Aus der Spur: Grandiose Achterbahnfahrt

Aus der Spur (Derapages) ist eine Hammerserie aus Frankreich, die für Arte produziert wurde. Der Sechsteiler gleicht einer Achterbahnfahrt, auf die sich der seit Jahren arbeitslose Protagonist Alain Delambre begibt, um endlich wieder einen richtigen Job zu bekommen. Für diese Chance setzt Alain buchstäblich alles aufs Spiel, was ihm noch geblieben ist: Die Liebe seiner Frau Nicole, die beinahe abbezahlte Wohnung in einer Pariser Vorstadt, das Glück seiner Töchter. Die Rolle des verzweifelten Familienvaters, der einen enormen Kampfgeist entwickelt, nachdem er sich aus nachvollziehbaren Gründen auf die falsche Spur begeben hat, spielt kein Geringerer als Éric Cantona. Der ehemalige Fußballprofi aus Marseille war mit Olympique Marseille mehrfach französischer Meister und später mit Leeds United und Manchester United erfolgreich. Als Alain Delambre entwickelt er eine ungeheure Wucht, der man sich beim Zusehen kaum entziehen kann.

Aus der Spur: Alain Delombre (Éric Cantona) Bild: arte.tv

Aus der Spur: Alain Delombre (Éric Cantona) Bild: arte.tv

Alain war lange Jahre Personalchef bei einer mittelständischen Firma. Irgendwann fiel er immer neuen Sparplänen und dem Jugendwahn zum Opfer. Mit über Fünfzig muss er sich nun mit miesen Gelegenheitsjobs durchschlagen. Der soziale Abstieg macht ihn, den einst erfolgreichen Macher, fertig. Es kränkt ihn, dass seine mittlerweile erwachsenen Töchter den Wein und den Nachtisch mitbringen, wenn sie zum Familienessen kommen. Weil Alain daran sieht, dass sie wissen, dass Papa nicht mehr alles bezahlen kann.

Ähnlich wie in Alain sieht es auch in seinem Appartement aus: Obwohl es großzügig geschnitten ist und eine tolle Aussicht hat, ist nicht zu übersehen, dass es, wie seine Bewohner, schon bessere Zeiten erlebt hat. Die Wände könnten einen neuen Anstrich vertragen, fehlende Fliesen werden nicht ersetzt, von den Ecken her breitet sich Schimmel aus.

Ganz im Gegensatz zum ebenfalls durchaus nostalgischem Hochglanz der Konzernzentrale des Luftfahrtunternehmens Exxya, in dem der vergleichsweise junge und arrogante Konzernchef Alexander Dorfmann (Alex Lutz) neue Optimierungsmaßnahmen beschließt. Als Fan von Retro Chic kommt man bei dieser Serie jedenfalls voll auf seine Kosten: Nicht nur die Wohnung von Alain und die Konzernzentrale von Exxya, sondern auch das Gerichtsgebäude, in dem später sein Prozess stattfindet und der Knast, in dem Alain schließlich landet, sind echte Leckerbissen in Sachen Design. Da haben nicht nur die Skandinavier, sondern auch die Franzosen einiges zu bieten.

Aus der Spur: Exxya-Vorstand Alexandre Dorfmann (Alex Lutz) Bild: arte.tv

Aus der Spur: Exxya-Vorstand Alexandre Dorfmann (Alex Lutz) Bild: arte.tv

Doch zurück zur Geschichte: Ein großes Werk des Exxya-Konzerns soll geschlossen werden, heftige Proteste und Arbeitskämpfe sind zu erwarten. Aus vier Kandidaten soll die geeignetste Führungskraft für diese Aufgabe gefunden werden. Ein windiger Unternehmensberater empfiehlt ein Rollenspiel, konkret eine Geiselnahme, um herauszufinden, welcher Kandidat am besten mit Stress zurecht kommt und vor allem, wer bereit ist, das Interesse der Firma über das eigene Leben zu stellen. Gleichzeitig soll auch ein neuer Personalchef gefunden werden, der muss nämlich aus dem Hintergrund diese ganze Geiselsituation mit klugen Fragen im Interesse des Konzerns managen.

Als Alain von dieser Möglichkeit hört, setzt er alles daran, auf die Bewerberliste als Personalchef zu bekommen. Und wie es so seine Art ist, bereitet er sich gründlich vor, er recherchiert Geiselnahmen, heuert einen Experten an, der mit ihm entsprechende Situationen trainiert – inklusive Umgang mit Schusswaffen. Und er findet heraus, wo die Schwachstellen der vier Bewerber sind, die er beurteilen soll. Allerdings kann er sich diese Investition eigentlich nicht leisten, so dass er sein Privatleben bei dem verzweifelten Versuch, es zu retten, komplett an die Wand fährt. Kein Wunder, dass auch die Geiselnahme komplett aus dem Ruder läuft.

Aus der Spur: Alain trainiert den Ernstfall. Bild: arte.tv

Aus der Spur: Alain trainiert den Ernstfall. Bild: arte.tv

 

So folgt Ausnahmezustand auf Ausnahmezustand, Alain geht auf volles Risiko, er hat ja nichts mehr zu verlieren. Und er erweist sich tatsächlich als cleverer Stratege mit erstaunlicher Menschenkenntnis, der sich auch noch damit rechtfertigt kann, Opfer der widrigen gesellschaftlichen Umstände zu sein, während sein Gegner, der zynische Großkonzern mit den fiesen Methoden, nicht auf Sympathie stößt. Aber geht sein riskanter Plan tatsächlich auf oder verliert er am Ende doch alles? Das ist bis zum bitteren Ende keineswegs klar. Und überhaupt das Ende. Grandiose Serie, unbedingt sehenswert.

Fatale Rückkehr: Homecoming

Von Homecoming ist inzwischen eine zweite Staffel verfügbar, die auf den ersten Blick ganz anders zu sein scheint als die erste. Bei der ersten Sequenz stand die Psychologin Heidi Bergmann (Julia Roberts) im Mittelpunkt, die in einer Einrichtung für heimkehrende US-Soldaten tätig war. Als die Handlung einsetzt, ist sie allerdings Kellnerin und kann sich nicht an ihre Arbeit im Homecoming-Programm erinnern. Der vom US-Verteidigungsministerium abgestellte Beamte (Shea Whigham als Thomas Carrasco), der einer Beschwerde des ehemaligen Soldaten Walter Cruz (Stephan James) über seine Behandlung in diesem Programm nachgeht, findet diesen Umstand extrem merkwürdig. Also fängt er an, umfassende Nachforschungen anzustellen und deckt nach und nach auf, dass bei Homecoming einiges nicht mit rechten Dingen zugegangen sein kann.

Serienposter Homecoming: Julia Roberts als Heidi Bergmann. Bild: Amazon.com

Serienposter Homecoming: Julia Roberts als Heidi Bergmann. Bild: Amazon.com

Die Serie beruht auf einem gleichnamigen Podcast von Eli Horowitz and Micah Bloomberg, die Regie bei der ersten Staffel führte Sam Esmail. Die Erzählweise gleicht einem Puzzle, die Zuschauer müssen sich die Handlung nach und nach erschließen, genau wie die Protagonisten. Da sind die Soldaten, die das Gefühl haben, das irgendetwas nicht stimmt, aber sich aber keinen Reim darauf machen können, was man mit ihnen während der Teilnahme am Homecoming-Programm tatsächlich angestellt hat. Da ist Heidi, die sich an entscheidende Dinge in ihrer Vergangenheit einfach nicht erinnern kann. Und natürlich Carrasco, der herausfindet, dass der ehemalige Vorgesetzte von Heidi, Colin Belfast (Bobby Cannavale), ihm offensichtlich wichtige Details verheimlichen will. Der stoische Beamte, der trotz zahlreicher Widerstände an seinen Recherchen festhält und sich hartnäckig durch die Archive arbeitet, gefiel mir im ersten Teil besonders, eine Erwähnung verdient aus Sissy Spacek als Heidis Mutter Ellen Bergmann.

Dazu kommt die eigenwillige Inszenierung durch Sam Esmail mit langen Kamerafahrten, ungewohnten Perspektiven und Bildausschnitten sowie skurrilen Details, die Fans schon aus Mr. Robot kennen. Ich muss zugeben, dass ich eine Weile gebraucht habe, um mit Homecoming warm zu werden, ich fand die Geschichte am Anfang zu verworren und habe eigentlich nur weiter gescheut, weil ich sie optisch so interessant fand. Aber je mehr Puzzleteile man zusammensetzen kann, desto besser wird die Geschichte.

Homecoming 2. Staffel: Janelle Monáe als Jackie/Alex Bild: Amazon.com

Homecoming 2. Staffel: Janelle Monáe als Jackie/Alex Bild: Amazon.com

Die zweite Staffel mit Janelle Monáe in der Hauptrolle gefiel mir ebenfalls sehr gut; hier ist die Geschichte alles in allem übersichtlicher, auch wenn sie auf den ersten Blick ähnlich rätselhaft erscheint wie die der ersten Staffel. Aber inzwischen wissen wir ja, was es mit der nun gar nicht mehr so geheimnisvollen Firma Geist auf sich hat. Außerdem hat die neue Staffel statt zehn nur sieben Teile, was eine weniger mäandernde Erzählweise zur Folge hat. Die Regie führte statt Sam Esmail Kyle Patrick Alvarez.

