Dark: Zeit ist nur eine Illusion

Als die erste für Netflix produzierte deutsche Serie Dark Ende 2017 erschien, war ich ziemlich enttäuscht. Ich hatte so etwas wie Who Am I erwartet, jenem Hacker-Film von Baran bo Odar, der eine Art Vorläufer für die Ausnahmeserie Mr. Robot von Sam Esmail war. Oder eine vielschichtige Krimiserie wie The Killing. Aber Dark war etwas ganz anderes. Eine sehr deutsche Serie, die in der zwar fiktiven, aber eben auch sehr deutschen Kleinstadt Winden spielt. Und noch schlimmer: Dark war weder eine Krimi-, noch eine Hackerserie, sondern ein Mysterydrama. Und Mystery ist einfach nicht mein Ding. 

Ich habe mir Dark dann aber trotzdem angesehen, weil es schon gut gemacht ist, es gibt stimmungsvolle Bilder von deutschen Waldlandschaften, ein imposantes Kernkraftwerk und auch mit der sonstigen Ausstattung haben sich die Serienmacher große Mühe geben. Und irgendwie ist es auch eine Familienserie, es geht um das Schicksal von vier Familien, die in Winden leben: Die Dopplers, die Nielsens, die Kahnwalds und die Tiedemanns. Sie alle haben ihre Geheimnisse und pflegen die üblichen Lebenslügen. Die Handlung setzt am 21. Juni 2019 mit dem Selbstmord von Michael Kahnwald (Sebastian Rudolph) ein, der einen Brief hinterlässt, der nicht vor den 4. November um 22:13 geöffnet werden soll. Und es verschwinden Kinder. Im Jahr 2019 ist es Erik Obendorf, der vermisst wird.

Poster Netflix-Serie Dark

Poster Netflix-Serie Dark Bild: Netflix

Charlotte Doppler (Karoline Eichhorn) und Ulrich Nielsen (Oliver Masucci) von der örtlichen Polizeieinheit nehmen die Ermittlungen auf. Ulrich Nielsen ist Mikkels Vater, dem kleinen Bruder von Magnus und Martha, der als nächstes verschwindet. Mikkel war mit einer Gruppe Jugendlicher aus dem Ort unterwegs, die nach dem Drogenversteck gesucht hat, das Erik angeblich angelegt hat. Sie suchen in den Windener Höhlen, die eine zentrale Rolle in der Serie spielen.

Das weit verzweigte Höhlensystem birgt allerlei Geheimnisse und soll sogar bis unter das Gelände des Kernkraftwerks reichen, das für den ansonsten unspektakulären Ort der wichtigste Wirtschaftsfaktor ist. Nun ja, geologisch wirft das durchaus Fragen auf, aber Kernkraftwerke wurden auch in Deutschland nicht unbedingt an den dafür geeignetsten Standorten gebaut, sondern dort, wo der Widerstand in der Bevölkerung nicht unüberwindbar hoch war, insofern geht das schon klar. Das Atomkraftwerk spielt in der Serie durchaus eine Rolle, aber eher als geheimnisvoller Ort, an dem rätselhafte Dinge passieren, es geht in der Serie schließlich nicht um das Protokoll einer Atomkatastrophe, sondern um Zeitreisen.

Bei der Suchaktion der Polizei wird die Leiche eines Jungen gefunden, der am Kopf merkwürdige Verbrennungen hat. Es handelt sich allerdings weder um Erik, noch um Mikkel. Die Nervosität in Winden steigt, die Leute sind verunsichert und bekommen Angst. Mikkel hingegen taucht wieder auf und geht nach Hause, dort wohnen allerdings Menschen, denen er noch nie begegnet ist. Mikkel ist im Jahr 1986 gelandet. Danach springt die Handlung zwischen den Jahren 2019 und 1986 hin und her, wir erleben, wie Mikkel im Jahr 1986 fest hängt, während in Winden ein weiterer Junge verschwindet. Michael Kahnwalds Sohn Jonas (Louis Hofmann) bekommt von einem rätselhaften Fremden ein Paket, in dem neben einer coolen Lampe und einem Geigerzähler auch der verloren geglaubte Abschiedsbrief seines Vaters ist. Jonas erfährt, dass sein Vater Michael der kleine Mikkel Nielsen aus dem Jahr 1986 ist, der von Ines Kahnwald aufgezogen wurde. Anhand einer Karte der Windener Höhlen, die Jonas im Atelier seines Vaters gefunden hat, findet er den Durchgang, der die Zeitreisen ermöglicht.

Es kriselt in sämtlichen betroffenen Familien, die irgendwie mit dem Verschwinden ihrer Kinder und Geschwister klar kommen müssen. Da ist beispielsweise Ulrich Nielsen, dessen jüngerer Bruder Mads im Jahr 1986 verschwunden ist. Als sein Sohn Mikkel verschwindet, scheint sich alles zu wiederholen. Charlotte muss ihn schließlich wegen Befangenheit von dem aktuellen Vermissten-Fall abziehen. Aber Ulrich ermittelt auf eigene Faust weiter. Er findet heraus, dass die Kinderleiche, die gefunden wurde, sein Bruder Mads sein muss.

Aufgrund von Notizen in alten Polizeiakten verdächtigt Ulrich den inzwischen dementen Helge Doppler, etwas mit dem Verschwinden von Mads und Mikkel zu tun zu haben. Ulrich folgt Helge, als der aus dem Heim verschwindet und sich zu den Windener Höhlen aufmacht und findet auf diese Weise heraus, wo der Durchgang für die Zeitreisen ist. Allerdings landet Ulrich im Jahr 1953. Dort trifft er tatsächlich auf den kleinen Helge und versucht, ihn zu erschlagen, um zu verhindern, dass er als Erwachsener Mads und Mikkel ermorden kann, was er nicht getan hat, aber Ulrich ist davon überzeugt. Helge überlebt allerdings, auch wenn er für den erst seines Lebens von den schweren Kopfverletzungen gezeichnet bleibt.

Bevor Ulrich zurück in seine Zeit reisen kann, wird der vom jungen Polizist Egon Tiedemann aufgegriffen und verhaftet. Kurz zuvor wurden die Leichen von Erik Obendorf und Yasin Friese auf der Baustelle des künftigen Atomkraftwerks gefunden. Die Polizei kann sich keinen rechten Reim auf die merkwürdige Kleidung der Kinder machen, aber sie sind tot und der blutbeschmierte Ulrich ist mehr als verdächtig. Ulrich wird als verrückter Kindermörder für den Rest seines Lebens eingesperrt.

Am Ende der ersten Staffel landet Jonas in einer düsteren Zukunft, um das offensichtlich zerstörte Atomkraftwerk wurde eine Sperrzone errichtet. Jonas wird von einer Gruppe zerlumpter, bewaffneter Gestalten gefangen genommen, die junge Anführerin schlägt ihn mit den Worten „Willkommen in der Zukunft“ ohnmächtig.

In der zweiten Staffel wird die Figur von Jonas noch wichtiger, er glaubt, dass er derjenige ist, der alles, was durch die Fehler in der Zeit schief gegangen ist, wieder in Ordnung bringen kann. Er ist allerdings nicht der einzige, der alte Fehler ausbügeln will. So kommen Egon Jahrzehnte später (also 1986) Zweifel, ob er damals richtig gehandelt hat. Seine überaus intelligente Tochter Claudia (Julika Jenkins) ist die inzwischen erste Chefin eines Atomkraftwerks in Deutschland, worauf Egon sehr stolz ist, auch wenn das Verhältnis zu seiner Tochter und seiner Enkelin Regina sonst eher kühl ist. Egon will, bevor er in Rente geht, das Verschwinden von Mads Nielsen aufklären und erinnert sich an den Fall von 1953.

Claudia hingegen verschwindet in gewisser Weise ebenfalls, sie streift als Zeitreisende durch die Epochen. Sie hat sich zur Aufgabe gemacht, die Sic-Mundus-Organisation zu bekämpfen, ein Geheimbund von Zeitreisenden, den es bereits seit 1921 gibt. Claudia lässt auch die Zeitmaschine bauen, sie bringt dem Uhrmacher H. G. Tannhaus im Jahr 1953 die Pläne für eine komplizierte mechanische Maschine, die erst 33 Jahre später fertig sein wird. Die Zeitmaschine wird mit Cäsium-137 betrieben. Cäsium ist das Element, dessen Frequenz für die Atomuhren genutzt wird, mit denen die gültige Weltzeit bestimmt wird. Als Chefin eines Kernkraftwerks kommt sie natürlich an eine solche Substanz, die bei der Kernspaltung entsteht.

