3 und 4 oder Hangover 2 und 3 aufgefallen ist, die Story gestrafft und einige Hauptpersonen erfunden, mit denen die sonst sehr komplexen Ereignisse einfacher erklärt werden können. Aber viele der Ereignisse, die gezeigt werden, müssen sich nach dem, was über die Katastrophe bekannt ist, tatsächlich so oder so ähnlich abgespielt haben. Aber ich gehe davon aus, dass einiges aus dramaturgischen Gründen erfunden oder abgewandelt wurde – warum auch nicht, es handelt sich ja nicht um eine Dokumentation.

Chernobyl Bild: hbo.com

Chernobyl Bild: hbo.com

Die beiden Protagonisten Waleri Legassow (Jared Harris) und Boris Schtscherbina (Stellan Skarsgård) gab es wirklich, genau wie eine ganze Reihe weiterer Personen des Zeitgeschehens. Der überhaupt nicht fiktive Selbstmord des hochrangigen Wissenschaftlers Legassow, der die Untersuchungskommission zur Aufklärung der Ursachen des GAU leitete, verstörte die Fachwelt und weist darauf hin, dass er damit untermauern wollte, dass alles noch viel schlimmer gewesen ist, als offiziell bekannt wurde. In der Serie hat Legassow die undankbare Rolle der Kassandra, die sich immer wieder mit extrem schlechten Nachrichten unbeliebt macht, aber nun einmal gefürchtete Wahrheiten ausspricht und allmählich unter der übergroßen Verantwortung zusammenbricht.

Man kann sich darüber streiten, ob alles, was Legassow sagt, realistisch ist, vielleicht übertreibt er ein wenig, um den Mächtigen im ZK klar zumachen, dass es sich eben nicht um irgendein dummes Unglück handelt, das man vertuschen oder schön reden kann, um nicht an der propagierten  Überlegenheit der sowjetischen Technik und des sowjetischen Systems zu kratzen, sondern um eins, das einen ganzen Landstrich und darüber hinaus sogar einen erheblichen Teil der Welt nachhaltig zerstören kann, wenn keine geeigneten Maßnahmen zur Eindämmung ergriffen werden. Und, immerhin, das wird auch gezeigt, nachdem Generalsekretär Michail Gorbatschow endlich begriffen hat, wie schlimm das alles wirklich ist, spielen Kosten keine Rolle mehr, Schtscherbina, der die entsprechende Regierungskommission leitet, bekommt, was immer er fordert.

Chernobyl - Walerie Legassow (Jared Harris) Bild: hbo.com

Chernobyl – Walerie Legassow (Jared Harris) Bild: hbo.com

Die Rolle Schtscherbinas ist allerdings weniger eindeutig, einerseits war er ein Apparatschik, der erst auf der Seite der Vertuschen und Abwiegler stand. Er hat sich dann aber von Legassow überzeugen lassen, dass die Lage wirklich katastrophal war. In der Serie geschieht das, als ein Hubschrauber, der zu dicht an die aus dem explodierten Reaktor quellende Rauch- und Strahlungswolke herabgeflogen ist, in Teilen von Himmel fällt. Das mag vielleicht auch ein wenig übertrieben sein, Tatsache ist aber, dass die Strahlung in der unmittelbaren Nähe des explodierten Reaktors so hoch war, dass ferngesteuerte Roboter und Kettenfahrzeuge, die auf dem Dach eingesetzt werden sollten, um die hochradioaktiven Graphitbrocken aus dem Reaktorkern zu entfernen, ihren Dienst nach kurzer Zeit aufgaben. Die Technik kam mit der Strahlung noch weniger klar, als die Bioroboter, die nach dem Versagen der Maschinen eingesetzt wurden.

Nach diesem Erlebnis jedenfalls glänzte Schtscherbina tatsächlich mit logistischen Hochleistungen, etwa die komplette Evakuierung von Prypjat, die zwar viel zu spät kam, dann aber in sehr kurzer Zeit vollzogen wurde oder die Beschaffung von Material und Leuten für die Löschung des Reaktorbrandes und zur Eindämmung von weiteren, noch fataleren Folgen des Reaktorunglücks.