Auch hier haben wir es mit einem rätselhaften Gedächtnisverlust zu tun, Alex bzw. Jackie (Janelle Monáe) wacht ziemlich angeschlagen in einem Boot auf, das sich mitten auf einem See befindet. Vor Schreck lässt sie ihr Handy los, das auf Nimmerwiedersehen im Wasser versinkt. Nachdem sie sich mühsam ans Ufer gerettet hat, findet sie einen Autoschlüssel, allerdings nicht das dazu gehörende Auto. Sie wird von einer hilfsbereiten Polizistin aufgegriffen, die die offensichtlich verwirrte und orientierungslose Frau ins nächste Krankenhaus bringt. Als Jackie begreift, dass sie vom behandelten Arzt als Junkie eingestuft und vermutlich im Knast landen wird, haut sie ab. Danach beginnt sie anhand der wenigen Anhaltspunkte, die sie ausfindig machen kann, zu rekonstruieren, wer sie ist und was vorgefallen sein muss. Dabei begegnen wir Walter Cruz wieder, dem Veteran aus der ersten Staffel.

Obwohl die neue Staffel erzählerisch und optisch nicht ganz an die erste herankommt, wird doch wieder eine spannende Mystery-Geschichte erzählt, in der es um die Frage geht, wie weit man mit der Zwangsbeglückung von traumatisierten Menschen gehen darf. Oder eben nicht. Natürlich ist das US-Verteidigungsministerium da ganz anderer Auffassung als der Entwickler der gar nicht so glücklich machenden Droge, die Menschen schlimme Erlebnisse (und leider auch vieles andere) einfach vergessen lässt. Lohnt sich auf jeden Fall.

Parasite: Auch wir brauchen Desinfektion

Unter den Filmen, die bei den Academy Awards als Bester Film ausgezeichnet werden, sind ab und zu welche, die tatsächlich richtig gut sind. Einige sind nachvollziehbar wichtig, manche ganz okay, andere, nun ja.

In diesem Jahr gewann der südkoreanische Film Parasite von Bong Joon-ho die begehrte Trophäe. Und der Film ist wirklich großartig. Nicht, weil er auch schon die Goldene Palme in Cannes und einen Golden Globe bekommen hat. Sondern, weil er das westliche (ja, genau das gilt auch und offenbar besonders für Südkorea) Lebens-, Arbeits- und Konsummodell gnadenlos, aber durchaus humorvoll vorführt.

Parasite : Chang Hyae Jin, Park So-Dam, Song Kang-Ho, Woo-sik Choi

Parasite: Familie Kim (Chang Hyae Jin, Park So-Dam, Song Kang-Ho, Woo-sik Choi) Copyright The Jokers / Les Bookmakers (via filmstarts.de)

Erstaunlich eigentlich, dass so etwas in Hollywood inzwischen dermaßen ankommt. Aber es ist ja eben kein US-amerikanischer Film, der dieser Gesellschaft den Spiegel vorhält, sondern ein asiatischer. Auch wenn es in den USA gewiss eine Menge Familien gibt, die sich in ähnlich ärmlichen Verhältnissen durchschlagen müssen, wie die Familie Kim. Und künftig werden es noch sehr viel mehr sein. Aber das konnte Anfang Februar noch kaum einer wissen.

Vater Kim Ki-taek, Mutter Chung-Sook (eine früher erfolgreiche Hammerwerferin), Tochter Ki-jung und Sohn Ki-woo leben in einer Kellerwohnung ohne WLAN-Empfang, die sie mit zahlreichen Kakerlaken teilen. Sie schlagen sich mehr schlecht als recht mit Gelegenheitsjobs durch, etwa mit dem Zusammenfalten von Pizzakartons. Ein Schulfreund von Ki-woo verschafft ihm eine Stelle als Englisch-Nachhilfelehrer für die Tochter der reichen Familie Park. Außerdem schenkt er ihm einen kiloschweren Glücksstein von seinem Großvater. Ki-woo ist überzeugt, dass sich damit alles zum Besseren wendet. Die als Fälscherin begabte Schwester Ki-jung bastelt ihrem Bruder schnell noch per Photoshop die erforderlichen Dokumente für den neuen Job, dann steht dem Aufstieg der Familie Kim nichts mehr im Weg. Abgesehen von der Haushälterin der Parks, die das Anwesen der Oberschichtfamilie besser kennt, als die Familie selbst und auch potenzielle Eindringlinge erkennt, bevor die Parks kapieren, was Sache ist. Aber auch für dieses Problem finden die kreativen Kims eine Lösung.

Parasite : Ki-jung (Park So-Dam) und Ki-woo (Woo-sik Choi) Copyright The Jokers / Les Bookmakers (via filmstarts.de)

Parasite: Empfang nur auf dem Klo. Ki-jung (Park So-Dam) und Ki-woo (Woo-sik Choi) Copyright The Jokers / Les Bookmakers (via filmstarts.de)

Nach und nach sickert die Familie Kim in den Haushalt der Parks sein. Erst verschafft Ki-woo seiner Schwester einen Job als Kunsttherapeutin für den kleinen Bruder seiner Nachhilfeschülerin Da-hye, in die er sich sofort verliebt hat. Da-song ist ein kleiner, verwöhnter Racker, der zur Begeisterung seiner Eltern gern malt. Die abgebrühte Ki-jung, eingeführt als vielbeschäftigte „Frau Jessica als Illinois“, kann die etwas naive Mutter von sich überzeugen und Da-song bändigen. Nebenbei sorgt sie dafür, dass der Fahrer der Parks entlassen wird, damit Vater Kim seinen Job übernehmen kann. Schließlich schafft auch noch Chung-sook, zur Haushälterin der Parks aufzusteigen, was allerdings ungeahnte Konsequenzen nach sich zieht.

Gerade als die Kims damit beginnen, es sich im Reichtum ihrer Arbeitgeber so richtig gemütlich zu machen, schlägt die Handlung um. Genau das macht die Sache interessant: Die Kellerbewohner steigen auf, bekommen eine Ahnung vom Glück und Glanz der Oberschicht, und müssen lernen, dass es unter ihrem Keller noch einen Keller der anderen gibt.

Parasite : Cho Yeo-jeong, Park So-Dam, Sun-kyun Lee Copyright Koch Films (via filmstarts.de)

Parasite: Die schöne Welt der Reichen. (Cho Yeo-jeong, Park So-Dam, Sun-kyun Lee) Copyright Koch Films (via filmstarts.de)

Gleichzeitig nimmt Parasite auch die eigenartigen Probleme der Reichen aufs Korn, die völlig ausgelastet, ach was, überfordert damit sind, die Launen ihrer verwöhnten Kinder zu bedienen und nebenbei noch ein gehobenes soziales Leben zu organisieren. Luxusprobleme sind eben auch Probleme. Aber dann gibt es eben auch noch die anderen Widrigkeiten, die echten Probleme. Von denen die Kims mehr als genug haben, aber eben nicht nur sie: Denn so mitleidlos sie die lästige Konkurrenz im Wettbewerb um die besseren Jobs abservieren, so hart und zäh kämpfen die anderen Underdogs ebenfalls ums Überleben.

Natürlich kann das alles nicht gut ausgehen, und trotzdem ist der Film gemessen an diesem ernsten, überaus wichtigen, Thema eigentlich viel zu lustig. Etwa wenn in der Stadt die Straßen desinfiziert werden. Die Familie will hektisch die Fenster schließen, die genau auf Höhe der Bordsteine liegen. Nur Vater Kim bleibt gelassen, und meint, die Fenster sollen offen bleiben: „Wir brauchen hier unten auch Desinfektion!“ Womit er definitiv recht hat. Also falten alle hustend und benebelt weiter an ihren Pizzakartons. Man muss lachen, obwohl man weiß, dass das nicht lustig ist. Aber genau dieser perfide Humor macht den Film so gut.

Parasite: Song Kang-Ho Copyright The Jokers / Les Bookmakers (via filmstarts.de)

Parasite: Die Familie im Keller. (Song Kang-Ho) Copyright The Jokers / Les Bookmakers (via filmstarts.de)

Pandemie: Der nächste Ausbruch kommt bestimmt

Derzeit kann man der Covid-19-Pandemie kaum entgehen, auch wenn seit Anfang dieser Woche wieder ein bisschen Normalität eingekehrt ist: Viele kleine Läden haben wieder auf, die Straßen sind nicht mehr so leer, dass man befürchtet, die längst überfällige Zombie-Apokalypse verschlafen zu haben. Das Leben fühlt zwar noch nicht wieder normal an, wie sollte es auch, denn wir stecken alle noch mittendrin in der Pandemie.  Aber die Schockstarre lässt langsam nach. Was gar nicht gut ist, denn besiegt ist das Virus noch lange nicht.

Ehrlich gesagt, habe ich den Lockdown genossen: Man braucht erstaunlich vieles nicht. Man muss nicht die ganze Zeit arbeiten und einkaufen. Stattdessen kann man einfach auf dem Balkon in der Sonne sitzen und lesen. Oder den ganzen Tag fernsehen. Oder beides abwechselnd, zwischendurch was Leckeres zu essen kochen, aufräumen, umräumen, die Wohnung optimieren, so lange man noch allein raus darf, um eine Runde mit dem Fahrrad zu drehen… ich könnte das noch monate-, ach was, jahrelang durchhalten. Gern bis zur Rente.