Gleich am ersten Tag als Nachfolgerin des bisherigen Chefs des Windener Atomkraftwerks, Bernd Doppler, dem Vater von Helge Doppler, hat sie herausbekommen, dass kurz zuvor ein atomarer Störfall vertuscht wurde. Claudia will damit an die Öffentlichkeit, lässt sich aber vom alten Doppler überzeugen, dass ein Aus für das AKW den wirtschaftlichen Niedergang für die ganze Region bedeuten würde. Als es einen weiteren Zwischenfall gibt, wertet Claudia die Daten aus und entdeckt darin den Nachweis für die Existenz des so genannten Gottesteilchens, des Higgs-Bosons. Leider kann sie diese sensationelle Entdeckung nicht veröffentlichen, ohne die Störfälle bekannt zu machen. Also hält sie ihre Entdeckung geheim, stellt aber weitere Nachforschungen an. Sie will ihre Erkenntnisse ebenfalls dazu nutzen, um die Dinge in Winden wieder in Ordnung zu bringen. Mit ihren älteren Ich nimmt sie in unterschiedlichen Zeiten zu verschiedenen Windenern Kontakt auf, um ihr Wissen mit ihnen zu teilen, damit sie in ihrer jeweiligen Zukunft richtig handeln können. Allerdings muss sie dabei erkennen, dass sie dadurch genau die Ereignisse erst verursacht, die sie eigentlich verhindern wollte.

Es bleibt nicht aus, dass immer mehr Menschen in Winden von der Existenz der Zeitreisen und der Zeitmaschine erfahren. Das macht die Sache aber noch viel komplizierter, weil es immer mehr Interaktionen in den unterschiedlichen Zeitebenen gibt, die wiederum Konsequenzen auf das künftige Leben aller anderen haben können. Wer auf derartige Mindfuck-Geschichten steht, kann mit Dark ziemlich glücklich werden. Ich liebte in den 80ern Zurück in die Zukunft, allerdings war gerade der erste Film der Trilogie sehr viel lustiger als Dark. Das ist auch eins der Probleme dieser Serie, die sich überaus philosophisch und total ernst gemeint gibt und deshalb leider vollkommen humorfrei ist. Ab und zu mal ein Augenzwinker-Moment und dafür weniger schwülstiges Geschwurbel aus dem Off, und Dark wäre eine richtig gute Serie geworden, der man das eine oder andere schwarze Logik-Loch verzeihen kann, weil sie wenigstens gut unterhält. So macht es Dark einem aber schwerer als nötig, den ganzen Handlungssprüngen, Zeitschleifen und Paradoxien zu folgen. Wobei ich auch sagen muss, dass ich die zweite Staffel besser fand als die erste. Vielleicht hatte ich mich jetzt auch einfach darauf eingelassen, dass Dark eben so ist, wie es ist. Vielleicht reißt es die dritte Staffel ja endgültig heraus, nach der dann für immer Schluss sein wird.

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Was man besser nicht googeln sollte

Netflix hat eine weitere deutsche Serie produziert, und dieses Mal ist es tatsächlich gut gegangen – bekanntlich sind alle guten Dinge drei: Nach der ambitionierten, aber irgendwie dann doch enttäuschenden Mysterieserie Dark und dem gründlich misslungenen Versuch, mit Dogs of Berlin eine coole Verbrecherserie im Gang-Milieu von Berlin abzuliefern, die tatsächlich einfach nur eine manchmal alberne, oft aber ärgerliche Aneinanderreihung dämlicher Klischees war, ist How to Sell Drugs Online (Fast) eine erstaunlich unterhaltsame Teenager-Serie, an der auch Erwachsene Spaß haben können.

Die Serienidee beruht auf der wahren Geschichte eines Schülers, der unter dem Alias Shiny Flakes aus seinem Kinderzimmer heraus einen illegalen Drogenhandel im Darknet betrieb, der mehrere Millionen Euro Umsatz machte. Die Serienmacher haben die Handlung von Leipzig in die fiktive Kleinstadt Rinseln im Umland von Köln verlegt, deren beeindruckende Trostlosigkeit es locker mit Niederkaltenkirchen aufnehmen kann, der hässlichsten (ebenfalls fiktiven) Stadt in Niederbayern, bekannt aus den Eberhofer-Krimis. Für die Serie verantwortlich zeichnet übrigens die bildundtonfabrik aus Köln-Ehrenfeld, die unter anderem auch das Neo Magazin Royale produziert. How to Sell Drugs Online (Fast) ist die erste fiktionale Serie der Ehrenfelder.

How To Sell Drugs Online (Fast): Serienposter Bild: Netflix

How To Sell Drugs Online (Fast): Serienposter Bild: Netflix

Es geht um den siebzehnjährigen Moritz (Maximilian Mundt), der sehnsüchtig darauf wartet, dass seine Freundin Lisa (Lena Klenke) wieder nach Hause kommt. Sie war für ein Austauschjahr in den USA und es kommt, wie es kommen muss, sie interessiert sich nun für andere Dinge und Menschen. Sie macht zwar nicht gleich komplett mit Moritz Schluss, aber will erstmal auf die Pausetaste drücken. Wie man das heute so nennt, wenn man eigentlich nicht mehr will, aber keine Lust auf den Stress einer richtigen Trennung hat.

Natürlich kapiert Moritz das und leidet fortan unter unerträglichem Liebeskummer, sein Lebenssinn ist nun dahin und darunter wiederum leiden in der Folge andere. Lenny (Danilo Kamperidis) zum Beispiel, der beste (und offenbar einzige) Freund von Moritz, der aufgrund einer schweren Erkrankung im Rollstuhl sitzt. Er teilt Moritz Begeisterung für Computerspiele und alles, was sonst mit Computern zu tun hat. Die beiden Nerds planen, ein Start-Up für virtuelle Computerspielausrüstung aufzuziehen, die man für echtes Geld kaufen kann. Doch der Pitch für MyTems geht gründlich schief, weil Moritz nicht bei der Sache ist.

Dafür entwickelt er eine andere Idee: Als er mitbekommt, dass der gut aussehende Dan (Damian Hardung) epische Parties im Haus seiner Eltern schmeißt, auf denen es Ecstasy-Pillen gibt, beschließt er, selbst ins Dealergewerbe einzusteigen, damit er endlich auch cool ist und Einladungen zu den wichtigen Events bekommt, mit denen er Lisa beeindrucken kann, die er um so ziemlich jeden Preis zurück gewinnen will.

Dabei verstrickt er sich in allerlei Schwierigkeiten, natürlich klappt alles nicht so wie geplant, vor allem ist mit Buba (Bjarne Mädel) nicht zu spaßen, dem brutalen Teilzeit-Dealer, der hauptamtlich einen Pferdehof betreibt. Doch Nerd Moritz, ein bekennender Steve-Jobs-Fan, denkt inzwischen in größeren Kategorien und  knüpft internationale Kontakte mit Drogenherstellern. Und er benutzt die hauptsächlich von Lenny entwickelte Verkaufsplattform für Gaming-Zubehör als Onlineshop für seine illegalen Geschäfte. Businessmäßig ist er auf dem Erfolgstrip, zwischenmenschlich entpuppt er sich immer wieder als selbstbezogenes Arschloch, das andere ausnutzt, um dann aber doch im richtigen Moment wieder sein Gewissen und sein Herz zu entdecken. Wie sonst ist denn ein Typ gestrickt, der seiner Angebeteten eine Gehirnzelle als Kuschelltier schenkt?!

How To Sell Drugs Online (Fast): Buba (Bjarne Mädel), Lenny (Danilo Kamperidis) und Moritz (Maximilian Mundt) Bild: Netflix

How To Sell Drugs Online (Fast): Buba (Bjarne Mädel), Lenny (Danilo Kamperidis) und Moritz (Maximilian Mundt) Bild: Netflix

Die Serie mag inhaltlich vielleicht nicht super originell sein, aber sie ist flott und verspielt gemacht. Es gibt eine Menge eingeblendeter Chats inklusive albernster Emojis, aber so kommunizieren die jungen Menschen heutzutage nun einmal. Und nebenbei gibt Moritz immer wieder Tipps, was man besser nicht online stellen sollte. How to Sell Drugs Online (Fast) spielt mit dem Selbstinszenierungszwang der Generation Social Media, dem leider nicht nur bei BWLern äußerst beliebten Bullshit-Bingo aus Motivations- und Coaching-Seminaren und der abgefuckten Business-Denke aktueller und bereits verblichener Silicon-Valley-Ikonen.

Zusätzlich gibt es unzählige Zitate und Querverweise aus anderen Filmen und Serien und eine ganze Reihe illustrer  Gastauftritte, etwa Ulrike Folkerts als Mutter von Lenny, Olli Schulz als Onkel einer Freundin oder Florentin Will als Polizist. Selbst die 90er-Ikone Jonathan Frakes ist dabei, der im besten X-Factor-Stil auftritt – alles in allem ein Riesenspaß, der leider schon allzu bald vorbei ist, denn HTSDO(F) besteht nur aus sechs halbstündigen Teilen.

Aber klar, besser eine gute Serie, die schnell weg gebinged ist, als ein zäher Brocken mit gefühlt unendlicher Laufzeit. Liebes Netflix, bitte mehr davon! Da sind doch noch ein paar weitere Staffeln drin! Und liebes deutsches Fernsehen, schau dir das mal an: So geht Serie Made in Germany. Man kann sich an die Sehgewohnheiten junger Menschen auch heranwanzen, ohne die intellektuellen Bedürfnisse der etwas älteren und nicht völlig ungebildeten Zuschauer komplett zu vernachlässigen. Ich meine jetzt die, die nicht der Hauptzielgruppe des ZDF entsprechen. Wobei, die ARD hat auch ihre Schwächen und ZDFneo ist manchmal sogar ganz hipp. Aber Netflix ist hipper. Leider. Denn den bekloppten Rundfunkbetrag muss ich ja trotzdem zahlen. Netflix zahl ich freiwillig.