Chernobyl - der brennende Reaktor Bild: hbo.com

Chernobyl – der brennende Reaktor Bild: hbo.com

Die weißrussische Atomphysikerin Ulana Khomyuk (Emily Watson) hingegen ist komplett erfunden, allerdings ist es eben viel einfacher, wenn sie herausfindet, was zu dem Unglück geführt hatte, als eine tatsächlich eingesetzte vielköpfige Untersuchungskommission. Es handelt sich ja eben nicht um eine Doku-, sondern um eine Dramaserie. Insofern finde ich eine solche Vereinfachung akzeptabel, zumal das Drama, das sich abgespielt hat, in ebenso drastischen wie beklemmenden Bildern gezeigt wird.

Wobei es einem US-Sender wie HBO sicherlich leichter fällt, eine Katastrophe kritisch aufzubereiten, die sich beim ehemaligen Klassenfeind und Weltmachtkonkurrenten UdSSR ereignet hat. Natürlich wird UdSSR-Bashing betrieben, einmal mehr wird zelebriert, dass in der nicht kapitalistisch organisierten UdSSR alles heruntergekommen, grau und vom KGB überwacht war. Der Alltag in der Sowjetunion in den 80ern wird ungefähr so dargestellt, wie es in den 50er und 60er-Jahre-Serien der USA ausgesehen hat. Nur eben noch armseliger, was die Ausstattung von Wohnungen und so weiter angeht. Das nervt mich schon, der Zustand der Gebäude wird kurz nach dem Umglück und der Evakuierung schon so dargestellt, wie er erst Jahrzehnte später war. Aber egal, wir kapieren ja, dass es auch darum geht, abzubilden, dass die Todeszone um den Unglücksort herum noch immer unbewohnbar ist.

Chernobyl - Ulana Khomyuk (Emily Watson) Bild: hbo.com

Chernobyl – Ulana Khomyuk (Emily Watson) Bild: hbo.com

Das Unglück an sich und das, was in den ersten Stunden und Tagen danach geschehen oder eben nicht geschehen ist, dermaßen haarsträubend, dass ich es gut finde, dass genau diese Fehleinschätzungen und Versäumnisse überhaupt thematisiert und für ein mehr oder auch weniger interessiertes Publikum aufbereitet werden. Es geht auch darum, zu zeigen, was passieren kann, wenn man sich zu sicher ist, dass eigentlich nichts passieren kann: Die Reaktor-Mannschaft in Tschernobyl war ja tatsächlich dermaßen von der Sicherheit ihrer Technik überzeugt, dass sie den GAU aus einer fatalen Mischung aus Fahrlässigkeit (Missachtung grundlegender Sicherheitsregeln) und Fehleinschätzung der tatsächlichen Situation (Konstruktionsfehler des Reaktortyps) selbst herbeigeführt hat. Ein RBMK-Reaktor kann nicht explodieren, das wollten die Verantwortlichen auch noch glauben, als er schon explodiert war. Was nicht sein darf, kann auch nicht sein. Dieser Irrglaube fordert immer wieder zahlreiche Opfer. (Es gibt keinen Klimawandel. Es gibt keine Luftverschmutzung. Es gibt kein Waldsterben. Es gibt kein Mikroplastik überall dort, wo es nicht hingehört. Es gibt kein…)

Da kann man natürlich mit dem Finger auf die Sowjetunion zeigen und sich freuen, dass westliche Technik ja so viel besser ist. Aber der Super-GAU in Fukushima zeigt, dass auch das technologische Musterland Japan nicht besser ist. Und auch in den USA kam es schon zu einer Reihe von Atomreaktor-Unfällen, der bekannteste dürfte Three Mile Island gewesen sein. Und natürlich wurde die Öffentlichkeit immer belogen und es wurde und wird immer verharmlost. Keine Regierung und kein Konzern liebt schlechte Nachrichten. Blöd nur, dass sich Radioaktivität (wie so vieles andere, was die Umwelt vergiftet) sich nicht an nationale Grenzen hält. Der Unfall von Tschernobyl wurde der Weltöffentlichkeit bekannt, als ein Atomkraftwerk in Schweden zwei Tage später Alarm auslöste, weil erhöhte Strahlung gemessen wurde.