Damit sind wir beim eigentlichen Problem: blöd, dass man zum Leben weiterhin Geld braucht. Und ich sehe ein, dass der aktuelle Zustand für Menschen mit Kindern, die nicht in die Kita oder in die Schule können, alles andere als ideal ist. Bin ich froh, dass meine Kinder inzwischen erwachsen sind und sich selbst um ihren Scheiß kümmern müssen. Und dann die bedauernswerten Leute in den sogenannten systemrelevanten Berufen, die richtig ran müssen, und das oft für wirklich wenig Geld. Das wird in den Medien derzeit durchaus gewürdigt. Wobei ich eine grundsätzliche Diskussion, was warum systemrelevant ist und was nicht, viel dringender fände, als den ganzen wohlfeilen Beifall, von dem sich die Kassiererin in Supermarkt, die Altenpflegerin oder die Erzieherin in der Notbetreuung auch nichts kaufen können. Währenddessen schütten Konzerne, die nach Staatshilfen rufen, noch Dividenden aus und zahlen absurde Managergehälter, Boni und Abfindungen. So viel zur Systemrelevanz.

pandemie serienposter netflix

pandemie Serienposter netflix.com

Ich möchte an dieser Stelle keine umfassende Medienkritik über die Berichterstattung zur Coronakrise abgeben. Ich fühle mich alles in allem umfassend zur Sache informiert. Ich finde nicht, dass zu viel über die Coronakrise berichtet wird, wem es zu viel wird, der kann man ja einfach abschalten. Ich bin durchaus ein Corona–Berichterstattungsjunkie, ein bis zwei Sondersendungen pro Tag ziehe ich mir noch immer rein, dazu den Drosten-Podcast, natürlich auch den einen oder anderen Artikel aus dem Internet, wo es eine breite Palette kritischer und alternativer Berichterstattung rund um die Covid-19-Pandemie gibt, da weiß man kaum, ob Aluhut oder Stahlhelm besser schützt. Vermutlich doch die anfangs sträflich unterschätzte Gesichtsmaske.

Allerdings gäbe es durchaus andere Themen, über die mal wieder berichtet werden könnte, den Klimawandel beispielsweise, der ebenfalls in vollem Gange ist und unser Leben mittel- und langfristig noch vehementer beeinträchtigen wird, als das Covid-19-Virus es nun vergleichsweise kurzfristig geschafft hat. Was mir definitiv zu kurz kommt, ist eine ernsthafte gesellschaftliche Diskussion über echte Alternativen zum Satus quo.

Es ist auch in unseren Breiten nicht länger zu übersehen, dass die neoliberal globalisierte Weltwirtschaft sehr schädlich für die allermeisten Menschen ist, und dazu noch extrem störanfällig. Also sollte man die Zeit nicht länger mit blödsinnigen Diskussionen verschwenden, etwa mit wie vielen Millionen (oder gar Milliarden?) Euro die Ressourcen verschlingende Autoindustrie dieses Mal gepampert wird, sondern wie man es hinkriegt, dass die Leute sich einigermaßen komfortabel von A nach B bewegen können. Ja, ja, es geht doch um Arbeitsplätze, Schlüsselindustrie, Technologiestandort, blablabla. Vielleicht ist dieses Konzept inzwischen auch mal überholt. Viel wichtiger wäre, zu überlegen, wie man die Menschheit langfristig ernähren kann, wenn immer mehr Ackerland durch menschliche Unvernunft unbenutzbar wird.

Derzeit gehen ohnehin jede Menge Arbeitsplätze verloren, im Einzelhandel, in der Gastronomie, im Tourismus, in Kultur und Kunst. Statt diese ganzen Branchen gegeneinander auszuspielen und so zu tun, als sei die eine wichtiger als die andere, wäre es an der Zeit zu überlegen, wie man es organisiert, dass alles, was Menschen zum Leben brauchen, von der Nahrungsmittelerzeugung über die Müllabfuhr bis hin zu Sport, Spiel, Spaß und Kultur, als systemrelevant erkannt wird und deshalb allen zur Verfügung gestellt werden muss. Geld sollte dabei keine Rolle mehr spielen. Sondern nur noch, ob Menschen bereit sind, alles, was nötig ist, zu tun. Ich bin mir sicher, dass alles Notwendige und noch sehr viel mehr getan wird, wenn Menschen keine Zeit mehr mit ungeliebter Lohnarbeit verschwenden müssen.

Denkt einfach mal drüber nach.

Pandemie: Epidemiologin bei der Arbeit. Bild: Netflix

Pandemie: Epidemiologin bei der Arbeit. Bild: Netflix

Nun zu dem, was ich eigentlich schreiben wollte: Kurz bevor die Covid-19-Welle akut wurde, entdeckte ich auf Netflix die sechsteilige Dokuserie Pandemie. Sie stellt Menschen vor, deren Job es ist, den Ausbruch von Infektionskrankheiten weltweit zu verhindern bzw. einzudämmen. Denn, so heißt es in der Serie eindringlich: Die Frage sei nicht, ob ein Ausbruch kommt. Sondern lediglich, wann er kommt. Die Antwort kam bekanntlich schneller als erwartet.

Insofern erschien Pandemie erschreckend prophetisch – doch wenn man die zum Teil etwas reißerisch aufgemachten Informationen nüchtern verarbeitet, wird klar, dass die Weltbevölkerung bei den durchaus vorhandenen Pandemien der vergangenen Jahrzehnten immer wieder mit einem blauen Auge davon gekommen ist. Seit dem Wüten der so genannten Spanischen Grippe, die ihren Ursprung eigentlich in den USA hatte und durch US-Soldaten Ende des ersten Weltkriegs in die Welt getragen wurde, gab es keine vergleichbare Katastrophe mehr. A/H1N1 brachte zwischen 1918 und 1920 schätzungsweise 50 Millionen Menschen um. Soviel zu allen, die noch immer behaupten, das neue Coronavirus sei nicht schlimmer als eine „kleine Grippe.“

In Pandemie wird unter anderem die Ärztin Syra Madad vorgestellt, die in New York als Direktorin des Centers for Global Healthcare Special Pathogens Preparedness dafür zuständig ist, die New Yorker Krankenhäuser auf einen Ausbruch vorzubereiten.  Weitere Serienhelden sind ein Chefarzt in Rajasthan, ein Ebola-Spezialist der WHO, Forscher in Ägypten, Vietnam und dem Libanon und eine Ärztin, die auf dem flachen Land in den USA im einzigen Krankenhaus weit und breit so ziemlich alles zuständig ist. Auch eine Tierärztin wird begleitet, die Enten auf Influenzaviren untersucht, denn gerade Vögel tragen zur Ausbreitung dieser Erreger bei.

Ich hätte mir eine etwas systematischere Aufbereitung der vielen Informationen gewünscht, aber immerhin wird klar, wie komplex die Herausforderungen sind. Denn, wie die aktuelle Corona-Pandemie bestätigt, ist die Globalisierung ein Riesenproblem: Ein potenziell tödlicher Erreger wird heute binnen weniger Tage rund um den Erball verbreitet. Früher hat das Monate, manchmal Jahre, gedauert. Vom Zusammenbruch globaler Lieferketten, etwa mit Schutzausrüstung und Medikamenten, gar nicht zu reden. Und natürlich können mit dem beständigen Wachstum der Weltbevölkerung auch viel mehr Menschen sterben.

Dass immer mehr Menschen auf der Welt leben, führt noch zu weiteren Problemen, denn mehr Menschen brauchen mehr Nahrung, also gibt es viel mehr Nutzvieh. Mehr Tiere auf engem Raum wiederum erhöhen das Risiko, dass sich Erreger schneller verbreiten und mutieren. Dazu kommt das Problem der Antibiotikaresistenzen, die durch deren massenhaften Einsatz in der industriellen Tierhaltung verschärft werden. Okay, Antibiotika helfen ohnehin nicht gegen Viren, aber es gibt ja auch bakterielle Infektionen, an denen Menschen und Tiere sterben. Und dann gibt es außerdem noch immer mehr Erreger, die vom Tier auf den Mensch überspringen, weil es die Rückzugsorte für Wildtiere immer kleiner werden. Die Tiere unterschiedlicher Arten haben keine Möglichkeit mehr, sich gegenseitig aus dem Weg zu gehen und tragen immer mehr Erreger in sich, die sie schließlich an uns Menschen weiter geben.

Lehrreich könnte die Serie also auch für Anhänger von Verschwörungstheorien sein, denn sie zeigt, dass es überhaupt keine künstlich im Labor hergestellten Killerviren braucht, um eine anständige Pandemie zu produzieren. Solche Viren sind schon lange in der Welt. Sie wechseln ihre Wirte und mutieren vor sich hin, bis es wieder eine Variante gibt, für die Menschen besonders empfänglich sind. Und weil Menschen gern alles mögliche ausprobieren, um die Welt reisen und soziale Wesen sind, verteilen sie diese Erreger ausgerechnet in ihrem engsten Umfeld. Der Rest ist bekannt.

Pandemie ist die passende Serie dieser Zeit. Und so frustrierend es sein mag, da Covid-19 uns noch eine Weile beschäftigen wird: Die nächste Pandemie kommt bestimmt. Wir wissen nur noch nicht, wann. Wie schön wäre es, wenn man das Leben auf dieser Erde bis dahin so organisiert hätte, dass die Mehrheit der Menschen dann nicht mehr ihr Leben aufs Spiel setzen müsste, um irgendwelche beschissenen Jobs für das Glück der anderen zu machen. Sondern wenn die Menschheit sich darauf konzentrieren könnte, ein möglichst angenehmes Überleben für alle zu erreichen und zu sichern.