Chernobyl: Total verstrahlt

Rechtzeitig nach dem GOT-Debakel hat der US-Sender HBO einen neuen Serien-Hit landen können: Die fünfteilige Mini-Serie Chernobyl. Wie der Name vermuten lässt, geht es um den atomaren Super-GAU im gleichnamigen Kernkraftwerk nahe der ukrainischen Stadt Prypjad. Am 26. April 1986 explodierte der Reaktor von Block 4 und löste damit die erste verheerende atomare Katastrophe ziviler Atomkraftnutzung in der Geschichte aus. An deren Folgen sind bereits zahlreiche Menschen gestorben sind und noch viel mehr Menschen werden noch an den Spätfolgen der radioaktiven Belastung sterben.

Chernobyl Bild: hbo.com

Chernobyl Bild: hbo.com

Es liegt auf der Hand, dass eine solche Serie weder unterhaltsam ist, noch schöne Bilder bietet. Es handelt sich um fünf Stunden Horror, der umso gruseliger ist, weil man ja weiß, dass das alles wirklich statt gefunden hat. Wie man es von einer HBO-Serie erwarten kann, hat der Sender keine Kosten und Mühen gescheut, die schrecklichen Ereignisse möglichst realistisch darzustellen, wobei ich mit „realistisch“ ausdrücklich nicht sagen will, dass sich alles genau so abgespielt hat.

Natürlich hat der Serienschreiber Craig Mazin, der bisher durch eher alberne Filme wie Scary Movie 3 und 4 oder Hangover 2 und 3 aufgefallen ist, die Story gestrafft und einige Hauptpersonen erfunden, mit denen die sonst sehr komplexen Ereignisse einfacher erklärt werden können. Aber viele der Ereignisse, die gezeigt werden, müssen sich nach dem, was über die Katastrophe bekannt ist, tatsächlich so oder so ähnlich abgespielt haben. Aber ich gehe davon aus, dass einiges aus dramaturgischen Gründen erfunden oder abgewandelt wurde – warum auch nicht, es handelt sich ja nicht um eine Dokumentation.

Chernobyl Bild: hbo.com

Chernobyl Bild: hbo.com

Die beiden Protagonisten Waleri Legassow (Jared Harris) und Boris Schtscherbina (Stellan Skarsgård) gab es wirklich, genau wie eine ganze Reihe weiterer Personen des Zeitgeschehens. Der überhaupt nicht fiktive Selbstmord des hochrangigen Wissenschaftlers Legassow, der die Untersuchungskommission zur Aufklärung der Ursachen des GAU leitete, verstörte die Fachwelt und weist darauf hin, dass er damit untermauern wollte, dass alles noch viel schlimmer gewesen ist, als offiziell bekannt wurde. In der Serie hat Legassow die undankbare Rolle der Kassandra, die sich immer wieder mit extrem schlechten Nachrichten unbeliebt macht, aber nun einmal gefürchtete Wahrheiten ausspricht und allmählich unter der übergroßen Verantwortung zusammenbricht.

Man kann sich darüber streiten, ob alles, was Legassow sagt, realistisch ist, vielleicht übertreibt er ein wenig, um den Mächtigen im ZK klar zumachen, dass es sich eben nicht um irgendein dummes Unglück handelt, das man vertuschen oder schön reden kann, um nicht an der propagierten  Überlegenheit der sowjetischen Technik und des sowjetischen Systems zu kratzen, sondern um eins, das einen ganzen Landstrich und darüber hinaus sogar einen erheblichen Teil der Welt nachhaltig zerstören kann, wenn keine geeigneten Maßnahmen zur Eindämmung ergriffen werden. Und, immerhin, das wird auch gezeigt, nachdem Generalsekretär Michail Gorbatschow endlich begriffen hat, wie schlimm das alles wirklich ist, spielen Kosten keine Rolle mehr, Schtscherbina, der die entsprechende Regierungskommission leitet, bekommt, was immer er fordert.

Chernobyl - Walerie Legassow (Jared Harris) Bild: hbo.com

Chernobyl – Walerie Legassow (Jared Harris) Bild: hbo.com

Die Rolle Schtscherbinas ist allerdings weniger eindeutig, einerseits war er ein Apparatschik, der erst auf der Seite der Vertuschen und Abwiegler stand. Er hat sich dann aber von Legassow überzeugen lassen, dass die Lage wirklich katastrophal war. In der Serie geschieht das, als ein Hubschrauber, der zu dicht an die aus dem explodierten Reaktor quellende Rauch- und Strahlungswolke herabgeflogen ist, in Teilen von Himmel fällt. Das mag vielleicht auch ein wenig übertrieben sein, Tatsache ist aber, dass die Strahlung in der unmittelbaren Nähe des explodierten Reaktors so hoch war, dass ferngesteuerte Roboter und Kettenfahrzeuge, die auf dem Dach eingesetzt werden sollten, um die hochradioaktiven Graphitbrocken aus dem Reaktorkern zu entfernen, ihren Dienst nach kurzer Zeit aufgaben. Die Technik kam mit der Strahlung noch weniger klar, als die Bioroboter, die nach dem Versagen der Maschinen eingesetzt wurden.

Nach diesem Erlebnis jedenfalls glänzte Schtscherbina tatsächlich mit logistischen Hochleistungen, etwa die komplette Evakuierung von Prypjat, die zwar viel zu spät kam, dann aber in sehr kurzer Zeit vollzogen wurde oder die Beschaffung von Material und Leuten für die Löschung des Reaktorbrandes und zur Eindämmung von weiteren, noch fataleren Folgen des Reaktorunglücks.

Chernobyl - der brennende Reaktor Bild: hbo.com

Chernobyl – der brennende Reaktor Bild: hbo.com

Die weißrussische Atomphysikerin Ulana Khomyuk (Emily Watson) hingegen ist komplett erfunden, allerdings ist es eben viel einfacher, wenn sie herausfindet, was zu dem Unglück geführt hatte, als eine tatsächlich eingesetzte vielköpfige Untersuchungskommission. Es handelt sich ja eben nicht um eine Doku-, sondern um eine Dramaserie. Insofern finde ich eine solche Vereinfachung akzeptabel, zumal das Drama, das sich abgespielt hat, in ebenso drastischen wie beklemmenden Bildern gezeigt wird.

Wobei es einem US-Sender wie HBO sicherlich leichter fällt, eine Katastrophe kritisch aufzubereiten, die sich beim ehemaligen Klassenfeind und Weltmachtkonkurrenten UdSSR ereignet hat. Natürlich wird UdSSR-Bashing betrieben, einmal mehr wird zelebriert, dass in der nicht kapitalistisch organisierten UdSSR alles heruntergekommen, grau und vom KGB überwacht war. Der Alltag in der Sowjetunion in den 80ern wird ungefähr so dargestellt, wie es in den 50er und 60er-Jahre-Serien der USA ausgesehen hat. Nur eben noch armseliger, was die Ausstattung von Wohnungen und so weiter angeht. Das nervt mich schon, der Zustand der Gebäude wird kurz nach dem Umglück und der Evakuierung schon so dargestellt, wie er erst Jahrzehnte später war. Aber egal, wir kapieren ja, dass es auch darum geht, abzubilden, dass die Todeszone um den Unglücksort herum noch immer unbewohnbar ist.

Chernobyl - Ulana Khomyuk (Emily Watson) Bild: hbo.com

Chernobyl – Ulana Khomyuk (Emily Watson) Bild: hbo.com

Das Unglück an sich und das, was in den ersten Stunden und Tagen danach geschehen oder eben nicht geschehen ist, dermaßen haarsträubend, dass ich es gut finde, dass genau diese Fehleinschätzungen und Versäumnisse überhaupt thematisiert und für ein mehr oder auch weniger interessiertes Publikum aufbereitet werden. Es geht auch darum, zu zeigen, was passieren kann, wenn man sich zu sicher ist, dass eigentlich nichts passieren kann: Die Reaktor-Mannschaft in Tschernobyl war ja tatsächlich dermaßen von der Sicherheit ihrer Technik überzeugt, dass sie den GAU aus einer fatalen Mischung aus Fahrlässigkeit (Missachtung grundlegender Sicherheitsregeln) und Fehleinschätzung der tatsächlichen Situation (Konstruktionsfehler des Reaktortyps) selbst herbeigeführt hat. Ein RBMK-Reaktor kann nicht explodieren, das wollten die Verantwortlichen auch noch glauben, als er schon explodiert war. Was nicht sein darf, kann auch nicht sein. Dieser Irrglaube fordert immer wieder zahlreiche Opfer. (Es gibt keinen Klimawandel. Es gibt keine Luftverschmutzung. Es gibt kein Waldsterben. Es gibt kein Mikroplastik überall dort, wo es nicht hingehört. Es gibt kein…)

Da kann man natürlich mit dem Finger auf die Sowjetunion zeigen und sich freuen, dass westliche Technik ja so viel besser ist. Aber der Super-GAU in Fukushima zeigt, dass auch das technologische Musterland Japan nicht besser ist. Und auch in den USA kam es schon zu einer Reihe von Atomreaktor-Unfällen, der bekannteste dürfte Three Mile Island gewesen sein. Und natürlich wurde die Öffentlichkeit immer belogen und es wurde und wird immer verharmlost. Keine Regierung und kein Konzern liebt schlechte Nachrichten. Blöd nur, dass sich Radioaktivität (wie so vieles andere, was die Umwelt vergiftet) sich nicht an nationale Grenzen hält. Der Unfall von Tschernobyl wurde der Weltöffentlichkeit bekannt, als ein Atomkraftwerk in Schweden zwei Tage später Alarm auslöste, weil erhöhte Strahlung gemessen wurde.