Chernobyl - die Katastrophe aus der Sicht der Feuerwehr  Bild: hbo.com

Chernobyl – die Katastrophe aus der Sicht der Feuerwehr Bild: hbo.com

Mag sein, dass der GAU von Tschernobyl der entscheidende Nagel im Sarg des sozialistischen Blocks war. Aber wenn – aus welchen Gründen auch immer – ein vergleichbarer Unfall in einem französischen, britischen, chinesischen oder US-Atomkraftwerk geschehen sollte – es würde mindestens genauso teuer, die Verluste an Leben, Gesundheit und Vermögen wären vermutlich noch viel höher, vor allem, wenn es im dichtbesiedelten Westeuropa oder Asien geschehen würde. Ich habe im Zuge einer anderen Recherche vor Jahren einmal versucht, herauszufinden, wie das mit aktuellen Evakuierungsplänen und Kriseninterventionsmaßnahmen im unmittelbaren Einzugsgebiet von deutschen Atomkraftwerken im Falle einer Havarie ist. Verstörendes Ergebnis: Nicht einmal die Zuständigkeiten von entsprechenden Institutionen und Behörden sind bekannt. Es gibt wohl Lager mit Jodtabletten. Aber wer die bekommt und wie die verteilt werden – keine Ahnung. Wer für eine Evakuierung zuständig wäre, und wo die ganzen Leute dann hin sollen – Fragezeichen über Fragezeichen.

Fazit: Keine Regierung und kein Konzern sind auf den Ernstfall vorbereitet. Was passiert, wenn der Ernstfall trotzdem eintritt, zeigt diese Serie. Das ist nicht schön. Und irgendwie behagt mir diese Art von Faszination des Grauens nicht. So etwas sollte nicht Stoff von Unterhaltungsserien sein müssen. Es widert mich an, wenn das Unglück von Menschen (und Tieren) auf diese Weise ausgeschlachtet wird. Aber wir leben nun mal in einer Gesellschaft, in der alles, was man zum Leben braucht, einem Geschäftsmodell unterworfen ist. Essen, Wohnung, Kleidung, Gesundheit, Transport, alles kostet.

Dann soll halt HBO aus der Notwendigkeit, die Folgen einer atomaren Katastrophe für ein hoffentlich großes Publikum begreifbar zu machen, auch Gewinn erzielen. Ist halt eine Scheißwelt. Aber die Bewohner dieser Scheißwelt brauchen halt ihre Serien, um sich in ihrer Freizeit vom Stress des Lebens und damit des Geld-verdienen-müssens abzulenken. Chernobyl ist dafür nur bedingt geeignet. Umso bemerkenswerter, dass die Serie auf imdb und Rotten Tomatoes so gut bewertet wird. Ich werte das als Indiz dafür, dass viele Menschen sich durchaus Gedanken machen wollen: Chernobyl ist nun wirklich keine Heile-Welt-Serie. Sondern eine, die zeigt, was passiert, wenn eine vermeintlich heile Welt buchstäblich zerfällt. Und es ist eben nicht nur Faszination des Grauens, sondern der Versuch, zu überlegen, was denn ein in einer solchen Situation angemessenes Verhalten wäre. Die Antwort fällt schwer, weil es keine eindeutige Antwort gibt.

Chernobyl: Boris Schtscherbina (Stellan Skarsgård, Mitte) Bild: hbo.com

Chernobyl: Boris Schtscherbina (Stellan Skarsgård, Mitte) Bild: hbo.com

Insofern finde ich gut, dass eine solche Serie und eben nicht ein neues Game of Thrones Furore macht. Also nichts gegen Game of Thrones. Aber mir ist lieber, wenn sich die Menschen nicht mit den Storylines fiktiver Charaktere beschäftigen, sondern damit, was mit unserer Welt passiert, wenn man bornierten Technologen glaubt. Es gibt ja gar nicht so wenige, die wieder laut über Atomkraft nachdenken, weil die Atomkraftwerke kein CO2 in die Atmosphäre blasen, im Gegensatt zu Kohle-, Öl- und Gaskraftwerken. Ja klar, das stimmt. Mit den fossilen Klimakillern muss Schluss sein.

Aber: Es gibt noch immer keine wirklich sicheren Endlager für den Atommüll, der in den Kernkraftwerken weltweit anfällt. In Deutschland steht der Atommüll in Castoren in irgendwelchen Hallen rum, die weder gegen Flugzeugabstürze noch sonst wie besonders gut gesichert sind. Die erste Generation der Castor-Behälter hat ihre genehmigte Laufzeit im kommenden Jahr erreicht. Und dann? Keine Ahnung.