Unorthodox: Wenn Gott zu viel verlangt

Die vierteilige deutsche Miniserie Unorthodox wird durchaus kontrovers diskutiert. Die Ansammlung schlimmster Klischees über (ultraorthodoxe!) Juden in der Serie zeichne ein Zerrbild des Judentums und befördere den in der Gesellschaft ohnehin vorhandenen Antisemistismus. Nun ja. Wer antisemitisch unterwegs ist, wird gewiss nicht auf diese Serie gewartet haben, um seinen irrationalen Rassenhass zu bestätigen. Mir hat die Serie über die junge Esther („Esty“) Shapiro so gut gefallen, dass ich sie mir wenig später noch ein zweites Mal angesehen habe, und ich finde den Vorwurf idiotisch. Klar, die ultraorthodoxe Gemeinschaft der Satmarer Chassiden, die sich im New Yorker Stadtteil Williamsburg angesiedelt haben, kommen nicht gut weg.

Serienposter Unorthodox mit Shira Haas als Esty. Bild: Netflix (via Serienjunkies.de)

Serienposter Unorthodox mit Shira Haas als Esty. Bild: Netflix (via Serienjunkies.de)

Aber ein aufgeklärter Mensch weiß, dass Orthodoxie keine Spezialität des Judentums ist. Orthodoxe Moslems, orthodoxe Hindus, orthodoxe Christen sind genauso durchgeknallt. Orthodoxe Leninisten oder Neoliberale übrigens auch. Sie alle wähnen sich im Besitz des einzig wahren Glaubens oder der wirklich wahren Wahrheit  (was angesichts der Fülle einziger Glaubensrichtungen und Wahrheiten schon absurd genug ist) und erwarten, dass ihre Gesetze unbedingt befolgt werden müssen und alles andere dahinter zurückzustehen hat. Das Individuum hat sein Glück gefälligst im Dienst an der großen, guten, gerechten Sache zu finden. Wer damit nicht klar kommt, wird mit Zuckerbrot und Peitsche „überzeugt“. Doch wenn das schief läuft, bleibt nur noch die Flucht.

Die New Yorker Jüdin Esty (Shira Haas) ist in einer durch religiöse Vorschriften sehr beengten Welt aufgewachsen, sie kennt nichts anderes. Sie wurde von ihrer Großmutter aufgezogen, die den Holocaust überlebt hat. Die Ehe ihrer Mutter Lea Mandelbaum, die aus England nach New York kam, scheiterte, die Mutter floh ausgerechnet nach Berlin. Damit ist sie für die Familie erledigt. Die Gemeinschaft beanspruchte das Kind und zog Esty im Glauben auf, dass ihre Mutter sie verlassen habe. Mit 17 wird Esty verheiratet, eine reguläre Ausbildung oder gar eine eigene Entscheidung über ihre künftige Lebensführung wird Frauen in dieser strengen Religionsgemeinschaft verwehrt, sie sollen Kinder gebären und aufziehen und ihre Männer umsorgen, damit diese sich dem Tagesgeschäft und dem Thorastudium widmen können.

Estys Glück über die Hochzeit mit Yanki Shapiro, dem Sohn einer angesehenen Diamantenhändlerfamilie, ist von kurzer Dauer, die unerfahrene Esty kommt mit den Bedürfnissen ihres ebenso unerfahrenen Gatten nicht klar. Die sexuellen Probleme der beiden führen zu einer harten Belastungsprobe, weil Esty nach einem Ehejahr noch immer nicht schwanger ist. Yanki denkt über eine Scheidung nach, da passiert es doch: Esty wird schwanger. Doch bevor Yanki davon erfährt, entschließt Esty sich zur Flucht. Ihre Mutter hat ihr anlässlich ihrer Hochzeit einen Umschlag mit Papieren zukommen lassen, mit denen Esty die deutsche Staatsbürgerschaft beantragen kann. Mit der Unterstützung ihrer welterfahrenen Klavierlehrerin, die Esty für erlassene Mietzahlungen entgegen aller chassidischen Regeln Unterricht erteilt hat, besorgt Esty die nötigen Dokumente, etwas Geld und ein Flugticket nach Berlin.

In Berlin kann sich Esty mit einer Mischung aus haarsträubender Naivität und knallhartem Überlebensinstinkt durchschlagen, weil sie auf eine Gruppe aufgeschlossener MusikstudentInnen aus aller Welt trifft. Ja, das ist schon eine Menge Multi-Kulti-Kitsch dabei, aber andererseits ist genau das eine der Qualitäten des Lebens in Berlin, deswegen wollen so viele junge Menschen in die deutsche Bundeshauptstadt. Während ihr Ehemann und sein windiger Cousin mit krimineller Vergangenheit in Berlin nach Esty suchen, um sie zurück zu holen, versucht Esty, sich eine Grundlage für eine unabhängige Existenz aufzubauen. Ihr ist klar, dass sie ohne Ausbildung und Beruf keine Chance auf ein selbstständiges Leben hat.

Estys Kampf um ihr eigenes, selbstbestimmtes Leben ist absolut sehenswert. Die Serie beruht auf einem Roman von Deborah Feldmann, die ihre eigenen Erlebnisse darin verarbeitete. Das Drehbuch stammt von Anna Winger und Alexa Karolinski, die Unorthodox auch produziert haben, Regie führte Maria Schrader. Hier ist also eine Menge Frauenpower am Start, was dringend nötig ist, denn noch immer dominiert auch im Serienbereich die männliche Sicht auf die Welt.

Um so wichtiger, dass sich das endlich ändert. Dass Berlin in dieser Serie ein bisschen besser und schöner wirkt, als es eigentlich ist: geschenkt. Wie wäre es mit einer Fortsetzung, in der die absurde Bürokratie und der nervenzehrende Alltag einer alleinerziehenden Mutter in Berlin thematisiert werden?

Wir sind keine Welle

Inzwischen gibt es neue deutsche Serien auf Netflix, aber ich muss leider feststellen, dass ich mit diesen Serien genau die Probleme habe, die ich prinzipiell mit deutschen Serien im „normalen“ deutschen Fernsehen habe. Das bedeutet, dass es offenbar doch nicht am übermäßig Proporz-orientierten öffentlich-rechtlichen Rundfunk liegt, der es immer möglichst allen recht machen will, und auch nicht an den immer auf die Quote schielenden Privatsendern, die mit reißerischen Projekten auf bestimmte Zielgruppen aus sind. Und es ist ja nicht so, dass es überhaupt keine guten deutschen Serien gibt, spontan fallen mir 4 Blocks und Das Institut ein, aber das ist sehr wenig, gemessen am sonstigen Output von leider nicht besonders guten Serien.

Das muss ich nun leider auch für Netflix konstatieren, Netflix haut eine Menge neuer Serien raus, leider sind viele davon ziemlich mittelmäßig, und das gilt leider auch für die Netflix-Neuheiten aus Deutschland. Klar kommt es auch bei Netflix am Ende darauf an, wie gut die Serien ankommen, sprich, wie viele Abrufe es gibt – und ein bisschen auch, wie die Kritiken ausfallen. Aber ich hätte schon erwartet, dass es auf dieser vom deutschen Fernsehen und vom deutschen Mainstream unabhängigen Plattform mehr künstlerische Experimente und weniger deutsch-typischen Serien-Holzhammer gibt.

Wir sind die Welle: Tristan (Ludwig Simon),Zazie (Michelle Barthel), Hagen (Daniel Friedl), Lea (Luise Befort) und Rahim (Mohamed Issa). Bild: Netflix

Wir sind die Welle: Tristan (Ludwig Simon),Zazie (Michelle Barthel), Hagen (Daniel Friedl), Lea (Luise Befort) und Rahim (Mohamed Issa). Bild: Netflix

Immerhin gibt es auch hier (sehr wenige) Ausnahmen, Dark und How To Sell Drugs Online (Fast) fand ich durchaus okay, HTSDOF ist sogar ziemlich witzig. Dark hingegen bietet für meinen Geschmack viel zu viel Mindfuck, aber offenbar kommt genau diese Art von metaphysischer Feinmechanik im Ausland gut an, gerade weil das so herrlich deutsch ist. Dogs of Berlin ist einfach Trash-TV, aber als solches schon wieder gut. Skylines ist so ähnlich, aber mit Musik statt Fußball und statt einem dunklen, bösen Berlin gibt es ein dunkles, böses Frankfurt. Hat mir alles in allem aber besser gefallen als Dogs of Berlin, weil nicht ganz so klischeehaft überzeichnet.

Nun also Wir sind die Welle, ein sehr deutscher Sechsteiler über eine Handvoll Außenseiter, die ihre Mitmenschen mit zunehmend spektakulären Aktionen zum Nachdenken bringen wollen. Mit dem Roman Die Welle von Morton Rhue hat die Serie eigentlich nicht mehr viel zu tun, hier geht es im Gegenteil eher darum, wie Jugendliche gegen gesellschaftliche Missstände, aber auch gegen ihre Fascho-Mitschüler, rebellieren. Für mich sieht Wir sind die Welle wie ein nicht so richtig gelungenes Remake des Films The East aus. In The East geht eine geheimbündlerisch organisierte Gruppe von Ökoterroristen gegen Pharmakonzerne vor, um deren Chefs für die von ihnen verursachten Gesundheits- und Ökoschäden zu bestrafen.