Chernobyl - die Katastrophe aus der Sicht der Feuerwehr  Bild: hbo.com

Chernobyl – die Katastrophe aus der Sicht der Feuerwehr Bild: hbo.com

Mag sein, dass der GAU von Tschernobyl der entscheidende Nagel im Sarg des sozialistischen Blocks war. Aber wenn – aus welchen Gründen auch immer – ein vergleichbarer Unfall in einem französischen, britischen, chinesischen oder US-Atomkraftwerk geschehen sollte – es würde mindestens genauso teuer, die Verluste an Leben, Gesundheit und Vermögen wären vermutlich noch viel höher, vor allem, wenn es im dichtbesiedelten Westeuropa oder Asien geschehen würde. Ich habe im Zuge einer anderen Recherche vor Jahren einmal versucht, herauszufinden, wie das mit aktuellen Evakuierungsplänen und Kriseninterventionsmaßnahmen im unmittelbaren Einzugsgebiet von deutschen Atomkraftwerken im Falle einer Havarie ist. Verstörendes Ergebnis: Nicht einmal die Zuständigkeiten von entsprechenden Institutionen und Behörden sind bekannt. Es gibt wohl Lager mit Jodtabletten. Aber wer die bekommt und wie die verteilt werden – keine Ahnung. Wer für eine Evakuierung zuständig wäre, und wo die ganzen Leute dann hin sollen – Fragezeichen über Fragezeichen.

Fazit: Keine Regierung und kein Konzern sind auf den Ernstfall vorbereitet. Was passiert, wenn der Ernstfall trotzdem eintritt, zeigt diese Serie. Das ist nicht schön. Und irgendwie behagt mir diese Art von Faszination des Grauens nicht. So etwas sollte nicht Stoff von Unterhaltungsserien sein müssen. Es widert mich an, wenn das Unglück von Menschen (und Tieren) auf diese Weise ausgeschlachtet wird. Aber wir leben nun mal in einer Gesellschaft, in der alles, was man zum Leben braucht, einem Geschäftsmodell unterworfen ist. Essen, Wohnung, Kleidung, Gesundheit, Transport, alles kostet.

Dann soll halt HBO aus der Notwendigkeit, die Folgen einer atomaren Katastrophe für ein hoffentlich großes Publikum begreifbar zu machen, auch Gewinn erzielen. Ist halt eine Scheißwelt. Aber die Bewohner dieser Scheißwelt brauchen halt ihre Serien, um sich in ihrer Freizeit vom Stress des Lebens und damit des Geld-verdienen-müssens abzulenken. Chernobyl ist dafür nur bedingt geeignet. Umso bemerkenswerter, dass die Serie auf imdb und Rotten Tomatoes so gut bewertet wird. Ich werte das als Indiz dafür, dass viele Menschen sich durchaus Gedanken machen wollen: Chernobyl ist nun wirklich keine Heile-Welt-Serie. Sondern eine, die zeigt, was passiert, wenn eine vermeintlich heile Welt buchstäblich zerfällt. Und es ist eben nicht nur Faszination des Grauens, sondern der Versuch, zu überlegen, was denn ein in einer solchen Situation angemessenes Verhalten wäre. Die Antwort fällt schwer, weil es keine eindeutige Antwort gibt.

Chernobyl: Boris Schtscherbina (Stellan Skarsgård, Mitte) Bild: hbo.com

Chernobyl: Boris Schtscherbina (Stellan Skarsgård, Mitte) Bild: hbo.com

Insofern finde ich gut, dass eine solche Serie und eben nicht ein neues Game of Thrones Furore macht. Also nichts gegen Game of Thrones. Aber mir ist lieber, wenn sich die Menschen nicht mit den Storylines fiktiver Charaktere beschäftigen, sondern damit, was mit unserer Welt passiert, wenn man bornierten Technologen glaubt. Es gibt ja gar nicht so wenige, die wieder laut über Atomkraft nachdenken, weil die Atomkraftwerke kein CO2 in die Atmosphäre blasen, im Gegensatt zu Kohle-, Öl- und Gaskraftwerken. Ja klar, das stimmt. Mit den fossilen Klimakillern muss Schluss sein.

Aber: Es gibt noch immer keine wirklich sicheren Endlager für den Atommüll, der in den Kernkraftwerken weltweit anfällt. In Deutschland steht der Atommüll in Castoren in irgendwelchen Hallen rum, die weder gegen Flugzeugabstürze noch sonst wie besonders gut gesichert sind. Die erste Generation der Castor-Behälter hat ihre genehmigte Laufzeit im kommenden Jahr erreicht. Und dann? Keine Ahnung.

Gut, es ist vermutlich besser, die Castoren mit hochradioaktivem Atommüll da rumstehen zu lassen, wo man sehen kann, in welchem Zustand sie sind, statt sie einfach in die Asse zu kippen. Was wiederum ein ehemaliges Salzbergwerk in Niedersachsen ist, das früher einmal für die Endlagerung von radioaktiven Müll vorgesehen war, ohne sich dafür irgendwie zu eignen. Seit einiger Zeit ist bekannt, dass Radioaktivität aus den verrottenden Fässern ins Grundwasser gelangt. Auch wenn das Bundesinstitut für Strahlenschutz keine Kontamination des Geländes feststellen konnte (oder wollte), so gibt es doch eine auffällige Häufung bestimmter Krebsarten in der Gegend. Das ist kein Vergleich zu dem, was in Tschernobyl passiert ist. Aber ich bin gespannt, ob und wann es eine Serie über Fukushima geben wird.

Das Verschwinden von Madeleine McCann

Es gibt immer wieder Kriminalfälle, die ein größeres Publikum erreichen als andere – und hier spielen die Medien oft eine unrühmliche Rolle. Bad news is good news, manches Verbrechen wird nur durch das so genannte öffentliche Interesse ein Skandalfall, also durch Geschäftsmodelle von Medien, die auf die Sensationslust des Publikums setzen. Im Zeitalter von Social Media dreht sich diese Schraube noch schneller, jetzt sind es oft nicht einmal mehr bezahlte Profis, die entsprechend aufbereitete Nachrichten verbreiten, sondern irgendwelche Gaffer, die zufällig zur richtigen Zeit am richtigen Ort waren und ungefiltert jeden Scheiß posten, auf dass er massenhaft geteilt und verbreitet werde. Auch deshalb wird es immer schwieriger, zwischen fake news und seriöser Information zu unterscheiden. Und einem Großteil des Publikums ist das vermutlich sowieso egal, das klickt einfach auf alles, was zum eigenen Weltbild passt.

Insofern tue ich mich auch mit den durch vergleichsweise seriöse Contentproduzenten wie Netflix verbreiteten True-Crime-Serien schwer, Stichwort Sensationslust. Obwohl ich andererseits auch wieder gern Dokumentationen sehe, in denen historische Ereignisse aufbereitet werden. Die sind mir zwar oft zu tendenziös, aber man kann nebenbei durchaus interessante Dinge erfahren. Insofern war ich mir nicht sicher, ob ich die seit kurzer Zeit verfügbare Netflix-Doku über den Fall Maddie McCann wirklich ansehen wollte. Ich habs jetzt doch getan, aber aus rein wissenschaftlichem Interesse versteht sich.

Das Verschwinden von Madeleine McCann Bild: Netflix

Das Verschwinden von Madeleine McCann Bild: Netflix

Die kleine Maddie verwand im April 2007 aus einer Ferienanlage in Portugal, während ihre Eltern mit Freunden in einem Tapas-Restaurant zu Abend aßen. Der Fall ist bis heute nicht gelöst, es wurde weder ihre Leiche gefunden, noch der Verbleib des Kindes aufgeklärt. Der Fall an sich stellt ein reichlich dunkles Kapitel sowohl in Sachen Berichterstattung als auch Polizeiarbeit dar, weshalb sich die Netflix-Doku dann doch lohnt, denn genau hier setzt der Achtteiler an: Die Ereignisse selbst, der Fortgang der Ermittlungen, die Berichterstattung und deren Auswirkungen auf alle Beteiligten werden aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachtet.

Wobei die Berichterstattung über diese Doku an sich auch schon wieder ziemlich hysterisch ist: Es mögen vielleicht einzelne Journalisten, die in der Doku zu Wort kommen, aber nicht „die Presse“ an sich etwas aus der zum Teil desaströsen Berichterstattung über diesen Fall gelernt haben. Angeblich neue Erkenntnisse aus der Serie werden derart weitergedreht, dass sich noch die eine oder andere klickträchtige Schlagzeile herrausschinden lässt. Und tatsächlich sind eine ganze Reihe der Fakten, die in den acht Teilen der Serie zusammengetragen werden, im Rückblick geradezu verstörend. Aber das sollte doch gerade Anlass sein, erstmal die Luft anzuhalten und dann noch einmal nachzudenken, anstatt einmal mehr irgendwelche Halbwahrheiten zu neuen Fakten aufzublasen.