Gut, es ist vermutlich besser, die Castoren mit hochradioaktivem Atommüll da rumstehen zu lassen, wo man sehen kann, in welchem Zustand sie sind, statt sie einfach in die Asse zu kippen. Was wiederum ein ehemaliges Salzbergwerk in Niedersachsen ist, das früher einmal für die Endlagerung von radioaktiven Müll vorgesehen war, ohne sich dafür irgendwie zu eignen. Seit einiger Zeit ist bekannt, dass Radioaktivität aus den verrottenden Fässern ins Grundwasser gelangt. Auch wenn das Bundesinstitut für Strahlenschutz keine Kontamination des Geländes feststellen konnte (oder wollte), so gibt es doch eine auffällige Häufung bestimmter Krebsarten in der Gegend. Das ist kein Vergleich zu dem, was in Tschernobyl passiert ist. Aber ich bin gespannt, ob und wann es eine Serie über Fukushima geben wird.

Das Verschwinden von Madeleine McCann

Es gibt immer wieder Kriminalfälle, die ein größeres Publikum erreichen als andere – und hier spielen die Medien oft eine unrühmliche Rolle. Bad news is good news, manches Verbrechen wird nur durch das so genannte öffentliche Interesse ein Skandalfall, also durch Geschäftsmodelle von Medien, die auf die Sensationslust des Publikums setzen. Im Zeitalter von Social Media dreht sich diese Schraube noch schneller, jetzt sind es oft nicht einmal mehr bezahlte Profis, die entsprechend aufbereitete Nachrichten verbreiten, sondern irgendwelche Gaffer, die zufällig zur richtigen Zeit am richtigen Ort waren und ungefiltert jeden Scheiß posten, auf dass er massenhaft geteilt und verbreitet werde. Auch deshalb wird es immer schwieriger, zwischen fake news und seriöser Information zu unterscheiden. Und einem Großteil des Publikums ist das vermutlich sowieso egal, das klickt einfach auf alles, was zum eigenen Weltbild passt.

Insofern tue ich mich auch mit den durch vergleichsweise seriöse Contentproduzenten wie Netflix verbreiteten True-Crime-Serien schwer, Stichwort Sensationslust. Obwohl ich andererseits auch wieder gern Dokumentationen sehe, in denen historische Ereignisse aufbereitet werden. Die sind mir zwar oft zu tendenziös, aber man kann nebenbei durchaus interessante Dinge erfahren. Insofern war ich mir nicht sicher, ob ich die seit kurzer Zeit verfügbare Netflix-Doku über den Fall Maddie McCann wirklich ansehen wollte. Ich habs jetzt doch getan, aber aus rein wissenschaftlichem Interesse versteht sich.

Das Verschwinden von Madeleine McCann Bild: Netflix

Das Verschwinden von Madeleine McCann Bild: Netflix

Die kleine Maddie verwand im April 2007 aus einer Ferienanlage in Portugal, während ihre Eltern mit Freunden in einem Tapas-Restaurant zu Abend aßen. Der Fall ist bis heute nicht gelöst, es wurde weder ihre Leiche gefunden, noch der Verbleib des Kindes aufgeklärt. Der Fall an sich stellt ein reichlich dunkles Kapitel sowohl in Sachen Berichterstattung als auch Polizeiarbeit dar, weshalb sich die Netflix-Doku dann doch lohnt, denn genau hier setzt der Achtteiler an: Die Ereignisse selbst, der Fortgang der Ermittlungen, die Berichterstattung und deren Auswirkungen auf alle Beteiligten werden aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachtet.

Wobei die Berichterstattung über diese Doku an sich auch schon wieder ziemlich hysterisch ist: Es mögen vielleicht einzelne Journalisten, die in der Doku zu Wort kommen, aber nicht „die Presse“ an sich etwas aus der zum Teil desaströsen Berichterstattung über diesen Fall gelernt haben. Angeblich neue Erkenntnisse aus der Serie werden derart weitergedreht, dass sich noch die eine oder andere klickträchtige Schlagzeile herrausschinden lässt. Und tatsächlich sind eine ganze Reihe der Fakten, die in den acht Teilen der Serie zusammengetragen werden, im Rückblick geradezu verstörend. Aber das sollte doch gerade Anlass sein, erstmal die Luft anzuhalten und dann noch einmal nachzudenken, anstatt einmal mehr irgendwelche Halbwahrheiten zu neuen Fakten aufzublasen.