Ähnliches treibt auch den harten Kern der Welle um, vor allem Hagen (Daniel Friedl), der Sohn von Ökobauern, deren Betrieb durch einen der großen Arbeitgeber vor Ort ruiniert wurde, will ein Zeichen setzen. Hilfe bekommt der dickliche Außenseiter von anderen Außenseitern, etwa Rahim (Mohamed Issa), der als Ausländer gemobbt wird und dem Mauerblümchen Zazie (Michelle Barthel). Der ebenso angstfreie wie charismatische neue Mitschüler Tristan (Ludwig Simon) sammelt ganz gezielt die Loser um sich, die mit seiner Hilfe plötzlich über sich hinaus wachsen und zur Welle werden. Nur Lea (Louise Beford), die tennisspielende höhere Tochter fällt aus dem Rahmen, bei ihr ist es eher der Überdruss am Überfluss, der in ihr die Lust am Protest als Lifestyle weckt. Was ja auch keine neue Sache ist, von den Mitgliedern der RAF kamen ja auch viele aus dem Bildungsbürgertum und nicht aus der Arbeiterschicht. Wobei nein, linke Gewalt oder gar Linksextremismus wird hier keinesfalls verherrlicht. Dafür sind die jungen Leute bei der Welle viel zu unpolitisch. Höchstens Tristan, der Diplomatensohn, der arabisch spricht und offenbar viel gelesen hat, sympathisiert (ich würde eher sagen kokettiert) mit extremen Ideen aus dem linken Spektrum. Bei den anderen geht es um ihre persönliche Betroffenheit, auch bei Lea, die von ihrer Mutter ordentlich den Kopf gewaschen kriegt, als sie ihre Luxusklamotten aus einer Laune heraus spenden will.

Denn so sehr ich mich darüber gefreut habe, dass es jetzt quasi eine Serie zum FridaysForFuture-Feeling gibt, so enttäuscht war ich, dass die Serie eben keine „erfrischend politische Mainstream-Produktion“ ist, wie der Deutschlandfunk fand. Also Mainstream-Produktion schon, aber nicht erfrischend politisch. Und leider sind die Charaktere durchgehend wandelnde Klischees, von denen einige eine nicht weniger klischeehafte Entwicklung erfahren. Hier hätten mehr Tiefgang und weniger didaktisch gutgemeinter Holzhammer sicher viel bewirken können.

Was die Politik angeht und die persönlichen Konsequenzen, bleibt alles reiner Aktionismus. Während die Aktivisten in The East sich auch in ihrem Alltag in radikalem Verzicht üben, sie leben spartanisch auf einer verlassenen Farm, containern Lebensmittel und benutzen moderne Technik nur für ihre Aktionen, ändern die Jugendlichen in der neuen Serie auch, nachdem die Welle sie erfasst hat, keineswegs ihren Lebensstil. Ja, sie kritisieren Umweltverschmutzung, ja, ihre Aktionen werden radikaler, und es werden immer neue Grenzen überschritten, den Aspekt fand ich gut. Und ich gönne Hagen, Zazie und Rahim, dass sie dank ihrer Selbstermächtigung zumindest eine Weile mehr Spaß am Leben haben. Wobei das FFF ganz gut abbildet, so traurig das auch ist: Die Jugend sagt den Alten mal, wie frustrierend dieses ganze Scheißleben in dieser Scheißwelt ist, die andere für uns eingerichtet haben. Und der ganze Protest wird dann auch mal im Fernsehen gezeigt und gut is‘.

Denn um wirklich etwas zu ändern, braucht es eben mehr als verständlichen, aber wohlfeilen Protest. Selbst wenn der in einzelnen Aktionen auch mal total radikal wird. Denn es ist ja nicht so, dass die Leute nur unter einem Mangel an Information leiden. Jeder und jede, die es wissen will, weiß, dass Industrieabfälle die Umwelt vergiften, Plastikmüll das Leben erstickt, die Überproduktion von allem Ressourcen verschleudert, die eigentlich für das Überleben der Menschheit gebraucht würden, deutsche (und anderer Herstellerländer) Waffen in aller Welt nicht unbedingt Frieden schaffen, Rassisten Arschlöcher sind und Neonazis dumm. Dafür haben wir keine weitere Serie gebraucht.

Denn um eine Idee zu entwickeln, was nach dem Protest kommen könnte, bräuchte es wirklich mal erfrischend politische Diskussionen, in denen über den Tellerrand des Mainstreams hinaus geschaut wird. Mir ist klar, dass keine Serie der Welt das leisten kann. Aber ich würde mich sehr freuen, wenn es wenigstens mal versucht würde: Angenommen, wir hören auf euch, liebe jugendliche Protestierer, wie sähe denn eure Welt aus? Verzichtet ihr auf das neue Handy, fahrt ihr mit dem Rad, statt euch von Mama mit dem Auto abholen zu lassen, bringt ihr Papa veganen Lebensstil bei?

Okay, das könnte jetzt als Jugendbashing missverstanden werden. Ich meine es aber ernst: Ich bin durchaus der Meinung, dass man gegen so ziemlich alles, was in dieser Welt gerade stattfindet, ganz entschieden protestieren muss. Weil es so nicht weiter gehen kann. Und jetzt wünsche ich mir eine Serie, die eine Utopie entwickelt. Ist doch egal, ob realistisch oder nicht. In einem fiktionalem Medium sollte man doch noch träumen dürfen. Aber das ist vielleicht ein Symptom dieser Zeit: Es gibt keine Zukunft mehr. Und schon gar keine bessere.

Opfer Nummer Acht

Den schönen warmen Sommer über gab es genügend andere Dinge zu tun, als Serien zu sehen. Doch nachdem das Wetter nach dem letzten heißen Wochenende plötzlich wieder normal geworden ist, gab es einige kühle Abende, so dass ich mich tatsächlich nach einer neuen Serie umgesehen habe. Und ich fand La victima número 8, einen spanischen Achtteiler, den es auf Netflix zu sehen gibt. Ausschlaggebend für meine Wahl war unter anderem, dass die Serie in Bilbao spielt. Da wollte ich schon immer einmal hin. Die Handlung greift die Terroranschläge in Nizza, Berlin und Barcelona auf, bei denen islamistische Attentäter mit Lastwagen zahlreiche Menschen töteten und verletzten. 

In der Serie fährt ein angeblich islamistischer Attentäter mit einem Kleinbus in eine Menschenmenge vor einem bekannten Café in Bilbao. Acht Menschen sterben, darunter auch Gorka Azkárate, der Erbe des Großunternehmers José Maria Azkárate (Alfonso Torrègrosa). Der Täter ist angeblich Omar Jamal Salama (César Mateo), ältester Sohn einer in Bilbao hervorragend integrierten arabischen Familie. Ausgerechnet an dem Abend, an dem seine Freundin Edurne (Maria de Nati)  Omar ihren Eltern vorstellen wollte, kommt er nicht. Das Essen wird kalt, die Eltern ungeduldig, Edurne kann ihren Freund per Handy nicht erreichen. Dann die schreckliche Nachricht im Fernsehen: Es hat einen Anschlag gegeben. Und Omar soll der Täter sein.

La victima número 8 Bild: Telemadrid

La victima número 8 Bild: Telemadrid

Edurne, ein anständiges Mädchen aus gutem Haus, die als Krankenschwester in einer Klinik arbeitet, ist fest von der Unschuld ihres Freundes überzeugt. Genau wie Omars Mutter Adila Salama (Farah Amed). Sie werden beide hart auf die Probe gestellt.

Ja, ich weiß, ich spoilere zu viel. Aber in diesem Fall geht es nicht anders. Denn selbstverständlich handelt es sich bei der schrecklichen Tat nicht um einen weiteren Terroranschlag, sondern um einen gut getarnten Mord, an dessen Vertuschung ein wichtiger Teil der zuständigen Polizeieinheit beteiligt ist. Es geht also nicht um Terrorismus, sondern um Korruption.

Und um problematische Familienverhältnisse in höchsten Kreisen der Bilbao-Society: Der jüngere Sohn Gaizka Azkárate stand immer im Schatten seines großen Bruders Gorka. Aber Gaizka gefällt sich nicht in der Rolle des unfähigen zweiten Sohnes, er ist eifersüchtig auf so ziemlich alles, was der erfolgreiche Gorka hatte: Die Liebe des Vaters, die Achtung der Leute in der Firma und nicht zuletzt die schöne Almundena (Lisi Linder), Gorkas Frau. Gaizka nutzt die guten Verbindungen, die er als Sproß einer einfluss- und auch sonst sehr reichen Familie hat, um seinen Bruder aus dem Weg zu räumen. Gorka ist das Opfer Nr. 8 jenes Anschlags, den Gaizka hat inszenieren lassen.