Nachdem ich nun alle Teile gesehen habe, kann ich sagen, dass ich die Doku alles in allem ausgewogen und informativ fand, auch wenn ich die ablehnende Haltung der Eltern gegenüber diesem Projekt verstehen kann. Was mich andererseits aber auch wieder ein bisschen wundert, denn in der Vergangenheit haben Kate und Gerry McCann unglaubliche Mittel und Anstrengungen aufgeboten, um in den Medien immer und immer wieder auf das Verschwinden ihrer Tochter hinzuweisen. Was nicht immer und überall gut angekommen ist: So verständlich es ist, dass Eltern alles versuchen, ihr geliebtes Kind zu finden – so drängt sich doch die Frage auf, ob man mit den mehr als elf Millionen Pfund, die diese Suche bisher gekostet hat, nicht auch viele andere Kinder hätten retten können, deren Eltern eben kein Geld und keine großzügigen Sponsoren hatten.

Klar, das ist auch wieder eine dieser zynischen Neiddebatten, die ich zum Kotzen finde, denn es wird in dieser Welt so viel Geld für irgendwelchen Scheißdreck verbrannt, während gleichzeitig Millionen Menschen aus Geldmangel verrecken. Aber hier wird dieses Missverhältnis einmal mehr deutlich: Die einen verkaufen ihre kleinen Kinder für eine Handvoll Dollar an solvente Touristen, die anderen geben Millionen aus, um ihre Kinder vor einem solchen Schicksal zu bewahren. Und selbst das gelingt nicht immer, das ist in diesem Fall noch einmal extra bitter. Zumindest kann man den Eltern von Maddie McCann nicht vorwerfen, dass sie nicht alles versucht hätten, um ihre Tochter wiederzubekommen.

Unter anderem mit diesem Bild bitten die Eltern von Madeleine McCann um Hinweise über den Verbleib ihrer Tochter.

Unter anderem mit diesem Bild bitten die Eltern von Madeleine McCann um Hinweise über den Verbleib ihrer Tochter. Bild: findmadeleine.com

An Anfang der Doku wird noch einmal minutiös aufgedröselt, was am 3. Mai 2007 in Praia da Luz geschah. Dabei kommen Zeugen, Ermittler und Journalisten zu Wort. Insgesamt wird versucht, die unterschiedlichen Interessen und Standpunkte aller Beteiligten an diesem Fall darzulegen: Da sind die britischen Eltern und deren Freunde (auch fast alle Eltern), die ohne ihre Kinder Essen gegangen sind, was bei den Portugiesen vor Ort die Frage provoziert, warum diese Leute ihre kleinen Kinder allein in einer Ferienwohnung gelassen haben, statt sie einfach mit ins Restaurant zu nehmen? Und warum haben sie nicht wenigstens eine Kinderbetreuung engagiert, wo es in der Anlage sogar einen entsprechenden Service gegeben hätte? 

Interessante Frage. Es gibt heute allgemein die Tendenz, dass Kinder zu sehr behütet werden, was ich durchaus auch kritisch sehe. Aber wirklich kleine Kinder, eine nicht einmal Vierjährige mit zwei zweijährigen Geschwistern allein in einer für sie fremden Umgebung (Ferienwohnung) zu lassen, finde ich grenzwertig – warum haben die Erwachsenen der Gruppe sich nicht koordiniert und ihre Kinder gemeinsam in einer Wohnung schlafen lassen, während abwechselnd einer von ihnen Stallwache hatte? Offenbar sind die Erwachsenen dieser Reisegruppe davon ausgegangen, dass ihre Kinder sich wohl fühlen und friedlich schlafen. Sie haben nicht damit gerechnet, dass fremde Menschen in die Anlage eindringen, um ein Kind mitzunehmen, was den aktuellen Erkenntnissen zufolge geschehen sein muss.

Im Verlauf der Doku stellt sich allerdings auch heraus, dass Maddie nicht das einzige Kind ist, das in dieser Gegend verschwand. Und es kommen eine ganze Reihe Fällen sexueller Belästigung von kleinen Kindern ans Licht, die den Verdacht nahelegen, dass die beliebte Urlaubsgegend an der portugiesischen Algarve auch bei Pädophilen beliebt ist, die sich hier in entspannter Atmosphäre den Objekten ihrer Begierde nähern können, ohne dass das weiter auffällt. Die portugiesische Polizei ermittelte auch in diese Richtung, konzentrierte sich in der Folge aber darauf, den Verdacht gegen die Eltern von Maddie zu erhärten. Es gab einige, wenn auch sehr dünne Spuren, die vermuten ließen, dass Maddie in der Wohnung gestorben sein und die Leiche später von den Eltern versteckt worden sein könnte. Hier wurden offenbar auch Informationen an die Presse weiter gegeben, die sich später als falsch herausstellten, erst einmal aber für eine bösartige Berichterstattung sorgten. Mehrere Boulevardzeitungen entschuldigten sich später bei der Familie McCann und zahlten hohe Entschädigungssummen.

Die McCanns stoppten auch ein Buch von Gonçalo Amaral, dem ersten Chefermittler des Falls, der die These vertrat, Madeleine sei vermutlich durch einen tragischen Unfall gestorben und die Eltern hätten eine Entführung vorgetäuscht und die Leiche verschwinden lassen. Zwei portugiesische Gerichte verboten den Verkauf des Buches und sprachen den Eltern eine Entschädigung zu, die Urteile wurden allerdings von Revisionsinstanzen wieder aufgehoben. Den Schadensersatzprozess vor dem Obersten Gericht in Portugal verloren die McCanns im Jahr 2017 endgültig, weil das Gericht befand, dass Amarals Thesen von der Meinungsfreiheit gedeckt seien.

Eine Entschädigung bekam auch der als Entführer von Madeleine verdächtigte Brite Robert Murat, der in der Nähe der Ferienanlage wohnte und in den Fokus der Ermittler geriet, eben weil er ständig vor Ort war. In der Doku kommt er ausführlich zu Wort, genau wie auch einer der später von einem britischen Millionär angeheuerten Privatdetektive, der ausführlich in Pädophilenforen ermittelt hat, um Maddie zu finden. Auch wenn er dieses Kind nicht gefunden habe, so konnte er doch umfangreiches Material zusammentragen und der Polizei übergeben, was zur Festnahme einiger der kriminellen Hintermänner geführt hat.

Auch wenn die Doku keine bahnbrechenden neuen Erkenntnisse bietet, so wird in den acht Teilen doch klar, dass die Ermittlungen in diesem Fall häufig mehr Fragen aufwerfen, als sie beantworten können und auch, welche Auswirkungen die gewaltige Medienresonanz hatte, die unter anderem zahlreiche Trittbrettfahrer dazu animierte, angebliche Erkenntnisse teuer verkaufen zu wollen oder mit Fakeseiten im Internet von der Spendenbereitschaft der Leute zu profitieren.

Wer also auf der Suche nach einer interessanten Serie mit einer außerordentlich komplexen Krimihandlung, Einblick in die Abgründe der menschlichen Natur sowie gesellschaftlicher Relevanz ist, wird mit dieser Dokuserie gut bedient. 

Green Book: Gut, aber zu spät

Ich mag Musikfilme und ich mag Roadmovies, insofern ist Green Book schon ein besonderer Leckerbissen. Das fand offensichtlich auch die ehrwürdige Academy, die den Film am Sonntagabend mit dem Oscar für den besten Film bedachte. Und Mahershala Ali mit dem Oscar für den besten Darsteller in einer Nebenrolle. Wobei ich nach dem nochmaligen Ansehen von Green Book doch ein bisschen enttäuscht bin, vermutlich weil der Film meine Erwartungen einfach anstandslos erfüllt hat: Ein bisschen rauer, eckiger, weniger gefällig hätte die Geschichte schon sein können.

Es geht um den schwarzen Klaviervirtuosen Don Shirley, eine historische Person, der in den frühen 60er Jahren eine Tournee durch die Südstaaten der USA unternahm, und seinen Fahrer, der im Film Tony Vallelonga, kurz Tony Lip heißt. Kleiner Witz am Rande: Der echte Tony Lip hat in der legendären Serie Die Sopranos den Mafia-Boss Carmine Lupertazzi gespielt. Insofern ist der Mafia-Bezug dieser Figur quasi naturgegeben.

Green Book Filmposter

Green Book Filmposter

Mahershala Ali hat für seine Interpretation des Don Shirley bereits einen Golden Globe als bester Nebendarsteller gewonnen, absolut verdient natürlich, wobei ich die Kategorie „Nebendarsteller“ auch wieder diskussionswürdig fände. Viggo Mortensen als Hauptdarsteller finde ich schon okay, er spielt diesen Italo-Amerikaner Tony Lip, der gute Beziehungen zur New Yorker Mafia hat, aber auch sonst in jeder Beziehung ein Familienmensch ist, hinreißend ehrlich und schmierig zugleich.