Nachdem ich nun alle Teile gesehen habe, kann ich sagen, dass ich die Doku alles in allem ausgewogen und informativ fand, auch wenn ich die ablehnende Haltung der Eltern gegenüber diesem Projekt verstehen kann. Was mich andererseits aber auch wieder ein bisschen wundert, denn in der Vergangenheit haben Kate und Gerry McCann unglaubliche Mittel und Anstrengungen aufgeboten, um in den Medien immer und immer wieder auf das Verschwinden ihrer Tochter hinzuweisen. Was nicht immer und überall gut angekommen ist: So verständlich es ist, dass Eltern alles versuchen, ihr geliebtes Kind zu finden – so drängt sich doch die Frage auf, ob man mit den mehr als elf Millionen Pfund, die diese Suche bisher gekostet hat, nicht auch viele andere Kinder hätten retten können, deren Eltern eben kein Geld und keine großzügigen Sponsoren hatten.

Klar, das ist auch wieder eine dieser zynischen Neiddebatten, die ich zum Kotzen finde, denn es wird in dieser Welt so viel Geld für irgendwelchen Scheißdreck verbrannt, während gleichzeitig Millionen Menschen aus Geldmangel verrecken. Aber hier wird dieses Missverhältnis einmal mehr deutlich: Die einen verkaufen ihre kleinen Kinder für eine Handvoll Dollar an solvente Touristen, die anderen geben Millionen aus, um ihre Kinder vor einem solchen Schicksal zu bewahren. Und selbst das gelingt nicht immer, das ist in diesem Fall noch einmal extra bitter. Zumindest kann man den Eltern von Maddie McCann nicht vorwerfen, dass sie nicht alles versucht hätten, um ihre Tochter wiederzubekommen.

Unter anderem mit diesem Bild bitten die Eltern von Madeleine McCann um Hinweise über den Verbleib ihrer Tochter.

Unter anderem mit diesem Bild bitten die Eltern von Madeleine McCann um Hinweise über den Verbleib ihrer Tochter. Bild: findmadeleine.com

An Anfang der Doku wird noch einmal minutiös aufgedröselt, was am 3. Mai 2007 in Praia da Luz geschah. Dabei kommen Zeugen, Ermittler und Journalisten zu Wort. Insgesamt wird versucht, die unterschiedlichen Interessen und Standpunkte aller Beteiligten an diesem Fall darzulegen: Da sind die britischen Eltern und deren Freunde (auch fast alle Eltern), die ohne ihre Kinder Essen gegangen sind, was bei den Portugiesen vor Ort die Frage provoziert, warum diese Leute ihre kleinen Kinder allein in einer Ferienwohnung gelassen haben, statt sie einfach mit ins Restaurant zu nehmen? Und warum haben sie nicht wenigstens eine Kinderbetreuung engagiert, wo es in der Anlage sogar einen entsprechenden Service gegeben hätte? 

Interessante Frage. Es gibt heute allgemein die Tendenz, dass Kinder zu sehr behütet werden, was ich durchaus auch kritisch sehe. Aber wirklich kleine Kinder, eine nicht einmal Vierjährige mit zwei zweijährigen Geschwistern allein in einer für sie fremden Umgebung (Ferienwohnung) zu lassen, finde ich grenzwertig – warum haben die Erwachsenen der Gruppe sich nicht koordiniert und ihre Kinder gemeinsam in einer Wohnung schlafen lassen, während abwechselnd einer von ihnen Stallwache hatte? Offenbar sind die Erwachsenen dieser Reisegruppe davon ausgegangen, dass ihre Kinder sich wohl fühlen und friedlich schlafen. Sie haben nicht damit gerechnet, dass fremde Menschen in die Anlage eindringen, um ein Kind mitzunehmen, was den aktuellen Erkenntnissen zufolge geschehen sein muss.

Im Verlauf der Doku stellt sich allerdings auch heraus, dass Maddie nicht das einzige Kind ist, das in dieser Gegend verschwand. Und es kommen eine ganze Reihe Fällen sexueller Belästigung von kleinen Kindern ans Licht, die den Verdacht nahelegen, dass die beliebte Urlaubsgegend an der portugiesischen Algarve auch bei Pädophilen beliebt ist, die sich hier in entspannter Atmosphäre den Objekten ihrer Begierde nähern können, ohne dass das weiter auffällt. Die portugiesische Polizei ermittelte auch in diese Richtung, konzentrierte sich in der Folge aber darauf, den Verdacht gegen die Eltern von Maddie zu erhärten. Es gab einige, wenn auch sehr dünne Spuren, die vermuten ließen, dass Maddie in der Wohnung gestorben sein und die Leiche später von den Eltern versteckt worden sein könnte. Hier wurden offenbar auch Informationen an die Presse weiter gegeben, die sich später als falsch herausstellten, erst einmal aber für eine bösartige Berichterstattung sorgten. Mehrere Boulevardzeitungen entschuldigten sich später bei der Familie McCann und zahlten hohe Entschädigungssummen.