Alles in allem also eine ziemlich kranke Geschichte, die leider gar nicht so weit hergeholt ist: Immer wieder in der Geschichte haben mächtige Leute zahlreiche Untertanen geopfert, um ihre Interessen durchzusetzen. Über die anderen sieben Opfer erfahren wir wenig bis gar nichts. Aber die Serie folgt dem eigentlichen Opfer Omar und seiner Familie. Und der ebenso eigensinnigen wie hochschwangeren Ermittlerin Koro Olaegi (Verónika Moral), die von Anfang an ahnt, dass an diesem Fall irgendetwas nicht stimmt, aber von interessierter Stelle immer wieder sabotiert wird. Denn das Kind, das sie erwartet, ist ausgerechnet von Gorka, mit dem sie eine Affäre hatte. Allerdings war die vorbei, als Koro beschloss, das Kind zu behalten. 

Ihr Gegenspieler im Polizeiapparat ist Gorostiza (Óscar Zafra), der den Anschlag mit seinen Leuten inszeniert hat. Gorostiza versucht, Olaegi kaltzustellen, was ihm zumindest teilweise immer wieder gelingt. Aber Olaegi ist beharrlich und schlau, sie erinnert mich mit ihrer todesverachtenden Sturheit an die legendäre Kommissarin Lund. Und dann gibt es noch den abgehalfterten Journalisten Juan Echevarría genannt  „Eche“ (Marcia Alvarez), der Edurne aus der Klinik kennt, wohin Eche regelmäßig zur Dialyse muss. Eche wittert eine gute Story, mit der er wieder groß heraus kommen kann und schafft es, Edurnes Vertrauen zu gewinnen: Er will ihr helfen, die Unschuld ihres Freundes zu beweisen. Eche weiß im Gegensatz zu Edurne, dass sie sich mit sehr mächtigen und einflussreichen Gegnern anlegen.

Währenddessen steht Omars Familie unter dem Verdacht, einen islamistischen Terroristen groß gezogen zu haben und wird mit dem entsprechendem Volkszorn überzogen. Nur die alte Dame Maria (Itziar Aizpuru), bei der Omars Mutter Adila als Altenpflegerin arbeitet, lässt sich davon nicht aus der Ruhe bringen. Sie schätzt Alida sehr und besteht gegen den Willen ihrer Kinder darauf, weiterhin von Adila betreut zu werden. Ihr tut auch Adilas kleinster Sohn leid, der nun von Mitschülern und vor allem deren Eltern ausgegrenzt und angefeindet wird. Ob und was die Familie überhaupt mit dem schrecklichen Anschlag zu tun haben könnte, spielt im Zeitalter der öffentlichen Social-Media-Pranger letztlich keine Rolle. 

Mir hat an der Serie gefallen, dass dieser Aspekt gezeigt wird. Auch wenn es in der Geschichte insgesamt einige größere Logiklöcher gibt und mir die Familieneifersüchteleien im Azkárate-Clan auf die Nerven gehen (ich mochte auch schon Dallas und den Denver-Clan nicht, weil ich dick aufgetragene Reiche-Familien-Geschichten blöd finde) fand ich La victima número 8, dann doch spannend und interessant genug, um bis zum Schluss dabei zu bleiben. 

Tiefer Süden: Queen of the South

Im Universum der Verbrecherserien dominieren männliche Protagonisten. Insbesondere, wenn es um das besonders schmutzige Geschäft des internationalen Drogenhandels geht. Dort kommen Frauen in der Regel nur als Endnutzerinnen oder als Ware vor, oder auch beides, denn Drogen- und Menschenhandel ist oft eng verzahnt und die Mädchen und Frauen, die als Prostituierte verkauft werden, wurden mit Drogen gefügig gemacht. Oder umgekehrt, weil sie die Drogen aus welchen Gründen auch immer brauchen, verkaufen sie sich selbst. Was oft nicht lange gut geht.

Insofern ist Queen of the South von USA Network eine Ausnahmeserie, denn sie handelt vom Aufstieg der mexikanischen Geldwechslerin Teresa Mendoza (Alice Braga) zu einer mächtigen Jefa im Testosteron gesteuerten Drogenbusiness. Obwohl die Serie insgesamt durchaus Schwächen hat und an Meisterwerke wie Breaking Bad (AMC, nicht USA Network) nicht herankommt, so verdient sie meines Erachtens mehr Aufmerksamkeit als ihr, zumindest hierzulande, zuteil wird. Queen of the South ist die US-Adaption der Telenovela La Reina del Sur, die der ebenfalls in den USA operierende Sender Telemundo für die spanischsprachige Community in den USA produziert hat. Der englischsprachige Partnersender der Neuauflage ist USA Network, der auch meine Lieblingsserie Mr. Robot produziert hat. Was erklären dürfte, wie ich auf Queen of The South gekommen bin. Nun ist gewiss nicht jede USA-Serie toll, aber Queen of the South hat was.

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Titelposter Queen of the South: Teresa Mendoza (Alice Braga) Bild: Netflix

Teresa ist ein typisches (also armes) Mädchen aus Sinaloa, einem mexikanischem Bundesstaat, der vor allem für das Sinaloa-Kartell bekannt ist. Teresa verliebt sich in einen Drogenkurier, der ihr eine zeitlang ein vergleichsweise angenehmes Leben ermöglicht. Als ihr Freund ermordet wird, wird ihr klar, wie tödlich dieses Geschäft ist. Sie selbst gerät in die Fänge des Kartells und soll als Frischfleisch verkauft werden, weshalb sie sich spontan als Muli meldet – lieber will sie in ihrem Körper Drogen schmuggeln, als sich serienmäßig vergewaltigen zu lassen.

Teresa ist zäh und kämpft, sie weiß, dass sie eigentlich keine Chance hat, aber sie greift nach jedem Strohhalm und siehe da, ab und zu ist Gott mit den Unverzagten. Gerade weil sie arm war, weiß sie, dass es besser ist, reich zu sein. Und dann hat sie auch noch die Nerven, jede noch so kleine Chance zu nutzen, um genau das zu erreichen, anstatt sich der erdrückenden Übermacht der offensichtlich so viel Mächtigeren zu beugen. Teresa ist cool, berechnend und wenn es sein muss, konsequent: Verräter müssen sterben. Gleichzeitig bekämpft sie aber die in ihren Augen sinnlose Grausamkeit und Brutalität der anderen, männlichen, Kartellchefs.

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Teresa (Alice Braga) mit ihrer Freundin Brenda (Justina Machado)

Sie versucht, ein alternatives Business-Modell zu etablieren: Ihr Stoff ist besonders rein, deshalb ist die Nachfrage danach hoch und die gesundheitlichen Auswirkungen kontrollierbar. Außerdem ist sie eine überaus faire Geschäftspartnerin, die immer hält, was sie verspricht. Und ihr ist es zuwider, abhängige Menschen auszunutzen. Obwohl, oder vielleicht gerade weil, sie unter harten Bedingungen lebt und aufgewachsen ist, will sie es besser machen. Das ist ihre Entscheidung. Sie will nicht so zynisch und brutal sein, wie die Menschen, denen sie ausgeliefert war und ist. Sie entscheidet sich, es anders zu machen. 

Ihre Haltung wird von Gegnern gern als Schwäche verstanden. Aber sie erreicht mit ihrer Art, dass ihre Leute wirklich loyal sind, weil sie gut finden, wie ihre Chefin die Dinge angeht. Während ihre fiesen Gegner immer mehr Angst und Schrecken verbreiten müssen, um ihre Macht zu sichern. Natürlich wird Teresa in ihrer brutalen Sphäre trotzdem noch oft genug gezwungen, Dinge zu tun, die sie nicht tun will, um zu überleben. Und immer wieder stellt sich heraus, dass sie eine Überlebenskünstlerin ist, was im Laufe der Serie dann doch sehr strapaziert wird. Andererseits ist das bei Breaking Bad nicht anders: Immer, wenn man sich fragt, wie denn bitte schön die Protagonisten aus dieser Situation herauskommen sollen, damit die Staffel weiter gehen kann, passiert entsprechend etwas Unerwartetes.

Oder eben doch nicht sooo dermaßen unerwartet, weil die Nummer kennen wir ja schon, muss halt irgendwie klappen, weil sonst wäre ja Schluss. Dabei ist Queen of the South mittlerweile in der verdienten vierten Staffel angekommen, in der Teresa versucht, in New Orleans Fuß zu fassen. Zuvor musste sie schon eine Menge unlösbar scheinender Herausforderungen meistern, sich aus der Abhängigkeit von allmächtigen Kartellchefs befreien, durchgeknallte Produzenten von ihrem Geschäftsmodell überzeugen, skrupellose Konkurrenten aus dem Weg räumen, innovative Transport- und Bezahlmechanismen für ihr eigenes Businessmodell zu etablieren und nicht zuletzt unter dem Radar von nationalen und internationalen Strafverfolgungsbehörden zu bleiben. Was oft bedeutet, entsprechende Menschen in entsprechenden Positionen von sich zu überzeugen, auf welche Art auch immer.

Und dann gibt es auch noch Familie, wie immer die definiert wird. Für Teresa spielen Loyalitäten eine größere Rolle als ein gemeinsamer Genpool, ihre Herkunftsfamilie spielt im Grunde keine Rolle, Teresa kommt quasi aus dem Nichts. Aber sie muss ständig mit den komplizierten mexikanischen Familien- und Machtverhältnissen umgehen, die für andere in ihrem Business so wichtig sind. Wobei, mafiöse Strukturen sind auch in anderen Gesellschaften zu finden, Teresa arbeitet sich überall daran ab, egal, wohin sie geht.