Tony ist ein Kind der US-Einwanderer-Arbeiterklasse. Er macht seinen Job und scheut nicht davor zurück, sich die Finger schmutzig zu machen. Gleichzeitig versucht er, ein guter Ehemann und Vater zu sein. Familie ist wichtig, gerade in seinen Kreisen. Die Italiener hängen auch in der neuen Welt an ihren alten Werten. Aber genau das ist sympathisch: Sie schätzen gutes Essen und sie sind gastfreundlich und hilfsbereit. Insofern hat Tony kein Problem damit, für einen Farbigen zu arbeiten. Job ist Job und solange er sein Geld kriegt, macht er ihn, so gut er kann. Und natürlich macht er ihn ziemlich gut.

Für Don Shirley ist das alles komplizierter: Er ist ein ebenso hochgebildeter wie feinsinniger Künstler, der in den höchsten Kreisen verkehrt, er wohnt in einem Appartement über der Carnegie Hall und ist mit den Kennedys befreundet. Er hat eigentlich alles, was man im Leben erreichen kann. Aber offensichtlich hat er ein Problem damit, dass er aufgrund seiner afrikanischen Herkunft nicht überall in den Staaten gleichermaßen anerkannt wird. Oder vielleicht will er seinen unterdrückten schwarzen Brüdern und Schwestern im Süden einfach Mut machen – es ist jedenfalls sein Wunsch, eine Tournee durch den Süden der USA zu absolvieren, auch wenn das weniger Geld einbringt.

Und es liegt auf der Hand, dass das zu jener Zeit gewisse Schwierigkeiten provoziert. Insofern sucht Shirley mehr als einen Fahrer, der ihn einfach nur von Konzert zu Konzert chauffiert. Er braucht einen persönlichen Assistenten, der mögliche Probleme vor Ort möglichst geräuschlos regeln kann. Natürlich ist Tony Lip der ideale Kandidat für diesen Job – nur weiß Tony das noch nicht. Auch wenn er im Bewerbungsgespräch als besondere Qualifikation Public Relations nennt. Daher kommt sein Spitzname Lip: Er kann sich aus schwierigen Situationen einfach herausreden.

Don Shirley erkennt das, auch wenn er sonst mit dem ungeschliffenen Verhalten seines Angestellten immer wieder unzufrieden sein wird. Einen großen Teil des Amüsements zieht Green Book entsprechend aus der Gegenüberstellung des prolligen weißen Fahrers mit dem Herz auf dem rechten Fleck und dem distinguierten Intellektuellen, der für die Gegend, in der er sich gerade bewegt, leider die falsche Hautfarbe hat.

Der Filmtitel leitet sich übrigens von dem Reiseführer Negro Motorist Green Book  ab, nach dem Shirley seine Tournee planen muss.  Dass so etwas noch immer als Gegenstand für einen Film herhalten muss, ist traurig und beschämend. Vielleicht ist es das, was meine latente Unzufriedenheit mit diesem Film ausmacht und mich wünschen lässt, dass dieser Film nicht als bester Film ausgezeichnet worden wäre, obwohl es zweifelsohne ein guter Film ist, ein unterhaltsamer dazu, wenn auch kein besonders mutiger. Dafür kommt er ein paar Jahrzehnte zu spät. 

Es geht mir mit Green Book ähnlich wie mit Hidden Figures, jenem Film über einige afroamerikanischen Mathematikerinnen, die maßgelblich am Erfolg des Mondlandungsprojekts der NASA beteiligt waren, ohne dass ihre Leistung angemessen gewürdigt worden wäre. Ich finde gut, dass das mit dem Film endlich mal ansatzweise nachgeholt wird, gleichzeitig ärgert es mich, dass so ein wichtiger Film nett und unterhaltsam aufbebreitet wird, anstatt sich dermaßen über diese Ignoranz und Ungerechtigkeit aufzuregen, wie es mehr als angebracht wäre. Aber wer kuckt sich schon zwei Stunden Standpauke an. Natürlich will man lieber einen unterhaltsamen Film, bei dem man nebenbei noch etwas lernen kann. Aber der Sache, um die es geht, wird man damit nicht gerecht. Aber klar, lieber so einen leicht verlogenen Feel-Good-Film als ein noch verlogeneres Superheldenmovie. Insofern: Daumen hoch für Green Book.

Sharp Objects: Traumafabrik Familie

Nachdem ich wieder ins Serien-Bloggen eingestiegen bin, ist es gar nicht so einfach, unter den vielen Serien, mit denen die Serienfans im vergangenen Jahr überschwemmt wurden, eine besondere Serie für den nächsten Artikel auszusuchen. Klar, es gab die üblichen Highlights, etwa die 4. Staffel von Better Call Saul, die natürlich wieder absolut sehenswert war. Es gab auch eine weitere Staffel von The Handmaid’s Tale, die noch schwerer zu ertragen war als die erste, aber meiner Ansicht nach unbedingt Pflichtprogramm. Denn sie zeigt, was den Menschen in einer Gesellschaft blüht, in der ideologisch motivierte Fundamentalisten das Sagen haben, die an Gott und eben nicht an Freiheit, Gleichheit, Solidarität glauben, ähnlich wie das in The State der Fall ist. In diesem Fall sind es allerdings patriotisch gesinnte weiße Christen in den USA – aber die sind eben auch nicht besser als die Kopfabschneider vom IS.

Meine Wahl fiel auf Sharp Objects, eine achtteilige HBO-Serie, die meines Erachtens zu Unrecht als Füllstoff für das Sommerloch versendet wurde. Auch wenn sie tatsächlich nicht an den hochgelobten Vorgänger Big Little Lies von Regisseur Jean-Marc Vallée herankommt, war sie doch eine der Serien, die ich in der vergangenen Saison bemerkenswert fand. Sharp Objects beruht auf einem Roman von Gillian Flynn.

Sharp Objects: Amma (Eliza Scanlen), Camille (May Adams) und Adora (Patricia Clarkson). Bild: hbo.com

Sharp Objects: Amma (Eliza Scanlen), Camille (May Adams) und Adora (Patricia Clarkson). Bild: hbo.com

Wie Big Little Lies ist Sharp Objects eine Frauenserie – hier geht es allerdings nicht um häuslichen Missbrauch einer eigentlich sehr intelligenten und erfolgreichen Familienmutter durch den liebenden, aber leider auch von Minderwertigkeitskomplexen zerfressenen Familienvater, sondern um etwas noch viel schwerer Fassbares: Es geht darum, was mit den Kindern passiert, wenn die liebende Mutter ihre Mutterrolle viel zu ernst nimmt. Adora Crellin (Patricia Clarkson) ist die Übermutter dieser ganzen beschissenen Kleinstadt Wind Gap. Im Verlauf der Serie stellt sich allerdings heraus, dass Adora auf eine extrem egoistische Weise nur für ihre Kinder da ist.

„It’s always the family“ sagt der Ermittler Detective Willis (Chris Messina), der von Anfang an den richtigen Instinkt hat, jedoch ohne zu ahnen, wie sehr er ins Schwarze trifft. Denn Richard Willis kommt von Außen, „Kansas City“ nennt ihn der örtliche Polizeichef Bill Vickery (Matt Craven), der sich nicht vorstellen kann oder will, dass in seiner kleinen, gut überschaubaren Stadt tatsächlich etwas unglaublich schief läuft.

Wind Gap (was soviel heißt wie Scharte oder Spalt) ist eine Kleinstadt in Missouri, in der jeder jeden kennt, Teenager auf den fast immer leeren Straßen Rollschuh laufen und der einzige größere Arbeitgeber eine Schweinemastfarm ist, die natürlich Übermutter Adora gehört, die in jeder Beziehung die Seele dieses Ortes zu sein scheint. Aus dieser Enge ist ihre Tochter Camille (Amy Adams) einst geflohen.

Camille Preaker ist ebenso Alkoholikerin wie Reporterin (der kürzeste Journalistenwitz: „Gehen zwei Journalisten an einer Kneipe vorbei“) und wird von ihrem Chef nach Hause geschickt, weil der eine gute Story wittert: Vor einiger Zeit ist in Wind Gap ein dreizehnjähriges Mädchen getötet worden, ein zweites wird nun vermisst. Da könnte ein Serienkiller am Werk sein. Frank Curry (Miguel Sandoval) will eine auflagensteigernde Exklusivstory. Behauptet er zumindest. Vielleicht will er auch nur seine Ambitionen als Hobbytherapeut ausleben, er weiß schließlich, dass Camille aus Wind Gap kommt und erhebliche Probleme mit ihrer Herkunft und ihrer Familie hat.

Wie auch immer, Camille fügt sich der Anweisung ihres Chefs und fährt mit ihrem alten Volvo nach Hause. Dafür, dass sie von Schokoriegeln und Schnaps lebt, den sie in eine Evian-Flasche abfüllt, sieht sie noch erstaunlich gut aus. Aber sie war ja zur ihrer Zeit in Wind Gap auch die strahlende Cheerleaderin, auf die jeder Junge in Wind Gap scharf war. Aber Camille hat sich gegen Heirat, Familie und Wind Gap entschieden, stattdessen versucht sie, sich in St. Louis als Journalistin durchzuschlagen. Und ihr Chef meint, dass aus ihr noch was werden könnte, wenn sie denn endlich einmal eine richtig gute Geschichte liefern würde.