Die McCanns stoppten auch ein Buch von Gonçalo Amaral, dem ersten Chefermittler des Falls, der die These vertrat, Madeleine sei vermutlich durch einen tragischen Unfall gestorben und die Eltern hätten eine Entführung vorgetäuscht und die Leiche verschwinden lassen. Zwei portugiesische Gerichte verboten den Verkauf des Buches und sprachen den Eltern eine Entschädigung zu, die Urteile wurden allerdings von Revisionsinstanzen wieder aufgehoben. Den Schadensersatzprozess vor dem Obersten Gericht in Portugal verloren die McCanns im Jahr 2017 endgültig, weil das Gericht befand, dass Amarals Thesen von der Meinungsfreiheit gedeckt seien.

Eine Entschädigung bekam auch der als Entführer von Madeleine verdächtigte Brite Robert Murat, der in der Nähe der Ferienanlage wohnte und in den Fokus der Ermittler geriet, eben weil er ständig vor Ort war. In der Doku kommt er ausführlich zu Wort, genau wie auch einer der später von einem britischen Millionär angeheuerten Privatdetektive, der ausführlich in Pädophilenforen ermittelt hat, um Maddie zu finden. Auch wenn er dieses Kind nicht gefunden habe, so konnte er doch umfangreiches Material zusammentragen und der Polizei übergeben, was zur Festnahme einiger der kriminellen Hintermänner geführt hat.

Auch wenn die Doku keine bahnbrechenden neuen Erkenntnisse bietet, so wird in den acht Teilen doch klar, dass die Ermittlungen in diesem Fall häufig mehr Fragen aufwerfen, als sie beantworten können und auch, welche Auswirkungen die gewaltige Medienresonanz hatte, die unter anderem zahlreiche Trittbrettfahrer dazu animierte, angebliche Erkenntnisse teuer verkaufen zu wollen oder mit Fakeseiten im Internet von der Spendenbereitschaft der Leute zu profitieren.

Wer also auf der Suche nach einer interessanten Serie mit einer außerordentlich komplexen Krimihandlung, Einblick in die Abgründe der menschlichen Natur sowie gesellschaftlicher Relevanz ist, wird mit dieser Dokuserie gut bedient. 

Green Book: Gut, aber zu spät

Ich mag Musikfilme und ich mag Roadmovies, insofern ist Green Book schon ein besonderer Leckerbissen. Das fand offensichtlich auch die ehrwürdige Academy, die den Film am Sonntagabend mit dem Oscar für den besten Film bedachte. Und Mahershala Ali mit dem Oscar für den besten Darsteller in einer Nebenrolle. Wobei ich nach dem nochmaligen Ansehen von Green Book doch ein bisschen enttäuscht bin, vermutlich weil der Film meine Erwartungen einfach anstandslos erfüllt hat: Ein bisschen rauer, eckiger, weniger gefällig hätte die Geschichte schon sein können.

Es geht um den schwarzen Klaviervirtuosen Don Shirley, eine historische Person, der in den frühen 60er Jahren eine Tournee durch die Südstaaten der USA unternahm, und seinen Fahrer, der im Film Tony Vallelonga, kurz Tony Lip heißt. Kleiner Witz am Rande: Der echte Tony Lip hat in der legendären Serie Die Sopranos den Mafia-Boss Carmine Lupertazzi gespielt. Insofern ist der Mafia-Bezug dieser Figur quasi naturgegeben.

Green Book Filmposter

Green Book Filmposter

Mahershala Ali hat für seine Interpretation des Don Shirley bereits einen Golden Globe als bester Nebendarsteller gewonnen, absolut verdient natürlich, wobei ich die Kategorie „Nebendarsteller“ auch wieder diskussionswürdig fände. Viggo Mortensen als Hauptdarsteller finde ich schon okay, er spielt diesen Italo-Amerikaner Tony Lip, der gute Beziehungen zur New Yorker Mafia hat, aber auch sonst in jeder Beziehung ein Familienmensch ist, hinreißend ehrlich und schmierig zugleich.