Queen of the South gibt es nicht nur bei Netflix, sondern auch bei Amazon, Google Play, maxdome, Videoload, iTunes und magenta-TV, die Erstausstrahlung in Deutschland fand im Sommer 2017 bei DMAX statt.

Dark: Zeit ist nur eine Illusion

Als die erste für Netflix produzierte deutsche Serie Dark Ende 2017 erschien, war ich ziemlich enttäuscht. Ich hatte so etwas wie Who Am I erwartet, jenem Hacker-Film von Baran bo Odar, der eine Art Vorläufer für die Ausnahmeserie Mr. Robot von Sam Esmail war. Oder eine vielschichtige Krimiserie wie The Killing. Aber Dark war etwas ganz anderes. Eine sehr deutsche Serie, die in der zwar fiktiven, aber eben auch sehr deutschen Kleinstadt Winden spielt. Und noch schlimmer: Dark war weder eine Krimi-, noch eine Hackerserie, sondern ein Mysterydrama. Und Mystery ist einfach nicht mein Ding. 

Ich habe mir Dark dann aber trotzdem angesehen, weil es schon gut gemacht ist, es gibt stimmungsvolle Bilder von deutschen Waldlandschaften, ein imposantes Kernkraftwerk und auch mit der sonstigen Ausstattung haben sich die Serienmacher große Mühe geben. Und irgendwie ist es auch eine Familienserie, es geht um das Schicksal von vier Familien, die in Winden leben: Die Dopplers, die Nielsens, die Kahnwalds und die Tiedemanns. Sie alle haben ihre Geheimnisse und pflegen die üblichen Lebenslügen. Die Handlung setzt am 21. Juni 2019 mit dem Selbstmord von Michael Kahnwald (Sebastian Rudolph) ein, der einen Brief hinterlässt, der nicht vor den 4. November um 22:13 geöffnet werden soll. Und es verschwinden Kinder. Im Jahr 2019 ist es Erik Obendorf, der vermisst wird.

Poster Netflix-Serie Dark

Poster Netflix-Serie Dark Bild: Netflix

Charlotte Doppler (Karoline Eichhorn) und Ulrich Nielsen (Oliver Masucci) von der örtlichen Polizeieinheit nehmen die Ermittlungen auf. Ulrich Nielsen ist Mikkels Vater, dem kleinen Bruder von Magnus und Martha, der als nächstes verschwindet. Mikkel war mit einer Gruppe Jugendlicher aus dem Ort unterwegs, die nach dem Drogenversteck gesucht hat, das Erik angeblich angelegt hat. Sie suchen in den Windener Höhlen, die eine zentrale Rolle in der Serie spielen.

Das weit verzweigte Höhlensystem birgt allerlei Geheimnisse und soll sogar bis unter das Gelände des Kernkraftwerks reichen, das für den ansonsten unspektakulären Ort der wichtigste Wirtschaftsfaktor ist. Nun ja, geologisch wirft das durchaus Fragen auf, aber Kernkraftwerke wurden auch in Deutschland nicht unbedingt an den dafür geeignetsten Standorten gebaut, sondern dort, wo der Widerstand in der Bevölkerung nicht unüberwindbar hoch war, insofern geht das schon klar. Das Atomkraftwerk spielt in der Serie durchaus eine Rolle, aber eher als geheimnisvoller Ort, an dem rätselhafte Dinge passieren, es geht in der Serie schließlich nicht um das Protokoll einer Atomkatastrophe, sondern um Zeitreisen.

Bei der Suchaktion der Polizei wird die Leiche eines Jungen gefunden, der am Kopf merkwürdige Verbrennungen hat. Es handelt sich allerdings weder um Erik, noch um Mikkel. Die Nervosität in Winden steigt, die Leute sind verunsichert und bekommen Angst. Mikkel hingegen taucht wieder auf und geht nach Hause, dort wohnen allerdings Menschen, denen er noch nie begegnet ist. Mikkel ist im Jahr 1986 gelandet. Danach springt die Handlung zwischen den Jahren 2019 und 1986 hin und her, wir erleben, wie Mikkel im Jahr 1986 fest hängt, während in Winden ein weiterer Junge verschwindet. Michael Kahnwalds Sohn Jonas (Louis Hofmann) bekommt von einem rätselhaften Fremden ein Paket, in dem neben einer coolen Lampe und einem Geigerzähler auch der verloren geglaubte Abschiedsbrief seines Vaters ist. Jonas erfährt, dass sein Vater Michael der kleine Mikkel Nielsen aus dem Jahr 1986 ist, der von Ines Kahnwald aufgezogen wurde. Anhand einer Karte der Windener Höhlen, die Jonas im Atelier seines Vaters gefunden hat, findet er den Durchgang, der die Zeitreisen ermöglicht.

Es kriselt in sämtlichen betroffenen Familien, die irgendwie mit dem Verschwinden ihrer Kinder und Geschwister klar kommen müssen. Da ist beispielsweise Ulrich Nielsen, dessen jüngerer Bruder Mads im Jahr 1986 verschwunden ist. Als sein Sohn Mikkel verschwindet, scheint sich alles zu wiederholen. Charlotte muss ihn schließlich wegen Befangenheit von dem aktuellen Vermissten-Fall abziehen. Aber Ulrich ermittelt auf eigene Faust weiter. Er findet heraus, dass die Kinderleiche, die gefunden wurde, sein Bruder Mads sein muss.

Aufgrund von Notizen in alten Polizeiakten verdächtigt Ulrich den inzwischen dementen Helge Doppler, etwas mit dem Verschwinden von Mads und Mikkel zu tun zu haben. Ulrich folgt Helge, als der aus dem Heim verschwindet und sich zu den Windener Höhlen aufmacht und findet auf diese Weise heraus, wo der Durchgang für die Zeitreisen ist. Allerdings landet Ulrich im Jahr 1953. Dort trifft er tatsächlich auf den kleinen Helge und versucht, ihn zu erschlagen, um zu verhindern, dass er als Erwachsener Mads und Mikkel ermorden kann, was er nicht getan hat, aber Ulrich ist davon überzeugt. Helge überlebt allerdings, auch wenn er für den erst seines Lebens von den schweren Kopfverletzungen gezeichnet bleibt.

Bevor Ulrich zurück in seine Zeit reisen kann, wird der vom jungen Polizist Egon Tiedemann aufgegriffen und verhaftet. Kurz zuvor wurden die Leichen von Erik Obendorf und Yasin Friese auf der Baustelle des künftigen Atomkraftwerks gefunden. Die Polizei kann sich keinen rechten Reim auf die merkwürdige Kleidung der Kinder machen, aber sie sind tot und der blutbeschmierte Ulrich ist mehr als verdächtig. Ulrich wird als verrückter Kindermörder für den Rest seines Lebens eingesperrt.

Am Ende der ersten Staffel landet Jonas in einer düsteren Zukunft, um das offensichtlich zerstörte Atomkraftwerk wurde eine Sperrzone errichtet. Jonas wird von einer Gruppe zerlumpter, bewaffneter Gestalten gefangen genommen, die junge Anführerin schlägt ihn mit den Worten „Willkommen in der Zukunft“ ohnmächtig.

In der zweiten Staffel wird die Figur von Jonas noch wichtiger, er glaubt, dass er derjenige ist, der alles, was durch die Fehler in der Zeit schief gegangen ist, wieder in Ordnung bringen kann. Er ist allerdings nicht der einzige, der alte Fehler ausbügeln will. So kommen Egon Jahrzehnte später (also 1986) Zweifel, ob er damals richtig gehandelt hat. Seine überaus intelligente Tochter Claudia (Julika Jenkins) ist die inzwischen erste Chefin eines Atomkraftwerks in Deutschland, worauf Egon sehr stolz ist, auch wenn das Verhältnis zu seiner Tochter und seiner Enkelin Regina sonst eher kühl ist. Egon will, bevor er in Rente geht, das Verschwinden von Mads Nielsen aufklären und erinnert sich an den Fall von 1953.

Claudia hingegen verschwindet in gewisser Weise ebenfalls, sie streift als Zeitreisende durch die Epochen. Sie hat sich zur Aufgabe gemacht, die Sic-Mundus-Organisation zu bekämpfen, ein Geheimbund von Zeitreisenden, den es bereits seit 1921 gibt. Claudia lässt auch die Zeitmaschine bauen, sie bringt dem Uhrmacher H. G. Tannhaus im Jahr 1953 die Pläne für eine komplizierte mechanische Maschine, die erst 33 Jahre später fertig sein wird. Die Zeitmaschine wird mit Cäsium-137 betrieben. Cäsium ist das Element, dessen Frequenz für die Atomuhren genutzt wird, mit denen die gültige Weltzeit bestimmt wird. Als Chefin eines Kernkraftwerks kommt sie natürlich an eine solche Substanz, die bei der Kernspaltung entsteht.