Und weil Camille Preaker die Tochter ihrer Mutter ist, werden ihr auch einige Türen geöffnet, die jeder anderen verschlossen geblieben wären. Damit nimmt das Verhängnis seinen Lauf. Natürlich ist ihre Mutter alles andere als begeistert, dass ihre Tochter nun nach Hause kommt, um hier im Müll zu wühlen. Camille soll sie nur ja nicht wieder bloßstellen, so wie einst, als die Tochter noch ein rebellischer Teenager war.

Adora, die, wie ihr Name schon andeutet, von allen bewundert werden will, ist buchstäblich bereit, über Leichen zu gehen, um das Image aufrecht zu erhalten, dass sie über Jahrzehnte sorgfältig aufgebaut hat: Sie ist eine aufopferungsbereite Mutter, sie ist eine Stütze der Gesellschaft, sie kümmert sich um ihre Gemeinde, sie ist einfach perfekt.

Camille ist von Adoras grenzüberschreitender Mutterliebe gezeichnet – ihr Körper ist von Narben übersät, die sie sich selbst beigebracht hat: Camille hat sich selbst Botschaften geschrieben, schmerzhaft in die Haut geritzt, um irgendwie zu überleben. In Rückblenden erfahren wir, dass Camille eine Schwester verloren hat, offenbar fühlt sie sich schuldig, weil sie noch lebt – auch wenn sie für diesen Tod nicht verantwortlich ist. Außerdem gibt es da eine Missbrauchsgeschichte, für die sich der damaligen Star der Footballmannschaft sogar bei Camille entschuldigen will – aber Camille verweigert ihm die Absolution: Er müsse halt genauso damit leben wie sie damit leben musste.

Camille lernt nun auch ihre viel jüngere Halbschwester Amma (Eliza Scanlen) kennen, die zuhause alles tut, um Mamas Liebling zu sein, heimlich aber auf den Spuren ihrer großen Schwester wandelt. Insofern ist Amma schlauer als Camille, sie weiß, was Mama von ihr will und bedient das, während Camille sich daran abgekämpft hat und in Ungnade gefallen ist. Aber genau deshalb wird Camille auch in der Lage sein, ihre kleine Schwester der tödlichen Umarmung ihrer Mutter zu entreißen: Nein, alles in allem ist das keine schöne Geschichte.

Aber genau das macht den Reiz dieser in den Alltag einer verschlafenen Kleinstadt verkleideten Horrorstory aus: Gerade weil es hier nicht um immer noch brutalere Gewalt und immer noch raffiniertere Serienkiller geht, sondern darum, was Menschen überhaupt dazu treibt, anderen – und, das ist hier schon perfide – ausgerechnet denen, die ihnen doch auf Gedeih und Verderb ausgeliefert sind, Böses anzutun, geht Sharp Objects so unter die Haut.

Leider ist es gar nicht so, dass Unterdrückte gegen ihre Unterdrücker aufbegehren. Sonst sähe diese Welt ganz anders aus. Im Gegenteil ist es so, dass sich die Unterdrückten die Strategien ihrer Unterdrücker zueigen machen und gegen Schwächere, oder, in Ermangelung von noch Schwächeren, gegen sich selbst richten. Das ist ja das Credo unserer angeblich so freien und fairen Erfolgsgesellschaft: Jede und jeder kann alles erreichen, wenn sie oder er sich nur genug Mühe gibt. Wenn du es nicht schaffst, dann muss es ja an dir selbst liegen. Die meisten Menschen schaffen aber nicht, was von ihnen erwartet wird und bestrafen sich dann konsequenterweise selbst. Wie Camille Preaker, die sich selbst verletzt. Wäre es nicht so, hätten wir noch sehr viel mehr Terroranschläge. Oder aus dem Ruder laufende Übermütter wie Adora. 

Oder anders herum: Während es eine allgemeine Hysterie gibt, was Gewalt durch Terroristen oder Serienkiller angeht, sterben tatsächlich viel mehr Menschen an Gewalt, die sie in den eigenen vier Wänden erleiden. Durch Menschen, die sie kennen und lieben. Und ausgerechnet dort schaut die Gesellschaft lieber weg als hin – insofern finde ich gut, dass Sharp Objects da eine Ausnahme macht: Häusliche Gewalt hat viele Gesichter. Übertriebene Fürsorge ist mitunter nicht weniger verhängnisvoll als Vernachlässigung.

Weil allgemein die Vorstellung herrscht, dass die Familie alles ausgleichen und auffangen muss, was für die einzelnen Menschen in der Gesellschaft schief läuft, sind die Erwartungen an das, was Familie tatsächlich leisten kann, geradezu absurd: Mütter und Väter sollen Geld verdienen, ein trautes Heim schaffen, sich um ihre Kinder kümmern, wertvolle Mitglieder der Gesellschaft sein, ihre Eltern nicht vergessen und so weiter und so fort, und wenn es Probleme gibt, die es ja immer gibt, dann soll die eine für den anderen da sein und so weiter. Bei all den Risiken und Nebenwirkungen des modernen Lebens ist das ziemlich anstrengend. Und wenn dann die Kinder nicht wie erwartet geraten, es im Job nicht so läuft oder die mühsam aufgebaute Fassade des bürgerlichen Lebens auf andere Art und Weise Risse bekommt, greifen die Leute mitunter zu erstaunlichen Mitteln, um den Schein zu waren. Koste es, was es wolle.

Für Fans von herkömmlichen Familienserien ist Sharp Objects vermutlich nichts. Aber genau die sollten sich das ansehen. Und alle anderen natürlich auch.

The State: Willkommen im IS

Vor lauter Streit um Dieselverbot, Kohleausstieg und die Frage, warum es hierzulande keine Gelbwestenbewegung gibt, obwohl das Volk mehr als genug Gründe hätte, wütend auf die Straße zu gehen, hört man derzeit fast gar nichts mehr über den Krieg in Syrien. Vermutlich deshalb, weil die Truppen, die weiterhin zum syrischen Staatschef Basar al-Assad stehen, wieder die Oberhand haben. Was eine peinliche Pleite ist, weil den wollte der freiheitlich-demokratische Westen ja weg haben. Das war schließlich der Grund für all das Elend und die Zerstörung eines zuvor vergleichsweise gut funktionierenden Landes im Nahen Osten. Aber leider stellte sich dort, ähnlich wie auch in Afghanistan, Irak oder Libyen, nach dem Sturz der ach so undemokratischen Machthaber eben nicht Freiheit, Demokratie und Eierkuchen ein, sondern ein Regime wesentlich unangenehmerer Zeitgenossen. Genau jener religiösen Fanatiker nämlich, die zuvor als angebliche Freiheitskämpfer vom Westen großzügig unterstützt wurden.

The State: Ushna (Shavani Cameron)

The State: Ushna (Shavani Cameron)

Damit komme ich zu der Serie, um die es hier heute gehen soll: The State. Gemeint ist der Islamische Staat, kurz IS, der sich in den von Kriegen zerstörten Ländern des Nahen und Mittleren Ostens ausgebreitet hat. Nun ist es auch den verlogensten Westlern nicht möglich, den Leuten ein Terrorregime islamistischer Fundamentalisten als die bessere Alternative für eine angeblich freiheitsbedürftige Bevölkerung zu verkaufen. Der IS ist ein ärgerlicher Betriebsunfall, auch wenn man den, vor allem nach den Erfahrungen in Afghanistan, durchaus hätte voraussehen können: Die Leute vom IS nehmen gern Geld, Waffen und sonstige Ausrüstung aus dem Westen an, lehnen die aber westliche Lebensweise inklusive Kapitalismus ab. Das ist übrigens der entscheidende Unterschied zu den Saudis, die zwar auch religiöse Fanatiker sind, aber gute Beziehungen zu den Kapitalisten in aller Welt unterhalten, weshalb man sie auch in Ruhe lässt. Obwohl die Assads oder Gaddafis dieser Welt im Vergleich mit den al Sauds fast schon als lupenreine Demokraten durchgehen müssten.

Aber genug davon, eigentlich betreibe ich ja einen Serienblog. Und damit es nicht immer nur um Netflix und Co geht,  habe ich mir den britischen Vierteiler The State angesehen, in der es um vier junge Menschen geht, die sich dem IS in Syrien anschließen. Um die für mich größte Schwäche der Serie gleich vorwegzunehmen: Auf die Frage, was die jeweiligen Protagonisten überhaupt motiviert, sich einer in meinen Augen überaus rückständigen und menschenfeindlichen Bewegung anzuschließen, gehen die Macher von The State gar nicht ein. Wir müssen uns damit zufrieden geben, dass es sich diese jungen Aktivisten im Namen Allahs bereits haben einleuchten lassen, dass sich der Aufbau eines Islamischen Staates lohnt, in dem jeder und jede ein gottgefälliges und damit glückliches Leben führen kann. Und das man dafür kämpfen, und so Allah es will, auch sterben muss. Wobei durchaus gezeigt wird, dass die Propaganda in sozialen Netzwerken eine große Rolle spielt, für die entsprechende Social-Media-Experten des IS gezielt Inhalte produzieren und verbreiten.