Tony ist ein Kind der US-Einwanderer-Arbeiterklasse. Er macht seinen Job und scheut nicht davor zurück, sich die Finger schmutzig zu machen. Gleichzeitig versucht er, ein guter Ehemann und Vater zu sein. Familie ist wichtig, gerade in seinen Kreisen. Die Italiener hängen auch in der neuen Welt an ihren alten Werten. Aber genau das ist sympathisch: Sie schätzen gutes Essen und sie sind gastfreundlich und hilfsbereit. Insofern hat Tony kein Problem damit, für einen Farbigen zu arbeiten. Job ist Job und solange er sein Geld kriegt, macht er ihn, so gut er kann. Und natürlich macht er ihn ziemlich gut.

Für Don Shirley ist das alles komplizierter: Er ist ein ebenso hochgebildeter wie feinsinniger Künstler, der in den höchsten Kreisen verkehrt, er wohnt in einem Appartement über der Carnegie Hall und ist mit den Kennedys befreundet. Er hat eigentlich alles, was man im Leben erreichen kann. Aber offensichtlich hat er ein Problem damit, dass er aufgrund seiner afrikanischen Herkunft nicht überall in den Staaten gleichermaßen anerkannt wird. Oder vielleicht will er seinen unterdrückten schwarzen Brüdern und Schwestern im Süden einfach Mut machen – es ist jedenfalls sein Wunsch, eine Tournee durch den Süden der USA zu absolvieren, auch wenn das weniger Geld einbringt.

Und es liegt auf der Hand, dass das zu jener Zeit gewisse Schwierigkeiten provoziert. Insofern sucht Shirley mehr als einen Fahrer, der ihn einfach nur von Konzert zu Konzert chauffiert. Er braucht einen persönlichen Assistenten, der mögliche Probleme vor Ort möglichst geräuschlos regeln kann. Natürlich ist Tony Lip der ideale Kandidat für diesen Job – nur weiß Tony das noch nicht. Auch wenn er im Bewerbungsgespräch als besondere Qualifikation Public Relations nennt. Daher kommt sein Spitzname Lip: Er kann sich aus schwierigen Situationen einfach herausreden.

Don Shirley erkennt das, auch wenn er sonst mit dem ungeschliffenen Verhalten seines Angestellten immer wieder unzufrieden sein wird. Einen großen Teil des Amüsements zieht Green Book entsprechend aus der Gegenüberstellung des prolligen weißen Fahrers mit dem Herz auf dem rechten Fleck und dem distinguierten Intellektuellen, der für die Gegend, in der er sich gerade bewegt, leider die falsche Hautfarbe hat.

Der Filmtitel leitet sich übrigens von dem Reiseführer Negro Motorist Green Book  ab, nach dem Shirley seine Tournee planen muss.  Dass so etwas noch immer als Gegenstand für einen Film herhalten muss, ist traurig und beschämend. Vielleicht ist es das, was meine latente Unzufriedenheit mit diesem Film ausmacht und mich wünschen lässt, dass dieser Film nicht als bester Film ausgezeichnet worden wäre, obwohl es zweifelsohne ein guter Film ist, ein unterhaltsamer dazu, wenn auch kein besonders mutiger. Dafür kommt er ein paar Jahrzehnte zu spät. 

Es geht mir mit Green Book ähnlich wie mit Hidden Figures, jenem Film über einige afroamerikanischen Mathematikerinnen, die maßgelblich am Erfolg des Mondlandungsprojekts der NASA beteiligt waren, ohne dass ihre Leistung angemessen gewürdigt worden wäre. Ich finde gut, dass das mit dem Film endlich mal ansatzweise nachgeholt wird, gleichzeitig ärgert es mich, dass so ein wichtiger Film nett und unterhaltsam aufbebreitet wird, anstatt sich dermaßen über diese Ignoranz und Ungerechtigkeit aufzuregen, wie es mehr als angebracht wäre. Aber wer kuckt sich schon zwei Stunden Standpauke an. Natürlich will man lieber einen unterhaltsamen Film, bei dem man nebenbei noch etwas lernen kann. Aber der Sache, um die es geht, wird man damit nicht gerecht. Aber klar, lieber so einen leicht verlogenen Feel-Good-Film als ein noch verlogeneres Superheldenmovie. Insofern: Daumen hoch für Green Book.