Gleich am ersten Tag als Nachfolgerin des bisherigen Chefs des Windener Atomkraftwerks, Bernd Doppler, dem Vater von Helge Doppler, hat sie herausbekommen, dass kurz zuvor ein atomarer Störfall vertuscht wurde. Claudia will damit an die Öffentlichkeit, lässt sich aber vom alten Doppler überzeugen, dass ein Aus für das AKW den wirtschaftlichen Niedergang für die ganze Region bedeuten würde. Als es einen weiteren Zwischenfall gibt, wertet Claudia die Daten aus und entdeckt darin den Nachweis für die Existenz des so genannten Gottesteilchens, des Higgs-Bosons. Leider kann sie diese sensationelle Entdeckung nicht veröffentlichen, ohne die Störfälle bekannt zu machen. Also hält sie ihre Entdeckung geheim, stellt aber weitere Nachforschungen an. Sie will ihre Erkenntnisse ebenfalls dazu nutzen, um die Dinge in Winden wieder in Ordnung zu bringen. Mit ihren älteren Ich nimmt sie in unterschiedlichen Zeiten zu verschiedenen Windenern Kontakt auf, um ihr Wissen mit ihnen zu teilen, damit sie in ihrer jeweiligen Zukunft richtig handeln können. Allerdings muss sie dabei erkennen, dass sie dadurch genau die Ereignisse erst verursacht, die sie eigentlich verhindern wollte.

Es bleibt nicht aus, dass immer mehr Menschen in Winden von der Existenz der Zeitreisen und der Zeitmaschine erfahren. Das macht die Sache aber noch viel komplizierter, weil es immer mehr Interaktionen in den unterschiedlichen Zeitebenen gibt, die wiederum Konsequenzen auf das künftige Leben aller anderen haben können. Wer auf derartige Mindfuck-Geschichten steht, kann mit Dark ziemlich glücklich werden. Ich liebte in den 80ern Zurück in die Zukunft, allerdings war gerade der erste Film der Trilogie sehr viel lustiger als Dark. Das ist auch eins der Probleme dieser Serie, die sich überaus philosophisch und total ernst gemeint gibt und deshalb leider vollkommen humorfrei ist. Ab und zu mal ein Augenzwinker-Moment und dafür weniger schwülstiges Geschwurbel aus dem Off, und Dark wäre eine richtig gute Serie geworden, der man das eine oder andere schwarze Logik-Loch verzeihen kann, weil sie wenigstens gut unterhält. So macht es Dark einem aber schwerer als nötig, den ganzen Handlungssprüngen, Zeitschleifen und Paradoxien zu folgen. Wobei ich auch sagen muss, dass ich die zweite Staffel besser fand als die erste. Vielleicht hatte ich mich jetzt auch einfach darauf eingelassen, dass Dark eben so ist, wie es ist. Vielleicht reißt es die dritte Staffel ja endgültig heraus, nach der dann für immer Schluss sein wird.

Was man besser nicht googeln sollte

Netflix hat eine weitere deutsche Serie produziert, und dieses Mal ist es tatsächlich gut gegangen – bekanntlich sind alle guten Dinge drei: Nach der ambitionierten, aber irgendwie dann doch enttäuschenden Mysterieserie Dark und dem gründlich misslungenen Versuch, mit Dogs of Berlin eine coole Verbrecherserie im Gang-Milieu von Berlin abzuliefern, die tatsächlich einfach nur eine manchmal alberne, oft aber ärgerliche Aneinanderreihung dämlicher Klischees war, ist How to Sell Drugs Online (Fast) eine erstaunlich unterhaltsame Teenager-Serie, an der auch Erwachsene Spaß haben können.

Die Serienidee beruht auf der wahren Geschichte eines Schülers, der unter dem Alias Shiny Flakes aus seinem Kinderzimmer heraus einen illegalen Drogenhandel im Darknet betrieb, der mehrere Millionen Euro Umsatz machte. Die Serienmacher haben die Handlung von Leipzig in die fiktive Kleinstadt Rinseln im Umland von Köln verlegt, deren beeindruckende Trostlosigkeit es locker mit Niederkaltenkirchen aufnehmen kann, der hässlichsten (ebenfalls fiktiven) Stadt in Niederbayern, bekannt aus den Eberhofer-Krimis. Für die Serie verantwortlich zeichnet übrigens die bildundtonfabrik aus Köln-Ehrenfeld, die unter anderem auch das Neo Magazin Royale produziert. How to Sell Drugs Online (Fast) ist die erste fiktionale Serie der Ehrenfelder.

How To Sell Drugs Online (Fast): Serienposter Bild: Netflix

How To Sell Drugs Online (Fast): Serienposter Bild: Netflix

Es geht um den siebzehnjährigen Moritz (Maximilian Mundt), der sehnsüchtig darauf wartet, dass seine Freundin Lisa (Lena Klenke) wieder nach Hause kommt. Sie war für ein Austauschjahr in den USA und es kommt, wie es kommen muss, sie interessiert sich nun für andere Dinge und Menschen. Sie macht zwar nicht gleich komplett mit Moritz Schluss, aber will erstmal auf die Pausetaste drücken. Wie man das heute so nennt, wenn man eigentlich nicht mehr will, aber keine Lust auf den Stress einer richtigen Trennung hat.

Natürlich kapiert Moritz das und leidet fortan unter unerträglichem Liebeskummer, sein Lebenssinn ist nun dahin und darunter wiederum leiden in der Folge andere. Lenny (Danilo Kamperidis) zum Beispiel, der beste (und offenbar einzige) Freund von Moritz, der aufgrund einer schweren Erkrankung im Rollstuhl sitzt. Er teilt Moritz Begeisterung für Computerspiele und alles, was sonst mit Computern zu tun hat. Die beiden Nerds planen, ein Start-Up für virtuelle Computerspielausrüstung aufzuziehen, die man für echtes Geld kaufen kann. Doch der Pitch für MyTems geht gründlich schief, weil Moritz nicht bei der Sache ist.

Dafür entwickelt er eine andere Idee: Als er mitbekommt, dass der gut aussehende Dan (Damian Hardung) epische Parties im Haus seiner Eltern schmeißt, auf denen es Ecstasy-Pillen gibt, beschließt er, selbst ins Dealergewerbe einzusteigen, damit er endlich auch cool ist und Einladungen zu den wichtigen Events bekommt, mit denen er Lisa beeindrucken kann, die er um so ziemlich jeden Preis zurück gewinnen will.

Dabei verstrickt er sich in allerlei Schwierigkeiten, natürlich klappt alles nicht so wie geplant, vor allem ist mit Buba (Bjarne Mädel) nicht zu spaßen, dem brutalen Teilzeit-Dealer, der hauptamtlich einen Pferdehof betreibt. Doch Nerd Moritz, ein bekennender Steve-Jobs-Fan, denkt inzwischen in größeren Kategorien und  knüpft internationale Kontakte mit Drogenherstellern. Und er benutzt die hauptsächlich von Lenny entwickelte Verkaufsplattform für Gaming-Zubehör als Onlineshop für seine illegalen Geschäfte. Businessmäßig ist er auf dem Erfolgstrip, zwischenmenschlich entpuppt er sich immer wieder als selbstbezogenes Arschloch, das andere ausnutzt, um dann aber doch im richtigen Moment wieder sein Gewissen und sein Herz zu entdecken. Wie sonst ist denn ein Typ gestrickt, der seiner Angebeteten eine Gehirnzelle als Kuschelltier schenkt?!

How To Sell Drugs Online (Fast): Buba (Bjarne Mädel), Lenny (Danilo Kamperidis) und Moritz (Maximilian Mundt) Bild: Netflix

How To Sell Drugs Online (Fast): Buba (Bjarne Mädel), Lenny (Danilo Kamperidis) und Moritz (Maximilian Mundt) Bild: Netflix

Die Serie mag inhaltlich vielleicht nicht super originell sein, aber sie ist flott und verspielt gemacht. Es gibt eine Menge eingeblendeter Chats inklusive albernster Emojis, aber so kommunizieren die jungen Menschen heutzutage nun einmal. Und nebenbei gibt Moritz immer wieder Tipps, was man besser nicht online stellen sollte. How to Sell Drugs Online (Fast) spielt mit dem Selbstinszenierungszwang der Generation Social Media, dem leider nicht nur bei BWLern äußerst beliebten Bullshit-Bingo aus Motivations- und Coaching-Seminaren und der abgefuckten Business-Denke aktueller und bereits verblichener Silicon-Valley-Ikonen.

Zusätzlich gibt es unzählige Zitate und Querverweise aus anderen Filmen und Serien und eine ganze Reihe illustrer  Gastauftritte, etwa Ulrike Folkerts als Mutter von Lenny, Olli Schulz als Onkel einer Freundin oder Florentin Will als Polizist. Selbst die 90er-Ikone Jonathan Frakes ist dabei, der im besten X-Factor-Stil auftritt – alles in allem ein Riesenspaß, der leider schon allzu bald vorbei ist, denn HTSDO(F) besteht nur aus sechs halbstündigen Teilen.

Aber klar, besser eine gute Serie, die schnell weg gebinged ist, als ein zäher Brocken mit gefühlt unendlicher Laufzeit. Liebes Netflix, bitte mehr davon! Da sind doch noch ein paar weitere Staffeln drin! Und liebes deutsches Fernsehen, schau dir das mal an: So geht Serie Made in Germany. Man kann sich an die Sehgewohnheiten junger Menschen auch heranwanzen, ohne die intellektuellen Bedürfnisse der etwas älteren und nicht völlig ungebildeten Zuschauer komplett zu vernachlässigen. Ich meine jetzt die, die nicht der Hauptzielgruppe des ZDF entsprechen. Wobei, die ARD hat auch ihre Schwächen und ZDFneo ist manchmal sogar ganz hipp. Aber Netflix ist hipper. Leider. Denn den bekloppten Rundfunkbetrag muss ich ja trotzdem zahlen. Netflix zahl ich freiwillig.