The State: Shakira (Ony Uhiara)

The State: Shakira (Ony Uhiara)

Insofern haben alle vier unrealistische Erwartungen an den neuen Staat, dem sie ihr Leben widmen wollen. Sie werden alle enttäuscht, wenn auch auf sehr unterschiedliche Weise. Da ist die farbige Muslima Shakira (Ony Uhiara), eine Ärztin, die sich mit ihrem neunjährigen Sohn auf den Weg nach Syrien macht. Sie will ihren Brüdern und Schwestern vor Ort einfach helfen, weil sie weiß, dass sie dafür hervorragend qualifiziert ist. Der junge Jalal (Sam Otto) hingegen geht nach Syrien, weil sein älterer Bruder dort im Kampf gestorben sein soll. Er ist ein Hafiz, er kann den gesamten Koran auswendig, was ihm unter den Brüdern in London viel Achtung eingebracht hat. Entsprechend irritiert ist er, als die Brüder vom IS ihn fragen: „Und, was kannst du sonst noch?!“

Jamal wird begleitet von seinem Freund Ziyad (Ryan McKen), der auf ein Abenteuer aus ist. Ihn lockt die Sache mit den 72 Jungfrauen, wenn er als Märtyrer stirbt. Und für verdiente Kämpfer gibt es ja zuvor schon wenigstens eine, zwei oder noch mehr echte Frauen, die sich um ihr leibliches Wohl sorgen. Eine solche will die junge Ushna (Shavanni Cameron) werden, oder besser: Eine Löwin unter Löwen. Ihr ist anfangs am wenigsten klar, worauf sie sich eingelassen hat. Sie weint, weil die IS-Leute ihr aus Sicherheitsgründen das Handy weggenommen haben und sie ihre Eltern nicht anrufen kann. Denen sie offenbar aus guten Gründen nicht gesagt hat, dass sie weggeht. Und schon gar nicht, wohin.

Ushna war noch nie auf eine Gemeinschaftsküche angewiesen, ganz zu schweigen von einer Gemeinschaftstoilette. Damit hat sie wirklich ein Problem: Sie hatte früher ein eigenes Badezimmer, also scheint ihre Familie nicht zu den Verlierern in der britischen Gesellschaft zu gehören. Wobei es ja auch wieder dieses Gemeinschaftsding ist, was für junge Leute attraktiv ist: Es gibt da eine Gruppe, zu der du gehören kannst und die sich um dich kümmert. Die dich und deine Wünsche und Sorgen versteht. Die immer für dich da ist, wenn du nur bereit bist, dein bisheriges Leben hinter dir zu lassen. So funktioniert jede Sekte.

Und ich will hier den Gedanken der Gemeinschaft, des Kollektivs, gar nicht schlecht machen. Im Gegenteil finde ich die Idee total gut, dass man vieles gemeinsam tun und nutzen kann. Das spart Ressourcen, macht Spaß und ist auch sonst in vielerlei Hinsicht sinnvoll: Warum nicht ein Haus, ein Auto, eine Waschmaschine, einen Rasenmäher und so weiter mit anderen teilen? Andererseits brauche ich definitiv meine Privatsphäre: Mein Bett, mein Computer und überhaupt meine persönlichen Dinge, von denen nur ich sagen kann, was ich brauche und was nicht. Die sollen dann auch wirklich privat sein, also nur für mich. Und lasst mich mit Gott in Ruhe. Schon die Tatsache, dass es wahnsinnig viele Götter gibt, von denen einige behaupten, dass sie der einzige seien, sollte einen stutzig machen.

Vermutlich ist das einer der Gründe für die Überzeugungskraft des Islam: Er ist einfach. Es gibt keinen Gott außer Allah und Mohammed ist sein Prophet. Das christliche Glaubensbekenntnis ist sehr viel länger und, ganz wichtig: es beginnt mit „ich glaube…“. Glaube wiederum beinhaltet Zweifel. Aber mit so etwas hält sich ein überzeugter Moslem nicht auf: Es ist einfach so. Das macht unsere komplizierte Welt sehr viel übersichtlicher. Wobei das auch nicht immer angenehm ist, wie Shakira, Ushna, Jalal und Ziyad bald feststellen müssen. Dabei werden sie alle erst einmal mit offenen Armen willkommen geheißen, in der Gemeinschaft des Daesh. Die Frauen von ihren Schwestern, die Männer von ihren Brüdern: Was immer ihr braucht, wir besorgen es für euch.

Allerdings stellt sich bald heraus, dass die Entscheidung darüber, was wer jeweils braucht, von reichlich engstirnigen Fanatiker*innen getroffen wird. Und zu allererst braucht es Gehorsam und Disziplin. Die Männer werden in einer Art Crashkurs auf ihren Einsatz als Märtyrer vorbereitet, die Frauen werden auf ihre künftige Rolle als Ehefrau und Mutter eingeschworen, die verdienten Kämpfern ihr irdisches Leben so angenehm wie möglich machen und natürlich möglichst viele Kinder gebären sollen.

Ushna kann sich damit abfinden, offenbar wurde sie in ihrem konservativen Elternhaus ohnehin auf eine solche Rolle vorbereitet. Nur dass sich ihre Eltern sicherlich eine Zukunft mit einer guten Partie im sicheren Großbritannien für sie vorgestellt haben. Aber Ushna wollte wohl lieber etwas Spannenderes erleben, und sei es ein wildfremder Ehemann, den nicht ihre Eltern, sondern ihre neue Gemeinschaft für sie auswählt. Sie hat auf ihrem Smartphone eine App, mit der sie die Anweisungen ihres neuen Ehemanns übersetzen kann. Der Mann mag sie und ist freundlich zu ihr, er besorgt sogar eine Sklavin, die sich um Ushna und den Haushalt kümmert. Denn das britische Essen, das Ushna kocht, schmeckt ihm nicht.

Shakira hingegen, die es in London als alleinerziehende Mutter geschafft hat, Ärztin zu werden, kann nich fassen, dass ihre Qualifikation jetzt nur noch darin bestehen soll, einen Mann glücklich zu machen. Und dann hat sie auch noch das Pech, dass der Kommandant, der für das örtliche Krankenhaus zuständig ist, Gefallen an ihr findet. Es ist ja nicht so, dass ihrer Kenntnisse und Fähigkeiten nicht gebraucht würden. Aber sie ist halt eine Frau. Und für jeden Schritt, den sie in der Öffentlichkeit tut, braucht sie die Erlaubnis eines Mannes. Shakira muss sich allerhand einfallen lassen, um gegen den Willen des örtlichen Befehlshabers doch zu praktizieren und das geht nicht lange gut. Aus Verzweiflung schlägt sie einem Leidensgenossen aus dem Krankenhaus einen Deal vor: Der Arzt soll sie heiraten, und ihr dann erlauben, als Ärztin zu arbeiten. Doch leider weiß nicht nur Shakira, dass Dr. Rabia schwul ist. Kurz nach der Hochzeit wird er für ein Selbstmordkommando rekrutiert.

The State: Jalal (Sam Otto) und Ziyad (Ryan McKen)

The State: Jalal (Sam Otto) und Ziyad (Ryan McKen)

Für Jalal und Ziyad läuft es anfangs besser, sie sind schließlich Männer. Und als solche werden sie bald in die Gemeinschaft der potenziellen Märtyrer aufgenommen, mit entsprechenden Vergünstigungen. Aber auch sie stellen bald fest, dass im IS nicht islamische Vernunft und Weitsicht regieren, sondern Misstrauen und Willkür. Insbesondere der sensible Jalal leidet. Er freundet sich mit einem Apotheker an, der später verdächtigt wird, ein CIA-Spion zu sein. Und er erfährt die Wahrheit über seinen Bruder, der offenbar nicht der Held war, den Jalal in ihm sehen wollte. Jalal versucht immerhin noch, im Rahmen seiner Möglichkeiten Gutes zu tun, so kauft er eine jesidische Sklavin mitsamt ihrer kleinen Tochter, um sie vor weiterem Missbrauch durch seine neuen Brüder zu retten. Aber genau das macht ihn selbst verdächtig – der Terrorstaat wendet sich am Ende gegen ihn.

Alles in allem ist The State also nicht die ideale Serie für einen angenehmen Abend. Aber sie ist eine interessante und wichtige Ergänzung zu den ganzen Medienberichten über den IS und dessen Sympathisanten: Letztlich sind das auch nur Menschen. Dabei wird keineswegs um Verständnis für den IS und seine Unterstützer geworben, im Gegenteil: Die Leute da haben definitiv alle einen Knall. Aber wird eben gezeigt, mit welchen Mitteln naive junge Menschen, die in den Gesellschaften, in denen sie aufgewachsen sind, aus welchen Gründen auch immer keinen Platz für sich gefunden haben, angeworben und vereinnahmt werden. Und dann auch gegen ihren Willen gezwungen werden, Dinge zu tun, die sie von sich aus niemals getan hätten. Deren Wut und Frust vom IS gezielt ausgenutzt und eingesetzt wird. Und die einem am Ende dann doch irgendwie leid tun können, wenn sie allmählich kapieren, was für eine brutale, menschenverachtende Bande in ihrem neuen Staat das Sagen hat. Der IS lässt keinen davon kommen – und selbst für diejenigen, denen eine Flucht gelingt, ist das Leben danach nie wieder wie zuvor.